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	<title>Michael Brake &#187; Zeit Online</title>
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		<title>Die Metaebene lacht herzlichst</title>
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		<pubDate>Wed, 14 May 2014 15:17:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Entzauberung des Künstlers bis hin zur Demütigung – das ist das Dauerthema in den extrem reduzierten Kunstbetriebssatiren des Comiczeichers Nicolas Mahler. (veröffentlicht auf zeit.de am 14. Mai 2014) In einer dieser typischen Mahler-Szenen sitzt er selbst, groß, hager, mit Brille und langer]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die Entzauberung des Künstlers bis hin zur Demütigung – das ist das Dauerthema in den extrem reduzierten Kunstbetriebssatiren des Comiczeichers Nicolas Mahler. <span id="more-1910"></span>(veröffentlicht auf <a href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2014-05/nicolas-mahler-portraet/komplettansicht" target="_blank">zeit.de</a> am 14. Mai 2014)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/05-01-comic-nicolas-mahler.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1926" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/05-01-comic-nicolas-mahler.jpg" alt="05-01-comic-nicolas-mahler" width="620" height="326" /></a></p>
<p>In einer dieser typischen Mahler-Szenen sitzt er selbst, groß, hager, mit Brille und langer Nase, während einer Buchmesse an einem verwaisten Signiertisch. Von rechts schlurft ein winziger alter Mann ins Bild, mit letzter Kraft lässt er sich auf den Stuhl vor Mahler fallen, atmet tief durch und fragt nach einigen Minuten: „Und was machen SIE hier?“</p>
<p>Die Entzauberung des Künstlers bis hin zur Demütigung – das ist ein Dauerthema in den autobiografischen Anekdotenbänden, von denen Nicolas Mahler gerade mit <em>Franz Kafkas nonstop Lachmaschine</em> seinen vierten veröffentlicht hat. Es sind kurze, oft sehr komische Geschichten aus den mittlerweile mehr als 25 Jahren, die Mahler, 1969 in Wien geboren und niemals weggezogen, als Comiczeichner tätig ist.</p>
<p>Da erzählt ihm dann die Frau im Hausflur, dass ihr zu Comics immer als erstes Kafka einfalle, „der hat immer recht liebe Figuren erfunden“, bis sich herausstellt, dass sie vom <em>Fix+Foxi</em>-Schöpfer Rolf Kauka spricht. Oder die Besitzerin der Videothek, in der Mahler einst jobbte, sagt: „Na dass es Comics gibt, weiß ich schon … aber dass die auch wer zeichnen muss, das hab ich mir nie überlegt.“</p>
<p>Als Kritik an der Ignoranz der Menschen will Mahler solche Dialoge nicht verstanden wissen. Den Blickwinkel von außen nutzt er vielmehr als Mittel der Selbstironie: Man beschäftigt sich die ganze Zeit mit Zeichnen und dann schauen sich das Leute an, deren Leben sich um ganz andere Dinge drehen. „Daran kann man gut zeigen, dass das, was man selber macht, eigentlich totaler Blödsinn ist“, sagt er. Es seien ja nur Bücher.</p>
<h6>Das Hohe und das Niedrige</h6>
<p>Mahler liebt es, das ganz Hohe aufs ganz Niedrige runterzuholen und umgekehrt. Vielleicht hat Picasso ja seine blaue Periode nur begonnen, weil blaue Farbe damals so billig war? „Die Gründe, warum etwas so gemacht wird, sind oft erstaunlich banal, und daraus kann man dann schöne Geschichten machen“, sagt Mahler und macht daraus dann schöne Geschichten.</p>
<p>Dafür hat er sich eine recht komplexe künstlerische Nische geschaffen. Denn zunächst einmal ist Mahler ein klassischer Witzezeichner, er produziert Cartoons, etwa für Auto- oder Medizinfachzeitungen, aber auch für die <em>Titanic</em>. Dann hat Mahler einige albenfüllende Geschichten gezeichnet, beispielsweise <em>Engelmann</em>, über den Abstieg eines erfolglosen Superhelden wider Willen, der von der Marketingabteilung seines übermächtigen Verlags zu immer neuen Imagewechseln und schließlich in den Tod getrieben wird.</p>
<p>Ferner gibt es eben die Anekdotenbände, von denen Mahler vor rund zehn Jahren den ersten, <em>Kunsttheorie versus Frau Goldgruber</em>, als Reaktion auf eine Schaffenskrise in nur anderthalb Monaten gezeichnet hat. Und schließlich hat er in den letzten Jahren bei Suhrkamp gleich mehrere Literaturumsetzungen vorgelegt, darunter eine von Robert Musils<em> Mann ohne Eigenschaften</em> und gleich zwei Thomas-Bernhard-Adaptionen. Sie alle sind ziemlich frei ausgelegt, bleiben aber wortgetreu am Originaltext – es wurde nur eben ganz viel rausgestrichen.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/03-01-2-comic-nicolas-mahler.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1927" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/03-01-2-comic-nicolas-mahler.jpg" alt="03-01-2-comic-nicolas-mahler" width="620" height="326" /></a></p>
<p>Wer derart an den Rändern des Comicbetriebs irrlichtert, erweckt Unverständnis, und das gleich aus mehreren Richtungen. Von den klassischen Comicfans – „Der kann nicht zeichnen, das ist gewollt unverständlich, das ist verkopft“ lauten die Standardvorwürfe – und vom Kunst- und Literaturbetrieb sowieso. Mahler thematisiert das in <em>Kafkas nonstop Lachmaschine</em> in einer abstrusen Metageschichte, in der dann ein Germanist (man erkennt ihn an seinem mehrfach um den Hals gewundenen Schal) die Romanvorlage und die Comicadaption mit einem Lineal vermisst und zum Fazit „Literarischer Wert stark vermindert“ kommt, während ein gnomenhafter Vertreter des Kunstbetriebs verdutzt fragt „Achso … &#8216;Lesen&#8217; muss man es auch noch?“.</p>
<p>Auf der Metaebene fühlt sich Mahler wohl und so hat er auch eine Liste der zehn Standardfragen an Comiczeichner zusammengestellt, die er in diesem Jahr in einem Vortrag auf der Leipziger Buchmesse vorstellte: Zeichnen Sie absichtlich so schlecht? Wie lange brauchen Sie für eine Zeichnung? Können Sie davon leben? Woher nehmen Sie ihre Ideen? Solche Fragen.</p>
<p>Aber sind das deswegen auch dumme Fragen? „Naja, dumm kann man nicht sagen“, sagt Mahler, „Aber man kann es vielleicht umdrehen: Würde man einen Schriftsteller fragen, wie lange er für eine Seite braucht?“ Seine Antwort darauf ist dann jedenfalls gar nicht dumm: „Man kann sagen, die Zeichnung dauert 15 Minuten, man kann sagen, sie dauert 25 Jahre. So lange habe ich gebraucht,  bis ich das in 15 Minuten zeichnen kann.“</p>
<h6>Wie in so einem modernen Theaterstück</h6>
<p>Mahlers Stil ist extrem reduziert, absichtlich. Es hatte ihn immer genervt, dass das Zeichnen so mühsam ist und so lange dauert, und so hat er einen Stil entwickelt, der ihm leicht fällt und mit dem er trotzdem alle seine Gedanken möglichst ohne Umwege zu Papier bringen kann. So zeichnet er mit wenigen Strichen abstrakte Gestalten, sie stehen in einem weißen Nichts, das nur mit den nötigsten Requisiten ausgestattet ist. Wie in so einem modernen Theaterstück, und das passt, denn Thomas Bernhards <em>Der Weltverbesserer</em>, dessen Adaption im Januar erschienen ist, ist ja auch eins. Dass allein schon das Vorhaben, ein Theaterstück zu zeichnen, etwas Absurdes hat, weil es eigentlich für Schauspieler ist, gefällt dem Zeichner: „Das reizt mich dann, dass man das eigentlich nicht macht. Und wenn es schon sinnlos ist, dann muss es für mich eben besonders sinnlos sein.“</p>
<p>Und lustig. Denn lustig sind Mahlers Sachen immer, auch die Literaturumsetzungen. „Nur ernst zu sein, ist mir zu wenig, weil ernst schonmal alles ist“, sagt Mahler, der auch sich selbst als ernsten Menschen bezeichnet: „Es ist wahrscheinlich so, dass ich in der Arbeit diese Leichtigkeit anstrebe, weil mir das Leben nicht leicht fällt.“</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/9783943143935-333x500.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1920" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/9783943143935-333x500.jpg" alt="9783943143935-333x500" width="310" height="465" /></a>Mahler ist ein großartiger Dokumentar der Abseitigkeiten des Alltags, sein Humor funktioniert so gut, weil er so präzise ist. Beim Timing, der Nuancierung des Vergehens der Zeit, die ja immer eine der wichtigsten Entscheidungen beim Comicmachen ist. Und darin, wo in einer Serie von fast gleich aussehenden Bildern, gesprochen und wo geschwiegen wird, und wie sich der gesprochene Text verteilt. „Für mich macht es auch einen Unterschied, ob ein Satz dreireihig geschrieben ist oder in einer langen Textwurst“, sagt Mahler. Man macht sich ja keine Vorstellung, was sich allein durch Typografie alles ausdrücken lässt: Mahler nutzt Versalien, Unterstreichungen, größere Schrift, dickere Schrift, Schreibschrift oder Kombinationen aus alldem. „Dadurch hab ich als Zeichner die Möglichkeit, die Sätze so zu formen, wie ich sie empfinde. So wie es ein Schauspieler auch macht.“</p>
<p>Was dann, wenn eine dieser Mahler-Figuren über Musils <em>Mann ohne Eigenschaften</em> spricht, so aussieht: „Das war in der Studienzeit ein SEHR, SEHR wichtiges Buch für mich.“ Neues Panel. „Der Mann ohne Eigenschaften besteht ja aus ZWEI Bänden.“ Neues Panel. „Und das Geniale daran ist, dass beide Bände GENAU GLEICH DICK SIND!“ Neue Seite. „Da hat man super die PLAYSTATION draufstellen können.“</p>
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		<title>Rächer in eigener Sache</title>
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		<pubDate>Tue, 22 Oct 2013 19:35:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ein weiterer Comic über Außenseiter und die Kleinstadthölle? Nicht nur. In Daniel Clowes&#8217; „Der Todesstrahl“ entdeckt ein Antiheld seine Superkräfte – mit fatalen Folgen. (veröffentlicht auf zeit.de am 22. Oktober 2013) Andy. „Welcher Andy?“ „Kenne ich gar nicht.“ „Ist der]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Ein weiterer Comic über Außenseiter und die Kleinstadthölle? Nicht nur. In Daniel Clowes&#8217; „Der Todesstrahl“ entdeckt ein Antiheld seine Superkräfte – mit fatalen Folgen.<span id="more-1667"></span> (veröffentlicht auf <a href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2013-10/todesstrahl-graphic-novel" target="_blank">zeit.de</a> am 22. Oktober 2013)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/todesstrahl-comic2-540x304-1.jpg"><img alt="todesstrahl-comic2-540x304 (1)" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/todesstrahl-comic2-540x304-1.jpg" width="620" height="348" /></a></p>
<p>Andy. „Welcher Andy?“ „Kenne ich gar nicht.“ „Ist der überhaupt noch auf der Schule?“ „Ich glaube, wir hatten mal einen Kurs zusammen, aber er sagt nie was.“ „Das ist ne Null.“ „Schwuchtel.“ „Der hält sich für was Besseres. Ist er aber nicht, so viel steht fest.“</p>
<p>Andy also. Ein Niemand. 17 Jahre alt, schlaksig, Allerweltsfrisur, Allerweltsgesicht. Die Hauptfigur von Daniel Clowes&#8217; Graphic Novel <em>Der Todesstrahl</em> ist weder besonders witzig, noch besonders hübsch, sportlich, klug oder warmherzig. Mit moderner Musik kann Andy nichts anfangen, sein Zimmer hält er sauber und aufgeräumt, weil er es so mag. Seine Eltern sind tot, er lebt er mit seinem in die Altersdemenz abgleitenden Großvater zusammen, eine Haushälterin schaut hin und wieder vorbei. Auch Louie, Andys einziger Freund, der immerhin Dynamik und Eigenschaften besitzt, wenn auch keine guten.</p>
<p>Das Ganze spielt im Jahr 1973 und könnte eine weitere Geschichte werden über Außenseiter, die Kleinstadthölle, Langeweile und Teenagerzwänge. Doch dann raucht Andy zum ersten Mal im Leben eine Zigarette. Erst wird ihm schlecht, er bekommt Schweißausbrüche, dann ist er für kurze Zeit superstark. Und plötzlich ist <em>Der Todesstrahl</em> ein Comic über Außenseiter, die Kleinstadthölle, Langeweile, Teenagerzwänge – und über Superhelden. Ein weiterer Beitrag zum beliebten Subgenre der Superhelden-Dekonstruktion, das von den epischen <em>Watchmen</em> bis hin zum <a title="Artikel auf ZEIT ONLINE" href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2012-04/flash-preussen" target="_blank">depressiven <em>Flash Preußen</em></a> und zur Kino-Actionkomödie <em>Kick-Ass</em> reicht.</p>
<p>Seine Superkräfte, so lernt Andy bald, sind die Folge von Hormonen. Der Vater, ein berühmter Wissenschaftler, hatte sie ihm als Kind verabreicht. Der Sohn sollte nicht ebenso ein Sozial-Versager werden wie er selbst. Andy hat auf einmal eine Chance – doch er weiß mit seiner Macht wenig anzufangen. Sein Freund und Einflüsterer Louie schon eher, er will Andys Superkräfte für seine Rachephantasien einsetzen, an den üblichen Schulschlägern ausleben oder damit Mädchen beeindrucken. Es will nur alles nicht so recht klappen.</p>
<p>Fatal wird es, als Andy eine weitere Hinterlassenschaft seines Vaters erhält: Eine Pistole wie aus einem alten Science-Fiction-Film, die Dinge und Lebewesen nachhaltig und rückstandsfrei beseitigt – aber nur, wenn Andy selbst abdrückt. Der Todesstrahl: kein wirklich geeignetes Werkzeug für jemanden, dessen Moral allenfalls dafür reicht, ein Rächer in eigener Sache zu sein.</p>
<h6>Zersplitterung als ästhetisches Prinzip</h6>
<p><span>All das erzählt Daniel Clowes in Minikapiteln zwischen einer halben und vier Seiten Länge. Das ist soweit nicht ungewöhnlich, Narration funktioniert in vielen Fällen durch die Auswahl und Kompilation von kürzeren und längeren Momenten. Clowes aber macht diese Zersplitterung zum ästhetischen Prinzip, er inszeniert jede Episode wie einen einzelnen Comic, stets mit eigenem Titelschriftzug. Manchmal zeichnet er die Panels winzig, reduziert die Gesichter auf Punkt-Punkt-Komma-Strich, dann wieder knallen dem Leser DIN-A4-seitengroße Figuren entgegen. </span></p>
<p><em><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/todesstrahl_1.jpg"><img class="alignright" alt="todesstrahl_1" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/todesstrahl_1.jpg" width="310" height="421" /></a>Der Todesstrahl</em> ist ein vielgestaltiges Retrofestival, eine Hommage an die 50-Cent-Comicheftchen vergangener Jahrzehnte, irgendwo zwischen Pulp und Pop Art, mit einer atemberaubend abgestimmten matten Kolorierung. Manche Seiten wirken wie auf vergilbtem Papier gedruckt, der Produktionsstandard des Buches ist überhaupt hoch und die handgeletterten Buchstaben von Michael Hau sitzen punktgenau.</p>
<p>So sehr die Ästhetik schmeichelt, so sperrig ist der Inhalt. Die vielen Fragmente machen es mitunter schwer zu durchschauen, was wirklich geschieht und was Vorstellungen und Hirngespinste des neurotischen Andy sind. Die Stimmung ist beklemmend und disparat, die Ahnung, alles müsse unweigerlich in eine Katastrophe münden, begleitet den Leser von der ersten Seite an.</p>
<p>Clowes zu lesen ist anstrengend. Seine egoistischen Figuren mit ihren Minderwertigkeitskomplexen, ihrem Zynismus und der verklemmten Sexualität können furchtbar nerven. Und geben Raum zum Nachdenken.</p>
<p><strong>Daniel Clowes: Der Todesstrahl; Reprodukt, Berlin 2013; 48 Seiten, 20 €</strong></p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Gezeichnete Kindheitssehnsucht</title>
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		<pubDate>Fri, 19 Jul 2013 00:34:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Durch seine Bücher weht zarte, tagtraumhafte Magie. Luke Pearson ist 25 Jahre alt und schafft Bilder für Kinder genau wie für Erwachsene. (veröffentlicht auf zeit.de) Die unsichtbaren Schatten dringen von hinten in den Kopf des Mannes ein. Sie umfassen seinen Kiefer,]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Durch seine Bücher weht zarte, tagtraumhafte Magie. Luke Pearson ist 25 Jahre alt und schafft Bilder für Kinder genau wie für Erwachsene.<span id="more-1515"></span> (veröffentlicht auf <a href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2013-07/Luke-Pearson-Hilda/komplettansicht" target="_blank">zeit.de</a>)</h3>
<p style="text-align: center;"><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Everything_Miss1.jpg"><img class="size-full wp-image-1524 aligncenter" alt="Everything_Miss1" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Everything_Miss1.jpg" width="620" height="394" /></a></p>
<p>Die unsichtbaren Schatten dringen von hinten in den Kopf des Mannes ein. Sie umfassen seinen Kiefer, seine Zunge, bewegen sie, sodass der Mann ohne nachzudenken die fatalen Worte spricht: „Du bist so verdammt langweilig geworden.“ Seine Freundin, die neben ihm liegt, fängt an zu weinen. Er tröstet sie. Es hilft nicht mehr viel: Ein paar Seiten später ist die Beziehung zerbrochen. Der Mann verliert den Boden unter den Füßen, am Ende liegt er an einem Strand, umgeben von alienhaften Wesen, in seinen Armen das Skelett eines zweiköpfigen Säuglings.</p>
<p><em>Everything We Miss</em> ist ein Meisterwerk poetischer Comicnarration. Momentaufnahmen erzählen die Entfremdung eines sehr durchschnittlichen Thirtysomething-Paares, immer wieder durchsetzt von Metaphern und Symbolen und unterbrochen von Blicken auf fremde Menschen, deren Schicksale nur kurz gestreift werden, als Ausdruck der Gleichzeitigkeit und Vergänglichkeit der Dinge.</p>
<p>Ihr Zeichner, der Brite <a href="http://lukepearson.com/" target="_blank">Luke Pearson</a>, ist gerade einmal 25 Jahre alt und schon als <em>Best Writer/Artist</em> für den Eisner Award nominiert, einen der wichtigsten US-amerikanischen Comicpreise, der am 19. Juli bei der Comic-Con in San Diego verliehen wird. Ehrfurchtgebietend liest sich die bisherige Siegerliste: Alan Moore, Frank Miller, Chris Ware, Craig Thompson stehen dort, mehrfach. Ehrfurchtgebietend liest sich auch die Liste von Luke Pearsons Konkurrenten in diesem Jahr: Charles Burns, Gilbert und Jaime Hernandez, C. Tyler und erneut Chris Ware.</p>
<p>„Es gibt keine Chance zu gewinnen“, sagt Pearson, der kürzlich Berlin besucht hat. „Nicht im Jahr von Chris Wares <em>Building Stories</em>.“ In einer anderen Kategorie würde sich Pearson, ein blasser, schlanker, etwas schüchterner junger Mann, allerdings Chancen zusprechen, vielleicht zumindest: In der Sparte <em>Best Publication for Kids (ages 8-12)</em> ist er ebenfalls nominiert.</p>
<p>Aber nicht mit dem düsteren <em>Everything We Miss</em>, sondern mit <em>Hilda und der Mitternachtsriese</em>, das als bisher einziges von Pearsons Büchern auch in Deutschland erschienen ist. Hilda ist ungefähr sieben Jahre alt, sie liebt es, im Regen zu zelten, Steine zu zeichnen und die Natur zu erkunden. Angst hat sie fast nie. Und als ein Volk von unsichtbaren Zwergelfen sie und ihre Mutter aus den skandinavischen Bergen vertreiben will, nimmt sie die Herausforderung an.</p>
<p>Drei Hilda-Comics hat Pearson bereits gezeichnet, am vierten arbeitet er gerade, „theoretisch jedenfalls“, wie er sagt. Es sind Geschichten, die Kinder genau wie Erwachsene verzaubern können. In Hildas Welt fliegen nachts Riesenpelzkaulquappen stumm durch die Luft, da gibt es Holzmänner, die Schlammtee trinken, es gibt Riesen und Trolle – eine Verschränkung von Fabelwesen und Alltagskultur ohne Gut und Böse, die stark an die Animefilme von Hayao Miyazaki erinnert.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/luke-pearson-540x304-2.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1519" alt="luke-pearson-540x304 (2)" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/luke-pearson-540x304-2.jpg" width="620" height="348" /></a></p>
<p>Pearson bestätigt den Einfluss des japanischen Regisseurs auf seine Arbeit, <em>Chihiros Reise ins Zauberland</em> und <em>Prinzessin Mononoke </em>gehören zu seinen Lieblingsfilmen. „Es ist Fantasy, aber es ist so weit weg von den westlichen Ideen von Fantasy, sondern viel mehr in der Natur verwurzelt. Das macht es vollkommen surreal“, sagt Pearson über Miyazaki. „Es ist so viel Zeug, bei dem du denkst: Das habe ich noch nie zuvor gesehen! Und du kriegst nicht zusammen, wo es herkommt, aber alles passt zusammen, auf eine völlig schräge Weise.“</p>
<p>Weitere Einflüsse für Hilda waren eine Kreuzfahrt durch die Fjorde Norwegens, ein Studienprojekt über die Mythenwelt Islands und die <em>Mumin</em>-Bände der Finnin Tove Jansson. Die spielen ebenfalls in einer skandinavischen Berglandschaft und waren vor allem visuell bedeutend für den Hilda-Style, bis hin zur Dreiecksnase, die Hilda von Klein Mü geerbt hat. Weil diese bewusste Ähnlichkeit Pearson nach zwei Bänden dann aber doch etwas zu viel war, ist Hilda inzwischen von den Bergen in die Stadt gezogen und auch ihr Character Design wurde ein wenig überarbeitet.</p>
<p>Diese grafische Flexibilität ist typisch für Pearson, es ist bemerkenswert, wie stark er seinen Zeichenstil variiert: <em>Everything We Miss</em> ist in der Linienführung wie auch in der schwarz-grau-orangenen Farbgebung sehr klar und reduziert, die Hilda-Bände zeichnet ein weitaus cartoonesker, groberer Strich aus, mit zwar pastelligen, aber doch ziemlich bunten Farben.</p>
<p>Pearson mag es, zu experimentieren und will auch in Zukunft den jeweils passenden grafischen Ausdruck für seine Geschichten finden. Er wirkt aber nicht komplett glücklich mit seiner eher ungewöhnlichen Vielseitigkeit. „Manchmal fühle ich mich mies deswegen. Zwar beherrsche ich eine Menge verschiedener Stile, aber alle allenfalls okay“, sagt er. „Es fühlt sich so an, als hätte jeder eine eigene starke visuelle Stimme gefunden und nur ich springe immer noch herum und entwickle mich nicht so schnell weiter, wie ich könnte.“ Das ist schon mehr als etwas Understatement.</p>
<p>Gemein ist Pearsons Arbeiten der Sinn für das Abseitige und eine zarte Magie. Nicht nur bei Hilda mit ihren Elfen, Woffels und Riesen geschehen fantastische Dinge, sondern auch in <em>Everything We Miss</em>, ganz dezent und für die Menschen unsichtbar. Geisterwesen laufen auf den Straßen, ein Baum tanzt, eine schlafende Frau fängt für einen Moment an zu schweben.</p>
<p><strong>Kein weltfremder Romantiker</strong></p>
<p>Pearsons Welten leben und sind so Ausdruck seiner Sehnsucht, wieder ein Stück weit in die Kindheit zurückzukehren. Als man noch glaubte, dass es mehr gibt als das Sichtbare, als die unheimlichen Schatten im Urlaub auf dem Land wirklich großen Riesen gehört haben, die am Horizont entlangspazieren. „Diese Lust am Spekulieren, die Lust daran, Dinge im Kopf weiterzutreiben, bis zu dem Punkt, an dem man sich beinahe selbst überzeugt hat, sie zu glauben, haben viel damit zu tun, warum ich gerne Comics mache und gut Geschichten erzählen kann“, sagt Pearson.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/hildafolkcover-560x757.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1518" alt="hildafolkcover-560x757" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/hildafolkcover-560x757.jpg" width="310" height="420" /></a>Und gibt zu, dass es ihm schwerer fällt als zu Zeiten, als er noch kein professioneller Comicautor war, sich in seinen Gedanken zu verlieren. Als Erwachsener gäbe es so viel Bullshit, über den man nachdenken müsse, sagt Pearson. Früher, erinnert er sich, musste er nur die Augen schließen und hatte sehr klare und lebhafte Tagträume. „Als würde ich einen Film in meinem Kopf drehen.“</p>
<p>Regisseur wäre er auch einmal gerne – theoretisch. „Bei Comics kann ich einfach alles selbst machen. Ich denke, ich mache sie auch deswegen, weil es das ist, was ich am besten kann.“ Pearson lebt mit seiner Freundin im englischen Nottingham. Wie er dort gelandet sei, wisse er selbst nicht genau, sagt er. Von Comics allein kann er nicht leben. Für seinen Unterhalt zeichne er deswegen noch Storyboards und Illustrationen, unter anderem das <a href="http://luke-pearson.tumblr.com/post/48051299421/my-cover-for-the-new-yorkers-journeys-issue" target="_blank">Titelbild des <em>New Yorker</em></a> im April dieses Jahres.</p>
<p>Doch bei alldem darf man sich Luke Pearson nicht als weltfremden Romantiker vorstellen. Auf die Frage, ob denn früher mehr Magie in der Welt gewesen wäre, antwortet er: „Nun, es ist immer noch genau so viel Magie in der Welt wie früher. Und das ist, technisch gesehen: Keine.“</p>
<p><strong>Luke Pearson: „Hilda und der Mitternachtsriese“, Reprodukt, Berlin 2013, 44 Seiten, 18 Euro</strong></p>
<p><strong>auf englisch: </strong><strong>„Hildafolk“, Nobrow, London 2010, 24 Seiten, 9,20 Euro (ab Herbst 2013 bei Reprodukt);  </strong><strong>„Hilda and the Bird Parade“, Nobrow, London 2013, 44 Seiten, 14,95 Euro (ab Herbst 2013 bei Reprodukt);  </strong><strong>„Everything We Miss“, Nobrow, London 2011, 38 Seiten, 14,20 Euro (ab Frühjahr 2014 bei Reprodukt)  </strong></p>
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		<title>Wir sind zwei perfekte Kleiderständer</title>
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		<pubDate>Wed, 15 May 2013 17:03:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der Carlsen-Verlag veröffentlicht „Graphic Novels für Frauen“. Einige sind wirklich gut. Die Werbung ist es nicht. (veröffentlicht auf zeit.de) Klar, das Klischee sieht den Comicleser als Mann, als jungen, pickligen, blassen Mann gar, mit geringen Sozialkompetenzen, Typ &#8220;Nerd&#8221;. Klar, viele]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der Carlsen-Verlag veröffentlicht „Graphic Novels für Frauen“. Einige sind wirklich gut. Die Werbung ist es nicht. <span id="more-1454"></span>(veröffentlicht auf <a href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2013-05/Frauen-Comics-Carlsen-Verlag/komplettansicht" target="_blank">zeit.de</a>)</h3>
<p>Klar, das Klischee sieht den Comicleser als Mann, als jungen, pickligen, blassen Mann gar, mit geringen Sozialkompetenzen, Typ &#8220;Nerd&#8221;. Klar, viele klassische Comics wurden tatsächlich gezielt für Männer gemacht, mit Superhelden, Abenteuern, Gewalt, solchen Dingen. Klar, noch immer ist die Mehrzahl der Comiczeichner und auch der Protagonisten männlich.</p>
<p>Klar also, dass wohl noch mehr Männer als Frauen Comics lesen. Und auch, dass es gewissermaßen eine missionarische Pflicht der Comicverlage sein muss, auch Frauen in die wunderbaren Welten von Comic und Graphic Novel zu führen. Oder zumindest eine wirtschaftliche Notwendigkeit, „Erschließung neuer Zielgruppenpotenziale“ und so weiter.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/luftundliebe_carlsen.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1459" alt="luftundliebe_carlsen" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/luftundliebe_carlsen.jpg" width="310" height="438" /></a>Aber wie geht man das an? Im Carlsen-Verlag hat man sich entschieden: Wenn Männer auf dem Mars leben, und Frauen auf der Venus, dann muss man die Comics eben auf die Venus bringen. Das ganze ist dann eine kuratierte Reihe, nennt sich <em>Graphic Novels für Frauen – For Ladies Only</em> und nach den ersten drei Bänden im Herbst 2012 sind auch im aktuellen Frühjahrsprogramm zwei Neuerscheinungen mit diesem Label versehen.</p>
<div>
<h6><strong>Junge Magersüchtige</strong></h6>
<p>Die Antwort darauf, warum es solche Graphic Novels braucht, gibt der Pressetext: „ganz einfach: Frauen stehen gar nicht auf Superhelden und krude Zeichnungen!“ Na sowas. Deswegen bieten die Comics – zum Inhalt kommen wir gleich – eben „freche und intelligente Unterhaltung von Glamour über Humor bis hin zu sozialen Themen“ (interessiert Männer allgemein nicht so) und die Zeichnungen sind „so verspielt und stylish, dass man sich jede einzelne Seite am liebsten gerahmt an die Wand hängen möchte“ . Alle fünf Bände „passen in jede Handtasche, haben einen praktischen Gummibandverschluss UND fühlen sich gut an!“. Und als Werbemaßnahme gab es im Herbst einige „Ladies Nights“ in Thalia-Buchhandlungen, mit Lesung, Sekt, Facelifting und Goodie Bags.</p>
<p>Es ist schade, dass man beim Carlsen-Marketing Frauen offenbar vor allem als zarte Wesen sieht, denen man nicht anders begegnen kann als mit Handtaschen und Styling. Denn diese PR-Soße verdeckt, dass die Bände, die übrigens alle in Paris spielen, durchaus etwas zu bieten haben. Auch für Männer. Also für Menschen halt im Allgemeinen, wie jedes gute Comic.</p>
<p>Besonders <em>Luft und Liebe</em> von Marie Caillou und Hubert, schon im Herbst veröffentlicht, ist ergreifend. Es ist die Geschichte von zwei jungen Magersüchtigen, ein Mann und eine Frau, beides Künstlerexistenzen, beide Body-Mass-Index 16,5, die sich vor dem Haus ihres Therapeuten kennenlernen und zusammenziehen. Die unglaubliche Akribie, mit der die beiden ihr Essverhalten kontrollieren, ja sogar ihre Fressattacken, ist genauso verstörend wie ihr Stolz: „Wir sind superelegant. Zwei perfekte Kleiderständer, zwei pure Skelette, nichts Überflüssiges, weniger ist mehr.“</p>
<p>Mit ihren Freunden brechen sie, ihre verzweifelten und trotzdem sorgenden Eltern lassen sie nicht an sie ran. Durch ihre Puppengesichter wirken die Figuren noch fragiler, der ungewöhnliche Computergrafik-Clipart-Stil passt ideal zur sterilen Existenz der Magersüchtigen. Mithilfe von Traumsequenzen, inneren Monologen und Rückblenden wird versucht, die Essstörungen zu ergründen: „Mein erstes Diätbuch hat mir meine Mutter geschenkt. Da war ich zwölf“, sagt die Frau. „Ich habe alles unter Kontrolle. Die Disziplin zahlt sich aus. Ich nehme nicht zu. Ich wiege genauso viel wie mit zwölf Jahren.“</p>
<p>Ebenfalls lesenswert ist <em>Wie ein leeres Blatt</em>, das im März erschienen ist. Eine junge Frau findet sich auf einer Bank in Paris wieder, sie hat ihr Gedächtnis verloren. Schritt für Schritt dringt sie in ihr früheres Leben ein wie in das einer Fremden. Sie findet heraus, wie sie heißt (Eloise), wo sie wohnt und wo sie arbeitet (Buchhandlung), was sie für Musik mag, wie ihre Katze heißt, wer ihre Freunde waren (Langweiler) und wie ihr Facebook-Passwort lautet. Mit aller Kraft versucht sie dabei, den entscheidenden Auslöser zu finden, der ihr die Erinnerung zurückbringt.</p>
<p>Das ist als Gedankenexperiment mitunter richtig spannend, auch dank der Tagträumereien von Eloise, in denen sie sich die Gründe für ihre Amnesie wie in einen Agententhriller ausmalt. Nur leider verläuft die Geschichte des Autoren Boulet nach hinten raus etwas ins Leere, es bleibt ein leicht pelziger Nachgeschmack. Auch die Zeichnungen von Pénélope Bagieu sind trotz einiger hübscher Ideen nicht mehr als zweckmäßig und ins Lettering hätte Carlsen deutlich mehr Liebe investieren können – solche Seiten möchte man sich nun wirklich nicht gerahmt an die Wand hängen.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/paris_carlsen.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1457" alt="paris_carlsen" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/paris_carlsen.jpg" width="310" height="439" /></a>Maarten vande Wieles <em>Paris</em> ist hingegen gerade stilistisch interessant, seine expressiven, wie hingeworfen wirkenden Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die Abstraktion, das Tempo. Die Geschichte dazu hat eher das Niveau einer Daily Soap: Hope, die Unschuld vom Lande kommt in die große Modestadt, und steigt trotz Schönheitsmakel schnell zum Topmodel auf, macht sich aber bei einer sinistren Modemogulin unbeliebt, die auf Rache sinnt. Hopes Freundinnen Faith und Chastity feilen derweil an ihren Karrieren als It-Girl und Musikerin. Der Ruhm steigt allen zu Kopf, es gibt Abstürze und Comebacks, Sex und Intrigen, Dramen und Versöhnungen bis zum totalen Kollaps – das ist vor allem bemerkenswert, weil es so anders ist als fast alles, was man vom deutschen Comicmarkt kennt.</p>
<h6><strong>Schuhkaufattacken und Abstillen</strong></h6>
<p>Dazu kommen zwei Bände, die in Wirklichkeit gar keine Graphic Novels sind: <em>Ich wär so gerne Ethnologin</em> und <em>Die Kunst der Anpassung</em> von Margaux Motin. Sie zeigen ein- bis dreiseitige Szenen aus dem Leben der Autorin, einer Mittdreißigerin mit Kleinkind und Ehemann. Es geht um BH-Größen nach dem Abstillen, um Schuhkaufattacken beim Schwesternbesuch, fußballguckende Männer, kontrollfreakige Großmütter – Alltagskolumnen in Comicform, humorvoll, selbstironisch, bissig, schwungvoll gezeichnet, und eben voller Klischees. Motins Bände erreichen sicherlich am ehesten die Ladies-Night-Zielgruppe, die dem Carlsen-Marketing vorschwebt.</p>
<p><em>Ich wär so gerne Ethnologin</em> war auch das am besten verkaufte der drei Herbstbände. Insgesamt seien die Bücher aber nicht so gut angenommen wurden, wie erhofft, die Verkäufe seien „verbesserungswürdig“ sagt Ralf Keiser, der Programmleiter Comic bei Carlsen. Weitergehen wird es dennoch: Für den Herbst ist ein weiterer Titel geplant und für 2014 wünscht sich Keiser auch mal deutsche Autorinnen, vielleicht sogar einen extra für diese Reihe produzierten Band.</p>
<p>Zum Marketing sagt Keiser, man wolle Frauen erreichen, „die eben noch  keine Comicleserinnen sind und wohl auch nicht drauf kommen würden“. Also habe man sich nach langen Diskussionen entschieden: Wir brauchen ein ganz starkes Signal, es darf keine Zweifel geben. „Diejenigen, die sagen: ‘Wir sind schon Comicleserinnen’, wird man so nicht erreichen“,  sagt Keiser. „Das kann ich verstehen.“</p>
<p>Weitere Ladies Nights seien aber allein wegen des Organisationsaufwands nicht geplant. Und auch der Aufkleber und Claim „For Ladies only“ verschwindet komplett – nach Protesten von Leserinnen und Händlerinnen. Es gibt noch Hoffnung.</p>
</div>
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		<title>Ich bin der langweiligste Mensch der Welt!</title>
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		<pubDate>Thu, 07 Feb 2013 18:24:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es ist Sommer, es ist heiß, es ist Adoleszenz: Der Comic-Zeichner Lukas Jüliger erzählt in seinem herausragenden Debüt „Vakuum“ eine surreale Coming-Of-Age-Geschichte. (veröffentlicht auf zeit.de) Ihr Duft. Es ist ihr Duft, der alles überdeckt. Auch am nächsten Tag noch, während alle]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Es ist Sommer, es ist heiß, es ist Adoleszenz: Der Comic-Zeichner Lukas Jüliger erzählt in seinem herausragenden Debüt „Vakuum“ eine surreale Coming-Of-Age-Geschichte.<span id="more-1255"></span> (veröffentlicht auf <a href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2013-02/Lukas-Jueliger-Vakuum/komplettansicht" target="_blank">zeit.de</a>)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/KR_130208_Lukas_Jueliger_vakuum_05.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-1256" alt="KR_130208_Lukas_Jueliger_vakuum_05" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/KR_130208_Lukas_Jueliger_vakuum_05.jpg" width="620" height="310" /></a></p>
<p>Ihr Duft. Es ist ihr Duft, der alles überdeckt. Auch am nächsten Tag noch, während alle nur darüber reden, dass Ben Fimming eine Matratze in den Wald getragen und sich selbst umgebracht hat, nachdem er das beliebteste und hübscheste Mädchen der Schule betäubt, gefesselt und vergewaltigt hat, kann er nur an ihren Duft denken. Wie am Abend zuvor, als sie zusammen schweigend eine DVD geschaut hatten: Sie, das elfenhafte Mädchen aus der Stufe tiefer, und er, der schlaksige, unsichere Icherzähler aus „Vakuum“, dem fantastischen Comicdebüt von Lukas Jüliger.</p>
<div>
<p>Es ist der zarte Beginn einer Liebe am Ende einer Jugend. „Bald kamen die Ferien. Dann kamen die Prüfungen. Und dann waren wir hier fertig.“ Dann endet die Schulzeit und damit auch das Teenagerleben in der Kleinstadt, mit der Mutter im Einfamilienhaus und Sho, dem einen besten Freund. Ein Leben, in der Rumhängen und Zeit totschlagen wie bei so vielen Jugendlichen zu den wichtigsten Beschäftigungen gehören. „Ich bin der langweiligste Mensch der Welt!“, klagt die namenlose Hauptfigur ihrer Mutter. „Was erzähle ich ihr, was ich so mache? Rumliegen? Ich habe keine Hobbys.“</p>
</div>
<p>Doch das lange Warten der Adoleszenz, das Warten darauf, dass das Leben losgeht, dass endlich etwas passiert, wird jäh und heftig unterbrochen. „Wenn du dich irgendwann mal getraut hättest, mich anzusprechen – was hättest du gesagt?“, fragt also auf einmal dieses Mädchen mit den Mandelaugen, den schwarzerkaterfarbenen Haaren und dem Kleid über dem schlanken Körper. Am Abend treffen sie sich bei ihr, schauen auf dem Bett die DVD, neben ihnen die Staffelei des Mädchens und ein altes Puppentheater. Und dann – muss sie gehen, mitten in der Nacht. Wohin verrät sie nicht.</p>
<h6>Die falschen Drogen genommen</h6>
<p>Jetzt passiert etwas, jetzt passiert sogar sehr viel. Zu den Gedanken an den Duft des rätselhaften Mädchens und zu Ben Fimmings plötzlichen Tod kommt der sich zunehmend krasser äußernde Wahnsinn von Sho, der einige Monate zuvor die falschen Drogen genommen hatte. Es wird Sommer, es wird heiß, es stimmt irgendetwas nicht, und trotzdem machen alle immer weiter, wie in einem bedrängenden Traum, aus dem man nicht erwachen kann.</p>
<p>Das Mädchen – „Ihr Name klang nach Sommer“ – ist schon bald wieder da. Wieder taucht sie plötzlich auf, und wieder muss sie plötzlich weg. &#8220;Mädchenkram&#8221;, erklärt sie danach. „Es fühlte sich an, als hätte ich das Ende eines Films verpasst“, denkt der Erzähler. Doch irgendwann folgt er ihr heimlich und spätestens an dieser Stelle schlägt die trotz aller Absonderlichkeiten realistische Erzählung von <em>Vakuum</em> ins Übernatürliche um. Was aber kein Bruch ist, sondern nur eine logische Verdichtung der surrealen Atmosphäre.</p>
<p>Zwei Jahre hat Lukas Jüliger, 1988 geboren, an <em>Vakuum</em> gearbeitet, und dafür sein Studium an der HAW Hamburg unterbrochen, der Schule, aus der schon Arne Bellstorf, <a title="Beende deine Jugend" href="http://michaelbrake.de/2013/03/02/beende-deine-jugend/" target="_blank">Sascha Hommer</a>, <a title="Die Farbe des Pols" href="http://michaelbrake.de/2012/06/01/die-farbe-des-pols/" target="_blank">Simon Schwartz</a> und weitere wichtige Protagonisten der deutschen Indiecomic-Szene hervorgingen. Es hat sich gelohnt. Mit allen Mitteln schafft Jüliger eine dichte, aber auch zerbrechliche Stimmung. Sein Stil ist souverän, ein fließender und dennoch klarer Strich mit vielen Schraffuren, koloriert in stark entsättigten Tönen, blau, hellgrün, ocker, beige, hellbraun, alles fast grau.</p>
<h6>Raum für Seitenblicke</h6>
<p>Dazu kommen die Details, die kleinen skurrilen Gegenstände im Hintergrund, der Raum für Blicke nach links und rechts. Die Protagonisten sind sich trotz der ungewöhnlichen Story glaubhaft, weil Jüliger sie ernst nimmt – allein die Mutter des Hauptcharakters dürfte zu den normalsten und vernünftigsten Elternfiguren zählen, die man in Jugendgeschichten finden kann.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/130221_cover_vakuum.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1676" alt="130221_cover_vakuum" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/130221_cover_vakuum.jpg" width="310" height="452" /></a>Auch die Dialoge sitzen. „Glaubst du, er hat sie betrachtet?“, fragt das Mädchen etwa, sie meint den Vater der vergewaltigten Schulschönheit, der seine Tochter, gefesselt und mit verbundenen Augen, im eigenen Haus gefunden hatte. „Stand er einfach eine Weile da und hat angesehen, wie so vor ihm lag? Seine perfekte, schöne achtzehnjährige Tochter&#8230;“ &#8211; „Sie hätte ihn irgendwann gerochen. Aftershave.“ &#8211; „Wow! Ich bin beeindruckt.“ &#8211; „Was? Wovon?“ &#8211; „Von deinem Weltwissen. Männer riechen nach Aftershave und Frauen nach Blumen.“</p>
<p>Coming-of-Age-Geschichten wird es immer geben. Aber selten hat eine so deutlich gezeigt, was in diesem Genre noch alles möglich ist wie diese düsterzarte Außenseiterliebesgeschichte.</p>
<p><strong>Lukas Jüliger: Vakuum; Reprodukt, Berlin 2013; 112 S., 20 €</strong></p>
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		<title>Bedrückende Collagen vom Krieg</title>
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		<pubDate>Fri, 11 Jan 2013 02:14:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Grandios illustriert, etwas platt beschrieben: Der Journalist David Schraven und Zeichner Vincent Burmeister haben eine Comicreportage über Afghanistan geschaffen. (veröffentlicht auf zeit.de) Man kann das Vorhaben zunächst nur gutheißen: Da tun sich ein Journalist (David Schraven) und ein Comiczeichner (Vincent Burmeister) zusammen]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Grandios illustriert, etwas platt beschrieben: Der Journalist David Schraven und Zeichner Vincent Burmeister haben eine Comicreportage über Afghanistan geschaffen. <span id="more-1225"></span>(veröffentlicht auf <a href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2013-01/david-schraven-kriegszeiten/komplettansicht" target="_blank">zeit.de</a>)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/kriegszeiten.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-1227" alt="kriegszeiten" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/kriegszeiten.jpg" width="620" height="307" /></a></p>
<p>Man kann das Vorhaben zunächst nur gutheißen: Da tun sich ein Journalist (David Schraven) und ein Comiczeichner (Vincent Burmeister) zusammen und arbeiten ein aktuelles Nachrichtenthema auf, in Form einer grafischen Reportage. Das alles so packend und klar geschrieben wie gezeichnet, dass auch nicht explizit politische Menschen einen Zugang finden und bis zum Ende dranbleiben können. Und dann ist es auch noch kritisch. So sieht doch mal politische Aufklärung aus.</p>
<p>Das aktuelle Thema ist der Krieg, den Deutschland seit mehr als zehn Jahren in Afghanistan führt<a href="http://www.zeit.de/schlagworte/orte/afghanistan/index" target="_blank"> </a>und der längst verloren ist. Ganz genau: Krieg. Nicht Einsatz oder Mission. Genau das ist eine der beiden Hauptanklagen von <em>Kriegszeiten</em>: Wie die deutsche Öffentlichkeit von den verschiedenen Bundesregierungen systematisch mit einer verdrucksten Rhetorik von „Friedensmissionen“ und „Entwicklungshilfe in Uniform“ geblendet wird – und so die Transformation der Bundeswehr zu einer Armee, die auch nach Afghanistan weitere Kriege in der Welt führen wird, ganz nebenbei und ohne laute öffentliche Debatte abläuft.</p>
<p>Der zweite Anklagepunkt: Die internationale Einsatzleitung hat keine Strategie, keine Vorstellung davon, wie sie dieses komplexe Land Afghanistan, mit seinen Stämmen, seiner konfliktreichen Vergangenheit, seiner Geografie befrieden kann. Stattdessen wurschtelt man sich von Operation zu Operation, lässt sich mit Verbrechern ein und erkauft sich die Sympathie der Bevölkerung durch millionenschwere Infrastruktur- und Polizeiausbildungsprogramme. „Diese Männer haben die Russen besiegt – wir erklären ihnen Straßensperren“, sagt einer der deutschen Soldaten. Doch Afghanen könne man nicht kaufen, sagt eine alte Weisheit, sondern nur mieten.</p>
<h6>Truppenbesuche und Interviews</h6>
<p>Nach Arne Jyschs fiktiver Geschichte <em>Wave and Smile</em> ist <em>Kriegszeiten</em> bereits die zweite von Carlsen verlegte Comic-Auseinandersetzung mit dem Afghanistankrieg innerhalb eines halben Jahres. Dem Buch liegen umfangreiche Recherchen zugrunde, David Schraven las tausende Aktenseiten, besuchte die deutschen Truppen vor Ort, führte Interviews mit Soldaten. Die erzählen von Lagerkoller und vom Brunnenbauen („Bis zu fünfzig Deutsche sichern vier Albaner“), aber auch von Anschlägen auf Panzerfahrzeuge und der „Operation Halmazag“, einer tagelangen, sorgsam vorbereiteten Schlacht der internationalen Truppen gegen die Taliban.</p>
<p>Diese Gesprächsprotokolle bilden das Gerüst von <em>Kriegszeiten</em>, das mit den Anschlägen des 11. September 2001 einsetzt, dem offiziellen Auslöser für den Afghanistankrieg, und sich dann, mit zum Teil größeren Sprüngen, bis ins Jahr 2010 vorarbeitet. Ergänzt werden die exemplarischen Schilderungen von Hintergründen, Analysen und ein paar direkten Anmerkungen von David Schraven, der auch mehrfach selbst in Vincent Burmeisters Zeichnungen auftaucht. Die sind grandios: einerseits realistisch, andererseits haben sie durch ihre starken Schwarz-Weiß-Kontraste und die markante Farbgebung in flächigen Ocker-, Orange- und Erdtönen eine unheimlich hohe Ausdruckskraft. Abstrakte Zusammenhänge und Hintergründe werden in atemberaubenden Collagen visualisiert.</p>
<p>Der 42-jährige Autor David Schraven schrieb in den vergangenen zwanzig Jahren unter anderem für die <em>taz</em>, die <em>Süddeutsche</em> - und die <em>Neue Zürcher Zeitung</em>. Er gründete 1996 das &#8220;Nachrichtenbüro Zentralasien/Kirgisien&#8221;, war Wirtschaftsreporter der Welt und gewann den Wächterpreis, heute leitet er das Rechercheressort der WAZ-Gruppe. Schraven ist das, was man einen kritischen Journalisten nennt. Einer der aufdeckt, der mahnt.</p>
<h6>Effektvolle Anklagen</h6>
<p>Das tut er auch in <em>Kriegszeiten</em>. Sicherlich berechtigt, doch sind manche der Anklagen und Fragen in bester Michael-Moore-Rhetorik eher effektvoll als zielführend. „Irgendwen macht den Krieg sehr reich. Aber macht das Afghanistan sicher?“ ist so eine Stelle. Oder auch: „Tatsächlich wurde der Afghanistaneinsatz zum Thema der deutschen Innenpolitik. Gleichrangig mit der Schließung von Zechen oder der Erhöhung von Hartz IV um fünf Euro. Es geht um Wahlen… dabei starben in Afghanistan deutsche Soldaten.“</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/2013/01/11/bedruckende-collagen-vom-krieg/kriegszeitencover/" rel="attachment wp-att-1226"><img class="size-full wp-image-1226 alignleft" alt="kriegszeitencover" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/kriegszeitencover.jpg" width="200" height="282" /></a>Das bleibt so stehen. Nun darf und soll man natürlich auch kritische Fragen stellen, ohne die Antworten zu wissen. Außerdem kann man auf 128 Comicseiten sicherlich nicht den gesamten Afghanistankonflikt analysieren. Aber trotzdem wirken die Auswahl und das Arrangement der Fakten, Szenen und Aussagen mitunter ziemlich plakativ und so ist zumindest eine Front klar in diesem unübersichtlichen Krieg: Auf der einen Seite stehen geltungssüchtige, inkompetente Politiker, die ohne Sensibilität für die Umstände vor Ort eine fatale Außen- und Verteidigungspolitik betreiben. Und auf der anderen Seiten stehen, als Opfer dieser Planlosigkeit, die deutschen Truppen an der Front, von denen sich Schraven bewusst kaum distanziert.</p>
<p>Im Nachwort schreibt er: „Es gibt viele tausend tapfere Soldaten, die den Mut haben, den Auftrag des deutschen Parlamentes in Zentralasien, fern der Heimat, zu erfüllen. Sie kämpfen für uns.“</p>
<p><strong>David Schraven, Vincent Burmeister: Kriegszeiten; Carlsen, Hamburg 2012; 128 S., 16,90 €</strong></p>
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		<title>Der fünftschlechteste Schwertkämpfer</title>
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		<pubDate>Fri, 16 Nov 2012 20:03:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Tom Gauld zählt zu den interessantesten Comiczeichnern seiner Generation. In seinen Werken trifft die viktorianische Zeit auf Strichmännchen und Futurismus. (veröffentlicht auf zeit.de) Ein Steinzeitjäger holt einen Steinzeitwandmaler von dessen Höhle ab. Wie es läuft, will der Jäger wissen. „Ach, frag]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Tom Gauld zählt zu den interessantesten Comiczeichnern seiner Generation. In seinen Werken trifft die viktorianische Zeit auf Strichmännchen und Futurismus.<span id="more-1157"></span> (veröffentlicht auf <a href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2012-11/tom-gauld-portraet/komplettansicht" target="_blank">zeit.de</a>)</h3>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-1161" title="16_noisy" alt="" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/16_noisy.jpg" width="620" height="435" /></p>
<p>Ein Steinzeitjäger holt einen Steinzeitwandmaler von dessen Höhle ab. Wie es läuft, will der Jäger wissen. „Ach, frag nicht“, <a href="http://www.google.de/imgres?hl=de&amp;safe=off&amp;sa=X&amp;tbo=d&amp;tbm=isch&amp;tbnid=gbc6ayzSDWSbaM:&amp;imgrefurl=http://www.webomatica.com/wordpress/2007/05/07/comic-notes-hunter-and-painter/&amp;docid=TxFIGkwSmP_S5M&amp;imgurl=http://www.webomatica.com/wordpress/images/blog/h_p.gif&amp;w=402&amp;h=280&amp;ei=M3myUJvHIsrOsgbch4HwBQ&amp;zoom=1&amp;iact=hc&amp;vpx=485&amp;vpy=158&amp;dur=324&amp;hovh=129&amp;hovw=186&amp;tx=132&amp;ty=96&amp;sig=108970239823992411294&amp;page=1&amp;tbnh=129&amp;tbnw=186&amp;start=0&amp;ndsp=15&amp;ved=1t:429,r:2,s:0,i:91&amp;biw=1221&amp;bih=662" target="_blank">sagt der Maler</a>, woraufhin sie ein Bier trinken gehen.</p>
<p>Ein Vogel fragt eine Maus, wann sie Vorräte für den Winter sammeln will. „Wenn ich das hier gelesen habe“, sagt die Maus, die Joyce&#8217; <em>Ulysses</em> unterm Arm trägt. <a href="http://www.tomgauld.com/index.php?/portfolio/guardian-letters/" target="_blank">Auf dem nächsten Bild</a> liegt sie tot im Schnee.</p>
<p><a href="http://www.tcj.com/small-human-ordinariness-an-interview-with-tom-gauld/gauldarstrip-2/" target="_blank">Zwei Skelette</a> auf einem Pferdekarren voller Totenköpfe klagen einer Krähe, wie monoton ihr Alltag ist. „Ach, ihr Skelette seid immer so negativ“, sagt die Krähe schließlich. „Das ist nicht gut für euch.“</p>
<p>Drei Szenen aus den Zeichnungen von Tom Gauld. Während eine ganze Generation von Independent-Comiczeichnern sich mit ihrer eigenen Biografie und ihrem, meist urbanen, Umfeld auseinandersetzt, zieht sich Gauld lieber in seine eigene Welt zurück. Die ist vielfältig, aber durchaus konsistent, gleichermaßen beeinflusst vom viktorianischen Zeitalter und alten Gemälden wie von Steampunk-Retrofuturismus und Science Fiction. Roboter und große haarige Monster leben in Gaulds Kosmos, auch Steinzeitmenschen, Ritter und Menschen mit Raketenrucksäcken trifft man hier. Sie stehen oft zu zweit oder dritt in kargen Landschaften herum und sagen wenig oder nichts.</p>
<p><img class="alignright size-full wp-image-1164" title="17_lakemonster" alt="" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/17_lakemonster.jpg" width="310" height="310" />„Wenn Helden- und Märchengeschichten in Märchenwelten geschehen, interessiert mich das nicht besonders“, sagt Gauld. „Und wenn ganz normale Sachen in unserer ganz normalen Welt passieren, auch nicht.“ Also verbindet er die beiden Ebenen und versieht sie mit einem tiefgründigen Humor und kluger Beobachtungsgabe – wie auch bei seiner ersten Graphic Novel <em>Goliath</em>, die im Spätsommer in Deutschland bei Reprodukt erschienen ist.</p>
<p>Es erzählt die Geschichte von David und Goliath von der anderen Seite: Goliath ist ein einfaches Mitglied der Armee der Philister, ein stiller, nachdenklicher Mann, der, Selbstaussage, „fünfschlechteste Schwertkämpfer meiner Einheit. Ich mach den Schreibkram. In Verwaltung bin ich ziemlich gut.“ Erst sein Hauptmann sieht in ihm das Mittel, die Feinde zu demoralisieren und schickt den hilflosen Goliath an die vorderste Front, wo er viele der 96 Buchseiten wartet, gemeinsam mit seinem Schildträger.</p>
<p>„Zunächst denkt bei der Geschichte von David gegen Goliath jeder an den Kampf eines kleinen Jungen gegen einen Riesen“, sagt Gauld. „Doch wenn man genauer hinschaut, ist es eigentlich der Kampf eines kleinen Jungen und des allmächtigen Schöpfer des Universums gegen einen Riesen. Und dann bemerkt man erst, wer hier der Underdog ist.“ Wobei es Gauld wichtig ist, dass er David nicht zum Bösewicht macht. „Es ist nicht so, dass Goliath nun der Gute ist und David der Böse. Sie beide sind auf ihre Art Opfer des Systems, und wenn es einen Antagonisten gibt, dann eher den Hauptmann.“</p>
<p><em>Goliath</em> ist Gaulds erste lange Erzählung. Sonst zeichnet der 36-Jährige, der in London lebt, vor allem Cartoons und Kurzgeschichten, von denen er eine Auswahl bei seinem eigenen kleinen Verlag <a href="http://www.cabanonpress.com/" target="_blank">Cabanon Press</a> veröffentlicht hat. Auch Buchcover und -illustrationen gehören zu Gaulds Arbeitsbereich. Seit sieben Jahren steuert er Woche für Woche einen Comicstrip zur Literaturbeilage des <em>Guardian</em> bei.</p>
<p>Hier <a href="http://myjetpack.tumblr.com/" target="_blank">tobt er sich auf der Meta-Ebene</a> aus: Mal verarbeitet er die Brontë-Schwestern zu einem Mario-Brothers-artigen Videospiel, mal imaginiert er die Straße, in der Tom Waits aufgewachsen ist, mal zeigt er eine Serie von Cricketbuch-Covern. Für jede Zeichnung hat er exakt 24 Stunden und ein festgelegtes Thema. Das gefällt ihm. „Ich könnte über 900 Millionen verschiedene Dinge einen Comic machen, aber dann sagen sie mir: Es geht um Jane Austen.“</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-1162" title="tomgauld_3dfriends" alt="" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/tomgauld_3dfriends.jpg" width="620" height="371" /></p>
<p>Deadlines helfen ihm, bestätigt Gauld, und die Ideenfindung sei das Schwerste an seiner Arbeit. „Eigentlich liebe ich alles am Comicmachen: Ich liebe es zu zeichnen, das Seitenlayout zu machen, sogar das Lettering und die Kreuzschraffuren. Das kann ich alles genießen, denn dann habe ich den Denkprozess bereits hinter mir – da verbringe ich viel Zeit mit meinem Skizzenbuch und versuche, Teile zusammenzufügen und Sachen geschehen zu lassen.“ Auch wenn man sich das schwer vorstellen kann, wirkt es doch so, als gäbe es die Welten und Wesen, die Gauld darstellt, wirklich irgendwo und er nähme nur die Rolle des dokumentierenden Betrachters ein.</p>
<p>Beeinflusst haben Gauld die Comiczeichner Chris Ware, <a title="Ein Fassbinder plus ein halbgarer Nabokov" href="http://michaelbrake.de/2011/01/11/ein-fassbinder-plus-ein-halbgarer-nabokov/" target="_blank">Daniel Clowes</a>, die Bücher von Magnus Mills und P. G. Woodhouse, zudem hat er als Kind gern mit Lego und <em>Star-Wars</em>-Figuren gespielt. Besonders betont Gauld aber den US-amerikanischen Illustrator Edward Gorey, dessen Arbeiten er während seiner Zeit am Royal College of Art entdeckte und die ihm zeigten, dass „Comics nicht aussehen müssen wie die miesen Fanzines und Superheldengeschichten, die ich bisher kannte“. Er liebe die ausdruckslosen Charaktere, den schwarzen Humor und die Atmosphäre in Goreys Bildern, sagt Gauld: „Jede Zeichnung ist wie eine Mitteilung von einem seltsamen anderen Ort.“</p>
<p><img class="alignleft  wp-image-1165" title="Goliath_Cover" alt="" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Goliath_Cover.jpg" width="174" height="241" />Reduktion und Understatement sind gleichermaßen Konstanten in Gaulds Arbeiten. Auch stilistisch: Er zeichnet mit präzisem, sehr klarem Strich und meistens nur zweifarbig. Den Charakteren wachsen staksige Arme und Beine aus ihren tropfenförmigem Leibern, in ihren runden Köpfen sieht man oft nicht mehr als zwei Augenpunkte, die von Gauld gern genutzten Supertotalen verstärken die Anmutung von Strichmännchen. Dadurch wirken seine ohnehin melancholischen Figuren unwillkürlich harmlos, aber auch ein wenig schüchtern und verloren, selbst die Monster und die vermeintlichen Bösewichte.</p>
<p>Warum das so ist? „Vermutlich, weil ich nicht wirklich glaube, dass Menschen wirklich böse sind und meine Comics ja generell davon handeln, Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu sehen.“ Deswegen habe er auch noch nie etwas mit einem echten Bösewicht geschrieben. „Es wäre interessant, das mal auszuprobieren.“</p>
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		<title>Der Wüstenfalke trifft auf Batman</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Sep 2012 14:41:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der Verleger Volker Hamann erfüllt sich einen Jugendtraum: Mit Alfonz bringt er ein Magazin für den deutschsprachigen Comicraum heraus. (veröffentlicht auf zeit.de) Volker Hamann war 16, als er mit zwei Freunden sein erstes Comic-Magazin veröffentlichte. Es nannte sich Comic Reddition]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der Verleger Volker Hamann erfüllt sich einen Jugendtraum: Mit <em>Alfonz</em> bringt er ein Magazin für den deutschsprachigen Comicraum heraus. <span id="more-1035"></span>(veröffentlicht auf <a href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2012-09/comic-magazin-alfonz" target="_blank">zeit.de</a>)</h3>
<p><img class="alignright size-full wp-image-1036" title="alfonzcover" alt="" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/alfonzcover.jpeg" width="310" height="439" />Volker Hamann war 16, als er mit zwei Freunden sein erstes Comic-Magazin veröffentlichte. Es nannte sich <em>Comic Reddition</em> und war in klassischer Fanzine-Optik gehalten, schwarz-weiß, kopiert, mit Schere-Papier-Kleber-Layout. Die Komplettauflage von 32 Exemplaren lag in Dietschis Comicshop in Hamburg aus. Das war im Januar 1984.</p>
<p><a title="Der deutsche Disney" href="http://michaelbrake.de/2012/06/07/der-deutsche-disney/" target="_blank">Die <em>Reddition</em> gibt es heute noch</a>, etwa zweimal im Jahr erscheint sie, längst handelt es sich um professionell gemachte Hefte. Sie widmen sich seit geraumer Zeit monothematisch einem Schwerpunkt, meist comichistorischen Themen, etwa Rolf Kauka oder der Geschichte des italienischen Comics. Zusätzlich hat Hamann in seinem als Überbau gezimmerten „Verlag für graphische Literatur“, der Edition Alfons, über die Jahre auch noch Sachbücher herausgegeben und veröffentlicht seit 2011 gemeinsam mit Matthias Hofmann die jährliche Anthologie Comic-Report. Und um Geld zu verdienen, arbeitet der heute 44-Jährige beim Versandhändler Hummelcomic und schreibt als freier Mitarbeiter für Verlage wie Carlsen oder Splitter.</p>
<p>All das hat Hamann offenbar noch immer nicht ausgefüllt, so dass er sich nach knapp 30 Jahren Verlegertätigkeit seinen Jugendtraum ein zweites Mal erfüllt hat: Mit <em>Alfonz</em> ein General-Interest-Magazin für den deutschsprachigen Comicraum herauszugeben. Auch hier ist Matthias Hofmann Ko-Herausgeber und nach zwei digitalen, kostenlos downloadbaren Nullnummern (Ausgabe <a href="http://www.reddition.de/alfonz/pdf/alfonz_0a_neu.pdf" target="_blank">0a</a> und <a href="http://www.comic-report.de/alfonz_0b/admin/alfonz0b.pdf" target="_blank">0b</a>) erschien im Juli die offizielle Erstausgabe.</p>
<p>Als Zielgruppe nennt Hamann „Leser, die sich nur ein Mal pro Monat auf der Fahrt zur Arbeit ein Comicalbum für die S-Bahn kaufen“ wie auch„den Fan oder Sammler, der sich in allen Genres zu Hause fühlt und umfassend informiert werden will“. Um all diese Menschen zufrieden zu stellen, soll <em>Alfonz</em> „über sämtliche Spielarten von Comics aus allen Ländern gleichbedeutend“ berichten – sofern sie parallel zur aktuelle Ausgabe erscheinen oder sonstwie relevant erscheinen. Und ausdrücklich auch über Mangas, „die es unserer Meinung nach verdient haben, über die von Kindern und Jugendlichen mit so viel Begeisterung gelesenen Mainstreamtitel hinaus wahrgenommen zu werden“.</p>
<h6>Viele Formen, viele Themen</h6>
<p>Hohe Ansprüche, die in der Erstausgabe von <em>Alfonz</em> zu einem guten Teil erfüllt werden. Diverse journalistische Formen werden bedient, diverse Comic-Genres abgedeckt, die Mischung stimmt: Sie reicht vom großen Porträt über den spanischen Zeichner Vicente Segrelles, der durch seine in Öl gemalten Fantasycomics berühmt wurde, bis zu kleinen Protokollen, in denen Autoren über ihren Umgang mit Originalzeichnungen erzählen. Von einem Streitgespräch über das Dritte-Reich-verherrlichende Fliegercomic „Der Wüstenfalke“ bis zur Analyse des Neustarts des DC-Superheldenuniversum. Von einem Doppel-Interview mit dem Marsu-Kids-Zeichnerehepaar Didier Conrad und Wilbur bis zu Querschnittsthemen wie die Tour de France im Comic. Von einem Bericht vom Comicfestival Fumetto in Luzern bis zum Außenseiter-Manga „I am Hero“. Kolumnen vom französischen und US-Markt sowie kleinere Rezensionen bilden zusätzlich feste Rubriken.</p>
<p>Für Comicinteressierte sollte <em>Alfonz</em> damit sowohl Überraschungen als auch Anknüpfungspunkte bieten. Das Layout ist abwechslungsreich – auch wenn es keine Designpreise gewinnen wird, dafür ist es etwas zu bieder und unaufgeräumt – und man spürt auf fast allen Seiten die Liebe, mit der hier gearbeitet wurde, zum Heft und seinem Betrachtungsgegenstand.</p>
<p>Gibt es auch einen Haken? Leider ja, und nicht den kleinsten: Die Qualität der meisten Texte fällt bei alldem deutlich ab. Zumal wenn mittendrin der Popfeuilletonist Georg Seeßlenüber „das neue Supermedium Comic/Film“ schreibt, für seine Verhältnisse auch noch ziemlich zugänglich, und so die Fallhöhe deutlich definiert.</p>
<p>Wobei in den Texten keine klaren Fehler sind. Es ist nur handwerklich alles etwas schlicht. So wird nicht groß versucht, Comics oder ihre Entwicklungen in größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen zu deuten oder daraus Trends abzuleiten. Das Magazin bleibt fast immer am Werk. Das Vokabular ist mitunter insiderisch oder durchsetzt von Bratwurstbegriffen, die es eigentlich nicht durch ein halbwegs strenges Redigat schaffen sollten: Da ist von der „agilen Vampirjägerin“ die Rede, bei der nach sieben Staffeln „der Ofen aus“ war, da zeigt einer mit seinen bisherigen Comics, „wo der Hammer hängt“, anderswo ist „das Ende der berühmten Fahnenstange erreicht“, mal schlägt ein Buch „beim Lesen ein wie eine Bombe&#8221;, mal sind die Zeichnungen „nicht &#8216;der Burner&#8217;, wie es in neudeutschem Jugendsprech wohl heißt“.</p>
<h6>Ein professionelles Fanzine</h6>
<p>Und so ist Alfonz trotz der professionellen Aufmachung eben doch ein Fanzine. Aus der Szene für die Szene und für ein paar interessierte Außenstehende; für alle anderen ungefähr so interessant wie ein Metalmagazin oder ein Angelmagazin. Aber ein Fanzine mit Potenzial, zumal die Konkurrenz überschaubar ist, die meisten deutschen Magazine haben Spezialnischen gefunden: Zack veröffentlicht in erster Linie Comics und hat nur einen kleinen Infoteil. Die Sprechblase ist deutlich auf Klassiker ausgerichtet, das Schweizer Strapazin bearbeitet mit seinem Kunstbezug die feuilletonistischen Ränder der Comicwelt.</p>
<p>Bleibt als direkter Konkurrent die Comixene – ausgerechnet, hatte doch deren 1982 eingestelltes Original in den frühen Achtzigern Hamann und seine Schulfreunde zur Gründung der Reddition angeregt. Die seit 2003 erscheinende Drittinstanz der Comixene aber habe es aber „in der letzten Zeit nicht mehr geschafft, ihrem Anspruch, regelmäßig und aktuell über Comics zu berichten und zu informieren, gerecht zu werden“, sagt Volker Hamann. „Auch inhaltlich geht sie andere Wege als wir.“ Womit er meint, dass sie nicht immer das gesamte Comicspektrum im Heft abdeckt.</p>
<p>Ausgelegt ist <em>Alfonz</em> vorerst auf vier Hefte, falls die erste Ausgabe erfolgreich ist, wonach es laut Hamann momentan aussieht. Die Auflage beträgt 6.000 Exemplare, bei einem etwas eigentümlichen Preis von 6,95 Euro und einer Distribution, die zu einem Drittel über Comicspezialgeschäfte läuft, zu einem Großteil aber über den Presse- und Bahnhofsbuchhandel.</p>
<p>„Langfristiges Ziel ist es, dass wir <em>Alfonz</em> im Pressehandel erfolgreich platzieren und verkaufen können“, sagt Hamann. „Denn nur so gelingt es, neue Leser von den Qualitäten eines Comics überzeugen zu können.“</p>
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		<title>Dem Superhelden kneift die Hose</title>
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		<pubDate>Fri, 27 Apr 2012 13:06:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Lakonisch und grandios: Tilo Richters und Jan Kottischs Graphic Novel &#8220;Flash Preußen&#8221; erzählt die Geschichte eines tragischen Weltenretters. (veröffentlicht auf zeit.de) Der Superheld lebt im Plattenbau, Neungeschosser, mindestens. Drinnen: ein düsteres Treppenhaus, schmucklose Türen mit Spion. Da drüben wohnt Herr]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><strong>Lakonisch und grandios: Tilo Richters und Jan Kottischs Graphic Novel &#8220;Flash Preußen&#8221; erzählt die Geschichte eines tragischen Weltenretters.<span id="more-393"></span> (veröffentlicht auf <a href="http://www.zeit.de//kultur/literatur/2012-04/flash-preussen" target="_blank">zeit.de</a>)</strong></h3>
<h3><strong><em><img class="alignnone size-full wp-image-411" title="FlashPreussen01" src="http://michaelbrake.de/blog/wp-content/uploads/FlashPreussen01.jpg" alt="" width="620" height="310" /></em></strong></h3>
<p><strong><em></em></strong>Der Superheld lebt im Plattenbau, Neungeschosser, mindestens. Drinnen: ein düsteres Treppenhaus, schmucklose Türen mit Spion. Da drüben wohnt Herr Paschke von Jugendamt, hier vorne wohnt Flash Preußen. &#8220;Preußen war ein ruhiger Nachbar&#8221;, sagt eine Hausbewohnerin über ihn. Draußen: eine Friedenstaube und zwei Wolken, groß auf die Fassade gemalt. Von ganz oben hat man einen Blick über die ganze Neubausiedlung. Man kann sich aber auch in den Tod stürzen. Wenn man bereit ist.</p>
<p>Flash Preußen ist noch nicht bereit.</p>
<p>Preußen ist ein trauriger Held. Eine kleine Wampe spannt sich unter dem Ganzkörperanzug, die Badehose saß auch schon mal knackiger am Hintern, die Latexhandschuhe und -stiefel wirken eher albern. Flash Preußen wird leicht aggressiv, Spaß scheint ihm das Leben nicht zu bereiten. Eine bürgerliche Zweit-Existenz, auf die er sich zurückziehen könnte, hat er nicht. Flash ist immer Flash.</p>
<p>Erfunden haben ihn der Mecklenburger Grafiker <a href="http://www.newyorktilotokyo.com/" target="_blank">Tilo Richter</a> und der Schweriner Texter Jan Kottisch. Eigentlich war Flash Preußen nur eine Studienarbeit an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, wo unter anderem auch die Zeichner Arne Bellstorf und Sascha Hommer studierten und Anke Feuchtenberger lehrt. Doch durch den Gewinn des erstmals verliehenen <a href="http://www.afkat-foerderpreis.de/" target="_blank">Afkat-Förderpreises</a>, finanziert durch eine Anwaltskanzlei, konnte die Graphic Novel nun beim Hamburger Independent-Verlag Mairisch veröffentlicht werden.</p>
<h6>Preußens letzte Reise</h6>
<p>In vier Kapiteln mit markanten Namen - <em>Tier</em>, <em>Sonne</em>, <em>Fortschritt</em>, <em>Flug</em> - erzählen Richter und Kottisch von Preußens letzter Reise. Denn bevor er abdanken kann, muss er nochmal zurück nach Hause. Simone, seine Nachbarin und die Off-Erzählerin des Buches, fährt ihm hinterher. Durch die weiten, flachen Agrarlandschaften Mecklenburgs, in sein Dorf, in dem kahle Bäume menschenleere Straßen säumen. Unter dem Giebel von Flashs Elternhaus hängt noch immer eine Sonne, die Scheiben sind kaputt. Die Dorfkirche wird überragt von den Türmen der alten Milchviehanlage, die längst nicht mehr im Betrieb ist.</p>
<p>Hier ging es los, hier wurde ein kleiner Junge, dessen Zahn in die Jauchegrube gefallen war, zu Flash, dem Helden. Und hier lud er dunkle Schuld auf sich. Obwohl Kottisch und Richter in Form, Atmosphäre und Tempo jegliche Actionheldenklischees konterkarieren, wählen sie mit der Herkunftsgeschichte ein klassisches Genremotiv. Wie der Raubmord an den Eltern des jungen Bruce Wayne (<em>Batman</em>) oder die verstrahlte Spinne, die Peter Parker beißt (<em>Spiderman</em>) – Schlüsselmomente, in denen Menschen aus ihrem normalen Leben gerissen werden, um fortan die Gesellschaft zu beschützen und zugleich jenseits von ihr zu stehen.</p>
<p>So beklemmend die Geschichte, so entrückt sind die Bilder. Nur ganz selten unterbricht Tilo Richter sein Raster aus zwei querformatigen Panels pro Seite. Die schwarz-grauen Kohlezeichnungen, realistisch und doch sehr ausdrucksstark, sind grandios, stumme Impressionen der Landschaft seiner Heimat: der dunkle Wald, die Plattenbauten, ein Reh in Großaufnahme. Sprechblasen sind selten und werden wie aufdringliche und amorphe Fremdkörper inszeniert. Um die Geschichte voranzutreiben, die immerhin in einer handfesten Verfolgungsjagd mündet, nutzt Jan Kottisch lieber einen Off-Text unter den Bildern. Oft aber auch einfach gar keinen.</p>
<h6>Anfang und Ende, Geburt und Tod</h6>
<p>Man muss die Geister der Vergangenheit besiegen, um sich der Zukunft zu stellen – selbst wenn man keine mehr hat. Anfang und Ende, Geburt und Tod von Flash Preußen sind das Thema dieser Graphic Novel. Was dazwischen passiert, ob Preußen eigentlich auch was taugt als Held, erfahren wir nicht. Noch nicht. Flash Preußen ist als Trilogie angelegt, der zweite Teil (Titel: <em><a href="http://cargocollective.com/NYTT/FLASH-PREUSSEN-Der-Betondachs" target="_blank">Der Betondachs</a></em>) ist bereits in Arbeit.</p>
<p>Schließende Kreise um traurige Helden, Kohlezeichnungen auf Munkenpapier mit intensivem Eigengeruch, die Wortlosigkeit, der strenge Aufbau: Es ist schon alles sehr artifiziell, was Kottisch und Richter hier vorlegen. Aber auch sehr gut.</p>
<p><strong>Tilo Richter, Jan Kottisch: Flash Preußen, Mairisch, Hamburg 2012; 96 S., 16,90 €</strong></p>
<h3><img class="alignnone size-full wp-image-412" title="FlashPreussen02" src="http://michaelbrake.de/blog/wp-content/uploads/FlashPreussen02.jpg" alt="" width="620" height="310" /></h3>
<p style="text-align: right;">Bilder: Tilo Richter/Jan Kottisch/mairisch</p>
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		<title>Ein Genie auf dem Weg nach unten</title>
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		<pubDate>Tue, 06 Sep 2011 02:32:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[David Mazzucchellis Graphic-Novel „Asterios Polyp“ ist ein fein konstruiertes Comic-Gebilde. Manchmal erschlägt einen aber seine Symbolik. (veröffentlicht auf zeit.de) Ein 1,1-Kilo-Klotz ist es. Umhüllt von einem extravagant absichtlich zu kurzen Schutzumschlag, das Hardcover beidseitig geprägt. Es geht noch weiter: Wie das amerikanische]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>David Mazzucchellis Graphic-Novel „Asterios Polyp“ ist ein fein konstruiertes Comic-Gebilde. Manchmal erschlägt einen aber seine Symbolik. <span id="more-941"></span><strong>(veröffentlicht auf <a href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2011-09/asterios-polyp" target="_blank">zeit.de</a>)</strong></h3>
<div>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-943" title="IF" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/asteriospolyp.jpeg" alt="" width="620" height="284" /></p>
<p>Ein 1,1-Kilo-Klotz ist es. Umhüllt von einem extravagant absichtlich zu kurzen Schutzumschlag, das Hardcover beidseitig geprägt. Es geht noch weiter: Wie das amerikanische Original ist auch die deutsche Ausgabe – eine Bedingung des Autors David Mazzucchelli – auf japanischem Recyclingpapier in einer speziellen chinesischen Druckerei produziert worden und zwar nicht wie sonst üblich im Vierfarb-Druck, sondern mit gleich zehn Sonderfarben.</p>
<p>Nein, dieses – natürlich! – mit mehreren Eisner- und Harvey-Awards und dem Spezialpreis der Jury vom Comicfestival Angoulême ausgezeichnete Buch ist nicht irgendeine dahergelaufene Wald-und-Wiesen-Graphic-Novel. Und daher trägt der titelgebende Held auch keinen Wald-und-Wiesen-Namen wie <a href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2010-12/david-boring-cartoon">David Boring</a> oder Jimmy Corrigan, sondern heißt Asterios Polyp.</p>
<p>So fein wie der Name sieht Herr Asterios denn auch aus: die römische Nase, die schmalen Augen, die dezenten Falten – das Profil eines außergewöhnlich begabten Menschen, Universitätsprofessor, um genau zu sein, Sohn griechisch-italienischer Einwanderer. Ein Architekt von Weltrang, ein Schnellleser und charmant parlierender Tausendsassa, ein grandioser Koch, der in einer New Yorker Wohnung voller rechtwinklig angeordneter Designklassiker lebt und eine japanische Künstlerin mit Puppengesicht geheiratet hat.</p>
<h6>Selbstherrlicher Versager</h6>
<p>Doch, nein, so einfach ist das natürlich gar nicht. Die Ehe ist längst zerbrochen, denn das Genie ist auch und vor allem: selbstherrlich, ins-Wort-fallend und von sich und seiner Intelligenz so eingenommen, dass Asterios&#8217; Frau Hana, japanisch für Blume, sich kaum entfalten kann neben seiner rational-kritischen Überheblichkeit und sich am Ende gar einer Witzfigur von Theaterregisseur in die Arme wirft, nur um ein wenig Anerkennung zu erfahren. Ganz nebenbei: Von Asterios Polyps Entwürfen wurde noch nie auch nur ein Treppenhaus gebaut.</p>
<p>Zeit für einen Neuanfang, und praktischerweise brennt exakt an Polyps 50. Geburtstag dessen Wohnung nieder und damit auch sein gesamtes Leben – das er seit Jahrzehnten auf Videokassetten aufgezeichnet hatte (ja, auch den Sex). Asterios macht sich also von seinem letzten Bargeld auf in eine namenlose Kleinstadt und heuert als Automechaniker an. Parallel zu Polyps Erlebnissen in der Provinz wird in Rückblenden der Aufstieg und Fall seiner Ehe nachvollzogen. Und auf einer weiteren Handlungsebene treibt ein Ich-Erzähler, der bei der Geburt verstorbene Zwillingsbruder Ignazio Polyp, die (De-)konstruktion von Asterios&#8217; Charakter noch weiter voran, mittels Traumsequenzen und Ausflügen in die Geistesgeschichte der letzten 2.500 Jahre.</p>
<p>Wobei letztere auch in den übrigen Teilen des Bands vollzogen werden. Zehn Jahre arbeitete David Mazzucchelli an <em>Asterios Polyp</em>, herausgekommen ist ein entsprechend feinkonstruiertes und hochsymbolisches Comic-Gebilde. Dualismen, philosophische Erwägungen zur individuell verschiedenen Wahrnehmung der Welt werden erwähnt, genau wie atonale Kompositionen, der stete Abriss und Wiederaufbau von Shinto-Schreinen, der Einfluss der Mondphasen auf die Natur, die Wahrscheinlichkeit, dass ein Meteorit auf der Erde einschlägt. Oder die Frage, ob Franz von Assisi jemals eine Mücke erschlagen hätte.</p>
<h6>Alles hat hier was zu bedeuten</h6>
<p>Da hat jeder Charakter eine eigene Sprechblasen-Handschrift, da haben Asterios und Hana ihre eigenen Zeichenstile, er blau-technisch, sie rot-schraffiert, die in glücklichen Zeiten in bunten Bildern verschmelzen, in Momenten der Entfremdung aber wieder zu harten Kontrasten werden. Farben, Formen, Ideen, Dinge – alles hat hier irgendwas zu sagen. Wer früher im Deutschunterricht Spaß an der Textexegese hatte, kann sich hier mal so richtig austoben.</p>
<p>Doch auch Interpretationsmuffel können sich in Mazzucchellis Werk verlieren. Mit klarem Strich und pointierten Dialogen führt er in diversen Episoden durch Asterios Polyps Vergangenheit, Gegenwart und Innenleben. Rückblenden und Metaebenen werden elegant ein- und ausgeklinkt, die Charaktere sind vielschichtig und bizarr, die Handlung bleibt immer im Fluss, genau wie die meist locker auf die Seiten geworfenen Panels, die Mazzucchelli mit gehörigem Variantenreichtum arrangiert.</p>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-942" title="asteriospolyp_cover" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/asteriospolyp_cover.jpeg" alt="" width="200" height="268" /></p>
<p>Bis zum Ende von Asterios Polyps Läuterungstour in die amerikanische Provinz, wo die Konfrontation mit dem einfachen Leben schließlich einen demütigeren Menschen aus ihm gemacht hat. Was, angesichts all der zuvor aufgefahrenen Meta- und Parallebenen, in seiner schlichten Moral dann doch etwas wenig ist. Aber macht nichts: Dann fangen wir einfach noch mal von vorne an. Es gibt so viel in diesem Comic zu entdecken.</p>
<p><strong>David Mazzucchelli: Asterios Polyp (Eichborn, 2011, 334 S., 29,95 €)</strong></p>
</div>
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		<title>Selbsthass im Zauberwald</title>
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		<pubDate>Sun, 26 Jun 2011 23:11:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Pubertierender Flausch: Die Comic-Zeichnerin Moki erzählt eine stille, beeindruckende Geschichte übers Erwachsenwerden inmitten verzauberter Landschaften. (veröffentlicht auf zeit.de) Die Verwandlung kommt über Nacht. Seltsame Wesen, die zwischen dunklen Tannen oben auf dem Berg wohnen, haben sie veranlasst. Und so findet]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Pubertierender Flausch: Die Comic-Zeichnerin Moki erzählt eine stille, beeindruckende Geschichte übers Erwachsenwerden inmitten verzauberter Landschaften. <span id="more-874"></span>(veröffentlicht auf <a href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2011-06/moki-wandering-ghost" target="_blank">zeit.de</a>)</h3>
<p><img class="alignright size-full wp-image-878" title="wandering-ghost-cover" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/wandering-ghost-cover.jpg" alt="" width="310" height="391" />Die Verwandlung kommt über Nacht. Seltsame Wesen, die zwischen dunklen Tannen oben auf dem Berg wohnen, haben sie veranlasst. Und so findet sich der koalaartige Waldgeist auf einmal in einem fremden, falschen Körper wieder: dem eines Fuchses, mit buschigem Schweif, spitzer Schnauze und viel zu langen Gliedmaßen. Welch ein Drama! Fassungslos blickt die noch kindliche Seele des Geistes seine neue Hülle aus der Vogelperspektive an – um sich sogleich unter Waldlaub zu verstecken. Niemand soll ihn so sehen.</p>
<p>Mit Zombie-Blick und zunehmend zerzaust stolpert der Fuchs fortan ziellos durch den Wald. Der verzweifelte Versuch, vor sich selbst wegzulaufen, ein missratenes Körpergefühl, Selbsthass bis zur Selbstzerstörung: Es ist klassischer Coming-of-Age-Stoff, der in <em>Wandering Ghost</em> erzählt wird. Aber auf ziemlich unklassische Weise.</p>
<p>Denn die Künstlerin <a href="http://www.mioke.de/info.htm" target="_blank">Moki</a> kommt in ihrem Comicband komplett ohne Worte aus. Einzig die dunkelbraun-weißen Bilder tragen durch die Geschichte. Und was für Bilder! Verschlungene Fels-, Wolken- und Pflanzenstrukturen bilden einen Zauberwald voller fließend-organischer Formen. Flauschige Fabeltiere mit neugierigen Augen wuseln hier umher. Manchmal ist es aber auch sehr ruhig.</p>
<p>Ohne jegliche Hetze und damit umso intensiver wird der schwere Weg in die Pubertät beschrieben. Mitunter werden ganze Doppelseiten für Panoramapanels freigeräumt, in denen dann einzelne Figuren dutzendfach zu sehen sind, so dass man dem Vergehen der Zeit zuschauen kann – eine Technik, die Moki auch in anderen ihrer Werke verwendet und die an japanische Emakimono-Rollen erinnert, frühe Vorfahren der Manga.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-877" title="wandering_ghost_quer" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/wandering_ghost_quer.jpg" alt="" width="620" height="278" /></p>
<p>Überhaupt, Japan: Auch viele der Landschaften und Bäume Mokis haben einen japanischen Einschlag, ihre Welten und ihr großer Respekt vor der Schönheit der Natur atmen den animistischen Geist des japanischen Shinto-Volksglaubens und die vielfachen Einflüsse des Anime-Regisseurs Hayao Miyazaki sind unverkennbar.</p>
<p>Schon 2006 gewann die heute 28-jährige Moki für <em>Asleep in a foreign place </em>den Comicpreis Sondermann in der Newcomer-Kategorie. 2007 diplomierte sie mit der Arbeit <em>To disappear completely</em> in Hamburg im Fach freie Kunst. Die Bildsprache und das Themenspektrum ihrer Acrylbilder, Street-Art, Stoff-Figuren, Installationen, Fotografien und Comics sind so markant wie eigenwillig: moosbewachsene, verschachtelte, verzauberte Landschaften, in denen traurige amorphe Riesen und gütig blickende Pelzmonster einsam herumsitzen. Dazu kommt ein Faible für Außenseiter, verlorene Gestalten, auch der Wunsch, sich zu verstecken, ist oft Thema der Synästhetikerin Moki, die selbst scheu lebt. Fotos von ihr sind selten, bei Perfomances tritt sie mit Masken und Kostümen auf.</p>
<p>Die Künstlerin und das Storytelling. Viel ist da nicht, viel soll da aber auch nicht sein. So mag <em>Wandering Ghost</em> für manchen nicht mehr als eine 88-seitige Zeichenstudie von Waldlandschaften zum Selbstausmalen sein. Wer aber in seiner Freizeit auch gerne mal eine Viertelstunde damit verbringt, einem Käfer oder einem Spatz bei seiner täglichen Arbeit zuzuschauen, der sollte sich mit Moki auf diese Märchenreise für Erwachsene begeben. Und sich darüber freuen, dass der Waldgeist – was hier ruhig verraten werden kann, denn um die Handlung oder irgendwelche Spannungsbögen geht es wie gesagt ohnehin nicht – am Ende doch zu sich findet.</p>
<p>Kleine Eichhornwesen füttern und päppeln ihn auf dem Weg dahin, so wie er ihnen früher geholfen hat. Die Grenze zum Kitsch wird trotz Freundschaft, Happy End und flauschigen Tieren dabei bis zum Schluss nie überschritten.</p>
<div>
<p><strong>Moki: Wandering Ghost, Reprodukt, Berlin 2011; 88 S., 16 €</strong></p>
</div>
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		<title>Ein Fassbinder plus ein halbgarer Nabokov</title>
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		<pubDate>Tue, 11 Jan 2011 03:36:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Comic]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit Online]]></category>

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		<description><![CDATA[„David Boring“ gilt als einer der besten Graphic Novels der Comicgeschichte. Nun ist die Coming-of-Age-Geschichte von Daniel Clowes auf Deutsch erschienen. (veröffentlicht auf zeit.de) David Boring ist ein blasser, junger Mann mit Seitenscheitel, Segelohren und dürren Armen. Vor einem Jahr ist er]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>„David Boring“ gilt als einer der besten Graphic Novels der Comicgeschichte. Nun ist die Coming-of-Age-Geschichte von Daniel Clowes auf Deutsch erschienen. <strong><img title="Weiterlesen …" src="http://michaelbrake.de/wp-includes/js/tinymce/plugins/wordpress/img/trans.gif" alt="" /><span id="more-950"></span>(veröffentlicht auf <a href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2010-12/david-boring-cartoon" target="_blank">zeit.de</a>)</strong></h3>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-952" title="davidboring_breit" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/davidboring_breit.jpg" alt="" width="620" height="310" /></p>
<p>David Boring ist ein blasser, junger Mann mit Seitenscheitel, Segelohren und dürren Armen. Vor einem Jahr ist er aus der Provinz in die Stadt gezogen, um seiner dominanten Mutter zu entfliehen. Hier lebt Boring mit seiner lesbischen College-Freundin Dot zusammen, jobbt als Nachtwächter und geht, auch wenn man ihm das erstmal nicht direkt zutraut, mit vielen Frauen ins Bett, bevorzugt solche mit drallen Hintern. Diese Obsession, die Suche nach der perfekten Frau mit dem perfekten Po, ist Borings einziger Antrieb – neben der Frage, was sein Vater, ein Comiczeichner, der die Familie früh verließ, für ein Mensch war.</p>
<p>Der Besuch von Borings Jugendfreund Whitey in der Stadt löst eine Kaskade von Ereignissen aus und macht Boring, der unmotiviert den Plan verfolgt, Drehbuchautor zu werden, zur Hauptfigur seines persönlichen Film Noirs: Kaum angekommen, wird Whitey erschossen. Täter und Motiv bleiben im Dunkeln. Auf dem Weg zu Whiteys Beerdigung trifft Boring in einem Flughafentaxi Wanda, blond, Dutt, Literaturstudentin, die Fleischwerdung seiner Traumfrau, die er erfolgreich zu diversen Dates überredet, bis sie ihn urplötzlich verlässt. Schließlich wird Boring in einer Nebelnacht seinerseits von einem Unbekannten per Kopfschuss niedergestreckt.</p>
<p>Zur Regeneration wird er auf die winzige Insel Hulligan&#8217;s Wharf gebracht, ein Familienrefugium. Isoliert von der Außenwelt vollzieht sich im Mittelakt der Geschichte ein Kammerspiel zwischen dem stark angeschlagenen Boring, seiner Mutter, deren Cousine, die mit Tochter und Schwiegersohn auf der Insel Urlaub macht, Dot und dem irischstämmigen Hausverwalter. Nachdem ein entfernter Verwandter auf Hulligan&#8217;s Wharf eintrifft und die Meldung einer verheerenden terroristischen Biowaffen-Anschlagswelle mitbringt, schwebt über allem zusätzlich eine diffuse Apokalypseahnung. Die Stimmung kippt zunehmend, bald findet sich die erste Leiche im Meer. Weitere Tote und Verletzte, Beziehungen und Trennungen, unterdrückte Obsessionen, Rätsel und Verstrickungen folgen.</p>
<p>Es ist ein seltsam neben der Spur liegendes Amerika der Außenseiter und Beinahefreaks, der dysfunktionalen Beziehungen, der schmuddeligen Diner und Nebenstraßen, das der Comiczeichner Daniel Clowes seit rund 30 Jahren mit bestechend klarem Strich einfängt. Der Berliner Independent-Verlag Reprodukt bringt nun eines seiner wichtigsten Werke endlich nach Deutschland. Die drei Akte der englischen Originalausgabe veröffentlichte Clowes dabei schon zwischen 1998 und 2000, das Time Magazine setzte sie 2005 auf seine Liste der zehn bedeutendsten englischsprachigen Graphic Novels.</p>
<h6>Geist der Generation X</h6>
<p>Man spürt das Alter: Die Welt von Boring und Dot atmet noch den Geist der Generation X, der gelangweilten Perspektivlosigkeit von Slackern, die die meiste Zeit rumhängen und zynische Kommentare abgeben. Noch prototypischer fing Clowes diese Lakonie in seinem großartigen, dank einer Verfilmung wohl bekanntesten Comic <em>Ghost World</em> ein (ebenfalls bei Reprodukt erschienen), das vom letzten gemeinsamen Sommer zweier sich entfremdender Highschoolfreundinnen in einer amerikanischen Kleinstadt erzählt.</p>
<p>Dass Clowes in <em>David Boring</em> diese spröde Stimmung aufnimmt, aber eine wilde Kriminalgeschichte drumherum konstruiert, ist irritierend. Boring wird von Albträumen geplagt, und immer wieder puzzelt und interpretiert er an der einzigen Hinterlassenschaft des Vaters, den Versatzstücken eines Superheldenheftes aus den sechziger Jahren herum, die als grobgerasterte Farbtupfer direkt in die Panelstruktur von <em>David Boring</em> zwischengeschaltet werden.</p>
<p>„It&#8217;s like Fassbinder meets half-baked Nabokov on Gilligan&#8217;s Island“, hat Clowes selbst über seinen Comic gesagt. Seine schwarz-weiß gehaltene Mixtur aus Coming-of-Age-Geschichte, Film Noir, Kriminal-Pulp, Generation X, Lynch und Freud verdichtet sich zu einem zunehmend erdrückenden, surrealen Strudel, zäh und ausweglos wie ein Bad in Sirup. Auf den in strenger Dreizeiligkeit auf den Seiten montierten Zeichnungen stehen, sitzen und handeln die Protagonisten wie eingefroren, selbst in Momenten größter Dramatik bleiben sie seltsam unbeteiligt und schicksalsergeben.</p>
<p>Und mittendrin ist Boring, auf der Suche nach Lösungen, seinem Vater, sich selbst, aber vor allem: seiner Idealfrau.</p>
<p><strong>Daniel Clowes: David Boring (Reprodukt, Berlin 2010; 128 S., 20 €)</strong></p>
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		<title>Mit Jet, Pin und Silikonöl</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Sep 2010 20:32:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Sport]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit Online]]></category>

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		<description><![CDATA[Für echte Tischfußballer ist Kickern kein Kneipenhobby, sondern ein Präzisionssport. Die boomende Subkultur kämpft um Anerkennung. (veröffentlicht auf zeit.de) Bellende Anfeuerungsrufe dröhnen durch die grün ausgeleuchtete Universal Hall im Berliner Stadtteil Moabit. Wo sonst Firmen feiern oder Messen stattfinden, wird]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Für echte Tischfußballer ist Kickern kein Kneipenhobby, sondern ein Präzisionssport. Die boomende Subkultur kämpft um Anerkennung.<span id="more-865"></span> (veröffentlicht auf <a href="http://www.zeit.de/lebensart/2010-09/tischfussball/" target="_blank">zeit.de</a>)</h3>
<p>Bellende Anfeuerungsrufe dröhnen durch die grün ausgeleuchtete Universal Hall im Berliner Stadtteil Moabit. Wo sonst Firmen feiern oder Messen stattfinden, wird nun das Finale der Tischfußball-Bundesliga ausgetragen. Zwischen 22 Tischen und einer sogenannten „Final Area“ mit Mini-Tribünen und Riesenleinwand hat sich der harte Kern der deutschen Kickerszene versammelt: Etwa 200 Aktive und ein paar Dutzend Besucher. Sehr viele Männer, wenige Frauen.</p>
<p>Lustige Tricks – seien es fünffache Übersteiger, gequetschte Bananenschüsse oder der aus dem Kinofilm <em>Absolute Giganten</em> berühmte <a href="http://www.youtube.com/watch?v=R9ERKjDZjFE" target="_blank">Torwartheber </a>– sieht man in der Bundesliga hingegen nicht. Dafür ist die Sache zu ernst. Die Atmosphäre entspricht dem selbstgesetzten Anspruch des Leistungssports. Die Vereine heißen Eifelshooters Pillig, TFC Staufenberg oder Foos Connection München. Die Spieler tragen Trikots und lange Trainingshosen.</p>
<h6>Im Formaliendschungel</h6>
<p>Sportkleidung ist bei der Bundesliga Pflicht, das ist den Offiziellen vom ausrichtenden <a href="http://www.dtfb.de/" target="_blank">Deutschen Tischfußballbund (DTFB)</a> sehr wichtig. Seit Jahren kämpft der DTFB um die Anerkennung als offizieller Sport und will sich vom Ruf des lustigen Kneipenhobbys befreien – und ackert sich durch den Formaliendschungel des Deutschen Olympischen Sportbundes.</p>
<p>Deutschlands Kickerszene erlebt gerade einen nie dagewesenen Boom. Rund 5.600 Ligaspieler und 12 Landesverbände zählt der stetig wachsende DTFB, dazu kommt eine Turnierserie von der parallel zum DTFB existierenden Spieler-Organisation <a href="http://www.players4players.de/" target="_blank">Players 4 Players</a> mit Gesamtpreisgeldern bis zu 50.000 Euro pro Event.</p>
<p>Auch weltweit geht es dank der unermüdlichen Arbeit von ehrenamtlich arbeitenden Funktionären voran, der <a href="http://www.table-soccer.org/" target="_blank">Weltverband ITSF</a> hat mittlerweile 61 Mitglieder, sogar Indien, Kamerun und die Mongolei sind dabei. Besonders stolz ist man beim ITSF, dass es die größeren Turniere inzwischen als Zusammenfassungen auf Eurosport 2 schaffen – dass der Sender auch die Stein-Schere-Papier-WM und das Hot-Dog-Wettessen von Coney Island zeigt: geschenkt.</p>
<h6>Ein untergegangenes Reich</h6>
<p>Auch sonst hat die Kickerszene alles, was eine Subkultur üblicherweise ausmacht: Ein eigenes Vokabular (die Mittelfeldreihe ist die „Fünf“, die Schüsse heißen <a href="http://www.youtube.com/watch?v=lgNGvmHwRDE" target="_blank">Jet</a>, <a href="http://www.youtube.com/watch?v=KaPZDmdIfNk" target="_blank">Pin</a> oder <a href="http://www.youtube.com/watch?v=4vS03nUPdxE" target="_blank">Pullshot</a>), Stars (etwa den Belgier Frédéric Collignon, der seit Jahren so gut wie kein Spiel mehr verloren hat), Legenden, Fehden und sogar ein untergegangenes Reich: Das stolze Saarland, das jahrzehntelang die Meisterschaften prägte und in dem bis heute mehr als ein Drittel der im DTFB organisierten Spieler aktiv sind; das aber seit einer Tischreform vor einigen Jahren mehr und mehr den Anschluss verliert.</p>
<p>Dennoch bleiben das Saarland, Hessen und Bayern – neben einigen Exklaven in Niedersachsen – die traditionellen Hochburgen des deutschen Tischfußballs. Erst langsam holen Hamburg und Berlin auf, wo die Szene eher studentisch geprägt ist. Ostdeutschland ist hingegen noch komplette Kickerdiaspora.</p>
<p>Wie bei vielen leicht abseitigen Hobbys hat das Internet der Szene einen unheimlichen Schub gegeben, hat sie vernetzt und vergrößert. Es gibt YouTube-Videos von denkwürdigen Spielen und Tricks, die diversen Verbandsseiten und ein Onlinemagazin namens <em>Zwei Fünf Drei</em> in dem zum Beispiel über die Psychologie der Aufstellung eines Tischfußballteams („Die Mutigen nach vorne“) berichtet wird. Dazu kommen Versandshops für Bälle, Tische, Stangen und Spezialbedarf – etwa Golfhandschuhe und Tennisgriffbänder für mehr Griffigkeit beim Schießen oder Silikonöl für besser laufende Stangen – und vor allem die Foren.</p>
<h6>Ein Jungshobby</h6>
<p>Hier werden Turniertermine, Trainingsmethoden und der tägliche Tratsch ausgetauscht und seitenlange Diskussionen geführt – über den Vor- und Nachteil eines Griffwechselsystems, neue Bälle (die präziser rollen, weil sie einige Gramm schwerer sind), den Bau von Geschwindigkeitsmessgeräten, Regeldetails – was für Uneingeweihte ungefähr so nachvollziehbar ist wie der Austausch unter Modelleisenbahnern. Seinem Wesen nach ist Kickern ein Jungshobby, 89 Prozent der beim DTFB registrierten Spieler sind Männer.</p>
<p>So gesehen entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet eine Frau dem Tischfußball in Deutschland einen enormen medialen Schub gegeben hat: Die Berlinerin Petra „Lilly“ Andres gewann Anfang 2009 mit der deutschen Frauennationalmannschaft die Weltmeisterschaft in Nantes. Danach wurde sie, als bestaussehendes Mitglied des Teams, von den Medien entdeckt und durchgereicht: <em>Abendschau</em> im RBB, Taktikschule auf bild.de<em>.</em>, Auftritt bei <em>TV Total</em>. Inzwischen betreibt Andres mit ihrem Partner Johannes Kirsch eine Kicker-Eventagentur – und Firmen können sie für Messeauftritte buchen.</p>
<p>Deutscher Mannschaftsmeister wurde beim Bundesliga-Finale am Ende Wild Card Wiesbaden, im Finale gewannen die Hessen gegen die Krökelgemeinschaft Badenstedt Hannover. Das beste saarländische Team landet auf Platz acht.</p>
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		<title>„Diese Leute, dieser Scheißkrieg“</title>
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		<pubDate>Wed, 15 Sep 2010 02:54:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit Online]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein eindringliches Kriegsdokument. Der Comicjournalist Joe Sacco hat ein bedrückendes und beeindruckendes Panorama des Balkankonflikts gezeichnet. (veröffentlicht auf zeit.de) Sie haben Namen. Edin. Nermin. Haso. Sadija. Rumsa. Ibro. Rasim. Sie blicken uns frontal in die Augen, von schwarz-weißen Comicseiten, und erzählen uns]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><strong>Ein eindringliches Kriegsdokument. Der Comicjournalist Joe Sacco hat ein bedrückendes und beeindruckendes Panorama des Balkankonflikts gezeichnet. <span id="more-961"></span><img title="Weiterlesen …" src="http://michaelbrake.de/wp-includes/js/tinymce/plugins/wordpress/img/trans.gif" alt="" />(veröffentlicht auf <a href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2010-09/joe-sacco-bosnien/komplettansicht" target="_blank">zeit.de</a>)</strong></h3>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-964" title="sacco_bosnien" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/sacco_bosnien.jpg" alt="" width="620" height="260" /></p>
<p>Sie haben Namen. Edin. Nermin. Haso. Sadija. Rumsa. Ibro. Rasim. Sie blicken uns frontal in die Augen, von schwarz-weißen Comicseiten, und erzählen uns ihre Geschichten. Geschichten des Leids und des Krieges: von Todesmärschen über winterliche Berge und durchschnittenen Kehlen, von Geschwistern und Kindern, die vor deren eigenen Augen erschossen wurden, von Häuserkämpfen und Plünderungen.</p>
<p>1995, im letzten Jahr des Bosnienkriegs, besuchte der maltesisch-amerikanische Comicjournalist Joe Sacco mehrfach die kleine Industriestadt Goražde im Tal der Drina. Eine der wenigen Enklaven in Ostbosnien, die noch nicht von den Truppen der bosnischen Serben eingenommen war, aber seit Jahren in Dauerbelagerung verharrte, ausgemergelt, ohne Strom und fließendes Wasser und von tausendfachem serbischen MG- und Granatfeuer zermürbt.</p>
<p>Mit haarfeinem Strich hat Sacco seine Erlebnisse in Goražde festgehalten, jetzt, zehn Jahre nach der Veröffentlichung in den USA, ist sein Berichtband „Bosnien“ im Schweizer Verlag Edition Moderne endlich auch auf Deutsch erschienen. So lakonisch und klar wie der Erzählstil und die Schilderungen der Bosnier sind auch die Bilder: Saccos Zeichnungen sind äußerst realistisch. Sachlich und entidealisiert zeigt er die Menschen im Krieg. Die Seiten füllenden Panoramen, die Stadt- und Straßenszenen sind von einer ungeheuren Detailfülle.</p>
<p>Gekonnt variiert Sacco Details und Totalen. Er durchbricht immer wieder Panelstruktur und Rechtwinkligkeit, variiert an ausgesuchten Stellen ins Expressionistische, ohne sich in effektheischendem Brimborium zu verlieren. Den hohen Textanteil verteilt er in viele Einzelkästen und Sprechblasen, nie wirken die Seiten zugekleistert.</p>
<h6>Erzählung in Einzelepisoden</h6>
<p>Wie schon in Saccos Erstling „Palästina“, einer Dokumentation seiner Zeit in den Nahostgebieten 1991/92, besteht <em>Bosnien</em> aus zahlreichen, meist nur wenige Seiten langen Einzelepisoden: der Tauschhandel, die Arbeitsbedingungen im Goražder Krankenhaus, die Lebensmittelknappheit, kleine Jungen, die nach Zigaretten betteln, die Plünderungen, die brennenden Häuser, die Flüchtlinge, die Schilderungen von früheren Freundschaften mit serbischen Nachbarn, die Goražde längst verlassen haben.</p>
<p>Aber auch von Freizeit und Freundschaften erfährt der Leser: da ist der US-Rockhymnen schmetternde Soldat Niki, da sind die jungen Mädchen Emira und Sabina, die Sacco anflehen, vom nächsten Stopp in Sarajevo eine Levis 501 – aber unbedingt die echte – mitzubringen. Eine zentrale Rolle nimmt der Hilfslehrer Edin ein. Sacco wohnt bei ihm und seiner Familie, dank eines selbst gebauten Minigenerators, der von der Strömung der Drina angetrieben wird, gibt es sogar Strom. Abends werden oft Videos geschaut, meist amerikanische Klassiker.</p>
<p>Sacco reflektiert seine Rolle als Journalist, die Art, wie Medienmenschen im Krisengebiet agieren, zeigt Kollegen, die Kindern Bonbons hinwerfen, um danach das Gerangel zu filmen. Stets ist ihm bewusst, dass er nur Gast in diesem Krieg ist und er schon morgen über die „Blaue Straße“, den UN-gesicherten Korridor nach Sarajevo, dem Elend entfliehen kann – anders als seine bosnischen Freunde. Er ist schonungslos, auch zu sich selbst, etwa wenn er nach einem durchsoffenen Abend gesteht: „Ich wollte hunderttausend Meilen zwischen mich und Bosnien bringen, diese ekelhaften Leute und ihren Scheißkrieg.“</p>
<h6>Rückblenden und historische Exkurse</h6>
<p>Zusätzlich vermitteln Rückblenden und historische Exkurse Hintergründe, zurück bis in die innerjugoslawischen Kämpfe des Zweiten Weltkriegs, die Tito-Jahre und die Intrigen Slobodan Milosevics ab 1980. Dann erst folgen die eigentlichen Kriegsereignisse: die Angriffe auf Goražde, die serbischen Scharfschützen, die Untaten der serbischen Tschetnik-Milizen. Immer näher rücken wir an das Jahr 1995 heran, brutaler werden die Geschichten, hoffnungsloser die Situation für die Bürger von Goražde. Wir sehen viele Leichen und Wunden: verbrannte, halbverweste Menschen, Bauchdurchschüsse, Amputationen.</p>
<p>Trotz des Leids klagt Sacco niemals „die Serben“ an – eher schon die UN-Truppen: Mehrfach beschreibt er, wie sich die auf Neutralität festgenagelte Weltgemeinschaft von Ratko Mladić und Radovan Karadžić an der Nase herumführen lässt, bei weitem nicht nur in Srebenica. Nur zur Frage nach dem Warum, nach den Beweggründen der Völkermörder, so viele Zivilisten zu massakrieren, verliert Sacco kein Wort. Das ist wohl auch nicht seine Aufgabe.</p>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-963" title="umschlag_sacco_bosnien" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/sacco_bosnien_cover.jpg" alt="" width="200" height="299" />Gerade für Nachgeborene, für die der Jugoslawienkrieg nur eine diffuse Kindheits- oder Jugenderinnerung ist, ist „Bosnien“ eine Offenbarung: So eindringlich und relevant kann Geschichte vermittelt werden – für viele sicherlich ansprechender als die hundertste Guido-Knopp-Dokumentation.</p>
<p><strong>Joe Sacco: Bosnien (Edition Moderne, Zürich 2010; 234 S., 24 €)</strong></p>
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