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	<title>Michael Brake &#187; Bay Area</title>
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		<title>Frisch gebackene Versprechen</title>
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		<pubDate>Mon, 07 Nov 2016 11:43:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[In San Francisco wurden einst die Glückskekse erfunden. Zu Besuch in der Golden Gate Fortune Cookie Factory, die noch so produziert wie vor 50 Jahren. (veröffentlicht in Das Magazin, Ausgabe November 2016) Der Glückskeks ist eine Scheibe. Das würde man bei]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>In San Francisco wurden einst die Glückskekse erfunden. Zu Besuch in der Golden Gate Fortune Cookie Factory, die noch so produziert wie vor 50 Jahren.<span id="more-1987"></span> (veröffentlicht in Das Magazin, Ausgabe November 2016)</h3>
<p>Der Glückskeks ist eine Scheibe. Das würde man bei einem flüchtigen Blick nicht vermuten, sieht er doch eher aus, als hätte Frank Gehry beim Pacman-Spielen die Idee für ein neues Museum gehabt. Doch in seiner Ausgangsform ist der Glückskeks nichts anderes als ein winziger Crêpe, rund, dünn und flexibel.</p>
<p>Nicht lange – drei, maximal vier Sekunden hat ein Glückskeksbäcker Zeit, um die weichen Teigscheiben zu greifen, den kleinen Papierstreifen mit dem weisen Spruch schon in der Hand. Die Seiten der Scheibe muss man hochnehmen und sie dann über</p>
<p>Immer und immer wieder passiert das in der Golden Gate Fortune Cookie Factory, und in den Händen der Arbeiterinnen in verschmelzen die Arbeitsschritte zu einer einzigen Bewegung. Griff. Keks. Griff. Keks. Griff. Keks. Die Glückskeksfabrik befindet sich in San Franciscos Chinatown, wobei man sich vom Wort &#8220;Fabrik&#8221; nicht in die Irre führen lassen sollte. Es handelt sich um einen kleinen Laden in einer Seitengasse, ein tageslichtarmer, schlauchartiger Raum, kaum breiter als hoch, vielleicht fünfzehn Meter tief. Vorne werden die Kekse verkauft, an der linken Wand ist das Büro, hinten stapeln sich Kartons, wird der Teig gemacht, und den Rest des Raums nehmen drei Öfen ein, so groß wie Konzertflügel, vollgestellt mit chinesischen Porzellanfiguren und Vasen.</p>
<h6>Das Business war einst in japanischer Hand</h6>
<p>Angefangen hat all das nicht weit von hier, in San Francisco, vor etwas mehr als 100 Jahren. So geht jedenfalls die Geschichte, von der es unterschiedliche Variationen gibt. Von wem und wo genau in Kalifornien der Glückskeks in seiner heutigen Daseinsform erfunden wurde, ist unklar, doch es gilt als einigermaßen gesichert, dass das Glückskeksbusiness zunächst vor allem eines von japanischstämmigen Amerikanern war. Da außerdem viele Japaner chinesische Restaurants betrieben, fand der Glückskeks dort seine Heimat und hat sie bis heute: als Gimmick, das mit der Rechnung kommt, das schnell geöffnet und, wenn überhaupt, hastig und lustlos verspeist wird.</p>
<p>Als im Zweiten Weltkrieg fast die gesamte japanischstämmige Bevölkerung der US-Westküstenstaaten in Internierungslager gesteckt wurde, übernahm die chinesische Community das Glückskeksgeschäft. Am 5. August 1962 eröffneten dann Nancy Tom – die bis heute an der Maschine sitzt – und ihr Bruder, beide erst in den 50er Jahren aus China in die USA gekommen, die Golden Gate Fortune Cookie Factory. Ihre drei großen Öfen waren damals das Neueste vom Neuen, und so belieferten sie chinesische Restaurants. Bis in die 90er Jahre blieb das ein gutes Geschäft, doch dann wurde die Konkurrenz der Fabriken, die komplett vollautomatisch Kekse herstellen können, zum Problem. Die Aufträge wurden weniger. Die Schließung drohte.</p>
<p>Gerettet wurde die Golden Gate Fortune Cookie Factory von Kevin Chan, dem Sohn von Nancy Tom. Der heute 47-Jährige ist quasi in der Fabrik aufgewachsen, schon mit neun Jahren hat er bei der Produktion mitgeholfen. Er kann die Kekse ohne Handschuhe falten, und das soll was heißen, denn die kleinen Teigscheiben sind grausam heiß.</p>
<h6>Entschleunigung als Wettbewerbsvorteil</h6>
<p>Der Rettungsplan von Kevin Chan war, als würde er einen Glückskeks falten: mit wenigen Handgriffen, von außen betrachtet spielerisch leicht, aus einer Scheibe etwas ganz anderes machen. Er öffnete die Fabrik im laufenden Betrieb für die Öffentlichkeit, machte die Produktionsstätte zum Industriemuseum. &#8220;Glückskeks-Manufaktur&#8221; würden Marketing-Experten das inzwischen wohl taufen, und es ist eine Touristenattraktion, die perfekt in die heutige Zeit passt, wo wir die Entschleunigung verehren, wo wir auf Reisen immer auf der Suche nach dem Originalen und Originellen sind. Auch deswegen kommen Touristen in Scharen in San Franciscos Chinatown, mit 100.000 Einwohnern die größte der USA: weil hier alles so unverstellt erscheint und doch exotisch.</p>
<p>Nicht mehr als ein Dutzend von ihnen passen in den winzigen Verkaufsbereich der Fortune Cookie Factory, sie dürfen schauen, Fotos machen (dafür 50 Cent, bitte, danke) und natürlich auch ihre eigenen Sprüche auf die kleinen Zettelchen schreiben, diese dann abgeben und bei der Produktion zuschauen. Der eigene Glückskeks für einen Dollar, customized und handgefertigt. So lässt es sich neben den Großfabriken der Glückskekswelt existieren: Allein der Marktführer Wonton Food Inc. mit Hauptsitz in Brooklyn stellt rund 4,5 Millionen Kekse her. Täglich.</p>
<p>Und die Golden Gate Fortune Cookie Factory? Zehntausend, an guten Tagen auch fünfzehntausend, sagt Kevin Chan. Das hänge von der Stimmung der Frauen an den Maschinen ab. Und vom launischen Wetter hier in San Francisco. Ist es draußen zu kalt, trocknet drinnen der Teig schneller, dann wird es knifflig. Überhaupt ist der Aussatz von ungefalteten Glückskeksscheiben hoch, rund 40 Prozent landen in einem Eimer. Sie werden an die Besucher verschenkt oder als nackte Keksscheiben verkauft.</p>
<h6>&#8220;… in bed&#8221;</h6>
<p>Außerdem im Portfolio: Riesenglückskekse, schokoladenüberzogene Glückskekse und, noch so ein Beispiel für Spezialisierung in einem zugestellten Marktumfeld, die &#8220;Adult X-Rated Cookies&#8221;: Statt Lebensweisheiten stehen versaute Witze auf den kleinen Zetteln. Wobei es in San Francisco ohnehin Sitte ist, an den Glückskeksspruch noch ein &#8220;&#8230; in bed&#8221; anzuhängen. &#8220;Your lucky number for this week is seven &#8230; in bed.&#8221; &#8220;Opportunity knocks on your door every day – answer it &#8230; in bed.&#8221; Das funktioniert auch auf Deutsch. Einfach mal ausprobieren.</p>
<p>Die Spruchzettelchen stellt Kevin Chan selber her, Stapel von Papierbögen zum Kleinschneiden liegen zum Schneiden bereit. Auf der Rückseite in Rot die aktuellen Glückszahlen, die in den USA zum Glückskeksstandardinventar gehören und vorne diese so sinnerfüllten wie sinnfreien Sprüche, Wegwerf-Weisheiten irgendwo zwischen Konfuzius und dem Horoskop-Abreißkalender, deren Beliebigkeit einst in einer Simpsons-Folge auf den Punkt gebracht wurde: Homer geht gemeinsam mit einer attraktiven Arbeitskollegin essen, die ihm eindeutige Avancen macht, und ist von Gewissenskonflikten geplagt. &#8220;Sie werden Ihr Glück in einer neuen Liebe finden&#8221;, sagt ihm der Keks, und er sieht es als Zeichen. Schnitt auf das Hinterzimmer des Restaurants, in dem zwei große Fässer und zwei chinesische Kellner stehen. &#8220;Hey, wir haben keine neuen Lieben mehr.&#8221; – &#8220;Dann mach das Fass mit ›Bleib bei deiner Frau&#8217; auf.&#8221;</p>
<p>Dass der Inhalt für die meisten Menschen der einzige Daseinszweck des Glückskekses ist, gefällt Kevin Chan nicht, und er erzählt, was er über deutsche Glückskekse weiß. &#8220;Sie sind nicht gut, viel zu hart.&#8221; Die Deutschen kümmerten sich nicht um den Keks. &#8220;Sie schmeißen ihn einfach weg. Für uns zählt alles: die Glückszahlen, der Spruch, der Keks&#8221;, sagt er, und natürlich seien die nach dem streng geheimen Rezept seiner Mutter gebackenen Golden Gate Fortune Cookies auch die leckersten. Eins ist klar: In der Golden Gate Fortune Cookie Factory ist das Medium genauso wichtig wie die Message.</p>
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		<title>Insulin für alle</title>
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		<pubDate>Tue, 26 Jul 2016 09:28:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Biohacking-Szene in der kalifornischen Bay Area ist groß. Das Open Insuline Project aus Oakland will Diabetesbehandlungen billiger machen. (veröffentlicht auf fluter.de) Mitten in seinem Abschlussjahr an der Universität in Yale verlor Anthony Di Franco plötzlich rasant an Gewicht. Es war egal, wie viel]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die Biohacking-Szene in der kalifornischen Bay Area ist groß. Das Open Insuline Project aus Oakland will Diabetesbehandlungen billiger machen.<span id="more-2004"></span> (veröffentlicht auf <a href="http://www.fluter.de/bei-den-bio-hackern" target="_blank">fluter.de</a>)</h3>
<p>Mitten in seinem Abschlussjahr an der Universität in Yale verlor Anthony Di Franco plötzlich rasant an Gewicht. Es war egal, wie viel er aß. „In der Mensa nahm ich drei Portionen, mittags und abends“, erinnert er sich. „Es waren bestimmt 12.000 Kalorien am Tag, aber ich fühlte mich, als würde ich verhungern. Mein Körper konnte die Energie nicht nutzen. Irgendwann hatte ich mein gesamtes Körperfett verloren.“ In wenigen Monaten nahm er 25 Kilogramm ab, ging aber erst zum Arzt, als er seinen Abschluss in Informatik in der Tasche hatte. Die Diagnose war schnell klar: Diabetes Typ 1.</p>
<p>Di Francos Bauchspeicheldrüse kann das Hormon Insulin nicht mehr produzieren. Das aber ist wichtig, um die mit der Nahrung aufgenommene Glukose (Traubenzucker) aus dem Blut in die Zellen zu schleusen, wo sie in Energie umgesetzt wird. Bei Insulinmangel sammelt sie sich im Blut an – der Blutzuckerspiegel steigt. Das kann auf Dauer Blutgefäße, Nerven und viele Organe schädigen. Weltweit sind rund 422 Millionen Menschen an Diabetes erkrankt, Tendenz steigend. Denn neben genetischen Gründen können auch Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung und Übergewicht zu Diabetes führen.</p>
<p>Elf Jahre später, im Frühjahr 2016, steht Anthony Di Franco in Oakland in einer Mischung aus Chemielabor und Hobbykeller, zwischen einem Regal voller Gläser mit bunten Flüssigkeiten und sterilen technischen Geräten. Wohlgenährt und fit sieht er aus, er trägt eine Radlercap und blaue Schutzhandschuhe und füllt mit Hilfe einer Pipette das Bakterien-Nährmedium aus einem großen Glas um. Seine Krankheit beeinträchtigt ihn kaum, er kann alles essen. Sie beschäftigt ihn aber andauernd: Mehrmals am Tag muss Di Franco seinen Blutzuckerspiegel bestimmen und gegebenenfalls seinen Insulinspiegel regulieren.</p>
<h6>300 bis 400 Dollar Mehrkosten im Monat</h6>
<p>Hinzu kommen die Kosten, denn anders als in Deutschland, wo die gesetzlichen Krankenkassen für Diabeteskranke beinahe alle Ausgaben übernehmen, musste Di Franco bei seiner US-Krankenversicherung einen teureren „Gesundheitsplan“ abschließen: Der kostet mehr im Monat und deckt mehr Leistungen ab. Doch selbst damit hat er noch Ausgaben für Medikamente und Hilfsmittel zum Blutzuckermessen. Insgesamt, sagt Di Franco, kommt er auf Mehrkosten von 300 bis 400 Dollar pro Monat.</p>
<p>Di Franco hat einen Job in einem Start-up in San Francisco, er kann sich das leisten. Viele andere US-Amerikaner können das jedoch nicht. Und das ist der zweite Grund, warum Diabetes Anthony Di Franco so beschäftigt. Mit der Arbeit im Labor in Oakland will er dazu beitragen, die Behandlungskosten für Diabeteskranke zu senken. Ehrenamtlich engagiert er sich im „Open Insulin Project“, das er im vergangenen Jahr selbst mit ins Leben gerufen hat.</p>
<p>Di Franco und seine Mitstreiter treten gegen die Pharmakonzerne an. Denn die haben die Patente für Insulin als Medikament und machen damit ein gutes Geschäft. Dafür, dass das so bleibt, sorgen sie mit dem sogenannten Evergreening. Die Strategie: kurz vor oder nach Ablauf des Patents für ein Medikament ein neues Patent für eine leicht geänderte Formulierung zu beantragen, die dann als Nachfolgeprodukt häufig verschrieben wird.</p>
<p>Aufgrund der großen Komplexität des Insulinmoleküls lässt sich dieses von Generikaproduzenten nicht aufbaugleich herstellen – und auch die Produzenten von Biosimilaren, also hochkomplexen, biotechnologisch hergestellten Arzneimitteln, die sich nur mittels lebender Zellen produzieren lassen und nie völlig identisch (sondern nur ähnlich = similar) mit dem bereits zugelassenen Referenzprodukt sind, scheuten die kostenintensive Entwicklung und Markteinführung eines Insulin-Biosimilars lange Zeit. Erst 2014 und damit rund 90 Jahre nachdem erstmals Insulin als Medikament verwendet wurde, kam in der EU ein Biosimilar auf den Markt. In den USA wird dessen endgültige Zulassung durch die FDA in diesen Wochen erwartet.</p>
<h6>Biologie oder Medizin hat kaum jemand studiert</h6>
<p>Neben Di Franco gehören eine Handvoll Leute zum harten Kern des Open Insulin Project, rund ein Dutzend bilden den erweiterten Kreis. Sie alle machen das in ihrer Freizeit, viele von ihnen sind Amateure, haben also nicht Biologie oder Medizin studiert. Mehrmals pro Woche treffen sie sich zur Laborarbeit. Sie arbeiten daran, Insulin zu gewinnen.</p>
<p>In der ersten Phase des Projekts, die derzeit läuft, wurde ein Stück DNA synthetisch in E.coli-Bakterien eingesetzt. Die Bakterienkultur lassen sie auf einem Nährmedium wachsen, aktivieren dann im richtigen Moment den Trigger, der die Mikrobe Proinsulin – den Ausgangsstoff für Insulin – produzieren lässt. Anschließend probieren sie, durch Zentrifugieren und andere Verfahren möglichst viel reines Insulin aus der Zellkultur zu isolieren – wenn nicht, wie im Mai, für einige Wochen die Zentrifuge ausfällt und erst mal repariert werden muss. Immer und immer wieder setzen sie Bakterienkulturen an, verändern Parameter wie pH-Wert oder Dauer und probieren verschiedene Gewinnungsverfahren. (Wer es genauer wissen will: Hier geht es <a href="http://openinsulin.org/june-update/">zum Juni-Update</a> des Open Insulin Projects.)</p>
<p>Das alles machen sie natürlich nicht in der Küche von Anthony Di Francos Wohnung, sondern in den Counter Culture Labs. Die sind Teil des alternativen Gemeinschaftszentrums Omni Commons, das die 2014 aus der Occupy-Bewegung heraus entstandene Omni Collective betreibt. Im Raum der Counter Culture Labs herrscht anarchische Ordnung: Ein Sammelsurium von breit gesessenen Schreibtischstühlen dient für Meetings, ein Süßigkeitenautomat wurde zum Kühlschrank für Petrischalen umfunktioniert.</p>
<h6>Bürgerwissenschaft mit DIY-Attitüde</h6>
<p>Die Counter Culture Labs sind Teil der stetig wachsenden Biohacking-Community. Die Anlehnung an die Hackerszene ist bewusst gewählt: Die sub- und gegenkulturellen Wurzeln, der Geist des Do it yourself und die Ethik eines offenen Austauschs sind vergleichbar. Es geht um Bürgerwissenschaft, um eine Demokratisierung von Wissen und den Abbau von Wissenshierarchien. Doch wo „klassische“ Hacker Computer, Maschinen und Netzwerke ergründen, ihre Möglichkeiten austesten und bis auf die Ebene der Bits und Elektronen vordringen, um neue Funktionen zu schaffen, machen Biohacker dies eben mit Lebewesen, Körperfunktionen, Sinneswahrnehmung und auf der Ebene von Molekülen und Genen.</p>
<p>„Die Ära der Garagen-Biologie steht uns bevor“, verkündete das US-amerikanische Technikmagazin „Wired“ bereits im Jahr 2005. Und in der San Francisco Bay Area, zu der auch Oakland gehört, in direkter Nachbarschaft zu den Elite-Unis in Berkeley und Stanford und den Start-ups des Silicon Valley, ist die Bewegung besonders stark vertreten.</p>
<p>Finanziert ist das oftmals durch Spenden. Auch das Open Insulin Project sammelte seine Mittel durch Crowdfunding ein, so kamen im Frühjahr 2015 über 16.000 Dollar als Finanzierung für die erste Phase zusammen. Rund 15 bis 20 Stunden Arbeit pro Woche steckt Anthony Di Franco seitdem in das Projekt, knapp 100 Wochenarbeitsstunden sind es aufs gesamte Team gerechnet.</p>
<h6>Mehrere Jahre Arbeit</h6>
<p>Auf mehrere Jahre schätzt Anthony Di Franco die Projektdauer – doch wer weiß, wie lange die Motivation bei den ehrenamtlichen Mitarbeitern hält und ob auch in weiteren Crowdfunding-Runden wieder Geld zusammenkommt. Und überhaupt darf man sich durchaus fragen, wie ausgerechnet eine Gruppe Hobbybiologen eine so große Aufgabe stemmen will, von deren Komplexität selbst Generikafirmen bisher die Finger gelassen haben. Oder wie verlässlich Insulin aus dem Heimlabor wohl wäre und ob es jemals ohne Vorbehalte an Patienten abgegeben werden könnte.</p>
<p>Doch diese Fragestellung wäre zu sehr ergebnisfixiert. Dem Open Insulin Project geht es um Grundlagenforschung. „Trial and Error“ ist Methode, und der Weg ist das Ziel beim Wissensgewinn. Genauso wichtig wie die Ergebnisse bei der Insulingewinnung ist für Di Franco und seine Mitstreiter daher die Dokumentation des Projektes: eine Versuchsanleitung, in der alle ihre Arbeitsschritte – auch die misslungenen – exakt beschrieben werden. Diese soll, ganz im Sinne der Open-Source- und Open-Access-Bewegung, der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung gestellt werden. So könnten andere Forscherteams – oder sogar irgendwann auch die Hersteller von Generika – damit weiterarbeiten.</p>
<p>Und darüber hinaus will das Projekt einen kleinen Beitrag zur Ermutigung, zum „Empowerment“ leisten: Diabetespatienten haben sich in der #WeAreNotWaiting-Kampagne zusammengeschlossen, die mit Open-Source-Technologie-Projekten das Leben von Diabetespatienten verbessern will. Ihre Message ist auch die von Anthony Di Franco: Patienten und Betroffene sind im 21. Jahrhundert nicht mehr machtlos gegenüber den Pharmakonzernen. Im Zweifel nehmen sie ihr Schicksal einfach selbst in die Hand und setzen die Industrie so lange unter Druck, bis sie reagiert.</p>
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		<title>Das Free-Jazz-Gebet</title>
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		<pubDate>Wed, 15 Jun 2016 16:28:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[In San Francisco verehrt eine Kirche den Jazz-Saxofonisten John Coltrane als Heiligen. Doch in einer Stadt der steigenden Mieten ist kein Platz mehr für sie. (gemeinsam mit Felix Denk, erschienen auf fluter.de) Besonders heilig sieht der Neubau in der Fillmore]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>In San Francisco verehrt eine Kirche den Jazz-Saxofonisten John Coltrane als Heiligen. Doch in einer Stadt der steigenden Mieten ist kein Platz mehr für sie.<span id="more-2021"></span><br />
(gemeinsam mit Felix Denk, erschienen <a href="http://www.fluter.de/das-free-jazz-gebet">auf fluter.de</a>)</h2>
<p>Besonders heilig sieht der Neubau in der Fillmore Street nicht aus, im Erdgeschoss würde man eher eine Arztpraxis oder eine Anwaltskanzlei vermuten. Klappstühle stehen in Reihen, die Decke ist unverkleidet, Lamellenrollos verhindern, dass Passanten von der Straße reinglotzen. Es ist Sonntag. Gleich geht’s hier los mit einem Gottesdienst.</p>
<p>Von der Decke hängen Siebdruck-Fahnen in Batikoptik. Die Wände schmücken raumhohe ikonenhafte Darstellungen von Maria und Jesus mit schwarzer Hautfarbe und goldenem Heiligenschein, zentral ist aber das Bildnis von John Coltrane, der wie ein König in weißem Gewand auf einem Thron sitzt, das Saxofon in der linken, eine Schriftrolle in der rechten Hand, auch er mit Heiligenschein.</p>
<p>John Coltrane (1926–1967) war ein Jazz-Saxofonist. Hier ist er ein Heiliger. Für Europäer mag das komisch klingen. Tatsächlich ist die Kirche in San Francisco aber kein obskurer Fanclub, sondern eine ordentliche christliche Glaubensgemeinschaft. Sie existiert seit 1971 und ist seit 1982 Teil der African Orthodox Church. Dass sie John Coltrane, insbesondere sein berühmtes Album „A Love Supreme“, verehrt, hat damit zu tun, dass dieses als Loblied auf Gott gedacht war. Außerdem ist der Kirchengründer Franzo W. King glühender Jazzfan. Ja, mehr noch: Als er Coltrane erstmals spielen hörte, empfand er es als Klangtaufe. Und so ist der Free Jazz ein zentrales Element des Gottesdienstes.</p>
<p>Doch bis der losgeht, dauert es erst mal. Für zwölf Uhr ist die Messe angesetzt, und langsam füllt sich der Raum. Zwei kleine Mädchen verkaufen Lotterielose. Es sind etwa 40 Leute anwesend, darunter auch einige Touristen. Als Marlee-I Mystic, eine der Töchter von Franzo W. King, den Gottesdienst gegen halb eins eröffnet, erklärt sie zur Sicherheit, was uns erwartet: „Manche Leute fragen: ‚Wann beginnt die Performance?‘, aber so läuft das hier nicht“, sagt sie und ruft alle zum Mitmachen auf: „Participate! Singt – und wenn ihr das nicht wollt, dann klatscht, trampelt mit den Füßen oder ruft ‚Halleluja‘.“ Verzichten solle man dafür bitte auf Filmaufnahmen.</p>
<h6>Treibende, langsame, meditative Rhythmen</h6>
<p>Anschließend werden ein paar Tamburine verteilt und, nun ja: die Performance beginnt. Die ersten anderthalb Stunden gehören fast allein der achtköpfigen Band. Marlee-I Mystic übernimmt den Gesangspart, sie trägt die religiösen Parts vor, gesungen und spoken-word-artig. Jedes der Stücke wird über mindestens zehn Minuten gespielt, mit treibenden, langsamen, trommeligen, meditativen Rhythmen, immer wieder unterbrochen von Saxofon- und Klarinettensoli.</p>
<p>Der Free Jazz, der hier gespielt wird, steht gleich in mehrfacher Hinsicht für eine Befreiung. Einerseits religiös. Die afroamerikanische Musik fand schon immer Inspiration in der Spiritualität – und in der Kirche. Die Spirituals, der Gospel sind Urformen, auf die sich Generationen schwarzer Musiker immer wieder bezogen haben. Soulstars wie Al Green oder Solomon Burke waren Pastoren. Selbst aktive House- und Techno-DJs wie Terrence Parker, Chez Damier und Robert Hood <a href="http://daily.redbullmusicacademy.com/2015/08/house-techno-religion-feature">predigen</a>, wenn sie nicht gerade in Clubs auflegen.</p>
<p>Andererseits hatte der Free Jazz auch politische Obertöne. Viele Musiker der 1960er-Jahre verstanden die neue Musik als universellen Befreiungsakt – aus dem Korsett von Takt und Harmonie, aber auch aus ihrer gesellschaftlichen Situation. Coltrane und viele andere waren Teil der Civil Rights Movement rund um Martin Luther King Jr., die sich für das Ende der Rassentrennung aussprach. In Zeiten der #blacklivesmatter-Bewegung ist dieses Erbe so aktuell wie lange nicht mehr.</p>
<p>Im Gottesdienst in der Fillmore Street haben die Musiker sich und die Gemeinde inzwischen warmgespielt. Die Stimmung ist nicht wie in so einem „Sister Act“-Klischee-Gospelgottesdienst, wo alle zusammen in die Hände klatschen. Die Musik und Gottes Botschaft werden hier eher allein, meditativ rezipiert: Einige wippen ein wenig mit, manche steigen immer weiter in den Rhythmus ein, andere rühren sich gar nicht, wieder andere, wie ein junger Weißer mit Jackett und Hemd, gehen voll aus sich heraus.</p>
<h6>Die Besucher repräsentieren ein vergangenes San Francisco</h6>
<p>Immer weiter füllt sich die Kirche, bis fast alle Plätze besetzt sind, jetzt sind über 60 Menschen da, einige müssen stehen. Vorne tanzt eine schlanke ältere Frau, die aussieht, als wäre sie als Hippie vor 40 Jahren in die Stadt gekommen und einfach geblieben. Es ist Megan Haungs, Minister of Tap Percussion Dance, eine Art Priesterin des Klangs. Auch ein kleines blondes Kind läuft vorne herum, ein wenig fühlt sich das alles an wie in einem grün-alternativen Kinderladen in den 80ern, und ein wenig ist die Stimmung auch aus der Zeit gefallen: Die Leute, die in der Kirche zusammenkommen, repräsentieren ein vergangenes San Francisco.</p>
<p>Eines, das gerade von den Zehntausenden jungen, konsumfreudigen und kapitalismusgläubigen Menschen aus aller Welt verdrängt wird, die in die Stadt kommen und im Silicon Valley arbeiten. Die bei Facebook, Google und Co. oder gepusht von Venture-Kapital so viel Geld verdienen, dass sie auch 5.000 Dollar Monatsmiete zahlen können und immer noch genug Geld haben für den Yogakurs und den Wochenendausflug ins Spa nach Lake Tahoe.</p>
<p>Wenn viele neue Menschen kommen, werden oft andere verdrängt. Geschichten von „Evictions“, Räumungen, kann fast jeder alteingesessene Mieter in der Stadt erzählen. Das betrifft auch das Quartier rund um die Fillmore Street. Früher war die Gegend mal als das „Harlem des Westens“ bekannt, bewohnt von vielen Arbeitern, die während der „Great Migration“ aus den Südstaaten in die Stadt gekommen waren. Davon ist heute nicht mehr viel übrig: Seit 1970 hat sich die schwarze Einwohnerschaft von San Francisco halbiert, von den verbleibenden Bewohnern wurden viele in Stadtviertel am Rand gedrängt. Durch die Mietenexplosion in den vergangenen zehn Jahren ist der Druck noch gestiegen.Auch die St. John Coltrane Church ist davon betroffen. Dieser Gottesdienst im April ist vorerst einer der letzten vor der „Eviction“. Seit Anfang Mai hat die Kirche keine festen Gemeinderäume mehr. Auch sie konnte die Miete nicht mehr zahlen.</p>
<p>Der Redeteil des Gottesdienstes beginnt. Auch das läuft hier anders als etwa in Europa. Nicht nur der Priester spricht, sondern mehrere Personen aus dem Inner Circle der Kirche. Sie erzählen, beten, und auch die Leute im Publikum rufen mal was dazwischen, eine Anmerkung und einfach „Yeah“ oder natürlich „Amen“ und „Halleluja“. Auch ein kleines Kind ruft einmal „Halleluja“, und alle klatschen selig. Die eigentliche Predigt hält Archpriest Rev. Wanika King Stephens, die vorher noch am Bass stand, eine weitere Tochter des Kirchengründers. Sie spricht mit einer warmen, schwingenden Stimme. Das Thema der Predigt: Selbstdisziplin.</p>
<h6>„Das ist hier kein Trauergottesdienst&#8221;</h6>
<p>Ein wenig Selbstdisziplin erfordert inzwischen auch der Gottesdienst, der mehr als drei Stunden andauert. Zum Schluss kommen die „Announcements“ dran, eine Art offenes Mikrofon für alle Anwesenden. Auch His Eminence The Most Reverend Archbishop F. W. King D.D., der Gründer der Kirche, erhebt nun sein Wort: Er erzählt von einer jüngst verstorbenen Schwester, Bonnie Lee, die er schon ewig kennt. Auch andere sagen etwas über sie, und einige Familienangehörige sind da, es wird kurz ergreifend, aber dann sagt King: „Das ist hier kein Trauergottesdienst. Wir sind eine fröhliche Kirche!“</p>
<p>Am Ende geben sich alle die Hände – die Dreadlock-Träger, die Touristen, die beiden älteren schwarzen Damen, die in vornehmen Sonntagskleidern gekommen sind. Die Menschen in der Fillmore Street sind zu einer verschworenen Gemeinschaft geworden. Der Schlagzeuger meldet sich zu Wort und sagt: „Eine Sache dürft ihr nicht vergessen: Die Coltrane-Kirche ist eine geistige Verbindung. Wir hören nicht auf. Auch nicht, wenn wir in zwei Wochen hier rausmüssen.“</p>
<p><em><strong>Nach ein paar Wochen Pause</strong> finden die Gottesdienste nun einstweilen in der Turk Street statt, ein paar Blocks weiter östlich. Doch auch diese Lösung ist nur temporär.</em></p>
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