<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Michael Brake</title>
	<atom:link href="http://michaelbrake.de/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://michaelbrake.de</link>
	<description></description>
	<lastBuildDate>Thu, 31 Jan 2019 00:16:17 +0000</lastBuildDate>
	<language></language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.3.2</generator>
		<item>
		<title>Frisch gebackene Versprechen</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2016/11/07/frisch-gebackene-versprechen/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2016/11/07/frisch-gebackene-versprechen/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 07 Nov 2016 11:43:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anderswo]]></category>
		<category><![CDATA[Konsum]]></category>
		<category><![CDATA[Reportage]]></category>
		<category><![CDATA[Bay Area]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Kekse]]></category>
		<category><![CDATA[San Francisco]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1987</guid>
		<description><![CDATA[In San Francisco wurden einst die Glückskekse erfunden. Zu Besuch in der Golden Gate Fortune Cookie Factory, die noch so produziert wie vor 50 Jahren. (veröffentlicht in Das Magazin, Ausgabe November 2016) Der Glückskeks ist eine Scheibe. Das würde man bei]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>In San Francisco wurden einst die Glückskekse erfunden. Zu Besuch in der Golden Gate Fortune Cookie Factory, die noch so produziert wie vor 50 Jahren.<span id="more-1987"></span> (veröffentlicht in Das Magazin, Ausgabe November 2016)</h3>
<p>Der Glückskeks ist eine Scheibe. Das würde man bei einem flüchtigen Blick nicht vermuten, sieht er doch eher aus, als hätte Frank Gehry beim Pacman-Spielen die Idee für ein neues Museum gehabt. Doch in seiner Ausgangsform ist der Glückskeks nichts anderes als ein winziger Crêpe, rund, dünn und flexibel.</p>
<p>Nicht lange – drei, maximal vier Sekunden hat ein Glückskeksbäcker Zeit, um die weichen Teigscheiben zu greifen, den kleinen Papierstreifen mit dem weisen Spruch schon in der Hand. Die Seiten der Scheibe muss man hochnehmen und sie dann über</p>
<p>Immer und immer wieder passiert das in der Golden Gate Fortune Cookie Factory, und in den Händen der Arbeiterinnen in verschmelzen die Arbeitsschritte zu einer einzigen Bewegung. Griff. Keks. Griff. Keks. Griff. Keks. Die Glückskeksfabrik befindet sich in San Franciscos Chinatown, wobei man sich vom Wort &#8220;Fabrik&#8221; nicht in die Irre führen lassen sollte. Es handelt sich um einen kleinen Laden in einer Seitengasse, ein tageslichtarmer, schlauchartiger Raum, kaum breiter als hoch, vielleicht fünfzehn Meter tief. Vorne werden die Kekse verkauft, an der linken Wand ist das Büro, hinten stapeln sich Kartons, wird der Teig gemacht, und den Rest des Raums nehmen drei Öfen ein, so groß wie Konzertflügel, vollgestellt mit chinesischen Porzellanfiguren und Vasen.</p>
<h6>Das Business war einst in japanischer Hand</h6>
<p>Angefangen hat all das nicht weit von hier, in San Francisco, vor etwas mehr als 100 Jahren. So geht jedenfalls die Geschichte, von der es unterschiedliche Variationen gibt. Von wem und wo genau in Kalifornien der Glückskeks in seiner heutigen Daseinsform erfunden wurde, ist unklar, doch es gilt als einigermaßen gesichert, dass das Glückskeksbusiness zunächst vor allem eines von japanischstämmigen Amerikanern war. Da außerdem viele Japaner chinesische Restaurants betrieben, fand der Glückskeks dort seine Heimat und hat sie bis heute: als Gimmick, das mit der Rechnung kommt, das schnell geöffnet und, wenn überhaupt, hastig und lustlos verspeist wird.</p>
<p>Als im Zweiten Weltkrieg fast die gesamte japanischstämmige Bevölkerung der US-Westküstenstaaten in Internierungslager gesteckt wurde, übernahm die chinesische Community das Glückskeksgeschäft. Am 5. August 1962 eröffneten dann Nancy Tom – die bis heute an der Maschine sitzt – und ihr Bruder, beide erst in den 50er Jahren aus China in die USA gekommen, die Golden Gate Fortune Cookie Factory. Ihre drei großen Öfen waren damals das Neueste vom Neuen, und so belieferten sie chinesische Restaurants. Bis in die 90er Jahre blieb das ein gutes Geschäft, doch dann wurde die Konkurrenz der Fabriken, die komplett vollautomatisch Kekse herstellen können, zum Problem. Die Aufträge wurden weniger. Die Schließung drohte.</p>
<p>Gerettet wurde die Golden Gate Fortune Cookie Factory von Kevin Chan, dem Sohn von Nancy Tom. Der heute 47-Jährige ist quasi in der Fabrik aufgewachsen, schon mit neun Jahren hat er bei der Produktion mitgeholfen. Er kann die Kekse ohne Handschuhe falten, und das soll was heißen, denn die kleinen Teigscheiben sind grausam heiß.</p>
<h6>Entschleunigung als Wettbewerbsvorteil</h6>
<p>Der Rettungsplan von Kevin Chan war, als würde er einen Glückskeks falten: mit wenigen Handgriffen, von außen betrachtet spielerisch leicht, aus einer Scheibe etwas ganz anderes machen. Er öffnete die Fabrik im laufenden Betrieb für die Öffentlichkeit, machte die Produktionsstätte zum Industriemuseum. &#8220;Glückskeks-Manufaktur&#8221; würden Marketing-Experten das inzwischen wohl taufen, und es ist eine Touristenattraktion, die perfekt in die heutige Zeit passt, wo wir die Entschleunigung verehren, wo wir auf Reisen immer auf der Suche nach dem Originalen und Originellen sind. Auch deswegen kommen Touristen in Scharen in San Franciscos Chinatown, mit 100.000 Einwohnern die größte der USA: weil hier alles so unverstellt erscheint und doch exotisch.</p>
<p>Nicht mehr als ein Dutzend von ihnen passen in den winzigen Verkaufsbereich der Fortune Cookie Factory, sie dürfen schauen, Fotos machen (dafür 50 Cent, bitte, danke) und natürlich auch ihre eigenen Sprüche auf die kleinen Zettelchen schreiben, diese dann abgeben und bei der Produktion zuschauen. Der eigene Glückskeks für einen Dollar, customized und handgefertigt. So lässt es sich neben den Großfabriken der Glückskekswelt existieren: Allein der Marktführer Wonton Food Inc. mit Hauptsitz in Brooklyn stellt rund 4,5 Millionen Kekse her. Täglich.</p>
<p>Und die Golden Gate Fortune Cookie Factory? Zehntausend, an guten Tagen auch fünfzehntausend, sagt Kevin Chan. Das hänge von der Stimmung der Frauen an den Maschinen ab. Und vom launischen Wetter hier in San Francisco. Ist es draußen zu kalt, trocknet drinnen der Teig schneller, dann wird es knifflig. Überhaupt ist der Aussatz von ungefalteten Glückskeksscheiben hoch, rund 40 Prozent landen in einem Eimer. Sie werden an die Besucher verschenkt oder als nackte Keksscheiben verkauft.</p>
<h6>&#8220;… in bed&#8221;</h6>
<p>Außerdem im Portfolio: Riesenglückskekse, schokoladenüberzogene Glückskekse und, noch so ein Beispiel für Spezialisierung in einem zugestellten Marktumfeld, die &#8220;Adult X-Rated Cookies&#8221;: Statt Lebensweisheiten stehen versaute Witze auf den kleinen Zetteln. Wobei es in San Francisco ohnehin Sitte ist, an den Glückskeksspruch noch ein &#8220;&#8230; in bed&#8221; anzuhängen. &#8220;Your lucky number for this week is seven &#8230; in bed.&#8221; &#8220;Opportunity knocks on your door every day – answer it &#8230; in bed.&#8221; Das funktioniert auch auf Deutsch. Einfach mal ausprobieren.</p>
<p>Die Spruchzettelchen stellt Kevin Chan selber her, Stapel von Papierbögen zum Kleinschneiden liegen zum Schneiden bereit. Auf der Rückseite in Rot die aktuellen Glückszahlen, die in den USA zum Glückskeksstandardinventar gehören und vorne diese so sinnerfüllten wie sinnfreien Sprüche, Wegwerf-Weisheiten irgendwo zwischen Konfuzius und dem Horoskop-Abreißkalender, deren Beliebigkeit einst in einer Simpsons-Folge auf den Punkt gebracht wurde: Homer geht gemeinsam mit einer attraktiven Arbeitskollegin essen, die ihm eindeutige Avancen macht, und ist von Gewissenskonflikten geplagt. &#8220;Sie werden Ihr Glück in einer neuen Liebe finden&#8221;, sagt ihm der Keks, und er sieht es als Zeichen. Schnitt auf das Hinterzimmer des Restaurants, in dem zwei große Fässer und zwei chinesische Kellner stehen. &#8220;Hey, wir haben keine neuen Lieben mehr.&#8221; – &#8220;Dann mach das Fass mit ›Bleib bei deiner Frau&#8217; auf.&#8221;</p>
<p>Dass der Inhalt für die meisten Menschen der einzige Daseinszweck des Glückskekses ist, gefällt Kevin Chan nicht, und er erzählt, was er über deutsche Glückskekse weiß. &#8220;Sie sind nicht gut, viel zu hart.&#8221; Die Deutschen kümmerten sich nicht um den Keks. &#8220;Sie schmeißen ihn einfach weg. Für uns zählt alles: die Glückszahlen, der Spruch, der Keks&#8221;, sagt er, und natürlich seien die nach dem streng geheimen Rezept seiner Mutter gebackenen Golden Gate Fortune Cookies auch die leckersten. Eins ist klar: In der Golden Gate Fortune Cookie Factory ist das Medium genauso wichtig wie die Message.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2016/11/07/frisch-gebackene-versprechen/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Schuften für den Bruderstaat</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2016/08/16/schuften-fuer-den-bruderstaat/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2016/08/16/schuften-fuer-den-bruderstaat/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 16 Aug 2016 16:43:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Comic]]></category>
		<category><![CDATA[fluter.de]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Afrika]]></category>
		<category><![CDATA[Birgit Weyhe]]></category>
		<category><![CDATA[DDR]]></category>
		<category><![CDATA[Mosambik]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=2026</guid>
		<description><![CDATA[Der Comic &#8220;Madgermanes&#8221; von Birgit Weyhe erzählt meisterhaft das traurige Schicksal vieler mosambikanischer Vertragsarbeiter der DDR. (veröffentlicht auf fluter.de) Jede Woche marschiert in Maputo, der Hauptstadt von Mosambik, eine Gruppe Menschen mit einer DDR-Fahne durch die Straßen. Sie demonstrieren, sie]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der Comic &#8220;Madgermanes&#8221; von Birgit Weyhe erzählt meisterhaft das traurige Schicksal vieler mosambikanischer Vertragsarbeiter der DDR.<span id="more-2026"></span> (veröffentlicht auf <a href="http://www.fluter.de/comic-madgermanes-ddr-vertragsarbeiter-mosambik">fluter.de</a>)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/madgermanes-teaser.jpg"><img class="size-full wp-image-2038 aligncenter" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/madgermanes-teaser.jpg" alt="" width="620" height="349" /></a><br />
Jede Woche marschiert in Maputo, der Hauptstadt von Mosambik, eine Gruppe Menschen mit einer DDR-Fahne durch die Straßen. Sie demonstrieren, sie wollen Geld. Geld, das sie in der DDR verdient haben, als es die noch gab. Madgermanes nennen sie sich, abgeleitet von „Made in Germany“, denn sie gehörten zu den insgesamt rund 20.000 Vertragsarbeitern, die zwischen 1979 und 1989 aus dem südostafrikanischen Land in die DDR entsandt wurden.</p>
<p>In Mosambik hatte 1975 die marxistische Miliz FRELIMO einen langen Befreiungskampf gegen die portugiesischen Kolonialherren gewonnen, war fortan alleinherrschende Partei der neuen Volksrepublik und knüpfte Verbindungen zu den jungen sozialistischen Bruderstaaten – wie der DDR. Arbeitskräfte wurden getauscht gegen Baumaschinen, Medikamente und andere Produkte – möglicherweise auch Waffen, denn in Mosambik herrschte seit 1977 ein 15 Jahre andauernder Bürgerkrieg, der Schätzungen zufolge bis zu eine Million Todesopfer forderte.</p>
<p>Die in Hamburg lebende Zeichnerin Birgit Weyhe hat aus den Lebensgeschichten der Madgermanes einen Comic gemacht, und es ist ein großartiges Buch geworden. Mit vielen Mosambikanern hat Weyhe gesprochen und ihre Geschichten am Ende auf drei fiktive Charaktere verdichtet: den schüchternen, strebsamen und FRELIMO-linientreuen José, den alle Toni nennen, weil die Deutschen das besser aussprechen können. Sein Zimmergenosse Basilio aus der Hauptstadt Maputo, ein lebensfroher Playboy, der das Beste aus dem Sozialismus herausholt und nicht wirklich an Morgen denkt. Und Anabella, Tonis vorübergehende Freundin, deren Familie schwer unter dem Bürgerkrieg gelitten hat und die sich letztlich als der stärkste der Charaktere erweisen wird.</p>
<p>Alle drei sind mit großen Träumen in die DDR gekommen: Lehrer, Ingenieur, Ärztin wollen sie werden. Stattdessen müssen sie auf dem Bau arbeiten und Wärmflaschen herstellen, sie sind Hilfsarbeiter. Sie leben in Wohnheimen und 60 Prozent ihres Lohns wird einbehalten und nach Mosambik geschickt, für die Zeit nach der Rückkehr. Auch sollen die Mosambikaner so wenig Kontakt wie möglich zur einheimischen Bevölkerung aufbauen – und schwangere Frauen werden sofort abgeschoben.</p>
<h6>Mehr oder weniger offener Rassismus</h6>
<p>Nacheinander erzählt Weyhe die drei Biografien, entblättert Schicht für Schicht die persönlichen Details und geschichtlichen Zusammenhänge. Sie erzählt von kultureller Identität und neuen Welten, von Ablehnung und Anpassung, vom mehr oder weniger offenen Rassismus durch die deutsche Bevölkerung, aber auch von guten und fruchtbaren Begegnungen mit Deutschen – wobei das für Toni, Basilio und Anabella jeweils etwas anderes bedeutet.</p>
<p>Wie schon in „Im Himmel ist Jahrmarkt“ (2013), in dem sie im großen Bogen die Geschichte ihrer beiden Großmütter erzählt, zeigt sich Birgit Weyhe als Meisterin in der Fiktionalisierung von gelebter Geschichte. Ihre Charaktere sind vielschichtig und absolut glaubhaft, ihr Storytelling verbindet kleine Details und Alltägliches, etwa Tonis erster Tag im Schnee, mit dem Blick für das große Ganze, ist dabei oft ernst, manchmal sogar drastisch, aber niemals schwer.</p>
<p>Auch die Bildebene gestaltet Weyhe vielseitig. Die recht harten, farbarmen Zeichnungen aus dem Alltag der Madgermanes durchbricht sie mit zahlreichen grafischen Elementen. Einerseits sind das Zeitdokumente aus der DDR und Mosambik: Briefmarken, Filmplakate, Wappen, Abzeichen, Markenprodukte. Andererseits aber auch illustrative Bilder von hoher assoziativer Kraft: Tiere, Blumen, Muster. Immer wieder findet Birgit Weyhe Wege, Stimmungen und Gefühle zu illustrieren, variiert Zeichenstile und Auftragstechnik. Dass sie dabei auch Anleihen an afrikanische Motiviken macht, erklärt sich nicht allein aus dem Stoff von „Madgermanes“: Birgit Weyhe selbst hat ihre Kindheit in Uganda und Kenia verbracht.</p>
<h6>Die Wende bringt das Ende</h6>
<p>Das Ende der DDR im Jahr 1989 ist auch für Toni, Basilio und Anabella eine Zäsur. Das wiedervereinigte Deutschland hat kein Interesse daran, die mosambikanischen Vertragsarbeiter – mit zu dem Zeitpunkt rund 15.000 Menschen mit Abstand die zweitgrößte Gruppe nach den Vietnamesen – im Land zu behalten („Die hatten schon ihre Türken“, kommentiert Basilio). Zudem wächst der offene Rassismus in den neuen Bundesländern.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/madgermanes-cover-260x367.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-2039" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/madgermanes-cover-260x367.jpg" alt="" width="260" height="367" /></a>Die meisten müssen zurück nach Mosambik und komme doch nie richtig dort an: Was sie an den Werkbänken der DDR gelernt haben, bringt ihnen hier wenig bis nichts. Gleichzeitig haben sie sich vom einfachen Leben in ihrer Heimat entfremdet und vermissen die Annehmlichkeiten und Verbindlichkeiten des Lebens in Europa. Das Schlimmste aber: Von dem Geld, das sie verdient hatten und das in Mosambik auf sie warten soll, sehen die Madgermanes fast nichts. Weil ihnen das aber niemand glaubt, werden sie auch noch als geizig und arrogant betrachtet.</p>
<p>Wie so viele Migranten und Wanderer zwischen zwei Gesellschaften haben sie nun gar kein richtiges Zuhause mehr, viele von ihnen fassen nie wieder wirklich Fuß in Mosambik. Um ihren Lohn kämpfen sie bis heute.</p>
<p><strong>Birgit Weyhe: „Madgermanes“.</strong> Avant-Verlag, Berlin 2016, 240 Seiten, 24,95 Euro</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2016/08/16/schuften-fuer-den-bruderstaat/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Folge dem schwarzen Kaninchen</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2016/08/03/folge-dem-schwarzen-kaninchen/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2016/08/03/folge-dem-schwarzen-kaninchen/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 03 Aug 2016 10:25:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>
		<category><![CDATA[Nullen und Einsen]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>
		<category><![CDATA[Darknet]]></category>
		<category><![CDATA[Nostalgie]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1999</guid>
		<description><![CDATA[KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Das Darknet ist ein Sehnsuchtsort. Es erinnert uns an die Zeit, als das Internet noch eine Welt voller Rätsel und von visionärer Kraft war. (aus der taz vom 3. August 2016) Das schwarze Kaninchen wartet zum vereinbarten]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Das Darknet ist ein Sehnsuchtsort. Es erinnert uns an die Zeit, als das Internet noch eine Welt voller Rätsel und von visionärer Kraft war. <span id="more-1999"></span> (aus der <a href="http://www.taz.de/Kolumne-Nullen-und-Einsen/!132005/" target="_blank">taz</a> vom 3. August 2016)</h3>
<p>Das schwarze Kaninchen wartet zum vereinbarten Zeitpunkt auf mich. Wir treffen uns am unteren Ende des Twitter-Newsfeeds, dort, wo keine neuen Inhalte mehr laden. Ein Wurmloch öffnet sich und wir cybern uns auf die andere Seite, in Sekundenschnelle rasen wir quer durch die Welt und verwischen unsere Spuren: New York, Rio, Tokelau. Schließlich fallen wir in einer Seitengasse in einen Müllcontainer und landen weich auf einem Stapel ungeschredderter Netflix-Kundendaten von Hillary Clinton.</p>
<p class="article even">Wir sind im Darknet, einer Mischung aus Mordor, Sin City und Blade Runner. Der Himmel ist hier immer schwarz und die Gebäude bestehen aus grünen Vektoren. Auf den Straßen verkaufen fliegende Händler alles, was man sich vorstellen kann, und alles Weitere noch dazu: Schrumpfköpfe von türkischen Dissidenten, in Käfigen zusammengepferchte Pikachuwelpen aus Osteuropa, Crystal Crocodile, LSDMA und glutenhaltige Vollei-Nudeln.</p>
<p class="article odd">Vierarmige Zyklopinnen bewachen schummrige Bars, in denen Junghacker und russische Terrorfürsten ihre letzten Bitcoins versaufen. Es gibt hier auch ein Facebook, aber die Urlaubsfotos dort zeigen nur Gewittertage und verschimmelte Hotelzimmer.</p>
<p class="article even">Wir kommen am Eingangstor des Darknets vorbei, es wird von deutschen Journalisten belagert. Jetzt, wo der Neunfachmörder von München „im Darknet“ seine Tatwaffe gekauft hat, wurden sie von ihren Redaktionen geschickt, um das alles einmal aufzuschreiben, die Sache mit dem Hidden Wiki und all den Webshops für Waffen und Drogen und so weiter.</p>
<p class="article odd">Vor allem für die älteren Journalisten ist das Darknet ein Sehnsuchtsort. Es erinnert sie an lange vergangene Zeiten, als das Internet noch eine undurchsichtige Angelegenheit war: zugänglich nur mit Spezialwissen, ästhetisch anspruchslos, langsam, konspirativ, anonym. Verstanden wurde das Netz damals als kohärenter Ort, man konnte „hineingehen“, etwa durch „Portale“, drinnen „traf“ man andere Leute in „Räumen“, immer überlagert von der noch älteren Idee eines Cyberspace, dessen visuelle Codes durch ein paar wegweisende Werke – „Tron“, „Neuromancer“, Neal Stephensons Metaverse, „Matrix“ – für immer festgelegt sind.</p>
<p class="article even">Das alles hat sich längst erledigt. Allerspätestens durch unsere Smartphones wissen wir, dass „das Internet“ sich überall und nirgends zugleich manifestiert. Heute ist es snackable und shareable, bright und durchgestylt. Das Darknet hingegen ist nicht zu fassen, es ist ein chaotischer und unvermessbarer Ort. Für einen kurzen Moment lang bringt es das Mysteriöse, die Ängste, aber auch die Utopien von damals zurück, und das macht es so faszinierend. Glücklich ist, wer das schwarze Kaninchen kennt.</p>
<p class="article odd">Auf einmal fährt neben uns ein großer Bus vorbei, mit offenem Verdeck. Oben stehen Menschen mit bunten Hemden und machen Fotos. Die Leute vom Darknet lassen jetzt hin und wieder Touristengruppen rein, um sich ein wenig Extra-Bitcoins zu verdienen. Es ist der Anfang vom Ende. Die echten Hacker sind eh schon lange im Opaque Web. Das ist noch viel dunkler, geheimer und größer als alles andere.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2016/08/03/folge-dem-schwarzen-kaninchen/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Insulin für alle</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2016/07/26/insulin-fuer-alle/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2016/07/26/insulin-fuer-alle/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 26 Jul 2016 09:28:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anderswo]]></category>
		<category><![CDATA[fluter.de]]></category>
		<category><![CDATA[Science]]></category>
		<category><![CDATA[Bay Area]]></category>
		<category><![CDATA[Biohacking]]></category>
		<category><![CDATA[DIY]]></category>
		<category><![CDATA[Insulin]]></category>
		<category><![CDATA[Medizin]]></category>
		<category><![CDATA[Oakland]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=2004</guid>
		<description><![CDATA[Die Biohacking-Szene in der kalifornischen Bay Area ist groß. Das Open Insuline Project aus Oakland will Diabetesbehandlungen billiger machen. (veröffentlicht auf fluter.de) Mitten in seinem Abschlussjahr an der Universität in Yale verlor Anthony Di Franco plötzlich rasant an Gewicht. Es war egal, wie viel]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die Biohacking-Szene in der kalifornischen Bay Area ist groß. Das Open Insuline Project aus Oakland will Diabetesbehandlungen billiger machen.<span id="more-2004"></span> (veröffentlicht auf <a href="http://www.fluter.de/bei-den-bio-hackern" target="_blank">fluter.de</a>)</h3>
<p>Mitten in seinem Abschlussjahr an der Universität in Yale verlor Anthony Di Franco plötzlich rasant an Gewicht. Es war egal, wie viel er aß. „In der Mensa nahm ich drei Portionen, mittags und abends“, erinnert er sich. „Es waren bestimmt 12.000 Kalorien am Tag, aber ich fühlte mich, als würde ich verhungern. Mein Körper konnte die Energie nicht nutzen. Irgendwann hatte ich mein gesamtes Körperfett verloren.“ In wenigen Monaten nahm er 25 Kilogramm ab, ging aber erst zum Arzt, als er seinen Abschluss in Informatik in der Tasche hatte. Die Diagnose war schnell klar: Diabetes Typ 1.</p>
<p>Di Francos Bauchspeicheldrüse kann das Hormon Insulin nicht mehr produzieren. Das aber ist wichtig, um die mit der Nahrung aufgenommene Glukose (Traubenzucker) aus dem Blut in die Zellen zu schleusen, wo sie in Energie umgesetzt wird. Bei Insulinmangel sammelt sie sich im Blut an – der Blutzuckerspiegel steigt. Das kann auf Dauer Blutgefäße, Nerven und viele Organe schädigen. Weltweit sind rund 422 Millionen Menschen an Diabetes erkrankt, Tendenz steigend. Denn neben genetischen Gründen können auch Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung und Übergewicht zu Diabetes führen.</p>
<p>Elf Jahre später, im Frühjahr 2016, steht Anthony Di Franco in Oakland in einer Mischung aus Chemielabor und Hobbykeller, zwischen einem Regal voller Gläser mit bunten Flüssigkeiten und sterilen technischen Geräten. Wohlgenährt und fit sieht er aus, er trägt eine Radlercap und blaue Schutzhandschuhe und füllt mit Hilfe einer Pipette das Bakterien-Nährmedium aus einem großen Glas um. Seine Krankheit beeinträchtigt ihn kaum, er kann alles essen. Sie beschäftigt ihn aber andauernd: Mehrmals am Tag muss Di Franco seinen Blutzuckerspiegel bestimmen und gegebenenfalls seinen Insulinspiegel regulieren.</p>
<h6>300 bis 400 Dollar Mehrkosten im Monat</h6>
<p>Hinzu kommen die Kosten, denn anders als in Deutschland, wo die gesetzlichen Krankenkassen für Diabeteskranke beinahe alle Ausgaben übernehmen, musste Di Franco bei seiner US-Krankenversicherung einen teureren „Gesundheitsplan“ abschließen: Der kostet mehr im Monat und deckt mehr Leistungen ab. Doch selbst damit hat er noch Ausgaben für Medikamente und Hilfsmittel zum Blutzuckermessen. Insgesamt, sagt Di Franco, kommt er auf Mehrkosten von 300 bis 400 Dollar pro Monat.</p>
<p>Di Franco hat einen Job in einem Start-up in San Francisco, er kann sich das leisten. Viele andere US-Amerikaner können das jedoch nicht. Und das ist der zweite Grund, warum Diabetes Anthony Di Franco so beschäftigt. Mit der Arbeit im Labor in Oakland will er dazu beitragen, die Behandlungskosten für Diabeteskranke zu senken. Ehrenamtlich engagiert er sich im „Open Insulin Project“, das er im vergangenen Jahr selbst mit ins Leben gerufen hat.</p>
<p>Di Franco und seine Mitstreiter treten gegen die Pharmakonzerne an. Denn die haben die Patente für Insulin als Medikament und machen damit ein gutes Geschäft. Dafür, dass das so bleibt, sorgen sie mit dem sogenannten Evergreening. Die Strategie: kurz vor oder nach Ablauf des Patents für ein Medikament ein neues Patent für eine leicht geänderte Formulierung zu beantragen, die dann als Nachfolgeprodukt häufig verschrieben wird.</p>
<p>Aufgrund der großen Komplexität des Insulinmoleküls lässt sich dieses von Generikaproduzenten nicht aufbaugleich herstellen – und auch die Produzenten von Biosimilaren, also hochkomplexen, biotechnologisch hergestellten Arzneimitteln, die sich nur mittels lebender Zellen produzieren lassen und nie völlig identisch (sondern nur ähnlich = similar) mit dem bereits zugelassenen Referenzprodukt sind, scheuten die kostenintensive Entwicklung und Markteinführung eines Insulin-Biosimilars lange Zeit. Erst 2014 und damit rund 90 Jahre nachdem erstmals Insulin als Medikament verwendet wurde, kam in der EU ein Biosimilar auf den Markt. In den USA wird dessen endgültige Zulassung durch die FDA in diesen Wochen erwartet.</p>
<h6>Biologie oder Medizin hat kaum jemand studiert</h6>
<p>Neben Di Franco gehören eine Handvoll Leute zum harten Kern des Open Insulin Project, rund ein Dutzend bilden den erweiterten Kreis. Sie alle machen das in ihrer Freizeit, viele von ihnen sind Amateure, haben also nicht Biologie oder Medizin studiert. Mehrmals pro Woche treffen sie sich zur Laborarbeit. Sie arbeiten daran, Insulin zu gewinnen.</p>
<p>In der ersten Phase des Projekts, die derzeit läuft, wurde ein Stück DNA synthetisch in E.coli-Bakterien eingesetzt. Die Bakterienkultur lassen sie auf einem Nährmedium wachsen, aktivieren dann im richtigen Moment den Trigger, der die Mikrobe Proinsulin – den Ausgangsstoff für Insulin – produzieren lässt. Anschließend probieren sie, durch Zentrifugieren und andere Verfahren möglichst viel reines Insulin aus der Zellkultur zu isolieren – wenn nicht, wie im Mai, für einige Wochen die Zentrifuge ausfällt und erst mal repariert werden muss. Immer und immer wieder setzen sie Bakterienkulturen an, verändern Parameter wie pH-Wert oder Dauer und probieren verschiedene Gewinnungsverfahren. (Wer es genauer wissen will: Hier geht es <a href="http://openinsulin.org/june-update/">zum Juni-Update</a> des Open Insulin Projects.)</p>
<p>Das alles machen sie natürlich nicht in der Küche von Anthony Di Francos Wohnung, sondern in den Counter Culture Labs. Die sind Teil des alternativen Gemeinschaftszentrums Omni Commons, das die 2014 aus der Occupy-Bewegung heraus entstandene Omni Collective betreibt. Im Raum der Counter Culture Labs herrscht anarchische Ordnung: Ein Sammelsurium von breit gesessenen Schreibtischstühlen dient für Meetings, ein Süßigkeitenautomat wurde zum Kühlschrank für Petrischalen umfunktioniert.</p>
<h6>Bürgerwissenschaft mit DIY-Attitüde</h6>
<p>Die Counter Culture Labs sind Teil der stetig wachsenden Biohacking-Community. Die Anlehnung an die Hackerszene ist bewusst gewählt: Die sub- und gegenkulturellen Wurzeln, der Geist des Do it yourself und die Ethik eines offenen Austauschs sind vergleichbar. Es geht um Bürgerwissenschaft, um eine Demokratisierung von Wissen und den Abbau von Wissenshierarchien. Doch wo „klassische“ Hacker Computer, Maschinen und Netzwerke ergründen, ihre Möglichkeiten austesten und bis auf die Ebene der Bits und Elektronen vordringen, um neue Funktionen zu schaffen, machen Biohacker dies eben mit Lebewesen, Körperfunktionen, Sinneswahrnehmung und auf der Ebene von Molekülen und Genen.</p>
<p>„Die Ära der Garagen-Biologie steht uns bevor“, verkündete das US-amerikanische Technikmagazin „Wired“ bereits im Jahr 2005. Und in der San Francisco Bay Area, zu der auch Oakland gehört, in direkter Nachbarschaft zu den Elite-Unis in Berkeley und Stanford und den Start-ups des Silicon Valley, ist die Bewegung besonders stark vertreten.</p>
<p>Finanziert ist das oftmals durch Spenden. Auch das Open Insulin Project sammelte seine Mittel durch Crowdfunding ein, so kamen im Frühjahr 2015 über 16.000 Dollar als Finanzierung für die erste Phase zusammen. Rund 15 bis 20 Stunden Arbeit pro Woche steckt Anthony Di Franco seitdem in das Projekt, knapp 100 Wochenarbeitsstunden sind es aufs gesamte Team gerechnet.</p>
<h6>Mehrere Jahre Arbeit</h6>
<p>Auf mehrere Jahre schätzt Anthony Di Franco die Projektdauer – doch wer weiß, wie lange die Motivation bei den ehrenamtlichen Mitarbeitern hält und ob auch in weiteren Crowdfunding-Runden wieder Geld zusammenkommt. Und überhaupt darf man sich durchaus fragen, wie ausgerechnet eine Gruppe Hobbybiologen eine so große Aufgabe stemmen will, von deren Komplexität selbst Generikafirmen bisher die Finger gelassen haben. Oder wie verlässlich Insulin aus dem Heimlabor wohl wäre und ob es jemals ohne Vorbehalte an Patienten abgegeben werden könnte.</p>
<p>Doch diese Fragestellung wäre zu sehr ergebnisfixiert. Dem Open Insulin Project geht es um Grundlagenforschung. „Trial and Error“ ist Methode, und der Weg ist das Ziel beim Wissensgewinn. Genauso wichtig wie die Ergebnisse bei der Insulingewinnung ist für Di Franco und seine Mitstreiter daher die Dokumentation des Projektes: eine Versuchsanleitung, in der alle ihre Arbeitsschritte – auch die misslungenen – exakt beschrieben werden. Diese soll, ganz im Sinne der Open-Source- und Open-Access-Bewegung, der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung gestellt werden. So könnten andere Forscherteams – oder sogar irgendwann auch die Hersteller von Generika – damit weiterarbeiten.</p>
<p>Und darüber hinaus will das Projekt einen kleinen Beitrag zur Ermutigung, zum „Empowerment“ leisten: Diabetespatienten haben sich in der #WeAreNotWaiting-Kampagne zusammengeschlossen, die mit Open-Source-Technologie-Projekten das Leben von Diabetespatienten verbessern will. Ihre Message ist auch die von Anthony Di Franco: Patienten und Betroffene sind im 21. Jahrhundert nicht mehr machtlos gegenüber den Pharmakonzernen. Im Zweifel nehmen sie ihr Schicksal einfach selbst in die Hand und setzen die Industrie so lange unter Druck, bis sie reagiert.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2016/07/26/insulin-fuer-alle/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>￼Unser täglich Gras gib uns heute</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2016/06/25/%ef%bf%bcunser-ta%cc%88glich-gras-gib-uns-heute/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2016/06/25/%ef%bf%bcunser-ta%cc%88glich-gras-gib-uns-heute/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 25 Jun 2016 15:35:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anderswo]]></category>
		<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Reportage]]></category>
		<category><![CDATA[Drogen]]></category>
		<category><![CDATA[Kalifornien]]></category>
		<category><![CDATA[Marihuana]]></category>
		<category><![CDATA[Nonnen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=2010</guid>
		<description><![CDATA[Gott will, dass wir nur allerbestes Marihuana verkaufen. Mit diesem Motto sind die heiligen Schwestern von Merced in den Unternehmerhimmel aufgestiegen. (erschienen in Dummy Nr. 51 &#8220;Geschwister&#8221;, Sommer 2016) Am vierten Tag des Mondzyklus ist die Pistole von Sister Kate]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Gott will, dass wir nur allerbestes Marihuana verkaufen. Mit diesem Motto sind die heiligen Schwestern von Merced in den Unternehmerhimmel aufgestiegen.<span id="more-2010"></span> (erschienen in Dummy Nr. 51 &#8220;Geschwister&#8221;, Sommer 2016)</h3>
<p>Am vierten Tag des Mondzyklus ist die Pistole von Sister Kate plötzlich weg. Sie muss gestohlen worden sein, schon vor einigen Wochen, aber es war bisher niemandem aufgefallen. Die Waffe ist registriert, der Sheriff wird informiert. Er kommt sofort.</p>
<p>Und da steht er nun mit Glatze, Sonnenbrille und schusssicherer Weste in diesem herrlich verwilderten Garten irgendwo im kalifornischen Frühling und redet mit Sister Kate, einer kleinen Frau in einem fliederfarben-weißen Nonnenhabit. Ein kleiner pudeliger Hund wuselt zwischen ihren Beinen umher, es riecht nach Lehmboden, Vögel zwitschern, und zwischen Pappeln und Palmen wachsen in Kuhlen auf dem Rasen zwölf kleine Hanfpflanzen.</p>
<p>Im Raum hinter der Verandatür sitzt Sister Darcy, ebenfalls wie eine Nonne gekleidet, am Computer. Daneben machen zwei Frauen Medizin versandfertig, kleben Etikett um Etikett auf die Gläser mit der Heilsalbe, die zum größten Teil aus Kokosöl und Cannabis besteht, das große Glas für 95 Dollar.</p>
<p>Sister Kate ist die Äbtissin und Sister Darcy die Priorin der „Sisters of the Valley“. Sie sind Feministinnen und Bernie-Sanders-Anhängerinnen, sie folgen den sechs Gelöbnissen und leben gemeinsam in ihrer Abtei, einem eingeschossigen Haus auf einem kleinen Anwesen im kalifornischen Central Valley. Katholisch sind sie nicht. Ihre Botschaft senden sie mit dem Paketservice in alle Welt: Salben und Tinkturen aus Cannabisextrakten. 60.000 Dollar haben sie damit 2015 umgesetzt, im ersten Quartal 2016 war es bereits genauso viel, weil die Geschichte mit den grasanbauenden Nonnen so gut in den Medien funktioniert.</p>
<h6>Männer dürfen nur zugucken</h6>
<p>Begonnen hatten sie den Mondzyklus wie immer mit einer Zeremonie: Frauen aus der Nachbarschaft waren in der Neumondnacht zu ihnen gekommen, es wurde gebetet, gesungen, gelesen, den Göttinnen gedankt, anschließend gab es ein veganes Buffet. Männer durften auch dabei sein, aber nur zugucken. Auch an der Medizinherstellung, die nur bis zum Vollmond erlaubt ist, sind ausschließlich Frauen beteiligt. So sehen es die Traditionen vor.</p>
<p>Vor zehn Jahren war Sister Kate noch die Unternehmensberaterin Christine Meeusen. Sie lebte mit Mann und Kindern in Amsterdam, stand politisch eher den Republikanern nahe und leitete ihre eigene kleine Agentur. Ihr Spezialgebiet: Deregulierungsprozesse, damals etwa auf dem Telekommunikationsmarkt. Es lief gut, bis sie dahinterkam, dass ihr Mann hinter ihrem Rücken den gesparten Wohlstand in einem Geflecht von Bankkonten versteckt hatte.</p>
<p>Pleite und geschieden kehrt Christine Meeusen 2007 zurück in die USA. Nicht nach Wisconsin, wo sie 1959 geboren wurde, sondern nach Merced, zu ihrem Bruder. Merced liegt im Central Valley, dank Bewässerungsanlagen und 250 Sonnentagen im Jahr ist es der Obstgarten der Nation, hier wachsen Mandeln und Pfirsiche, Wein und auch Hanf.</p>
<div class="column">
<p>1996 war Kalifornien der erste US-Bundesstaat, der den Einsatz von Cannabis für medizinische Zwecke legalisierte, bei einer Volksabstimmung entschieden sich 56 Prozent der Kalifornier für die Freigabe unter Auflagen. Inzwischen haben 23 Bundesstaaten nachgezogen, wobei Colorado, Oregon und Washington sogar noch weiter gehen und auch die nichtmedizinische Nutzung teilweise entkriminalisiert haben.</p>
<h6>Der am schnellsten wachsende Wirtschaftszweig der USA</h6>
<p>Hier entsteht gerade eine Riesenindustrie, es ist der am schnellsten wachsende Wirtschaftszweig der USA. 2,7 Milliarden Dollar wurden 2015 umgesetzt – allein in Kalifornien. Bis 2020 soll sich der Umsatz verdoppeln. Prominente wie Snoop Dogg interessieren sich für den Markt genau wie Selfmade-Millionäre aus dem Silicon Valley.</p>
<p>Das kapiert Christine Meeusen schon 2008: „Ich hab zwar von Landwirtschaft keine Ahnung und kann nicht einmal eine Hauspflanze am Leben erhalten“, sagt sie rückblickend. „Aber mit deregulierten Märkten kenne ich mich aus. Und diesen konnte ich eine Meile gegen den Wind riechen.“ Gemeinsam mit ihrem Bruder steigt sie damals in den therapeutischen Hanfanbau ein, zunächst für gemeinnützige Zwecke.</p>
<p>Und dann kommt Occupy. Meeusen, die sich seit ihrer Rückkehr politisch deutlich nach links bewegt hat, steigt voll ein in die Bewegung der 99 Prozent. Als im Herbst 2011 die Meldung die Runde macht, der republikanisch dominierte Senat habe Pizza als Gemüse definiert, um die Ernährungsstatistik an Schulen zu verbessern, sagt sie: „Wenn Pizza ein Gemüse ist, dann kann ich auch eine Nonne sein.“</p>
<p>Auf Demonstrationen erscheint sie ab sofort in einem Nonnenkostüm. Schnell wird sie als Sister Occupy bekannt. Andere Frauen fragen sie, ob sie Teil ihres Ordens werden können. Native Americans laden sie zu einer Zeremonie auf einem heiligen Berg ein. Jedes Mal weist sie darauf hin, dass sie nicht katholisch sei, doch jedes Mal ist das den Leuten egal. Eine Idee wächst in Sister Kate, wie sie sich inzwischen nennt. Schon seit einiger Zeit hat sie mit der Herstellung von Salben und Tinkturen experimentiert, denn sie will nicht länger Menschen das Rauchen beibringen, die mit Parkinson im Bett liegen. Sie will auch nicht länger nur die Kranken und Sterbenden im Valley versorgen – sondern exportieren und Geld in diese strukturschwache Region bringen.</p>
<h6>„Hilf mir, das wie einen guten Film aufzuziehen“</h6>
<p>Also entwickelt sie ihre Salben zu einer Produktlinie. Und sie besucht John Patti, einen befreundeten Dokumentarfilmer aus Los Angeles, und bittet ihn: „Hilf mir, das wie einen guten Film aufzuziehen.“ Gemeinsam schaffen sie die Sisters of the Valley, klären „die grundlegenden Herausforderungen, um althergebrachtes Wissen und Brauchtum in ein modernes New-Age-Business zu übertragen“. Sie sorgen für eine Corporate Identity, für Kontinuität, für eine plausible Geschichte ohne innere Widersprüche. Sie beantworten Fragen, etwa: Dürfen verheiratete Frauen aufgenommen werden? Wenn nur Frauen die Medizin herstellen und nur Männer das Gras anbauen dürfen, wie geht man dann mit Transmenschen um? Auch der Mondzyklus ist auf diese Weise entstanden sowie die sechs Gelöbnisse der Sisters, zu denen Aktivismus, Umweltbewusstsein und auch Keuschheit zählen.</p>
<p>John ist immer noch dabei, als Brother John ist er der Brand Image Protector und Berater der Sisters of the Valley. Dazu hat Sister Kate weitere Mitstreiter um sich geschart. Wie Sister Darcy, ihre Priorin, die Nummer zwei im Schwesternorden. Oder Zane, der als eine Art Projektmanager in einem Wohnwagen neben dem Anwesen der Sisters lebt.</p>
<p>Darcy ist erst 25. Bevor sie im Herbst 2015 zu den Sisters kam, jobbte sie in einem Burgerladen und baute privat Hanf an. Davor hatte sie ein Jahr in Neuseeland verbracht und Erfahrungen in der Landarbeit gesammelt.</p>
<p>Sie ist der ruhige Gegenpart zu Sister Kate. „Wäre ich katholisch, wäre ich wohl eine Nonne“ sagt sie. „Weil ich ein wenig zu ordentlich und erwachsen bin. Und weil ich schon immer die Idee mochte, mit anderen Frauen zusammenzuleben. Wie aufregend! Das hier ist all das, was ich immer machen wollte: gemeinsam für Gleichberechtigung und gegen die Stigmatisierung von Cannabis kämpfen.“</p>
<p>In der Abtei kümmert sich Sister Darcy um den Versand und die Rohmaterialbestellungen, hat die Aufsicht über den Pflanzenanbau, die Medizinproduktion und den Kundenservice. Aktuell denkt sie über die Anschaffung einer Schüttelmaschine für die Tinkturherstellung nach, denn per Hand ist das nicht mehr zu leisten. Ein Ultraschallreinigungsgerät wäre eine Alternative, ein kleines Modell hat Darcy probehalber schon mal angeschafft.</p>
<h6>Ein kiffender Truckfahrer</h6>
<p>Brother Zane hingegen regelt von der Security über die Abwicklung mit Handwerkern bis hin zum YouTube-Kanal alles, was logistisch anfällt. Er ist Anfang 40, ein Slacker aus Hawaii, der beim Interview erst mal von Noah Chomskys Linguistiktheorie erzählt. Kennengelernt hat er Sister Kate über Occupy. Damals war er Gebäudemanager, später arbeitete er ein paar Jahre als Lkw-Fahrer, bis er eine Pause machen musste, weil er in Colorado gekifft hatte. Was legal ist, aber für einen Truckfahrer eben nicht die beste Idee.</p>
<p>Zane hatte Sister Kate auch das Schießen beigebracht, mit der Waffe, die nun gestohlen wurde. Dabei sei sie doch eigentlich strikt gegen Waffen, sagt Kate. Überlebenswichtig war die Pistole dennoch im vergangenen Herbst: Kate und Zane bewachten ein Grundstück, auf dem ihr Hanf angebaut wurde, damals gab es die Abtei noch nicht. Um fünf Uhr morgens kamen die Räuber, zwölfmal schossen sie auf das Wohnmobil. Zane schoss zurück. Die Angreifer suchten das Weite, verletzt wurde niemand. Anschließend wurde sofort geerntet, wenn auch viel zu früh. 200.000 Dollar hätten die Pflanzen bringen können, so waren es nur 60.000. Doch wenn Räuber einmal wissen, wo das Gras ist, kommen sie wieder.</p>
<p>„Das ist der Wilde Westen hier“, sagt Sister Kate, sie erzählt von Kartellen und wilde Geschichten, die sich kaum überprüfen lassen: dass Gangs aus Los Angeles als Initiationsritus Leute zum Drive-by-Shooting herschicken, dass Banditen im Herbst aus den Bergen kommen, um nach Grasfeldern zu riechen. Dass die Polizeieinheiten sich nicht so recht um das Problem kümmern, denn dann würden sie die Sondermittel für die Kartellbekämpfung verlieren.</p>
<p>Warum gehen die Sisters of the Valley nicht einfach in eine friedlichere Gegend, zum Beispiel ins nordkalifornische Mendocino, oder gleich nach Oregon? „Weil Nonnen nicht dahin gehen, wo es gemütlich ist. Und die Leute hier brauchen uns.“ Viele Hispanics lebten in diesem Teil des Central Valley, die meisten hätten keine Ersparnisse, keinen Urlaub, keine Krankenversicherung, nicht mal ein Bankkonto, sagt Sister Kate. „Wir könnten an Orte gehen, wo es uns besser geht – aber dann hätten wir nicht das Recht, unseren Habit zu tragen.“</p>
<h6>Man will das alles glauben</h6>
<p>„Nuns wouldn’t go where it’s comfortable.“ Das ist diese Sorte Powersatz, von der Sister Kate alle Viertelstunde einen raushaut. Wie „It’s the wild, wild west.“ Oder: „We might have shorter lives, but they are more interesting.“ Sister Kate redet wie ein Wasserfall, und sie redet ziemlich gut: klar, anekdotenreich, mit einer vom Leben angerauten Stimme und natürlicher Autorität. Man will ihr das alles glauben, diese ganze verrückte Geschichte von den Hanfnonnen. Ein wenig verpeilt und zugleich absolut zupackend erscheint sie dabei, mitfühlend und dann plötzlich eiskalt, etwa wenn sie von einer älteren „Bewerberin“ für ihren Schwesternorden erzählt, die sie nicht aufgenommen hat. „Was soll ich mit alten Frauen? Ich will eine Zukunft für Schwestern.“</p>
<p>Ist sie eine freundliche alte Anarchistin mit einer Vision für eine bessere Welt? Oder eine sehr clevere Geschäftsfrau mit einer verdammt guten Marketingstrategie? Oder, und das funktioniert so wohl nur in den USA, einfach beides auf einmal?</p>
<p>Auf jeden Fall haben die Sisters jetzt erst mal ein Nachschubproblem: In der Abtei wird das Gras knapp, es gibt bei weitem nicht genug für die nächste Salbenproduktion. Überhaupt reichen den Sisters die eigenen Pflanzen schon lange nicht mehr, sie importieren Öl und Pflanzen aus Mendocino, aus Colorado, Italien und sogar Deutschland. Nicht mehr als zwölf Cannabispflanzen pro Grundstück – und die auch nur für den Eigenbedarf – sind in Merced County erlaubt.</p>
<p>Bleibt noch die Sache mit der Pistole.</p>
<p>„Es war die einzige, die wir hatten“, sagt Sister Kate. „Jetzt muss ich eine neue für 700 Dollar kaufen.“</p>
<p>„Nein, nein, warte, wir kriegen eine Flinte für 20 Dollar“, sagt Zane. „Außerdem streut die viel weiter. Man muss nur grob in die richtige Richtung zielen.“</p>
<p>„Und wir müssen nicht erneut durch den Lizenzierungsprozess. Wir hatten damals keine Flinte gekauft, weil wir noch im Wohnwagen gelebt haben. Aber mit unserem eigenen Anwesen macht das vermutlich mehr Sinn.“</p>
<p>„Uuuund: der Klick-klick-Faktor. Jeder kennt das und findet es einschüchternd.“</p>
<p>„Also ist es einfacher und geht schneller. Vielleicht fahre ich nachher einfach los und kaufe eine Shotgun.“</p>
<p>„Lass uns gleich zwei kaufen.“</p>
</div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2016/06/25/%ef%bf%bcunser-ta%cc%88glich-gras-gib-uns-heute/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Das Free-Jazz-Gebet</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2016/06/15/das-free-jazz-gebet/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2016/06/15/das-free-jazz-gebet/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 15 Jun 2016 16:28:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anderswo]]></category>
		<category><![CDATA[fluter.de]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Reportage]]></category>
		<category><![CDATA[Stadt]]></category>
		<category><![CDATA[Bay Area]]></category>
		<category><![CDATA[Gentrifizierung]]></category>
		<category><![CDATA[Jazz]]></category>
		<category><![CDATA[John Coltrane]]></category>
		<category><![CDATA[Kalifornien]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[San Francisco]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=2021</guid>
		<description><![CDATA[In San Francisco verehrt eine Kirche den Jazz-Saxofonisten John Coltrane als Heiligen. Doch in einer Stadt der steigenden Mieten ist kein Platz mehr für sie. (gemeinsam mit Felix Denk, erschienen auf fluter.de) Besonders heilig sieht der Neubau in der Fillmore]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>In San Francisco verehrt eine Kirche den Jazz-Saxofonisten John Coltrane als Heiligen. Doch in einer Stadt der steigenden Mieten ist kein Platz mehr für sie.<span id="more-2021"></span><br />
(gemeinsam mit Felix Denk, erschienen <a href="http://www.fluter.de/das-free-jazz-gebet">auf fluter.de</a>)</h2>
<p>Besonders heilig sieht der Neubau in der Fillmore Street nicht aus, im Erdgeschoss würde man eher eine Arztpraxis oder eine Anwaltskanzlei vermuten. Klappstühle stehen in Reihen, die Decke ist unverkleidet, Lamellenrollos verhindern, dass Passanten von der Straße reinglotzen. Es ist Sonntag. Gleich geht’s hier los mit einem Gottesdienst.</p>
<p>Von der Decke hängen Siebdruck-Fahnen in Batikoptik. Die Wände schmücken raumhohe ikonenhafte Darstellungen von Maria und Jesus mit schwarzer Hautfarbe und goldenem Heiligenschein, zentral ist aber das Bildnis von John Coltrane, der wie ein König in weißem Gewand auf einem Thron sitzt, das Saxofon in der linken, eine Schriftrolle in der rechten Hand, auch er mit Heiligenschein.</p>
<p>John Coltrane (1926–1967) war ein Jazz-Saxofonist. Hier ist er ein Heiliger. Für Europäer mag das komisch klingen. Tatsächlich ist die Kirche in San Francisco aber kein obskurer Fanclub, sondern eine ordentliche christliche Glaubensgemeinschaft. Sie existiert seit 1971 und ist seit 1982 Teil der African Orthodox Church. Dass sie John Coltrane, insbesondere sein berühmtes Album „A Love Supreme“, verehrt, hat damit zu tun, dass dieses als Loblied auf Gott gedacht war. Außerdem ist der Kirchengründer Franzo W. King glühender Jazzfan. Ja, mehr noch: Als er Coltrane erstmals spielen hörte, empfand er es als Klangtaufe. Und so ist der Free Jazz ein zentrales Element des Gottesdienstes.</p>
<p>Doch bis der losgeht, dauert es erst mal. Für zwölf Uhr ist die Messe angesetzt, und langsam füllt sich der Raum. Zwei kleine Mädchen verkaufen Lotterielose. Es sind etwa 40 Leute anwesend, darunter auch einige Touristen. Als Marlee-I Mystic, eine der Töchter von Franzo W. King, den Gottesdienst gegen halb eins eröffnet, erklärt sie zur Sicherheit, was uns erwartet: „Manche Leute fragen: ‚Wann beginnt die Performance?‘, aber so läuft das hier nicht“, sagt sie und ruft alle zum Mitmachen auf: „Participate! Singt – und wenn ihr das nicht wollt, dann klatscht, trampelt mit den Füßen oder ruft ‚Halleluja‘.“ Verzichten solle man dafür bitte auf Filmaufnahmen.</p>
<h6>Treibende, langsame, meditative Rhythmen</h6>
<p>Anschließend werden ein paar Tamburine verteilt und, nun ja: die Performance beginnt. Die ersten anderthalb Stunden gehören fast allein der achtköpfigen Band. Marlee-I Mystic übernimmt den Gesangspart, sie trägt die religiösen Parts vor, gesungen und spoken-word-artig. Jedes der Stücke wird über mindestens zehn Minuten gespielt, mit treibenden, langsamen, trommeligen, meditativen Rhythmen, immer wieder unterbrochen von Saxofon- und Klarinettensoli.</p>
<p>Der Free Jazz, der hier gespielt wird, steht gleich in mehrfacher Hinsicht für eine Befreiung. Einerseits religiös. Die afroamerikanische Musik fand schon immer Inspiration in der Spiritualität – und in der Kirche. Die Spirituals, der Gospel sind Urformen, auf die sich Generationen schwarzer Musiker immer wieder bezogen haben. Soulstars wie Al Green oder Solomon Burke waren Pastoren. Selbst aktive House- und Techno-DJs wie Terrence Parker, Chez Damier und Robert Hood <a href="http://daily.redbullmusicacademy.com/2015/08/house-techno-religion-feature">predigen</a>, wenn sie nicht gerade in Clubs auflegen.</p>
<p>Andererseits hatte der Free Jazz auch politische Obertöne. Viele Musiker der 1960er-Jahre verstanden die neue Musik als universellen Befreiungsakt – aus dem Korsett von Takt und Harmonie, aber auch aus ihrer gesellschaftlichen Situation. Coltrane und viele andere waren Teil der Civil Rights Movement rund um Martin Luther King Jr., die sich für das Ende der Rassentrennung aussprach. In Zeiten der #blacklivesmatter-Bewegung ist dieses Erbe so aktuell wie lange nicht mehr.</p>
<p>Im Gottesdienst in der Fillmore Street haben die Musiker sich und die Gemeinde inzwischen warmgespielt. Die Stimmung ist nicht wie in so einem „Sister Act“-Klischee-Gospelgottesdienst, wo alle zusammen in die Hände klatschen. Die Musik und Gottes Botschaft werden hier eher allein, meditativ rezipiert: Einige wippen ein wenig mit, manche steigen immer weiter in den Rhythmus ein, andere rühren sich gar nicht, wieder andere, wie ein junger Weißer mit Jackett und Hemd, gehen voll aus sich heraus.</p>
<h6>Die Besucher repräsentieren ein vergangenes San Francisco</h6>
<p>Immer weiter füllt sich die Kirche, bis fast alle Plätze besetzt sind, jetzt sind über 60 Menschen da, einige müssen stehen. Vorne tanzt eine schlanke ältere Frau, die aussieht, als wäre sie als Hippie vor 40 Jahren in die Stadt gekommen und einfach geblieben. Es ist Megan Haungs, Minister of Tap Percussion Dance, eine Art Priesterin des Klangs. Auch ein kleines blondes Kind läuft vorne herum, ein wenig fühlt sich das alles an wie in einem grün-alternativen Kinderladen in den 80ern, und ein wenig ist die Stimmung auch aus der Zeit gefallen: Die Leute, die in der Kirche zusammenkommen, repräsentieren ein vergangenes San Francisco.</p>
<p>Eines, das gerade von den Zehntausenden jungen, konsumfreudigen und kapitalismusgläubigen Menschen aus aller Welt verdrängt wird, die in die Stadt kommen und im Silicon Valley arbeiten. Die bei Facebook, Google und Co. oder gepusht von Venture-Kapital so viel Geld verdienen, dass sie auch 5.000 Dollar Monatsmiete zahlen können und immer noch genug Geld haben für den Yogakurs und den Wochenendausflug ins Spa nach Lake Tahoe.</p>
<p>Wenn viele neue Menschen kommen, werden oft andere verdrängt. Geschichten von „Evictions“, Räumungen, kann fast jeder alteingesessene Mieter in der Stadt erzählen. Das betrifft auch das Quartier rund um die Fillmore Street. Früher war die Gegend mal als das „Harlem des Westens“ bekannt, bewohnt von vielen Arbeitern, die während der „Great Migration“ aus den Südstaaten in die Stadt gekommen waren. Davon ist heute nicht mehr viel übrig: Seit 1970 hat sich die schwarze Einwohnerschaft von San Francisco halbiert, von den verbleibenden Bewohnern wurden viele in Stadtviertel am Rand gedrängt. Durch die Mietenexplosion in den vergangenen zehn Jahren ist der Druck noch gestiegen.Auch die St. John Coltrane Church ist davon betroffen. Dieser Gottesdienst im April ist vorerst einer der letzten vor der „Eviction“. Seit Anfang Mai hat die Kirche keine festen Gemeinderäume mehr. Auch sie konnte die Miete nicht mehr zahlen.</p>
<p>Der Redeteil des Gottesdienstes beginnt. Auch das läuft hier anders als etwa in Europa. Nicht nur der Priester spricht, sondern mehrere Personen aus dem Inner Circle der Kirche. Sie erzählen, beten, und auch die Leute im Publikum rufen mal was dazwischen, eine Anmerkung und einfach „Yeah“ oder natürlich „Amen“ und „Halleluja“. Auch ein kleines Kind ruft einmal „Halleluja“, und alle klatschen selig. Die eigentliche Predigt hält Archpriest Rev. Wanika King Stephens, die vorher noch am Bass stand, eine weitere Tochter des Kirchengründers. Sie spricht mit einer warmen, schwingenden Stimme. Das Thema der Predigt: Selbstdisziplin.</p>
<h6>„Das ist hier kein Trauergottesdienst&#8221;</h6>
<p>Ein wenig Selbstdisziplin erfordert inzwischen auch der Gottesdienst, der mehr als drei Stunden andauert. Zum Schluss kommen die „Announcements“ dran, eine Art offenes Mikrofon für alle Anwesenden. Auch His Eminence The Most Reverend Archbishop F. W. King D.D., der Gründer der Kirche, erhebt nun sein Wort: Er erzählt von einer jüngst verstorbenen Schwester, Bonnie Lee, die er schon ewig kennt. Auch andere sagen etwas über sie, und einige Familienangehörige sind da, es wird kurz ergreifend, aber dann sagt King: „Das ist hier kein Trauergottesdienst. Wir sind eine fröhliche Kirche!“</p>
<p>Am Ende geben sich alle die Hände – die Dreadlock-Träger, die Touristen, die beiden älteren schwarzen Damen, die in vornehmen Sonntagskleidern gekommen sind. Die Menschen in der Fillmore Street sind zu einer verschworenen Gemeinschaft geworden. Der Schlagzeuger meldet sich zu Wort und sagt: „Eine Sache dürft ihr nicht vergessen: Die Coltrane-Kirche ist eine geistige Verbindung. Wir hören nicht auf. Auch nicht, wenn wir in zwei Wochen hier rausmüssen.“</p>
<p><em><strong>Nach ein paar Wochen Pause</strong> finden die Gottesdienste nun einstweilen in der Turk Street statt, ein paar Blocks weiter östlich. Doch auch diese Lösung ist nur temporär.</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2016/06/15/das-free-jazz-gebet/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Krieg und Klarkommen</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2016/03/02/krieg-und-klarkommen/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2016/03/02/krieg-und-klarkommen/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 02 Mar 2016 17:14:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Comic]]></category>
		<category><![CDATA[fluter.de]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Comics]]></category>
		<category><![CDATA[Coming-of-Age]]></category>
		<category><![CDATA[Dreißigjähriger Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Science-Fiction]]></category>
		<category><![CDATA[Superheld]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=2013</guid>
		<description><![CDATA[Zwei bemerkenswerte Comic-Debüts zeichnen eindringliche Porträts von Teenagern in ganz unterschiedlichen Situationen: einmal im Dreißigjährigen Krieg, einmal in der nahen Zukunft. (veröffentlicht auf fluter.de) Eine abgemagerte Frau, von Hunger und Winterkälte in den Wahn getrieben, kaut auf ihren abgefrorenen Zehen]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Zwei bemerkenswerte Comic-Debüts zeichnen eindringliche Porträts von Teenagern in ganz unterschiedlichen Situationen: einmal im Dreißigjährigen Krieg, einmal in der nahen Zukunft. <span id="more-2013"></span>(veröffentlicht auf <a href="http://www.fluter.de/bei-den-bio-hackern" target="_blank">fluter.de</a>)</h3>
<p>Eine abgemagerte Frau, von Hunger und Winterkälte in den Wahn getrieben, kaut auf ihren abgefrorenen Zehen herum. Galgenbäume sind die einzige Orientierung in einer Landschaft, die einst Wald war und jetzt nur noch eine Steppe aus Baumstümpfen.</p>
<p>Es wirkt wie eine postapokalyptische Welt, die Lukas Kummer in seiner Graphic Novel „Die Verwerfung“ entwirft, und dabei ist es der Südwesten Deutschlands kurz vor Ende des Dreißigjährigen Krieges. Schlachten zwischen Protestanten und Katholiken, Habsburgern und Franzosen, Kaisertreuen und Fürsten fegten zwischen 1618 und 1648 über Mitteleuropa hinweg und „verheerten“ einige Landstriche im wahrsten Wortsinne: Die Armeen und Söldner nahmen sich von der Bevölkerung, was sie kriegen konnten, immer und immer wieder, dazu kamen Pest und Hungersnöte. Die Region rund um Rhein und Main war mit am stärksten betroffen, bisweilen überlebte nur ein Drittel der Bevölkerung.</p>
<p>Die Protagonisten, die der 1988 in Österreich geborene Lukas Kummer in „Die Verwerfung“ durch diese Hölle schickt, sind zwei Waisenkinder, vielleicht 12 und 16 Jahre alt, die sich dem Heer der Schweden anschließen wollen: Jakob und Harald Krainer heißen sie, wobei Harald nur ein Deckname ist. Es handelt sich um Johanna, die ihr Geschlecht lieber verbirgt, um mehr Stärke demonstrieren zu können und nicht zum Opfer von Schändungen zu werden. Sie essen erfrorenes Korn, Baumrinde, und an guten Tagen findet sich in einem ausgeräucherten Bauernhof ein wenig Schweineschmalz.</p>
<h6>Pragmatismus und Moral in der Wolfsgesellschaft</h6>
<p>Johanna als das ältere Kind hat den verantwortungsvollen Part inne und damit auch längst den Pragmatismus der rechtsfreien Wolfsgesellschaft angenommen, in der sie lebt: Jeder ist ein potenzieller Feind, und wer überleben will, muss skrupellos und immer auf der Hut sein. Jakob ist von sensiblerer Natur. Er hat dauernd Husten und auch noch so etwas wie Moral. Hin und wieder haut er depressiv-nihilistische Erkenntnisse raus: „Es ist nicht das Vernichtende, das in allen Dingen steckt, sondern das Selbstvernichtende.“ Oder: „Von dem Tag an, wo Gott die Erde gemacht hat, hat sich davon Stück und Stück immer alles ein bisschen mehr in Unrat verkehrt.“</p>
<p>Mit harten Kontrasten setzt Lukas Kummer das Elend in Szene, nur Schwarz, Weiß und einen Grauton erlaubt er sich, aber keine Schraffuren und Zwischenstufen. Kummers Strich ist so dünn und zittrig wie die Überlebenschancen der Geschwister Krainer, die verloren über weiße Seiten laufen – die Hintergründe lässt Kummer fast immer leer. In den massiven Weißraum sind Buchstaben dünn wie Gerippe gesetzt.</p>
<p>„Die Verwerfung“ ist die Abschlussarbeit Lukas Kummers an der Kunsthochschule Kassel. Es ist ein stilistisch enorm starkes Comic-Debüt und als Leseerlebnis absolut demoralisierend. Dennoch bleibt man dran, will man wissen, ob und wie es weitergeht mit „Harald“ und Jakob, ob sie durchkommen und sich dabei noch ein wenig Menschlichkeit bewahren können.</p>
<p>Erschienen ist „Die Verwerfung“ im Januar bei Zwerchfell, einem kleinen Indie-Comicverlag aus Stuttgart – und der hat parallel gleich noch ein weiteres Debüt mit Teenagern in der Hauptrolle veröffentlicht. Das allerdings könnte kaum unterschiedlicher sein: Statt in der Vergangenheit spielt Moritz von Wolzogens „Totality“ in einer leicht futuristischen Alternativgegenwart, in einer Metropole mit dem seltsam provinziellen Namen St. Georgen. Hier gehen Alex, Merle und Simon in eine Klasse. Die drei sind ein wenig wie die X-Men, sie haben spezielle Fähigkeiten. Was cooler klingt, als es ist, denn als Jugendlicher ist jede Abweichung von der Norm ein Freakfaktor. Auch die drei Protagonisten machen Erfahrungen mit Mobbing.</p>
<h6>Kontrollverlust und Selbstfindung</h6>
<p>Pubertät und aufkeimende Superkräfte sind natürlich eine beliebte Symbolik-Kombi für Kontrollverlust, Selbstfindung und das Klarkommen mit dem eigenen Körper. Vor allem Alex, den alle Storch nennen, hat damit zu kämpfen: Mit seinen Augen kann er Hologramme erzeugen. Doch wenn er wütend wird, verselbständigen sich seine Kräfte. Simon hingegen hat Wunderheilungsfähigkeiten – was bedeutet, dass er beispielsweise seine Hand mit Haarspray und einem Feuerzeug in eine Feuerklaue verwandeln kann, ohne Schaden zu nehmen. Merle wiederum ist ein Erfindergenie, ihr Zimmer ist eine riesige Bastel- und Lötwerkstatt, sogar ein Smartphone hat sie schon konstruiert. Sie bedrückt, dass der Bruder ihrer besten Freundin im Koma liegt.</p>
<p>So atemlos, überdreht und voll überschüssiger Energie wie der Seelenzustand eines Teenagers gestaltet Moritz von Wolzogen auch seinen Comicband. Die Zeichnungen wirken leicht, mitunter wie hingeworfene Bleistiftskizzen, und sind doch unheimlich reich und detailliert. Die Seitenlayouts sind hochkomplex, von Wolzogen hat eine Vorliebe für fragmentierte, ineinander verschachtelte Bildstrukturen. Die vielen extremen Hoch- und Querformate steigern die ohnehin schon hohe Dynamik.</p>
<p>Auch narrativ ist „Totality“ eine Herausforderung: Einerseits passiert gar nicht viel, andererseits gibt es diverse Andeutungen, als wäre der Band nur der Auftakt zu einer komplexen Serie. Die zweite Hälfte des Comics wird schließlich dominiert von einer langen, symbolüberladenen Traumsequenz, ein Impressionsgewitter mit viel interpretatorischem Spielraum; um etwa die Anzeichen für den Überwachungsstaat zu entdecken, von dem im Klappentext die Rede ist, muss man schon sehr genau hinsehen.</p>
<p>Das Grundthema von „Totality“ hingegen ist ganz klar: Es geht um Freundschaft, Vertrauen und Zusammenhalt. Werte, die schon seit Jahrhunderten hinweg Bestand und Bedeutung haben.</p>
<p><em><strong>Lukas Kummer: „Die Verwerfung“.</strong> Zwerchfell Verlag, Stuttgart 2015, 120 Seiten, 20 Euro; </em><em><strong>Moritz von Wolzogen: „Totality“.</strong> Zwerchfell Verlag, Stuttgart 2015, 128 Seiten, 12,99 Euro</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2016/03/02/krieg-und-klarkommen/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Fifty Shades of Green</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2015/07/18/fifty-shades-of-green/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2015/07/18/fifty-shades-of-green/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 18 Jul 2015 16:47:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anderswo]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
		<category><![CDATA[Reportage]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>
		<category><![CDATA[Bahn]]></category>
		<category><![CDATA[Indonesien]]></category>
		<category><![CDATA[Java]]></category>
		<category><![CDATA[Verkehr]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=2028</guid>
		<description><![CDATA[Wer mit der „Kereta Api“ quer durch Java fährt, kommt in seltsame Hafenstädte, sieht viel grüne Landschaft – und ist allein unter Indonesiern. (aus der taz vom 18. Juli 2015) Es dürfte kaum einen grüneren Ort auf der Welt geben]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Wer mit der „Kereta Api“ quer durch Java fährt, kommt in seltsame Hafenstädte, sieht viel grüne Landschaft – und ist allein unter Indonesiern.<span id="more-2028"></span> (aus der <a href="https://www.taz.de/!5211666/">taz</a> vom 18. Juli 2015)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Indonesien-Zug-JB-02.jpg"><img class="wp-image-2040 size-full aligncenter" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Indonesien-Zug-JB-02.jpg" width="620" height="413" /></a></p>
<p>Es dürfte kaum einen grüneren Ort auf der Welt geben als Java in der Regenzeit. Laubfroschgrün leuchtende Reisfelder grundieren die gesamte Insel, nur vereinzelt blitzen aus ihnen die Caping auf, die Kegelhüte der Reisbauern. Darüber wuchert es, palmengrün, bambusgrün, bananenstaudengrün, dschungelgrün und Grün ist auch die Farbe der meisten Moscheen.<br />
Man hat viel Zeit, sich Indonesiens Hauptinsel anzuschauen, wenn man sie einmal komplett mit dem Zug durchquert, von Jakarta im Nordwesten bis an die Ostspitze, nach Banyuwangi, wo im Halbstundentakt die Fähren nach Bali übersetzen. 27 Stunden Nettofahrtzeit und weit über 1.000 Gleiskilometer sind das, verteilt auf vier Etappen.</p>
<p>Es dürfte kaum einen grüneren Ort auf der Welt geben als Java in der Regenzeit. Laubfroschgrün leuchtende Reisfelder grundieren die gesamte Insel, nur vereinzelt blitzen aus ihnen die Caping auf, die Kegelhüte der Reisbauern. Darüber wuchert es, palmengrün, bambusgrün, bananenstaudengrün, dschungelgrün und Grün ist auch die Farbe der meisten Moscheen.</p>
<p>Man hat viel Zeit, sich Indonesiens Hauptinsel anzuschauen, wenn man sie einmal komplett mit dem Zug durchquert, von Jakarta im Nordwesten bis an die Ostspitze, nach Banyuwangi, wo im Halbstundentakt die Fähren nach Bali übersetzen. 27 Stunden Nettofahrtzeit und weit über 1.000 Gleiskilometer sind das, verteilt auf vier Etappen.</p>
<h6>Verkehrsmittel für Menschenscheue</h6>
<p>Nun ist der Zug normalerweise nicht das Mittel der Wahl eines Individualreisenden. Die Erzählung einer stundenlangen Tour im Kleinbus – aus den Boxen laute Musik, auf dem Schoß ein Huhn – gehört zur Backpackerromantik wie Kakerlakenjagden und Durchfall-Survival. Bahn fahren hingegen ist etwas für Menschenscheue wie mich, man kann es machen, ohne ein Wort zu sprechen. Es ist wie im Supermarkt einzukaufen, statt beim Händler zu feilschen. Ein quantifizierbares System mit klaren Regeln und Zeiten.</p>
<p>Nebenbei ist eine Bahnreise natürlich auch schneller, sicherer und man kann dabei auch mal aufstehen und herumlaufen. Und was all das Gewese um die „Locals“ angeht, an deren Leben jeder aufgeklärte westliche Reisende unbedingt teilhaben muss: In allen vier Zügen war ich der einzige Weiße – wurde in dieser Rolle aber einfach so zur Kenntnis genommen und nicht bestaunt oder permanent angesprochen.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Indonesien-Zug-JB-04-1.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-2054" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Indonesien-Zug-JB-04-1.jpg" alt="" width="310" height="465" /></a>Mit anderen Worten: Zugfahren in Java ist großartig! Die wohl schönste Strecke der „Kereta Api“ (“Wagen Feuer“) führt dabei von Jakarta, dem logischen Einfalltor für alle europäischen Indonesienreisenden, nach Yogyakarta, der entspanntesten Großstadt der Insel, die alles bietet, was das Touristenherz begehrt: einen alten Sultanspalast, einen Vogelmarkt, nette Cafés, alles fußläufig, außerdem in Tagesausflugnähe: das Meer, ein Vulkan und zwei bedeutende Tempelanlagen. Auf dem Weg dorthin passiert die Bahn den Sitz ihrer Hauptdirektion, Bandung, einer Millionenstadt im Talkessel, und die Fahrt über die Bergketten drum herum bieten spektakuläre Blicke. Es ist die wohl schönste Strecke.</p>
<h6>Die höchste Reiseklasse heißt „Eksekutif“</h6>
<p>Ich aber nehme dieses Mal die Nordroute, ohne zu wissen, was mich dort erwartet – die Zwischenstopps richten sich nach dem Fortbewegungsmittel, nicht umgekehrt. So führt mich meine erste Etappe nach Cirebon, sie dauert nur drei Stunden, mit beinahe hundert Stundenkilometern rollen wir durch die landschaftlich unspektakulären Ausläufer der 30-Millionen-Menschen-Metropolregion Jabodetabek. In den „Eksekutif“-Wägen, der besten Reiseklasse, sind die Sitze bequem, die Fußstützen verstellbar, die Klimaanlage ist moderat aufgedreht. Immer wieder kommt das Zugpersonal vorbei und nimmt Bestellungen auf. Das Essen bringen sie direkt an den Platz, auch wenn es einen Speisewagen gibt. Anschließend stellt man das Tablett unter dem Sitz ab, dort wird es vom Personal eingesammelt.</p>
<p>Cirebon ist ein seltsamer Ort: eine Hafenstadt, die ihr Meer versteckt, ein Zentrum der Batikindustrie. Das schneeweiße Rathaus zieren vier goldene Garnelen, die einzige Sehenswürdigkeit sind verlassene Sultanspaläste, und an jeder Ecke warten mehrere Fahrradrikscha-Fahrer auf nicht vorhandene Kunden.</p>
<p>Am nächsten Vormittag geht die Reise weiter. Wieder drei Stunden, wieder Eksekutif. Vorn im Wagen läuft ein Fernseher so leise, dass nur die ersten Reihen mithören können. Erst gibt es eine Kinderserie mit niedergeschlagen dreinschauenden Lokomotiven, danach die „X-Men“. Draußen ist die Landschaft flach, manchmal fahren wir nur wenige Meter von der Küste der Javasee entfernt.</p>
<p>Dann mache ich etwas Ungewöhnliches: Ich lese. Das habe ich auf allen Fahrten sonst nur eine andere Person tun sehen: Ein älterer Mann las in einem Gebetsbuch, als die Abenddämmerung einsetzte und es Zeit für das Maghrib-Gebet war. Wesentlich beliebtere Aktivitäten sind schlafen – das können alle Indonesier, jederzeit, in jeder erdenklichen Körperhaltung und bei allen Licht- und Lärmverhältnissen – und auf dem Handy rumtippen.</p>
<h6>Mobiles Internet funktioniert besser als in Deutschland</h6>
<p>Indonesien gehört zu den Ländern, wo die Stufe des Zuhause-Internets einfach ausgelassen wurde. Inzwischen besitzt ein Viertel der Bewohner ein Smartphone, unter den Menschen, die sich ein Zugticket leisten können, dürfte die Quote deutlich höher sein. Die Infrastruktur trägt dem Rechnung. An fast allen Bahnhöfen finden sich kostenlose Ladestationen, an jeder Sitzbank im Zug, auch in den unteren Klassen, sind zwei Steckdosen angebracht, und meine indonesische Sim-Karte zeigt mir auf der Zugstrecke fast durchgehend gutes 3G-Netz an. Durch Funklöcher fahre ich genau zweimal.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Indonesien-Zug-JB-01-1.jpg"><img class="size-full wp-image-2055 alignleft" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Indonesien-Zug-JB-01-1.jpg" alt="" width="310" height="464" /></a>So beliebig, wie Semarang zu meinem zweiten Zwischenstopp wurde, sind auch meine Aktivitäten in den anderthalb Tagen dort: In einem Gewerbegebiet am Stadtrand besuche ich das Fabrikmuseum einer Naturheilkräuterfirma, wo mir eine Verkäuferin erzählt, dass sie Scorpions-Fan sei. Ich schaue mir einen Busbahnhof an, eine islamische Universität, die heruntergekommenen Lagerhäuser im kolonial geprägten Bahnhofsviertel und eine große chinesische Tempelanlage. Abends esse ich auf dem Nachtmarkt und höre einer der vielen Exilchinesinnen beim Karaoke zu. Semarang ist eine von neun Millionenstädten auf Java, der bevölkerungsreichsten Insel der Welt mit über 140 Millionen Menschen. Sie drängt sich auf etwas mehr als einem Drittel der Fläche von Deutschland.</p>
<p>Nach Malang geht es weiter mit einem Nachtzug der untersten „Ekonomi“-Klasse („Bisnis“ habe ich ausgelassen). Das heißt natürlich nicht, dass wir auf eine Klimaanlage verzichten müssten. Sie ist allerdings auf unter 20 Grad eingestellt, zum Ausgleich ist das Neonlicht die ganze Nacht an.</p>
<p>Am nächsten Morgen sieht die Welt ganz anders aus: Hügeliger ist die Landschaft nun, irgendwie auch dschungeliger. Geschlafen habe ich kaum und werde es auch in der kommenden Nacht nicht tun, denn von Malang erreicht man das Hochplateau rund um den aktiven Vulkan Bromo, eine irre Mondlandschaft umgeben von sattgrünen Hängen. Und auf Vulkane fährt man als Indonesientourist grundsätzlich nachts, um den Sonnenaufgang zu sehen.</p>
<h6>Atemmasken und Gemüsereis direkt aus der Hand</h6>
<p>Auch auf der letzten Etappe in die Fährhafenstadt Banyuwangi gibt es nur noch „Ekonomi“-Plätze, und das bedeutet: Wir sitzen zu dritt nebeneinander auf einer Sitzbank ohne Lehnen, ich in der Mitte, in knapp vierzig Zentimetern Abstand ist die gegenüberliegende Bank angebracht. Nach einigen Stunden entdecke ich neue Muskeln an meinem Körper. Vor mir sitzt ein fein gekleidetes älteres Paar, das Enkelkind klopft ihnen alle halbe Stunde vom Sitz dahinter auf den Kopf. Meine Sitznachbarn links und rechts ziehen Atemmasken auf, der rechte holt später Essen aus seiner Tasche, Reis mit Gemüse, das er mit einer Hand verspeist.</p>
<p>Als ich zum Speisewagen am anderen Ende des Zuges gehe, stelle ich fest, dass nur die ersten zwei Waggons derart voll besetzt sind. Dahinter ist der Zug praktisch leer. Ich überrasche ein Teenagerpärchen beim Knutschen, esse ein laukaltes Nasi Goreng und hänge mich dann auf eine der leeren Sitzbänke, so wie das alle hier tun.</p>
<p>Der Zug zuckelt unfassbar langsam durch die tropenheiße Dunkelheit, er hält in jedem winzigen Ort. Für 200 Kilometer Luftlinie braucht er acht Stunden.</p>
<p>Draußen regnet es schon wieder. Ich döse ein wenig. Gleich bin ich am Ziel.</p>
<p>Ich möchte noch gar nicht ankommen.</p>
<h3></h3>
<p><img class="size-full wp-image-2051 aligncenter" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Indonesien-Zug-JB-06.jpg" alt="" width="620" height="413" /></p>
<h3><b>Eisenbahn in Indonesien</b></h3>
<p><b>Geschichte:</b> Es waren die niederländischen Kolonialherren, die in den 1870er Jahren mit dem Eisenbahnbau in Java begannen. Unter der japanischen Besatzung im Zweiten Weltkrieg wurden die Strecken dann auf die 1.067 Millimeter schmale Kapspurweite vereinheitlicht. Seit der Unabhängigkeit 1949 wurde das Netz auf rund 5.000 Kilometer zurückgebaut.</p>
<p><b>Gegenwart:</b> Die Fahrkarten in Indonesien sind platzgebunden. Wer auf den Bahnsteig will, muss sie vorzeigen – gemeinsam mit dem Reisepass. Rund um Feiertage wie dem Opferfest oder zum chinesischen Neujahr sollte man rechtzeitig Tickets kaufen. Das kann man in Supermärkten, bei Banken oder im Internet – auf <a href="http://kereta-api.co.id/" target="_blank" shape="rect">der offiziellen Seite</a> der „Kereta Api“ oder bei privaten Anbietern wie <a href="http://tiket.com/" target="_blank" shape="rect">tiket.com</a>, wo auch deutsche Kreditkarten akzeptiert werden.</p>
<p><b>Zukunft:</b> Javas Hauptstrecken sollen doppelspurig werden, auf Sumatra soll die stillgelegte Strecke in die Aceh-Region aktiviert werden, die Touristeninsel Bali wird ein 565 Kilometer langes Schienennetz erhalten. Auch auf Kalimantan und Sulawesi sollen Linien entstehen.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2015/07/18/fifty-shades-of-green/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Im Zweifel für den Zweifel</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2014/12/25/im-zweifel-fuer-den-zweifel/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2014/12/25/im-zweifel-fuer-den-zweifel/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 25 Dec 2014 12:41:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[fluter.de]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1893</guid>
		<description><![CDATA[Wie es ist, in der Zwischenwelt des Deutschen Asylrechts zu leben. Zwei Geduldete erzählen. (veröffentlich im fluter-Heft „Angst“, Winter 2014) Von ihrer Abschiebung hat Raksmay immer wieder geträumt. Zurück nach Kambodscha, wo sie aufgewachsen ist und wo sie BWL studiert]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Wie es ist, in der Zwischenwelt des Deutschen Asylrechts zu leben. Zwei Geduldete erzählen.<span id="more-1893"></span> (veröffentlich im <a href="http://www.fluter.de/de/141/thema/13289/" target="_blank">fluter</a>-Heft „Angst“, Winter 2014)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Duldung-Traegervordruck_01.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1898" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Duldung-Traegervordruck_01.jpg" alt="Duldung-Traegervordruck_01" width="619" height="304" /></a></p>
<p>Von ihrer Abschiebung hat Raksmay immer wieder geträumt. Zurück nach Kambodscha, wo sie aufgewachsen ist und wo sie BWL studiert hat. Zurück nach Kambodscha, wo ihr Vater getötet wurde, weil er ein Oppositioneller war, und wo sich Raksmay nicht mehr sicher fühlte. Deshalb kam sie vor fünf Jahren mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder nach Deutschland.</p>
<p>Adam wurde in seinen Träumen noch nicht ab­geschoben, sondern war gleich wieder in seiner Heimat Dagestan, die der 24-Jährige vor vier Jahren verließ. Direkt neben Tschetschenien gelegen, ist die russische Kaukasusrepublik <a href="http://www.bpb.de/themen/RX5H7C,0,Nordkaukasus.html" target="_blank">immer wieder Schauplatz von Anschlägen</a> militanter Islamisten. Die staatlichen Sicherheitskräfte­ gehen dagegen vor, aber dabei machen sie laut Adam keinen großen Unterschied zwischen Dschihadisten und nicht extremistischen Muslimen, um die Prämien aus Moskau für erfolgreiche Antiterroraktionen zu kassieren. So durchsuchen sie auch schon mal Wohnungen, um Munition oder Drogen zu finden, die sie dort selbst deponiert haben. Oder sie lassen Menschen verschwinden. Es kann schon reichen, wenn ein Familienmitglied ins Visier der falschen Leute gerät, um in Dagestan nicht mehr sicher leben zu können</p>
<p>Die Angst vor Verfolgung und Repression hat Adam und Raksmay nach Deutschland gebracht, wo beide sogenannte Geduldete sind oder „vollziehbar ausreisepflichtige Ausländer“, wie das im Amtsdeutsch heißt. Die Asylanträge von Adam und Raksmay wurden abgelehnt, weil sie nicht nachweisen konnten, dass eine individuelle Verfolgung aufgrund ihrer politischen Überzeugung, Religion, Sprache oder Herkunft droht. Eine allgemein unsichere Lage im Land reicht für die Anerkennung nicht aus. Die Situation der Geduldeten regelt wiederum das „Gesetz über den Aufenthalt, die Erwerbstätigkeit und die Integration von Ausländern im Bundesgebiet“, und darin finden sich Begriffe wie „Aufenthalts­gewährung“, „Zurückschiebung“ und „Ermessensausweisung“. Mutmachend klingt das nicht.</p>
<p>Geduldete haben keinen „Aufenthaltstitel“ in Deutschland. Sie sollen eigentlich abgeschoben werden, aber aus „tatsächlichen oder rechtlichen Gründen“ geht es nicht. Etwa weil sie selbst oder Familienangehörige schwer erkrankt sind, weil Ausreisedokumente fehlen oder manchmal sogar, weil es ge­rade keine direkte Flugverbindung ins Herkunftsland gibt. In Staaten, in denen aufgrund der Situation vor Ort eine Gefahr für das Leben besteht, etwa wegen eines Krieges, wird ebenfalls nicht abgeschoben. Die Auswahl dieser Staaten kann sich, um es noch ein wenig komplizierter zu machen, von Bundesland zu Bundesland unterscheiden.</p>
<p>Familien mit minderjährigen Kindern sollen nicht zerrissen werden, wobei man schon ab dem 17. Lebensjahr als „asylmündig“ gilt. Das führt dazu, dass Kinder aus manchen Flüchtlingsfamilien nach ihrem 16. Geburtstag in ein Land abgeschoben werden, in dem sie mitunter nur wenige Jahre ihres Lebens verbracht haben, und manchmal nicht mal das: Denn selbst Kinder, die hier geboren wurden, sind nicht automatisch Deutsche, wenn ihre Eltern zum Zeitpunkt der Geburt nur geduldet waren. Vielfach wird keine Geburtsurkunde beantragt, denn dazu müssten die Eltern dem Standesamt ihren Personalausweis, einen Reisepass oder ein anderes anerkanntes Passersatzpapier vorlegen. Das können oder wollen sie oftmals aber nicht.</p>
<h6>Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Angst – die Unsicherheit hinterlässt Spuren</h6>
<p>94.508 Menschen lebten Ende 2013 als Geduldete in Deutschland, mehr als ein Drittel von ihnen befindet sich schon seit mehr als fünf Jahren in diesem Zustand, über 10.000 sogar schon mehr als 15 Jahre. Über die Hälfte der Geduldeten sind jünger als 29 Jahre. Sie hängen in einer Zwischenwelt fest, leben von einer Duldung zur nächsten, oft hält die Sicherheit nur drei oder sechs Monate, dann wird die Durchführung einer Abschiebung wieder überprüft. „Das hat mich sehr passiv gemacht“, beschreibt Adam seine Situation. Auch Raksmay haben die dauernden Gedanken an eine Abschiebung in den ersten Jahren, die sie in Deutschland verbracht hat, zugesetzt: „Ich konnte nicht schlafen, hatte immer Kopfschmerzen, genau wie meine Mutter und mein Bruder. Man kann fast nichts machen, außer zu Hause rumzusitzen. Es fühlte sich an, als sei mein Leben schon vorbei.“</p>
<p>Aktuell hat Raksmay das seltene Glück, für volle 18 Monate geduldet zu sein, weil sie ihren Mittleren Schulabschluss (MSA) nachholt. Dabei hat die 27-Jährige sogar schon einen Bachelorabschluss, allerdings wird der hier nicht anerkannt.</p>
<p>Für Adam geht es derzeit darum, eine Ausbildungsstelle als Physiotherapeut zu finden. Einen Studienplatz oder eine Arbeitserlaubnis zu bekommen war bisher für ihn fast unmöglich. „Ich fühle mich so eingeschränkt wie im Knast“, sagt Adam. Das Internet hilft ihm bei der Alltagsbewältigung, hier informiert er sich über die Lage in seiner Heimat und hält auf Facebook und in russischen sozialen Netzwerken Kontakt zu Freunden von früher, die zum Teil in Dagestan leben, zum Teil aber auch in anderen deutschen Städten, in Frankreich oder Italien. Berlin verlassen dürfen Adam und Raksmay bislang nur mit einer Ausnahmegenehmigung. Residenzpflicht nennt sich das – die aber in Zukunft gelockert werden soll, so dass zum Beispiel Familienangehörige, die in einem anderen Landkreis wohnen, frei besucht werden können.</p>
<h6>„Man fühlt sich wie ein Loser“</h6>
<p>Freundschaften zu Deutschen haben Adam und Raksmay bisher kaum geschlossen. Das liegt ein wenig daran, dass sie beide recht schüchtern sind. Aber auch, weil sie sich dafür schämen, dass sie Geduldete sind und von Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG) leben, die das verfassungsrechtlich garantierte Existenzminimum abdecken sollen.­ „Man fühlt sich wie ein Loser, als sei man nicht so intelligent“, sagt Adam. „Die meisten Leute wollen darüber auch nichts hören. Die kennen das nicht und verstehen überhaupt nicht, was mein Problem ist.“</p>
<p>Dass ein Bleiberecht für Menschen wie Raksmay und Adam so schwer zu bekommen ist, hat auch wieder mit Angst zu tun. Der Angst des Staates, ausgenutzt zu werden, der Angst, dass auf einmal viel mehr Leute nach Deutschland kommen und hier bleiben wollen, auch wenn sie in ihrer Heimat gar nicht verfolgt werden, einfach weil es so leicht geht. Und aus Angst erwächst schnell Misstrauen, also wird den Menschen, bei denen man sich nicht ganz sicher ist, das Leben lieber ein wenig unkomfortabler gestaltet. Im Zweifel für den Zweifel.</p>
<p>Immerhin wurde Anfang 2005 eine Instanz geschaffen, die mit dem Zweifel umgehen soll: die Härtefallkommissionen. Jedes Bundesland hat so eine, sie sind ein Zugeständnis an die Tatsache, dass selbst die ausgefeiltesten Gesetzestexte eben nicht immer für jeden Einzelfall das erreichen, was sie sollen. Die Kommissionen bestehen meist aus sieben bis zehn Mitgliedern, darunter sind in der Regel Vertreter der Innenbehörde, der Ausländerbehörde, von Kirchen, Landeswohlfahrtsverbänden und Flüchtlingsinitiativen. Sie prüfen die Anträge und geben eine Empfehlung ab. Erheblich straffällig gewordene Menschen haben zum Beispiel keine Chance, wobei das laut einer Flüchtlingsinitiative mitunter schon beim mehrmaligen Fahren ohne Fahrkarte, also einem „Erschleichen von Leistungen“, vorkommen kann.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Duldung-Traegervordruck_02.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1897" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Duldung-Traegervordruck_02.jpg" alt="Duldung-Traegervordruck_02" width="620" height="301" /></a></p>
<p>Die Entscheidung liegt aber letztlich bei den jeweiligen Innenministerien. In der Vergangenheit hat die Innenministerkonferenz immer mal wieder Geduldeten unter bestimmten Bedingungen – etwa weil sie zu einem Stichtag ausreichend lange in Deutschland lebten und sich um einen Arbeitsplatz bemühten oder eine Beschäftigung nachweisen konnten – ohne Einzelfallprüfung ein verlängertes Bleiberecht gewährt. Flüchtlingsverbände, aber auch mehrere Parteien wollen noch weiter gehen: Sie fordern eine stichtagsunabhängige Regelung, die den zermürbenden Kettenduldungen ein Ende setzt.</p>
<p>Das Bundeskabinett hat kürzlich eine Reform des Bleiberechts auf den Weg gebracht, die geduldeten Menschen, die gut integriert sind, stichtagsunabhängig die Chance auf einen Aufenthaltstitel bietet. Andererseits soll es aber noch einfacher werden, etwa straffällig gewordene Menschen mit unsicherem Aufenthaltsstatus auszuweisen. Flüchtlingsorganisationen und Opposition kritisieren die Pläne scharf. Nun soll sich der Bundestag mit dem Gesetzesentwurf befassen.</p>
<p>Adam und Raksmay stehen beide auf der Liste der <a href="http://www.berlin.de/sen/inneres/buerger-und-staat/auslaenderrecht/haertefallkommission/artikel.25538.php" target="_blank">Berliner Härtefallkommission</a>. Bis ihr Fall geprüft wird – einen festen Termin dafür gibt es nicht –, können sie sicher in Deutschland bleiben. Und dann?Die kurzfristige Hoffnung von Raksmay und Adam ist: ein sicheres Leben in Deutschland führen zu können, eine Perspektive zu haben, und sei es erst mal für einige Jahre. Denn die beiden wollen gar nicht für immer in Deutschland bleiben. Sie hoffen darauf, dass sie sich irgendwann in ihren Ländern wieder sicherer fühlen können. Dann wollen sie zurück.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2014/12/25/im-zweifel-fuer-den-zweifel/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Eine Minute offline</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2014/07/25/eine-minute-offline/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2014/07/25/eine-minute-offline/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 25 Jul 2014 14:57:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>
		<category><![CDATA[Nullen und Einsen]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1904</guid>
		<description><![CDATA[KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Michael Brake ist onlinesüchtig. Kein Extremfall, gerade so abhängig wie jeder von uns. Doch Brake wagt einen nie dagewesenen Selbstversuch. (aus der taz vom 25. Juli 2014) Am Anfang ist es aufregend, ein Projekt! Ich richte ein automatisches Mailreply]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Michael Brake ist onlinesüchtig. Kein Extremfall, gerade so abhängig wie jeder von uns. Doch Brake wagt einen nie dagewesenen Selbstversuch.<span id="more-1904"></span> (aus der <a href="http://www.taz.de/!143030/" target="_blank">taz</a> vom 25. Juli 2014)</h3>
<p>Am Anfang ist es aufregend, ein Projekt! Ich richte ein automatisches Mailreply ein („Bin zwischen 16:26 Uhr und 16:27 Uhr nicht zu erreichen, werde Ihre Mails danach gerne beantworten“), deaktiviere mein OK-Cupid-Profil und sage meinen 269 Facebook-Freunden Bescheid. Soll sich ja niemand auf den Schlips getreten fühlen.</p>
<p>Als der vereinbarte Zeitpunkt näher rückt, macht sich leichte Panik breit. Habe ich auch nichts vergessen? Ist Donnerstag wirklich der richtige Tag für ein derart lebensveränderndes Projekt? Doch es ist nicht mehr aufzuhalten. „Wenn Sie keine Auswahl treffen, wird der Computer in 34 Sekunden automatisch ausgeschaltet.“ So muss es sein, wenn man mit einem Fallschirm abspringt. 4 … 3… 2 … 1 …</p>
<p>Ich bin im Tunnel. Der Monitor ist schwarz. Die Sonne – die Sonne! – scheint, ich kann mich im Spiegeldisplay des Macbooks schemenhaft selbst erkennen. Das bin also ich, 33. Alt sehe ich aus. Ich stehe auf, schaue zu Boden. Ein achtlos dahingeworfenes Papier liegt dort. Ich bücke mich.</p>
<p>In den folgenden 25 Sekunden räume ich die gesamte Wohnung auf, ich schleife die Dielen ab, ich streiche die Zimmer, lese alles von Marcel Proust und die Buddenbrooks, die ich danach auf Suaheli übersetze, weil ich das gerade gelernt habe. Ich rufe alle meine Tanten an, streiche die Zimmer nochmal anders, mache die Steuererklärungen der kommenden zehn Jahre, zeuge ein Kind und sehe ihm dabei zu, wie es erwachsen wird. Man ist ja so PRODUKTIV, wenn man nicht STÄNDIG auf diesen Bildschirm STARRT.</p>
<p>Zufrieden schaue ich mich um. Es ist still. Ich höre ein Lachen vom Innenhof. Was, wenn Ursula von der Leyen gerade etwas Peinliches gesagt hat? Und ich kann keinen der naheliegendsten 200 Witze darüber twittern? Mir wird bewusst, was ich in diesem Moment alles verpasse. <a href="http://pennystocks.la/internet-in-real-time/" target="_blank" shape="rect">Pro Minute werden</a> 342.000 Tweets geschrieben und 120 Stunden Videomaterial auf Youtube hochgeladen. Wann soll ich mir das alles nachträglich anschauen? Ich schaffe ja gerade mal die 2 neuen MySpace-Inhalte.</p>
<p>Was, wenn ich ein komplettes Meme-Referenzsystem verpasse und nicht mehr verstehe, was meine Friends in 24 Sekunden posten? Moment, Ihnen sind meine Sorgen nicht existenziell genug? Was, wenn Merkel zurückgetreten ist? Was, wenn eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden wurde, und sie evakuieren gerade Neukölln, weil in 13 Sekunden die Bombe hochgeht, und ich kriege nix davon mit? Ich könnte das Radio in der Küche anmachen, aber wo ist denn noch mal die Küche? Wie find ich die denn jetzt??? MAN HAT JA DURCH GOOGLE MAPS TOTAL SEINEN ORIENTIERUNGSSINN VERLOREN HEUTZUTAGE!</p>
<p>Erschöpft sinke ich zu Boden und bleibe auf den Dielen liegen. Die Dielen. Das Holz. Meine Augen erobern die fraktal anmutende Schönheit der Astlöcher. Ich atme ein, meine Lunge füllt sich mit dem Duft von Brandenburger Kiefern, meine Füße spüren den märkischen Sand, in dem die Kiefern einst gewachsen sind.</p>
<p>Meine Katze legt sich zu mir, ich streichele ihren Rücken mit allen fünf Fingern der rechten Hand, über 3.000 Berührungs- und Druckrezeptoren werden durch die seidene Struktur ihres Fells aktiviert, ich nehme sie alle gleichzeitig wahr. Kontemplation. Eine Sekunde dauert so lang wie ein Leben dauert so lang wie die Ewigkeit.</p>
<p>Ich bin jetzt ganz bei mir.</p>
<p>&#8230;</p>
<p>&#8230;</p>
<p>Geschafft! Ich könnte jetzt natürlich auch noch eine weitere Minute offline bleiben, aber wem muss ich jetzt noch etwas beweisen? Ich fahre den Computer wieder hoch und … keine neue E-Mail? WTF???</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2014/07/25/eine-minute-offline/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Die Metaebene lacht herzlichst</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2014/05/14/die-metaebene-lacht-herzlichst/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2014/05/14/die-metaebene-lacht-herzlichst/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 14 May 2014 15:17:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Buch]]></category>
		<category><![CDATA[Comic]]></category>
		<category><![CDATA[Porträt]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit Online]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1910</guid>
		<description><![CDATA[Die Entzauberung des Künstlers bis hin zur Demütigung – das ist das Dauerthema in den extrem reduzierten Kunstbetriebssatiren des Comiczeichers Nicolas Mahler. (veröffentlicht auf zeit.de am 14. Mai 2014) In einer dieser typischen Mahler-Szenen sitzt er selbst, groß, hager, mit Brille und langer]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die Entzauberung des Künstlers bis hin zur Demütigung – das ist das Dauerthema in den extrem reduzierten Kunstbetriebssatiren des Comiczeichers Nicolas Mahler. <span id="more-1910"></span>(veröffentlicht auf <a href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2014-05/nicolas-mahler-portraet/komplettansicht" target="_blank">zeit.de</a> am 14. Mai 2014)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/05-01-comic-nicolas-mahler.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1926" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/05-01-comic-nicolas-mahler.jpg" alt="05-01-comic-nicolas-mahler" width="620" height="326" /></a></p>
<p>In einer dieser typischen Mahler-Szenen sitzt er selbst, groß, hager, mit Brille und langer Nase, während einer Buchmesse an einem verwaisten Signiertisch. Von rechts schlurft ein winziger alter Mann ins Bild, mit letzter Kraft lässt er sich auf den Stuhl vor Mahler fallen, atmet tief durch und fragt nach einigen Minuten: „Und was machen SIE hier?“</p>
<p>Die Entzauberung des Künstlers bis hin zur Demütigung – das ist ein Dauerthema in den autobiografischen Anekdotenbänden, von denen Nicolas Mahler gerade mit <em>Franz Kafkas nonstop Lachmaschine</em> seinen vierten veröffentlicht hat. Es sind kurze, oft sehr komische Geschichten aus den mittlerweile mehr als 25 Jahren, die Mahler, 1969 in Wien geboren und niemals weggezogen, als Comiczeichner tätig ist.</p>
<p>Da erzählt ihm dann die Frau im Hausflur, dass ihr zu Comics immer als erstes Kafka einfalle, „der hat immer recht liebe Figuren erfunden“, bis sich herausstellt, dass sie vom <em>Fix+Foxi</em>-Schöpfer Rolf Kauka spricht. Oder die Besitzerin der Videothek, in der Mahler einst jobbte, sagt: „Na dass es Comics gibt, weiß ich schon … aber dass die auch wer zeichnen muss, das hab ich mir nie überlegt.“</p>
<p>Als Kritik an der Ignoranz der Menschen will Mahler solche Dialoge nicht verstanden wissen. Den Blickwinkel von außen nutzt er vielmehr als Mittel der Selbstironie: Man beschäftigt sich die ganze Zeit mit Zeichnen und dann schauen sich das Leute an, deren Leben sich um ganz andere Dinge drehen. „Daran kann man gut zeigen, dass das, was man selber macht, eigentlich totaler Blödsinn ist“, sagt er. Es seien ja nur Bücher.</p>
<h6>Das Hohe und das Niedrige</h6>
<p>Mahler liebt es, das ganz Hohe aufs ganz Niedrige runterzuholen und umgekehrt. Vielleicht hat Picasso ja seine blaue Periode nur begonnen, weil blaue Farbe damals so billig war? „Die Gründe, warum etwas so gemacht wird, sind oft erstaunlich banal, und daraus kann man dann schöne Geschichten machen“, sagt Mahler und macht daraus dann schöne Geschichten.</p>
<p>Dafür hat er sich eine recht komplexe künstlerische Nische geschaffen. Denn zunächst einmal ist Mahler ein klassischer Witzezeichner, er produziert Cartoons, etwa für Auto- oder Medizinfachzeitungen, aber auch für die <em>Titanic</em>. Dann hat Mahler einige albenfüllende Geschichten gezeichnet, beispielsweise <em>Engelmann</em>, über den Abstieg eines erfolglosen Superhelden wider Willen, der von der Marketingabteilung seines übermächtigen Verlags zu immer neuen Imagewechseln und schließlich in den Tod getrieben wird.</p>
<p>Ferner gibt es eben die Anekdotenbände, von denen Mahler vor rund zehn Jahren den ersten, <em>Kunsttheorie versus Frau Goldgruber</em>, als Reaktion auf eine Schaffenskrise in nur anderthalb Monaten gezeichnet hat. Und schließlich hat er in den letzten Jahren bei Suhrkamp gleich mehrere Literaturumsetzungen vorgelegt, darunter eine von Robert Musils<em> Mann ohne Eigenschaften</em> und gleich zwei Thomas-Bernhard-Adaptionen. Sie alle sind ziemlich frei ausgelegt, bleiben aber wortgetreu am Originaltext – es wurde nur eben ganz viel rausgestrichen.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/03-01-2-comic-nicolas-mahler.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1927" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/03-01-2-comic-nicolas-mahler.jpg" alt="03-01-2-comic-nicolas-mahler" width="620" height="326" /></a></p>
<p>Wer derart an den Rändern des Comicbetriebs irrlichtert, erweckt Unverständnis, und das gleich aus mehreren Richtungen. Von den klassischen Comicfans – „Der kann nicht zeichnen, das ist gewollt unverständlich, das ist verkopft“ lauten die Standardvorwürfe – und vom Kunst- und Literaturbetrieb sowieso. Mahler thematisiert das in <em>Kafkas nonstop Lachmaschine</em> in einer abstrusen Metageschichte, in der dann ein Germanist (man erkennt ihn an seinem mehrfach um den Hals gewundenen Schal) die Romanvorlage und die Comicadaption mit einem Lineal vermisst und zum Fazit „Literarischer Wert stark vermindert“ kommt, während ein gnomenhafter Vertreter des Kunstbetriebs verdutzt fragt „Achso … &#8216;Lesen&#8217; muss man es auch noch?“.</p>
<p>Auf der Metaebene fühlt sich Mahler wohl und so hat er auch eine Liste der zehn Standardfragen an Comiczeichner zusammengestellt, die er in diesem Jahr in einem Vortrag auf der Leipziger Buchmesse vorstellte: Zeichnen Sie absichtlich so schlecht? Wie lange brauchen Sie für eine Zeichnung? Können Sie davon leben? Woher nehmen Sie ihre Ideen? Solche Fragen.</p>
<p>Aber sind das deswegen auch dumme Fragen? „Naja, dumm kann man nicht sagen“, sagt Mahler, „Aber man kann es vielleicht umdrehen: Würde man einen Schriftsteller fragen, wie lange er für eine Seite braucht?“ Seine Antwort darauf ist dann jedenfalls gar nicht dumm: „Man kann sagen, die Zeichnung dauert 15 Minuten, man kann sagen, sie dauert 25 Jahre. So lange habe ich gebraucht,  bis ich das in 15 Minuten zeichnen kann.“</p>
<h6>Wie in so einem modernen Theaterstück</h6>
<p>Mahlers Stil ist extrem reduziert, absichtlich. Es hatte ihn immer genervt, dass das Zeichnen so mühsam ist und so lange dauert, und so hat er einen Stil entwickelt, der ihm leicht fällt und mit dem er trotzdem alle seine Gedanken möglichst ohne Umwege zu Papier bringen kann. So zeichnet er mit wenigen Strichen abstrakte Gestalten, sie stehen in einem weißen Nichts, das nur mit den nötigsten Requisiten ausgestattet ist. Wie in so einem modernen Theaterstück, und das passt, denn Thomas Bernhards <em>Der Weltverbesserer</em>, dessen Adaption im Januar erschienen ist, ist ja auch eins. Dass allein schon das Vorhaben, ein Theaterstück zu zeichnen, etwas Absurdes hat, weil es eigentlich für Schauspieler ist, gefällt dem Zeichner: „Das reizt mich dann, dass man das eigentlich nicht macht. Und wenn es schon sinnlos ist, dann muss es für mich eben besonders sinnlos sein.“</p>
<p>Und lustig. Denn lustig sind Mahlers Sachen immer, auch die Literaturumsetzungen. „Nur ernst zu sein, ist mir zu wenig, weil ernst schonmal alles ist“, sagt Mahler, der auch sich selbst als ernsten Menschen bezeichnet: „Es ist wahrscheinlich so, dass ich in der Arbeit diese Leichtigkeit anstrebe, weil mir das Leben nicht leicht fällt.“</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/9783943143935-333x500.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1920" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/9783943143935-333x500.jpg" alt="9783943143935-333x500" width="310" height="465" /></a>Mahler ist ein großartiger Dokumentar der Abseitigkeiten des Alltags, sein Humor funktioniert so gut, weil er so präzise ist. Beim Timing, der Nuancierung des Vergehens der Zeit, die ja immer eine der wichtigsten Entscheidungen beim Comicmachen ist. Und darin, wo in einer Serie von fast gleich aussehenden Bildern, gesprochen und wo geschwiegen wird, und wie sich der gesprochene Text verteilt. „Für mich macht es auch einen Unterschied, ob ein Satz dreireihig geschrieben ist oder in einer langen Textwurst“, sagt Mahler. Man macht sich ja keine Vorstellung, was sich allein durch Typografie alles ausdrücken lässt: Mahler nutzt Versalien, Unterstreichungen, größere Schrift, dickere Schrift, Schreibschrift oder Kombinationen aus alldem. „Dadurch hab ich als Zeichner die Möglichkeit, die Sätze so zu formen, wie ich sie empfinde. So wie es ein Schauspieler auch macht.“</p>
<p>Was dann, wenn eine dieser Mahler-Figuren über Musils <em>Mann ohne Eigenschaften</em> spricht, so aussieht: „Das war in der Studienzeit ein SEHR, SEHR wichtiges Buch für mich.“ Neues Panel. „Der Mann ohne Eigenschaften besteht ja aus ZWEI Bänden.“ Neues Panel. „Und das Geniale daran ist, dass beide Bände GENAU GLEICH DICK SIND!“ Neue Seite. „Da hat man super die PLAYSTATION draufstellen können.“</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2014/05/14/die-metaebene-lacht-herzlichst/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>„Das Timing stimmte einfach“</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2014/05/10/das-timing-stimmte-einfach/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2014/05/10/das-timing-stimmte-einfach/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 10 May 2014 15:12:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Comic]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1912</guid>
		<description><![CDATA[Der Comiczeichner Mawil über eine mädchenlose Jugend in der DDR, sein neues Buch „Kinderland“, Reisen mit dem Goethe-Institut und Tischtennis. (aus der taz Berlin vom 10. Mai 2014) taz: Mawil, in Ihrem neuen Comic „Kinderland“ geht es um einen schüchternen 13-jährigen]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der Comiczeichner Mawil über eine mädchenlose Jugend in der DDR, sein neues Buch „Kinderland“, Reisen mit dem Goethe-Institut und Tischtennis.<span id="more-1912"></span> (aus der <a href="http://taz.de/Mawil-ueber-Comicmachen-und-die-DDR/!138218/" target="_blank">taz Berlin</a> vom 10. Mai 2014)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/kinderlandszene01-1.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1916" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/kinderlandszene01-1.jpg" alt="kinderlandszene01 (1)" width="619" height="289" /></a></p>
<p><strong>taz: Mawil, in Ihrem neuen Comic „Kinderland“ geht es um einen schüchternen 13-jährigen Ostberliner im Sommer 1989. Brauchen wir jetzt denn wirklich noch neue Wendegeschichten?</strong></p>
<p><strong>Mawil:</strong> Das Buch sollte ja eigentlich schon zum 20-jährigen Mauerfalljubiläum rauskommen, ist dann aber etwas ausgeartet. Da war das 25-Jährige jetzt die allerletzte Deadline, weil es danach nämlich echt keiner mehr hören kann. Andererseits ist „Kinderland“ ja eine relativ normale Kindheitsgeschichte – nur, dass wegen dieses Außenrahmens halt ein paar absurde Situationen entstehen. Der Ostbezug wird nirgendwo in den Vordergrund gerückt. Hoffe ich.</p>
<p><strong>Na ja, <a href="http://www.reprodukt.com/produkt/comics/kinderland/" target="_blank" shape="rect">auf dem Cover</a> wird er schon ziemlich in den Vordergrund gerückt.</strong></p>
<p>Sonst hatte ich bei meinen Büchern immer als allererstes eine Idee fürs Cover, diesmal kam sie erst fast ganz zum Schluss, als es dann raus an die Presse musste. Ich hatte nach einem Motiv gesucht, in dem plakativ alles vorkommt: Kinder, Osten, ein Außenseiter. Eigentlich sollte auch noch was Tischtennismäßiges mit drauf, das fehlt jetzt leider.</p>
<p><strong>Tischtennis spielt eine sehr große Rolle in „Kinderland“. In einer Szene wird ein Match über 30 Seiten lang ausgetragen …</strong></p>
<p>Es ging ja schon in „Wir können ja Freunde bleiben“ mit den Liebesgeschichten und in „Die Band“ mit der Amateur-Bandmusik um persönliche Leidenschaften. Und ich wollte schon länger mal so eine richtige Tischtennissaga machen. Wenn ich ein Buch über Tischtennis mache, dann soll es das Thema so weit ausschöpfen, dass sich in den nächsten zehn Jahren kein anderer Zeichner traut, das anzupacken. Außerdem finde ich es schön, wenn neben so einer Coming-of-Age- und Ost-Geschichte noch ein ganz anderes Thema mit drin ist.</p>
<p><strong>Hat die Saison denn schon angefangen?</strong></p>
<p>Ja, Ende April, bei einem Interviewtermin. Da kam der Journalist an mit zwei Schlägern und einer Packung DDR-Tischtennisbällen, original verpackt noch, und wir sind rüber zur Platte auf dem Schulhof und haben uns beim Spielen unterhalten.</p>
<p><strong>Was ist denn „der Schulhof“?</strong></p>
<p>Da ist so ein Schulhof in der Nähe von meiner Ateliergemeinschaft. Die Hofpausenaufsichtslehrer sind nicht so happy, wenn da die erwachsenen Männer einmarschieren, aber wir nehmen unsere Flaschen wieder mit und rauchen nicht. Früher haben wir da auch immer im Freundeskreis das Tischtennisturnier des Todes gemacht.</p>
<p><strong>Und wer hat gewonnen?</strong></p>
<p>Ich nicht. Ich spiele leidenschaftlich, aber bin vor allem mental nicht der stärkste. Wenn ich ein Bier getrunken habe und mich geil fühle, bin ich der beste Spieler. Aber wenn der andere dann aufholt, krieg ich Panik und verliere.</p>
<p><strong>Tatsächlich bringe ich in meinem Kopf DDR und Tischtennis als diffuse Assoziationen zusammen.</strong></p>
<p>Dabei wurde das ja eigentlich im Osten nicht offiziell gefördert, es warhalt einfach da … Ich vermute mal: Immer, wenn sie so ein Plattenbaugebiet fertig hatten, haben die Bauarbeiter in der Mitte einfach noch so zwei gebogene Metallschalen und eine Betonplatte hingestellt, und damit hatten sie ihren Spielplatz, fertig. Und dann haben die Jungs ohne Brillen halt Fußball gespielt und die Jungs mit Brillen Tischtennis.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/kinderlandszene02-1.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1917" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/kinderlandszene02-1.jpg" alt="kinderlandszene02 (1)" width="620" height="288" /></a></p>
<p><strong>So wie Mirco Watzke in „Kinderland“. Wie sind denn Ihre eigenen DDR-Erinnerungen?</strong></p>
<p>Ich habe ja nun viel weniger Zeit aktiv in der DDR verbracht als danach, und als Kind war es halt: Ich kannte es nur so. Aber die Kindheit verbringt man ja sowieso in so einer behüteten kleinen Welt, das passte schon. Bloß das auf mich nicht nur meine Eltern aufgepasst haben, sondern auch das Land begrenzt war.</p>
<p><strong>Wo sind Sie aufgewachsen?</strong></p>
<p>In Berlin-Mitte. Zu Ostzeiten war das durch die Mauer noch eher am Rande der Stadt, also eine sehr ruhige Ecke, kaum Autos. Da konnte man schön draußen rumrennen. Aber ich war eher so ein Stubenhocker. Wegen meines Stotterns war ich auf einer Sprachlernschule in Friedrichshain und hatte keine Freunde bei mir im Kiez. Ich saß sehr viel zu Hause und habe gezeichnet.</p>
<p><strong>Und dann waren Sie 13, und die Mauer fiel.</strong></p>
<p>Ja, genau zu dem Zeitpunkt, als mir das Land zu eng geworden wäre, das war vom Timing her genau richtig. Und ich musste jetzt im Gegensatz zu anderen Leuten nicht in die nächstgrößere Stadt ziehen, sondern war schon da, wo dann alle hinkamen.</p>
<p><strong>Wie ist heute Ihr Verhältnis zur DDR?</strong></p>
<p>Man landet einfach immer wieder bei irgendwelchen Themen, bei dem dann der Osten als Vergleich herangezogen wird – wenn man sich über Globalisierung unterhält, oder über Marktwirtschaft, oder über irgendeinen Irrsinn der Konsumgesellschaft. Wobei es natürlich schwer ist, zu vergleichen: Die DDR hat 1989 aufgehört, zu existieren, und die Gesellschaft hat sich weiterentwickelt. Und es war natürlich ein Unrechtssystem, allein schon weil Leute an der Mauer gestorben sind.</p>
<p><strong>Von 2002 bis 2007 haben Sie jedes Jahr ein Buch veröffentlicht, für „Kinderland“ haben Sie nun sieben Jahre gebraucht. Was haben Sie denn bloß die ganze Zeit über gemacht?</strong></p>
<p>Na ja, wenn du weißt, du hast ein Buch mit 300 Seiten vor dir, dann ist es auch relativ egal, ob du heute damit anfängst oder morgen. Dazu dann die Entscheidungen: Wenn man festlegt, wie eine Figur aussieht oder wie sie sich verhält, betrifft das ja immer gleich 100 Seiten. Man hat Angst, eine Entscheidung falsch zu fällen, die dann mehr Arbeit an Korrekturen nach sich zieht, und deswegen schiebt man sie immer auf. Außerdem war ich abgelenkt durch viele kleinere Projekte. Ich gebe Comic-Workshops, habe dieses Semester auch eine Dozentenstelle, ich habe mich um die Auslandsübersetzungen meiner Comics gekümmert und wurde oft vom Goethe-Institut eingeladen.</p>
<p><strong>Beim Goethe-Institut! Wie landet man denn da?</strong></p>
<p>Es gab immer wieder Institute, die kleinere Ausstellungen über deutsche Comics gebaut haben. Ich vermute, davon hat die Goethe-Zentrale Wind bekommen, denn vor fünf Jahren wurde eine professionelle Ausstellung konzipiert. Die ist schon fertig beschriftet, wird in schicken Bilderrahmen-Transportkisten um die ganze Welt geschickt, und kann dann vor Ort in den Instituten von den Praktikanten aufgehängt werden, dazu werden dann auch immer welche von den Zeichnern eingeladen. Und weil viele von denen schon Kinder haben, habe ich viele Reisen abbekommen.</p>
<p><strong>Ich hab eh den Eindruck, wenn man einmal in der Goethe-Rotation ist, dann kommt man da nicht so schnell wieder raus.</strong></p>
<p>Das ist natürlich einer der wenigen Vorteile daran, dass in Deutschland die Comicszene nicht so riesengroß ist. Da gibt es dann relativ wenige Leute, die ein paar Bücher rausgebracht haben und anerkannt sind – anders als etwa in Frankreich. Und es ist natürlich für Goethe auch günstiger, einen Comiczeichner dazuhaben, als gleich ein ganzes Sinfonieorchester einzuladen.</p>
<p><strong>Und da geben Sie dann auch Workshops?</strong></p>
<p>Ja. Ich weiß nicht, ob ich der perfekte Pädagoge bin, aber ich bin jedenfalls mit Leidenschaft bei der Sache. In Deutschland mache ich auch Workshops, die dann über mehrere Tage gehen. Bei den Goethe-Sachen kriegst du meistens nur eine Schulklasse für drei Stunden. Dann gibt es ein paar kleine Übungen, oder <a href="http://www.youtube.com/watch?v=TquTHCPUR6g" target="_blank" shape="rect">man zeigt ein paar Tricks</a>.</p>
<p><strong>Was sind das so für Tricks?</strong></p>
<p>Wichtig ist es, aufs Timing zu achten. Man kann die gleiche Sache in drei Bildern erzählen oder in zehn. Wo mach ich mal einen Zeitraffer, und wo kann ich mal eine Pause setzen? Wenn sich zwei unterhalten und in einem Bild zündet sich dann jemand mal nur eine Zigarette an, macht das gleich Atmosphäre. Eine andere Frage ist, ob man einen Off-Erzähler braucht. Wenn du sagen willst, dass Fritzchen ein Arschloch ist, dann schreibst du das nicht oben drüber, sondern zeigst Fritzchen, wie er einen Stein auf eine Taube schmeißt, jetzt mal ganz spießig gesagt. Eine Geschichte sollte vor allem über Handlung und Dialoge erzählt werden – ich selber versuche, Comics so zu machen, dass sie in etwa wie ein Film funktionieren.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/mawil_atelier_bild.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1915" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/mawil_atelier_bild.jpg" alt="mawil_atelier_bild" width="620" height="310" /></a></p>
<p><strong>Stimmt, die Seiten ohne Text in Ihren Comics haben etwas Storyboard-artiges, wie ein Szenenbuch. Und „Kinderland“ startet mit einer Anfangsszene dann kommt erst der Titel, wie im Kino.</strong></p>
<p>Ich bin eben ein großer Kinofan. Comics sind cool, aber ein bisschen mehr Größenwahn, ein bisschen mehr Hollywood, also die guten Seiten von Hollywood, dürfen ruhig auch noch rein.</p>
<p><strong>Welche Regisseure mögen Sie?</strong></p>
<p>Ich bin ein großer Fan von Wes Anderson. Der erzählt nicht so die superspannenden Geschichten, aber er ist ein krasser Nerd, was die Ausstattung angeht. Sein ganzer Stil ist so geil durchkomponiert, die Typen, die Schrift im Abspann, die Schnitte: voller kleiner Details, auf die man selber nicht kommen würde.</p>
<p><strong>Noch mal zurück zum Goethe-Institut, wo waren Sie zuletzt?</strong></p>
<p>Im März war ich in Kasachstan, wenn auch leider nur in der Hauptstadt Almaty. Da haben mich an einem Abend mal meine Studenten in irgendeinen Rockklub mitgenommen, wo eine russische Rammstein-Coverband gespielt hat. Das fand ich dann sehr amüsant. Der Sänger hat sich auch echt Mühe gegeben, alle deutschen Texte zu können, und dazu haben sie mir irgendwelche krassen Cocktails eingeflößt, die man anzünden konnte.</p>
<p><strong>Irgendwelche anderen Highlights?</strong></p>
<p>Indonesien war sicher <a href="http://https//archive.today/o/hBW0I/http://www.mawil.net/archiv/yakartagross.jpg" target="_blank" shape="rect">eine Erfahrung</a>. Und ich finde die ganzen ehemaligen Ostblockländer total spannend: Ich war in Russland, in Jekaterinenburg, in St. Petersburg, in Moskau, auch in Georgien. Da entdeckt man manchmal noch irgendeine Ecke, die einen an die eigene Ostkindheit erinnert – und dann freut man sich, wenn da ein alter Lada rumsteht, selbst wenn der nur noch als Transportmittel für die Melonen zum Marktplatz benutzt wird. Ich mache dann nur Fotos von irgendwelchen Plattenbaufassaden, und alle denken: Da sieht’s ja voll gruselig aus. Dabei haben die da auch schöne Ecken – die ich aber langweilig finde.</p>
<p><strong>Wären diese Reiseerlebnisse nicht auch ein gutes Thema für ein nächstes Buch?</strong></p>
<p>Was ich da erlebe, passt meistens auf eine <a href="http://mawil.net/publik/tagesspiegel/index.htm" target="_blank" shape="rect">der Sonntagsseiten</a>, die ich einmal im Monat für den <em>Tagesspiegel</em> mache. Im nächsten Jahr wird wahrscheinlich mal ein Sammelband mit den Zeichnungen herauskommen. Wenn du mit Goethe verreist, bist du zwar mit Sicherheit in einer spannenden Stadt, aber eben auch in einem schicken Hotel nach westlichen Standards – klar, weil sie da auch auf einen aufpassen müssen. Auf einer Fahrradtour durch Mecklenburg erlebt man wahrscheinlich mehr Abenteuer.</p>
<p><strong>Wobei Fahrradtouren, <a href="http://mawil.net/publik/tagesspiegel/mawil_przejechane.jpg" target="_blank" shape="rect">wenn man Ihren Comics glauben kann</a>, so etwas wie Ihr Standardurlaub sind.</strong></p>
<p>Ja, total. Mit dem Auto siehst du nur die ganzen Autobahnen, und wenn du durch die Straßen fährst und irgendetwas Spannendes siehst, musst du anhalten, kompliziert wenden, Parkplatzsuche, blablabla. Und zum Wandern bin ich vielleicht zu ungeduldig. Mit einem Fahrrad hast du das richtige Tempo, um die Landschaft richtig zu sehen, und musst dein Gepäck nicht selbst schleppen.</p>
<p><strong>Wohin geht es dann so?</strong></p>
<p>Klar, am schönsten ist es Richtung Ostsee. Aber wenn ich einen Comic-Workshop in Leipzig habe und das Wetter ist schön, ist das eine Option. Auf dem Weg gibt es riesige leerstehende Militärgelände, und zugewucherte Plattenbauten und alte Backsteinhäuser, wo die Russen drin waren. Oder einfach nur Felder. Als Großstädter ist es ja schon total überraschend, wenn auf einmal 50 Prozent des Sichtfelds Himmel sind. Da ist man mit einer simplen Brandenburger Landschaft leicht zu beeindrucken.</p>
<p><strong>In Berlin haben wir ja immerhin das Tempelhofer Feld. Wissen Sie schon, wie Sie beim Volksentscheid in zwei Wochen abstimmen werden – für oder gegen eine Randbebauung mit Wohnungen?</strong></p>
<p>Dagegen. Klar, man könnte da sozialen Wohnraum schaffen – aber ich denke, wenn da was gebaut wird, dann vermutlich doch wieder nur Luxussachen. Ich selbst bin nicht so oft in dem Kiez da unterwegs, deswegen betrifft es mich nicht so, aber all meine Freunde sind Fans des Felds.</p>
<p><strong>Wohnen Sie eigentlich immer noch in Berlin-Mitte? Oder wurden Sie schon weggentrifiziert?</strong></p>
<p>Noch nicht. Klar, ich kriege hier auch die Entwicklungen auf dem Wohnungsmarkt mit. Für mich war es die letzten Jahre immer wieder ein Abenteuer, von der einen Ofenheizungswohnung in die nächste zu ziehen. Aber ich würde jetzt nie über die Gentrifizierung schimpfen. Wenn ich selber nicht in Mitte geboren wäre, wäre ich hierhin gezogen. Weil ich natürlich da sein wollte, wo alle anderen coolen Leute auch sind.</p>
<p><strong>Aber Ofenheizung, das nervt doch auch irgendwann mal, oder? Mit 37 Jahren?</strong></p>
<p>Klar, es ist nicht geil, so einen Kohleneimer hochzuschleppen. Aber wenn ich dafür im Monat 200 Euro spare, dann ist es mir das wert. Gerade wohne ich in einer 30er-Jahre-Wohnung, also Altbausubstanz, Holzfußboden und Holzfenster, aber mit den Proportionen eines Plattenbaus. Das ist ne schöne Wohnung, und wenn du da den Ofen anschmeißt, dann ist es immer in Nullkommanix warm.</p>
<p><strong>Wo wir gerade beim Thema Gentrifizierung sind: Was sagen Sie eigentlich zu den Leuten, die neben Clubs ziehen und sich dann über den Lärm beschweren?</strong></p>
<p>Sehr extremes Beispiel war der Knaack Club. Die bauen daneben ein neues Haus, dann wundern sich die Leute, die da einziehen, und dann schließen sie den Club wegen Lärmbelästigung. Klar, Wohnraum ist wichtig, aber wenn du den neben einem Club baust, musst du es auch vorher wissen.</p>
<p><strong>Das Knaack kam auch schon in einem älteren Comic von Ihnen vor, als eine Gruppe von Tieren aus dem Wald zum Feiern nach Berlin fährt. Waren Sie da früher auch?</strong></p>
<p>Ja, da ist man damals als Jugendlicher einfach hingegangen, das war der Laden im Ostteil der Stadt. Meine Kumpels waren HipHopper, ich selber eher Palituch und Doc Martens. Da war das Knaack der kleinste gemeinsame Nenner … und wenn man mal hübsche Mädchen zumindest aus der Ferne beim Tanzen anschauen wollte – sie anzusprechen, das wäre ja noch mal eine ganz andere Nummer gewesen – dann musste man halt in den Knaack gehen.</p>
<p><strong>Das ist auch oft ein Thema in Ihren Comics: bildhübsche Mädchen, die aber bloß aus der Ferne angehimmelt werden.</strong></p>
<p>Auf der Sprachlernschule gab es in manchen Klassen drei Mädchen, in manchen eins, in manchen gar keins. Das ist wohl so eine Gensache, ich kenn keine Mädchen, die stottern. So hatte ich halt während meiner ganzen Jugend das Gefühl was zu verpassen. Zumal die Mädels dann aus der Ferne auch etwas sehr stark Idealisiertes hatten und ich erst später gemerkt habe: Hey, das sind ja eigentlich auch nur Menschen … oh je, das klingt jetzt ein bisschen wie bei den anonymen Spätzündern, dabei soll es gar nicht so sehr bemitleidenswert rüberkommen.</p>
<p><strong>Ach nein, es wirkt in den Comics ja auch nicht wirklich traurig, eher sehnsüchtig egal.</strong></p>
<p>Ja, ich hab eine Familie, da ist alles super, ich habe viele Freunde, lebe zur richtigen Zeit am richtigen Ort und kann mich nicht über Schicksalsschläge beklagen. Insgesamt würde ich mich als optimistischen Menschen bezeichnen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em><strong><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/mawil_quad.jpg"><img class=" size-full wp-image-1922 alignleft" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/mawil_quad.jpg" alt="mawil_quad" width="138" height="138" /></a>Der Zeichner:</strong> <a href="http://mawil.net/" target="_blank">Mawil</a> wurde 1976 als Markus Witzel in Ostberlin geboren. Sein Studium an der Kunsthochschule Weißensee schloss er 2003 mit dem Liebeskummer-Episoden-Comic „Wir können ja Freunde bleiben“ ab, der damals viel Feuilleton-Aufmerksamkeit bekam.</em></p>
<p><em><b>Das Buch: </b>„Kinderland“ erzählt die Geschichte von Mirco Watzke, der 1989 in Ostberlin in die siebte Klasse geht. Es geht um Mircos Angst vor Schlägertypen, den neuen Mitschüler, der nicht bei den Pionieren ist – und um Tischtennis. Die politische Bedeutung jener Tage bricht über die Erwachsenen immer wieder in die Geschichte ein.</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2014/05/10/das-timing-stimmte-einfach/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Die Gesellschaftskonferenz</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2014/05/08/die-gesellschaftskonferenz/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2014/05/08/die-gesellschaftskonferenz/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 08 May 2014 17:31:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>
		<category><![CDATA[Konferenz]]></category>
		<category><![CDATA[re:publica]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1934</guid>
		<description><![CDATA[Die re:publica in Berlin ist längst mehr als Geek- und Internetveranstaltung. Es geht um den Fortschritt – und wie wir mit ihm umgehen. (aus der taz vom 8. Mai 2014) Mit ihren 350 Einzelveranstaltungen, meist läuft ein Dutzend parallel, ist]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die re:publica in Berlin ist längst mehr als Geek- und Internetveranstaltung. Es geht um den Fortschritt – und wie wir mit ihm umgehen.<span id="more-1934"></span> (aus der <a href="http://taz.de/Impressionen-von-der-republica-2014/!138115/" target="_blank">taz</a> vom 8. Mai 2014)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/republica2014_u__bersicht.jpg"><img class="size-full wp-image-1936 aligncenter" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/republica2014_u__bersicht.jpg" alt="republica2014_u__bersicht" width="620" height="310" /></a></p>
<p>Mit ihren 350 Einzelveranstaltungen, meist läuft ein Dutzend parallel, ist die <a href="http://www.re-publica.de/" target="_blank" shape="rect">re:publica</a> das Internet im Kleinen: Es gibt hier keine lineare Erzählung, keine kollektive Kongressrezeption, keine fertigen Ergebnisse, dafür viele Prozesse und noch mehr Dialoge. Das Überangebot sorgt für Überforderung, kaum wird etwas langweilig, verlassen viele Leute den Raum. Ist es nebenan nicht vielleicht viel spannender? Es ist ein Impressionsgewitter, ein permanenter Input-Overload, von dem man manchmal erst Jahre später weiß, was er einem eigentlich gebracht hat.</p>
<p>–––</p>
<p>Das Überthema Überwachung schwebt bei der ersten re:publica nach Snowden über allem. Den großen Aufschlag macht dabei Sascha Lobo, der durch die NSA-Affäre, die er gar nicht als „Affäre“ verniedlicht sehen will, vom Interneterklärbären zum Internetmahner geworden ist. 70 Minuten lang <a href="http://www.re-publica.de/session/rede-zur-lage-nation" target="_blank" shape="rect">redet er den Zuhörern ins Gewissen</a>, verurteilt die Nichtbereitschaft, die wenigen hart arbeitenden Internet-Lobbygruppen finanziell zu unterstützen, die Müdigkeit, die sich bei diesem Thema längst eingestellt hat, als wäre das Problem gelöst, nur weil es seit einem Dreivierteljahr bekannt ist. Die Regierung verurteilt er auch und bekommt langen Applaus.</p>
<p>–––</p>
<p><span style="line-height: 1.5;">Es gibt verschiedene Gruppen hier: Die Leute aus Hackerkontexten mit bunten Haaren und sehr fortschrittlichem Genderverständnis. Die Abgesandten aus den Start-ups und Agenturen, Menschen mit gut sitzender Kleidung und jungen, unfertigen Gesichtern. Klassische 40-plus-Businesstypen mit Anzügen und Umhängetaschen. Blasse übergewichtige Nerds, die selbst von deutschen Fernsehfilmregisseuren als zu klischeehaft abgelehnt würden. Und ein großer Rest von Twenty- und Thirty-somethings, der aussieht wie überall in Berlin. Auf dem Hof bleiben diese Gruppen oft unter sich, in den Veranstaltungen diskutieren sie miteinander.</span></p>
<p>–––</p>
<p><span style="line-height: 1.5;">Sehr lobenswert ist die synchrone Untertitelung der Reden auf der Hauptbühne. Also die Idee ist lobenswert, in der Umsetzung wird aus „Pracmatism“ schon mal „Prague mytism“, aus dem NSA-Spähprogramm „Prism“ wird „Prison“ und aus „Godzilla“ ein „bug“. Auf dem Hof erzählt jemand, manche der Reden würden mit automatischer Spracherkennung untertitelt, andere von Menschen. Wenn das stimmt, erkennt man zumindest den Unterschied nicht mehr. Hallo, Zukunft.</span></p>
<p>–––</p>
<p><span style="line-height: 1.5;">Der Veranstaltungsort ist ein ehemaliger Postbahnhof, der Innenraum ist gigantisch weitläufig, manche Säle sind nur von Vorhängen getrennt. Damit man sich nicht gegenseitig stört, finden diverse Veranstaltungen mit Funkkopfhörern statt, wie „Silent Disco“, nur ohne tanzen. Das sieht lustig aus, aber man gewöhnt sich schnell dran – wenn die Dinger nur die Ohren nicht so heiß machen würden. Was auch die Kopfhörer nicht verhindern können, ist das Phantomklatschen: tosender Applaus an völlig falschen Stellen, von der anderen Seite des Vorhangs.</span></p>
<p>–––</p>
<p><span style="line-height: 1.5;">Die Kopfhörer wurden übrigens von einer Bank gespendet. Ohne Sponsoren geht es nicht, erst recht nicht bei den Eintrittspreisen. Im Foyer steht ein ganzes Messestanddorf aus weißen Kisten, eine Schuhfirma ist mit dabei, diverse Start-ups, Baden-Württemberg gleich zweimal. Größere Partner kriegen Veranstaltungsslots, einer hat den bemitleidenswerten David Hasselhoff auf die Bühne gezerrt. Den wichtigsten Sponsoren wird bei der Begrüßung gedankt: „Unser größter Partner ist wieder Daimler, diesmal mit dem Schwerpunktthema Mobilität.“ Die Leute lachen. „Äh, ja, also eMobility.“ Das schönste Sponsorengimmick aber haben alle Teilnehmer in ihren Kongresstaschen: eine Packung Kekse in Form von Facebook-Like-Daumen.</span></p>
<p>–––</p>
<p><span style="line-height: 1.5;">Noch ein paar Zahlen: 6.000 Besucher sind da, 1.000 mehr als letztes Jahr. 40 Prozent von ihnen sind Frauen, bei den Speakern sieht es genau so aus. Über 324.000 von diesen Gratiskeksen wurden verteilt. Und es waren rund 600 Journalisten da, der häufigste Vorname bei den Männern: Michael. Ähem.</span></p>
<p>–––</p>
<p><span style="line-height: 1.5;">Den besten Kaffee mit den kürzesten Schlangen gibt es in der Jazz-Bar gleich hinterm Eingang. Nur das mit dem Kassiersystem funktioniert nicht so richtig: Es ist ein iPad-Interface, das irgendwie mit der Analogkasse verbunden ist, die aber nicht dann aufgeht, wenn sie soll. „Die ist einfach zu schnell für das Scheißding“, sagt eine chefartige Person. Kurz danach kommen 15 Bons auf einmal aus dem Drucker. Man entscheidet sich dann, den Kaffeekonsum mit einer Strichliste zu dokumentieren.</span></p>
<p>–––</p>
<p><span style="line-height: 1.5;">Die Keynote halten </span><a style="line-height: 1.5;" href="http://www.re-publica.de/search/node/yes%20men" target="_blank" shape="rect">die Yes Men</a><span style="line-height: 1.5;">, die ihre Kommunikationsguerilla-Methode vorstellen: im Namen großer Organisationen falsche Pressemitteilungen rausgeben oder bei Tagungen Vorträge halten – und dabei immer genau so weit gehen, dass die Leute es noch glauben. Sie zeigen ihren Auftritt bei einer Homeland-Security-Konferenz, auf der sie einen Vortrag über die Abschaffung der fossilen Energien in den USA bis 2030 gehalten haben und wo ein Vertreter des fiktiven Indianerstamms der Wanabis es geschafft hat, dass die Zuschauer einen Rundtanz aufführen. Großes Gelächter im re:publica-Saal. Lustig wäre es jetzt, wenn ein Video von uns in einem halben Jahr auf einer Tea-Party-Konferenz gezeigt wird und dieselben Männer dann erzählen, sie hätten sich auf einer linksliberalen deutschen Netzkonferenz als „Yes Men“ ausgegeben und Quatsch erzählt.</span></p>
<p>–––</p>
<p><span style="line-height: 1.5;">Man sollte, man müsste hier so viel mehr über die Inhalte schreiben, allein, es würde den Rahmen sprengen – doch die meisten Veranstaltungen kann man sich ohnehin auch nachträglich </span><a style="line-height: 1.5;" href="http://youtube.com/user/republica2010" target="_blank" shape="rect">auf YouTube</a><span style="line-height: 1.5;"> anschauen, vieles steht auch in unseren</span><a style="line-height: 1.5;" href="http://taz.de/republica-2014-der-2-Tag/!138033/" target="_blank" shape="rect">Tageszusammenfassungen</a><span style="line-height: 1.5;">. Deswegen hier bloß noch eine Empfehlung: Der Vortrag </span><a style="line-height: 1.5;" href="http://www.re-publica.de/session/unsinn-stiften-performative-aufklaerung-vortrag-im-sinne-des-katersalons" target="_blank" shape="rect">„Unsinn stiften als performative Aufklärung“</a><span style="line-height: 1.5;">, in dem Christiane Frohmann den Unterschied von Entweder-oder- und Und-Menschen erklärt, die Schönheit von computergeneriertem Spam zeigt und brillante Bögen schlägt, von der Aufklärung zu „Serial Mom“, von der Toteninsel zum Cthulhu-Mythos, von Kafka zu Hitlerkatzen.</span></p>
<p>–––</p>
<p><span style="line-height: 1.5;">Im Hof: „Wie war die Party?“ – „Das war keine Party. Das war einfach nur so ein bisschen Chill-out.“ Woanders im Hof: „Die Party, ja, die war nach objektiven Gesichtspunkten wahrscheinlich Mist. Aber ich komm ja nicht hier her, um zu geiler Musik zu tanzen, sondern um mich mit interessanten Leuten zu unterhalten. Also ich hatte viel Spaß.“</span></p>
<p>–––</p>
<p><span style="line-height: 1.5;">Die re:publica käme ihrem Ziel, eine Gesellschaftskonferenz zu werden, immer näher, sagt Johnny Haeusler bei der Eröffnung. Sie hat es längst erreicht. Denn es geht nicht nur um Bezahlmodelle für Online-Journalismus, um Internethumor jenseits von Katzen, um Wikileaks oder Programmieren, es geht genauso auch um die Geschichten der Pen+Paper-Rollenspiele, um Einhörner, um Cyborgs, um das Leben nach der Apokalypse oder um den Streit der Sprachprogressiven (die mit dem Gender Gap und dem N-Wort) und der Sprachkonservativen (die das alles total albern finden).</span></p>
<p>Denn die re:publica ist keine Technologieveranstaltung, sie ist nicht mal eine Internetveranstaltung. Ihre Klammer ist breiter, es geht um Fortschritt: Wie er sich strukturell darstellt und gestalten lässt, wie wir mit ihm umgehen und was er mit der Gesellschaft und den Individuen macht. Was die Menschen hier eint, ist ihre geistige Bereitschaft, Veränderung als etwas Positives zu begreifen und die Zukunft als Chance zu sehen. Als etwas, an dem wir alle mitarbeiten können.</p>
<p>–––</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Foto: re:publica / Sandra Schink / <a href="http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/">CC BY 2.0</a></em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2014/05/08/die-gesellschaftskonferenz/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Ferkelmonat Januar</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2014/01/31/ferkelmonat-januar/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2014/01/31/ferkelmonat-januar/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 31 Jan 2014 05:26:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>
		<category><![CDATA[Nullen und Einsen]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1842</guid>
		<description><![CDATA[KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Prozesse, Mitteilungen und Infos über die Sexvorlieben der Kasachen: Der knallharte Kampf der Pornoseiten um Aufmerksamkeit. (aus der taz vom 31. Januar 2014) „Alter Falter, das glaubt auch keiner der es nicht gesehen hat&#8230;.“ Alter Falter, Spambetreffs werden auch]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Prozesse, Mitteilungen und Infos über die Sexvorlieben der Kasachen: Der knallharte Kampf der Pornoseiten um Aufmerksamkeit.<span id="more-1842"></span> (aus der <a href="http://www.taz.de/Kolumne-Nullen-und-Einsen/!132005/" target="_blank">taz</a> vom 31. Januar 2014)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/pornhub_kasachstan.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1843" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/pornhub_kasachstan.jpg" alt="pornhub_kasachstan" width="620" height="310" /></a></p>
<p>„Alter Falter, das glaubt auch keiner der es nicht gesehen hat&#8230;.“ Alter Falter, Spambetreffs werden auch immer bescheuerter. In der Mail dazu geht das so weiter, „das haut einem das Blech weg“. „Mein lieber Scholli“, „da geht einem die Kinnlade runter!“ Wie bitte soll man bei so einem Zum-Bleistift-Vokabular noch von einem seriösen Angebot ausgehen, wie soll man ernsthaft glauben, dass man hier in 39 Minuten eine Technik lernen kann, mit der man in sieben Tagen 4.575 Euro verdient?</p>
<p>Aber man soll sich nicht über Spam beschweren, immer noch besser, als gar keine Mails zu bekommen, wie von meiner Hausverwaltung, die diesen Service leider nicht anbietet. Ich darf aber ein Fax schicken oder dienstags (10–13 Uhr) beziehungsweise donnerstags (14–17 Uhr) anrufen und kann mir außerdem sicher sein, dass die US-Geheimdienste wirklich überhaupt nichts über die Wasserflecken an der Decke wissen.</p>
<p>Seltsam sind auch Mails von Anbietern, die man eher im Schattensegment des Internets verortet, die einem aber ganz hochoffizielle Pressemitteilungen schicken. Vor zwei Wochen kam Post von RedTube, der Pornofilmseite, die nicht klingen will wie eine Pornofilmseite. Sie begrüßte ihren zweimilliardsten deutschen Nutzer und stellte klar: „For close to eight years, viewers have trusted RedTube to deliver a quality adult entertainment experience across a streaming platform.“ Bei RedTube werden Qualität und Vertrauen eben noch großgeschrieben!</p>
<p>Außerdem wurde das Statement der Bundesregierung begrüßt, dass Streaming keine Urheberrechtsverletzung sei, als Reaktion auf <a href="http://www.taz.de/Kommentar-Redtube-Urteil/%21131852/" target="_blank" shape="rect">das laufende Abmahnverfahren gegen RedTube-Nutzer</a>, das, wie <a href="http://twitter.com/mspro" target="_blank" shape="rect">mspro</a> zurecht sagte, in Wirklichkeit ja die optimale PR-Kampagne ist. Die meisten Leute kannten vorher ja gar nichts anderes als YouPorn!</p>
<p>Die Konkurrenz muss sich da eigene PR-Tricks einfallen lassen. Der britische Anbieter Pornhub hat deshalb neulich <a href="http://onlinetaz.hal.taz.de/http://" target="_blank" shape="rect">zum wiederholten Male</a> seine <a href="http://www.theguardian.com/news/datablog/2014/jan/07/pornhub-porn-trends-search-terms-time" target="_blank" shape="rect">Nutzerstatistiken veröffentlicht</a>. 8:56 Minuten verbringt der Durchschnittsuser auf der Seite, Briten brauchen rund eine Dreiviertelminute länger, Amerikaner sind sogar 11 Minuten dabei.</p>
<p>Bei den beliebtesten Suchbegriffen, nach Ländern sortiert, ist fast immer das eigene Land on top, also „German“, „British“, „Italian“, „Japanese“. Dieser Trend zeigt sich übrigens auch in dem <a href="http://www.pornmd.com/sex-search" target="_blank" shape="rect">noch umfangreicheren Datenmaterial</a> der Metaseite PornMD, Ausnahmen bilden so abseitige Länder wie Irland (Topbegriff: „Gangbang“) und Kasachstan („Lesbian Prison“) oder die besonders kreativen Iraner („Pussy“) und Finnen („Sex“).</p>
<p>Von Pornhub lernen wir ferner, dass der beliebteste Onlinepornogucktag in fast allen Ländern – außer Japan – der Montag ist. Und ähnlich beliebt ist auch der Januar, nur Mexiko (März) und wieder Japan (November) scheren hier aus. Klar: Über Weihnachten zerbrechen gerne mal Beziehungen, und überhaupt, bei all den guten Vorsätzen, weniger essen, weniger Alkohol, weniger Spaß, hat man ja auch nix Besseres zu tun als zu Hause zu bleiben und sich einen runterzuholen. Zum Glück ist dieser Ferkelmonat nun endlich vorbei!</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2014/01/31/ferkelmonat-januar/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Die Hauptfigur ist eine Stadt</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2014/01/25/die-hauptfigur-ist-eine-stadt/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2014/01/25/die-hauptfigur-ist-eine-stadt/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 25 Jan 2014 20:08:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Comic]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Stadt]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1830</guid>
		<description><![CDATA[Grandiose urbane Kaputtheit: Der retrofuturische Noir-Thriller „Mister X“ war in den Achtzigern stilbildend. Als Sammelband gibt es ihn jetzt auch auf Deutsch. (aus der taz vom 25. Januar 2014) So viel zu tun und so wenig Zeit! Schattengleich huscht der]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Grandiose urbane Kaputtheit: Der retrofuturische Noir-Thriller „Mister X“ war in den Achtzigern stilbildend. Als Sammelband gibt es ihn jetzt auch auf Deutsch. <span id="more-1830"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Dean-Motters-Comic-Mister-X/!131652/" target="_blank">taz</a> vom 25. Januar 2014)</h3>
<h3><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/schreiber-leser-mr-x.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1835" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/schreiber-leser-mr-x.jpg" alt="schreiber-leser-mr-x" width="620" height="283" /></a></h3>
<p>So viel zu tun und so wenig Zeit! Schattengleich huscht der Mann durch die endlostiefen Straßenschluchten seiner Stadt, drahtig, hager, ewig gehetzt, Drogen halten ihn wach, seit vielen Wochen schon. Er hat diese Stadt erschaffen, jetzt will er sie reparieren.</p>
<p>Und tatsächlich scheint er sie zu beherrschen, kann dank seines exklusiven Zugangs zu einem Geheimgangsystem überall verschwinden und auftauchen und kennt alle wichtigen Strippenzieher. Doch wer ist dieses Mysterium mit Glatze, Trenchcoat und Sonnenbrille?</p>
<p>Der Kanadier Dean Motter ist der Schöpfer von „Mister X“, zwischen 1983 und 1988 jagte er ihn durch 14 Bände voll mit Intrigen, Toten, Entführungen und Verstrickungen, in Szene gesetzt von jungen Talenten der alternativen Comicszene: Den Brüdern Gilbert, Jaime und Mairo Hernandez, die dank ihrer „Love + Rockets“-Reihe längst Legendenstatus haben, sowie den Zeichnern Seth und Paul Rivoche. Die düstere, postmoderne New-Wave-Optik von „Mister X“ war stilbildend, ein Vorbild etwa für Tim Burtons Kinointerpretation von Batmans Gotham City oder Terry Gilliams „Brazil“.</p>
<h6>Kilometerhohe Art-déco-Hochhäuser</h6>
<p>Der Hamburger Verlag <em>Schreiber &amp; Leser</em>, zu dessen Schwerpunkt Krimi-, Noir- und Erotik-Stoffe gehören, hat nun sämtliche Bände des Motter-Zyklus veröffentlicht und sie dafür umfangreich restauriert: Auf jeder Seite der Originalscans wurden digital die Druckraster und bei Bedarf auch Farbschatten entfernt. Drei Vorworte, einiges Bonusmaterial und das von Motter schon 2008 neu gestaltete Ende der letzten Episode runden den Sammelband ab.</p>
<p>Doch ist Mister X, das verrät ja schon sein Platzhaltername, gar nicht der Mittelpunkt dieser Geschichte. Denn die wahre Hauptfigur ist eine Stadt: Radiant City! Kilometerhohe Art-déco-Hochhäuser mit gigantischen Foyers und Hallen streben hier in den von Scheinwerferkegeln zerschnittenen Nachthimmel, verbunden von schwindelhohen Brücken wie in dem Filmklassiker „Metropolis“.</p>
<p>Nicht ein Baum, nicht ein Grashalm existiert in dieser Stadt der Zukunft, deren Schatten, Formen und Fluchten von den Zeichnern grandios in einer retrofuturistischen Dieselpunk-Ästhetik festgehalten wurden: fliegende Autos im Stile von 50er-Jahre-Straßenkreuzern, Zeppeline und schnittige Schnellzuglokomotiven, Zeitungsstreiks und Roboter prägen das Bild – Computerdisplays gibt es hingegen nicht.</p>
<h6>Bauhausmoderne und Tangerine Dream</h6>
<p>In einem Interview mit dem Berliner Stadtmagazin <em>Zitty</em> betonte Motter auch den „großen deutschen Einfluss“ auf Mister X, von der Architektur der Bauhausmoderne über die Filmkulissen des Stummfilmexpressionismus, beim Entwurf des Szenarios lief zudem Musik von Kraftwerk und Tangerine Dream.</p>
<p>Gebaut wurde Radiant City, natürlich, als Utopie, von den fähigsten Architekten seiner Zeit, Simon Myers und Walter Eichmann. Die Stadt sollte den Prinzipien der Psychotektur folgen, einer Feng-Shui-artigen Wissenschaft, laut der die äußere Verfasstheit der Stadtstrukturen die Stimmung ihrer Bewohner steuert. Doch die Zeit wurde knapp, die Architekten zerstritten sich, Eichmann tauchte unter, und aus der Utopie wurde ein Moloch mit defekter Psychotektur, der seine Bewohner in den Wahnsinn treibt: Ständig sehen wir Menschen auf die Straßen stürzen, das einzige Ziel der Schnellzüge scheint die Ninth Academy zu sein, eine Mischung aus Sanatorium und Irrenanstalt.</p>
<p>Designerdrogen spielen eine bedeutende Rolle in Radiant City, Leprocyllin, Poltercain, Insomnalin, Metamorphin heißen sie. Der Wunsch nach Schlaflosigkeit, nach der Selbstoptimierung mit Wachmachern ist ein Dauerthema der Comicserie und lässt sie heute, in Zeiten von Neuro Enhancement und steigendem Ritalinkonsum, noch immer aktuell erscheinen. „So viel zu tun? und so wenig Zeit!“ ist das Mantra von Mister X.</p>
<h6>Lustvoll klischeebeladenes Personal</h6>
<p>So lustvoll klischeebeladen wie die urbane Kaputtheit von Radiant City ist auch ihr Personal, das aus einem Hardboiled-Crime-Groschenheftchen stammen könnte: Da ist der schmierige Gangsterboss mit der Femme fatale als Liebchen, da sind die korrupte Elite, der mächtige Konzern, der heimlich die Stadt mit Drogen versorgt, und die Unschuld vom Lande, die sich in Mister X – Santos nennt sie ihn – verliebt hat.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/schreiber-leser-mr-x-650-Cover.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1834" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/schreiber-leser-mr-x-650-Cover.jpg" alt="schreiber-leser-mr-x-650 Cover" width="310" height="452" /></a></p>
<p>Doch ist dieser Mister X trotz seiner unklaren Identität und seines Wissensvorsprungs kein Superheld, Manipulator oder genialer Meisterdieb. Im Gegenteil, ständig sehen wir ihn scheitern und flüchten, er wird verprügelt und verraten, scheitert an Empfangsdamen und kämpft mit Entzugserscheinungen. Er ist so kaputt wie die Bewohner seiner Stadt, der größte Junkie von allen.</p>
<p>Wobei seine Geschichte auf den Leser selbst ebenfalls wie Schlafentzug auf chemischen Drogen wirkt. Sind die Zeichnungen der ersten Bände noch recht realistisch gehalten, wird es bei den Visualisierungen von Seth mit jeder Folge schneller, karikaturenhafter, flapsiger. Mit fettem Strich wirft er Pop-art-hafte Abstraktionen aufs Papier. Und auch das Erzähltempo steigt stetig, immer atemloser folgen die Ereignisse aufeinander, immer weiter verliert man den Zugriff auf das Geschehen und versinkt immer tiefer in dem Irrsinn, der jeden Bewohner von Radiant City unweigerlich befällt. So viel zu tun und so wenig Zeit!</p>
<p><em><strong>Dean Motter, Seth, Paul Rivoche, Gebrüder Hernandez: „Mister X“.</strong> Aus dem Englischen von Bernd Weigand. Schreiber &amp; Leser, Hamburg 2013, 383 Seiten, 39,80 Euro.</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2014/01/25/die-hauptfigur-ist-eine-stadt/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Unglücklich wie ein Großstadtsingle</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2014/01/04/ungluecklich-wie-ein-grossstadtsingle/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2014/01/04/ungluecklich-wie-ein-grossstadtsingle/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 04 Jan 2014 18:47:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Comic]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>
		<category><![CDATA[Avant]]></category>
		<category><![CDATA[Indiecomics]]></category>
		<category><![CDATA[Joann Sfar]]></category>
		<category><![CDATA[Osteuropa]]></category>
		<category><![CDATA[Schwarzer Humor]]></category>
		<category><![CDATA[Single]]></category>
		<category><![CDATA[Vampir]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1628</guid>
		<description><![CDATA[Frauengeschichten, Depressionen und Allerweltsgespräche: Joann Sfars Comic „Vampir“ erzählt vom Vampir Ferdinand und seinem fast menschlichen Leben. (aus der taz vom 4. Januar 2014) Joann Sfar ist ein Besessener. Besessen davon, Geschichten zu erzählen, rauschhafte, reiche Geschichten. An über 100 Comicbänden war der]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Frauengeschichten, Depressionen und Allerweltsgespräche: Joann Sfars Comic „Vampir“ erzählt vom Vampir Ferdinand und seinem fast menschlichen Leben. <span id="more-1628"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Social-Media-Forscherin-ueber-Netzkatzen/!121397/" target="_blank">taz</a> vom 4. Januar 2014)</h3>
<p><strong><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/avant-vampir-news-bild-1-xl.jpg"><br />
<img alt="avant-vampir-news-bild-1-xl" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/avant-vampir-news-bild-1-xl.jpg" width="620" height="294" /></a></strong></p>
<p>Joann Sfar ist ein Besessener. Besessen davon, Geschichten zu erzählen, rauschhafte, reiche Geschichten. An über 100 Comicbänden war der 42-jährige Franzose in den vergangenen 20 Jahren als Zeichner oder Autor beteiligt. Jüdisches Brauchtum, viktorianische Schauermärchen, osteuropäische Sagen, die Zeit Russlands zur Revolution, die Irren und Wirren der Liebe und das Leben von Künstlern sind wiederkehrende Themen Sfars. Fabelwesen und Teufel, dralle Frauen und lustige Musikanten, Rabbis, Kosaken und Polizisten bevölkern seine Geschichten.</p>
<p>Eine dieser Sfar-Gestalten ist Ferdinand, ein Vampir aus Litauen. In einem Sammelband hat der Berliner Avant-Verlag jetzt vier der „Vampir“-Alben veröffentlicht, ergänzt durch Skizzen und ein „Interview mit einem Vampir“ am Schluss.</p>
<p>Traditionell wie Nosferatu sieht Ferdinand aus, er schläft in einem Sarg, trägt Frack, Weste und Krawatte – und lebt doch so unstet und unglücklich wie ein Großstadtsingle: In seinem riesigen Schloss hat er nur eine hässliche, aber geliebte Katze an seiner Seite, nachts treibt es ihn raus, durch Bars und Clubs, auf der Suche nach Nähe und Zuneigung.</p>
<p>So stolpert Ferdinand, obwohl er eigentlich eher schüchtern ist, von einer unglücklichen Frauengeschichte in die nächste, mal mit einer griechischen Studentin, mal mit einem verspielten Gespenst oder einer japanischen Touristin.</p>
<h6>„Ich muss akzeptieren, wer ich bin“</h6>
<p>Doch es ist halt immer das Gleiche: Das Alraunenmädchen, in das Ferdinand schwer verliebt ist, will sich nicht auf eine Beziehung einlassen. Die blasse Vampirin mit den langen roten Haaren, die Ferdinand umgarnt und ihm lange Briefe schreibt, interessiert ihn hingegen nicht so recht. Als sie ihn abschleppen will, geht er lieber Platten kaufen.</p>
<p>Und manchmal ist Ferdinand, der übrigens beim Blutsaugen stets darauf achtet, keine Menschen zu töten, auch einfach traurig. Er sinniert darüber, wie er sein Leben besser machen könnte: „Ich muss akzeptieren, wer ich bin. Und mehr Zeit mit meinen Freunden verbringen.“ Oder er verkriecht sich mit Depressionen auf das Sofa eines Bekannten. Der liest ihm aus dem babylonischen Talmud vor, was ihn aber auch nicht glücklich macht: „Ich lebe schon sehr lange, sehr, sehr lange. Ich erinnere mich an zu viele Sachen.“</p>
<p>Zwischen den Romanzen passieren Ferdinand die absonderlichsten Dinge. Auf einer Kreuzfahrt wird er fast von einer Mumienbande getötet, die Polizei von Vilnius bittet ihn um Mithilfe bei einer Mordserie, und er hilft einem getrennten Schachautomatenpärchen, wieder zusammenzufinden.</p>
<p>Er trifft einen Profiverführer und einen Klagegeist, ein Golem kommt in den Geschichten natürlich auch vor, genau wie der rätselhafte Abenteurer Professor Bell, dem Joann Sfar eine eigene Buchreihe gewidmet hat – Überschneidungen und Gastauftritte sind typisch für sein Werk.</p>
<h6>Disziplinierte Zeichnungen</h6>
<p>Typisch sind auch die ausdrucksstarken Zeichnungen und der schnelle, organische Strich. Wobei Sfar, der seinen Stil gern und weit variiert, in „Vampir“ schon fast diszipliniert vorgeht, die meisten Seiten gehorchen einer klaren Panelstruktur, die Zeichnungen sind sauber koloriert, in unheimlich satten und oft recht dunklen Farben übrigens.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/avant-vampir-66033_0.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1630" alt="avant-vampir-66033_0" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/avant-vampir-66033_0.jpg" width="310" height="364" /></a>In anderen Büchern Sfars sind die Bilder mitunter wie hingeworfen, die Linien zitterig-krude und die Farben nur vage an den Umrissen orientiert, geradezu ein Ausdruck von Sfars Drang, Geschichten zu erzählen, der so stark ist, dass er mit seinen Zeichnungen einfach nicht mehr hinterherkommt.</p>
<p>Genauso schnell und direkt sind auch die Dialoge. In „Vampir“ leben sie von ihrer Unmittelbarkeit und Unverstelltheit. Banale Allerweltsgespräche unterbrechen und verlangsamen die oft aberwitzige Handlung, fast wie in Tarantino-Filmen. Joann Sfars Sprache ist mal komisch, mal melancholisch, aber immer rasant. So wie seine vielen Universen überquellen von Fantasie und Leben – auch wenn es oft um Tote geht.</p>
<p><strong>Joann Sfar: „Vampir“. Aus dem Französischen von Paula Bulling und Barbara Hartmann. Avant-Verlag, Berlin 2013. 216 Seiten, 29,95 Euro</strong></p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2014/01/04/ungluecklich-wie-ein-grossstadtsingle/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Sad Cactus und Bizarrocons</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2014/01/03/sad-cactus-und-bizarrocons/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2014/01/03/sad-cactus-und-bizarrocons/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 03 Jan 2014 19:44:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>
		<category><![CDATA[Nullen und Einsen]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>
		<category><![CDATA[Meme]]></category>
		<category><![CDATA[Retro]]></category>
		<category><![CDATA[Second Life]]></category>
		<category><![CDATA[Snapchat]]></category>
		<category><![CDATA[Trends]]></category>
		<category><![CDATA[Wearables]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1646</guid>
		<description><![CDATA[KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Was kommt nach Vadering und Harlem Shake? Unser Onlinetrend-Powerteleskop offenbart einen Blick auf die Supertrends 2014. (aus der taz vom 3. Januar 2014) Hach, 2013, was hast du sie doch bei Laune gehalten, die armen Teufel, die einst]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Was kommt nach Vadering und Harlem Shake? Unser Onlinetrend-Powerteleskop offenbart einen Blick auf die Supertrends 2014.<span id="more-1646"></span> (aus der <a href="http://taz.de/Kolumne-Nullen-und-Einsen/!130281/" target="_blank">taz</a> vom 3. Januar 2014)</h3>
<p>Hach, 2013, was hast du sie doch bei Laune gehalten, die armen Teufel, die einst als Internetfachredakteure eingestellt wurden und die nun jede verdammte Woche neue lustige „Netztrends“ benötigen, um ihre Rubriken mit Namen wie „Aus dem Netz gefischt“ vollzuschreiben. Trends, die gern aus Asien oder den USA zu uns „rüberschwappen“, um fortan „in Blogs und sozialen Netzwerken“, „auf dem beliebten Kurznachrichtendienst Twitter“, „bei den neuen Fotoblogginganbietern Instagram und Tumblr“ oder gleich im ganzen „Web“ zu „kursieren“.</p>
<p>Und was für ein Jahr: Musikvideos mit schreienden Ziegen, ein Hund namens Doge, Hallway Swimming, Desk Safari, Cat Bearding, Batmanning, Vadering, Mamming, Hadokening, Harlem Shake, Prancercise und 17 Millionen Sorten Selfies. Irre!</p>
<p>Doch wie geht es jetzt weiter, wie soll man das noch toppen, was hält diese verrückte Netzcommunity als Nächstes für uns bereit? Knifflig, denn zwar lassen sich für praktisch alle Bereiche des Lebens ohne Probleme die „Trends 2014“ ergoogeln – für Mode: Midi-Röcke, Gelb, Pastell, Bauchfrei, Durchblick, Pflanzen-Prints, Shorts <em>(<a href="http://www.cosmopolitan.de/bildergalerie/b-26792/modetrends-2014-von-der-berlin-fashion-week.html" target="_blank" shape="rect">Cosmopolitan</a>),</em> für Wohnen: New York Elegance, Venetian Dream, Berlin Independence, Global Rhythm <em>(<a href="http://www.guj.de/presse/pressemitteilungen/schoener-wohnen-kollektion-praesentiert-die-vier-neuen-wohntrends-2014/" target="_blank" shape="rect">Schöner Wohnen</a>),</em> für Autos: Mehr Sicherheit, Kältemittelstarre, Gramm zählen, SUV, Bedeutungsverlust <em>(<a href="http://www.welt.de/motor/article123028922/Die-wichtigsten-Trends-des-Auto-Jahres-2014.html" target="_blank" shape="rect">Die Welt</a>),</em> ja gar für Haarfarben: Karamell, Rosa, Strähnchen färben, multitonale Effekte, Walnuss, Platinblond usw. <em>(<a href="http://www.jolie.de/bildergalerien/haarfarben-2012-trends-1876518.html" target="_blank" shape="rect">Jolie</a>) </em>– nur fürs Internet gibt es so gut wie keine konkreten Ergebnisse.</p>
<p>Allenfalls Subkategorien wie „Social Media Trends 2014“ <a href="http://www.forbes.com/fdc/welcome_mjx.shtml" target="_blank" shape="rect">werfen Listen aus</a> und darin stehen dann so Sachen wie „Investment in Social Media Will Become a Necessity, Not a Luxury“ oder „Image-Centric Networks Will See Huge Success“ (danke, <em>Forbes, </em>uns interessieren aber die Trends von 2014 nach christlicher, nicht nach jüdischer Zeitrechnung).</p>
<p>Doch zum Glück gibt es ja den Onlinetrend-Powermotor „Nullen und Einsen“. Flugs einen Blick durch unser Trendteleskop geworfen, schon offenbaren sich folgende Supertrends am Trendhorizont 2014: Der Sad Cactus wird die neue Grumpy Cat. Emoticons bekommen Ohren. Second Life erlebt seine erste Retrowelle durch die In-Game-App „Third Life“, anschließend gibt es einen Riesenstreit, ob das nun „Postretro“ heißen muss oder ob Space Invaders ab sofort von „Retro“ zu „Klassik“ befördert werden.</p>
<p>Mozilla veröffentlicht 15 neue Firefox-Versionen. Auf Wearables und Driveables folgen Eatables. Es wird ein neuer Buchstabe eingeführt, der die Frage beendet, ob man „geliket“ oder „geliked“ schreiben sollte. Snapchat landet mit seinem sozialen Netzwerk „Vegas“ einen Riesenerfolg: Es ist komplett vom Rest des Netzes abgeschnitten und niemand kann irgendwas rein- oder raussharen („What happens in Vegas, stays in Vegas“). Der Headless- und der Turnaround-Selfie beerdigen den Selfie-Hype.</p>
<p>Dazu kommen noch ein paar selbsterklärende Trends, die hier nicht weiter ausgeführt werden müssen: Schnecking, Overunderism, Fragmented Chats, Boo Birds, Bizarrocons. Und natürlich der Übertrend 2014: das Wittgensteining.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2014/01/03/sad-cactus-und-bizarrocons/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Mittelhochtief</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2013/12/07/mittelhochtief/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2013/12/07/mittelhochtief/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 07 Dec 2013 19:44:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kommentar]]></category>
		<category><![CDATA[Sport]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>
		<category><![CDATA[WM 2014]]></category>
		<category><![CDATA[Auslosung]]></category>
		<category><![CDATA[Fifa]]></category>
		<category><![CDATA[Sportjournalismus]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1648</guid>
		<description><![CDATA[Hammergruppe oder Losglück? Die deutsche WM-Gruppe ist keines von beidem. Der Sportboulevard kann dennoch zufrieden sein. (veröffentlich auf taz.de am 7. Dezember) Es ist schon putzig mit der deutschen Sportpresse, die so gern alle Ergebnisse und Ereignisse nur in schwarz oder]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Hammergruppe oder Losglück? Die deutsche WM-Gruppe ist keines von beidem. Der Sportboulevard kann dennoch zufrieden sein. <span id="more-1648"></span>(veröffentlich auf <a href="http://taz.de/Kolumne-Press-Schlag/!128950/" target="_blank">taz.de</a> am 7. Dezember)</h3>
<p>Es ist schon putzig mit der deutschen Sportpresse, die so gern alle Ergebnisse und Ereignisse nur in schwarz oder weiß wahrnehmen möchte. „Glück gehabt“ und „lösbare Aufgaben“, stand <a href="http://www.spiegel.de/sport/fussball/wm-auslosung-deutschland-gegen-ghana-usa-und-portugal-a-937239.html" target="_blank" shape="rect">im ersten Text auf Spiegel Online</a> direkt nach der Auslosung der Gruppen der Fußball-WM 2014 in Brasilien. Bild.de sprach parallel hingegen von einer <a href="http://www.bild.de/sport/fussball/wm-2014/jogi-jetzt-kommen-deine-gegner-33707772.bild.html" target="_blank" shape="rect">„Hammer-Gruppe für Jogi“</a>, die bloß noch von der „Horror-Gruppe“ mit England, Uruguay und Italien getoppt wurde.</p>
<p>Was passiert war? Deutschland hatte, sowas kann ja mal passieren, mit Portugal, den USA und Ghana aus jedem der drei Töpfe zwar eines der besseren Teams zugelost bekommen, aber eben nicht genau dreimal das härteste. So ist man nun insgesamt in einer der stärksten Gruppen gelandet – wohl nicht so heftig wie die Gruppe B mit Holland, Spanien und Chile bzw. die England-Gruppe D, aber klar vor etwa der C-Gruppe mit Kolumbien, der Elfenbeinküste, Griechenland, Japan oder der E-Gruppe mit der Schweiz, Frankreich, Ecuador und Honduras.</p>
<p>Für Deutschland wird in dieser Konstellation jedes Spiel zu einer Herausforderung, aber, natürlich, ist die Mannschaft Favorit auf den Gruppensieg und der Achtelfinaleinzug ist insgesamt eine machbare Aufgabe – was angesichts der Lostopfzusammensetzung und der aktuellen Spielstärke der deutschen Elf übrigens noch kein Losglück ist, sondern eine Selbstverständlichkeit.</p>
<p>Glück offenbart diese Auslosung allerdings auf den zweiten Blick, wenn man einen Schritt weitergeht und sich mögliche Wege durch den KO-Baum des Turniers vorstellt. Da sieht man, dass mit Brasilien, Holland, Italien und Spanien vier der Mitfavoriten auf den Titel erst als Halbfinalgegner möglich sind, mindestens zwei von ihnen sich aber vorher schon hübsch gegenseitig aus dem Turnier genommen haben werden. Auch England, Uruguay, Mexiko und die Elfenbeinküsten, Chile und Kolumbien spielen in dieser Baumhälfte.</p>
<p>Auf der deutschen Seite sind Argentinien, das unberechenbare Frankreich und die allgemein als Geheimfavorit geltenden, aber ohne Turniererfahrung ausgestatteten Belgier die größten Namen, daneben traut man allenfalls noch Russland etwas zu. Dieser Weg würde – immer vorausgesetzt man scheidet nicht schon in Gruppe aus – vielleicht kein leichter sein, aber unfassbar steinig und hart ist er dennoch nicht.</p>
<p>Großes Losglück bedeutet die deutsche Gruppe übrigens auch für den deutschen Sportboulevard. Die USA mit Jürgen Klinsmann, Ghana mit Kevin-Prince Boateng, Portugal mit Cristiano Ronaldo – besser hätte es kaum laufen können, jedes Spiel lässt sich mit wunderbar mit Personality-Storys vor- und nachbereiten und auf lästige Dinge wie Spielsysteme und Taktik muss nicht weiter Rücksicht genommen werden.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2013/12/07/mittelhochtief/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>The next big thing im WTF-Marketing</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2013/12/06/the-next-big-thing-im-wtf-marketing/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2013/12/06/the-next-big-thing-im-wtf-marketing/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 06 Dec 2013 19:44:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>
		<category><![CDATA[Konsum]]></category>
		<category><![CDATA[Nullen und Einsen]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>
		<category><![CDATA[Bullshit]]></category>
		<category><![CDATA[Click+Collect]]></category>
		<category><![CDATA[Karstadt]]></category>
		<category><![CDATA[Marketing]]></category>
		<category><![CDATA[Showroom]]></category>
		<category><![CDATA[Smartphones]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1647</guid>
		<description><![CDATA[KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Neues von der Bullshit-Front: Click + Collect verbindet das Schlechteste aus dem Online- und Offline-Shopping. (aus der taz vom 6. Dezember) Bei Karstadt am Hermannplatz steht es, passend zum Weihnachtsgeschäft, groß im Schaufenster: „Click + Collect“. Was klingt]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Neues von der Bullshit-Front: Click + Collect verbindet das Schlechteste aus dem Online- und Offline-Shopping.<img title="Weiterlesen …" src="http://michaelbrake.de/wp-includes/js/tinymce/plugins/wordpress/img/trans.gif" alt="" /> <span id="more-1647"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Kolumne-Nullen-und-Einsen/!128849/" target="_blank">taz</a> vom 6. Dezember)</h3>
<p style="text-align: center;"><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Karstadt_ClickCollect.jpg"><img class="size-full wp-image-1657 aligncenter" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Karstadt_ClickCollect.jpg" alt="Karstadt_ClickCollect" width="620" height="301" /></a></p>
<p>Bei Karstadt am Hermannplatz steht es, passend zum Weihnachtsgeschäft, groß im Schaufenster: „Click + Collect“. Was klingt wie ein Computerspielgenre aus den 80ern (Jump + Run, Hack + Slay, Point + Click) ist in Wirklichkeit das nächste große Ding im WTF-Marketing. Beziehungsweise im Multichannel-Marketing, wie diese Bullshit-Unterkategorie offiziell heißt.</p>
<p>Click + Collect bedeutet: Zu Hause am Computer die Waren aussuchen und sie sich dann im stationären Handel abholen. Sprich: Man kann die Sachen vorher nicht anfassen und ausprobieren, sie werden aber auch nicht nach Hause geliefert.</p>
<p>Also das Schlechteste aus zwei Welten, ein wenig so, als würde man in ein Kino im Nachbarbezirk fahren, eine Viertelstunde anstehen und sieben Euro für eine Karte bezahlen, mit der man einen Film dann zu Hause und nur zu einer bestimmten Zeit auf dem 11-Zoll-Laptopbildschirm mit Scheppersound gucken kann. Und vor einem sitzt ein Mann, der seinen Zylinder nicht abnimmt, und schmatzt ganz laut.</p>
<p>Laut Wikipedia ist das Konzept aber sehr erfolgreich. „Mittlerweile wird der Großteil der Kaufentscheidungen in zahlreichen Non-Food-Bereichen online gefällt, sprich die Konsumenten recherchieren im Internet, bevor sie offline, also in den Filialen, kaufen“, steht <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Click_and_Collect" target="_blank" shape="rect">im Click+Collect-Artikel</a>. „Dieses Phänomen wird auch als ’ROPO-Effekt‘ bezeichnet. ROPO ist dabei ein Akronym von ’research online, purchase offline‘“</p>
<p>Das ist irre, denn bisher kannte ich nur den ROPO-Effekt („research offline, purchase offline“), den ROPO-Effekt („research offline, purchase online“) und natürlich den berühmten ROPO-Effekt („research online, purchase online“). Beim vorangegangenen Satz denken Sie sich bitte die Stimme von diesem Sprecher, der immer bei Stefan Raab <a href="http://vimeo.com/31343608" target="_blank" shape="rect">die Beiträge vertont</a>.</p>
<p>Click + Collect + Co sind dabei in erster Linie eine Reaktion auf das „Showrooming“, bei dem wir Kunden die Kaufhäuser, Klamottenläden und Elektronikgeschäfte nur noch als Ausstellungsraum zum An- und Ausprobieren nutzen, beim geschulten Fachpersonal ein paar Beratungsleistungen abgreifen und schließlich, am besten noch direkt vor Ort, im Smartphone nachschauen, bei welchem Webshop das Zeug billiger zu haben ist (und es gibt immer einen, schließlich sparen die sich Verkaufsflächen und Mitarbeiter). In Australien hatte deswegen ein Ladenbesitzer sogar damit angefangen, von seinen Kunden <a href="http://www.sueddeutsche.de/geld/einkaufsphaenomen-showrooming-nur-mal-gucken-kostet-fuenf-dollar-1.1633568" target="_blank" shape="rect">fünf Dollar zu nehmen</a>, wenn sie „nur mal gucken wollen“, und diesen Eintrittspreis später mit dem Kauf zu verrechnen.</p>
<p>Von daher ist der Versuch verständlich. Wenn man doch aber bloß die, äh, Benefits des Verfahrens ein bisschen überzeugender rüberbringen würde! In Karstadts Pressemitteilung <a href="http://www.presseportal.de/pm/16971/2365261/karstadt-staerkt-online-geschaeft-neuer-service-bei-karstadt-de-click-collect" target="_blank" shape="rect">zum Click + Collect-Start</a> vor rund einem Jahr stand stolz: „Dies hat entscheidende Vorteile: Der Kunde spart nicht nur die Versandkosten, er kann außerdem die Ware direkt vor Ort anprobieren, ein passendes Accessoire dazu finden und sich beraten lassen.“ Das klingt total einleuchtend … aber wo war da gleich der Unterschied zum ganz normalen Kaufhauskauf (ROPO)?</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2013/12/06/the-next-big-thing-im-wtf-marketing/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Die Entdeckung der Fischkoppness</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2013/11/08/die-entdeckung-der-fischkoppness/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2013/11/08/die-entdeckung-der-fischkoppness/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 08 Nov 2013 19:58:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>
		<category><![CDATA[Nullen und Einsen]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>
		<category><![CDATA[Norden]]></category>
		<category><![CDATA[re:publica]]></category>
		<category><![CDATA[Serendipität]]></category>
		<category><![CDATA[Wikipedia]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1649</guid>
		<description><![CDATA[KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Von St. Petersburg zu Pu der Bär in weniger als fünf Schritten: Eine Reise auf den wunderbaren Wegen der Serendipidingsbums. (aus der taz vom 8. November 2013) Es gibt kein Wort, das ich so schlecht aussprechen oder aufschreiben]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>KOLUMNE NULLEN UND EINSEN<img title="Weiterlesen …" alt="" src="http://michaelbrake.de/wp-includes/js/tinymce/plugins/wordpress/img/trans.gif" /> Von St. Petersburg zu Pu der Bär in weniger als fünf Schritten: Eine Reise auf den wunderbaren Wegen der Serendipidingsbums.</h3>
<h3><span id="more-1649"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Kolumne-Nullen-und-Einsen/!127066/">taz</a> vom 8. November 2013)</h3>
<p>Es gibt kein Wort, das ich so schlecht aussprechen oder aufschreiben kann wie Serendipität. Jedes Mal verdreht sich mein Gehirn und ich muss nachschlagen, ob es nun <a href="http://riesenmaschine.de/?nr=20121118013939" target="_blank" shape="rect">Serendipidität</a> heißt oder doch nur <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Serendipit%C3%A4t" target="_blank" shape="rect">Serendipität</a>. Ich versuche, es mir auf Englisch vorzusagen, aber scheitere nur noch mehr. Alles klingt falsch! Immer!</p>
<p>Dabei beschreibt das Wort doch etwas so Schönes: Das Zufallsfundprinzip, das Entdecken von Dingen, von denen man nicht mal wusste, dass es sie gibt, geschweige denn dass man nach ihnen gesucht hat.</p>
<p>Wikipedia ist dabei das junge Königreich der Serendipität. Neulich suchte ich, inspiriert von einer Erkundung der Ostsee auf GoogleMaps, nach der nördlichsten Millionenstadt der Welt. Das ist tatsächlich St. Petersburg, wie im Wikipedia-Beitrag <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/N%C3%B6rdlichste_Orte_der_Erde" target="_blank" shape="rect">Nördlichste Orte der Erde</a> steht, der nicht nur auf die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%BCdlichste_Orte_der_Erde" target="_blank" shape="rect">Südlichsten Orte der Erde</a> verweist (St. Petersburgs Gegenstück ist Melbourne), sondern auch auf <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Nordizit%C3%A4t" target="_blank" shape="rect">Nordizität</a>.</p>
<p>Die Nordizität ist eine Erfindung des kanadischen Geographen Louis-Edmond Hamelin und beschreibt die Nördlichkeit („Fischkoppness“ jubelt M. im Facebookchat) eines Ortes anhand von zehn Faktoren, zu denen die Erreichbarkeit, die Eisartigkeit, das BIP und der Niederschlag zählen. Die maximale Nordizität eines Ortes ist 1.000, was aber nur der Nordpol erreicht (womit also ein niedriges BIP ein Anzeichen für Nordizität sein muss, das finde ich ziemlich südistisch).</p>
<p>Ich muss an das Lied <a href="http://www.youtube.com/watch?v=fi92_ka9Mvk" target="_blank" shape="rect">„Die langweiligsten Orte der Welt“</a> denken, in dem „Das flachste Meer der Erde“ besungen wird, was wiederum, Kreise schließen sich, die Ostsee ist, an Pu der Bärs Expedition zum Nordpol, wo Christopher Robin sagt: „Ich nehme an, dass es auch einen Ostpol und einen Westpol gibt, obwohl man allgemein nicht gern über sie spricht“, ferner an den Rattenfänger von Hameln, und seit Tagen blitzt immer wieder das Wort „Geschiebemergel“ in meinem Kopf auf und verschwindet schnell wieder.</p>
<p>Es gibt ein Spiel, das diese ungeplante Wissensvermehrung zum, äh, Spiel macht: „The Six Degrees of Wikipedia“ (TSDoW), was auf Stanley Milgrams „The Six Degrees of Separation“ (bei uns bekannt als Kleine-Welt-Phänomen) genauso anspielt wie auf den Filmnerd-Schwanzvergleich <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Six_Degrees_of_Kevin_Bacon" target="_blank" shape="rect">„The Six Degrees of Kevin Bacon“</a>. Ziel von TSDoW ist, mit möglichst wenig Klicks von einem Beitrag zu einem anderen zu kommen.</p>
<p>Auf der <a href="http://https//www.taz.de/Netzkonferenz-republica-3-Tag/!115973/" target="_blank" shape="rect">re:publica</a> hatte ich es im Mai zum ersten Mal live gesehen, „Wir wollen nur kurz was nachschlagen und fünf Stunden später stellen wir fest, wir wissen jetzt alles über Quantenbotanik, aber nicht, wie wir dahin gekommen sind“, sagte der Moderator dort, und danach wurde der Weg von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Arthrose" target="_blank" shape="rect">Arthrose</a> zu <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Einkommensteuer_%28Deutschland%29" target="_blank" shape="rect">Einkommenssteuer (Deutschland)</a> beschritten und von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Eisen" target="_blank" shape="rect">Eisen</a> zu <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Sch%C3%B6ne_Bescherung" target="_blank" shape="rect">Schöne Bescherung</a>. Zwischen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Schwei%C3%9Fen" target="_blank" shape="rect">Schweißen</a> bis <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Antarktis" target="_blank" shape="rect">Antarktis</a> liegen gerade einmal fünf Artikel: Eisenzeit -&gt; Frühgeschichte -&gt; Nordamerika -&gt; Arktischer Ozean -&gt; Arktis (da ist sie schon wieder!).</p>
<p>Gegangen bin ich, als es von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Heesters" target="_blank" shape="rect">Johannes Heesters</a> zu <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Mom_I%27d_Like_to_Fuck" target="_blank" shape="rect">Mom I&#8217;d Like to Fuck</a> ging. Ich brauchte ein neues Bier. Aber das ist eine andere Geschichte.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2013/11/08/die-entdeckung-der-fischkoppness/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Rächer in eigener Sache</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2013/10/22/raecher-in-eigener-sache/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2013/10/22/raecher-in-eigener-sache/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 22 Oct 2013 19:35:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Comic]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit Online]]></category>
		<category><![CDATA[Coming-of-Age]]></category>
		<category><![CDATA[Daniel Clowes]]></category>
		<category><![CDATA[Indiecomics]]></category>
		<category><![CDATA[Provinz]]></category>
		<category><![CDATA[Superheld]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1667</guid>
		<description><![CDATA[Ein weiterer Comic über Außenseiter und die Kleinstadthölle? Nicht nur. In Daniel Clowes&#8217; „Der Todesstrahl“ entdeckt ein Antiheld seine Superkräfte – mit fatalen Folgen. (veröffentlicht auf zeit.de am 22. Oktober 2013) Andy. „Welcher Andy?“ „Kenne ich gar nicht.“ „Ist der]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Ein weiterer Comic über Außenseiter und die Kleinstadthölle? Nicht nur. In Daniel Clowes&#8217; „Der Todesstrahl“ entdeckt ein Antiheld seine Superkräfte – mit fatalen Folgen.<span id="more-1667"></span> (veröffentlicht auf <a href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2013-10/todesstrahl-graphic-novel" target="_blank">zeit.de</a> am 22. Oktober 2013)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/todesstrahl-comic2-540x304-1.jpg"><img alt="todesstrahl-comic2-540x304 (1)" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/todesstrahl-comic2-540x304-1.jpg" width="620" height="348" /></a></p>
<p>Andy. „Welcher Andy?“ „Kenne ich gar nicht.“ „Ist der überhaupt noch auf der Schule?“ „Ich glaube, wir hatten mal einen Kurs zusammen, aber er sagt nie was.“ „Das ist ne Null.“ „Schwuchtel.“ „Der hält sich für was Besseres. Ist er aber nicht, so viel steht fest.“</p>
<p>Andy also. Ein Niemand. 17 Jahre alt, schlaksig, Allerweltsfrisur, Allerweltsgesicht. Die Hauptfigur von Daniel Clowes&#8217; Graphic Novel <em>Der Todesstrahl</em> ist weder besonders witzig, noch besonders hübsch, sportlich, klug oder warmherzig. Mit moderner Musik kann Andy nichts anfangen, sein Zimmer hält er sauber und aufgeräumt, weil er es so mag. Seine Eltern sind tot, er lebt er mit seinem in die Altersdemenz abgleitenden Großvater zusammen, eine Haushälterin schaut hin und wieder vorbei. Auch Louie, Andys einziger Freund, der immerhin Dynamik und Eigenschaften besitzt, wenn auch keine guten.</p>
<p>Das Ganze spielt im Jahr 1973 und könnte eine weitere Geschichte werden über Außenseiter, die Kleinstadthölle, Langeweile und Teenagerzwänge. Doch dann raucht Andy zum ersten Mal im Leben eine Zigarette. Erst wird ihm schlecht, er bekommt Schweißausbrüche, dann ist er für kurze Zeit superstark. Und plötzlich ist <em>Der Todesstrahl</em> ein Comic über Außenseiter, die Kleinstadthölle, Langeweile, Teenagerzwänge – und über Superhelden. Ein weiterer Beitrag zum beliebten Subgenre der Superhelden-Dekonstruktion, das von den epischen <em>Watchmen</em> bis hin zum <a title="Artikel auf ZEIT ONLINE" href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2012-04/flash-preussen" target="_blank">depressiven <em>Flash Preußen</em></a> und zur Kino-Actionkomödie <em>Kick-Ass</em> reicht.</p>
<p>Seine Superkräfte, so lernt Andy bald, sind die Folge von Hormonen. Der Vater, ein berühmter Wissenschaftler, hatte sie ihm als Kind verabreicht. Der Sohn sollte nicht ebenso ein Sozial-Versager werden wie er selbst. Andy hat auf einmal eine Chance – doch er weiß mit seiner Macht wenig anzufangen. Sein Freund und Einflüsterer Louie schon eher, er will Andys Superkräfte für seine Rachephantasien einsetzen, an den üblichen Schulschlägern ausleben oder damit Mädchen beeindrucken. Es will nur alles nicht so recht klappen.</p>
<p>Fatal wird es, als Andy eine weitere Hinterlassenschaft seines Vaters erhält: Eine Pistole wie aus einem alten Science-Fiction-Film, die Dinge und Lebewesen nachhaltig und rückstandsfrei beseitigt – aber nur, wenn Andy selbst abdrückt. Der Todesstrahl: kein wirklich geeignetes Werkzeug für jemanden, dessen Moral allenfalls dafür reicht, ein Rächer in eigener Sache zu sein.</p>
<h6>Zersplitterung als ästhetisches Prinzip</h6>
<p><span>All das erzählt Daniel Clowes in Minikapiteln zwischen einer halben und vier Seiten Länge. Das ist soweit nicht ungewöhnlich, Narration funktioniert in vielen Fällen durch die Auswahl und Kompilation von kürzeren und längeren Momenten. Clowes aber macht diese Zersplitterung zum ästhetischen Prinzip, er inszeniert jede Episode wie einen einzelnen Comic, stets mit eigenem Titelschriftzug. Manchmal zeichnet er die Panels winzig, reduziert die Gesichter auf Punkt-Punkt-Komma-Strich, dann wieder knallen dem Leser DIN-A4-seitengroße Figuren entgegen. </span></p>
<p><em><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/todesstrahl_1.jpg"><img class="alignright" alt="todesstrahl_1" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/todesstrahl_1.jpg" width="310" height="421" /></a>Der Todesstrahl</em> ist ein vielgestaltiges Retrofestival, eine Hommage an die 50-Cent-Comicheftchen vergangener Jahrzehnte, irgendwo zwischen Pulp und Pop Art, mit einer atemberaubend abgestimmten matten Kolorierung. Manche Seiten wirken wie auf vergilbtem Papier gedruckt, der Produktionsstandard des Buches ist überhaupt hoch und die handgeletterten Buchstaben von Michael Hau sitzen punktgenau.</p>
<p>So sehr die Ästhetik schmeichelt, so sperrig ist der Inhalt. Die vielen Fragmente machen es mitunter schwer zu durchschauen, was wirklich geschieht und was Vorstellungen und Hirngespinste des neurotischen Andy sind. Die Stimmung ist beklemmend und disparat, die Ahnung, alles müsse unweigerlich in eine Katastrophe münden, begleitet den Leser von der ersten Seite an.</p>
<p>Clowes zu lesen ist anstrengend. Seine egoistischen Figuren mit ihren Minderwertigkeitskomplexen, ihrem Zynismus und der verklemmten Sexualität können furchtbar nerven. Und geben Raum zum Nachdenken.</p>
<p><strong>Daniel Clowes: Der Todesstrahl; Reprodukt, Berlin 2013; 48 Seiten, 20 €</strong></p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2013/10/22/raecher-in-eigener-sache/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>So wie einst Jochen Schmidt</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2013/10/21/so-wie-einst-jochen-schmidt/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2013/10/21/so-wie-einst-jochen-schmidt/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 21 Oct 2013 18:44:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Berlin]]></category>
		<category><![CDATA[Berliner Szene]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>
		<category><![CDATA[Gregor Gysi]]></category>
		<category><![CDATA[Jochen Schmidt]]></category>
		<category><![CDATA[Schulsport]]></category>
		<category><![CDATA[Tamara Danz]]></category>
		<category><![CDATA[Turnhalle]]></category>
		<category><![CDATA[Volleyball]]></category>
		<category><![CDATA[Wikipedia]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1650</guid>
		<description><![CDATA[BERLINER SZENE über eine prominente Volleyballhalle (aus der taz vom 21. Oktober 2013) Jahrelang dachte ich, Jochen Schmidt, also der Lesebühnen-Schmidt, der Müller-haut-uns-raus-Schmidt, seit Neuestem auch der Schneckenmühle-Schmidt, also der Damals-im-Osten-war-ich-auch-zu-schüchtern-Frauen-anzusprechen-Jochen-Schmidt halt, hätte in meiner Volleyballhalle früher Schulsport gehabt. Die]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>BERLINER SZENE über eine prominente Volleyballhalle <span id="more-1650"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Berliner-Szenen/!125979/" target="_blank">taz</a> vom 21. Oktober 2013)</h3>
<p>Jahrelang dachte ich, Jochen Schmidt, also der Lesebühnen-Schmidt, der Müller-haut-uns-raus-Schmidt, seit Neuestem auch der Schneckenmühle-Schmidt, also der Damals-im-Osten-war-ich-auch-zu-schüchtern-Frauen-anzusprechen-Jochen-Schmidt halt, hätte in meiner Volleyballhalle früher Schulsport gehabt.</p>
<p>Die Halle gehört zum Heinrich-Hertz-Gymnasium an der Rigaer Straße und ist so klein, dass man an allen vier Feldseiten nur einen halben Meter Auslauf hat und der Ball dauernd an die Decke prallt, aber den Kurs besuche ich trotzdem furchtbar gern, schon seit zwölf Jahren jeden möglichen Montagabend. Er ist das einzige konstante Element in meinem Leben.</p>
<p>Als ich dann neulich mit M. chattete, erzählte sie von einem Tischfußballkurs an der FU. Wir kamen über die hohe Kursgebühr auf die generell hohen FU-Hochschulsport-Preise zur unterschiedlichen Sportstättenlage im Vergleich zur HU. Und ich erzählte von besagter Halle, in der aber ja – immerhin – früher auch Jochen Schmidt Schulsport hatte. Vermutlich wurde er dort immer als Vorletzter in die Mannschaften gewählt, also so würde er das jedenfalls erzählen. Und heute spielt er Fußball-Nationalmannschaft, nur die der Autoren zwar, aber immerhin.</p>
<p>Um sicherzugehen, <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich-Hertz-Gymnasium_%28Berlin%29" target="_blank" shape="rect">wikipedierte</a> ich die Information aber noch mal und musste dann feststellen, dass das Hertz-Gymnasium erst 1993 in die Rigaer gezogen war. Schmidt hatte aber schon 1989 Abitur gemacht. Wikipedia, die alte Spielverderberkuh.</p>
<p>Obwohl … weiß man jetzt auch nicht, was bedeutender ist: die Idee einer Hertz-Schulen-Sporthalle an sich oder ihre profane gebäudliche Manifestation. Institutionell gesehen spiele ich ja schon dort Volleyball, wo Jochen Schmidt mal Schüler war. Genau wie übrigens Gregor Gysi, Jürgen Kuttner, Jakob Hein, Tamara Danz und Klaus Lederer, wie ich dank Wikipedia jetzt auch weiß.</p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/rudimeierkurs.jpg"><img class="size-full wp-image-1651 aligncenter" alt="rudimeierkurs" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/rudimeierkurs.jpg" width="620" height="310" /></a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2013/10/21/so-wie-einst-jochen-schmidt/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Wunderbare Jahre</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2013/10/19/wunderbare-jahre/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2013/10/19/wunderbare-jahre/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 19 Oct 2013 17:51:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Comic]]></category>
		<category><![CDATA[Fernsehen]]></category>
		<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>
		<category><![CDATA[Indiecomics]]></category>
		<category><![CDATA[Nostalgie]]></category>
		<category><![CDATA[Strapazin]]></category>
		<category><![CDATA[Strips]]></category>
		<category><![CDATA[TV-Serien]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1624</guid>
		<description><![CDATA[Von Lassie bis MacGyver: In 150 kitschfreien Strips lässt die Schweizer Comiczeitschrift „Strapazin“ legendäre Fernsehserien wieder aufleben. (aus der taz vom 19. Oktober 2013) Fernsehserien spielen in der Heile-Welt-Rekonstruktion der eigenen Kindheit für die heute 30- bis 70-Jährigen eine extrem]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Von Lassie bis MacGyver: In 150 kitschfreien Strips lässt die Schweizer Comiczeitschrift „Strapazin“ legendäre Fernsehserien wieder aufleben.<span id="more-1624"></span> (aus der <a href="http://taz.de/TV-Nostalgie-in-Comicform/!125667/" target="_blank">taz</a> vom 19. Oktober 2013)</h3>
<p style="text-align: center;"><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/strapazin_wickie_neu.jpg"><img class="size-full wp-image-1633 aligncenter" alt="strapazin_wickie_neu" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/strapazin_wickie_neu.jpg" width="620" height="226" /></a></p>
<p>Fernsehserien spielen in der Heile-Welt-Rekonstruktion der eigenen Kindheit für die heute 30- bis 70-Jährigen eine extrem wichtige Rolle. Die gemeinsamen Stunden vor der Wunderkiste rundeten, so geht zumindest die Erzählung, erfüllte Tage ab, die voll waren mit Dingen, die Kinder heute angeblich gar nicht mehr kennen: Frösche aufblasen, Baumhäuser bauen und Brauner Bär essen.</p>
<p>Zugleich schufen die Serienmacher nie alternde Helden, die dank der Kanalarmut des Präinternet-Zeitalters wirklich jeder kannte, selbst die armen Teufel, die wegen ihrer Bildungsbürgereltern gar keinen Fernseher hatten: Fury und Flipper, Al Bundy und MacGyver, die Bezaubernde Jeannie und Mila Superstar.</p>
<p>Längst ist das alles Teil einer eher anstrengenden Nostalgiewelle, und so ist es umso bemerkenswerter, welch wunderbaren Weg einer kitsch- und „Früher war alles besser“-freien Erinnerung das<em>Strapazin</em> gefunden hat: In der 112. Ausgabe <a href="http://michaelbrake.de/2010/10/30/%E2%80%9Esie-verstehen-es-nicht/" target="_blank" shape="rect">des Schweizer Indiecomicmagazins</a> setzen sich 150 Zeichnerinnen und Zeichner mit ihren Lieblingsserien auseinander, im Heft als Reise durch die Zeit nach vorne angeordnet, von 1954 („Lassie“!) bis in die Gegenwart.</p>
<p>Nicht mehr als den schmalen Platz eines Comicstrips haben die Autoren, aber das lösen sie, dem <em>Strapazin</em>-Standard entsprechend, mit einer enormen stilistischen und narrativen Vielfalt. So zeigen manche Zeichner nur Impressionen oder ikonische Augenblicke, andere erzählen einzelne Serienszenen, oftmals nie gedrehte oder aus ungewohnter Perspektive.</p>
<p>Da läuft ein Meister Eder durch den Park, spricht scheinbar mit der Luft und alle schütteln heimlich den Kopf über den brabbelnden Alten. Man sieht, wie ein Zylone aus „Kampfstern Galactica“ sein Raumschiff verkauft und mit dem Bus nach Hause fährt („Man braucht allerdings eine Vorheizung, es wurde eben nicht für den finnischen Winter gebaut“), wie Barbapapa und Barbamama Sex haben oder wie Biene Maja Willis Spekulationen über ein mysteriöses Bienensterben in der nahen Zukunft mit „So ein Quatsch“ abtut.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Strapazin-112-650.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1634" alt="Strapazin-112-650" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Strapazin-112-650.jpg" width="310" height="408" /></a>Andere Zeichner nähern sich dem Serienstoff über Erinnerungen an das eigene Erleben der Serie, vielfach gibt es Abrisse einer prototypischen Folge auf kleinstem Raum. Denn anders als die komplexen Fernsehserien des Breaking-Bad-Zeitalters waren die meisten der früheren ja noch ehrlicher Pulp, B-Movie-Welten mit klarem Rahmen und plakativen Figuren, in denen am Ende alles wieder so war wie zu Beginn und auch die Sprüche immer die gleichen sind: „Ich weiß genau, was Sie jetzt denken, und Sie haben recht.“ &#8211; „Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert.“ – „Gute Nacht, Jim-Bob!“</p>
<p>Das alles macht sehr viel Spaß, natürlich noch mehr, wenn man die Figuren auch kennt, etwa wenn man versteht, dass ein Dialog zwischen Batman und Robin auf die – Heilige Drehbuchschreiber! – grenzdebilen Wortbeiträge von Robin anspielt. Aber es funktioniert auch bei unbekannten Serien gut, etwa den vielen asiatischen, die durch den internationalen Zeichnerpool mit im Heft sind.</p>
<p>Doch keine Sorge: Fast alle alten Helden sind vertreten, Klassiker wie „Magnum“ oder „Knight Rider“ kommen gleich doppelt und dreifach vor und „Twin Peaks“ sogar viermal.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2013/10/19/wunderbare-jahre/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Am Randrillenrand</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2013/10/14/am-randrillenrand/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2013/10/14/am-randrillenrand/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 14 Oct 2013 17:19:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Berlin]]></category>
		<category><![CDATA[Berliner Szene]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>
		<category><![CDATA[Tiere]]></category>
		<category><![CDATA[Café]]></category>
		<category><![CDATA[Spätsommer]]></category>
		<category><![CDATA[Wespen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1623</guid>
		<description><![CDATA[BERLINER SZENE über eine die letzten Tage der Wespen in Berlin.(aus der taz vom 14. Oktober 2013) Auch an den letzten warmen Tagen in Berlin kommt die U-Bahn bei mir nicht alle vier Minuten vorbei, denn ich sitze vorm falschen Café. Dafür]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>BERLINER SZENE über eine die letzten Tage der Wespen in Berlin.<strong><img title="Weiterlesen …" alt="" src="http://michaelbrake.de/wp-includes/js/tinymce/plugins/wordpress/img/trans.gif" /><span id="more-1623"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Berliner-Szenen/!125456/" target="_blank">taz</a> vom 14. Oktober 2013)</strong></h3>
<p>Auch an den letzten warmen Tagen in Berlin kommt die U-Bahn bei mir nicht alle vier Minuten vorbei, denn ich sitze vorm falschen Café. Dafür kommt alle vier Sekunden eine Wespe vorbei – die Mädchen am Nebentisch reden auch über nichts anderes. Ich verstehe diese Wespenpanik nicht, dieses „Mach das weg, mimimi“ und das „Jetzt NICHT bewegen“ und das „Ganz vorsichtig!“ und das „Neiiihiiin, mach sie nicht auch noch sauer!“. Man muss doch nur stillhalten.</p>
<p>„Bonjour“, sagt der Kellner und spricht dann auf Fränkisch weiter. Es ist noch schön warm in der Nachmittagssonne und ich lese zum Frühstück das neue <em>Strapazin</em>. Na ja, eigentlich bin ich dauernd abgelenkt und schaue Dinge im Handy nach oder mache Fotos. Ob es schon Cafés mit Instagramverbot gibt? Am anderen Nebentisch bestellt und isst ein Mann mit Anzug und Brille das Gulasch mit Spätzle in weniger als zehn Minuten. Er sieht dynamisch aus.</p>
<p>Die Wespen sind jetzt alle zu mir rübergeschwirrt. Ich schaue ihnen zu. Der Honig aus meinem Quark hat sich in die Randrille des runden Frühstücksbrettchens ergossen und mehrere Wespen sitzen am Randrillenrand und schlürfen wie Pferde am Ufer eines Baches. Manche Wespen kämpfen auch miteinander in der Luft, ihr Futter wird knapp, bald werden sie tot sein, alle. Das ist so traurig! Ich rette eine Wespe vom Grund meines Latte-macchiato-Glases, sie schüttelt sich und fliegt davon.</p>
<p>„Was muss ich denn eigentlich bestellen, wenn ich einen Kaffee mit Milch, aber ohne Schaum bestellen will“, fragt der Mann, der nun da sitzt, wo vorher der Gulaschmann war. „Einen Kaffee mit Milch ohne Schaum“, sagt der Kellner.</p>
<p>Wenig später fegt der Wind die Zeitung des Mannes auf die Straße, ein Krankenwagen überfährt sie. Ein Spatz mit weißen Sprenkeln auf dem Kopf hüpft unter den Tischen lang.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2013/10/14/am-randrillenrand/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Zukunft gestern, heute, morgen</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2013/10/11/zukunft-gestern-heute-morgen/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2013/10/11/zukunft-gestern-heute-morgen/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 11 Oct 2013 17:19:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>
		<category><![CDATA[Nullen und Einsen]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>
		<category><![CDATA[Apple]]></category>
		<category><![CDATA[Jules Verne]]></category>
		<category><![CDATA[Retrofuturismus]]></category>
		<category><![CDATA[Skeuomorphismus]]></category>
		<category><![CDATA[Smartphones]]></category>
		<category><![CDATA[Zukunft]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1622</guid>
		<description><![CDATA[KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Früher träumte man davon, mit Schießbaumwolle zum Mond fliegen, heute entfernt Apple die Röhrenmikrofone aus seinen Handys. (aus der taz vom 11. Oktober 2013) „Wie sieht unsere Zukunft in 50 Jahren aus?“, fragt mich eine PR-Mail.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Früher träumte man davon, mit Schießbaumwolle zum Mond fliegen, heute entfernt Apple die Röhrenmikrofone aus seinen Handys. <span id="more-1622"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Kolumne-Nullen-und-Einsen/!125287/" target="_blank">taz</a> vom 11. Oktober 2013)</h3>
<p style="text-align: center;"><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/retrofuturismus_stollwerck.jpg"><img class="size-full wp-image-1641 aligncenter" alt="retrofuturismus_stollwerck" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/retrofuturismus_stollwerck.jpg" width="620" height="310" /></a></p>
<p>„Wie sieht unsere Zukunft in 50 Jahren aus?“, fragt mich eine PR-Mail. Als wäre es nicht schon schwer genug, sich zu überlegen, wie die Welt in 50 Jahren aussieht, nein, jetzt muss es schon die Zukunft der Zukunft sein. Die einfache reicht uns wohl nicht mehr.</p>
<p>So blöd ist die Frage dann aber doch nicht, sah doch etwa die Zukunft vor 50 oder 100 Jahren noch ganz anders aus als heute, selbst wenn es um Zeitpunkte geht, die immer noch in der Zukunft liegen, also etwa um 2081. Denn Zukunftsvorstellungen verlängern meist einfach nur die Gegenwart, was dazu führt, dass die Leute bei Jules Verne mit Hilfe einer 270 Meter langen Gusseisenkanone und Schießbaumwolle zum Mond fliegen.</p>
<p>Mit dem Retrofuturismus beschäftigt sich inzwischen ein ganzes Science-Fiction-Subgenre damit, wie die Zukunft in der Vergangenheit aussah: Im Steampunk sind Computer und Luftschiffe dampfbetrieben und im Stile der viktorianischen Zeit gestaltet, im Dieselpunk sehen sie aus wie die Stahlungetüme in der Zeit zwischen den Weltkriegen. Und wenn wir uns heute die Flugtaxis – warum eigentlich immer diese Flugtaxis? – im Jahr 2100 vorstellen, haben sie selbstverständlich Touch-Displays und Sprachsteuerung.</p>
<p>Auch bei der Implementierung der Zukunft im Jetzt wird gern auf Retroelemente zurückgegriffen. Der beliebteste Handyklingelton? Ein Rrrrrring wie von Opas Wählscheibenapparat. Das Geräusch beim Smartphonefoto? Ein sattes Schnappklack wie bei einer alten Nikon. Skeuomorphismus nennt sich dieses Designprinzip, das Wort gibt es seit über 100 Jahren, schon die ersten elektrischen Wasserkocher sahen aus wie die Teekessel, die sie verdrängten.</p>
<p>Skeuomorphismen sind gut, denn sie nehmen den Leuten die Angst vorm Neuen und sorgen für intuitive Usability. Skeuomorphismen sind zugleich schlecht, denn sie wählen nicht das effektivste Design und die beste Bedienmethode, sondern einfach nur Vorhandenes, was sich dann oft auch nie mehr ändert.</p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/retrofuturismus_stollwerck2.jpg"><img class="size-full wp-image-1642 aligncenter" alt="retrofuturismus_stollwerck2" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/retrofuturismus_stollwerck2.jpg" width="620" height="310" /></a></p>
<p>Vor ein paar Wochen hat übrigens Apple die neue Version seines iPhone-Betriebssystems ausgeliefert, in der das Design grundlegend verändert wurde. Viele Grundfunktionen sehen jetzt nicht mehr aus wie aus Holz und Leder, die Notiz-App ist nicht mehr karteikartengelb, und bei der Aufnahme von Sprachmemos blickt man nicht mehr auf ein Röhrenmikrofon. Die Welt ist ein wenig unskeuomorpher geworden und so wird auch die Zukunft bald wieder eine andere sein.</p>
<p>„Wie die Vergangenheit in 50 Jahren aussieht, darüber kann man schon jetzt recht verlässliche Aussagen treffen“, kommentierte jemand auf Facebook den PR-Mail-Satz. Na ja. So verlässlich dann auch wieder nicht, denn auch die Vergangenheit konstituiert sich ja andauernd neu, es ist kein Zufall, dass wir von „Geschichte“ sprechen, die in der Regel nicht „beschrieben“, sondern „geschrieben“ wird.</p>
<p>Über das Bild der Menschen im Jahr 2063 von unserer Zeit können wir uns daher nur grobe Vorstellungen machen. Wird der NSA-Skandal als Beginn einer Zeitenwende gelten? Wird er nur eine Anekdote sein, so skurril wie Mata Hari? Oder wurde der gesamte Vorgang bis dahin schon komplett aus der Geschichte wegzensiert sein?</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2013/10/11/zukunft-gestern-heute-morgen/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Der Reggaeclub aus dem Güllegürtel</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2013/10/02/der-reggaeclub-aus-dem-guelleguertel/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2013/10/02/der-reggaeclub-aus-dem-guelleguertel/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 02 Oct 2013 17:36:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anderswo]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Sport]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>
		<category><![CDATA[Außenseiter]]></category>
		<category><![CDATA[Basketball]]></category>
		<category><![CDATA[Provinz]]></category>
		<category><![CDATA[Reggae]]></category>
		<category><![CDATA[Reportage]]></category>
		<category><![CDATA[Südoldenburg]]></category>
		<category><![CDATA[Vechta]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1620</guid>
		<description><![CDATA[Rasta Vechta hat den Durchmarsch aus der dritten Liga in die Basketball-Bundesliga geschafft. Dort setzt man auf vertrautes Personal – und einen guten Namen. (aus der taz vom 2. Oktober 2013) Zum 13-Uhr-Training ist auch der Zoll gekommen. Dabei haben die Besucher]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Rasta Vechta hat den Durchmarsch aus der dritten Liga in die Basketball-Bundesliga geschafft. Dort setzt man auf vertrautes Personal – und einen guten Namen. <span id="more-1620"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Basketball-Bundesligist-Rasta-Vechta/!124793/" target="_blank">taz</a> vom 2. Oktober 2013)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/SC_Rasta_Vechta_logo.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1626" alt="SC_Rasta_Vechta_logo" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/SC_Rasta_Vechta_logo.jpg" width="620" height="349" /></a></p>
<p>Zum 13-Uhr-Training ist auch der Zoll gekommen. Dabei haben die Besucher in den dunkelgrünen Overalls gar kein Interesse an den Wurfübungen der Basketballer von Rasta Vechta. Sie sind hier, um die Arbeitsgenehmigungen der Handwerker zu überprüfen. Ein Routinetermin.</p>
<p>Denn kurz vor dem ersten Bundesligaspiel in Vechtas Vereinsgeschichte ist der Rasta Dome noch eine Baustelle. Es werden Stuhlreihen angeschweißt, im VIP-Bereich wird der Boden gebohnert, ein Praktikant und ein FSJler tragen die Papierbahnen der Werbebanden vom Spielfeld.</p>
<p>Der Hallenausbau auf über 3.000 Zuschauerplätze ist verpflichtend für den Aufsteiger in die Basketball-Bundesliga (BBL). Sechs Meter wird die Halle dafür breiter gemacht und ein neuer Oberrang eingezogen. Die neuen Standkorbanlagen sind bereits installiert, die LCD-Displays für die Spielstände gerade mit dem Schiff aus China angekommen. „So dick war der Stapel mit den Auflagen“, sagt Manager Alexander Müller und deutet einen halben Meter hohen Papierberg in der Luft an.</p>
<p>Dabei hatte man die Halle erst im Sommer 2012 gebaut, in bloß fünf Monaten. Da war Vechta erstmals in die ProA, die zweithöchste deutsche Liga, aufgestiegen. Die Mannschaft galt als Abstiegskandidat, verlor die ersten drei Spiele – und schaffte danach den Durchmarsch in die BBL. Der vorläufige Höhepunkt eines Wegs, der in den späten 70ern als AG des Vechtaer Gymnasiums Antonianum begann.</p>
<h6>Fünf Spieler aus Liga drei</h6>
<p>In die neue Spielzeit geht Vechta gleich mit sieben Spielern aus dem Aufstiegskader, fünf waren sogar schon in Liga drei dabei. Ein ungewöhnliches Wagnis im Hire-and-fire-Sport Basketball, das Trainer Pat Elzie aber gern eingeht: „Der Großteil der Jungs hat sich das verdient“, sagt er. Dabei setzt Elzie vor allem auf Spielmacher Richard Williams, 2013 in der ProA zum wertvollsten Spieler gewählt.</p>
<p>Hinzu kommen Neuzugänge wie der aus der kanadischen Profiliga gewechselte 130-Kilo-Center Isaac Butts. „Er bringt die Masse mit, die wir in der BBL brauchen“, so Elzie. Butts soll unter den Brettern den 2,12-Meter-Mann Dirk Mädrich unterstützen, der beide Aufstiege mitgemacht hat und als einer von nur drei Rasta-Spielern BBL-Erfahrung hat. „Er ist unser Leitwolf, er hat einen unglaublichen Wurf für seine Größe“, sagt Coach Patrick Elzie über Mädrich.</p>
<p>Die Offensive, die in der ProA 91 Punkte pro Spiel machte, scheint gerüstet. „Aber man muss in der Ersten Liga gut verteidigen, da gibt es ein ganz anderes Niveau als in der ProA“, sagt Pat Elzie, „und wir müssen unsere Fehler minimieren.“ 22 Ballverluste wie bei der Niederlage im vorletzten Testspiel gegen Ligakonkurrent Bayreuth wird man sich im Auftaktspiel am 3. Oktober in Trier bestimmt nicht leisten können.</p>
<h6>Teamgeist über alles</h6>
<p>Elzie selbst ist unbestritten der Vater des Erfolgs: Seit 1984 arbeitet er, von kurzen Stationen in Syrien und Zypern abgesehen, als Spieler und Trainer in Deutschland, vor dreieinhalb Jahren kam er nach Vechta. Der 53-Jährige vereint eine natürliche Autorität mit Herzlichkeit. Man nimmt ihm ab, wenn er immer und immer wieder das Mantra sämtlicher Außenseiter der Sportwelt beschwört und den Teamgeist als große Stärke von Rasta Vechta herausstellt: „Zusammen ist alles möglich. Bei uns können mehrere Spieler Top-Scorer sein und den entscheidenden Wurf nehmen.“</p>
<p>Ein weiterer Trumpf des Vereins ist sein Name. Rasta ist kein Sponsor, es geht tatsächlich um Reggaemusik: 1979 wollte die Basketball-AG vom Antonianum einen Verein gründen, und als über den Namen beraten wurde, lief „Rastaman Vibrations“ von Bob Marley.</p>
<p>Heute sichert der Teamname Medienaufmerksamkeit und Vermarktungspotenzial, man wirbt mit „Rasta ist der geilste Club der Welt“, die Cheerleader nennen sich die „Marleys“. Sogar in der größten Tageszeitung Jamaikas stand schon ein Artikel. Deswegen hat sich Vechta in der Liga von Namensungetümen wie den New Yorker Phantoms Braunschweig auch bewusst gegen ein Namenssponsoring entschieden. „Weil wir das nicht wollen“, sagt Manager Alexander Müller.</p>
<h6>Tiefschwarze Heimat</h6>
<p>Der FC St. Pauli der BBL ist Vechta dennoch nicht, denn Rastas Heimat hat mit Alternativkultur wenig zu tun. Vechta liegt zwischen Oldenburg und Osnabrück und bildet mit dem Nachbarkreis Cloppenburg eine katholische Insel in den Weiten der niedersächsischen Tiefebene. Hier erreichte die CDU bei der Bundestagswahl über 60 Prozent, hier liegt die Geburtenrate deutlich über und die Arbeitslosenquote deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. Die Region boomt. „Güllegürtel“ wird sie auch genannt. Riesige Hühner- und Schweinemastbetriebe prägen das Bild.</p>
<p>Auch Stefan Niemeyer ist auf diese Weise wohlhabend geworden. Dem Mäzen und langjährigen Vereinspräsidenten von Rasta gehört ein Futtermittelunternehmen. Niemeyer ist ein bulliger, hemdsärmeliger Mann, der sich nach der Saisoneröffnungs-Pressekonferenz mit den Sponsoren – der lokale Versicherer, die lokale Landessparkasse, seit neuestem ist auch der lokale Energieversorger dabei – das Jackett so schnell wie möglich wieder auszieht.</p>
<p>Vorher hatte er zufrieden erklärt, dass der Aufstieg nicht nur ein positiver Ausrutscher war: „Wir haben das feste Ziel, Basketball auf diesem Niveau in Vechta zu etablieren.“ Warum auch nicht? Rastas Vorbereitung verlief mit sieben Siegen und zwei Niederlagen erfolgreich. Das Team wurde früh zusammengestellt und ist entsprechend eingespielt. Und mit einem Etat von rund 1,5 Millionen Euro liegt man zwar im unteren Ligadrittel, aber auch nicht abgeschlagen am Ende der BBL.</p>
<p>Deswegen hat auch Coach Pat Elzie große Ziele: „Wir gehen in jedes Spiel, um es zu gewinnen“, sagt er. „Wir wollen möglichst früh mit dem Abstieg nichts zu tun haben. Die Spieler haben die Qualität. Aber es wird eine knüppelharte Saison.“</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2013/10/02/der-reggaeclub-aus-dem-guelleguertel/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Atombombenstarke Niedlichkeit</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2013/08/08/atombombenstarke-niedlichkeit/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2013/08/08/atombombenstarke-niedlichkeit/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 08 Aug 2013 19:32:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>
		<category><![CDATA[Nullen und Einsen]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>
		<category><![CDATA[Tiere]]></category>
		<category><![CDATA[Flausch]]></category>
		<category><![CDATA[Hunde]]></category>
		<category><![CDATA[Instagram]]></category>
		<category><![CDATA[Katzen]]></category>
		<category><![CDATA[Peter Glaser]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1558</guid>
		<description><![CDATA[KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Auch 2013 bleiben Katzen die Flauschköniginnen des Netzes. Warum eigentlich Katzen? Warum keine Wiesel, Hunde oder Pinguine? (taz.de vom 8. August 2013) Wisst ihr noch? 2012? Das Jahr des Hasen – das in Vietnam das Jahr der]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Auch 2013 bleiben Katzen die Flauschköniginnen des Netzes. Warum eigentlich Katzen? Warum keine Wiesel, Hunde oder Pinguine?<span id="more-1558"></span> (<a href="http://taz.de/Kolumne-zum-Weltkatzentag/!121217/" target="_blank">taz.de</a> vom 8. August 2013)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/weltkatzentag2013.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1565" alt="weltkatzentag2013" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/weltkatzentag2013.jpg" width="620" height="310" /></a></p>
<p>Wisst ihr noch? 2012? Das Jahr des Hasen – das in Vietnam <a href="http://www.vivatier.com/Artikel/Das_Jahr_des_Hasen,_pardon_der_Katze" target="_blank" shape="rect">das Jahr der Katze ist</a> – war gerade vorüber und die Apocatlypse stand bevor. Katzen <a href="http://www.wasmitmedien.de/2012/05/02/rp12-tag-1/" target="_blank" shape="rect">abgewertet von AAA auf AA+</a>, Eulen und Igel auf dem Vormarsch. Ein Ende der Ailurokratie im Internet drohte.</p>
<p>Die Sache wurde abgeblasen und 2013 ist wieder ganz in Katzenhand, Erfolgsmeldungen überall: <a href="http://www.focus.de/wissen/natur/tiere-und-pflanzen/futterbranche-im-wandel-trendtier-katze-verdraengt-wellensittich_aid_1051207.html" target="_blank" shape="rect">„Trendtier Katze verdrängt Wellensittich“</a> +++ <a href="http://www.tagesspiegel.de/politik/lammert-lehnt-aenderung-der-hausordnung-ab-weiter-hundeverbot-im-bundestag/8556600.html" target="_blank" shape="rect">„Weiter Hundeverbot im Bundestag“</a> +++<a href="http://www.zeit.de/news/2013-06/10/d-katzen-hunden-und-frettchen-reisen-in-der-eu-kuenftig-einfacher-10160402" target="_blank" shape="rect">„Katzen, Hunden und Frettchen reisen in der EU künftig einfacher“</a>+++ <a href="http://www.immo-site.de/bundesgerichtshof-generelles-hunde-und-katzenverbot-unwirksam-9977.html" target="_blank" shape="rect">„Generelles Hunde- und Katzenverbot im Mietvertrag unwirksam“</a>. Zusätzlich eröffnen jede Woche gefühlt drei Katzencafés, gerade erst <a href="http://www.berliner-zeitung.de/berlin/katzencaf--in-neukoelln-macchiato-mit-mieze,10809148,23887902.html" target="_blank" shape="rect">eins in Neukölln</a>, und die Igel – die lieben, die dummen Igel! – sind inzwischen ausgestorben oder so, man hört ja nichts mehr von ihnen.</p>
<p>Aber warum sind es denn eigentlich immer wieder Katzen im Internet? Und nicht Gürteltiere, Wiesel, Wellensittiche oder gar Hunde? Warum selbst Pinguine <a href="http://www.youtube.com/watch?v=4YuWLKQ5e54" target="_blank" shape="rect">nur in Ausnahmefällen</a>?</p>
<p>Eine Theorie: Hundebesitzer konnten sich schon immer auf der Straße und im Park erkennen, sie können sich dort austauschen und ihre Hunde bestaunen. Katzenbesitzer können das erst, seitdem es das Internet gibt und haben starken Nachholbedarf. Oder anders: Katzen sind im Internet auch deshalb populär, weil sie dort rumliegen, wo das Internet gemacht wird, nämlich in Wohnungen bzw. auf den Unterarmen der Netznutzer. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass Katzen mit dem Durchbruchs des mobilen Internets vor einer riesigen neuen Herausforderung stehen. Auf Instagram sieht man schon heute gefühlt so viele Hunde wie Katzen.</p>
<p>Auch der große Denker und Katzenfreund <a href="http://blog.stuttgarter-zeitung.de/" target="_blank" shape="rect">Peter Glaser</a> sieht den technischen Fortschritt als Erklärung. Im 20. Jahrhundert seien, so Glaser, in den Medien fast ausschließlich Tiere präsent gewesen, die sich dressieren lassen, vor allem im Bewegtbild, wo man stets vorher mühsam die Kamera einrichten musste.</p>
<p>Das, was wir alle so gern auf YouTube bestaunen, seien aber die kleinen Wunder des Lebens, die sekundenlangen Momente der Unplanbarkeit. Deshalb gehörten die unberechenbaren Katzen zu den prädestinierten Wunderproduzenten. Und deshalb, so Glaser, könnten wir erst jetzt, wo jedes kleine Gadget eine integrierte, schnell auslösende Kamera hat, die Augenblicksgeschwindigkeit der Katzen überhaupt einfangen.</p>
<p>In diese Richtung geht auch <a href="http://katjadittrich.de/" target="_blank" shape="rect">Katja Berlin</a>, die Autorin des Klolektüre-Instant-Klassikers „Cat Content – SMS von meinem Kater“: Katzen produzieren gute Pointen „weil es so unvorhersehbar ist, man kann Katzen nicht dressieren oder trainieren, darauf, dass sie lustige Dinge zu machen, sondern es lebt von so einer unfreiwilligen Komik“, sagt sie <a href="http://www.fritz.de/neues_wort/multimedia/2013/04/internetgeheimnisse.html" target="_blank" shape="rect">im Radiointerview</a>.</p>
<p>Und noch eine These <a href="http://www.steadynews.de/allgemein/das-phanomen-katze-im-internet-warum-sind-katzen-meme-und-nicht-hunde-video" target="_blank" shape="rect">aus dem Internet</a>: Weil Katzen sich nicht beherrschen lassen, weil sie in ihrem Wesen elegant und unantastbar sind, ist jeder Bruch von diesem Bild ein Ereignis. Ein Hund ist schon blöd genug, den muss man nicht auch noch dabei zeigen, wie er sich zum Löffel macht (kann man aber <a href="http://www.buzzfeed.com/mattbellassai/dogs-who-are-too-stupid-for-their-own-good" target="_blank" shape="rect">trotzdem</a>). Katzen hingegen „bewegen sich normalerweise so elegant und graziös, dass jeder Fehltritt und jede tollpatschige Geste absurd und komisch wird – der Kaiser ist mal wieder splitternackt.“</p>
<p>Gut. Theorie. Boring. In Wirklichkeit sind Katzen natürlich aus einem viel einfacheren Grund so beliebt: Weil sie die beiden Kardinaltugenden der Tierreichs – Flauschigkeit und Awwwwwwigkeit – optimiert in sich vereinen. Oder um es mit den Worten Peter Glasers zu sagen: Wegen ihrer atombombenhaften Niedlichkeit.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2013/08/08/atombombenstarke-niedlichkeit/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>„Ich spreche Lolspeak“</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2013/08/08/ich-spreche-lolspeak/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2013/08/08/ich-spreche-lolspeak/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 08 Aug 2013 19:25:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>
		<category><![CDATA[Tiere]]></category>
		<category><![CDATA[4chan]]></category>
		<category><![CDATA[Kate Miltner]]></category>
		<category><![CDATA[Katzen]]></category>
		<category><![CDATA[LOLCats]]></category>
		<category><![CDATA[Meme]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1532</guid>
		<description><![CDATA[Kate Miltner schrieb ihre Masterarbeit über Katzenfotos mit albernen Texten. Ein Gespräch über Allergie, Dummheit und Cheeseburger. (aus der taz vom 8. August 2013)   taz: Frau Miltner, Sie haben Ihre Masterarbeit über Katzenfotos geschrieben, die mit albernen Texten in absichtlich]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Kate Miltner schrieb ihre Masterarbeit über Katzenfotos mit albernen Texten. Ein Gespräch über Allergie, Dummheit und Cheeseburger.<span id="more-1532"></span><!--more--> (aus der <a href="http://taz.de/Social-Media-Forscherin-ueber-Netzkatzen/!121397/" target="_blank">taz</a> vom 8. August 2013)</h3>
<p style="text-align: center;"> <a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Magical-Kitty-lol-cats-30656645-1280-800.png"><img class="size-full wp-image-1552 aligncenter" alt="-Magical-Kitty-lol-cats-30656645-1280-800" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Magical-Kitty-lol-cats-30656645-1280-800.png" width="620" height="446" /></a></p>
<p><strong>taz: Frau Miltner, Sie haben Ihre Masterarbeit über Katzenfotos geschrieben, die mit albernen Texten in absichtlich falschem Englisch im Internet verbreitet werden – allgemein als Lolcats bekannt. Sind Sie ein Nerd, eine Katzenverrückte oder beides zusammen?</strong></p>
<p><strong>Kate Miltner: </strong>Also, meine erste Internetseite habe ich 1997 online gestellt, als Teenagerin, das war eine Fanpage zur Fernsehserie „Akte X“. Gegen Katzenhaare hingegen bin ich allergisch. Die Lolcats habe ich wegen ihrer kulturellen Bedeutung als Thema gewählt– und nicht, weil ich so gerne Katzen mag.</p>
<p><strong>Und an welcher Uni kann man bitte zu Lolcats eine Abschlussarbeit schreiben?</strong></p>
<p>An der London School of Economics, im Fach „Media and Communications“.</p>
<p><strong>Wie sind Sie auf Ihr Thema gekommen?</strong></p>
<p>Der Ursprung war ein Seminar meiner Professorin Sonia Livingstone. Dort habe ich gelernt, dass man bei der Untersuchung von Kulturerzeugnissen nie auf den Inhalt – den „Text“ – schauen sollte, sondern immer nur auf die Reaktion des Publikums, selbst wenn es sich um die dümmsten TV-Sendungen handelt. Wenn etwas wirklich beliebt ist, erfüllt es für die Menschen offensichtlich irgendeine Funktion, es befriedigt ein Bedürfnis. Der Gedanke hat mich ziemlich gepackt, dieses Phänomen wollte ich untersuchen.</p>
<p><strong>Und warum genau an Lolcats?</strong></p>
<p>Ich wollte über etwas forschen, worüber noch nie jemand zuvor geforscht hatte, zur Literatur etwas komplett Neues beisteuern. Außerdem interessieren mich Internetmeme, und ich will verstehen, was dafür sorgt, dass einzelne Meme durch die Decke gehen. Das wäre nun aber ein zu großes Thema für eine Masterarbeit, also habe ich schließlich die Lolcats als Fallstudie gewählt – wegen ihrer breiten und lang anhaltenden Anziehungskraft.</p>
<p><strong>Wie lange gibt es die Lolcats denn schon?</strong></p>
<p>Zum ersten Mal sind sie im Internet 2005 aufgetaucht. Im August 2007 gab es den ersten Zeitungstext über Lolcats, im <em>Wall Street Journal,</em> dadurch haben sie noch mehr Fahrt aufgenommen und sind dann langsam in den Mainstream übergegangen.</p>
<p><strong><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/HAPPYCAT_I_CAN_HAS_CHEEZBURGER.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1554" alt="HAPPYCAT_I_CAN_HAS_CHEEZBURGER" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/HAPPYCAT_I_CAN_HAS_CHEEZBURGER.jpg" width="310" height="452" /></a>2005, das sind acht Internetjahre, also quasi achthundert Menschenjahre. Wie konnten Lolcats so ungewöhnlich lange überleben?</strong></p>
<p>Vor allem weil sie zwischendurch von einer Community zu einer anderen gewechselt sind – was eigentlich nicht vorgesehen war. Ich habe bei meiner Forschung drei verschiedene Lolcat-Nutzergruppen identifiziert.</p>
<p><strong>Welche sind das?</strong></p>
<p>Da sind einmal die „Casual User“, die Lolcats bloß nebenbei konsumieren, meistens bei der Arbeit, wenn sie Fotos via Mail oder Facebook geschickt bekommen. Sie haben sonst aber keine tiefere Bindung an Lolcats und erzeugen auch keine eigenen Bilder. Die „Meme Geeks“ hingegen sind aktive Nutzer, sie haben Lolcats in den Anfangsjahren groß gemacht, erst auf Seiten wie <a href="http://www.somethingawful.com/" target="_blank">Something Awful</a> und dann vor allem bei <a href="http://www.4chan.org/" target="_blank">4chan</a>. Normalerweise wäre das Mem irgendwann verbraucht gewesen, aber dann wurde <a href="http://icanhas.cheezburger.com/">icanhas.cheezburger.com</a> groß.</p>
<p><strong>Was ist das für eine Seite und welche Rolle spielt sie?</strong></p>
<p>Sie tauchte um den Jahreswechsel 2006/2007 auf und bestand zunächst nur aus einem einzigen Foto. Es zeigte Happycat, eine graue Kurzhaarkatze aus Russland, versehen mit dem Text „I can has cheezburger?“. Daraus hat sich mit dem Cheezburger Network ein kleines Imperium gebildet, zu dem zahlreiche Seiten gehören, außerdem ein Forum und ein Programm, mit dem man auch ohne Fotobearbeitungskenntnisse sehr schnell eigene Lolcat-Bilder bauen kann. So kamen die „Cheezfrenz“ als Fangruppe hinzu, die bis heute aktiv sind.</p>
<p><strong>Okay, die Casual User sind halbwegs klar. Aber Meme Geeks? Cheezfrenz? Was soll das sein? Wie unterscheiden sich die Gruppen?</strong></p>
<p>Die Meme Geeks sind eher männlich und zwischen 20 und 30 Jahre alt. Sie sind sehr internetaffin und beschäftigen sich auch mit anderen Memen. Unter den Cheezfrenz befinden sich hingegen überdurchschnittlich viele Frauen, sie sind außerdem älter und eher durch ihre Liebe zu Katzen zu den Lolcats gekommen. Früher war Lolcat-Humor auch bösartiger und aggressiver, das hat sich durch die Cheezfrenz geändert.</p>
<p><strong>Was macht den Lolcat-Humor denn überhaupt aus?</strong></p>
<p>Im Wesentlichen zwei Aspekte. Zum Einen gibt es die anthropomorphe Distanz: Wir lachen eigentlich über uns selbst, aber projizieren das auf Katzen, weil uns das leichterfällt. So kann man Lolcats auch nutzen, um Gefühle auszudrücken.</p>
<p><strong><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/why_no_one_comes_to_my_party-40490.jpg"><img class="size-full wp-image-1553 alignright" alt="why_no_one_comes_to_my_party-40490" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/why_no_one_comes_to_my_party-40490.jpg" width="310" height="414" /></a>Wie das?</strong></p>
<p>Ich habe von einer Frau gehört, deren Freund mit ihr Schluss gemacht hat. Ihre Freundin schickte ihr eine Lolcat mit der Aussage: „Er ist ein Trottel, es tut mir leid“, um sie aufzumuntern. Oder anstatt zu schreiben: „Ich hatte einen schlechten Tag“, kann man eben auch eine Lolcat online stellen. Mitunter verstehen dann nur gute Freunde die wirkliche Botschaft und erkundigen sich nach dem Wohlbefinden, während Unbeteiligte denken, das ist nur wieder so ein Katzenfoto – ein Phänomen, das Danah Boyd als „soziale Steganographie“ bezeichnet hat.</p>
<p><strong>Und was ist der andere Aspekt?</strong></p>
<p>Insiderwitze. Sie sind ein wesentlicher Teil des Lolcat-Phänomens. Man bringt kulturelle Referenzen an oder schafft sich eigene, die nur wenige Menschen verstehen, und fühlt sich so als Teil eines exklusiven Clubs. Hierbei ist auch Lolspeak wichtig, also das absichtlich falsche Englisch, das die Katzen sprechen – es braucht einige Zeit, um alle Lolspeak-Regeln zu meistern, was dabei hilft, die Grenze zwischen den Insidern und den Leuten draußen zu definieren. Lolspeak benutzen die Cheezfrenz auch, um untereinander zu kommunizieren, etwa auf ihrem Blog <a href="http://cheeztowncryer.wordpress.com/" target="_blank">„Cheeztown Cryer“</a>, wo sie sich mitunter auch über ernste Themen wie schwere Krankheiten oder den Tod ihrer Tiere in Lolspeak austauschen.</p>
<p><strong>Wie lange haben Sie gebraucht, um Lolspeak zu lernen?</strong></p>
<p>Das weiß ich nicht mehr genau. Und ich spreche auch kein flüssiges Lolspeak. Aber ich kann Mails verfassen, und sie werden akzeptiert.</p>
<p><strong>Machen einem Lolcats überhaupt noch Spaß, wenn man sich so intensiv mit ihnen beschäftigt?</strong></p>
<p>Ich konnte mit Leuten stundenlang über Lolcats reden, manche brachten ihre Katzen mit zum Videochat – ich hatte noch nie so viel Spaß bei der Arbeit und mag Katzen jetzt sogar noch mehr!</p>
<p><strong>Was können wir durch Lolcats lernen?</strong></p>
<p>Sie helfen uns, zu verstehen, dass die Dinge, die wir online so machen, vielleicht albern wirken, aber dennoch wichtige Funktionen erfüllen: mit anderen Menschen in Kontakt treten, Gefühle ausdrücken, an kulturellem Austausch teilhaben, Gemeinschaften bilden. Das alles geht mit jeder Art von Inhalten, auch mit Katzenfotos.</p>
<p><strong>Machen Sie denn auch selbst Lolcat-Bilder?</strong></p>
<p>Ja. Bei meinem letzten Job haben wir ständig Lolcats im Büro ausgetauscht, ich habe schon ganze Unterhaltungen nur durch den Einsatz von Lolcats geführt. Das habe ich aber schon vor der Masterarbeit gemacht, 2008 war ich sogar als Lolcat verkleidet bei Halloween.</p>
<p><strong>Ach was. Als welche?</strong></p>
<p>Als HappyCat. Mein damaliger Freund war ein Cheeseburger.</p>
<p><em><strong><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/kate-miltner.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-1549" alt="kate-miltner" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/kate-miltner.jpg" width="131" height="131" /></a>Kate Miltner</strong> lebt in Boston und arbeitet nach ihrem Abschluss an der London School of Economics als Social Media Reseach Assistent für Microsoft.</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2013/08/08/ich-spreche-lolspeak/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Die Sache mit der Salatgurke</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2013/07/30/die-sache-mit-der-salatgurke/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2013/07/30/die-sache-mit-der-salatgurke/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 30 Jul 2013 00:11:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Comic]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>
		<category><![CDATA[20. Jahrhundert]]></category>
		<category><![CDATA[Avant]]></category>
		<category><![CDATA[Biografie]]></category>
		<category><![CDATA[Birgit Weyhe]]></category>
		<category><![CDATA[Derf Backderf]]></category>
		<category><![CDATA[Deutsche Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[High School]]></category>
		<category><![CDATA[Metrolit]]></category>
		<category><![CDATA[Serienmörder]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1493</guid>
		<description><![CDATA[Lebensgeschichten in Bildern: „Mein Freund Dahmer“ von Derf Backderf über einen Mörder und Birgit Weyhes Familienstück „Im Himmel ist Jahrmarkt“. (aus der taz vom 30. Juli 2013) Es ist schwer auszumachen, wann Jeffrey Dahmer endgültig abgehängt wurde. Wann der Wahn]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Lebensgeschichten in Bildern: „Mein Freund Dahmer“ von Derf Backderf über einen Mörder und Birgit Weyhes Familienstück „Im Himmel ist Jahrmarkt“.<span id="more-1493"></span> (aus der <a href="http://taz.de/Autobiografisches-in-Graphic-Novels/!120850/" target="_blank">taz</a> vom 30. Juli 2013)</h3>
<p style="text-align: center;"><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/dahmerb.jpg"><img class="size-full wp-image-1498 aligncenter" alt="dahmerb" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/dahmerb.jpg" width="620" height="309" /></a></p>
<p>Es ist schwer auszumachen, wann Jeffrey Dahmer endgültig abgehängt wurde. Wann der Wahn aus Dahmer, der Außenseiterexistenz, wie es sie an jeder Highschool der USA mehrfach gibt, Dahmer, den Massenmörder machte, der zwischen 1978 und 1991 mehr als ein Dutzend junger Schwuler tötete und zum Teil verspeiste.</p>
<p>Derf Backderf, in den USA ein populärer Cartoonist, kümmert sich in „Mein Freund Dahmer“ nicht um die Morde des „Milwaukee Cannibal“, sondern um seine Jugend. Denn Backderf war auf der Revere Highschool in Akron, Ohio, noch am ehesten so etwas wie ein Freund von Jeff Dahmer. Wobei, Freundschaft? Backderf und seine eigentlichen Freunde verehrten Dahmer als eine Art Kultobjekt, weil er unnachahmlich gut Menschen mit spastischen Störungen imitieren konnte.</p>
<p>Dass Dahmer das durch Beobachtungen seiner schwer medikamentenabhängigen Mutter gelernt hatte, wusste indes keiner. Und dass seine Eltern sich permanent stritten und er mit dem Problem seiner aufkommenden, in der US-amerikanischen Provinz unmöglich auszulebenden Homosexualität alleingelassen wurde, zusätzlich zu seinen nicht eindeutig zu definierenden sozialen Defiziten, dass Dahmers Leben also schon früh eine Hölle war, die er nur mit massivem Alkoholkonsum auch während der Schulzeit ertrug – auch das kümmerte niemanden, keine Schüler, keine Lehrer, nicht einmal die Eltern.</p>
<p>Backderf arbeitet den Fall in kurzen Episoden auf, etwa Dahmers Versuche, tote Tieren in Säure aufzulösen, einen Angelvorfall, den missratenen Auftritt beim Abschlussball – aber auch kurze Zwischenhochs wie eine Klassenfahrt nach Washington, wo Dahmer es schaffte, einen Besuch im Büro des Vizepräsidenten zu organisieren. Backderf beherrscht sein Handwerk, seine Erzählweise ist unspektakulär, aber äußerst fesselnd, wie ein Film fährt die Pubertät Dahmers am Betrachter vorbei. Neben der persönlichen Ebene gelingt Backderf auch ein Stimmungsbild des Highschoollebens in der Midwest-Provinz in den späten 70ern.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/kleiner-cover-dahmer-300.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1497" alt="kleiner-cover-dahmer-300" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/kleiner-cover-dahmer-300.jpg" width="310" height="480" /></a>Erschienen ist „Mein Freund Dahmer“ bei Walde + Graf, das nach seinem Aufkauf durch den Aufbau-Verlag in den Anfang 2013 neu gegründeten Metrolit-Verlag integriert wurde. Metrolits bisheriges Graphic-Novel-Programm zeichnet sich durch Anspruch und eine gewisse Schwere aus, soziale und politische Themen dominieren. Es geht um Aussteiger, 68er, den Aufstand vom 17. Juni 1953. Erzählung und Inhalt gehen hier häufig vor Ästhetik, der Text ist wichtiger als die Grafik.</p>
<p>Mit dieser Ausrichtung ähnelt Metrolit dem kleinen Avant-Verlag, der schon seit über elf Jahren den schweren Weg geht, die immer noch kleine Leserschaft von ernsten Graphic Novels zu bedienen. Er setzt dabei allerdings stärker ästhetische Akzente. Gerade ist bei Avant ein ebenfalls autobiografisch orientierter Comic erschienen, wenngleich mit einem ganz anderen Hintergrund: Birgit Weyhe beschreibt in „Im Himmel ist Jahrmarkt“ keine medienbekannte Figur, sondern ihre eigene Familie.</p>
<h6>Recherche im Stilmix</h6>
<p>Wo bei Backderf die Nachrichtenmeldung von Dahmers Tod der Auslöser für seine Biografiearbeit ist, ist es bei Weyhe eine Hausaufgabe ihrer Tochter. Wo Backderf eine klare, stilistisch sehr comichafte, narrativ aber sachliche Bildsprache wählt, ist Weyhe illustrativer und arbeitet in ihren Bildern mit verschiedenen Stilen, mit Details und wilden Assoziationen.</p>
<p>Und wo Backderf akribisch Recherchen mithilfe von Zeitungsarchiven, FBI-Akten, alten Fernsehinterviews und persönlichen Gesprächen betrieben hat, die säuberlich im ausführlichen Anhang nachvollzogen werden können, hatte Weyhe nur einige alte Fotos und Anekdoten. Den Rest musste sie sich zusammenpuzzeln – Leerstellen hat sie im Zweifel mit plausibler Fantasie gefüllt.</p>
<p>Weyhe, Jahrgang 1969, beschreibt die Generation ihrer Großeltern, die zwischen 1894 und 1913 geboren wurden. Da ist Marianne, die Mutter des Vaters, sehr fortschrittlich für ihre Zeit: Mit den Nonnen in der Schule legt sie sich an, eröffnet ihren eigenen Hutmacherladen, hat als erste Frau in München einen Führerschein. Nur mit den Männern hat Marianne kein Glück, der Vater von Sohn Michael lässt sie früh im Stich – im Buch bleibt er ein Schatten, über den es nur eine Anekdote mit einer Salatgurke zu erzählen gibt.</p>
<p>Dann ist da Herta, die Mutter der Mutter, eine laute, derbe Berlinerin. Die Liebe ihrer Jugend darf sie nicht heiraten, der Vater, ein Fabrikbesitzer, droht mit der Enterbung. Ein Ungar mit Adelstitel muss es stattdessen sein. Herta lässt es über sich ergehen. Ihren zweiten Mann Edgar, 20 Jahre älter und Wehrmachtsoffizier, aber keiner von der schlimmen Sorte, lernt sie auf der Flucht vor der Roten Armee kennen. Edgar entpuppt sich nach dem Krieg als großzügiger Feingeist. Weyhes Erinnerungen an gemeinsame Cowboy-und-Indianer-Spiele werden gegen den Geiz von Oma Herta, die Ernährerin der Familie, gestellt.</p>
<h6>Unerfüllte Wünsche</h6>
<p>Als Bonusfigur wird noch Carl vorgestellt, der jüngere Bruder Edgars, der der jungen Birgit Weyhe als ein Ausbund an Strenge erscheint. Doch seine Biografie erklärt sein Wesen: Im Vorschulalter verweigert der militärisch geprägte Vater Carl die Liebe. Später muss er wegen seiner Homosexualität ins Zuchthaus. Zurück bleibt ein seelisches Wrack, hart zu seinen Mitmenschen, noch härter zu sich selbst.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Im_Himmel_ist_Jahrmarkt_Cover_web.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1496" alt="Im_Himmel_ist_Jahrmarkt_Cover_web" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Im_Himmel_ist_Jahrmarkt_Cover_web.jpg" width="310" height="435" /></a>Doch haben alle vier Leben ihre Traumata, ihre unerfüllten Wünsche, machen möglicherweise falsche Kompromisse. Neben den wichtigsten biografischen Ereignissen werden Anekdoten erzählt, etwa vom Schulranzenkauf mit Oma Herta, von einer Puppenverbrennungsaktion, von einer Reise von Oma Marianne und ihrer Schwester nach Uganda, wo Birgit Weyhe aufgewachsen ist. Besonders bemerkenswert ist, wie Weyhe das alles in Szene setzt.</p>
<p>Zwischen die einfachen Bilder, mit denen sie die Erzählebene vorantreibt und die ein wenig klobig daherkommen, mischt Weyhe zahllose Details und Symbole für die Innenansichten ihrer Charaktere. Texttafeln, Zeichnungen im Stil alter Biologielexika, organische Formen, Kleckse, expressionistische Fratzen, Holz- und Scherenschnitte, vieles in Weiß auf einem schwarzen Hintergrund. Eine grafisches Vielfalt, die auch beim dritten, vierten Lesen noch Entdeckungen verspricht.</p>
<p>Das alles macht „Der Himmel ist Jahrmarkt“ zu einer grandiosen Familienbiografie, die zugleich auch die deutsche Geschichte der letzten 100 Jahre widerspiegelt. Doch der Band ist zugleich ein Appell: Schaut in eure Familien, ruft er aus, hört euch die Geschichten eurer Verwandten an, fragt, solange ihr noch könnt. Denn auch wenn dort keine Massenmörder herumlaufen, bietet doch beinahe jedes Leben eine spannende Geschichte, bietet Sehnsüchte und Wünsche, bietet Brüche, Zufälle und Richtungswechsel, gerade bei den Übriggebliebenen jener Generationen, die noch von den Weltkriegen betroffen waren.</p>
<p>Den Geschichtenerzählern dieser Welt wird ihr Stoff so niemals ausgehen.</p>
<p><strong>Derf Backderf: „Mein Freund Dahmer“. Aus dem Englischen von Stefan Pannor. Metrolit, Berlin 2013, 224 Seiten, 22,99 Euro; </strong><strong>Birgit Weyhe: „Im Himmel ist Jahrmarkt“. Avant, Berlin 2013, 280 Seiten, 22 Euro</strong></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2013/07/30/die-sache-mit-der-salatgurke/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Das Edelste sind die Anzeigen</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2013/07/25/das-edelste-sind-die-anzeigen/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2013/07/25/das-edelste-sind-die-anzeigen/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 25 Jul 2013 19:35:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>
		<category><![CDATA[Bratwurstjournalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Dandy]]></category>
		<category><![CDATA[Großbritannien]]></category>
		<category><![CDATA[Lifestyle]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1551</guid>
		<description><![CDATA[Tweed will ein Magazin für den britischen Lebensstil sein und scheitert grandios. Der Heftgestaltung fehlt die Klasse, die Texte sind routiniert-lieblos. (aus der taz vom 25. Juli 2013) Eigentlich ist mit dem Button schon alles verloren. In Orange hängt er auf]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><em>Tweed</em> will ein Magazin für den britischen Lebensstil sein und scheitert grandios. Der Heftgestaltung fehlt die Klasse, die Texte sind routiniert-lieblos.<span id="more-1551"></span> (aus der <a href="http://taz.de/Neues-Dandy-Magazin-Tweed/!120555/" target="_blank">taz</a> vom 25. Juli 2013)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/cover-tweed-ganz.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1560" alt="Cover_Tweed_1.indd" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/cover-tweed-ganz.jpg" width="310" height="391" /></a>Eigentlich ist mit dem Button schon alles verloren. In Orange hängt er auf dem Titelbild, ist gezackt, „Die 33 wichtigsten Regeln für echte Gentlemen“ steht darauf. Das ist so dumm. So grundfalsch. Aber auch so treffend.</p>
<p>Aber einen Schritt zurück: Die <em>Tweed,</em> deren Erstausgabe gerade erschienen ist, bezeichnet sich als „Magazin für den britischen Lebensstil“, sie will den deutschen Dandy bedienen, mit einem Themenmix, der von einer Reportage beim Oldtimertreffen „Goodwood Revival“ bis zu Polo in Deutschland reicht, vom Schreiben mit dem Füllfederhalter bis hin zur Lederschuhpflege. Auch Rasiermesser kommen vor, was kein Wunder ist, denn Messer-Fachliteratur gehört zum Schwerpunkt des herausgebenden Wieland-Verlags.</p>
<p>Das Heft passt eigentlich hervorragend in unsere Zeit, seine Idee leuchtet ein. Erstens bedient <em>Tweed</em> den akuten Neokonservatismus des Manufactum-Biedermeiers mit seiner Sehnsucht nach Tradition, nach Handwerk, nach „echten“ Dingen – ein Gegenpol zur Digitalisierung und zu „unseren hektischen Zeiten, in denen ständig alles anders wird“, wie Chefredakteur Hans-Joachim Wieland im Editorial erklärt.</p>
<p>Und zweitens gibt es neben dem allgegenwärtigen Zeitungssterben durchaus einen Markt für neue Magazine – sofern diese klug Ränder bedienen und genau die Wertigkeit mitbringen, die dem Internet aktuell noch fehlt. Speziell bei gut verdienenden Männern im klassischen Gendersinne scheint das zu funktionieren, wie die 2009 erfolgreich eingeführten Magazine <em>Beef!</em> und <em>Business Punk</em> zeigen.</p>
<h6>Kleinteiliges Layout</h6>
<p>Doch muss man die Sache natürlich auch sauber umsetzen. Und hier scheitert <em>Tweed</em> grandios – weil man dem Lebensstil eines Gentlemans eben nicht mit den Bordmitteln eines gewöhnlichen Lifestylemagazins beikommen, man ihm eben nicht ein kleinteiliges, hektisches Layout überstülpen kann, das vielleicht zeitgemäß ist, aber nicht klassisch und gediegen. Da gibt es Randspalten mit Infohäppchen, freigestellte Fotos hier, Textboxen dort, unmotivierten Weißraum – selbst die ganzseitigen Fotos als Texteinstieg, die an sich gelungen sind, werden durch eine am Rand durchlaufende Ressortnamenleiste kaputt gemacht.</p>
<p>Alles wirkt billig und unangemessen, bis hin zur Wahl eines dünnen Hochglanzpapiers. So fühlt sich <em>Tweed</em> an wie eine Mischung aus <em>Men’s Health</em>, Peek-&amp;-Cloppenburg-Katalog und den Bordmagazinen von Fluggesellschaften, die Anzeigen gehören noch zu den edelsten Seiten. Das ist für einen Verkaufspreis von 9,80 Euro beschämend.</p>
<p>Die Texte changieren zwischen routiniert-lieblos und verfloskelt. Der Bericht über das altehrwürdige Londoner Savoy Hotel etwa – was hätte man da anstellen können? Einen Butler, einen Manager, einen Gast begleiten, das alles zu einer Reportage verbinden, die das Hotel lebendig macht. Stattdessen liest sich der Text wie aus Internetrecherchen und Pressetexten zusammengeschrieben: Viele interessante Information und Fakten, aber seelenlos.</p>
<p>So ist es mit dem gesamten Heft: Anstatt in die britisch-versnobte Lebenswelt einzutauchen und aus ihr zu berichten – was auch für Außenstehende ein spannender Einblick hätte sein können – wird sie nur <em>step by step</em> erklärt, wie in einem Wochenendseminar. „Erwachsene Männer, die erfolgreich im Leben stehen und ihren eigenen Stil gefunden haben“ will die <em>Tweed</em> ansprechen. Und wird nur Menschen erreichen, die zwar Geld haben, aber sich ihren Stil erst noch vorschreiben lassen müssen.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2013/07/25/das-edelste-sind-die-anzeigen/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Was Spione halt so machen</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2013/07/19/was-spione-halt-so-machen/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2013/07/19/was-spione-halt-so-machen/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 19 Jul 2013 19:45:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Fernsehen]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>
		<category><![CDATA[Nullen und Einsen]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>
		<category><![CDATA[Drohnen]]></category>
		<category><![CDATA[James Bond]]></category>
		<category><![CDATA[Markus Lanz]]></category>
		<category><![CDATA[NSA]]></category>
		<category><![CDATA[Rügen]]></category>
		<category><![CDATA[Yps]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1568</guid>
		<description><![CDATA[KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Die Überwachungshysterie verfolgt einen in diesen Tagen bis ans Ende der Welt. Wir sollten uns alle ein Beispiel an James Bond nehmen. (aus der taz vom vom 19. Juli 2013) 50 Euro Belohnung verspricht der Aushang. „Am]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Die Überwachungshysterie verfolgt einen in diesen Tagen bis ans Ende der Welt. Wir sollten uns alle ein Beispiel an James Bond nehmen.<span id="more-1568"></span> (aus der <a href="http://taz.de/Kolumne-Nullen-und-Einsen/!120210/" target="_blank">taz</a> vom vom 19. Juli 2013)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/drohneentflogen.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1569" alt="drohneentflogen" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/drohneentflogen.jpg" width="310" height="365" /></a>50 Euro Belohnung verspricht der Aushang. „Am 26. 6. vom Parkplatz ’Nordstrand‘ startete ich meinen Quadcopter DJI Phantom in Richtung der beiden Leuchttürme von Kap Arkona. Leider kam mein Fluggerät nicht zurück und ging irgendwo im ’Gelände‘ verloren. Unter dem Quadcopter hing eine GoPro Hero 3 Kamera.“ So sieht also die Zukunft aus, „Drohne entflogen“ wird das neue „Hund/Katze entlaufen“. Nur die beiden Fotos <a href="http://twitter.com/freelancepolice/status/357865592306425857" target="_blank" shape="rect">auf dem Zettel</a> sind nicht mitleiderregend genug. Drohnen haben keine traurigen Augen. Noch nicht.</p>
<p>Bei Flugdrohnen mit Kameras denkt man ganz schnell wieder an Überwachung, man kommt von dem Thema in diesen Tagen einfach nicht los, auch nicht im Rügen-Urlaub. Weil ich da mal Zeit für so was habe und ja auch nicht den ganzen Tag im „Gelände“ verbringen kann, lese ich im analogen Feedreader (= alte Zeitungen) und stolpere über ein taz-Interview, in dem die NSA <a href="http://www.taz.de/!119017/" target="_blank" shape="rect">als „die geheimste Behörde der Welt“ bezeichnet wird</a>. Die geheimste! Wäre das nicht eher eine, über die nicht alle reden?</p>
<p>Abends schaue ich auch mal wieder Fernsehen, Zuhause geht das ja gar nicht, weil der von meinen Eltern importierte 70er-Jahre-Designfernseher, ein echter Esslinger!, sich nicht mit der digitalen Empfangstechnik verträgt. Ich weiß jetzt also, dass ich diese nachvorngelehnte, inswortfallende, obergewitzte Interviewtechnik von Markus Lanz ganz grauenvoll finde, und in Ina Müller habe ich mich ein wenig verliebt.</p>
<p>Zwischendurch reden bei Maybrit Illner schon wieder Menschen über den NSA-Skandal und am letzten Abend läuft „Liebesgrüße aus Moskau“. Es geht um eine Dechiffriermaschine, und als James Bond vom Flughafen abgeholt wird, verfolgt ihn ein Auto. „Wir werden beschattet, hat das einen besonderen Grund?“ – „Es sind Bulgaren, sie arbeiten für die Russen. Sie verfolgen uns, wir verfolgen sie. Das tut der Freundschaft keinen Abbruch.“</p>
<p>Ja, so war das damals, alles noch ein wenig entspannter. Auf eine Art verstehe ich die heutige Empörung um den NSA-Skandals ohnehin nicht so recht, meine Empörungssensoren sind aber auch extrem unterausgeprägt, das war schon immer so. Was sollen Spione denn bitte sonst machen, wenn nicht spionieren? Bloß dass sie bei Sean Connery noch kein Internet hatten, sondern bloß mit einem Periskop von unten in das russische Konsulat schauen konnten. Aber damals sagte man ja auch noch „Ich lasse meine Zigeuner für mich arbeiten“ und als Gadget gab es einen Agentenkoffer, mit dem man richtig schießen kann. Wie im <em>Yps-</em>Heft.</p>
<p>Zurück in Berlin probiere ich den <a href="http://https//www.google.de/search?q=Anzeigenvorgaben-Manager&amp;ie=utf-8&amp;oe=utf-8&amp;rls=org.mozilla:de:official&amp;client=firefox-a&amp;channel=fflb&amp;gws_rd=cr" target="_blank" shape="rect">Google-Anzeigenvorgaben-Manager</a> aus, von dem mir <a href="http://taz.de/Datenskandale-und-Online-Werbung/!119314/" target="_blank" shape="rect">Kollege Gernert</a> erzählt hat. Da kann ich sehen, was Google glaubt, was mich interessiert, basierend auf Suchanfragen und besuchten Websites. Einiges stimmt: Katzen, Berlin, Sportnachrichten. Einiges stimmt nicht, ist aber erklärbar: Wetter, Rezepte. Und manches ist einfach auch totaler Unsinn: Saarland? Egoshooter? Kosmetikartikel? Ostasiatische Musik? Toyota???</p>
<p>Zu meinen Interessen zählen demnach auch „Geheimdienste und Terrorismusbekämpfung“. Man kommt von dem Thema in diesen Tagen wirklich nicht los.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2013/07/19/was-spione-halt-so-machen/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Gezeichnete Kindheitssehnsucht</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2013/07/19/gezeichnete-kindheitssehnsucht/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2013/07/19/gezeichnete-kindheitssehnsucht/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 19 Jul 2013 00:34:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Comic]]></category>
		<category><![CDATA[Porträt]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit Online]]></category>
		<category><![CDATA[Eisner Award]]></category>
		<category><![CDATA[Großbritannien]]></category>
		<category><![CDATA[Hayao Miyazaki]]></category>
		<category><![CDATA[Indiecomics]]></category>
		<category><![CDATA[Luke Pearson]]></category>
		<category><![CDATA[Nottingham]]></category>
		<category><![CDATA[Tove Jansson]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1515</guid>
		<description><![CDATA[Durch seine Bücher weht zarte, tagtraumhafte Magie. Luke Pearson ist 25 Jahre alt und schafft Bilder für Kinder genau wie für Erwachsene. (veröffentlicht auf zeit.de) Die unsichtbaren Schatten dringen von hinten in den Kopf des Mannes ein. Sie umfassen seinen Kiefer,]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Durch seine Bücher weht zarte, tagtraumhafte Magie. Luke Pearson ist 25 Jahre alt und schafft Bilder für Kinder genau wie für Erwachsene.<span id="more-1515"></span> (veröffentlicht auf <a href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2013-07/Luke-Pearson-Hilda/komplettansicht" target="_blank">zeit.de</a>)</h3>
<p style="text-align: center;"><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Everything_Miss1.jpg"><img class="size-full wp-image-1524 aligncenter" alt="Everything_Miss1" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Everything_Miss1.jpg" width="620" height="394" /></a></p>
<p>Die unsichtbaren Schatten dringen von hinten in den Kopf des Mannes ein. Sie umfassen seinen Kiefer, seine Zunge, bewegen sie, sodass der Mann ohne nachzudenken die fatalen Worte spricht: „Du bist so verdammt langweilig geworden.“ Seine Freundin, die neben ihm liegt, fängt an zu weinen. Er tröstet sie. Es hilft nicht mehr viel: Ein paar Seiten später ist die Beziehung zerbrochen. Der Mann verliert den Boden unter den Füßen, am Ende liegt er an einem Strand, umgeben von alienhaften Wesen, in seinen Armen das Skelett eines zweiköpfigen Säuglings.</p>
<p><em>Everything We Miss</em> ist ein Meisterwerk poetischer Comicnarration. Momentaufnahmen erzählen die Entfremdung eines sehr durchschnittlichen Thirtysomething-Paares, immer wieder durchsetzt von Metaphern und Symbolen und unterbrochen von Blicken auf fremde Menschen, deren Schicksale nur kurz gestreift werden, als Ausdruck der Gleichzeitigkeit und Vergänglichkeit der Dinge.</p>
<p>Ihr Zeichner, der Brite <a href="http://lukepearson.com/" target="_blank">Luke Pearson</a>, ist gerade einmal 25 Jahre alt und schon als <em>Best Writer/Artist</em> für den Eisner Award nominiert, einen der wichtigsten US-amerikanischen Comicpreise, der am 19. Juli bei der Comic-Con in San Diego verliehen wird. Ehrfurchtgebietend liest sich die bisherige Siegerliste: Alan Moore, Frank Miller, Chris Ware, Craig Thompson stehen dort, mehrfach. Ehrfurchtgebietend liest sich auch die Liste von Luke Pearsons Konkurrenten in diesem Jahr: Charles Burns, Gilbert und Jaime Hernandez, C. Tyler und erneut Chris Ware.</p>
<p>„Es gibt keine Chance zu gewinnen“, sagt Pearson, der kürzlich Berlin besucht hat. „Nicht im Jahr von Chris Wares <em>Building Stories</em>.“ In einer anderen Kategorie würde sich Pearson, ein blasser, schlanker, etwas schüchterner junger Mann, allerdings Chancen zusprechen, vielleicht zumindest: In der Sparte <em>Best Publication for Kids (ages 8-12)</em> ist er ebenfalls nominiert.</p>
<p>Aber nicht mit dem düsteren <em>Everything We Miss</em>, sondern mit <em>Hilda und der Mitternachtsriese</em>, das als bisher einziges von Pearsons Büchern auch in Deutschland erschienen ist. Hilda ist ungefähr sieben Jahre alt, sie liebt es, im Regen zu zelten, Steine zu zeichnen und die Natur zu erkunden. Angst hat sie fast nie. Und als ein Volk von unsichtbaren Zwergelfen sie und ihre Mutter aus den skandinavischen Bergen vertreiben will, nimmt sie die Herausforderung an.</p>
<p>Drei Hilda-Comics hat Pearson bereits gezeichnet, am vierten arbeitet er gerade, „theoretisch jedenfalls“, wie er sagt. Es sind Geschichten, die Kinder genau wie Erwachsene verzaubern können. In Hildas Welt fliegen nachts Riesenpelzkaulquappen stumm durch die Luft, da gibt es Holzmänner, die Schlammtee trinken, es gibt Riesen und Trolle – eine Verschränkung von Fabelwesen und Alltagskultur ohne Gut und Böse, die stark an die Animefilme von Hayao Miyazaki erinnert.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/luke-pearson-540x304-2.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1519" alt="luke-pearson-540x304 (2)" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/luke-pearson-540x304-2.jpg" width="620" height="348" /></a></p>
<p>Pearson bestätigt den Einfluss des japanischen Regisseurs auf seine Arbeit, <em>Chihiros Reise ins Zauberland</em> und <em>Prinzessin Mononoke </em>gehören zu seinen Lieblingsfilmen. „Es ist Fantasy, aber es ist so weit weg von den westlichen Ideen von Fantasy, sondern viel mehr in der Natur verwurzelt. Das macht es vollkommen surreal“, sagt Pearson über Miyazaki. „Es ist so viel Zeug, bei dem du denkst: Das habe ich noch nie zuvor gesehen! Und du kriegst nicht zusammen, wo es herkommt, aber alles passt zusammen, auf eine völlig schräge Weise.“</p>
<p>Weitere Einflüsse für Hilda waren eine Kreuzfahrt durch die Fjorde Norwegens, ein Studienprojekt über die Mythenwelt Islands und die <em>Mumin</em>-Bände der Finnin Tove Jansson. Die spielen ebenfalls in einer skandinavischen Berglandschaft und waren vor allem visuell bedeutend für den Hilda-Style, bis hin zur Dreiecksnase, die Hilda von Klein Mü geerbt hat. Weil diese bewusste Ähnlichkeit Pearson nach zwei Bänden dann aber doch etwas zu viel war, ist Hilda inzwischen von den Bergen in die Stadt gezogen und auch ihr Character Design wurde ein wenig überarbeitet.</p>
<p>Diese grafische Flexibilität ist typisch für Pearson, es ist bemerkenswert, wie stark er seinen Zeichenstil variiert: <em>Everything We Miss</em> ist in der Linienführung wie auch in der schwarz-grau-orangenen Farbgebung sehr klar und reduziert, die Hilda-Bände zeichnet ein weitaus cartoonesker, groberer Strich aus, mit zwar pastelligen, aber doch ziemlich bunten Farben.</p>
<p>Pearson mag es, zu experimentieren und will auch in Zukunft den jeweils passenden grafischen Ausdruck für seine Geschichten finden. Er wirkt aber nicht komplett glücklich mit seiner eher ungewöhnlichen Vielseitigkeit. „Manchmal fühle ich mich mies deswegen. Zwar beherrsche ich eine Menge verschiedener Stile, aber alle allenfalls okay“, sagt er. „Es fühlt sich so an, als hätte jeder eine eigene starke visuelle Stimme gefunden und nur ich springe immer noch herum und entwickle mich nicht so schnell weiter, wie ich könnte.“ Das ist schon mehr als etwas Understatement.</p>
<p>Gemein ist Pearsons Arbeiten der Sinn für das Abseitige und eine zarte Magie. Nicht nur bei Hilda mit ihren Elfen, Woffels und Riesen geschehen fantastische Dinge, sondern auch in <em>Everything We Miss</em>, ganz dezent und für die Menschen unsichtbar. Geisterwesen laufen auf den Straßen, ein Baum tanzt, eine schlafende Frau fängt für einen Moment an zu schweben.</p>
<p><strong>Kein weltfremder Romantiker</strong></p>
<p>Pearsons Welten leben und sind so Ausdruck seiner Sehnsucht, wieder ein Stück weit in die Kindheit zurückzukehren. Als man noch glaubte, dass es mehr gibt als das Sichtbare, als die unheimlichen Schatten im Urlaub auf dem Land wirklich großen Riesen gehört haben, die am Horizont entlangspazieren. „Diese Lust am Spekulieren, die Lust daran, Dinge im Kopf weiterzutreiben, bis zu dem Punkt, an dem man sich beinahe selbst überzeugt hat, sie zu glauben, haben viel damit zu tun, warum ich gerne Comics mache und gut Geschichten erzählen kann“, sagt Pearson.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/hildafolkcover-560x757.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1518" alt="hildafolkcover-560x757" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/hildafolkcover-560x757.jpg" width="310" height="420" /></a>Und gibt zu, dass es ihm schwerer fällt als zu Zeiten, als er noch kein professioneller Comicautor war, sich in seinen Gedanken zu verlieren. Als Erwachsener gäbe es so viel Bullshit, über den man nachdenken müsse, sagt Pearson. Früher, erinnert er sich, musste er nur die Augen schließen und hatte sehr klare und lebhafte Tagträume. „Als würde ich einen Film in meinem Kopf drehen.“</p>
<p>Regisseur wäre er auch einmal gerne – theoretisch. „Bei Comics kann ich einfach alles selbst machen. Ich denke, ich mache sie auch deswegen, weil es das ist, was ich am besten kann.“ Pearson lebt mit seiner Freundin im englischen Nottingham. Wie er dort gelandet sei, wisse er selbst nicht genau, sagt er. Von Comics allein kann er nicht leben. Für seinen Unterhalt zeichne er deswegen noch Storyboards und Illustrationen, unter anderem das <a href="http://luke-pearson.tumblr.com/post/48051299421/my-cover-for-the-new-yorkers-journeys-issue" target="_blank">Titelbild des <em>New Yorker</em></a> im April dieses Jahres.</p>
<p>Doch bei alldem darf man sich Luke Pearson nicht als weltfremden Romantiker vorstellen. Auf die Frage, ob denn früher mehr Magie in der Welt gewesen wäre, antwortet er: „Nun, es ist immer noch genau so viel Magie in der Welt wie früher. Und das ist, technisch gesehen: Keine.“</p>
<p><strong>Luke Pearson: „Hilda und der Mitternachtsriese“, Reprodukt, Berlin 2013, 44 Seiten, 18 Euro</strong></p>
<p><strong>auf englisch: </strong><strong>„Hildafolk“, Nobrow, London 2010, 24 Seiten, 9,20 Euro (ab Herbst 2013 bei Reprodukt);  </strong><strong>„Hilda and the Bird Parade“, Nobrow, London 2013, 44 Seiten, 14,95 Euro (ab Herbst 2013 bei Reprodukt);  </strong><strong>„Everything We Miss“, Nobrow, London 2011, 38 Seiten, 14,20 Euro (ab Frühjahr 2014 bei Reprodukt)  </strong></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2013/07/19/gezeichnete-kindheitssehnsucht/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>„Als Kind sah ich noch Riesen“</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2013/07/16/als-kind-sah-ich-noch-riesen/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2013/07/16/als-kind-sah-ich-noch-riesen/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 16 Jul 2013 00:14:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Comic]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>
		<category><![CDATA[Eisner Award]]></category>
		<category><![CDATA[Fantasie]]></category>
		<category><![CDATA[Großbritannien]]></category>
		<category><![CDATA[Hayao Miyazaki]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Luke Pearson]]></category>
		<category><![CDATA[Nottingham]]></category>
		<category><![CDATA[Prokrastination]]></category>
		<category><![CDATA[Trolle]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1505</guid>
		<description><![CDATA[Luke Pearson, für zwei Eisner Awards nominiert, über den Verlust der Fantasie beim Erwachsenwerden, die Vorteile des Lebens in der Stadt und seine Hilda-Comicreihe. (aus der taz vom 16. Juli 2013) taz: Herr Pearson, Sie sind gerade mal 25 Jahre]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Luke Pearson, für zwei Eisner Awards nominiert, über den Verlust der Fantasie beim Erwachsenwerden, die Vorteile des Lebens in der Stadt und seine Hilda-Comicreihe.<span id="more-1505"></span> (aus der <a href="http://taz.de/Der-britische-Comicautor-Luke-Pearson/!119998/" target="_blank">taz</a> vom 16. Juli 2013)</h3>
<h3><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/luke-pearson-hildafolk-nobrow-2.jpg"><img class="size-full wp-image-1507 aligncenter" alt="luke-pearson-hildafolk-nobrow-2" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/luke-pearson-hildafolk-nobrow-2.jpg" width="620" height="245" /></a></h3>
<p><strong>taz: Herr Pearson, Sie sind gerade mal 25 Jahre alt und bereits für einen der wichtigsten Comicpreise der Welt nominiert: den Eisner Award in der Kategorie „Best Writer/Artist“. Käme ein Sieg nicht viel zu früh?</strong></p>
<p><strong>Luke Pearson:</strong> Nein, dafür ist es niemals zu früh. Klar würde ich gern gewinnen. Nur wird das nicht passieren, nicht im Jahr von Chris Wares „Building Stories“. Aber ich bin ja auch in einer der Kinderbuchkategorien nominiert, ich glaube, da habe ich eine Siegchance. Vielleicht.</p>
<p><strong>Erinnern Sie sich an den Moment, als Sie von der Nominierung erfahren haben?</strong></p>
<p>Nicht genau. Als es bekannt wurde, haben mir alle gratuliert und waren supernett und aufgekratzt. Das war wohl ein karrieredefinierender Moment.</p>
<p><strong>Freuen Sie selbst sich denn auch ein wenig?</strong></p>
<p>Oh, klar, die Nominierung ist cool, ich bin glücklich. Es ist nur … ich messe solchen Auszeichnungen keine allzu hohe Bedeutung bei. Wenn Preisrichter über etwas entscheiden, geht es am Ende doch immer um persönlichen Geschmack. Ich habe bei den British Comic Awards letztes Jahr einen Preis gewonnen, da haben Kinder über den Sieger abgestimmt. So etwas erfüllt mich mit mehr Stolz.</p>
<p><strong>Sie wurden ausgezeichnet für „Hilda und der Mitternachtsriese“, den zweiten Teil Ihrer Reihe über ein Mädchen, das Abenteuer mit Trollen, Minielfen und vielen anderen Wesen erlebt. War Hilda eigentlich von Anfang für Kinder gedacht?</strong></p>
<p>Ja, schon. Es sollte ein Kindercomic werden, das auch Erwachsenen gefällt und sie gern anderen Erwachsenen empfehlen. Wenn ich mir eine Zielgruppe aussuchen müsste, wären es Kinder.</p>
<p><strong><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/BI_130219_Hilda_Mitternachtsriese_5-11_Seite_5.jpg"><img class="size-full wp-image-1510 alignright" alt="BI_130219_Hilda_Mitternachtsriese_5-11_Seite_5" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/BI_130219_Hilda_Mitternachtsriese_5-11_Seite_5.jpg" width="310" height="432" /></a>Was hat Sie beim Entwerfen der Hilda-Welt beeinflusst?</strong></p>
<p>Ich hatte Hilda zunächst in meine Skizzenbücher gezeichnet, ohne zu wissen, was ich mit ihr anfangen würde. Dann habe ich mit meinen Eltern eine Kreuzfahrt durch die norwegischen Fjorde gemacht – ich hatte vorher Geschichten über Trolle gelesen und die neblige, felsübersähte Wildnis mit ihren Berghängen hat meine Fantasie beflügelt. Wichtig waren auch ein Uniprojekt über die Sagenwelt Islands und die Mumins-Bücher der finnischen Comicautorin Tove Jansson, die mich als Kind sehr beeindruckt haben.</p>
<p><strong>Ich musste sehr an die Filme des japanischen Animeregisseurs Hayao Miyazaki denken: die mutige Heldin, ein gewisser Animismus, die vielen seltsamen Wesen, die nur eine Spur neben der Realität liegen.</strong></p>
<p>Ja, seine Filme haben mich generell geprägt. Ich liebe sie, vor allem „Chihiros Reise ins Zauberland“ und „Prinzessin Mononoke“. Es gibt viele Fantasyelemente, aber sie sind so weit weg von westlichen Ideen von Fantasy und viel mehr in der Natur verwurzelt. Das macht es vollkommen surreal, es ist so viel Zeug, bei dem du denkst: Das habe ich noch nie zuvor gesehen! Du kriegst nicht zusammen, wo es herkommt, aber es ergibt in seiner völlig verdrehten Logik doch einen Sinn. Außerdem gibt es kein Gut und Böse, es sind nur verschiedene Mächte am Werk.</p>
<p><strong>Ihre fragmentarisch erzählte Graphic Novel „Everything We Miss“ weicht erzählerisch und gestalterisch sehr von den Hilda-Comics ab. Sind Sie noch auf der Suche nach Ihrem Stil?</strong></p>
<p>Ich passe definitiv meine Zeichnungen an das an, was ich schreibe, und mag es, zu experimentieren. Andererseits fühle ich mich manchmal mies deswegen – als hätten alle schon eine starke visuelle Stimme gefunden und nur ich springe ständig hin und her und entwickele mich nicht so schnell weiter, wie ich könnte.</p>
<p><strong>Eine Gemeinsamkeit hingegen ist eine zarte Magie. Ihre Welten sind belebt, es passieren übernatürliche Dinge, auch im düsteren „Everything We Miss“: Ein Baum tanzt, Weltraumriesen spielen Zielwerfen mit Asteroiden. Ist das ein bisschen die Art, wie Sie die Welt sehen?</strong></p>
<p>Nein. Das wäre ja auch ziemlich naiv, oder? Es bildet eher meine Erinnerung daran ab, wie es als Kind war. Als ich mir noch besser vorstellen konnte, dass da noch andere Dinge auf der Welt sind, etwa wenn wir im Urlaub auf dem Land waren und ich große Riesen gesehen habe, die am Horizont entlanggelaufen sind. Ich glaube, diese Lust am Spekulieren, die Lust daran, Dinge im Kopf weiterzutreiben, bis zu dem Punkt, an dem man sich beinahe selbst überzeugt hat, sie zu glauben, hat viel damit zu tun, warum ich gern Comics mache.</p>
<p><strong>Was waren Sie für ein Kind? Eher ein einsames?</strong></p>
<p>Ich habe eine Schwester, also war ich nicht komplett allein. Aber ich war schon eher in mich gekehrt, ein schüchterner Junge – das bin ich noch heute.</p>
<p><strong>Schweifen Sie leicht mit Ihren Gedanken ab?</strong></p>
<p>Früher kamen die Dinge wie von alleine zu mir, manchmal musste ich nur die Augen schließen und hatte sehr klare, lebhafte Tagträume. Heute kann ich das längst nicht mehr so gut, das macht mich etwas traurig.</p>
<p><strong><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/cover-web-560x794.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1509" alt="cover-web-560x794" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/cover-web-560x794.jpg" width="310" height="443" /></a>Liegt das an der Professionalisierung als Comickünstler oder am Erwachsenwerden generell?</strong></p>
<p>An beidem, denke ich. Als Erwachsener gibt es so viel Bullshit, über den man nachdenken muss, dass man nicht mehr das Privileg hat, einfach wegzuschalten. Und klar, ich zeichne seit drei Jahren professionell, und irgendwann realisierst du, dass du dich darauf verlassen können musst. Das erhöht den Druck.</p>
<p><strong>Wie ist Ihr Arbeitsmodus, wenn Sie so auf kreative Schübe angewiesen sind?</strong></p>
<p>Ich habe eine furchtbar miese Disziplin. Dabei hänge ich ein wenig in der Luft: Einerseits sage ich mir, dass eine Nine-to-Five-Routine nur ein vorgestanztes System ist, das ich nicht brauche. Ich bin ein freier Mann, ich kann machen, was ich will! Aber dann sitze ich um fünf Uhr nachmittags da und sehe, wie alle nach Hause kommen und sich einen schönen Abend machen – und ich habe einfach noch gar nichts getan und zeichne bis spät in die Nacht. Oder ich arbeite zwei, drei Tage fast ohne Schlaf und bin danach total ausgebrannt.</p>
<p><strong>So etwas hängt ja auch vom Freundeskreis ab. Wenn alle so einen Rhythmus haben wie man selbst, kann man auch um Mitternacht noch Leute auf ein After-Work-Bier treffen. Wo leben Sie eigentlich?</strong></p>
<p>In Nottingham. Es ist ziemlich klein, gerade mal eine Stadt.</p>
<p><strong>Kommen Sie von dort oder wie landet man sonst in Nottingham?</strong></p>
<p>Gute Frage. Ich bin in der Nähe von Birmingham aufgewachsen, und als ich vor zwei Jahren mit meiner Freundin zusammengezogen bin, endeten wir, warum auch immer, in Nottingham. Also es ist in der Nähe meiner früheren Uni … aber vor allem ist es billig, und das ist alles, was ich brauche.</p>
<p><strong>Hilda zieht nach zwei Bänden vom Land in die Stadt. Was denken Sie: Wo werden Sie leben, wenn Sie 40 sind?</strong></p>
<p>Ich denke, in einer Stadt. Ich fahre kein Auto und ich möchte dann lieber irgendwo sein, wo ich alles zu Fuß erreichen kann – oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Das ist ein ziemlich langweiliger Grund.</p>
<p><strong>Ach, Unsinn. Aber haben Sie denn keinen Führerschein?</strong></p>
<p>Doch, schon. Ich habe ihn zum 16. Geburtstag geschenkt bekommen, bin aber seitdem nie wieder gefahren. Für mich ist Autofahren eine stressige und beängstigende Erfahrung. Außerdem lebe ich lieber in der Stadt, weil ich dazu neige, soziale Verpflichtungen zu vermeiden. Es ist sehr schwer, mich zu irgendwas zu bewegen. In Städten gibt es zumindest das Potenzial, dass ich das Haus verlasse. Würde ich mit meiner Einstellung auch noch auf dem Land leben, wäre das mein Todesurteil.</p>
<p><em><strong><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/luke-pearson-540x304-1.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-1508" alt="luke-pearson-540x304 (1)" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/luke-pearson-540x304-1.jpg" width="131" height="131" /></a>Luke Pearson</strong>, 25, hat Illustration an der Loughborough University studiert und arbeitet als Comiczeichner und Illustrator in Nottingham. Neben Kurzgeschichten hat <a href="http://lukepearson.com/" target="_blank">Pearson</a>beim britischen Verlag Nobrow „Everything We Miss“ und bisher drei Teile der Hilda-Reihe veröffentlicht. „Hilda und der Mitternachtsriese“ ist auf Deutsch bei Reprodukt erschienen, weitere Übersetzungen sind geplant.</em></p>
<p><em><strong>Eisner Awards:</strong> Die Eisner Awards, benannt nach dem Graphic-Novel-Pionier Will Eisner und der wichtigste US-Comicpreis neben den Harvey Awards, existieren seit 1988. Am 19. Juli werden sie im Rahmen der Fachmesse Comic-Con in San Diego in 29 Kategorien verliehen. Die Konkurrenten Luke Pearsons als „Best Writer/Artist“ lesen sich für Comicfans namhaft: Chris Ware, C. Taylor, Charles Burns sowie Gilbert und Jaime Hernandez. Bisher gewonnen haben etwa Alan Moore („Watchmen“) und Frank Miller („300“).</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2013/07/16/als-kind-sah-ich-noch-riesen/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Trockener Humor auf großer Fahrt</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2013/06/25/trockener-humor-auf-groser-fahrt/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2013/06/25/trockener-humor-auf-groser-fahrt/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 25 Jun 2013 17:17:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Comic]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>
		<category><![CDATA[Fabien Vehlmann]]></category>
		<category><![CDATA[Henker]]></category>
		<category><![CDATA[Jason]]></category>
		<category><![CDATA[Piraten]]></category>
		<category><![CDATA[Reprodukt]]></category>
		<category><![CDATA[Schwarzer Humor]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1465</guid>
		<description><![CDATA[Piraten oder Henker? Fabien Vehlmann und Jason erzählen in ihrer Graphic Novel von einer sehr ungewöhnlichen Bildungseinrichtung. (aus der taz vom 25. Juni 2013) Einer der ältesten Kämpfe im Internet ist die Frage: Piraten oder Ninjas? Wer würde gewinnen, wenn]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Piraten oder Henker? Fabien Vehlmann und Jason erzählen in ihrer Graphic Novel von einer sehr ungewöhnlichen Bildungseinrichtung. <span id="more-1465"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Comic-Die-Insel-der-100000-Toten/!118681/" target="_blank">taz</a> vom 25. Juni 2013)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/inselder100000toten.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1467" alt="inselder100000toten" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/inselder100000toten.jpg" width="620" height="276" /></a>Einer der ältesten Kämpfe im Internet ist die Frage: Piraten oder Ninjas? Wer würde gewinnen, wenn beide im direkten Duell aufeinanderträfen? Piraten haben Schiffe und Schusswaffen, sagen die einen. Ninjas sind so gut wie unsichtbar und können lautlos töten, sagen die anderen.</p>
<p>Geklärt ist nun immerhin die Frage „Piraten oder Henker?“ Der eindeutige Gewinner bisher: die Henker (die mit ihren Masken Ninjas verblüffend ähnlich sehen, aber das nur nebenbei). Auf „Die Insel der 100.000 Toten“ haben sie sich ein Ausbildungszentrum gebaut, so steht es in der ersten Comic-Kollaboration des französischen Szenaristen – eine Art Drehbuchautor für Comics – Fabien Vehlmann und des norwegischen Zeichners Jason.</p>
<p>Und weil kleine Henkerschüler viele Todeskandidaten zum Üben brauchen, wird mittels fingierter Flaschenpostschatzkarten ständig Nachschub beschafft: Piraten aus der ganzen Karibik lassen sich auf die Insel locken, sie werden gefangen genommen, gefoltert und schließlich umgebracht.</p>
<p>Jason, Stammautor des Berliner Verlags Reprodukt, liebt Gedankenspiele, die in pythonesker Witzmechanik eine Verschiebung der Realität erproben: In „Hemingway“ zeigt er berühmte Schriftsteller der 20er Jahre in Paris – als Comiczeichner. „Ich habe Adolf Hitler getötet“ erzählt von einer Gesellschaft, in der <a title="Zeitreisen und legale Auftragsmorde" href="http://michaelbrake.de/2012/03/23/ich_habe_adolf_hitler_getoetet/" shape="rect">Auftragsmorde legal und alltäglich sind</a>. Die Absurdität der Geschichten wird dadurch verstärkt, dass alle Figuren Tierköpfe haben, die aber keinerlei Symbol für irgendwas sind – so auch in „Die Insel der 100.000 Toten“.</p>
<h6>Die Würde des Tötens</h6>
<p>Natürlich bietet so eine Henkerschule immer wieder Anlässe für äußerst trockenen Humor. Da bringen die Lehrer ihren Schülern bei, wie zu vermeiden sei, dass die Toten nach der Hinrichtung einen unangemessenen Gesichtsausdruck tragen. Der Schulleiter zeigt dem Kollegium ein Ergebnis „aus der Entwicklungsabteilung“, eine Kanone, die gleich mehrere Menschen in die Luft schießt, und sinniert: „Ich weiß nicht so recht, wenn man tötet wie am Fließband, welche Würde hat unsere Profession dann noch?“</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/insel100000totecover.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1468" alt="insel100000totecover" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/insel100000totecover.jpg" width="310" height="415" /></a>Und wie an jeder Schule gibt es auch hier einen Außenseiter, einen Träumer, der ganz andere Sachen im Kopf hat als die Unterrichtsinhalte, der nach einem Unfall beim Kopfabhacken zum Schularzt muss und beim „Scheiterhaufen stapeln“ eine Miniblockhütte baut. „Ich dachte, so sieht es netter aus“, sagt er dem entsetzten Lehrer.</p>
<p>Der Junge wird noch wichtig werden, wenn die Geschichte, die Fabien Vehlmann rund um das skurrile Szenario gesponnen hat, ins Rollen kommt: Die Teenagerin Gweny, die allein mit ihrer geisteskranken Mutter in einem Küstenort lebt, kommt dahinter, dass ihr seit Jahren verschollener Vater auf der Insel der 100.000 Toten gelandet ist. Sie schafft es, eine Gruppe Piraten zu überreden, mit ihr dorthin zu segeln. Natürlich werden sie alle gefangen genommen, und in der Folge kommt es zu zahlreichen Wendungen und Wirrungen, wobei auch die Frage „Piraten oder Henker?“ noch einmal neu verhandelt wird.</p>
<p>Das ist gegen Ende beinahe actionreich, aber bleibt auch dann unspektakulär in seiner herausgestellten Dauerlakonie. Das liegt nicht zuletzt an den sehr klaren, sachlichen Zeichnungen Jasons, seinem statischen Seitenaufbau und den ausdrucksleeren Gesichtern seiner Figuren, die immerhin den dezenten und recht sparsam eingesetzten Humor gut unterstreichen. So ist „Die Insel der 100.000 Toten“ zwar ein solider unterhaltsamer Comic, aber auch nicht gerade irre inspirierend oder gar neue Perspektiven eröffnend.</p>
<p><strong>Fabien Vehlmann, Jason: „Die Insel der 100.000 Toten“. Deutsch von Mireille Onon. Reprodukt Verlag, Berlin 2013, 56 Seiten, 15 Euro</strong></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2013/06/25/trockener-humor-auf-groser-fahrt/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Reality Bites</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2013/06/21/reality-bites/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2013/06/21/reality-bites/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 21 Jun 2013 19:45:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Games]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>
		<category><![CDATA[Nullen und Einsen]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>
		<category><![CDATA[Neal Stephenson]]></category>
		<category><![CDATA[Realität]]></category>
		<category><![CDATA[Steuererklärung]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1567</guid>
		<description><![CDATA[KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Computerspiele sollen immer wirklichkeitsgetreuer werden. Nach 32 Jahren als Testspieler der Realitäts-Betaversion bin ich schwer enttäuscht. (aus der taz vom 21. Juni) In Neal Stephensons Roman „Error” wird ein autistisch veranlagter Geologe beschrieben. Er ist so verbittert über]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Computerspiele sollen immer wirklichkeitsgetreuer werden. Nach 32 Jahren als Testspieler der Realitäts-Betaversion bin ich schwer enttäuscht. <span id="more-1567"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Kolumne-Nullen-und-Einsen/!118459/" target="_blank">taz</a> vom 21. Juni)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/realityworstgame.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1575" alt="realityworstgame" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/realityworstgame.jpg" width="620" height="496" /></a></p>
<p>In <a href="http://www.taz.de/Neal-Stephensons-Buch-Error/!103662/" target="_blank" shape="rect">Neal Stephensons Roman „Error”</a> wird ein autistisch veranlagter Geologe beschrieben. Er ist so verbittert über das unrealistische Design von Bergen in Computerspielen, dass er eine Engine programmiert, die Milliarden Jahre der Gebirgswerdung simuliert. Vulkanausbrüche, Plattentektonik, Witterung, das ganze Programm. Seine Berge sind also nicht mehr eine Firnisschicht Pixeltextur auf weißen Polygonen, sondern bis ganz unten durchgerechnete Steinhaufen.</p>
<p>Auch in der Realität ist die Realität der heilige Gral der Gamingbranche. Alles soll immer noch natürlicher aussehen, sich immer noch echter anhören und beim Level- und Storydesign sollen es immer noch mehr Freiheitsgrade sein, sollen möglichst alle herumstehenden Gegenstände und Personen nicht nur Pixelrequisite sein, sondern Spielinhalte, mit denen sich interagieren lässt.</p>
<p>So ist die Realität längst zum Selbstzweck geworden. Dabei bin ich nach 32 Jahren als Testspieler der Realitäts-Betaversion schwer enttäuscht. Denn klar, als Open-World-Simulation ist das Spielkonzept <em>State of the Art</em>, das ruckelfreie Echtzeitrendering mit einer scheinbar unbegrenzten Farbpalette in höchster Auflösung ist beeindruckend (Vorsicht: nichts für alte Grafikkarten!), die Physik-Engine sucht ihresgleichen und der Surroundsound ist von ungewohnter Klangtiefe.</p>
<p>Aber das alles wird kaum ausgespielt, meist bleibt das Leveldesign erschreckend monoton (Sibirien, Sahara, deutsche Fußgängerzonen), und über zwei Drittel der Spielfläche bestehen ohnehin aus langweilig animiertem Wasser. Hier haben die Projektmanager eindeutig am falschen Ende gespart – wie bei so vielen anderen Dingen.</p>
<p>Eine komplette Zumutung ist etwa das Game-Controlling: Gefühlt dauert es Jahre, auch nur die grundlegenden Funktionen zu lernen. Wer hat schon so viel Zeit? Klar, mit der „Hand“ wurde ein vielseitiges Steuerungselement geschaffen, das erstaunliche Kombos hinbekommt – aber das geht auf Kosten fast aller anderen Spielfunktionen. Oder kennen Sie irgendein Spiel, wo man selbst mit Übung kaum höher springen kann als die eigene Körpergröße?</p>
<p>Auch mögen sieben Milliarden Non-Player-Charaktere beeindruckend klingen – doch reden sie fast alle unverständliches Zeug und sind zum größten Teil auch noch langweilig. So verkommt künstliche Intelligenz zur Dutzendware! Ähnlich unausgegoren ist die Editorfunktion: Theoretisch lässt sich zwar alles Denkbare verändern, praktisch haben selbst hochgezüchtete Charaktere nicht genug Stärkepunkte, um auch nur einen kleineren Berg zu versetzen.</p>
<p>Dazu kommen Detailfehler wie die oftmals grausame Menüführung (Steuererklärung), das stark limitierte Inventory, in dem man trotzdem nie was findet (Haustürschlüssel), oder die Unmengen an Zeit, die man für Transport und Regeneration des Charakters aufwenden muss.</p>
<p>Komplett indiskutabel ist schließlich der Verzicht auf eine Speicherfunktion. Hat man sich in eine Sackgasse gespielt, bleibt nur der Reset-Knopf – was besonders ärgerlich ist, wenn man nach rund 25 Jahren erstmals substanzielle Fortschritte gemacht hat. Die Risikofreude geht so deutlich zurück.</p>
<p>Immerhin haben die Programmierer unzählige Quests und Missionen eingebaut, von denen viele auch im Multiplayermodus spielbar sind. Das komplett instransparente Erfahrungspunktesystem macht ein gezieltes Hochleveln des eigenen Charakters aber unmöglich. Und das Spielkonzept ist so undurchsichtig, dass man sich irgendwann fragt, welchen Sinn das alles hat.</p>
<p><strong>Fazit:</strong> die Realität – eine Sackgasse!</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2013/06/21/reality-bites/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>„Man sollte kraftvoll zubeißen“</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2013/06/19/man-sollte-kraftvoll-zubeissen/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2013/06/19/man-sollte-kraftvoll-zubeissen/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 19 Jun 2013 00:23:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>
		<category><![CDATA[Angela Merkel]]></category>
		<category><![CDATA[Barack Obama]]></category>
		<category><![CDATA[Bratwurst]]></category>
		<category><![CDATA[Gerhard Schröder]]></category>
		<category><![CDATA[Politiker]]></category>
		<category><![CDATA[Sahra Wagenknecht]]></category>
		<category><![CDATA[Uli Hoeneß]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1688</guid>
		<description><![CDATA[Mit Würde eine Wurst essen – kaum etwas ist schwieriger. Warum es Politiker trotzdem nicht lassen können, erläutert der Experte Constantin Alexander. (aus der taz vom 19. Juni 2013) taz: Herr Alexander, Sie sammeln Bilder von Politikern, die Bratwürste essen. Wie]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Mit Würde eine Wurst essen – kaum etwas ist schwieriger. Warum es Politiker trotzdem nicht lassen können, erläutert der Experte Constantin Alexander.<span id="more-1688"></span> (aus der <a href="http://taz.de/Politologe-ueber-Bratwurstessen/!118333/" target="_blank">taz</a> vom 19. Juni 2013)</h3>
<p><strong>taz: Herr Alexander, Sie sammeln Bilder von Politikern, die Bratwürste essen. Wie kam es denn bitte dazu?</strong></p>
<p><strong>Constantin Alexander: </strong>Bei meiner Arbeit als Journalist ist mir aufgefallen, dass <a href="http://www.taz.de/index.php?id=bildergalerie&amp;tx_gooffotoboek_pi1[srcdir]=Bratwurst-Politik" target="_blank" shape="rect">es bestimmte Politikerfotos immer wieder gibt.</a>Das ist gerade bei durchchoreografierten Terminen so, etwa bei Volksfesten oder Wahlkampfveranstaltungen: Der Politiker, der eine Maß Bier in der Hand hält, der Politiker, der irgendwas in die Kamera hält, der ein Lamm streichelt, ein Stück Käse isst. Ich habe mich gefragt, welche Pose man am häufigsten findet, und deswegen Archive von Nachrichten- und Fotoagenturen durchsucht. Dabei sind mir zwei Sachen aufgefallen. Erstens: Es gibt von nahezu jedem deutschen Volksparteipolitiker ein Bild, wie er in eine Bratwurst beißt. Und zweitens: Bratwürste sind unmöglich würdevoll zu essen.</p>
<p><strong>Warum?</strong></p>
<p>Die Dinger sind heiß, sie sind fettig, man sieht nicht elegant dabei aus. Und dann kann so eine Bratwurst ja auch noch als phallisches Symbol interpretiert werden. Wenn du zu sehr reinbeißt, gibt es Männer, die sich bedroht fühlen. Aber wenn du es zu zärtlich machst, ist das auch schon wieder zu sexuell aufgeladen. Es ist also sehr, sehr schwierig, es professionell zu machen.</p>
<p><strong>Und warum machen sich dann alle deutschen Politiker mit Bratwürsten zum Kasper?</strong></p>
<p>Wenn du auf einer öffentlichen Veranstaltung bist und irgendetwas ablehnst – oder dein Assistent lässt es nicht zu dir durch –, dann kriegen die Leute vor Ort das mit. Hängen bleibt: Da kommt ein wichtiger Politiker und will uns repräsentieren, lehnt aber das Essen, das wir selber essen, ab. Man kann vielleicht noch argumentieren, die Wurst könnte vergiftet sein oder so was – aber zieh das mal durch. Und außerdem will der Politiker ja Volksnähe demonstrieren.</p>
<p><strong>Wie viel Symbol steckt denn in der Wurst?</strong></p>
<p>Enorm viel, denn Lebensmittel in der Kultur- und Kunstdarstellung stehen nie für sich. Früher haben Könige, reiche Bürger und Kirchenobere sich sehr gern so darstellen lassen, dass ihr Reichtum deutlich wurde, etwa mit einem Fasan. Heute aber, wo wir in Deutschland Demokratie haben, ist es sehr schwierig geworden, sich mit gewissen Luxusgegenständen ablichten zu lassen. Es gibt ja die Geschichte, wie Sahra Wagenknecht in Straßburg Hummer gegessen hat, und davon gab es ein Foto, und dann hat sie sofort dafür gesorgt, dass dieses Foto einfach nicht erscheint.</p>
<p><strong>Hat das funktioniert?</strong></p>
<p>Ja, das Foto wurde gelöscht. Für jemanden von der Linken in Deutschland ist Hummer, genau wie Kaviar oder Champagner, sehr luxuriös konnotiert. Heute müssen Politiker aber über Essen Volkstümlichkeit simulieren. Ein Barack Obama hat deshalb im US-Wahlkampf in nahezu jede Art von Fastfood mindestens einmal gebissen: Hot Dogs, Pizza, Burger, Barbecue. Von Mitt Romney hingegen gibt es keine Bilder, wie er in einen Taco beißt, denn der symbolisiert für die Republikanerwähler die Einwanderer aus Mexiko, die „Illegalen“. Das ist eine politische Bedeutung, da geht es gar nicht darum, ob etwas lecker ist oder nicht.</p>
<p><strong>Und die deutschen Politiker müssen in die Bratwurst beißen. Gibt es denn keine Alternative für sie?</strong></p>
<p>Es gibt natürlich regionale Spezialitäten. Fischbrötchen im Norden, Leberkäse und Weißwurst in Bayern, dann die Nürnberger, die Frankfurter, in Berlin und im Ruhrgebiet die Currywurst. Aber die Bratwurst gibt es überall, in jedem größeren Bahnhof findest du eine Bude. Und dann ist da natürlich noch der Döner …</p>
<p><strong>Ist das nicht so etwas wie der Taco der Deutschen?</strong></p>
<p>Exakt. Von Claudia Roth, Renate Künast und vielen Grünenpolitikern gibt es halt dieses klassische Symbolbild: multikulturell, offen, tolerant, „neues Deutschland“. Ob sie es wirklich dann auch essen, weiß ich nicht, denn oft stehen sie nur am Dönerspieß. Denn ein Döner ist genauso unmöglich zu essen: Der fällt auseinander, ist eine Maulsperre und überhaupt.</p>
<p><strong>An der Wurst führt also kein Weg vorbei. Was aber ist denn nun die beste Art, eine Bratwurst zu essen?</strong></p>
<p>Souverän. Es gibt schlicht keine würdevolle Art. Man sollte vermeiden, zu gierig zu wirken. Ganz schlimm ist es, die Augen zuzumachen beim Kauen. Man sollte kraftvoll zubeißen, aber nicht zu doll – denn sobald man das im Mund hat und ihn wieder aufmachen müsste, um Kälte reinzulassen, ist es zu spät. Man sollte ohnehin immer etwas warten, bis die Wurst abgedampft hat.</p>
<p><strong>Ein Problem ist, dass die Bratwurst zu heiß ist?</strong></p>
<p>Ja. Aber es wird eben auch erwartet, dass man sofort reinbeißt.</p>
<p><strong>Dann ist da die bereits angesprochene Sache mit den Zähnen …</strong></p>
<p>… zeigt man sie, wirkt es wie aggressives Zubeißen. Zeigt man sie nicht, wie laszives Lutschen.</p>
<p><strong>Uli Hoeneß zeigt auf einem Foto nur seinen Unterkiefer und macht dabei einen sehr guten Eindruck. Eine Empfehlung?</strong></p>
<p>Das hängt natürlich auch davon ab, was für ein Gesicht man hat. Hoeneß macht das auf dem Bild sehr gut, aber er ist ja auch ein Profi. Außerdem hat er eine Nürnberger gegessen, das ist einfacher.</p>
<p><strong>Warum?</strong></p>
<p>Die ist ein bisschen kleiner, das macht sie mundlicher. Und man kann sie besser durch Ausatmen ankühlen. Das gilt auch für die Currywurst: Die Stücke sind nicht so heiß, weil sie kleiner sind und mehr Außenfläche haben.</p>
<p><strong>Das Wichtigste ist also das Wurstformat?</strong></p>
<p>Das Wichtigste ist die Körperhaltung. Also nicht zu sehr nach vorne gebeugt, nicht zu sehr den Kiefer zeigen, sondern die Wurst zum Mund führen.</p>
<p><strong>Die Wurst muss zum Mund, nicht der Mund zur Wurst?</strong></p>
<p>Genau.</p>
<p><strong>Und wer ist der Meister des Bratwurstessens?</strong></p>
<p>Gerhard Schröder. Es wirkt am natürlichsten bei ihm, und man hat das Gefühl: Der hat Bock drauf, der kennt sich damit aus, und der hat das auch schon vorher gemacht, bevor er ein gewichtiger Politiker geworden ist. Noch heute gibt es ja in allen öffentlichen Hannoveraner Kantinen auch immer noch die Kanzlerplatte, das ist Currywurst/Pommes. Gleichzeitig kursierte in der Berliner dpa-Redaktion das Gerücht, dass Schröder 1998 im Bundestagswahlkampf einen Bratwurst-Coach hatte.</p>
<p><strong>Hat die Bratwurst die Wahlen 1998 und 2002 mitentschieden?</strong></p>
<p>Ich würde sagen: Die Fähigkeit eine Bratwurst zu essen, zeigt, wirklich zu verstehen, wie die Mehrheit des deutschen Volkes tickt. Das ist so, wie in manchem Wirtschaftskreisen zu wissen, wie man eine Zigarre raucht: Und seit der der Finanzkrise gibt es immer weniger Bilder von Politikern, die Zigarre rauchen.</p>
<div id="" role="region">
<div>
<p><em><strong>Constantin Alexander</strong>, 30, ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist. Bratwurstforschung betreibt er auf <a href="http://peoplebitingintobratwurst.tumblr.com/" target="_blank">peoplebitingintobratwurst.tumblr.com</a>. Außerdem ist er Teil des Elektro-Lyrik-Projekts „Beatpoeten“ – und seit 14 Jahren Vegetarier.</em></p>
</div>
</div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2013/06/19/man-sollte-kraftvoll-zubeissen/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Wie ein hektischer Traum</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2013/05/28/wie-ein-hektischer-traum/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2013/05/28/wie-ein-hektischer-traum/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 28 May 2013 17:28:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Comic]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>
		<category><![CDATA[Frédéric Rébéna]]></category>
		<category><![CDATA[Hardboiled]]></category>
		<category><![CDATA[Jérome Charyn]]></category>
		<category><![CDATA[Krimi]]></category>
		<category><![CDATA[New York]]></category>
		<category><![CDATA[Pulp]]></category>
		<category><![CDATA[Schreiber & Leser]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1472</guid>
		<description><![CDATA[Jérome Charyns „Marilyn the Wild“ ist ein rasantes Stück Pulp noir. Zeichner Frédéric Rébéna beschleunigt die Geschichte mit expressionistischem Stil. (aus der taz vom 28. Mai 2013) Deputy Chief Isaac Sidel. Isaac, der Reine. Isaac, der Gerechte. Der härteste Cop]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Jérome Charyns „Marilyn the Wild“ ist ein rasantes Stück Pulp noir. Zeichner Frédéric Rébéna beschleunigt die Geschichte mit expressionistischem Stil.<span id="more-1472"></span> <!--more-->(aus der <a href="http://taz.de/Graphic-Novel-Marilyn-the-Wild/!116941/" target="_blank">taz</a> vom 28. Mai 2013)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/marilynthewild_schreiberundleser.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1480" alt="marilynthewild_schreiberundleser" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/marilynthewild_schreiberundleser.jpg" width="620" height="310" /></a></p>
<p>Deputy Chief Isaac Sidel. Isaac, der Reine. Isaac, der Gerechte. Der härteste Cop New Yorks, ein Einzelgänger und grauenvoll eifersüchtiger Vater, gnadenlos zu seinen mittel- bis inkompetenten Untergebenen, noch gnadenloser zu den Verbrechern. Der Herrscher der Lower East Side. Doch zugleich ist Sidel mit seinen 44 Jahren am Rande einer Midlife-Crisis, ein Kontrollfreak, dem die Kontrolle zu entgleiten droht: über sein Revier und seine Tochter Marilyn.</p>
<p>Diese Marilyn, ein Vamp mit dunklen Haaren und wahnsinnigen Kurven, vögelt heimlich mit Manfred „Blue Eyes“ Coen, der rechten Hand Sidels. Sie verachtet Manfred für dessen Loyalität: „Hättest du den Mut, dein blödes Polizeiabzeichen wegzuschmeißen und Isaac ins Gesicht zu spucken, dann würde ich mich vielleicht in dich verlieben“, sagt sie.</p>
<p>Harte Cops, unergründliche Frauen, schwarze Zuhälter mit geckenhaften Hüten, dominospielende Italogangster, sensationslüsterne Reporter, Straßengestalten, Gewalt und Sex – es ist purer Pulp noir, der hier in Comicform vorliegt. Die Vorlage zu „Marilyn the Wild“ sind die in den 1970ern verfassten Romane des vielfach preisgekrönten New Yorker Autoren Jérome Charyn, der Isaac Sidel gleich durch zehn Romane gejagt hat und nun als Szenarist tätig war.</p>
<p>Die Zeichnungen dazu schuf der Franzose Frédéric Rébéna. Er arbeitet mit vielen Halbnahen und Großaufnahmen, geht ganz nah ran an die karikaturenhaften Gesichter und setzt so die Kaputtheit der Charaktere noch deutlicher in Szene. Fast alle haben tiefe Augenringe, als Statisten irren Zombies und lebende Leichen durch die prädigitale Variante New Yorks, die so ausschließlich und für genau jene Art von Kriminalgeschichten existie</p>
<h6>Sturheit und Kurzschlüsse</h6>
<p>In dieser Story wird die Lower East Side derweil von einer Jugendbande terrorisiert. Drei Unbekannte mit Lollipops und Skimasken verprügeln Geschäftsleute aus purem Sadismus, ohne Geld zu stehlen, auch Sidels Mutter und seine Lieblingshure werden Opfer der Angriffe. Zufall? „Zufall, Scheiße was. Das war eine Botschaft an mich und ich verstehe sie nicht“, sagt Isaac Sidel. „Ich gehe selbst und suche nach den kleinen Biestern.“</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/cover-marilyn-the-wild-900.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1479" alt="cover-marilyn-the-wild-900" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/cover-marilyn-the-wild-900.jpg" width="310" height="438" /></a>Ein Opfer sagt: „Weiß wie Schnee waren sie. Die Hände. Eins war ein Mädchen. Die Umrisse von Titten erkenne ich sicher.“ – „Sie prügeln und zerstören“, sagt ein Mafiosi. „Und nach dem Auftritt verziehen sie sich in ihr Judenviertel und futtern koschere Mortadella.“</p>
<p>Die Ereignisse überschlagen sich. Fast alle Beteiligten neigen gleichermaßen zu Sturheit, zu Alleingängen und zu Kurzschlusshandlungen.</p>
<p>Rébénas expressionistischer Stil mit seinen Farben und Fratzen, den Schraffuren, Schatten und Kontrasten unterstützt die Surrealität vieler Szenen. Etwa wenn Sidel in Paris seinen steinreichen Vater trifft, der halbnackt Stillleben malt, oder wenn Blue Eyes Coen an der Tischtennisplatte eines Kellerclubs ermittelt oder wenn wir bei einer Beerdigung drei Priestern mit langen Bärten begegnen, die Gebete murmeln.</p>
<p>Oft ist die Geschichte so schwer zu greifen wie ein hektischer Traum. Immer geht es um die archaische Frage nach der Kontrolle – die Frage, wer in einer zwischenmenschlichen Beziehung das Opfer ist und wer das Raubtier.</p>
<p><strong>Jérome Charyn, Frédéric Rébéna: „Marilyn the Wild“. Übersetzung: Resel Rebiersch. Verlag Schreiber &amp; Leser, Hamburg 2013. 80 Seiten, 18,80 Euro</strong></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2013/05/28/wie-ein-hektischer-traum/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Von Mondfahrzeugen und ASCII-Kühen</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2013/05/24/von-mondfahrzeugen-und-ascii-kuehen/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2013/05/24/von-mondfahrzeugen-und-ascii-kuehen/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 24 May 2013 19:30:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>
		<category><![CDATA[Nullen und Einsen]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>
		<category><![CDATA[Arial]]></category>
		<category><![CDATA[ASCII Cows]]></category>
		<category><![CDATA[Buchdruck]]></category>
		<category><![CDATA[Diedrich Diederichsen]]></category>
		<category><![CDATA[Digits]]></category>
		<category><![CDATA[Konferenz]]></category>
		<category><![CDATA[Konrad Zuse]]></category>
		<category><![CDATA[Mond]]></category>
		<category><![CDATA[re:publica]]></category>
		<category><![CDATA[TV-Serien]]></category>
		<category><![CDATA[Wikipedia]]></category>
		<category><![CDATA[Zucker]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1743</guid>
		<description><![CDATA[KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Wikipedia, der Tinten-Verbauch von Arial und Quanten-Computing: 14 Dinge, die ich bei der Re:publica gelernt habe. (aus der taz vom 24. Mai 2013) Anmerkung: Diese Kolumne ist nur in der Print-taz erschienen und eine sehr, sehr knappe]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Wikipedia, der Tinten-Verbauch von Arial und Quanten-Computing: 14 Dinge, die ich bei der Re:publica gelernt habe.<span id="more-1743"></span> (aus der taz vom 24. Mai 2013)</h3>
<p><em>Anmerkung: <em>Diese Kolumne ist nur in der Print-taz erschienen und eine sehr, sehr knappe Zusammenfassung meiner Tagesberichte von der re:publica 2013: <em><a href="http://michaelbrake.de/2013/05/07/sternenmensch-und-schweinehaelften/" target="_blank">Tag 1</a></em>, <em><a href="http://michaelbrake.de/2013/05/08/von-schweissen-bis-antarktis/" target="_blank">Tag 2</a></em>, <em><a href="http://michaelbrake.de/2013/05/09/die-katzen-der-ascii-aera/" target="_blank">Tag 3</a></em>.</em></em></p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/republica-2013-Kopie.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1745" alt="republica-2013 Kopie" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/republica-2013-Kopie.jpg" width="620" height="465" /></a></p>
<p>Anfang Mai war wieder re:publica. Über 300 Referenten kamen zur Internetkonferenz nach Berlin, es gab zehn parallel bespielte Räume, unzählige Panels, Workshops, Get-Togethers &#8211; der Versuch einer allgemeingültigen Zusammenfassung wäre so sinnvoll, wie einen Wackelpudding an die Wand zu nageln. Oder sich ein einziges Logo für das ganze Internet ausdenken zu wollen. Denn es gibt 5.000 re:publicas, für jeden Besucher eine. Aber jeder kann sich am Ende die gleiche Frage stellen: Was habe ich eigentlich gelernt?</p>
<p><b>1. Das iPhone gab es im Film schon 1995.</b> In „Johnny Mnemomic“ mit Keanu Reeves kommt ein &#8220;Thompson iPhone&#8221; vor.</p>
<p><b>2. Die Wikipedia hat 41 Chapter. </b>Das neueste: Armenien. Die einzige andere Organisation, die ich kenne, die sich in Chapter gliedert, sind Rockerbanden.</p>
<p><b>3. „Kulturpessimismus ist wie Nackte abbilden.“</b> Was das heißt, weiß ich nicht, aber Diedrich Diederichsen hat es gesagt.</p>
<p><b>4. Binge Viewing nennt man es, eine Serienstaffel in einem Rutsch zu schauen.</b></p>
<p><b>5. Wenn man einen Stern malt und den oberen Zacken weglässt und dafür einen Kringel draufsetzt, ist es ein Mensch. </b>Und wenn man ganz viele untere Zacken malt und oben ganz viele Kringel draufsetzt, hat man eine anonyme Masse. Einfach mal probieren!</p>
<p><b>6. Es ist also doch möglich, die re:publica mit WLAN zu versorgen. </b>Damit fällt endlich auch der älteste blöde Witz der Veranstaltung weg („Haha, eine Internetkonferenz ohne Internet“).</p>
<p><b>7. Digits macht wunderbaren Synthpop.</b></p>
<p><b>8. „Die Quanten sind sehr schwer zu handeln, das wird noch eine ganze Weile dauern.“</b> – Horst Zuse, Informatiker und Sohn von Konrad Zuse, über Quanten-Computing.</p>
<p><b>9. Als der Buchdruck noch ganz neu war, haben Mönche alle Exemplare einer Auflage einzeln auf Fehler durchgesehen. </b>Sie konnten das Konzept, dass diese Bücher automatisch alle gleich aussehen müssen, nicht nachvollziehen. Ob das wirklich stimmt, weiß ich nicht, aber die Geschichte ist so schön, dass sie bitte einfach wahr sein soll.</p>
<p><b>10. „Die Schriftart Century Gothic verbraucht 30 Prozent weniger Tinte als Arial.“</b> Diese wichtige Information steht in dem ansonsten ziemlich egalen Buch „500 junge Ideen, täglich die Welt zu verbessern“.</p>
<p><b>11. Zucker ist historisch gesehen keine wichtige Energiequelle.</b> Die Pflanzenzucht dafür kam erst in der Neuzeit auf.</p>
<p><b>12. Auf dem Mond dauert ein Tag 29 Tage und es gibt 250 Grad Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht. </b>Das ist wichtig, wenn man ein Gefährt bauen will, das auf dem Mond mindestens 500 Meter fährt, um den Google Lunar X-Prize von 30 Millionen Dollar zu gewinnen.</p>
<p><b>13. Die Katzen der Pre-WWW-Ära waren die ASCII Cows.</b></p>
<p><b>14. Sascha Lobo hat während der New-Economy-Zeit viel Zeit und Geld in eine Plattform gesteckt, wo man Benzin downloaden konnte. </b>Hat nicht funktioniert. Trotzdem sei es immer gut, wenn man einfach mal macht, statt zu reden, sagt Lobo. Er zum Beispiel hat sich ein einziges Logo für das ganze Internet ausgedacht. Das sieht so aus: (#)</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2013/05/24/von-mondfahrzeugen-und-ascii-kuehen/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Don&#8217;t step on the Fußboden</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2013/05/21/dont-step-on-the-fussboden/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2013/05/21/dont-step-on-the-fussboden/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 21 May 2013 10:27:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Ausgehen und Rumstehen]]></category>
		<category><![CDATA[Berlin]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>
		<category><![CDATA[Futuro-Haus]]></category>
		<category><![CDATA[Kanu]]></category>
		<category><![CDATA[Spreepark]]></category>
		<category><![CDATA[Spuk unterm Riesenrad]]></category>
		<category><![CDATA[The XX]]></category>
		<category><![CDATA[Tischtennis]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1757</guid>
		<description><![CDATA[AUSGEHEN UND RUMSTEHEN mit ostdeutschen Bootsverleihern, dem Knie eines schlafenden Riesen und der schüchternsten Stadionrockband der Welt.(aus der taz vom 21. Mai 2013) Als es dunkel wird am Freitag, machen sie schon den Lichtcheck für das The-XX-Konzert am nächsten Tag. Dicke weiße und violette]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><strong>AUSGEHEN UND RUMSTEHEN mit ostdeutschen Bootsverleihern, dem Knie eines schlafenden Riesen und der schüchternsten Stadionrockband der Welt.<span id="more-1757"></span>(aus der taz vom 21. Mai 2013)</strong></h3>
<p>Als es dunkel wird am Freitag, machen sie schon den Lichtcheck für das The-XX-Konzert am nächsten Tag. Dicke weiße und violette Strahlen steigen aus dem Spreepark in den Himmel, und vom Biergarten auf der Insel, die nicht mehr Insel der Jugend heißt, haben wir einen optimalen Blick. Der Bootsverleiher spielt mit seinem Sohn Tischtennis, mit dem Halstuch, dem Ostakzent und der naturbelassenen Art wirkt er wie aus einem DDR-Ferienlager übrig geblieben, und dann sagt er seinem Sohn auch noch, es sei jetzt schon halb zehn, und er könne jetzt leider nicht mehr „Spuk unterm Riesenrad“ gucken.</p>
<p>Vorher hatte er uns ein Kanu geliehen, und wir waren fast bis Niederschöneweide gepaddelt bis zu einem grünen Hügel am rechten Ufer, der aussieht wie das Knie eines schlafenden Riesen. Auf dem Weg mussten wir einem Kohlefrachter und den Schnüren von Anglerfossilen ausweichen, wir sahen vier Reiher neben der Wasserschutzpolizeiwache, jeder von ihnen stand in einer anderen Haltung, wir kamen am Zementwerk vorbei und am Futuro-Haus, das wie ein Ufo mit Facettenbullaugen in einer Kleingartensiedlung steht, davor eine Hollywoodschaukel. Hinten sitzt in einem Kanu, wer schwerer ist und wer es besser kann, hatte uns der Bootsverleiher erklärt. Und weil das bei uns nicht deckungsgleich war, sitze ich vorn. Ich bin ja auch gar nicht sooo viel schwerer als A.</p>
<div>Am nächsten Tag sitze ich dann hinten im Bus 265 und fahre Richtung Spreepark, zum „Night + Day“-Festival. Es ist brechend voll, denn viele haben den Regen abgewartet, mir tun die Vorbands leid, die am frühen Nachmittag gespielt haben. Wir brauchen quälend lang, der Bus wird voller und voller, und dauernd stehen Leute in den Türen beim Losfahren. „Don&#8217;t step on the Fußboden“, sagt der Busfahrer. „The last door auch zumachen.“ Alle lachen.</div>
<p>Der Bus war nur ein Trainingslager für das Festivalgelände. An allen Essens- und Getränkeständen steht man mehr als eine halbe Stunde an, die Veranstalter haben viel zu viele Karten verkauft und so den letzten Tropfen Zauber aus dem Spreepark gemolken. Vom Flair des stillgelegten Vergnügungsparks kriegt man wenig mehr mit als beim Blick über den Zaun, ein paar Pappmaschee-Dinosaurier, irgendwo ein Karussell und in der Ferne das Riesenrad, das sich langsam wie ein Stundenzeiger dreht. Weil da Besucher erst raufgeklettert und dann runtergefallen sind, muss ein Teil des Geländes gesperrt werden. Eine Menschentraube sammelt sich, keiner weiß irgendwas. „Ey, ich hab 80 Euro bezahlt, ich will die DJs sehen“, sagt eine Besucherin. „Ey, ich verdien hier heute nur 80 Euro“, sagt der Security-Mensch.</p>
<p>Sonst ist das Publikum dezent, wenig Leute mit Bärchenkapuzen, und ich bin heilfroh, nicht diese bordeauxrote H+M-Kapuzenjacke mit den weißen Bändchen zu tragen, die auch hier wieder mindestens sieben Männer anhaben. Angenehm auch, mit welcher Seelenruhe das Grillstandpersonal die Massen abfertigt. „Nicht so viel Ketchup nehmen, das macht dick“, sagt der Bratwurstmeister, die Schürze spannt über seinem Bauch. Als The XX endlich spielen, entschädigt das Konzert für alles. Die Stimme von Oliver Sim füllt den gesamten Plänterwald und bricht sich an diesen fantastischen Riesenpappeln. The XX sind die schüchternste Stadionrockband der Welt. Was für ein schöner Superlativ!</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2013/05/21/dont-step-on-the-fussboden/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Wir sind zwei perfekte Kleiderständer</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2013/05/15/wir-sind-zwei-perfekte-kleiderstander/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2013/05/15/wir-sind-zwei-perfekte-kleiderstander/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 15 May 2013 17:03:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Comic]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit Online]]></category>
		<category><![CDATA[Amnesie]]></category>
		<category><![CDATA[Carlsen]]></category>
		<category><![CDATA[Frauen]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterklischees]]></category>
		<category><![CDATA[Hubert]]></category>
		<category><![CDATA[Maarten vande Wiele]]></category>
		<category><![CDATA[Magersucht]]></category>
		<category><![CDATA[Margaux Motin]]></category>
		<category><![CDATA[Marie Calliou]]></category>
		<category><![CDATA[Modebranche]]></category>
		<category><![CDATA[Models]]></category>
		<category><![CDATA[Pénélope Bagieu]]></category>
		<category><![CDATA[Sexismus]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1454</guid>
		<description><![CDATA[Der Carlsen-Verlag veröffentlicht „Graphic Novels für Frauen“. Einige sind wirklich gut. Die Werbung ist es nicht. (veröffentlicht auf zeit.de) Klar, das Klischee sieht den Comicleser als Mann, als jungen, pickligen, blassen Mann gar, mit geringen Sozialkompetenzen, Typ &#8220;Nerd&#8221;. Klar, viele]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der Carlsen-Verlag veröffentlicht „Graphic Novels für Frauen“. Einige sind wirklich gut. Die Werbung ist es nicht. <span id="more-1454"></span>(veröffentlicht auf <a href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2013-05/Frauen-Comics-Carlsen-Verlag/komplettansicht" target="_blank">zeit.de</a>)</h3>
<p>Klar, das Klischee sieht den Comicleser als Mann, als jungen, pickligen, blassen Mann gar, mit geringen Sozialkompetenzen, Typ &#8220;Nerd&#8221;. Klar, viele klassische Comics wurden tatsächlich gezielt für Männer gemacht, mit Superhelden, Abenteuern, Gewalt, solchen Dingen. Klar, noch immer ist die Mehrzahl der Comiczeichner und auch der Protagonisten männlich.</p>
<p>Klar also, dass wohl noch mehr Männer als Frauen Comics lesen. Und auch, dass es gewissermaßen eine missionarische Pflicht der Comicverlage sein muss, auch Frauen in die wunderbaren Welten von Comic und Graphic Novel zu führen. Oder zumindest eine wirtschaftliche Notwendigkeit, „Erschließung neuer Zielgruppenpotenziale“ und so weiter.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/luftundliebe_carlsen.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1459" alt="luftundliebe_carlsen" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/luftundliebe_carlsen.jpg" width="310" height="438" /></a>Aber wie geht man das an? Im Carlsen-Verlag hat man sich entschieden: Wenn Männer auf dem Mars leben, und Frauen auf der Venus, dann muss man die Comics eben auf die Venus bringen. Das ganze ist dann eine kuratierte Reihe, nennt sich <em>Graphic Novels für Frauen – For Ladies Only</em> und nach den ersten drei Bänden im Herbst 2012 sind auch im aktuellen Frühjahrsprogramm zwei Neuerscheinungen mit diesem Label versehen.</p>
<div>
<h6><strong>Junge Magersüchtige</strong></h6>
<p>Die Antwort darauf, warum es solche Graphic Novels braucht, gibt der Pressetext: „ganz einfach: Frauen stehen gar nicht auf Superhelden und krude Zeichnungen!“ Na sowas. Deswegen bieten die Comics – zum Inhalt kommen wir gleich – eben „freche und intelligente Unterhaltung von Glamour über Humor bis hin zu sozialen Themen“ (interessiert Männer allgemein nicht so) und die Zeichnungen sind „so verspielt und stylish, dass man sich jede einzelne Seite am liebsten gerahmt an die Wand hängen möchte“ . Alle fünf Bände „passen in jede Handtasche, haben einen praktischen Gummibandverschluss UND fühlen sich gut an!“. Und als Werbemaßnahme gab es im Herbst einige „Ladies Nights“ in Thalia-Buchhandlungen, mit Lesung, Sekt, Facelifting und Goodie Bags.</p>
<p>Es ist schade, dass man beim Carlsen-Marketing Frauen offenbar vor allem als zarte Wesen sieht, denen man nicht anders begegnen kann als mit Handtaschen und Styling. Denn diese PR-Soße verdeckt, dass die Bände, die übrigens alle in Paris spielen, durchaus etwas zu bieten haben. Auch für Männer. Also für Menschen halt im Allgemeinen, wie jedes gute Comic.</p>
<p>Besonders <em>Luft und Liebe</em> von Marie Caillou und Hubert, schon im Herbst veröffentlicht, ist ergreifend. Es ist die Geschichte von zwei jungen Magersüchtigen, ein Mann und eine Frau, beides Künstlerexistenzen, beide Body-Mass-Index 16,5, die sich vor dem Haus ihres Therapeuten kennenlernen und zusammenziehen. Die unglaubliche Akribie, mit der die beiden ihr Essverhalten kontrollieren, ja sogar ihre Fressattacken, ist genauso verstörend wie ihr Stolz: „Wir sind superelegant. Zwei perfekte Kleiderständer, zwei pure Skelette, nichts Überflüssiges, weniger ist mehr.“</p>
<p>Mit ihren Freunden brechen sie, ihre verzweifelten und trotzdem sorgenden Eltern lassen sie nicht an sie ran. Durch ihre Puppengesichter wirken die Figuren noch fragiler, der ungewöhnliche Computergrafik-Clipart-Stil passt ideal zur sterilen Existenz der Magersüchtigen. Mithilfe von Traumsequenzen, inneren Monologen und Rückblenden wird versucht, die Essstörungen zu ergründen: „Mein erstes Diätbuch hat mir meine Mutter geschenkt. Da war ich zwölf“, sagt die Frau. „Ich habe alles unter Kontrolle. Die Disziplin zahlt sich aus. Ich nehme nicht zu. Ich wiege genauso viel wie mit zwölf Jahren.“</p>
<p>Ebenfalls lesenswert ist <em>Wie ein leeres Blatt</em>, das im März erschienen ist. Eine junge Frau findet sich auf einer Bank in Paris wieder, sie hat ihr Gedächtnis verloren. Schritt für Schritt dringt sie in ihr früheres Leben ein wie in das einer Fremden. Sie findet heraus, wie sie heißt (Eloise), wo sie wohnt und wo sie arbeitet (Buchhandlung), was sie für Musik mag, wie ihre Katze heißt, wer ihre Freunde waren (Langweiler) und wie ihr Facebook-Passwort lautet. Mit aller Kraft versucht sie dabei, den entscheidenden Auslöser zu finden, der ihr die Erinnerung zurückbringt.</p>
<p>Das ist als Gedankenexperiment mitunter richtig spannend, auch dank der Tagträumereien von Eloise, in denen sie sich die Gründe für ihre Amnesie wie in einen Agententhriller ausmalt. Nur leider verläuft die Geschichte des Autoren Boulet nach hinten raus etwas ins Leere, es bleibt ein leicht pelziger Nachgeschmack. Auch die Zeichnungen von Pénélope Bagieu sind trotz einiger hübscher Ideen nicht mehr als zweckmäßig und ins Lettering hätte Carlsen deutlich mehr Liebe investieren können – solche Seiten möchte man sich nun wirklich nicht gerahmt an die Wand hängen.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/paris_carlsen.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1457" alt="paris_carlsen" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/paris_carlsen.jpg" width="310" height="439" /></a>Maarten vande Wieles <em>Paris</em> ist hingegen gerade stilistisch interessant, seine expressiven, wie hingeworfen wirkenden Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die Abstraktion, das Tempo. Die Geschichte dazu hat eher das Niveau einer Daily Soap: Hope, die Unschuld vom Lande kommt in die große Modestadt, und steigt trotz Schönheitsmakel schnell zum Topmodel auf, macht sich aber bei einer sinistren Modemogulin unbeliebt, die auf Rache sinnt. Hopes Freundinnen Faith und Chastity feilen derweil an ihren Karrieren als It-Girl und Musikerin. Der Ruhm steigt allen zu Kopf, es gibt Abstürze und Comebacks, Sex und Intrigen, Dramen und Versöhnungen bis zum totalen Kollaps – das ist vor allem bemerkenswert, weil es so anders ist als fast alles, was man vom deutschen Comicmarkt kennt.</p>
<h6><strong>Schuhkaufattacken und Abstillen</strong></h6>
<p>Dazu kommen zwei Bände, die in Wirklichkeit gar keine Graphic Novels sind: <em>Ich wär so gerne Ethnologin</em> und <em>Die Kunst der Anpassung</em> von Margaux Motin. Sie zeigen ein- bis dreiseitige Szenen aus dem Leben der Autorin, einer Mittdreißigerin mit Kleinkind und Ehemann. Es geht um BH-Größen nach dem Abstillen, um Schuhkaufattacken beim Schwesternbesuch, fußballguckende Männer, kontrollfreakige Großmütter – Alltagskolumnen in Comicform, humorvoll, selbstironisch, bissig, schwungvoll gezeichnet, und eben voller Klischees. Motins Bände erreichen sicherlich am ehesten die Ladies-Night-Zielgruppe, die dem Carlsen-Marketing vorschwebt.</p>
<p><em>Ich wär so gerne Ethnologin</em> war auch das am besten verkaufte der drei Herbstbände. Insgesamt seien die Bücher aber nicht so gut angenommen wurden, wie erhofft, die Verkäufe seien „verbesserungswürdig“ sagt Ralf Keiser, der Programmleiter Comic bei Carlsen. Weitergehen wird es dennoch: Für den Herbst ist ein weiterer Titel geplant und für 2014 wünscht sich Keiser auch mal deutsche Autorinnen, vielleicht sogar einen extra für diese Reihe produzierten Band.</p>
<p>Zum Marketing sagt Keiser, man wolle Frauen erreichen, „die eben noch  keine Comicleserinnen sind und wohl auch nicht drauf kommen würden“. Also habe man sich nach langen Diskussionen entschieden: Wir brauchen ein ganz starkes Signal, es darf keine Zweifel geben. „Diejenigen, die sagen: ‘Wir sind schon Comicleserinnen’, wird man so nicht erreichen“,  sagt Keiser. „Das kann ich verstehen.“</p>
<p>Weitere Ladies Nights seien aber allein wegen des Organisationsaufwands nicht geplant. Und auch der Aufkleber und Claim „For Ladies only“ verschwindet komplett – nach Protesten von Leserinnen und Händlerinnen. Es gibt noch Hoffnung.</p>
</div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2013/05/15/wir-sind-zwei-perfekte-kleiderstander/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>
