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	<title>Michael Brake &#187; taz</title>
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		<title>Folge dem schwarzen Kaninchen</title>
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		<pubDate>Wed, 03 Aug 2016 10:25:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>
		<category><![CDATA[Nullen und Einsen]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>
		<category><![CDATA[Darknet]]></category>
		<category><![CDATA[Nostalgie]]></category>

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		<description><![CDATA[KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Das Darknet ist ein Sehnsuchtsort. Es erinnert uns an die Zeit, als das Internet noch eine Welt voller Rätsel und von visionärer Kraft war. (aus der taz vom 3. August 2016) Das schwarze Kaninchen wartet zum vereinbarten]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Das Darknet ist ein Sehnsuchtsort. Es erinnert uns an die Zeit, als das Internet noch eine Welt voller Rätsel und von visionärer Kraft war. <span id="more-1999"></span> (aus der <a href="http://www.taz.de/Kolumne-Nullen-und-Einsen/!132005/" target="_blank">taz</a> vom 3. August 2016)</h3>
<p>Das schwarze Kaninchen wartet zum vereinbarten Zeitpunkt auf mich. Wir treffen uns am unteren Ende des Twitter-Newsfeeds, dort, wo keine neuen Inhalte mehr laden. Ein Wurmloch öffnet sich und wir cybern uns auf die andere Seite, in Sekundenschnelle rasen wir quer durch die Welt und verwischen unsere Spuren: New York, Rio, Tokelau. Schließlich fallen wir in einer Seitengasse in einen Müllcontainer und landen weich auf einem Stapel ungeschredderter Netflix-Kundendaten von Hillary Clinton.</p>
<p class="article even">Wir sind im Darknet, einer Mischung aus Mordor, Sin City und Blade Runner. Der Himmel ist hier immer schwarz und die Gebäude bestehen aus grünen Vektoren. Auf den Straßen verkaufen fliegende Händler alles, was man sich vorstellen kann, und alles Weitere noch dazu: Schrumpfköpfe von türkischen Dissidenten, in Käfigen zusammengepferchte Pikachuwelpen aus Osteuropa, Crystal Crocodile, LSDMA und glutenhaltige Vollei-Nudeln.</p>
<p class="article odd">Vierarmige Zyklopinnen bewachen schummrige Bars, in denen Junghacker und russische Terrorfürsten ihre letzten Bitcoins versaufen. Es gibt hier auch ein Facebook, aber die Urlaubsfotos dort zeigen nur Gewittertage und verschimmelte Hotelzimmer.</p>
<p class="article even">Wir kommen am Eingangstor des Darknets vorbei, es wird von deutschen Journalisten belagert. Jetzt, wo der Neunfachmörder von München „im Darknet“ seine Tatwaffe gekauft hat, wurden sie von ihren Redaktionen geschickt, um das alles einmal aufzuschreiben, die Sache mit dem Hidden Wiki und all den Webshops für Waffen und Drogen und so weiter.</p>
<p class="article odd">Vor allem für die älteren Journalisten ist das Darknet ein Sehnsuchtsort. Es erinnert sie an lange vergangene Zeiten, als das Internet noch eine undurchsichtige Angelegenheit war: zugänglich nur mit Spezialwissen, ästhetisch anspruchslos, langsam, konspirativ, anonym. Verstanden wurde das Netz damals als kohärenter Ort, man konnte „hineingehen“, etwa durch „Portale“, drinnen „traf“ man andere Leute in „Räumen“, immer überlagert von der noch älteren Idee eines Cyberspace, dessen visuelle Codes durch ein paar wegweisende Werke – „Tron“, „Neuromancer“, Neal Stephensons Metaverse, „Matrix“ – für immer festgelegt sind.</p>
<p class="article even">Das alles hat sich längst erledigt. Allerspätestens durch unsere Smartphones wissen wir, dass „das Internet“ sich überall und nirgends zugleich manifestiert. Heute ist es snackable und shareable, bright und durchgestylt. Das Darknet hingegen ist nicht zu fassen, es ist ein chaotischer und unvermessbarer Ort. Für einen kurzen Moment lang bringt es das Mysteriöse, die Ängste, aber auch die Utopien von damals zurück, und das macht es so faszinierend. Glücklich ist, wer das schwarze Kaninchen kennt.</p>
<p class="article odd">Auf einmal fährt neben uns ein großer Bus vorbei, mit offenem Verdeck. Oben stehen Menschen mit bunten Hemden und machen Fotos. Die Leute vom Darknet lassen jetzt hin und wieder Touristengruppen rein, um sich ein wenig Extra-Bitcoins zu verdienen. Es ist der Anfang vom Ende. Die echten Hacker sind eh schon lange im Opaque Web. Das ist noch viel dunkler, geheimer und größer als alles andere.</p>
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		<title>Fifty Shades of Green</title>
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		<pubDate>Sat, 18 Jul 2015 16:47:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anderswo]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
		<category><![CDATA[Reportage]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>
		<category><![CDATA[Bahn]]></category>
		<category><![CDATA[Indonesien]]></category>
		<category><![CDATA[Java]]></category>
		<category><![CDATA[Verkehr]]></category>

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		<description><![CDATA[Wer mit der „Kereta Api“ quer durch Java fährt, kommt in seltsame Hafenstädte, sieht viel grüne Landschaft – und ist allein unter Indonesiern. (aus der taz vom 18. Juli 2015) Es dürfte kaum einen grüneren Ort auf der Welt geben]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Wer mit der „Kereta Api“ quer durch Java fährt, kommt in seltsame Hafenstädte, sieht viel grüne Landschaft – und ist allein unter Indonesiern.<span id="more-2028"></span> (aus der <a href="https://www.taz.de/!5211666/">taz</a> vom 18. Juli 2015)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Indonesien-Zug-JB-02.jpg"><img class="wp-image-2040 size-full aligncenter" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Indonesien-Zug-JB-02.jpg" width="620" height="413" /></a></p>
<p>Es dürfte kaum einen grüneren Ort auf der Welt geben als Java in der Regenzeit. Laubfroschgrün leuchtende Reisfelder grundieren die gesamte Insel, nur vereinzelt blitzen aus ihnen die Caping auf, die Kegelhüte der Reisbauern. Darüber wuchert es, palmengrün, bambusgrün, bananenstaudengrün, dschungelgrün und Grün ist auch die Farbe der meisten Moscheen.<br />
Man hat viel Zeit, sich Indonesiens Hauptinsel anzuschauen, wenn man sie einmal komplett mit dem Zug durchquert, von Jakarta im Nordwesten bis an die Ostspitze, nach Banyuwangi, wo im Halbstundentakt die Fähren nach Bali übersetzen. 27 Stunden Nettofahrtzeit und weit über 1.000 Gleiskilometer sind das, verteilt auf vier Etappen.</p>
<p>Es dürfte kaum einen grüneren Ort auf der Welt geben als Java in der Regenzeit. Laubfroschgrün leuchtende Reisfelder grundieren die gesamte Insel, nur vereinzelt blitzen aus ihnen die Caping auf, die Kegelhüte der Reisbauern. Darüber wuchert es, palmengrün, bambusgrün, bananenstaudengrün, dschungelgrün und Grün ist auch die Farbe der meisten Moscheen.</p>
<p>Man hat viel Zeit, sich Indonesiens Hauptinsel anzuschauen, wenn man sie einmal komplett mit dem Zug durchquert, von Jakarta im Nordwesten bis an die Ostspitze, nach Banyuwangi, wo im Halbstundentakt die Fähren nach Bali übersetzen. 27 Stunden Nettofahrtzeit und weit über 1.000 Gleiskilometer sind das, verteilt auf vier Etappen.</p>
<h6>Verkehrsmittel für Menschenscheue</h6>
<p>Nun ist der Zug normalerweise nicht das Mittel der Wahl eines Individualreisenden. Die Erzählung einer stundenlangen Tour im Kleinbus – aus den Boxen laute Musik, auf dem Schoß ein Huhn – gehört zur Backpackerromantik wie Kakerlakenjagden und Durchfall-Survival. Bahn fahren hingegen ist etwas für Menschenscheue wie mich, man kann es machen, ohne ein Wort zu sprechen. Es ist wie im Supermarkt einzukaufen, statt beim Händler zu feilschen. Ein quantifizierbares System mit klaren Regeln und Zeiten.</p>
<p>Nebenbei ist eine Bahnreise natürlich auch schneller, sicherer und man kann dabei auch mal aufstehen und herumlaufen. Und was all das Gewese um die „Locals“ angeht, an deren Leben jeder aufgeklärte westliche Reisende unbedingt teilhaben muss: In allen vier Zügen war ich der einzige Weiße – wurde in dieser Rolle aber einfach so zur Kenntnis genommen und nicht bestaunt oder permanent angesprochen.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Indonesien-Zug-JB-04-1.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-2054" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Indonesien-Zug-JB-04-1.jpg" alt="" width="310" height="465" /></a>Mit anderen Worten: Zugfahren in Java ist großartig! Die wohl schönste Strecke der „Kereta Api“ (“Wagen Feuer“) führt dabei von Jakarta, dem logischen Einfalltor für alle europäischen Indonesienreisenden, nach Yogyakarta, der entspanntesten Großstadt der Insel, die alles bietet, was das Touristenherz begehrt: einen alten Sultanspalast, einen Vogelmarkt, nette Cafés, alles fußläufig, außerdem in Tagesausflugnähe: das Meer, ein Vulkan und zwei bedeutende Tempelanlagen. Auf dem Weg dorthin passiert die Bahn den Sitz ihrer Hauptdirektion, Bandung, einer Millionenstadt im Talkessel, und die Fahrt über die Bergketten drum herum bieten spektakuläre Blicke. Es ist die wohl schönste Strecke.</p>
<h6>Die höchste Reiseklasse heißt „Eksekutif“</h6>
<p>Ich aber nehme dieses Mal die Nordroute, ohne zu wissen, was mich dort erwartet – die Zwischenstopps richten sich nach dem Fortbewegungsmittel, nicht umgekehrt. So führt mich meine erste Etappe nach Cirebon, sie dauert nur drei Stunden, mit beinahe hundert Stundenkilometern rollen wir durch die landschaftlich unspektakulären Ausläufer der 30-Millionen-Menschen-Metropolregion Jabodetabek. In den „Eksekutif“-Wägen, der besten Reiseklasse, sind die Sitze bequem, die Fußstützen verstellbar, die Klimaanlage ist moderat aufgedreht. Immer wieder kommt das Zugpersonal vorbei und nimmt Bestellungen auf. Das Essen bringen sie direkt an den Platz, auch wenn es einen Speisewagen gibt. Anschließend stellt man das Tablett unter dem Sitz ab, dort wird es vom Personal eingesammelt.</p>
<p>Cirebon ist ein seltsamer Ort: eine Hafenstadt, die ihr Meer versteckt, ein Zentrum der Batikindustrie. Das schneeweiße Rathaus zieren vier goldene Garnelen, die einzige Sehenswürdigkeit sind verlassene Sultanspaläste, und an jeder Ecke warten mehrere Fahrradrikscha-Fahrer auf nicht vorhandene Kunden.</p>
<p>Am nächsten Vormittag geht die Reise weiter. Wieder drei Stunden, wieder Eksekutif. Vorn im Wagen läuft ein Fernseher so leise, dass nur die ersten Reihen mithören können. Erst gibt es eine Kinderserie mit niedergeschlagen dreinschauenden Lokomotiven, danach die „X-Men“. Draußen ist die Landschaft flach, manchmal fahren wir nur wenige Meter von der Küste der Javasee entfernt.</p>
<p>Dann mache ich etwas Ungewöhnliches: Ich lese. Das habe ich auf allen Fahrten sonst nur eine andere Person tun sehen: Ein älterer Mann las in einem Gebetsbuch, als die Abenddämmerung einsetzte und es Zeit für das Maghrib-Gebet war. Wesentlich beliebtere Aktivitäten sind schlafen – das können alle Indonesier, jederzeit, in jeder erdenklichen Körperhaltung und bei allen Licht- und Lärmverhältnissen – und auf dem Handy rumtippen.</p>
<h6>Mobiles Internet funktioniert besser als in Deutschland</h6>
<p>Indonesien gehört zu den Ländern, wo die Stufe des Zuhause-Internets einfach ausgelassen wurde. Inzwischen besitzt ein Viertel der Bewohner ein Smartphone, unter den Menschen, die sich ein Zugticket leisten können, dürfte die Quote deutlich höher sein. Die Infrastruktur trägt dem Rechnung. An fast allen Bahnhöfen finden sich kostenlose Ladestationen, an jeder Sitzbank im Zug, auch in den unteren Klassen, sind zwei Steckdosen angebracht, und meine indonesische Sim-Karte zeigt mir auf der Zugstrecke fast durchgehend gutes 3G-Netz an. Durch Funklöcher fahre ich genau zweimal.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Indonesien-Zug-JB-01-1.jpg"><img class="size-full wp-image-2055 alignleft" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Indonesien-Zug-JB-01-1.jpg" alt="" width="310" height="464" /></a>So beliebig, wie Semarang zu meinem zweiten Zwischenstopp wurde, sind auch meine Aktivitäten in den anderthalb Tagen dort: In einem Gewerbegebiet am Stadtrand besuche ich das Fabrikmuseum einer Naturheilkräuterfirma, wo mir eine Verkäuferin erzählt, dass sie Scorpions-Fan sei. Ich schaue mir einen Busbahnhof an, eine islamische Universität, die heruntergekommenen Lagerhäuser im kolonial geprägten Bahnhofsviertel und eine große chinesische Tempelanlage. Abends esse ich auf dem Nachtmarkt und höre einer der vielen Exilchinesinnen beim Karaoke zu. Semarang ist eine von neun Millionenstädten auf Java, der bevölkerungsreichsten Insel der Welt mit über 140 Millionen Menschen. Sie drängt sich auf etwas mehr als einem Drittel der Fläche von Deutschland.</p>
<p>Nach Malang geht es weiter mit einem Nachtzug der untersten „Ekonomi“-Klasse („Bisnis“ habe ich ausgelassen). Das heißt natürlich nicht, dass wir auf eine Klimaanlage verzichten müssten. Sie ist allerdings auf unter 20 Grad eingestellt, zum Ausgleich ist das Neonlicht die ganze Nacht an.</p>
<p>Am nächsten Morgen sieht die Welt ganz anders aus: Hügeliger ist die Landschaft nun, irgendwie auch dschungeliger. Geschlafen habe ich kaum und werde es auch in der kommenden Nacht nicht tun, denn von Malang erreicht man das Hochplateau rund um den aktiven Vulkan Bromo, eine irre Mondlandschaft umgeben von sattgrünen Hängen. Und auf Vulkane fährt man als Indonesientourist grundsätzlich nachts, um den Sonnenaufgang zu sehen.</p>
<h6>Atemmasken und Gemüsereis direkt aus der Hand</h6>
<p>Auch auf der letzten Etappe in die Fährhafenstadt Banyuwangi gibt es nur noch „Ekonomi“-Plätze, und das bedeutet: Wir sitzen zu dritt nebeneinander auf einer Sitzbank ohne Lehnen, ich in der Mitte, in knapp vierzig Zentimetern Abstand ist die gegenüberliegende Bank angebracht. Nach einigen Stunden entdecke ich neue Muskeln an meinem Körper. Vor mir sitzt ein fein gekleidetes älteres Paar, das Enkelkind klopft ihnen alle halbe Stunde vom Sitz dahinter auf den Kopf. Meine Sitznachbarn links und rechts ziehen Atemmasken auf, der rechte holt später Essen aus seiner Tasche, Reis mit Gemüse, das er mit einer Hand verspeist.</p>
<p>Als ich zum Speisewagen am anderen Ende des Zuges gehe, stelle ich fest, dass nur die ersten zwei Waggons derart voll besetzt sind. Dahinter ist der Zug praktisch leer. Ich überrasche ein Teenagerpärchen beim Knutschen, esse ein laukaltes Nasi Goreng und hänge mich dann auf eine der leeren Sitzbänke, so wie das alle hier tun.</p>
<p>Der Zug zuckelt unfassbar langsam durch die tropenheiße Dunkelheit, er hält in jedem winzigen Ort. Für 200 Kilometer Luftlinie braucht er acht Stunden.</p>
<p>Draußen regnet es schon wieder. Ich döse ein wenig. Gleich bin ich am Ziel.</p>
<p>Ich möchte noch gar nicht ankommen.</p>
<h3></h3>
<p><img class="size-full wp-image-2051 aligncenter" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Indonesien-Zug-JB-06.jpg" alt="" width="620" height="413" /></p>
<h3><b>Eisenbahn in Indonesien</b></h3>
<p><b>Geschichte:</b> Es waren die niederländischen Kolonialherren, die in den 1870er Jahren mit dem Eisenbahnbau in Java begannen. Unter der japanischen Besatzung im Zweiten Weltkrieg wurden die Strecken dann auf die 1.067 Millimeter schmale Kapspurweite vereinheitlicht. Seit der Unabhängigkeit 1949 wurde das Netz auf rund 5.000 Kilometer zurückgebaut.</p>
<p><b>Gegenwart:</b> Die Fahrkarten in Indonesien sind platzgebunden. Wer auf den Bahnsteig will, muss sie vorzeigen – gemeinsam mit dem Reisepass. Rund um Feiertage wie dem Opferfest oder zum chinesischen Neujahr sollte man rechtzeitig Tickets kaufen. Das kann man in Supermärkten, bei Banken oder im Internet – auf <a href="http://kereta-api.co.id/" target="_blank" shape="rect">der offiziellen Seite</a> der „Kereta Api“ oder bei privaten Anbietern wie <a href="http://tiket.com/" target="_blank" shape="rect">tiket.com</a>, wo auch deutsche Kreditkarten akzeptiert werden.</p>
<p><b>Zukunft:</b> Javas Hauptstrecken sollen doppelspurig werden, auf Sumatra soll die stillgelegte Strecke in die Aceh-Region aktiviert werden, die Touristeninsel Bali wird ein 565 Kilometer langes Schienennetz erhalten. Auch auf Kalimantan und Sulawesi sollen Linien entstehen.</p>
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		<title>Eine Minute offline</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2014/07/25/eine-minute-offline/</link>
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		<pubDate>Fri, 25 Jul 2014 14:57:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>
		<category><![CDATA[Nullen und Einsen]]></category>
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		<description><![CDATA[KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Michael Brake ist onlinesüchtig. Kein Extremfall, gerade so abhängig wie jeder von uns. Doch Brake wagt einen nie dagewesenen Selbstversuch. (aus der taz vom 25. Juli 2014) Am Anfang ist es aufregend, ein Projekt! Ich richte ein automatisches Mailreply]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Michael Brake ist onlinesüchtig. Kein Extremfall, gerade so abhängig wie jeder von uns. Doch Brake wagt einen nie dagewesenen Selbstversuch.<span id="more-1904"></span> (aus der <a href="http://www.taz.de/!143030/" target="_blank">taz</a> vom 25. Juli 2014)</h3>
<p>Am Anfang ist es aufregend, ein Projekt! Ich richte ein automatisches Mailreply ein („Bin zwischen 16:26 Uhr und 16:27 Uhr nicht zu erreichen, werde Ihre Mails danach gerne beantworten“), deaktiviere mein OK-Cupid-Profil und sage meinen 269 Facebook-Freunden Bescheid. Soll sich ja niemand auf den Schlips getreten fühlen.</p>
<p>Als der vereinbarte Zeitpunkt näher rückt, macht sich leichte Panik breit. Habe ich auch nichts vergessen? Ist Donnerstag wirklich der richtige Tag für ein derart lebensveränderndes Projekt? Doch es ist nicht mehr aufzuhalten. „Wenn Sie keine Auswahl treffen, wird der Computer in 34 Sekunden automatisch ausgeschaltet.“ So muss es sein, wenn man mit einem Fallschirm abspringt. 4 … 3… 2 … 1 …</p>
<p>Ich bin im Tunnel. Der Monitor ist schwarz. Die Sonne – die Sonne! – scheint, ich kann mich im Spiegeldisplay des Macbooks schemenhaft selbst erkennen. Das bin also ich, 33. Alt sehe ich aus. Ich stehe auf, schaue zu Boden. Ein achtlos dahingeworfenes Papier liegt dort. Ich bücke mich.</p>
<p>In den folgenden 25 Sekunden räume ich die gesamte Wohnung auf, ich schleife die Dielen ab, ich streiche die Zimmer, lese alles von Marcel Proust und die Buddenbrooks, die ich danach auf Suaheli übersetze, weil ich das gerade gelernt habe. Ich rufe alle meine Tanten an, streiche die Zimmer nochmal anders, mache die Steuererklärungen der kommenden zehn Jahre, zeuge ein Kind und sehe ihm dabei zu, wie es erwachsen wird. Man ist ja so PRODUKTIV, wenn man nicht STÄNDIG auf diesen Bildschirm STARRT.</p>
<p>Zufrieden schaue ich mich um. Es ist still. Ich höre ein Lachen vom Innenhof. Was, wenn Ursula von der Leyen gerade etwas Peinliches gesagt hat? Und ich kann keinen der naheliegendsten 200 Witze darüber twittern? Mir wird bewusst, was ich in diesem Moment alles verpasse. <a href="http://pennystocks.la/internet-in-real-time/" target="_blank" shape="rect">Pro Minute werden</a> 342.000 Tweets geschrieben und 120 Stunden Videomaterial auf Youtube hochgeladen. Wann soll ich mir das alles nachträglich anschauen? Ich schaffe ja gerade mal die 2 neuen MySpace-Inhalte.</p>
<p>Was, wenn ich ein komplettes Meme-Referenzsystem verpasse und nicht mehr verstehe, was meine Friends in 24 Sekunden posten? Moment, Ihnen sind meine Sorgen nicht existenziell genug? Was, wenn Merkel zurückgetreten ist? Was, wenn eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden wurde, und sie evakuieren gerade Neukölln, weil in 13 Sekunden die Bombe hochgeht, und ich kriege nix davon mit? Ich könnte das Radio in der Küche anmachen, aber wo ist denn noch mal die Küche? Wie find ich die denn jetzt??? MAN HAT JA DURCH GOOGLE MAPS TOTAL SEINEN ORIENTIERUNGSSINN VERLOREN HEUTZUTAGE!</p>
<p>Erschöpft sinke ich zu Boden und bleibe auf den Dielen liegen. Die Dielen. Das Holz. Meine Augen erobern die fraktal anmutende Schönheit der Astlöcher. Ich atme ein, meine Lunge füllt sich mit dem Duft von Brandenburger Kiefern, meine Füße spüren den märkischen Sand, in dem die Kiefern einst gewachsen sind.</p>
<p>Meine Katze legt sich zu mir, ich streichele ihren Rücken mit allen fünf Fingern der rechten Hand, über 3.000 Berührungs- und Druckrezeptoren werden durch die seidene Struktur ihres Fells aktiviert, ich nehme sie alle gleichzeitig wahr. Kontemplation. Eine Sekunde dauert so lang wie ein Leben dauert so lang wie die Ewigkeit.</p>
<p>Ich bin jetzt ganz bei mir.</p>
<p>&#8230;</p>
<p>&#8230;</p>
<p>Geschafft! Ich könnte jetzt natürlich auch noch eine weitere Minute offline bleiben, aber wem muss ich jetzt noch etwas beweisen? Ich fahre den Computer wieder hoch und … keine neue E-Mail? WTF???</p>
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		<item>
		<title>„Das Timing stimmte einfach“</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2014/05/10/das-timing-stimmte-einfach/</link>
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		<pubDate>Sat, 10 May 2014 15:12:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Comic]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Comiczeichner Mawil über eine mädchenlose Jugend in der DDR, sein neues Buch „Kinderland“, Reisen mit dem Goethe-Institut und Tischtennis. (aus der taz Berlin vom 10. Mai 2014) taz: Mawil, in Ihrem neuen Comic „Kinderland“ geht es um einen schüchternen 13-jährigen]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der Comiczeichner Mawil über eine mädchenlose Jugend in der DDR, sein neues Buch „Kinderland“, Reisen mit dem Goethe-Institut und Tischtennis.<span id="more-1912"></span> (aus der <a href="http://taz.de/Mawil-ueber-Comicmachen-und-die-DDR/!138218/" target="_blank">taz Berlin</a> vom 10. Mai 2014)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/kinderlandszene01-1.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1916" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/kinderlandszene01-1.jpg" alt="kinderlandszene01 (1)" width="619" height="289" /></a></p>
<p><strong>taz: Mawil, in Ihrem neuen Comic „Kinderland“ geht es um einen schüchternen 13-jährigen Ostberliner im Sommer 1989. Brauchen wir jetzt denn wirklich noch neue Wendegeschichten?</strong></p>
<p><strong>Mawil:</strong> Das Buch sollte ja eigentlich schon zum 20-jährigen Mauerfalljubiläum rauskommen, ist dann aber etwas ausgeartet. Da war das 25-Jährige jetzt die allerletzte Deadline, weil es danach nämlich echt keiner mehr hören kann. Andererseits ist „Kinderland“ ja eine relativ normale Kindheitsgeschichte – nur, dass wegen dieses Außenrahmens halt ein paar absurde Situationen entstehen. Der Ostbezug wird nirgendwo in den Vordergrund gerückt. Hoffe ich.</p>
<p><strong>Na ja, <a href="http://www.reprodukt.com/produkt/comics/kinderland/" target="_blank" shape="rect">auf dem Cover</a> wird er schon ziemlich in den Vordergrund gerückt.</strong></p>
<p>Sonst hatte ich bei meinen Büchern immer als allererstes eine Idee fürs Cover, diesmal kam sie erst fast ganz zum Schluss, als es dann raus an die Presse musste. Ich hatte nach einem Motiv gesucht, in dem plakativ alles vorkommt: Kinder, Osten, ein Außenseiter. Eigentlich sollte auch noch was Tischtennismäßiges mit drauf, das fehlt jetzt leider.</p>
<p><strong>Tischtennis spielt eine sehr große Rolle in „Kinderland“. In einer Szene wird ein Match über 30 Seiten lang ausgetragen …</strong></p>
<p>Es ging ja schon in „Wir können ja Freunde bleiben“ mit den Liebesgeschichten und in „Die Band“ mit der Amateur-Bandmusik um persönliche Leidenschaften. Und ich wollte schon länger mal so eine richtige Tischtennissaga machen. Wenn ich ein Buch über Tischtennis mache, dann soll es das Thema so weit ausschöpfen, dass sich in den nächsten zehn Jahren kein anderer Zeichner traut, das anzupacken. Außerdem finde ich es schön, wenn neben so einer Coming-of-Age- und Ost-Geschichte noch ein ganz anderes Thema mit drin ist.</p>
<p><strong>Hat die Saison denn schon angefangen?</strong></p>
<p>Ja, Ende April, bei einem Interviewtermin. Da kam der Journalist an mit zwei Schlägern und einer Packung DDR-Tischtennisbällen, original verpackt noch, und wir sind rüber zur Platte auf dem Schulhof und haben uns beim Spielen unterhalten.</p>
<p><strong>Was ist denn „der Schulhof“?</strong></p>
<p>Da ist so ein Schulhof in der Nähe von meiner Ateliergemeinschaft. Die Hofpausenaufsichtslehrer sind nicht so happy, wenn da die erwachsenen Männer einmarschieren, aber wir nehmen unsere Flaschen wieder mit und rauchen nicht. Früher haben wir da auch immer im Freundeskreis das Tischtennisturnier des Todes gemacht.</p>
<p><strong>Und wer hat gewonnen?</strong></p>
<p>Ich nicht. Ich spiele leidenschaftlich, aber bin vor allem mental nicht der stärkste. Wenn ich ein Bier getrunken habe und mich geil fühle, bin ich der beste Spieler. Aber wenn der andere dann aufholt, krieg ich Panik und verliere.</p>
<p><strong>Tatsächlich bringe ich in meinem Kopf DDR und Tischtennis als diffuse Assoziationen zusammen.</strong></p>
<p>Dabei wurde das ja eigentlich im Osten nicht offiziell gefördert, es warhalt einfach da … Ich vermute mal: Immer, wenn sie so ein Plattenbaugebiet fertig hatten, haben die Bauarbeiter in der Mitte einfach noch so zwei gebogene Metallschalen und eine Betonplatte hingestellt, und damit hatten sie ihren Spielplatz, fertig. Und dann haben die Jungs ohne Brillen halt Fußball gespielt und die Jungs mit Brillen Tischtennis.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/kinderlandszene02-1.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1917" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/kinderlandszene02-1.jpg" alt="kinderlandszene02 (1)" width="620" height="288" /></a></p>
<p><strong>So wie Mirco Watzke in „Kinderland“. Wie sind denn Ihre eigenen DDR-Erinnerungen?</strong></p>
<p>Ich habe ja nun viel weniger Zeit aktiv in der DDR verbracht als danach, und als Kind war es halt: Ich kannte es nur so. Aber die Kindheit verbringt man ja sowieso in so einer behüteten kleinen Welt, das passte schon. Bloß das auf mich nicht nur meine Eltern aufgepasst haben, sondern auch das Land begrenzt war.</p>
<p><strong>Wo sind Sie aufgewachsen?</strong></p>
<p>In Berlin-Mitte. Zu Ostzeiten war das durch die Mauer noch eher am Rande der Stadt, also eine sehr ruhige Ecke, kaum Autos. Da konnte man schön draußen rumrennen. Aber ich war eher so ein Stubenhocker. Wegen meines Stotterns war ich auf einer Sprachlernschule in Friedrichshain und hatte keine Freunde bei mir im Kiez. Ich saß sehr viel zu Hause und habe gezeichnet.</p>
<p><strong>Und dann waren Sie 13, und die Mauer fiel.</strong></p>
<p>Ja, genau zu dem Zeitpunkt, als mir das Land zu eng geworden wäre, das war vom Timing her genau richtig. Und ich musste jetzt im Gegensatz zu anderen Leuten nicht in die nächstgrößere Stadt ziehen, sondern war schon da, wo dann alle hinkamen.</p>
<p><strong>Wie ist heute Ihr Verhältnis zur DDR?</strong></p>
<p>Man landet einfach immer wieder bei irgendwelchen Themen, bei dem dann der Osten als Vergleich herangezogen wird – wenn man sich über Globalisierung unterhält, oder über Marktwirtschaft, oder über irgendeinen Irrsinn der Konsumgesellschaft. Wobei es natürlich schwer ist, zu vergleichen: Die DDR hat 1989 aufgehört, zu existieren, und die Gesellschaft hat sich weiterentwickelt. Und es war natürlich ein Unrechtssystem, allein schon weil Leute an der Mauer gestorben sind.</p>
<p><strong>Von 2002 bis 2007 haben Sie jedes Jahr ein Buch veröffentlicht, für „Kinderland“ haben Sie nun sieben Jahre gebraucht. Was haben Sie denn bloß die ganze Zeit über gemacht?</strong></p>
<p>Na ja, wenn du weißt, du hast ein Buch mit 300 Seiten vor dir, dann ist es auch relativ egal, ob du heute damit anfängst oder morgen. Dazu dann die Entscheidungen: Wenn man festlegt, wie eine Figur aussieht oder wie sie sich verhält, betrifft das ja immer gleich 100 Seiten. Man hat Angst, eine Entscheidung falsch zu fällen, die dann mehr Arbeit an Korrekturen nach sich zieht, und deswegen schiebt man sie immer auf. Außerdem war ich abgelenkt durch viele kleinere Projekte. Ich gebe Comic-Workshops, habe dieses Semester auch eine Dozentenstelle, ich habe mich um die Auslandsübersetzungen meiner Comics gekümmert und wurde oft vom Goethe-Institut eingeladen.</p>
<p><strong>Beim Goethe-Institut! Wie landet man denn da?</strong></p>
<p>Es gab immer wieder Institute, die kleinere Ausstellungen über deutsche Comics gebaut haben. Ich vermute, davon hat die Goethe-Zentrale Wind bekommen, denn vor fünf Jahren wurde eine professionelle Ausstellung konzipiert. Die ist schon fertig beschriftet, wird in schicken Bilderrahmen-Transportkisten um die ganze Welt geschickt, und kann dann vor Ort in den Instituten von den Praktikanten aufgehängt werden, dazu werden dann auch immer welche von den Zeichnern eingeladen. Und weil viele von denen schon Kinder haben, habe ich viele Reisen abbekommen.</p>
<p><strong>Ich hab eh den Eindruck, wenn man einmal in der Goethe-Rotation ist, dann kommt man da nicht so schnell wieder raus.</strong></p>
<p>Das ist natürlich einer der wenigen Vorteile daran, dass in Deutschland die Comicszene nicht so riesengroß ist. Da gibt es dann relativ wenige Leute, die ein paar Bücher rausgebracht haben und anerkannt sind – anders als etwa in Frankreich. Und es ist natürlich für Goethe auch günstiger, einen Comiczeichner dazuhaben, als gleich ein ganzes Sinfonieorchester einzuladen.</p>
<p><strong>Und da geben Sie dann auch Workshops?</strong></p>
<p>Ja. Ich weiß nicht, ob ich der perfekte Pädagoge bin, aber ich bin jedenfalls mit Leidenschaft bei der Sache. In Deutschland mache ich auch Workshops, die dann über mehrere Tage gehen. Bei den Goethe-Sachen kriegst du meistens nur eine Schulklasse für drei Stunden. Dann gibt es ein paar kleine Übungen, oder <a href="http://www.youtube.com/watch?v=TquTHCPUR6g" target="_blank" shape="rect">man zeigt ein paar Tricks</a>.</p>
<p><strong>Was sind das so für Tricks?</strong></p>
<p>Wichtig ist es, aufs Timing zu achten. Man kann die gleiche Sache in drei Bildern erzählen oder in zehn. Wo mach ich mal einen Zeitraffer, und wo kann ich mal eine Pause setzen? Wenn sich zwei unterhalten und in einem Bild zündet sich dann jemand mal nur eine Zigarette an, macht das gleich Atmosphäre. Eine andere Frage ist, ob man einen Off-Erzähler braucht. Wenn du sagen willst, dass Fritzchen ein Arschloch ist, dann schreibst du das nicht oben drüber, sondern zeigst Fritzchen, wie er einen Stein auf eine Taube schmeißt, jetzt mal ganz spießig gesagt. Eine Geschichte sollte vor allem über Handlung und Dialoge erzählt werden – ich selber versuche, Comics so zu machen, dass sie in etwa wie ein Film funktionieren.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/mawil_atelier_bild.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1915" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/mawil_atelier_bild.jpg" alt="mawil_atelier_bild" width="620" height="310" /></a></p>
<p><strong>Stimmt, die Seiten ohne Text in Ihren Comics haben etwas Storyboard-artiges, wie ein Szenenbuch. Und „Kinderland“ startet mit einer Anfangsszene dann kommt erst der Titel, wie im Kino.</strong></p>
<p>Ich bin eben ein großer Kinofan. Comics sind cool, aber ein bisschen mehr Größenwahn, ein bisschen mehr Hollywood, also die guten Seiten von Hollywood, dürfen ruhig auch noch rein.</p>
<p><strong>Welche Regisseure mögen Sie?</strong></p>
<p>Ich bin ein großer Fan von Wes Anderson. Der erzählt nicht so die superspannenden Geschichten, aber er ist ein krasser Nerd, was die Ausstattung angeht. Sein ganzer Stil ist so geil durchkomponiert, die Typen, die Schrift im Abspann, die Schnitte: voller kleiner Details, auf die man selber nicht kommen würde.</p>
<p><strong>Noch mal zurück zum Goethe-Institut, wo waren Sie zuletzt?</strong></p>
<p>Im März war ich in Kasachstan, wenn auch leider nur in der Hauptstadt Almaty. Da haben mich an einem Abend mal meine Studenten in irgendeinen Rockklub mitgenommen, wo eine russische Rammstein-Coverband gespielt hat. Das fand ich dann sehr amüsant. Der Sänger hat sich auch echt Mühe gegeben, alle deutschen Texte zu können, und dazu haben sie mir irgendwelche krassen Cocktails eingeflößt, die man anzünden konnte.</p>
<p><strong>Irgendwelche anderen Highlights?</strong></p>
<p>Indonesien war sicher <a href="http://https//archive.today/o/hBW0I/http://www.mawil.net/archiv/yakartagross.jpg" target="_blank" shape="rect">eine Erfahrung</a>. Und ich finde die ganzen ehemaligen Ostblockländer total spannend: Ich war in Russland, in Jekaterinenburg, in St. Petersburg, in Moskau, auch in Georgien. Da entdeckt man manchmal noch irgendeine Ecke, die einen an die eigene Ostkindheit erinnert – und dann freut man sich, wenn da ein alter Lada rumsteht, selbst wenn der nur noch als Transportmittel für die Melonen zum Marktplatz benutzt wird. Ich mache dann nur Fotos von irgendwelchen Plattenbaufassaden, und alle denken: Da sieht’s ja voll gruselig aus. Dabei haben die da auch schöne Ecken – die ich aber langweilig finde.</p>
<p><strong>Wären diese Reiseerlebnisse nicht auch ein gutes Thema für ein nächstes Buch?</strong></p>
<p>Was ich da erlebe, passt meistens auf eine <a href="http://mawil.net/publik/tagesspiegel/index.htm" target="_blank" shape="rect">der Sonntagsseiten</a>, die ich einmal im Monat für den <em>Tagesspiegel</em> mache. Im nächsten Jahr wird wahrscheinlich mal ein Sammelband mit den Zeichnungen herauskommen. Wenn du mit Goethe verreist, bist du zwar mit Sicherheit in einer spannenden Stadt, aber eben auch in einem schicken Hotel nach westlichen Standards – klar, weil sie da auch auf einen aufpassen müssen. Auf einer Fahrradtour durch Mecklenburg erlebt man wahrscheinlich mehr Abenteuer.</p>
<p><strong>Wobei Fahrradtouren, <a href="http://mawil.net/publik/tagesspiegel/mawil_przejechane.jpg" target="_blank" shape="rect">wenn man Ihren Comics glauben kann</a>, so etwas wie Ihr Standardurlaub sind.</strong></p>
<p>Ja, total. Mit dem Auto siehst du nur die ganzen Autobahnen, und wenn du durch die Straßen fährst und irgendetwas Spannendes siehst, musst du anhalten, kompliziert wenden, Parkplatzsuche, blablabla. Und zum Wandern bin ich vielleicht zu ungeduldig. Mit einem Fahrrad hast du das richtige Tempo, um die Landschaft richtig zu sehen, und musst dein Gepäck nicht selbst schleppen.</p>
<p><strong>Wohin geht es dann so?</strong></p>
<p>Klar, am schönsten ist es Richtung Ostsee. Aber wenn ich einen Comic-Workshop in Leipzig habe und das Wetter ist schön, ist das eine Option. Auf dem Weg gibt es riesige leerstehende Militärgelände, und zugewucherte Plattenbauten und alte Backsteinhäuser, wo die Russen drin waren. Oder einfach nur Felder. Als Großstädter ist es ja schon total überraschend, wenn auf einmal 50 Prozent des Sichtfelds Himmel sind. Da ist man mit einer simplen Brandenburger Landschaft leicht zu beeindrucken.</p>
<p><strong>In Berlin haben wir ja immerhin das Tempelhofer Feld. Wissen Sie schon, wie Sie beim Volksentscheid in zwei Wochen abstimmen werden – für oder gegen eine Randbebauung mit Wohnungen?</strong></p>
<p>Dagegen. Klar, man könnte da sozialen Wohnraum schaffen – aber ich denke, wenn da was gebaut wird, dann vermutlich doch wieder nur Luxussachen. Ich selbst bin nicht so oft in dem Kiez da unterwegs, deswegen betrifft es mich nicht so, aber all meine Freunde sind Fans des Felds.</p>
<p><strong>Wohnen Sie eigentlich immer noch in Berlin-Mitte? Oder wurden Sie schon weggentrifiziert?</strong></p>
<p>Noch nicht. Klar, ich kriege hier auch die Entwicklungen auf dem Wohnungsmarkt mit. Für mich war es die letzten Jahre immer wieder ein Abenteuer, von der einen Ofenheizungswohnung in die nächste zu ziehen. Aber ich würde jetzt nie über die Gentrifizierung schimpfen. Wenn ich selber nicht in Mitte geboren wäre, wäre ich hierhin gezogen. Weil ich natürlich da sein wollte, wo alle anderen coolen Leute auch sind.</p>
<p><strong>Aber Ofenheizung, das nervt doch auch irgendwann mal, oder? Mit 37 Jahren?</strong></p>
<p>Klar, es ist nicht geil, so einen Kohleneimer hochzuschleppen. Aber wenn ich dafür im Monat 200 Euro spare, dann ist es mir das wert. Gerade wohne ich in einer 30er-Jahre-Wohnung, also Altbausubstanz, Holzfußboden und Holzfenster, aber mit den Proportionen eines Plattenbaus. Das ist ne schöne Wohnung, und wenn du da den Ofen anschmeißt, dann ist es immer in Nullkommanix warm.</p>
<p><strong>Wo wir gerade beim Thema Gentrifizierung sind: Was sagen Sie eigentlich zu den Leuten, die neben Clubs ziehen und sich dann über den Lärm beschweren?</strong></p>
<p>Sehr extremes Beispiel war der Knaack Club. Die bauen daneben ein neues Haus, dann wundern sich die Leute, die da einziehen, und dann schließen sie den Club wegen Lärmbelästigung. Klar, Wohnraum ist wichtig, aber wenn du den neben einem Club baust, musst du es auch vorher wissen.</p>
<p><strong>Das Knaack kam auch schon in einem älteren Comic von Ihnen vor, als eine Gruppe von Tieren aus dem Wald zum Feiern nach Berlin fährt. Waren Sie da früher auch?</strong></p>
<p>Ja, da ist man damals als Jugendlicher einfach hingegangen, das war der Laden im Ostteil der Stadt. Meine Kumpels waren HipHopper, ich selber eher Palituch und Doc Martens. Da war das Knaack der kleinste gemeinsame Nenner … und wenn man mal hübsche Mädchen zumindest aus der Ferne beim Tanzen anschauen wollte – sie anzusprechen, das wäre ja noch mal eine ganz andere Nummer gewesen – dann musste man halt in den Knaack gehen.</p>
<p><strong>Das ist auch oft ein Thema in Ihren Comics: bildhübsche Mädchen, die aber bloß aus der Ferne angehimmelt werden.</strong></p>
<p>Auf der Sprachlernschule gab es in manchen Klassen drei Mädchen, in manchen eins, in manchen gar keins. Das ist wohl so eine Gensache, ich kenn keine Mädchen, die stottern. So hatte ich halt während meiner ganzen Jugend das Gefühl was zu verpassen. Zumal die Mädels dann aus der Ferne auch etwas sehr stark Idealisiertes hatten und ich erst später gemerkt habe: Hey, das sind ja eigentlich auch nur Menschen … oh je, das klingt jetzt ein bisschen wie bei den anonymen Spätzündern, dabei soll es gar nicht so sehr bemitleidenswert rüberkommen.</p>
<p><strong>Ach nein, es wirkt in den Comics ja auch nicht wirklich traurig, eher sehnsüchtig egal.</strong></p>
<p>Ja, ich hab eine Familie, da ist alles super, ich habe viele Freunde, lebe zur richtigen Zeit am richtigen Ort und kann mich nicht über Schicksalsschläge beklagen. Insgesamt würde ich mich als optimistischen Menschen bezeichnen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em><strong><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/mawil_quad.jpg"><img class=" size-full wp-image-1922 alignleft" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/mawil_quad.jpg" alt="mawil_quad" width="138" height="138" /></a>Der Zeichner:</strong> <a href="http://mawil.net/" target="_blank">Mawil</a> wurde 1976 als Markus Witzel in Ostberlin geboren. Sein Studium an der Kunsthochschule Weißensee schloss er 2003 mit dem Liebeskummer-Episoden-Comic „Wir können ja Freunde bleiben“ ab, der damals viel Feuilleton-Aufmerksamkeit bekam.</em></p>
<p><em><b>Das Buch: </b>„Kinderland“ erzählt die Geschichte von Mirco Watzke, der 1989 in Ostberlin in die siebte Klasse geht. Es geht um Mircos Angst vor Schlägertypen, den neuen Mitschüler, der nicht bei den Pionieren ist – und um Tischtennis. Die politische Bedeutung jener Tage bricht über die Erwachsenen immer wieder in die Geschichte ein.</em></p>
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		<title>Die Gesellschaftskonferenz</title>
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		<pubDate>Thu, 08 May 2014 17:31:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<category><![CDATA[taz]]></category>
		<category><![CDATA[Konferenz]]></category>
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		<description><![CDATA[Die re:publica in Berlin ist längst mehr als Geek- und Internetveranstaltung. Es geht um den Fortschritt – und wie wir mit ihm umgehen. (aus der taz vom 8. Mai 2014) Mit ihren 350 Einzelveranstaltungen, meist läuft ein Dutzend parallel, ist]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die re:publica in Berlin ist längst mehr als Geek- und Internetveranstaltung. Es geht um den Fortschritt – und wie wir mit ihm umgehen.<span id="more-1934"></span> (aus der <a href="http://taz.de/Impressionen-von-der-republica-2014/!138115/" target="_blank">taz</a> vom 8. Mai 2014)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/republica2014_u__bersicht.jpg"><img class="size-full wp-image-1936 aligncenter" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/republica2014_u__bersicht.jpg" alt="republica2014_u__bersicht" width="620" height="310" /></a></p>
<p>Mit ihren 350 Einzelveranstaltungen, meist läuft ein Dutzend parallel, ist die <a href="http://www.re-publica.de/" target="_blank" shape="rect">re:publica</a> das Internet im Kleinen: Es gibt hier keine lineare Erzählung, keine kollektive Kongressrezeption, keine fertigen Ergebnisse, dafür viele Prozesse und noch mehr Dialoge. Das Überangebot sorgt für Überforderung, kaum wird etwas langweilig, verlassen viele Leute den Raum. Ist es nebenan nicht vielleicht viel spannender? Es ist ein Impressionsgewitter, ein permanenter Input-Overload, von dem man manchmal erst Jahre später weiß, was er einem eigentlich gebracht hat.</p>
<p>–––</p>
<p>Das Überthema Überwachung schwebt bei der ersten re:publica nach Snowden über allem. Den großen Aufschlag macht dabei Sascha Lobo, der durch die NSA-Affäre, die er gar nicht als „Affäre“ verniedlicht sehen will, vom Interneterklärbären zum Internetmahner geworden ist. 70 Minuten lang <a href="http://www.re-publica.de/session/rede-zur-lage-nation" target="_blank" shape="rect">redet er den Zuhörern ins Gewissen</a>, verurteilt die Nichtbereitschaft, die wenigen hart arbeitenden Internet-Lobbygruppen finanziell zu unterstützen, die Müdigkeit, die sich bei diesem Thema längst eingestellt hat, als wäre das Problem gelöst, nur weil es seit einem Dreivierteljahr bekannt ist. Die Regierung verurteilt er auch und bekommt langen Applaus.</p>
<p>–––</p>
<p><span style="line-height: 1.5;">Es gibt verschiedene Gruppen hier: Die Leute aus Hackerkontexten mit bunten Haaren und sehr fortschrittlichem Genderverständnis. Die Abgesandten aus den Start-ups und Agenturen, Menschen mit gut sitzender Kleidung und jungen, unfertigen Gesichtern. Klassische 40-plus-Businesstypen mit Anzügen und Umhängetaschen. Blasse übergewichtige Nerds, die selbst von deutschen Fernsehfilmregisseuren als zu klischeehaft abgelehnt würden. Und ein großer Rest von Twenty- und Thirty-somethings, der aussieht wie überall in Berlin. Auf dem Hof bleiben diese Gruppen oft unter sich, in den Veranstaltungen diskutieren sie miteinander.</span></p>
<p>–––</p>
<p><span style="line-height: 1.5;">Sehr lobenswert ist die synchrone Untertitelung der Reden auf der Hauptbühne. Also die Idee ist lobenswert, in der Umsetzung wird aus „Pracmatism“ schon mal „Prague mytism“, aus dem NSA-Spähprogramm „Prism“ wird „Prison“ und aus „Godzilla“ ein „bug“. Auf dem Hof erzählt jemand, manche der Reden würden mit automatischer Spracherkennung untertitelt, andere von Menschen. Wenn das stimmt, erkennt man zumindest den Unterschied nicht mehr. Hallo, Zukunft.</span></p>
<p>–––</p>
<p><span style="line-height: 1.5;">Der Veranstaltungsort ist ein ehemaliger Postbahnhof, der Innenraum ist gigantisch weitläufig, manche Säle sind nur von Vorhängen getrennt. Damit man sich nicht gegenseitig stört, finden diverse Veranstaltungen mit Funkkopfhörern statt, wie „Silent Disco“, nur ohne tanzen. Das sieht lustig aus, aber man gewöhnt sich schnell dran – wenn die Dinger nur die Ohren nicht so heiß machen würden. Was auch die Kopfhörer nicht verhindern können, ist das Phantomklatschen: tosender Applaus an völlig falschen Stellen, von der anderen Seite des Vorhangs.</span></p>
<p>–––</p>
<p><span style="line-height: 1.5;">Die Kopfhörer wurden übrigens von einer Bank gespendet. Ohne Sponsoren geht es nicht, erst recht nicht bei den Eintrittspreisen. Im Foyer steht ein ganzes Messestanddorf aus weißen Kisten, eine Schuhfirma ist mit dabei, diverse Start-ups, Baden-Württemberg gleich zweimal. Größere Partner kriegen Veranstaltungsslots, einer hat den bemitleidenswerten David Hasselhoff auf die Bühne gezerrt. Den wichtigsten Sponsoren wird bei der Begrüßung gedankt: „Unser größter Partner ist wieder Daimler, diesmal mit dem Schwerpunktthema Mobilität.“ Die Leute lachen. „Äh, ja, also eMobility.“ Das schönste Sponsorengimmick aber haben alle Teilnehmer in ihren Kongresstaschen: eine Packung Kekse in Form von Facebook-Like-Daumen.</span></p>
<p>–––</p>
<p><span style="line-height: 1.5;">Noch ein paar Zahlen: 6.000 Besucher sind da, 1.000 mehr als letztes Jahr. 40 Prozent von ihnen sind Frauen, bei den Speakern sieht es genau so aus. Über 324.000 von diesen Gratiskeksen wurden verteilt. Und es waren rund 600 Journalisten da, der häufigste Vorname bei den Männern: Michael. Ähem.</span></p>
<p>–––</p>
<p><span style="line-height: 1.5;">Den besten Kaffee mit den kürzesten Schlangen gibt es in der Jazz-Bar gleich hinterm Eingang. Nur das mit dem Kassiersystem funktioniert nicht so richtig: Es ist ein iPad-Interface, das irgendwie mit der Analogkasse verbunden ist, die aber nicht dann aufgeht, wenn sie soll. „Die ist einfach zu schnell für das Scheißding“, sagt eine chefartige Person. Kurz danach kommen 15 Bons auf einmal aus dem Drucker. Man entscheidet sich dann, den Kaffeekonsum mit einer Strichliste zu dokumentieren.</span></p>
<p>–––</p>
<p><span style="line-height: 1.5;">Die Keynote halten </span><a style="line-height: 1.5;" href="http://www.re-publica.de/search/node/yes%20men" target="_blank" shape="rect">die Yes Men</a><span style="line-height: 1.5;">, die ihre Kommunikationsguerilla-Methode vorstellen: im Namen großer Organisationen falsche Pressemitteilungen rausgeben oder bei Tagungen Vorträge halten – und dabei immer genau so weit gehen, dass die Leute es noch glauben. Sie zeigen ihren Auftritt bei einer Homeland-Security-Konferenz, auf der sie einen Vortrag über die Abschaffung der fossilen Energien in den USA bis 2030 gehalten haben und wo ein Vertreter des fiktiven Indianerstamms der Wanabis es geschafft hat, dass die Zuschauer einen Rundtanz aufführen. Großes Gelächter im re:publica-Saal. Lustig wäre es jetzt, wenn ein Video von uns in einem halben Jahr auf einer Tea-Party-Konferenz gezeigt wird und dieselben Männer dann erzählen, sie hätten sich auf einer linksliberalen deutschen Netzkonferenz als „Yes Men“ ausgegeben und Quatsch erzählt.</span></p>
<p>–––</p>
<p><span style="line-height: 1.5;">Man sollte, man müsste hier so viel mehr über die Inhalte schreiben, allein, es würde den Rahmen sprengen – doch die meisten Veranstaltungen kann man sich ohnehin auch nachträglich </span><a style="line-height: 1.5;" href="http://youtube.com/user/republica2010" target="_blank" shape="rect">auf YouTube</a><span style="line-height: 1.5;"> anschauen, vieles steht auch in unseren</span><a style="line-height: 1.5;" href="http://taz.de/republica-2014-der-2-Tag/!138033/" target="_blank" shape="rect">Tageszusammenfassungen</a><span style="line-height: 1.5;">. Deswegen hier bloß noch eine Empfehlung: Der Vortrag </span><a style="line-height: 1.5;" href="http://www.re-publica.de/session/unsinn-stiften-performative-aufklaerung-vortrag-im-sinne-des-katersalons" target="_blank" shape="rect">„Unsinn stiften als performative Aufklärung“</a><span style="line-height: 1.5;">, in dem Christiane Frohmann den Unterschied von Entweder-oder- und Und-Menschen erklärt, die Schönheit von computergeneriertem Spam zeigt und brillante Bögen schlägt, von der Aufklärung zu „Serial Mom“, von der Toteninsel zum Cthulhu-Mythos, von Kafka zu Hitlerkatzen.</span></p>
<p>–––</p>
<p><span style="line-height: 1.5;">Im Hof: „Wie war die Party?“ – „Das war keine Party. Das war einfach nur so ein bisschen Chill-out.“ Woanders im Hof: „Die Party, ja, die war nach objektiven Gesichtspunkten wahrscheinlich Mist. Aber ich komm ja nicht hier her, um zu geiler Musik zu tanzen, sondern um mich mit interessanten Leuten zu unterhalten. Also ich hatte viel Spaß.“</span></p>
<p>–––</p>
<p><span style="line-height: 1.5;">Die re:publica käme ihrem Ziel, eine Gesellschaftskonferenz zu werden, immer näher, sagt Johnny Haeusler bei der Eröffnung. Sie hat es längst erreicht. Denn es geht nicht nur um Bezahlmodelle für Online-Journalismus, um Internethumor jenseits von Katzen, um Wikileaks oder Programmieren, es geht genauso auch um die Geschichten der Pen+Paper-Rollenspiele, um Einhörner, um Cyborgs, um das Leben nach der Apokalypse oder um den Streit der Sprachprogressiven (die mit dem Gender Gap und dem N-Wort) und der Sprachkonservativen (die das alles total albern finden).</span></p>
<p>Denn die re:publica ist keine Technologieveranstaltung, sie ist nicht mal eine Internetveranstaltung. Ihre Klammer ist breiter, es geht um Fortschritt: Wie er sich strukturell darstellt und gestalten lässt, wie wir mit ihm umgehen und was er mit der Gesellschaft und den Individuen macht. Was die Menschen hier eint, ist ihre geistige Bereitschaft, Veränderung als etwas Positives zu begreifen und die Zukunft als Chance zu sehen. Als etwas, an dem wir alle mitarbeiten können.</p>
<p>–––</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Foto: re:publica / Sandra Schink / <a href="http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/">CC BY 2.0</a></em></p>
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		<title>Ferkelmonat Januar</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Jan 2014 05:26:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Prozesse, Mitteilungen und Infos über die Sexvorlieben der Kasachen: Der knallharte Kampf der Pornoseiten um Aufmerksamkeit. (aus der taz vom 31. Januar 2014) „Alter Falter, das glaubt auch keiner der es nicht gesehen hat&#8230;.“ Alter Falter, Spambetreffs werden auch]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Prozesse, Mitteilungen und Infos über die Sexvorlieben der Kasachen: Der knallharte Kampf der Pornoseiten um Aufmerksamkeit.<span id="more-1842"></span> (aus der <a href="http://www.taz.de/Kolumne-Nullen-und-Einsen/!132005/" target="_blank">taz</a> vom 31. Januar 2014)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/pornhub_kasachstan.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1843" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/pornhub_kasachstan.jpg" alt="pornhub_kasachstan" width="620" height="310" /></a></p>
<p>„Alter Falter, das glaubt auch keiner der es nicht gesehen hat&#8230;.“ Alter Falter, Spambetreffs werden auch immer bescheuerter. In der Mail dazu geht das so weiter, „das haut einem das Blech weg“. „Mein lieber Scholli“, „da geht einem die Kinnlade runter!“ Wie bitte soll man bei so einem Zum-Bleistift-Vokabular noch von einem seriösen Angebot ausgehen, wie soll man ernsthaft glauben, dass man hier in 39 Minuten eine Technik lernen kann, mit der man in sieben Tagen 4.575 Euro verdient?</p>
<p>Aber man soll sich nicht über Spam beschweren, immer noch besser, als gar keine Mails zu bekommen, wie von meiner Hausverwaltung, die diesen Service leider nicht anbietet. Ich darf aber ein Fax schicken oder dienstags (10–13 Uhr) beziehungsweise donnerstags (14–17 Uhr) anrufen und kann mir außerdem sicher sein, dass die US-Geheimdienste wirklich überhaupt nichts über die Wasserflecken an der Decke wissen.</p>
<p>Seltsam sind auch Mails von Anbietern, die man eher im Schattensegment des Internets verortet, die einem aber ganz hochoffizielle Pressemitteilungen schicken. Vor zwei Wochen kam Post von RedTube, der Pornofilmseite, die nicht klingen will wie eine Pornofilmseite. Sie begrüßte ihren zweimilliardsten deutschen Nutzer und stellte klar: „For close to eight years, viewers have trusted RedTube to deliver a quality adult entertainment experience across a streaming platform.“ Bei RedTube werden Qualität und Vertrauen eben noch großgeschrieben!</p>
<p>Außerdem wurde das Statement der Bundesregierung begrüßt, dass Streaming keine Urheberrechtsverletzung sei, als Reaktion auf <a href="http://www.taz.de/Kommentar-Redtube-Urteil/%21131852/" target="_blank" shape="rect">das laufende Abmahnverfahren gegen RedTube-Nutzer</a>, das, wie <a href="http://twitter.com/mspro" target="_blank" shape="rect">mspro</a> zurecht sagte, in Wirklichkeit ja die optimale PR-Kampagne ist. Die meisten Leute kannten vorher ja gar nichts anderes als YouPorn!</p>
<p>Die Konkurrenz muss sich da eigene PR-Tricks einfallen lassen. Der britische Anbieter Pornhub hat deshalb neulich <a href="http://onlinetaz.hal.taz.de/http://" target="_blank" shape="rect">zum wiederholten Male</a> seine <a href="http://www.theguardian.com/news/datablog/2014/jan/07/pornhub-porn-trends-search-terms-time" target="_blank" shape="rect">Nutzerstatistiken veröffentlicht</a>. 8:56 Minuten verbringt der Durchschnittsuser auf der Seite, Briten brauchen rund eine Dreiviertelminute länger, Amerikaner sind sogar 11 Minuten dabei.</p>
<p>Bei den beliebtesten Suchbegriffen, nach Ländern sortiert, ist fast immer das eigene Land on top, also „German“, „British“, „Italian“, „Japanese“. Dieser Trend zeigt sich übrigens auch in dem <a href="http://www.pornmd.com/sex-search" target="_blank" shape="rect">noch umfangreicheren Datenmaterial</a> der Metaseite PornMD, Ausnahmen bilden so abseitige Länder wie Irland (Topbegriff: „Gangbang“) und Kasachstan („Lesbian Prison“) oder die besonders kreativen Iraner („Pussy“) und Finnen („Sex“).</p>
<p>Von Pornhub lernen wir ferner, dass der beliebteste Onlinepornogucktag in fast allen Ländern – außer Japan – der Montag ist. Und ähnlich beliebt ist auch der Januar, nur Mexiko (März) und wieder Japan (November) scheren hier aus. Klar: Über Weihnachten zerbrechen gerne mal Beziehungen, und überhaupt, bei all den guten Vorsätzen, weniger essen, weniger Alkohol, weniger Spaß, hat man ja auch nix Besseres zu tun als zu Hause zu bleiben und sich einen runterzuholen. Zum Glück ist dieser Ferkelmonat nun endlich vorbei!</p>
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		<title>Die Hauptfigur ist eine Stadt</title>
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		<pubDate>Sat, 25 Jan 2014 20:08:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Grandiose urbane Kaputtheit: Der retrofuturische Noir-Thriller „Mister X“ war in den Achtzigern stilbildend. Als Sammelband gibt es ihn jetzt auch auf Deutsch. (aus der taz vom 25. Januar 2014) So viel zu tun und so wenig Zeit! Schattengleich huscht der]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Grandiose urbane Kaputtheit: Der retrofuturische Noir-Thriller „Mister X“ war in den Achtzigern stilbildend. Als Sammelband gibt es ihn jetzt auch auf Deutsch. <span id="more-1830"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Dean-Motters-Comic-Mister-X/!131652/" target="_blank">taz</a> vom 25. Januar 2014)</h3>
<h3><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/schreiber-leser-mr-x.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1835" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/schreiber-leser-mr-x.jpg" alt="schreiber-leser-mr-x" width="620" height="283" /></a></h3>
<p>So viel zu tun und so wenig Zeit! Schattengleich huscht der Mann durch die endlostiefen Straßenschluchten seiner Stadt, drahtig, hager, ewig gehetzt, Drogen halten ihn wach, seit vielen Wochen schon. Er hat diese Stadt erschaffen, jetzt will er sie reparieren.</p>
<p>Und tatsächlich scheint er sie zu beherrschen, kann dank seines exklusiven Zugangs zu einem Geheimgangsystem überall verschwinden und auftauchen und kennt alle wichtigen Strippenzieher. Doch wer ist dieses Mysterium mit Glatze, Trenchcoat und Sonnenbrille?</p>
<p>Der Kanadier Dean Motter ist der Schöpfer von „Mister X“, zwischen 1983 und 1988 jagte er ihn durch 14 Bände voll mit Intrigen, Toten, Entführungen und Verstrickungen, in Szene gesetzt von jungen Talenten der alternativen Comicszene: Den Brüdern Gilbert, Jaime und Mairo Hernandez, die dank ihrer „Love + Rockets“-Reihe längst Legendenstatus haben, sowie den Zeichnern Seth und Paul Rivoche. Die düstere, postmoderne New-Wave-Optik von „Mister X“ war stilbildend, ein Vorbild etwa für Tim Burtons Kinointerpretation von Batmans Gotham City oder Terry Gilliams „Brazil“.</p>
<h6>Kilometerhohe Art-déco-Hochhäuser</h6>
<p>Der Hamburger Verlag <em>Schreiber &amp; Leser</em>, zu dessen Schwerpunkt Krimi-, Noir- und Erotik-Stoffe gehören, hat nun sämtliche Bände des Motter-Zyklus veröffentlicht und sie dafür umfangreich restauriert: Auf jeder Seite der Originalscans wurden digital die Druckraster und bei Bedarf auch Farbschatten entfernt. Drei Vorworte, einiges Bonusmaterial und das von Motter schon 2008 neu gestaltete Ende der letzten Episode runden den Sammelband ab.</p>
<p>Doch ist Mister X, das verrät ja schon sein Platzhaltername, gar nicht der Mittelpunkt dieser Geschichte. Denn die wahre Hauptfigur ist eine Stadt: Radiant City! Kilometerhohe Art-déco-Hochhäuser mit gigantischen Foyers und Hallen streben hier in den von Scheinwerferkegeln zerschnittenen Nachthimmel, verbunden von schwindelhohen Brücken wie in dem Filmklassiker „Metropolis“.</p>
<p>Nicht ein Baum, nicht ein Grashalm existiert in dieser Stadt der Zukunft, deren Schatten, Formen und Fluchten von den Zeichnern grandios in einer retrofuturistischen Dieselpunk-Ästhetik festgehalten wurden: fliegende Autos im Stile von 50er-Jahre-Straßenkreuzern, Zeppeline und schnittige Schnellzuglokomotiven, Zeitungsstreiks und Roboter prägen das Bild – Computerdisplays gibt es hingegen nicht.</p>
<h6>Bauhausmoderne und Tangerine Dream</h6>
<p>In einem Interview mit dem Berliner Stadtmagazin <em>Zitty</em> betonte Motter auch den „großen deutschen Einfluss“ auf Mister X, von der Architektur der Bauhausmoderne über die Filmkulissen des Stummfilmexpressionismus, beim Entwurf des Szenarios lief zudem Musik von Kraftwerk und Tangerine Dream.</p>
<p>Gebaut wurde Radiant City, natürlich, als Utopie, von den fähigsten Architekten seiner Zeit, Simon Myers und Walter Eichmann. Die Stadt sollte den Prinzipien der Psychotektur folgen, einer Feng-Shui-artigen Wissenschaft, laut der die äußere Verfasstheit der Stadtstrukturen die Stimmung ihrer Bewohner steuert. Doch die Zeit wurde knapp, die Architekten zerstritten sich, Eichmann tauchte unter, und aus der Utopie wurde ein Moloch mit defekter Psychotektur, der seine Bewohner in den Wahnsinn treibt: Ständig sehen wir Menschen auf die Straßen stürzen, das einzige Ziel der Schnellzüge scheint die Ninth Academy zu sein, eine Mischung aus Sanatorium und Irrenanstalt.</p>
<p>Designerdrogen spielen eine bedeutende Rolle in Radiant City, Leprocyllin, Poltercain, Insomnalin, Metamorphin heißen sie. Der Wunsch nach Schlaflosigkeit, nach der Selbstoptimierung mit Wachmachern ist ein Dauerthema der Comicserie und lässt sie heute, in Zeiten von Neuro Enhancement und steigendem Ritalinkonsum, noch immer aktuell erscheinen. „So viel zu tun? und so wenig Zeit!“ ist das Mantra von Mister X.</p>
<h6>Lustvoll klischeebeladenes Personal</h6>
<p>So lustvoll klischeebeladen wie die urbane Kaputtheit von Radiant City ist auch ihr Personal, das aus einem Hardboiled-Crime-Groschenheftchen stammen könnte: Da ist der schmierige Gangsterboss mit der Femme fatale als Liebchen, da sind die korrupte Elite, der mächtige Konzern, der heimlich die Stadt mit Drogen versorgt, und die Unschuld vom Lande, die sich in Mister X – Santos nennt sie ihn – verliebt hat.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/schreiber-leser-mr-x-650-Cover.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1834" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/schreiber-leser-mr-x-650-Cover.jpg" alt="schreiber-leser-mr-x-650 Cover" width="310" height="452" /></a></p>
<p>Doch ist dieser Mister X trotz seiner unklaren Identität und seines Wissensvorsprungs kein Superheld, Manipulator oder genialer Meisterdieb. Im Gegenteil, ständig sehen wir ihn scheitern und flüchten, er wird verprügelt und verraten, scheitert an Empfangsdamen und kämpft mit Entzugserscheinungen. Er ist so kaputt wie die Bewohner seiner Stadt, der größte Junkie von allen.</p>
<p>Wobei seine Geschichte auf den Leser selbst ebenfalls wie Schlafentzug auf chemischen Drogen wirkt. Sind die Zeichnungen der ersten Bände noch recht realistisch gehalten, wird es bei den Visualisierungen von Seth mit jeder Folge schneller, karikaturenhafter, flapsiger. Mit fettem Strich wirft er Pop-art-hafte Abstraktionen aufs Papier. Und auch das Erzähltempo steigt stetig, immer atemloser folgen die Ereignisse aufeinander, immer weiter verliert man den Zugriff auf das Geschehen und versinkt immer tiefer in dem Irrsinn, der jeden Bewohner von Radiant City unweigerlich befällt. So viel zu tun und so wenig Zeit!</p>
<p><em><strong>Dean Motter, Seth, Paul Rivoche, Gebrüder Hernandez: „Mister X“.</strong> Aus dem Englischen von Bernd Weigand. Schreiber &amp; Leser, Hamburg 2013, 383 Seiten, 39,80 Euro.</em></p>
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		<title>Unglücklich wie ein Großstadtsingle</title>
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		<pubDate>Sat, 04 Jan 2014 18:47:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Frauengeschichten, Depressionen und Allerweltsgespräche: Joann Sfars Comic „Vampir“ erzählt vom Vampir Ferdinand und seinem fast menschlichen Leben. (aus der taz vom 4. Januar 2014) Joann Sfar ist ein Besessener. Besessen davon, Geschichten zu erzählen, rauschhafte, reiche Geschichten. An über 100 Comicbänden war der]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Frauengeschichten, Depressionen und Allerweltsgespräche: Joann Sfars Comic „Vampir“ erzählt vom Vampir Ferdinand und seinem fast menschlichen Leben. <span id="more-1628"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Social-Media-Forscherin-ueber-Netzkatzen/!121397/" target="_blank">taz</a> vom 4. Januar 2014)</h3>
<p><strong><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/avant-vampir-news-bild-1-xl.jpg"><br />
<img alt="avant-vampir-news-bild-1-xl" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/avant-vampir-news-bild-1-xl.jpg" width="620" height="294" /></a></strong></p>
<p>Joann Sfar ist ein Besessener. Besessen davon, Geschichten zu erzählen, rauschhafte, reiche Geschichten. An über 100 Comicbänden war der 42-jährige Franzose in den vergangenen 20 Jahren als Zeichner oder Autor beteiligt. Jüdisches Brauchtum, viktorianische Schauermärchen, osteuropäische Sagen, die Zeit Russlands zur Revolution, die Irren und Wirren der Liebe und das Leben von Künstlern sind wiederkehrende Themen Sfars. Fabelwesen und Teufel, dralle Frauen und lustige Musikanten, Rabbis, Kosaken und Polizisten bevölkern seine Geschichten.</p>
<p>Eine dieser Sfar-Gestalten ist Ferdinand, ein Vampir aus Litauen. In einem Sammelband hat der Berliner Avant-Verlag jetzt vier der „Vampir“-Alben veröffentlicht, ergänzt durch Skizzen und ein „Interview mit einem Vampir“ am Schluss.</p>
<p>Traditionell wie Nosferatu sieht Ferdinand aus, er schläft in einem Sarg, trägt Frack, Weste und Krawatte – und lebt doch so unstet und unglücklich wie ein Großstadtsingle: In seinem riesigen Schloss hat er nur eine hässliche, aber geliebte Katze an seiner Seite, nachts treibt es ihn raus, durch Bars und Clubs, auf der Suche nach Nähe und Zuneigung.</p>
<p>So stolpert Ferdinand, obwohl er eigentlich eher schüchtern ist, von einer unglücklichen Frauengeschichte in die nächste, mal mit einer griechischen Studentin, mal mit einem verspielten Gespenst oder einer japanischen Touristin.</p>
<h6>„Ich muss akzeptieren, wer ich bin“</h6>
<p>Doch es ist halt immer das Gleiche: Das Alraunenmädchen, in das Ferdinand schwer verliebt ist, will sich nicht auf eine Beziehung einlassen. Die blasse Vampirin mit den langen roten Haaren, die Ferdinand umgarnt und ihm lange Briefe schreibt, interessiert ihn hingegen nicht so recht. Als sie ihn abschleppen will, geht er lieber Platten kaufen.</p>
<p>Und manchmal ist Ferdinand, der übrigens beim Blutsaugen stets darauf achtet, keine Menschen zu töten, auch einfach traurig. Er sinniert darüber, wie er sein Leben besser machen könnte: „Ich muss akzeptieren, wer ich bin. Und mehr Zeit mit meinen Freunden verbringen.“ Oder er verkriecht sich mit Depressionen auf das Sofa eines Bekannten. Der liest ihm aus dem babylonischen Talmud vor, was ihn aber auch nicht glücklich macht: „Ich lebe schon sehr lange, sehr, sehr lange. Ich erinnere mich an zu viele Sachen.“</p>
<p>Zwischen den Romanzen passieren Ferdinand die absonderlichsten Dinge. Auf einer Kreuzfahrt wird er fast von einer Mumienbande getötet, die Polizei von Vilnius bittet ihn um Mithilfe bei einer Mordserie, und er hilft einem getrennten Schachautomatenpärchen, wieder zusammenzufinden.</p>
<p>Er trifft einen Profiverführer und einen Klagegeist, ein Golem kommt in den Geschichten natürlich auch vor, genau wie der rätselhafte Abenteurer Professor Bell, dem Joann Sfar eine eigene Buchreihe gewidmet hat – Überschneidungen und Gastauftritte sind typisch für sein Werk.</p>
<h6>Disziplinierte Zeichnungen</h6>
<p>Typisch sind auch die ausdrucksstarken Zeichnungen und der schnelle, organische Strich. Wobei Sfar, der seinen Stil gern und weit variiert, in „Vampir“ schon fast diszipliniert vorgeht, die meisten Seiten gehorchen einer klaren Panelstruktur, die Zeichnungen sind sauber koloriert, in unheimlich satten und oft recht dunklen Farben übrigens.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/avant-vampir-66033_0.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1630" alt="avant-vampir-66033_0" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/avant-vampir-66033_0.jpg" width="310" height="364" /></a>In anderen Büchern Sfars sind die Bilder mitunter wie hingeworfen, die Linien zitterig-krude und die Farben nur vage an den Umrissen orientiert, geradezu ein Ausdruck von Sfars Drang, Geschichten zu erzählen, der so stark ist, dass er mit seinen Zeichnungen einfach nicht mehr hinterherkommt.</p>
<p>Genauso schnell und direkt sind auch die Dialoge. In „Vampir“ leben sie von ihrer Unmittelbarkeit und Unverstelltheit. Banale Allerweltsgespräche unterbrechen und verlangsamen die oft aberwitzige Handlung, fast wie in Tarantino-Filmen. Joann Sfars Sprache ist mal komisch, mal melancholisch, aber immer rasant. So wie seine vielen Universen überquellen von Fantasie und Leben – auch wenn es oft um Tote geht.</p>
<p><strong>Joann Sfar: „Vampir“. Aus dem Französischen von Paula Bulling und Barbara Hartmann. Avant-Verlag, Berlin 2013. 216 Seiten, 29,95 Euro</strong></p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Sad Cactus und Bizarrocons</title>
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		<pubDate>Fri, 03 Jan 2014 19:44:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Was kommt nach Vadering und Harlem Shake? Unser Onlinetrend-Powerteleskop offenbart einen Blick auf die Supertrends 2014. (aus der taz vom 3. Januar 2014) Hach, 2013, was hast du sie doch bei Laune gehalten, die armen Teufel, die einst]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Was kommt nach Vadering und Harlem Shake? Unser Onlinetrend-Powerteleskop offenbart einen Blick auf die Supertrends 2014.<span id="more-1646"></span> (aus der <a href="http://taz.de/Kolumne-Nullen-und-Einsen/!130281/" target="_blank">taz</a> vom 3. Januar 2014)</h3>
<p>Hach, 2013, was hast du sie doch bei Laune gehalten, die armen Teufel, die einst als Internetfachredakteure eingestellt wurden und die nun jede verdammte Woche neue lustige „Netztrends“ benötigen, um ihre Rubriken mit Namen wie „Aus dem Netz gefischt“ vollzuschreiben. Trends, die gern aus Asien oder den USA zu uns „rüberschwappen“, um fortan „in Blogs und sozialen Netzwerken“, „auf dem beliebten Kurznachrichtendienst Twitter“, „bei den neuen Fotoblogginganbietern Instagram und Tumblr“ oder gleich im ganzen „Web“ zu „kursieren“.</p>
<p>Und was für ein Jahr: Musikvideos mit schreienden Ziegen, ein Hund namens Doge, Hallway Swimming, Desk Safari, Cat Bearding, Batmanning, Vadering, Mamming, Hadokening, Harlem Shake, Prancercise und 17 Millionen Sorten Selfies. Irre!</p>
<p>Doch wie geht es jetzt weiter, wie soll man das noch toppen, was hält diese verrückte Netzcommunity als Nächstes für uns bereit? Knifflig, denn zwar lassen sich für praktisch alle Bereiche des Lebens ohne Probleme die „Trends 2014“ ergoogeln – für Mode: Midi-Röcke, Gelb, Pastell, Bauchfrei, Durchblick, Pflanzen-Prints, Shorts <em>(<a href="http://www.cosmopolitan.de/bildergalerie/b-26792/modetrends-2014-von-der-berlin-fashion-week.html" target="_blank" shape="rect">Cosmopolitan</a>),</em> für Wohnen: New York Elegance, Venetian Dream, Berlin Independence, Global Rhythm <em>(<a href="http://www.guj.de/presse/pressemitteilungen/schoener-wohnen-kollektion-praesentiert-die-vier-neuen-wohntrends-2014/" target="_blank" shape="rect">Schöner Wohnen</a>),</em> für Autos: Mehr Sicherheit, Kältemittelstarre, Gramm zählen, SUV, Bedeutungsverlust <em>(<a href="http://www.welt.de/motor/article123028922/Die-wichtigsten-Trends-des-Auto-Jahres-2014.html" target="_blank" shape="rect">Die Welt</a>),</em> ja gar für Haarfarben: Karamell, Rosa, Strähnchen färben, multitonale Effekte, Walnuss, Platinblond usw. <em>(<a href="http://www.jolie.de/bildergalerien/haarfarben-2012-trends-1876518.html" target="_blank" shape="rect">Jolie</a>) </em>– nur fürs Internet gibt es so gut wie keine konkreten Ergebnisse.</p>
<p>Allenfalls Subkategorien wie „Social Media Trends 2014“ <a href="http://www.forbes.com/fdc/welcome_mjx.shtml" target="_blank" shape="rect">werfen Listen aus</a> und darin stehen dann so Sachen wie „Investment in Social Media Will Become a Necessity, Not a Luxury“ oder „Image-Centric Networks Will See Huge Success“ (danke, <em>Forbes, </em>uns interessieren aber die Trends von 2014 nach christlicher, nicht nach jüdischer Zeitrechnung).</p>
<p>Doch zum Glück gibt es ja den Onlinetrend-Powermotor „Nullen und Einsen“. Flugs einen Blick durch unser Trendteleskop geworfen, schon offenbaren sich folgende Supertrends am Trendhorizont 2014: Der Sad Cactus wird die neue Grumpy Cat. Emoticons bekommen Ohren. Second Life erlebt seine erste Retrowelle durch die In-Game-App „Third Life“, anschließend gibt es einen Riesenstreit, ob das nun „Postretro“ heißen muss oder ob Space Invaders ab sofort von „Retro“ zu „Klassik“ befördert werden.</p>
<p>Mozilla veröffentlicht 15 neue Firefox-Versionen. Auf Wearables und Driveables folgen Eatables. Es wird ein neuer Buchstabe eingeführt, der die Frage beendet, ob man „geliket“ oder „geliked“ schreiben sollte. Snapchat landet mit seinem sozialen Netzwerk „Vegas“ einen Riesenerfolg: Es ist komplett vom Rest des Netzes abgeschnitten und niemand kann irgendwas rein- oder raussharen („What happens in Vegas, stays in Vegas“). Der Headless- und der Turnaround-Selfie beerdigen den Selfie-Hype.</p>
<p>Dazu kommen noch ein paar selbsterklärende Trends, die hier nicht weiter ausgeführt werden müssen: Schnecking, Overunderism, Fragmented Chats, Boo Birds, Bizarrocons. Und natürlich der Übertrend 2014: das Wittgensteining.</p>
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		<title>Mittelhochtief</title>
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		<pubDate>Sat, 07 Dec 2013 19:44:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Hammergruppe oder Losglück? Die deutsche WM-Gruppe ist keines von beidem. Der Sportboulevard kann dennoch zufrieden sein. (veröffentlich auf taz.de am 7. Dezember) Es ist schon putzig mit der deutschen Sportpresse, die so gern alle Ergebnisse und Ereignisse nur in schwarz oder]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Hammergruppe oder Losglück? Die deutsche WM-Gruppe ist keines von beidem. Der Sportboulevard kann dennoch zufrieden sein. <span id="more-1648"></span>(veröffentlich auf <a href="http://taz.de/Kolumne-Press-Schlag/!128950/" target="_blank">taz.de</a> am 7. Dezember)</h3>
<p>Es ist schon putzig mit der deutschen Sportpresse, die so gern alle Ergebnisse und Ereignisse nur in schwarz oder weiß wahrnehmen möchte. „Glück gehabt“ und „lösbare Aufgaben“, stand <a href="http://www.spiegel.de/sport/fussball/wm-auslosung-deutschland-gegen-ghana-usa-und-portugal-a-937239.html" target="_blank" shape="rect">im ersten Text auf Spiegel Online</a> direkt nach der Auslosung der Gruppen der Fußball-WM 2014 in Brasilien. Bild.de sprach parallel hingegen von einer <a href="http://www.bild.de/sport/fussball/wm-2014/jogi-jetzt-kommen-deine-gegner-33707772.bild.html" target="_blank" shape="rect">„Hammer-Gruppe für Jogi“</a>, die bloß noch von der „Horror-Gruppe“ mit England, Uruguay und Italien getoppt wurde.</p>
<p>Was passiert war? Deutschland hatte, sowas kann ja mal passieren, mit Portugal, den USA und Ghana aus jedem der drei Töpfe zwar eines der besseren Teams zugelost bekommen, aber eben nicht genau dreimal das härteste. So ist man nun insgesamt in einer der stärksten Gruppen gelandet – wohl nicht so heftig wie die Gruppe B mit Holland, Spanien und Chile bzw. die England-Gruppe D, aber klar vor etwa der C-Gruppe mit Kolumbien, der Elfenbeinküste, Griechenland, Japan oder der E-Gruppe mit der Schweiz, Frankreich, Ecuador und Honduras.</p>
<p>Für Deutschland wird in dieser Konstellation jedes Spiel zu einer Herausforderung, aber, natürlich, ist die Mannschaft Favorit auf den Gruppensieg und der Achtelfinaleinzug ist insgesamt eine machbare Aufgabe – was angesichts der Lostopfzusammensetzung und der aktuellen Spielstärke der deutschen Elf übrigens noch kein Losglück ist, sondern eine Selbstverständlichkeit.</p>
<p>Glück offenbart diese Auslosung allerdings auf den zweiten Blick, wenn man einen Schritt weitergeht und sich mögliche Wege durch den KO-Baum des Turniers vorstellt. Da sieht man, dass mit Brasilien, Holland, Italien und Spanien vier der Mitfavoriten auf den Titel erst als Halbfinalgegner möglich sind, mindestens zwei von ihnen sich aber vorher schon hübsch gegenseitig aus dem Turnier genommen haben werden. Auch England, Uruguay, Mexiko und die Elfenbeinküsten, Chile und Kolumbien spielen in dieser Baumhälfte.</p>
<p>Auf der deutschen Seite sind Argentinien, das unberechenbare Frankreich und die allgemein als Geheimfavorit geltenden, aber ohne Turniererfahrung ausgestatteten Belgier die größten Namen, daneben traut man allenfalls noch Russland etwas zu. Dieser Weg würde – immer vorausgesetzt man scheidet nicht schon in Gruppe aus – vielleicht kein leichter sein, aber unfassbar steinig und hart ist er dennoch nicht.</p>
<p>Großes Losglück bedeutet die deutsche Gruppe übrigens auch für den deutschen Sportboulevard. Die USA mit Jürgen Klinsmann, Ghana mit Kevin-Prince Boateng, Portugal mit Cristiano Ronaldo – besser hätte es kaum laufen können, jedes Spiel lässt sich mit wunderbar mit Personality-Storys vor- und nachbereiten und auf lästige Dinge wie Spielsysteme und Taktik muss nicht weiter Rücksicht genommen werden.</p>
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		<title>The next big thing im WTF-Marketing</title>
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		<pubDate>Fri, 06 Dec 2013 19:44:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Neues von der Bullshit-Front: Click + Collect verbindet das Schlechteste aus dem Online- und Offline-Shopping. (aus der taz vom 6. Dezember) Bei Karstadt am Hermannplatz steht es, passend zum Weihnachtsgeschäft, groß im Schaufenster: „Click + Collect“. Was klingt]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Neues von der Bullshit-Front: Click + Collect verbindet das Schlechteste aus dem Online- und Offline-Shopping.<img title="Weiterlesen …" src="http://michaelbrake.de/wp-includes/js/tinymce/plugins/wordpress/img/trans.gif" alt="" /> <span id="more-1647"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Kolumne-Nullen-und-Einsen/!128849/" target="_blank">taz</a> vom 6. Dezember)</h3>
<p style="text-align: center;"><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Karstadt_ClickCollect.jpg"><img class="size-full wp-image-1657 aligncenter" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Karstadt_ClickCollect.jpg" alt="Karstadt_ClickCollect" width="620" height="301" /></a></p>
<p>Bei Karstadt am Hermannplatz steht es, passend zum Weihnachtsgeschäft, groß im Schaufenster: „Click + Collect“. Was klingt wie ein Computerspielgenre aus den 80ern (Jump + Run, Hack + Slay, Point + Click) ist in Wirklichkeit das nächste große Ding im WTF-Marketing. Beziehungsweise im Multichannel-Marketing, wie diese Bullshit-Unterkategorie offiziell heißt.</p>
<p>Click + Collect bedeutet: Zu Hause am Computer die Waren aussuchen und sie sich dann im stationären Handel abholen. Sprich: Man kann die Sachen vorher nicht anfassen und ausprobieren, sie werden aber auch nicht nach Hause geliefert.</p>
<p>Also das Schlechteste aus zwei Welten, ein wenig so, als würde man in ein Kino im Nachbarbezirk fahren, eine Viertelstunde anstehen und sieben Euro für eine Karte bezahlen, mit der man einen Film dann zu Hause und nur zu einer bestimmten Zeit auf dem 11-Zoll-Laptopbildschirm mit Scheppersound gucken kann. Und vor einem sitzt ein Mann, der seinen Zylinder nicht abnimmt, und schmatzt ganz laut.</p>
<p>Laut Wikipedia ist das Konzept aber sehr erfolgreich. „Mittlerweile wird der Großteil der Kaufentscheidungen in zahlreichen Non-Food-Bereichen online gefällt, sprich die Konsumenten recherchieren im Internet, bevor sie offline, also in den Filialen, kaufen“, steht <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Click_and_Collect" target="_blank" shape="rect">im Click+Collect-Artikel</a>. „Dieses Phänomen wird auch als ’ROPO-Effekt‘ bezeichnet. ROPO ist dabei ein Akronym von ’research online, purchase offline‘“</p>
<p>Das ist irre, denn bisher kannte ich nur den ROPO-Effekt („research offline, purchase offline“), den ROPO-Effekt („research offline, purchase online“) und natürlich den berühmten ROPO-Effekt („research online, purchase online“). Beim vorangegangenen Satz denken Sie sich bitte die Stimme von diesem Sprecher, der immer bei Stefan Raab <a href="http://vimeo.com/31343608" target="_blank" shape="rect">die Beiträge vertont</a>.</p>
<p>Click + Collect + Co sind dabei in erster Linie eine Reaktion auf das „Showrooming“, bei dem wir Kunden die Kaufhäuser, Klamottenläden und Elektronikgeschäfte nur noch als Ausstellungsraum zum An- und Ausprobieren nutzen, beim geschulten Fachpersonal ein paar Beratungsleistungen abgreifen und schließlich, am besten noch direkt vor Ort, im Smartphone nachschauen, bei welchem Webshop das Zeug billiger zu haben ist (und es gibt immer einen, schließlich sparen die sich Verkaufsflächen und Mitarbeiter). In Australien hatte deswegen ein Ladenbesitzer sogar damit angefangen, von seinen Kunden <a href="http://www.sueddeutsche.de/geld/einkaufsphaenomen-showrooming-nur-mal-gucken-kostet-fuenf-dollar-1.1633568" target="_blank" shape="rect">fünf Dollar zu nehmen</a>, wenn sie „nur mal gucken wollen“, und diesen Eintrittspreis später mit dem Kauf zu verrechnen.</p>
<p>Von daher ist der Versuch verständlich. Wenn man doch aber bloß die, äh, Benefits des Verfahrens ein bisschen überzeugender rüberbringen würde! In Karstadts Pressemitteilung <a href="http://www.presseportal.de/pm/16971/2365261/karstadt-staerkt-online-geschaeft-neuer-service-bei-karstadt-de-click-collect" target="_blank" shape="rect">zum Click + Collect-Start</a> vor rund einem Jahr stand stolz: „Dies hat entscheidende Vorteile: Der Kunde spart nicht nur die Versandkosten, er kann außerdem die Ware direkt vor Ort anprobieren, ein passendes Accessoire dazu finden und sich beraten lassen.“ Das klingt total einleuchtend … aber wo war da gleich der Unterschied zum ganz normalen Kaufhauskauf (ROPO)?</p>
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		<title>Die Entdeckung der Fischkoppness</title>
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		<pubDate>Fri, 08 Nov 2013 19:58:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Von St. Petersburg zu Pu der Bär in weniger als fünf Schritten: Eine Reise auf den wunderbaren Wegen der Serendipidingsbums. (aus der taz vom 8. November 2013) Es gibt kein Wort, das ich so schlecht aussprechen oder aufschreiben]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>KOLUMNE NULLEN UND EINSEN<img title="Weiterlesen …" alt="" src="http://michaelbrake.de/wp-includes/js/tinymce/plugins/wordpress/img/trans.gif" /> Von St. Petersburg zu Pu der Bär in weniger als fünf Schritten: Eine Reise auf den wunderbaren Wegen der Serendipidingsbums.</h3>
<h3><span id="more-1649"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Kolumne-Nullen-und-Einsen/!127066/">taz</a> vom 8. November 2013)</h3>
<p>Es gibt kein Wort, das ich so schlecht aussprechen oder aufschreiben kann wie Serendipität. Jedes Mal verdreht sich mein Gehirn und ich muss nachschlagen, ob es nun <a href="http://riesenmaschine.de/?nr=20121118013939" target="_blank" shape="rect">Serendipidität</a> heißt oder doch nur <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Serendipit%C3%A4t" target="_blank" shape="rect">Serendipität</a>. Ich versuche, es mir auf Englisch vorzusagen, aber scheitere nur noch mehr. Alles klingt falsch! Immer!</p>
<p>Dabei beschreibt das Wort doch etwas so Schönes: Das Zufallsfundprinzip, das Entdecken von Dingen, von denen man nicht mal wusste, dass es sie gibt, geschweige denn dass man nach ihnen gesucht hat.</p>
<p>Wikipedia ist dabei das junge Königreich der Serendipität. Neulich suchte ich, inspiriert von einer Erkundung der Ostsee auf GoogleMaps, nach der nördlichsten Millionenstadt der Welt. Das ist tatsächlich St. Petersburg, wie im Wikipedia-Beitrag <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/N%C3%B6rdlichste_Orte_der_Erde" target="_blank" shape="rect">Nördlichste Orte der Erde</a> steht, der nicht nur auf die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%BCdlichste_Orte_der_Erde" target="_blank" shape="rect">Südlichsten Orte der Erde</a> verweist (St. Petersburgs Gegenstück ist Melbourne), sondern auch auf <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Nordizit%C3%A4t" target="_blank" shape="rect">Nordizität</a>.</p>
<p>Die Nordizität ist eine Erfindung des kanadischen Geographen Louis-Edmond Hamelin und beschreibt die Nördlichkeit („Fischkoppness“ jubelt M. im Facebookchat) eines Ortes anhand von zehn Faktoren, zu denen die Erreichbarkeit, die Eisartigkeit, das BIP und der Niederschlag zählen. Die maximale Nordizität eines Ortes ist 1.000, was aber nur der Nordpol erreicht (womit also ein niedriges BIP ein Anzeichen für Nordizität sein muss, das finde ich ziemlich südistisch).</p>
<p>Ich muss an das Lied <a href="http://www.youtube.com/watch?v=fi92_ka9Mvk" target="_blank" shape="rect">„Die langweiligsten Orte der Welt“</a> denken, in dem „Das flachste Meer der Erde“ besungen wird, was wiederum, Kreise schließen sich, die Ostsee ist, an Pu der Bärs Expedition zum Nordpol, wo Christopher Robin sagt: „Ich nehme an, dass es auch einen Ostpol und einen Westpol gibt, obwohl man allgemein nicht gern über sie spricht“, ferner an den Rattenfänger von Hameln, und seit Tagen blitzt immer wieder das Wort „Geschiebemergel“ in meinem Kopf auf und verschwindet schnell wieder.</p>
<p>Es gibt ein Spiel, das diese ungeplante Wissensvermehrung zum, äh, Spiel macht: „The Six Degrees of Wikipedia“ (TSDoW), was auf Stanley Milgrams „The Six Degrees of Separation“ (bei uns bekannt als Kleine-Welt-Phänomen) genauso anspielt wie auf den Filmnerd-Schwanzvergleich <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Six_Degrees_of_Kevin_Bacon" target="_blank" shape="rect">„The Six Degrees of Kevin Bacon“</a>. Ziel von TSDoW ist, mit möglichst wenig Klicks von einem Beitrag zu einem anderen zu kommen.</p>
<p>Auf der <a href="http://https//www.taz.de/Netzkonferenz-republica-3-Tag/!115973/" target="_blank" shape="rect">re:publica</a> hatte ich es im Mai zum ersten Mal live gesehen, „Wir wollen nur kurz was nachschlagen und fünf Stunden später stellen wir fest, wir wissen jetzt alles über Quantenbotanik, aber nicht, wie wir dahin gekommen sind“, sagte der Moderator dort, und danach wurde der Weg von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Arthrose" target="_blank" shape="rect">Arthrose</a> zu <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Einkommensteuer_%28Deutschland%29" target="_blank" shape="rect">Einkommenssteuer (Deutschland)</a> beschritten und von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Eisen" target="_blank" shape="rect">Eisen</a> zu <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Sch%C3%B6ne_Bescherung" target="_blank" shape="rect">Schöne Bescherung</a>. Zwischen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Schwei%C3%9Fen" target="_blank" shape="rect">Schweißen</a> bis <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Antarktis" target="_blank" shape="rect">Antarktis</a> liegen gerade einmal fünf Artikel: Eisenzeit -&gt; Frühgeschichte -&gt; Nordamerika -&gt; Arktischer Ozean -&gt; Arktis (da ist sie schon wieder!).</p>
<p>Gegangen bin ich, als es von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Heesters" target="_blank" shape="rect">Johannes Heesters</a> zu <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Mom_I%27d_Like_to_Fuck" target="_blank" shape="rect">Mom I&#8217;d Like to Fuck</a> ging. Ich brauchte ein neues Bier. Aber das ist eine andere Geschichte.</p>
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		<title>So wie einst Jochen Schmidt</title>
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		<pubDate>Mon, 21 Oct 2013 18:44:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[BERLINER SZENE über eine prominente Volleyballhalle (aus der taz vom 21. Oktober 2013) Jahrelang dachte ich, Jochen Schmidt, also der Lesebühnen-Schmidt, der Müller-haut-uns-raus-Schmidt, seit Neuestem auch der Schneckenmühle-Schmidt, also der Damals-im-Osten-war-ich-auch-zu-schüchtern-Frauen-anzusprechen-Jochen-Schmidt halt, hätte in meiner Volleyballhalle früher Schulsport gehabt. Die]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>BERLINER SZENE über eine prominente Volleyballhalle <span id="more-1650"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Berliner-Szenen/!125979/" target="_blank">taz</a> vom 21. Oktober 2013)</h3>
<p>Jahrelang dachte ich, Jochen Schmidt, also der Lesebühnen-Schmidt, der Müller-haut-uns-raus-Schmidt, seit Neuestem auch der Schneckenmühle-Schmidt, also der Damals-im-Osten-war-ich-auch-zu-schüchtern-Frauen-anzusprechen-Jochen-Schmidt halt, hätte in meiner Volleyballhalle früher Schulsport gehabt.</p>
<p>Die Halle gehört zum Heinrich-Hertz-Gymnasium an der Rigaer Straße und ist so klein, dass man an allen vier Feldseiten nur einen halben Meter Auslauf hat und der Ball dauernd an die Decke prallt, aber den Kurs besuche ich trotzdem furchtbar gern, schon seit zwölf Jahren jeden möglichen Montagabend. Er ist das einzige konstante Element in meinem Leben.</p>
<p>Als ich dann neulich mit M. chattete, erzählte sie von einem Tischfußballkurs an der FU. Wir kamen über die hohe Kursgebühr auf die generell hohen FU-Hochschulsport-Preise zur unterschiedlichen Sportstättenlage im Vergleich zur HU. Und ich erzählte von besagter Halle, in der aber ja – immerhin – früher auch Jochen Schmidt Schulsport hatte. Vermutlich wurde er dort immer als Vorletzter in die Mannschaften gewählt, also so würde er das jedenfalls erzählen. Und heute spielt er Fußball-Nationalmannschaft, nur die der Autoren zwar, aber immerhin.</p>
<p>Um sicherzugehen, <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich-Hertz-Gymnasium_%28Berlin%29" target="_blank" shape="rect">wikipedierte</a> ich die Information aber noch mal und musste dann feststellen, dass das Hertz-Gymnasium erst 1993 in die Rigaer gezogen war. Schmidt hatte aber schon 1989 Abitur gemacht. Wikipedia, die alte Spielverderberkuh.</p>
<p>Obwohl … weiß man jetzt auch nicht, was bedeutender ist: die Idee einer Hertz-Schulen-Sporthalle an sich oder ihre profane gebäudliche Manifestation. Institutionell gesehen spiele ich ja schon dort Volleyball, wo Jochen Schmidt mal Schüler war. Genau wie übrigens Gregor Gysi, Jürgen Kuttner, Jakob Hein, Tamara Danz und Klaus Lederer, wie ich dank Wikipedia jetzt auch weiß.</p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/rudimeierkurs.jpg"><img class="size-full wp-image-1651 aligncenter" alt="rudimeierkurs" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/rudimeierkurs.jpg" width="620" height="310" /></a></p>
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		<title>Wunderbare Jahre</title>
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		<pubDate>Sat, 19 Oct 2013 17:51:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Von Lassie bis MacGyver: In 150 kitschfreien Strips lässt die Schweizer Comiczeitschrift „Strapazin“ legendäre Fernsehserien wieder aufleben. (aus der taz vom 19. Oktober 2013) Fernsehserien spielen in der Heile-Welt-Rekonstruktion der eigenen Kindheit für die heute 30- bis 70-Jährigen eine extrem]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Von Lassie bis MacGyver: In 150 kitschfreien Strips lässt die Schweizer Comiczeitschrift „Strapazin“ legendäre Fernsehserien wieder aufleben.<span id="more-1624"></span> (aus der <a href="http://taz.de/TV-Nostalgie-in-Comicform/!125667/" target="_blank">taz</a> vom 19. Oktober 2013)</h3>
<p style="text-align: center;"><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/strapazin_wickie_neu.jpg"><img class="size-full wp-image-1633 aligncenter" alt="strapazin_wickie_neu" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/strapazin_wickie_neu.jpg" width="620" height="226" /></a></p>
<p>Fernsehserien spielen in der Heile-Welt-Rekonstruktion der eigenen Kindheit für die heute 30- bis 70-Jährigen eine extrem wichtige Rolle. Die gemeinsamen Stunden vor der Wunderkiste rundeten, so geht zumindest die Erzählung, erfüllte Tage ab, die voll waren mit Dingen, die Kinder heute angeblich gar nicht mehr kennen: Frösche aufblasen, Baumhäuser bauen und Brauner Bär essen.</p>
<p>Zugleich schufen die Serienmacher nie alternde Helden, die dank der Kanalarmut des Präinternet-Zeitalters wirklich jeder kannte, selbst die armen Teufel, die wegen ihrer Bildungsbürgereltern gar keinen Fernseher hatten: Fury und Flipper, Al Bundy und MacGyver, die Bezaubernde Jeannie und Mila Superstar.</p>
<p>Längst ist das alles Teil einer eher anstrengenden Nostalgiewelle, und so ist es umso bemerkenswerter, welch wunderbaren Weg einer kitsch- und „Früher war alles besser“-freien Erinnerung das<em>Strapazin</em> gefunden hat: In der 112. Ausgabe <a href="http://michaelbrake.de/2010/10/30/%E2%80%9Esie-verstehen-es-nicht/" target="_blank" shape="rect">des Schweizer Indiecomicmagazins</a> setzen sich 150 Zeichnerinnen und Zeichner mit ihren Lieblingsserien auseinander, im Heft als Reise durch die Zeit nach vorne angeordnet, von 1954 („Lassie“!) bis in die Gegenwart.</p>
<p>Nicht mehr als den schmalen Platz eines Comicstrips haben die Autoren, aber das lösen sie, dem <em>Strapazin</em>-Standard entsprechend, mit einer enormen stilistischen und narrativen Vielfalt. So zeigen manche Zeichner nur Impressionen oder ikonische Augenblicke, andere erzählen einzelne Serienszenen, oftmals nie gedrehte oder aus ungewohnter Perspektive.</p>
<p>Da läuft ein Meister Eder durch den Park, spricht scheinbar mit der Luft und alle schütteln heimlich den Kopf über den brabbelnden Alten. Man sieht, wie ein Zylone aus „Kampfstern Galactica“ sein Raumschiff verkauft und mit dem Bus nach Hause fährt („Man braucht allerdings eine Vorheizung, es wurde eben nicht für den finnischen Winter gebaut“), wie Barbapapa und Barbamama Sex haben oder wie Biene Maja Willis Spekulationen über ein mysteriöses Bienensterben in der nahen Zukunft mit „So ein Quatsch“ abtut.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Strapazin-112-650.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1634" alt="Strapazin-112-650" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Strapazin-112-650.jpg" width="310" height="408" /></a>Andere Zeichner nähern sich dem Serienstoff über Erinnerungen an das eigene Erleben der Serie, vielfach gibt es Abrisse einer prototypischen Folge auf kleinstem Raum. Denn anders als die komplexen Fernsehserien des Breaking-Bad-Zeitalters waren die meisten der früheren ja noch ehrlicher Pulp, B-Movie-Welten mit klarem Rahmen und plakativen Figuren, in denen am Ende alles wieder so war wie zu Beginn und auch die Sprüche immer die gleichen sind: „Ich weiß genau, was Sie jetzt denken, und Sie haben recht.“ &#8211; „Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert.“ – „Gute Nacht, Jim-Bob!“</p>
<p>Das alles macht sehr viel Spaß, natürlich noch mehr, wenn man die Figuren auch kennt, etwa wenn man versteht, dass ein Dialog zwischen Batman und Robin auf die – Heilige Drehbuchschreiber! – grenzdebilen Wortbeiträge von Robin anspielt. Aber es funktioniert auch bei unbekannten Serien gut, etwa den vielen asiatischen, die durch den internationalen Zeichnerpool mit im Heft sind.</p>
<p>Doch keine Sorge: Fast alle alten Helden sind vertreten, Klassiker wie „Magnum“ oder „Knight Rider“ kommen gleich doppelt und dreifach vor und „Twin Peaks“ sogar viermal.</p>
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		<title>Zukunft gestern, heute, morgen</title>
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		<pubDate>Fri, 11 Oct 2013 17:19:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Früher träumte man davon, mit Schießbaumwolle zum Mond fliegen, heute entfernt Apple die Röhrenmikrofone aus seinen Handys. (aus der taz vom 11. Oktober 2013) „Wie sieht unsere Zukunft in 50 Jahren aus?“, fragt mich eine PR-Mail.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Früher träumte man davon, mit Schießbaumwolle zum Mond fliegen, heute entfernt Apple die Röhrenmikrofone aus seinen Handys. <span id="more-1622"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Kolumne-Nullen-und-Einsen/!125287/" target="_blank">taz</a> vom 11. Oktober 2013)</h3>
<p style="text-align: center;"><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/retrofuturismus_stollwerck.jpg"><img class="size-full wp-image-1641 aligncenter" alt="retrofuturismus_stollwerck" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/retrofuturismus_stollwerck.jpg" width="620" height="310" /></a></p>
<p>„Wie sieht unsere Zukunft in 50 Jahren aus?“, fragt mich eine PR-Mail. Als wäre es nicht schon schwer genug, sich zu überlegen, wie die Welt in 50 Jahren aussieht, nein, jetzt muss es schon die Zukunft der Zukunft sein. Die einfache reicht uns wohl nicht mehr.</p>
<p>So blöd ist die Frage dann aber doch nicht, sah doch etwa die Zukunft vor 50 oder 100 Jahren noch ganz anders aus als heute, selbst wenn es um Zeitpunkte geht, die immer noch in der Zukunft liegen, also etwa um 2081. Denn Zukunftsvorstellungen verlängern meist einfach nur die Gegenwart, was dazu führt, dass die Leute bei Jules Verne mit Hilfe einer 270 Meter langen Gusseisenkanone und Schießbaumwolle zum Mond fliegen.</p>
<p>Mit dem Retrofuturismus beschäftigt sich inzwischen ein ganzes Science-Fiction-Subgenre damit, wie die Zukunft in der Vergangenheit aussah: Im Steampunk sind Computer und Luftschiffe dampfbetrieben und im Stile der viktorianischen Zeit gestaltet, im Dieselpunk sehen sie aus wie die Stahlungetüme in der Zeit zwischen den Weltkriegen. Und wenn wir uns heute die Flugtaxis – warum eigentlich immer diese Flugtaxis? – im Jahr 2100 vorstellen, haben sie selbstverständlich Touch-Displays und Sprachsteuerung.</p>
<p>Auch bei der Implementierung der Zukunft im Jetzt wird gern auf Retroelemente zurückgegriffen. Der beliebteste Handyklingelton? Ein Rrrrrring wie von Opas Wählscheibenapparat. Das Geräusch beim Smartphonefoto? Ein sattes Schnappklack wie bei einer alten Nikon. Skeuomorphismus nennt sich dieses Designprinzip, das Wort gibt es seit über 100 Jahren, schon die ersten elektrischen Wasserkocher sahen aus wie die Teekessel, die sie verdrängten.</p>
<p>Skeuomorphismen sind gut, denn sie nehmen den Leuten die Angst vorm Neuen und sorgen für intuitive Usability. Skeuomorphismen sind zugleich schlecht, denn sie wählen nicht das effektivste Design und die beste Bedienmethode, sondern einfach nur Vorhandenes, was sich dann oft auch nie mehr ändert.</p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/retrofuturismus_stollwerck2.jpg"><img class="size-full wp-image-1642 aligncenter" alt="retrofuturismus_stollwerck2" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/retrofuturismus_stollwerck2.jpg" width="620" height="310" /></a></p>
<p>Vor ein paar Wochen hat übrigens Apple die neue Version seines iPhone-Betriebssystems ausgeliefert, in der das Design grundlegend verändert wurde. Viele Grundfunktionen sehen jetzt nicht mehr aus wie aus Holz und Leder, die Notiz-App ist nicht mehr karteikartengelb, und bei der Aufnahme von Sprachmemos blickt man nicht mehr auf ein Röhrenmikrofon. Die Welt ist ein wenig unskeuomorpher geworden und so wird auch die Zukunft bald wieder eine andere sein.</p>
<p>„Wie die Vergangenheit in 50 Jahren aussieht, darüber kann man schon jetzt recht verlässliche Aussagen treffen“, kommentierte jemand auf Facebook den PR-Mail-Satz. Na ja. So verlässlich dann auch wieder nicht, denn auch die Vergangenheit konstituiert sich ja andauernd neu, es ist kein Zufall, dass wir von „Geschichte“ sprechen, die in der Regel nicht „beschrieben“, sondern „geschrieben“ wird.</p>
<p>Über das Bild der Menschen im Jahr 2063 von unserer Zeit können wir uns daher nur grobe Vorstellungen machen. Wird der NSA-Skandal als Beginn einer Zeitenwende gelten? Wird er nur eine Anekdote sein, so skurril wie Mata Hari? Oder wurde der gesamte Vorgang bis dahin schon komplett aus der Geschichte wegzensiert sein?</p>
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		<title>Der Reggaeclub aus dem Güllegürtel</title>
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		<pubDate>Wed, 02 Oct 2013 17:36:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rasta Vechta hat den Durchmarsch aus der dritten Liga in die Basketball-Bundesliga geschafft. Dort setzt man auf vertrautes Personal – und einen guten Namen. (aus der taz vom 2. Oktober 2013) Zum 13-Uhr-Training ist auch der Zoll gekommen. Dabei haben die Besucher]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Rasta Vechta hat den Durchmarsch aus der dritten Liga in die Basketball-Bundesliga geschafft. Dort setzt man auf vertrautes Personal – und einen guten Namen. <span id="more-1620"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Basketball-Bundesligist-Rasta-Vechta/!124793/" target="_blank">taz</a> vom 2. Oktober 2013)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/SC_Rasta_Vechta_logo.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1626" alt="SC_Rasta_Vechta_logo" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/SC_Rasta_Vechta_logo.jpg" width="620" height="349" /></a></p>
<p>Zum 13-Uhr-Training ist auch der Zoll gekommen. Dabei haben die Besucher in den dunkelgrünen Overalls gar kein Interesse an den Wurfübungen der Basketballer von Rasta Vechta. Sie sind hier, um die Arbeitsgenehmigungen der Handwerker zu überprüfen. Ein Routinetermin.</p>
<p>Denn kurz vor dem ersten Bundesligaspiel in Vechtas Vereinsgeschichte ist der Rasta Dome noch eine Baustelle. Es werden Stuhlreihen angeschweißt, im VIP-Bereich wird der Boden gebohnert, ein Praktikant und ein FSJler tragen die Papierbahnen der Werbebanden vom Spielfeld.</p>
<p>Der Hallenausbau auf über 3.000 Zuschauerplätze ist verpflichtend für den Aufsteiger in die Basketball-Bundesliga (BBL). Sechs Meter wird die Halle dafür breiter gemacht und ein neuer Oberrang eingezogen. Die neuen Standkorbanlagen sind bereits installiert, die LCD-Displays für die Spielstände gerade mit dem Schiff aus China angekommen. „So dick war der Stapel mit den Auflagen“, sagt Manager Alexander Müller und deutet einen halben Meter hohen Papierberg in der Luft an.</p>
<p>Dabei hatte man die Halle erst im Sommer 2012 gebaut, in bloß fünf Monaten. Da war Vechta erstmals in die ProA, die zweithöchste deutsche Liga, aufgestiegen. Die Mannschaft galt als Abstiegskandidat, verlor die ersten drei Spiele – und schaffte danach den Durchmarsch in die BBL. Der vorläufige Höhepunkt eines Wegs, der in den späten 70ern als AG des Vechtaer Gymnasiums Antonianum begann.</p>
<h6>Fünf Spieler aus Liga drei</h6>
<p>In die neue Spielzeit geht Vechta gleich mit sieben Spielern aus dem Aufstiegskader, fünf waren sogar schon in Liga drei dabei. Ein ungewöhnliches Wagnis im Hire-and-fire-Sport Basketball, das Trainer Pat Elzie aber gern eingeht: „Der Großteil der Jungs hat sich das verdient“, sagt er. Dabei setzt Elzie vor allem auf Spielmacher Richard Williams, 2013 in der ProA zum wertvollsten Spieler gewählt.</p>
<p>Hinzu kommen Neuzugänge wie der aus der kanadischen Profiliga gewechselte 130-Kilo-Center Isaac Butts. „Er bringt die Masse mit, die wir in der BBL brauchen“, so Elzie. Butts soll unter den Brettern den 2,12-Meter-Mann Dirk Mädrich unterstützen, der beide Aufstiege mitgemacht hat und als einer von nur drei Rasta-Spielern BBL-Erfahrung hat. „Er ist unser Leitwolf, er hat einen unglaublichen Wurf für seine Größe“, sagt Coach Patrick Elzie über Mädrich.</p>
<p>Die Offensive, die in der ProA 91 Punkte pro Spiel machte, scheint gerüstet. „Aber man muss in der Ersten Liga gut verteidigen, da gibt es ein ganz anderes Niveau als in der ProA“, sagt Pat Elzie, „und wir müssen unsere Fehler minimieren.“ 22 Ballverluste wie bei der Niederlage im vorletzten Testspiel gegen Ligakonkurrent Bayreuth wird man sich im Auftaktspiel am 3. Oktober in Trier bestimmt nicht leisten können.</p>
<h6>Teamgeist über alles</h6>
<p>Elzie selbst ist unbestritten der Vater des Erfolgs: Seit 1984 arbeitet er, von kurzen Stationen in Syrien und Zypern abgesehen, als Spieler und Trainer in Deutschland, vor dreieinhalb Jahren kam er nach Vechta. Der 53-Jährige vereint eine natürliche Autorität mit Herzlichkeit. Man nimmt ihm ab, wenn er immer und immer wieder das Mantra sämtlicher Außenseiter der Sportwelt beschwört und den Teamgeist als große Stärke von Rasta Vechta herausstellt: „Zusammen ist alles möglich. Bei uns können mehrere Spieler Top-Scorer sein und den entscheidenden Wurf nehmen.“</p>
<p>Ein weiterer Trumpf des Vereins ist sein Name. Rasta ist kein Sponsor, es geht tatsächlich um Reggaemusik: 1979 wollte die Basketball-AG vom Antonianum einen Verein gründen, und als über den Namen beraten wurde, lief „Rastaman Vibrations“ von Bob Marley.</p>
<p>Heute sichert der Teamname Medienaufmerksamkeit und Vermarktungspotenzial, man wirbt mit „Rasta ist der geilste Club der Welt“, die Cheerleader nennen sich die „Marleys“. Sogar in der größten Tageszeitung Jamaikas stand schon ein Artikel. Deswegen hat sich Vechta in der Liga von Namensungetümen wie den New Yorker Phantoms Braunschweig auch bewusst gegen ein Namenssponsoring entschieden. „Weil wir das nicht wollen“, sagt Manager Alexander Müller.</p>
<h6>Tiefschwarze Heimat</h6>
<p>Der FC St. Pauli der BBL ist Vechta dennoch nicht, denn Rastas Heimat hat mit Alternativkultur wenig zu tun. Vechta liegt zwischen Oldenburg und Osnabrück und bildet mit dem Nachbarkreis Cloppenburg eine katholische Insel in den Weiten der niedersächsischen Tiefebene. Hier erreichte die CDU bei der Bundestagswahl über 60 Prozent, hier liegt die Geburtenrate deutlich über und die Arbeitslosenquote deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. Die Region boomt. „Güllegürtel“ wird sie auch genannt. Riesige Hühner- und Schweinemastbetriebe prägen das Bild.</p>
<p>Auch Stefan Niemeyer ist auf diese Weise wohlhabend geworden. Dem Mäzen und langjährigen Vereinspräsidenten von Rasta gehört ein Futtermittelunternehmen. Niemeyer ist ein bulliger, hemdsärmeliger Mann, der sich nach der Saisoneröffnungs-Pressekonferenz mit den Sponsoren – der lokale Versicherer, die lokale Landessparkasse, seit neuestem ist auch der lokale Energieversorger dabei – das Jackett so schnell wie möglich wieder auszieht.</p>
<p>Vorher hatte er zufrieden erklärt, dass der Aufstieg nicht nur ein positiver Ausrutscher war: „Wir haben das feste Ziel, Basketball auf diesem Niveau in Vechta zu etablieren.“ Warum auch nicht? Rastas Vorbereitung verlief mit sieben Siegen und zwei Niederlagen erfolgreich. Das Team wurde früh zusammengestellt und ist entsprechend eingespielt. Und mit einem Etat von rund 1,5 Millionen Euro liegt man zwar im unteren Ligadrittel, aber auch nicht abgeschlagen am Ende der BBL.</p>
<p>Deswegen hat auch Coach Pat Elzie große Ziele: „Wir gehen in jedes Spiel, um es zu gewinnen“, sagt er. „Wir wollen möglichst früh mit dem Abstieg nichts zu tun haben. Die Spieler haben die Qualität. Aber es wird eine knüppelharte Saison.“</p>
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		<title>Atombombenstarke Niedlichkeit</title>
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		<pubDate>Thu, 08 Aug 2013 19:32:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Auch 2013 bleiben Katzen die Flauschköniginnen des Netzes. Warum eigentlich Katzen? Warum keine Wiesel, Hunde oder Pinguine? (taz.de vom 8. August 2013) Wisst ihr noch? 2012? Das Jahr des Hasen – das in Vietnam das Jahr der]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Auch 2013 bleiben Katzen die Flauschköniginnen des Netzes. Warum eigentlich Katzen? Warum keine Wiesel, Hunde oder Pinguine?<span id="more-1558"></span> (<a href="http://taz.de/Kolumne-zum-Weltkatzentag/!121217/" target="_blank">taz.de</a> vom 8. August 2013)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/weltkatzentag2013.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1565" alt="weltkatzentag2013" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/weltkatzentag2013.jpg" width="620" height="310" /></a></p>
<p>Wisst ihr noch? 2012? Das Jahr des Hasen – das in Vietnam <a href="http://www.vivatier.com/Artikel/Das_Jahr_des_Hasen,_pardon_der_Katze" target="_blank" shape="rect">das Jahr der Katze ist</a> – war gerade vorüber und die Apocatlypse stand bevor. Katzen <a href="http://www.wasmitmedien.de/2012/05/02/rp12-tag-1/" target="_blank" shape="rect">abgewertet von AAA auf AA+</a>, Eulen und Igel auf dem Vormarsch. Ein Ende der Ailurokratie im Internet drohte.</p>
<p>Die Sache wurde abgeblasen und 2013 ist wieder ganz in Katzenhand, Erfolgsmeldungen überall: <a href="http://www.focus.de/wissen/natur/tiere-und-pflanzen/futterbranche-im-wandel-trendtier-katze-verdraengt-wellensittich_aid_1051207.html" target="_blank" shape="rect">„Trendtier Katze verdrängt Wellensittich“</a> +++ <a href="http://www.tagesspiegel.de/politik/lammert-lehnt-aenderung-der-hausordnung-ab-weiter-hundeverbot-im-bundestag/8556600.html" target="_blank" shape="rect">„Weiter Hundeverbot im Bundestag“</a> +++<a href="http://www.zeit.de/news/2013-06/10/d-katzen-hunden-und-frettchen-reisen-in-der-eu-kuenftig-einfacher-10160402" target="_blank" shape="rect">„Katzen, Hunden und Frettchen reisen in der EU künftig einfacher“</a>+++ <a href="http://www.immo-site.de/bundesgerichtshof-generelles-hunde-und-katzenverbot-unwirksam-9977.html" target="_blank" shape="rect">„Generelles Hunde- und Katzenverbot im Mietvertrag unwirksam“</a>. Zusätzlich eröffnen jede Woche gefühlt drei Katzencafés, gerade erst <a href="http://www.berliner-zeitung.de/berlin/katzencaf--in-neukoelln-macchiato-mit-mieze,10809148,23887902.html" target="_blank" shape="rect">eins in Neukölln</a>, und die Igel – die lieben, die dummen Igel! – sind inzwischen ausgestorben oder so, man hört ja nichts mehr von ihnen.</p>
<p>Aber warum sind es denn eigentlich immer wieder Katzen im Internet? Und nicht Gürteltiere, Wiesel, Wellensittiche oder gar Hunde? Warum selbst Pinguine <a href="http://www.youtube.com/watch?v=4YuWLKQ5e54" target="_blank" shape="rect">nur in Ausnahmefällen</a>?</p>
<p>Eine Theorie: Hundebesitzer konnten sich schon immer auf der Straße und im Park erkennen, sie können sich dort austauschen und ihre Hunde bestaunen. Katzenbesitzer können das erst, seitdem es das Internet gibt und haben starken Nachholbedarf. Oder anders: Katzen sind im Internet auch deshalb populär, weil sie dort rumliegen, wo das Internet gemacht wird, nämlich in Wohnungen bzw. auf den Unterarmen der Netznutzer. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass Katzen mit dem Durchbruchs des mobilen Internets vor einer riesigen neuen Herausforderung stehen. Auf Instagram sieht man schon heute gefühlt so viele Hunde wie Katzen.</p>
<p>Auch der große Denker und Katzenfreund <a href="http://blog.stuttgarter-zeitung.de/" target="_blank" shape="rect">Peter Glaser</a> sieht den technischen Fortschritt als Erklärung. Im 20. Jahrhundert seien, so Glaser, in den Medien fast ausschließlich Tiere präsent gewesen, die sich dressieren lassen, vor allem im Bewegtbild, wo man stets vorher mühsam die Kamera einrichten musste.</p>
<p>Das, was wir alle so gern auf YouTube bestaunen, seien aber die kleinen Wunder des Lebens, die sekundenlangen Momente der Unplanbarkeit. Deshalb gehörten die unberechenbaren Katzen zu den prädestinierten Wunderproduzenten. Und deshalb, so Glaser, könnten wir erst jetzt, wo jedes kleine Gadget eine integrierte, schnell auslösende Kamera hat, die Augenblicksgeschwindigkeit der Katzen überhaupt einfangen.</p>
<p>In diese Richtung geht auch <a href="http://katjadittrich.de/" target="_blank" shape="rect">Katja Berlin</a>, die Autorin des Klolektüre-Instant-Klassikers „Cat Content – SMS von meinem Kater“: Katzen produzieren gute Pointen „weil es so unvorhersehbar ist, man kann Katzen nicht dressieren oder trainieren, darauf, dass sie lustige Dinge zu machen, sondern es lebt von so einer unfreiwilligen Komik“, sagt sie <a href="http://www.fritz.de/neues_wort/multimedia/2013/04/internetgeheimnisse.html" target="_blank" shape="rect">im Radiointerview</a>.</p>
<p>Und noch eine These <a href="http://www.steadynews.de/allgemein/das-phanomen-katze-im-internet-warum-sind-katzen-meme-und-nicht-hunde-video" target="_blank" shape="rect">aus dem Internet</a>: Weil Katzen sich nicht beherrschen lassen, weil sie in ihrem Wesen elegant und unantastbar sind, ist jeder Bruch von diesem Bild ein Ereignis. Ein Hund ist schon blöd genug, den muss man nicht auch noch dabei zeigen, wie er sich zum Löffel macht (kann man aber <a href="http://www.buzzfeed.com/mattbellassai/dogs-who-are-too-stupid-for-their-own-good" target="_blank" shape="rect">trotzdem</a>). Katzen hingegen „bewegen sich normalerweise so elegant und graziös, dass jeder Fehltritt und jede tollpatschige Geste absurd und komisch wird – der Kaiser ist mal wieder splitternackt.“</p>
<p>Gut. Theorie. Boring. In Wirklichkeit sind Katzen natürlich aus einem viel einfacheren Grund so beliebt: Weil sie die beiden Kardinaltugenden der Tierreichs – Flauschigkeit und Awwwwwwigkeit – optimiert in sich vereinen. Oder um es mit den Worten Peter Glasers zu sagen: Wegen ihrer atombombenhaften Niedlichkeit.</p>
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		<title>„Ich spreche Lolspeak“</title>
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		<pubDate>Thu, 08 Aug 2013 19:25:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Kate Miltner schrieb ihre Masterarbeit über Katzenfotos mit albernen Texten. Ein Gespräch über Allergie, Dummheit und Cheeseburger. (aus der taz vom 8. August 2013)   taz: Frau Miltner, Sie haben Ihre Masterarbeit über Katzenfotos geschrieben, die mit albernen Texten in absichtlich]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Kate Miltner schrieb ihre Masterarbeit über Katzenfotos mit albernen Texten. Ein Gespräch über Allergie, Dummheit und Cheeseburger.<span id="more-1532"></span><!--more--> (aus der <a href="http://taz.de/Social-Media-Forscherin-ueber-Netzkatzen/!121397/" target="_blank">taz</a> vom 8. August 2013)</h3>
<p style="text-align: center;"> <a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Magical-Kitty-lol-cats-30656645-1280-800.png"><img class="size-full wp-image-1552 aligncenter" alt="-Magical-Kitty-lol-cats-30656645-1280-800" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Magical-Kitty-lol-cats-30656645-1280-800.png" width="620" height="446" /></a></p>
<p><strong>taz: Frau Miltner, Sie haben Ihre Masterarbeit über Katzenfotos geschrieben, die mit albernen Texten in absichtlich falschem Englisch im Internet verbreitet werden – allgemein als Lolcats bekannt. Sind Sie ein Nerd, eine Katzenverrückte oder beides zusammen?</strong></p>
<p><strong>Kate Miltner: </strong>Also, meine erste Internetseite habe ich 1997 online gestellt, als Teenagerin, das war eine Fanpage zur Fernsehserie „Akte X“. Gegen Katzenhaare hingegen bin ich allergisch. Die Lolcats habe ich wegen ihrer kulturellen Bedeutung als Thema gewählt– und nicht, weil ich so gerne Katzen mag.</p>
<p><strong>Und an welcher Uni kann man bitte zu Lolcats eine Abschlussarbeit schreiben?</strong></p>
<p>An der London School of Economics, im Fach „Media and Communications“.</p>
<p><strong>Wie sind Sie auf Ihr Thema gekommen?</strong></p>
<p>Der Ursprung war ein Seminar meiner Professorin Sonia Livingstone. Dort habe ich gelernt, dass man bei der Untersuchung von Kulturerzeugnissen nie auf den Inhalt – den „Text“ – schauen sollte, sondern immer nur auf die Reaktion des Publikums, selbst wenn es sich um die dümmsten TV-Sendungen handelt. Wenn etwas wirklich beliebt ist, erfüllt es für die Menschen offensichtlich irgendeine Funktion, es befriedigt ein Bedürfnis. Der Gedanke hat mich ziemlich gepackt, dieses Phänomen wollte ich untersuchen.</p>
<p><strong>Und warum genau an Lolcats?</strong></p>
<p>Ich wollte über etwas forschen, worüber noch nie jemand zuvor geforscht hatte, zur Literatur etwas komplett Neues beisteuern. Außerdem interessieren mich Internetmeme, und ich will verstehen, was dafür sorgt, dass einzelne Meme durch die Decke gehen. Das wäre nun aber ein zu großes Thema für eine Masterarbeit, also habe ich schließlich die Lolcats als Fallstudie gewählt – wegen ihrer breiten und lang anhaltenden Anziehungskraft.</p>
<p><strong>Wie lange gibt es die Lolcats denn schon?</strong></p>
<p>Zum ersten Mal sind sie im Internet 2005 aufgetaucht. Im August 2007 gab es den ersten Zeitungstext über Lolcats, im <em>Wall Street Journal,</em> dadurch haben sie noch mehr Fahrt aufgenommen und sind dann langsam in den Mainstream übergegangen.</p>
<p><strong><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/HAPPYCAT_I_CAN_HAS_CHEEZBURGER.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1554" alt="HAPPYCAT_I_CAN_HAS_CHEEZBURGER" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/HAPPYCAT_I_CAN_HAS_CHEEZBURGER.jpg" width="310" height="452" /></a>2005, das sind acht Internetjahre, also quasi achthundert Menschenjahre. Wie konnten Lolcats so ungewöhnlich lange überleben?</strong></p>
<p>Vor allem weil sie zwischendurch von einer Community zu einer anderen gewechselt sind – was eigentlich nicht vorgesehen war. Ich habe bei meiner Forschung drei verschiedene Lolcat-Nutzergruppen identifiziert.</p>
<p><strong>Welche sind das?</strong></p>
<p>Da sind einmal die „Casual User“, die Lolcats bloß nebenbei konsumieren, meistens bei der Arbeit, wenn sie Fotos via Mail oder Facebook geschickt bekommen. Sie haben sonst aber keine tiefere Bindung an Lolcats und erzeugen auch keine eigenen Bilder. Die „Meme Geeks“ hingegen sind aktive Nutzer, sie haben Lolcats in den Anfangsjahren groß gemacht, erst auf Seiten wie <a href="http://www.somethingawful.com/" target="_blank">Something Awful</a> und dann vor allem bei <a href="http://www.4chan.org/" target="_blank">4chan</a>. Normalerweise wäre das Mem irgendwann verbraucht gewesen, aber dann wurde <a href="http://icanhas.cheezburger.com/">icanhas.cheezburger.com</a> groß.</p>
<p><strong>Was ist das für eine Seite und welche Rolle spielt sie?</strong></p>
<p>Sie tauchte um den Jahreswechsel 2006/2007 auf und bestand zunächst nur aus einem einzigen Foto. Es zeigte Happycat, eine graue Kurzhaarkatze aus Russland, versehen mit dem Text „I can has cheezburger?“. Daraus hat sich mit dem Cheezburger Network ein kleines Imperium gebildet, zu dem zahlreiche Seiten gehören, außerdem ein Forum und ein Programm, mit dem man auch ohne Fotobearbeitungskenntnisse sehr schnell eigene Lolcat-Bilder bauen kann. So kamen die „Cheezfrenz“ als Fangruppe hinzu, die bis heute aktiv sind.</p>
<p><strong>Okay, die Casual User sind halbwegs klar. Aber Meme Geeks? Cheezfrenz? Was soll das sein? Wie unterscheiden sich die Gruppen?</strong></p>
<p>Die Meme Geeks sind eher männlich und zwischen 20 und 30 Jahre alt. Sie sind sehr internetaffin und beschäftigen sich auch mit anderen Memen. Unter den Cheezfrenz befinden sich hingegen überdurchschnittlich viele Frauen, sie sind außerdem älter und eher durch ihre Liebe zu Katzen zu den Lolcats gekommen. Früher war Lolcat-Humor auch bösartiger und aggressiver, das hat sich durch die Cheezfrenz geändert.</p>
<p><strong>Was macht den Lolcat-Humor denn überhaupt aus?</strong></p>
<p>Im Wesentlichen zwei Aspekte. Zum Einen gibt es die anthropomorphe Distanz: Wir lachen eigentlich über uns selbst, aber projizieren das auf Katzen, weil uns das leichterfällt. So kann man Lolcats auch nutzen, um Gefühle auszudrücken.</p>
<p><strong><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/why_no_one_comes_to_my_party-40490.jpg"><img class="size-full wp-image-1553 alignright" alt="why_no_one_comes_to_my_party-40490" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/why_no_one_comes_to_my_party-40490.jpg" width="310" height="414" /></a>Wie das?</strong></p>
<p>Ich habe von einer Frau gehört, deren Freund mit ihr Schluss gemacht hat. Ihre Freundin schickte ihr eine Lolcat mit der Aussage: „Er ist ein Trottel, es tut mir leid“, um sie aufzumuntern. Oder anstatt zu schreiben: „Ich hatte einen schlechten Tag“, kann man eben auch eine Lolcat online stellen. Mitunter verstehen dann nur gute Freunde die wirkliche Botschaft und erkundigen sich nach dem Wohlbefinden, während Unbeteiligte denken, das ist nur wieder so ein Katzenfoto – ein Phänomen, das Danah Boyd als „soziale Steganographie“ bezeichnet hat.</p>
<p><strong>Und was ist der andere Aspekt?</strong></p>
<p>Insiderwitze. Sie sind ein wesentlicher Teil des Lolcat-Phänomens. Man bringt kulturelle Referenzen an oder schafft sich eigene, die nur wenige Menschen verstehen, und fühlt sich so als Teil eines exklusiven Clubs. Hierbei ist auch Lolspeak wichtig, also das absichtlich falsche Englisch, das die Katzen sprechen – es braucht einige Zeit, um alle Lolspeak-Regeln zu meistern, was dabei hilft, die Grenze zwischen den Insidern und den Leuten draußen zu definieren. Lolspeak benutzen die Cheezfrenz auch, um untereinander zu kommunizieren, etwa auf ihrem Blog <a href="http://cheeztowncryer.wordpress.com/" target="_blank">„Cheeztown Cryer“</a>, wo sie sich mitunter auch über ernste Themen wie schwere Krankheiten oder den Tod ihrer Tiere in Lolspeak austauschen.</p>
<p><strong>Wie lange haben Sie gebraucht, um Lolspeak zu lernen?</strong></p>
<p>Das weiß ich nicht mehr genau. Und ich spreche auch kein flüssiges Lolspeak. Aber ich kann Mails verfassen, und sie werden akzeptiert.</p>
<p><strong>Machen einem Lolcats überhaupt noch Spaß, wenn man sich so intensiv mit ihnen beschäftigt?</strong></p>
<p>Ich konnte mit Leuten stundenlang über Lolcats reden, manche brachten ihre Katzen mit zum Videochat – ich hatte noch nie so viel Spaß bei der Arbeit und mag Katzen jetzt sogar noch mehr!</p>
<p><strong>Was können wir durch Lolcats lernen?</strong></p>
<p>Sie helfen uns, zu verstehen, dass die Dinge, die wir online so machen, vielleicht albern wirken, aber dennoch wichtige Funktionen erfüllen: mit anderen Menschen in Kontakt treten, Gefühle ausdrücken, an kulturellem Austausch teilhaben, Gemeinschaften bilden. Das alles geht mit jeder Art von Inhalten, auch mit Katzenfotos.</p>
<p><strong>Machen Sie denn auch selbst Lolcat-Bilder?</strong></p>
<p>Ja. Bei meinem letzten Job haben wir ständig Lolcats im Büro ausgetauscht, ich habe schon ganze Unterhaltungen nur durch den Einsatz von Lolcats geführt. Das habe ich aber schon vor der Masterarbeit gemacht, 2008 war ich sogar als Lolcat verkleidet bei Halloween.</p>
<p><strong>Ach was. Als welche?</strong></p>
<p>Als HappyCat. Mein damaliger Freund war ein Cheeseburger.</p>
<p><em><strong><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/kate-miltner.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-1549" alt="kate-miltner" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/kate-miltner.jpg" width="131" height="131" /></a>Kate Miltner</strong> lebt in Boston und arbeitet nach ihrem Abschluss an der London School of Economics als Social Media Reseach Assistent für Microsoft.</em></p>
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		<title>Die Sache mit der Salatgurke</title>
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		<pubDate>Tue, 30 Jul 2013 00:11:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Lebensgeschichten in Bildern: „Mein Freund Dahmer“ von Derf Backderf über einen Mörder und Birgit Weyhes Familienstück „Im Himmel ist Jahrmarkt“. (aus der taz vom 30. Juli 2013) Es ist schwer auszumachen, wann Jeffrey Dahmer endgültig abgehängt wurde. Wann der Wahn]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Lebensgeschichten in Bildern: „Mein Freund Dahmer“ von Derf Backderf über einen Mörder und Birgit Weyhes Familienstück „Im Himmel ist Jahrmarkt“.<span id="more-1493"></span> (aus der <a href="http://taz.de/Autobiografisches-in-Graphic-Novels/!120850/" target="_blank">taz</a> vom 30. Juli 2013)</h3>
<p style="text-align: center;"><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/dahmerb.jpg"><img class="size-full wp-image-1498 aligncenter" alt="dahmerb" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/dahmerb.jpg" width="620" height="309" /></a></p>
<p>Es ist schwer auszumachen, wann Jeffrey Dahmer endgültig abgehängt wurde. Wann der Wahn aus Dahmer, der Außenseiterexistenz, wie es sie an jeder Highschool der USA mehrfach gibt, Dahmer, den Massenmörder machte, der zwischen 1978 und 1991 mehr als ein Dutzend junger Schwuler tötete und zum Teil verspeiste.</p>
<p>Derf Backderf, in den USA ein populärer Cartoonist, kümmert sich in „Mein Freund Dahmer“ nicht um die Morde des „Milwaukee Cannibal“, sondern um seine Jugend. Denn Backderf war auf der Revere Highschool in Akron, Ohio, noch am ehesten so etwas wie ein Freund von Jeff Dahmer. Wobei, Freundschaft? Backderf und seine eigentlichen Freunde verehrten Dahmer als eine Art Kultobjekt, weil er unnachahmlich gut Menschen mit spastischen Störungen imitieren konnte.</p>
<p>Dass Dahmer das durch Beobachtungen seiner schwer medikamentenabhängigen Mutter gelernt hatte, wusste indes keiner. Und dass seine Eltern sich permanent stritten und er mit dem Problem seiner aufkommenden, in der US-amerikanischen Provinz unmöglich auszulebenden Homosexualität alleingelassen wurde, zusätzlich zu seinen nicht eindeutig zu definierenden sozialen Defiziten, dass Dahmers Leben also schon früh eine Hölle war, die er nur mit massivem Alkoholkonsum auch während der Schulzeit ertrug – auch das kümmerte niemanden, keine Schüler, keine Lehrer, nicht einmal die Eltern.</p>
<p>Backderf arbeitet den Fall in kurzen Episoden auf, etwa Dahmers Versuche, tote Tieren in Säure aufzulösen, einen Angelvorfall, den missratenen Auftritt beim Abschlussball – aber auch kurze Zwischenhochs wie eine Klassenfahrt nach Washington, wo Dahmer es schaffte, einen Besuch im Büro des Vizepräsidenten zu organisieren. Backderf beherrscht sein Handwerk, seine Erzählweise ist unspektakulär, aber äußerst fesselnd, wie ein Film fährt die Pubertät Dahmers am Betrachter vorbei. Neben der persönlichen Ebene gelingt Backderf auch ein Stimmungsbild des Highschoollebens in der Midwest-Provinz in den späten 70ern.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/kleiner-cover-dahmer-300.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1497" alt="kleiner-cover-dahmer-300" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/kleiner-cover-dahmer-300.jpg" width="310" height="480" /></a>Erschienen ist „Mein Freund Dahmer“ bei Walde + Graf, das nach seinem Aufkauf durch den Aufbau-Verlag in den Anfang 2013 neu gegründeten Metrolit-Verlag integriert wurde. Metrolits bisheriges Graphic-Novel-Programm zeichnet sich durch Anspruch und eine gewisse Schwere aus, soziale und politische Themen dominieren. Es geht um Aussteiger, 68er, den Aufstand vom 17. Juni 1953. Erzählung und Inhalt gehen hier häufig vor Ästhetik, der Text ist wichtiger als die Grafik.</p>
<p>Mit dieser Ausrichtung ähnelt Metrolit dem kleinen Avant-Verlag, der schon seit über elf Jahren den schweren Weg geht, die immer noch kleine Leserschaft von ernsten Graphic Novels zu bedienen. Er setzt dabei allerdings stärker ästhetische Akzente. Gerade ist bei Avant ein ebenfalls autobiografisch orientierter Comic erschienen, wenngleich mit einem ganz anderen Hintergrund: Birgit Weyhe beschreibt in „Im Himmel ist Jahrmarkt“ keine medienbekannte Figur, sondern ihre eigene Familie.</p>
<h6>Recherche im Stilmix</h6>
<p>Wo bei Backderf die Nachrichtenmeldung von Dahmers Tod der Auslöser für seine Biografiearbeit ist, ist es bei Weyhe eine Hausaufgabe ihrer Tochter. Wo Backderf eine klare, stilistisch sehr comichafte, narrativ aber sachliche Bildsprache wählt, ist Weyhe illustrativer und arbeitet in ihren Bildern mit verschiedenen Stilen, mit Details und wilden Assoziationen.</p>
<p>Und wo Backderf akribisch Recherchen mithilfe von Zeitungsarchiven, FBI-Akten, alten Fernsehinterviews und persönlichen Gesprächen betrieben hat, die säuberlich im ausführlichen Anhang nachvollzogen werden können, hatte Weyhe nur einige alte Fotos und Anekdoten. Den Rest musste sie sich zusammenpuzzeln – Leerstellen hat sie im Zweifel mit plausibler Fantasie gefüllt.</p>
<p>Weyhe, Jahrgang 1969, beschreibt die Generation ihrer Großeltern, die zwischen 1894 und 1913 geboren wurden. Da ist Marianne, die Mutter des Vaters, sehr fortschrittlich für ihre Zeit: Mit den Nonnen in der Schule legt sie sich an, eröffnet ihren eigenen Hutmacherladen, hat als erste Frau in München einen Führerschein. Nur mit den Männern hat Marianne kein Glück, der Vater von Sohn Michael lässt sie früh im Stich – im Buch bleibt er ein Schatten, über den es nur eine Anekdote mit einer Salatgurke zu erzählen gibt.</p>
<p>Dann ist da Herta, die Mutter der Mutter, eine laute, derbe Berlinerin. Die Liebe ihrer Jugend darf sie nicht heiraten, der Vater, ein Fabrikbesitzer, droht mit der Enterbung. Ein Ungar mit Adelstitel muss es stattdessen sein. Herta lässt es über sich ergehen. Ihren zweiten Mann Edgar, 20 Jahre älter und Wehrmachtsoffizier, aber keiner von der schlimmen Sorte, lernt sie auf der Flucht vor der Roten Armee kennen. Edgar entpuppt sich nach dem Krieg als großzügiger Feingeist. Weyhes Erinnerungen an gemeinsame Cowboy-und-Indianer-Spiele werden gegen den Geiz von Oma Herta, die Ernährerin der Familie, gestellt.</p>
<h6>Unerfüllte Wünsche</h6>
<p>Als Bonusfigur wird noch Carl vorgestellt, der jüngere Bruder Edgars, der der jungen Birgit Weyhe als ein Ausbund an Strenge erscheint. Doch seine Biografie erklärt sein Wesen: Im Vorschulalter verweigert der militärisch geprägte Vater Carl die Liebe. Später muss er wegen seiner Homosexualität ins Zuchthaus. Zurück bleibt ein seelisches Wrack, hart zu seinen Mitmenschen, noch härter zu sich selbst.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Im_Himmel_ist_Jahrmarkt_Cover_web.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1496" alt="Im_Himmel_ist_Jahrmarkt_Cover_web" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Im_Himmel_ist_Jahrmarkt_Cover_web.jpg" width="310" height="435" /></a>Doch haben alle vier Leben ihre Traumata, ihre unerfüllten Wünsche, machen möglicherweise falsche Kompromisse. Neben den wichtigsten biografischen Ereignissen werden Anekdoten erzählt, etwa vom Schulranzenkauf mit Oma Herta, von einer Puppenverbrennungsaktion, von einer Reise von Oma Marianne und ihrer Schwester nach Uganda, wo Birgit Weyhe aufgewachsen ist. Besonders bemerkenswert ist, wie Weyhe das alles in Szene setzt.</p>
<p>Zwischen die einfachen Bilder, mit denen sie die Erzählebene vorantreibt und die ein wenig klobig daherkommen, mischt Weyhe zahllose Details und Symbole für die Innenansichten ihrer Charaktere. Texttafeln, Zeichnungen im Stil alter Biologielexika, organische Formen, Kleckse, expressionistische Fratzen, Holz- und Scherenschnitte, vieles in Weiß auf einem schwarzen Hintergrund. Eine grafisches Vielfalt, die auch beim dritten, vierten Lesen noch Entdeckungen verspricht.</p>
<p>Das alles macht „Der Himmel ist Jahrmarkt“ zu einer grandiosen Familienbiografie, die zugleich auch die deutsche Geschichte der letzten 100 Jahre widerspiegelt. Doch der Band ist zugleich ein Appell: Schaut in eure Familien, ruft er aus, hört euch die Geschichten eurer Verwandten an, fragt, solange ihr noch könnt. Denn auch wenn dort keine Massenmörder herumlaufen, bietet doch beinahe jedes Leben eine spannende Geschichte, bietet Sehnsüchte und Wünsche, bietet Brüche, Zufälle und Richtungswechsel, gerade bei den Übriggebliebenen jener Generationen, die noch von den Weltkriegen betroffen waren.</p>
<p>Den Geschichtenerzählern dieser Welt wird ihr Stoff so niemals ausgehen.</p>
<p><strong>Derf Backderf: „Mein Freund Dahmer“. Aus dem Englischen von Stefan Pannor. Metrolit, Berlin 2013, 224 Seiten, 22,99 Euro; </strong><strong>Birgit Weyhe: „Im Himmel ist Jahrmarkt“. Avant, Berlin 2013, 280 Seiten, 22 Euro</strong></p>
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		<title>Das Edelste sind die Anzeigen</title>
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		<pubDate>Thu, 25 Jul 2013 19:35:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Tweed will ein Magazin für den britischen Lebensstil sein und scheitert grandios. Der Heftgestaltung fehlt die Klasse, die Texte sind routiniert-lieblos. (aus der taz vom 25. Juli 2013) Eigentlich ist mit dem Button schon alles verloren. In Orange hängt er auf]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><em>Tweed</em> will ein Magazin für den britischen Lebensstil sein und scheitert grandios. Der Heftgestaltung fehlt die Klasse, die Texte sind routiniert-lieblos.<span id="more-1551"></span> (aus der <a href="http://taz.de/Neues-Dandy-Magazin-Tweed/!120555/" target="_blank">taz</a> vom 25. Juli 2013)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/cover-tweed-ganz.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1560" alt="Cover_Tweed_1.indd" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/cover-tweed-ganz.jpg" width="310" height="391" /></a>Eigentlich ist mit dem Button schon alles verloren. In Orange hängt er auf dem Titelbild, ist gezackt, „Die 33 wichtigsten Regeln für echte Gentlemen“ steht darauf. Das ist so dumm. So grundfalsch. Aber auch so treffend.</p>
<p>Aber einen Schritt zurück: Die <em>Tweed,</em> deren Erstausgabe gerade erschienen ist, bezeichnet sich als „Magazin für den britischen Lebensstil“, sie will den deutschen Dandy bedienen, mit einem Themenmix, der von einer Reportage beim Oldtimertreffen „Goodwood Revival“ bis zu Polo in Deutschland reicht, vom Schreiben mit dem Füllfederhalter bis hin zur Lederschuhpflege. Auch Rasiermesser kommen vor, was kein Wunder ist, denn Messer-Fachliteratur gehört zum Schwerpunkt des herausgebenden Wieland-Verlags.</p>
<p>Das Heft passt eigentlich hervorragend in unsere Zeit, seine Idee leuchtet ein. Erstens bedient <em>Tweed</em> den akuten Neokonservatismus des Manufactum-Biedermeiers mit seiner Sehnsucht nach Tradition, nach Handwerk, nach „echten“ Dingen – ein Gegenpol zur Digitalisierung und zu „unseren hektischen Zeiten, in denen ständig alles anders wird“, wie Chefredakteur Hans-Joachim Wieland im Editorial erklärt.</p>
<p>Und zweitens gibt es neben dem allgegenwärtigen Zeitungssterben durchaus einen Markt für neue Magazine – sofern diese klug Ränder bedienen und genau die Wertigkeit mitbringen, die dem Internet aktuell noch fehlt. Speziell bei gut verdienenden Männern im klassischen Gendersinne scheint das zu funktionieren, wie die 2009 erfolgreich eingeführten Magazine <em>Beef!</em> und <em>Business Punk</em> zeigen.</p>
<h6>Kleinteiliges Layout</h6>
<p>Doch muss man die Sache natürlich auch sauber umsetzen. Und hier scheitert <em>Tweed</em> grandios – weil man dem Lebensstil eines Gentlemans eben nicht mit den Bordmitteln eines gewöhnlichen Lifestylemagazins beikommen, man ihm eben nicht ein kleinteiliges, hektisches Layout überstülpen kann, das vielleicht zeitgemäß ist, aber nicht klassisch und gediegen. Da gibt es Randspalten mit Infohäppchen, freigestellte Fotos hier, Textboxen dort, unmotivierten Weißraum – selbst die ganzseitigen Fotos als Texteinstieg, die an sich gelungen sind, werden durch eine am Rand durchlaufende Ressortnamenleiste kaputt gemacht.</p>
<p>Alles wirkt billig und unangemessen, bis hin zur Wahl eines dünnen Hochglanzpapiers. So fühlt sich <em>Tweed</em> an wie eine Mischung aus <em>Men’s Health</em>, Peek-&amp;-Cloppenburg-Katalog und den Bordmagazinen von Fluggesellschaften, die Anzeigen gehören noch zu den edelsten Seiten. Das ist für einen Verkaufspreis von 9,80 Euro beschämend.</p>
<p>Die Texte changieren zwischen routiniert-lieblos und verfloskelt. Der Bericht über das altehrwürdige Londoner Savoy Hotel etwa – was hätte man da anstellen können? Einen Butler, einen Manager, einen Gast begleiten, das alles zu einer Reportage verbinden, die das Hotel lebendig macht. Stattdessen liest sich der Text wie aus Internetrecherchen und Pressetexten zusammengeschrieben: Viele interessante Information und Fakten, aber seelenlos.</p>
<p>So ist es mit dem gesamten Heft: Anstatt in die britisch-versnobte Lebenswelt einzutauchen und aus ihr zu berichten – was auch für Außenstehende ein spannender Einblick hätte sein können – wird sie nur <em>step by step</em> erklärt, wie in einem Wochenendseminar. „Erwachsene Männer, die erfolgreich im Leben stehen und ihren eigenen Stil gefunden haben“ will die <em>Tweed</em> ansprechen. Und wird nur Menschen erreichen, die zwar Geld haben, aber sich ihren Stil erst noch vorschreiben lassen müssen.</p>
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		<title>Was Spione halt so machen</title>
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		<pubDate>Fri, 19 Jul 2013 19:45:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Die Überwachungshysterie verfolgt einen in diesen Tagen bis ans Ende der Welt. Wir sollten uns alle ein Beispiel an James Bond nehmen. (aus der taz vom vom 19. Juli 2013) 50 Euro Belohnung verspricht der Aushang. „Am]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Die Überwachungshysterie verfolgt einen in diesen Tagen bis ans Ende der Welt. Wir sollten uns alle ein Beispiel an James Bond nehmen.<span id="more-1568"></span> (aus der <a href="http://taz.de/Kolumne-Nullen-und-Einsen/!120210/" target="_blank">taz</a> vom vom 19. Juli 2013)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/drohneentflogen.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1569" alt="drohneentflogen" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/drohneentflogen.jpg" width="310" height="365" /></a>50 Euro Belohnung verspricht der Aushang. „Am 26. 6. vom Parkplatz ’Nordstrand‘ startete ich meinen Quadcopter DJI Phantom in Richtung der beiden Leuchttürme von Kap Arkona. Leider kam mein Fluggerät nicht zurück und ging irgendwo im ’Gelände‘ verloren. Unter dem Quadcopter hing eine GoPro Hero 3 Kamera.“ So sieht also die Zukunft aus, „Drohne entflogen“ wird das neue „Hund/Katze entlaufen“. Nur die beiden Fotos <a href="http://twitter.com/freelancepolice/status/357865592306425857" target="_blank" shape="rect">auf dem Zettel</a> sind nicht mitleiderregend genug. Drohnen haben keine traurigen Augen. Noch nicht.</p>
<p>Bei Flugdrohnen mit Kameras denkt man ganz schnell wieder an Überwachung, man kommt von dem Thema in diesen Tagen einfach nicht los, auch nicht im Rügen-Urlaub. Weil ich da mal Zeit für so was habe und ja auch nicht den ganzen Tag im „Gelände“ verbringen kann, lese ich im analogen Feedreader (= alte Zeitungen) und stolpere über ein taz-Interview, in dem die NSA <a href="http://www.taz.de/!119017/" target="_blank" shape="rect">als „die geheimste Behörde der Welt“ bezeichnet wird</a>. Die geheimste! Wäre das nicht eher eine, über die nicht alle reden?</p>
<p>Abends schaue ich auch mal wieder Fernsehen, Zuhause geht das ja gar nicht, weil der von meinen Eltern importierte 70er-Jahre-Designfernseher, ein echter Esslinger!, sich nicht mit der digitalen Empfangstechnik verträgt. Ich weiß jetzt also, dass ich diese nachvorngelehnte, inswortfallende, obergewitzte Interviewtechnik von Markus Lanz ganz grauenvoll finde, und in Ina Müller habe ich mich ein wenig verliebt.</p>
<p>Zwischendurch reden bei Maybrit Illner schon wieder Menschen über den NSA-Skandal und am letzten Abend läuft „Liebesgrüße aus Moskau“. Es geht um eine Dechiffriermaschine, und als James Bond vom Flughafen abgeholt wird, verfolgt ihn ein Auto. „Wir werden beschattet, hat das einen besonderen Grund?“ – „Es sind Bulgaren, sie arbeiten für die Russen. Sie verfolgen uns, wir verfolgen sie. Das tut der Freundschaft keinen Abbruch.“</p>
<p>Ja, so war das damals, alles noch ein wenig entspannter. Auf eine Art verstehe ich die heutige Empörung um den NSA-Skandals ohnehin nicht so recht, meine Empörungssensoren sind aber auch extrem unterausgeprägt, das war schon immer so. Was sollen Spione denn bitte sonst machen, wenn nicht spionieren? Bloß dass sie bei Sean Connery noch kein Internet hatten, sondern bloß mit einem Periskop von unten in das russische Konsulat schauen konnten. Aber damals sagte man ja auch noch „Ich lasse meine Zigeuner für mich arbeiten“ und als Gadget gab es einen Agentenkoffer, mit dem man richtig schießen kann. Wie im <em>Yps-</em>Heft.</p>
<p>Zurück in Berlin probiere ich den <a href="http://https//www.google.de/search?q=Anzeigenvorgaben-Manager&amp;ie=utf-8&amp;oe=utf-8&amp;rls=org.mozilla:de:official&amp;client=firefox-a&amp;channel=fflb&amp;gws_rd=cr" target="_blank" shape="rect">Google-Anzeigenvorgaben-Manager</a> aus, von dem mir <a href="http://taz.de/Datenskandale-und-Online-Werbung/!119314/" target="_blank" shape="rect">Kollege Gernert</a> erzählt hat. Da kann ich sehen, was Google glaubt, was mich interessiert, basierend auf Suchanfragen und besuchten Websites. Einiges stimmt: Katzen, Berlin, Sportnachrichten. Einiges stimmt nicht, ist aber erklärbar: Wetter, Rezepte. Und manches ist einfach auch totaler Unsinn: Saarland? Egoshooter? Kosmetikartikel? Ostasiatische Musik? Toyota???</p>
<p>Zu meinen Interessen zählen demnach auch „Geheimdienste und Terrorismusbekämpfung“. Man kommt von dem Thema in diesen Tagen wirklich nicht los.</p>
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		<title>„Als Kind sah ich noch Riesen“</title>
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		<pubDate>Tue, 16 Jul 2013 00:14:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Luke Pearson, für zwei Eisner Awards nominiert, über den Verlust der Fantasie beim Erwachsenwerden, die Vorteile des Lebens in der Stadt und seine Hilda-Comicreihe. (aus der taz vom 16. Juli 2013) taz: Herr Pearson, Sie sind gerade mal 25 Jahre]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Luke Pearson, für zwei Eisner Awards nominiert, über den Verlust der Fantasie beim Erwachsenwerden, die Vorteile des Lebens in der Stadt und seine Hilda-Comicreihe.<span id="more-1505"></span> (aus der <a href="http://taz.de/Der-britische-Comicautor-Luke-Pearson/!119998/" target="_blank">taz</a> vom 16. Juli 2013)</h3>
<h3><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/luke-pearson-hildafolk-nobrow-2.jpg"><img class="size-full wp-image-1507 aligncenter" alt="luke-pearson-hildafolk-nobrow-2" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/luke-pearson-hildafolk-nobrow-2.jpg" width="620" height="245" /></a></h3>
<p><strong>taz: Herr Pearson, Sie sind gerade mal 25 Jahre alt und bereits für einen der wichtigsten Comicpreise der Welt nominiert: den Eisner Award in der Kategorie „Best Writer/Artist“. Käme ein Sieg nicht viel zu früh?</strong></p>
<p><strong>Luke Pearson:</strong> Nein, dafür ist es niemals zu früh. Klar würde ich gern gewinnen. Nur wird das nicht passieren, nicht im Jahr von Chris Wares „Building Stories“. Aber ich bin ja auch in einer der Kinderbuchkategorien nominiert, ich glaube, da habe ich eine Siegchance. Vielleicht.</p>
<p><strong>Erinnern Sie sich an den Moment, als Sie von der Nominierung erfahren haben?</strong></p>
<p>Nicht genau. Als es bekannt wurde, haben mir alle gratuliert und waren supernett und aufgekratzt. Das war wohl ein karrieredefinierender Moment.</p>
<p><strong>Freuen Sie selbst sich denn auch ein wenig?</strong></p>
<p>Oh, klar, die Nominierung ist cool, ich bin glücklich. Es ist nur … ich messe solchen Auszeichnungen keine allzu hohe Bedeutung bei. Wenn Preisrichter über etwas entscheiden, geht es am Ende doch immer um persönlichen Geschmack. Ich habe bei den British Comic Awards letztes Jahr einen Preis gewonnen, da haben Kinder über den Sieger abgestimmt. So etwas erfüllt mich mit mehr Stolz.</p>
<p><strong>Sie wurden ausgezeichnet für „Hilda und der Mitternachtsriese“, den zweiten Teil Ihrer Reihe über ein Mädchen, das Abenteuer mit Trollen, Minielfen und vielen anderen Wesen erlebt. War Hilda eigentlich von Anfang für Kinder gedacht?</strong></p>
<p>Ja, schon. Es sollte ein Kindercomic werden, das auch Erwachsenen gefällt und sie gern anderen Erwachsenen empfehlen. Wenn ich mir eine Zielgruppe aussuchen müsste, wären es Kinder.</p>
<p><strong><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/BI_130219_Hilda_Mitternachtsriese_5-11_Seite_5.jpg"><img class="size-full wp-image-1510 alignright" alt="BI_130219_Hilda_Mitternachtsriese_5-11_Seite_5" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/BI_130219_Hilda_Mitternachtsriese_5-11_Seite_5.jpg" width="310" height="432" /></a>Was hat Sie beim Entwerfen der Hilda-Welt beeinflusst?</strong></p>
<p>Ich hatte Hilda zunächst in meine Skizzenbücher gezeichnet, ohne zu wissen, was ich mit ihr anfangen würde. Dann habe ich mit meinen Eltern eine Kreuzfahrt durch die norwegischen Fjorde gemacht – ich hatte vorher Geschichten über Trolle gelesen und die neblige, felsübersähte Wildnis mit ihren Berghängen hat meine Fantasie beflügelt. Wichtig waren auch ein Uniprojekt über die Sagenwelt Islands und die Mumins-Bücher der finnischen Comicautorin Tove Jansson, die mich als Kind sehr beeindruckt haben.</p>
<p><strong>Ich musste sehr an die Filme des japanischen Animeregisseurs Hayao Miyazaki denken: die mutige Heldin, ein gewisser Animismus, die vielen seltsamen Wesen, die nur eine Spur neben der Realität liegen.</strong></p>
<p>Ja, seine Filme haben mich generell geprägt. Ich liebe sie, vor allem „Chihiros Reise ins Zauberland“ und „Prinzessin Mononoke“. Es gibt viele Fantasyelemente, aber sie sind so weit weg von westlichen Ideen von Fantasy und viel mehr in der Natur verwurzelt. Das macht es vollkommen surreal, es ist so viel Zeug, bei dem du denkst: Das habe ich noch nie zuvor gesehen! Du kriegst nicht zusammen, wo es herkommt, aber es ergibt in seiner völlig verdrehten Logik doch einen Sinn. Außerdem gibt es kein Gut und Böse, es sind nur verschiedene Mächte am Werk.</p>
<p><strong>Ihre fragmentarisch erzählte Graphic Novel „Everything We Miss“ weicht erzählerisch und gestalterisch sehr von den Hilda-Comics ab. Sind Sie noch auf der Suche nach Ihrem Stil?</strong></p>
<p>Ich passe definitiv meine Zeichnungen an das an, was ich schreibe, und mag es, zu experimentieren. Andererseits fühle ich mich manchmal mies deswegen – als hätten alle schon eine starke visuelle Stimme gefunden und nur ich springe ständig hin und her und entwickele mich nicht so schnell weiter, wie ich könnte.</p>
<p><strong>Eine Gemeinsamkeit hingegen ist eine zarte Magie. Ihre Welten sind belebt, es passieren übernatürliche Dinge, auch im düsteren „Everything We Miss“: Ein Baum tanzt, Weltraumriesen spielen Zielwerfen mit Asteroiden. Ist das ein bisschen die Art, wie Sie die Welt sehen?</strong></p>
<p>Nein. Das wäre ja auch ziemlich naiv, oder? Es bildet eher meine Erinnerung daran ab, wie es als Kind war. Als ich mir noch besser vorstellen konnte, dass da noch andere Dinge auf der Welt sind, etwa wenn wir im Urlaub auf dem Land waren und ich große Riesen gesehen habe, die am Horizont entlanggelaufen sind. Ich glaube, diese Lust am Spekulieren, die Lust daran, Dinge im Kopf weiterzutreiben, bis zu dem Punkt, an dem man sich beinahe selbst überzeugt hat, sie zu glauben, hat viel damit zu tun, warum ich gern Comics mache.</p>
<p><strong>Was waren Sie für ein Kind? Eher ein einsames?</strong></p>
<p>Ich habe eine Schwester, also war ich nicht komplett allein. Aber ich war schon eher in mich gekehrt, ein schüchterner Junge – das bin ich noch heute.</p>
<p><strong>Schweifen Sie leicht mit Ihren Gedanken ab?</strong></p>
<p>Früher kamen die Dinge wie von alleine zu mir, manchmal musste ich nur die Augen schließen und hatte sehr klare, lebhafte Tagträume. Heute kann ich das längst nicht mehr so gut, das macht mich etwas traurig.</p>
<p><strong><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/cover-web-560x794.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1509" alt="cover-web-560x794" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/cover-web-560x794.jpg" width="310" height="443" /></a>Liegt das an der Professionalisierung als Comickünstler oder am Erwachsenwerden generell?</strong></p>
<p>An beidem, denke ich. Als Erwachsener gibt es so viel Bullshit, über den man nachdenken muss, dass man nicht mehr das Privileg hat, einfach wegzuschalten. Und klar, ich zeichne seit drei Jahren professionell, und irgendwann realisierst du, dass du dich darauf verlassen können musst. Das erhöht den Druck.</p>
<p><strong>Wie ist Ihr Arbeitsmodus, wenn Sie so auf kreative Schübe angewiesen sind?</strong></p>
<p>Ich habe eine furchtbar miese Disziplin. Dabei hänge ich ein wenig in der Luft: Einerseits sage ich mir, dass eine Nine-to-Five-Routine nur ein vorgestanztes System ist, das ich nicht brauche. Ich bin ein freier Mann, ich kann machen, was ich will! Aber dann sitze ich um fünf Uhr nachmittags da und sehe, wie alle nach Hause kommen und sich einen schönen Abend machen – und ich habe einfach noch gar nichts getan und zeichne bis spät in die Nacht. Oder ich arbeite zwei, drei Tage fast ohne Schlaf und bin danach total ausgebrannt.</p>
<p><strong>So etwas hängt ja auch vom Freundeskreis ab. Wenn alle so einen Rhythmus haben wie man selbst, kann man auch um Mitternacht noch Leute auf ein After-Work-Bier treffen. Wo leben Sie eigentlich?</strong></p>
<p>In Nottingham. Es ist ziemlich klein, gerade mal eine Stadt.</p>
<p><strong>Kommen Sie von dort oder wie landet man sonst in Nottingham?</strong></p>
<p>Gute Frage. Ich bin in der Nähe von Birmingham aufgewachsen, und als ich vor zwei Jahren mit meiner Freundin zusammengezogen bin, endeten wir, warum auch immer, in Nottingham. Also es ist in der Nähe meiner früheren Uni … aber vor allem ist es billig, und das ist alles, was ich brauche.</p>
<p><strong>Hilda zieht nach zwei Bänden vom Land in die Stadt. Was denken Sie: Wo werden Sie leben, wenn Sie 40 sind?</strong></p>
<p>Ich denke, in einer Stadt. Ich fahre kein Auto und ich möchte dann lieber irgendwo sein, wo ich alles zu Fuß erreichen kann – oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Das ist ein ziemlich langweiliger Grund.</p>
<p><strong>Ach, Unsinn. Aber haben Sie denn keinen Führerschein?</strong></p>
<p>Doch, schon. Ich habe ihn zum 16. Geburtstag geschenkt bekommen, bin aber seitdem nie wieder gefahren. Für mich ist Autofahren eine stressige und beängstigende Erfahrung. Außerdem lebe ich lieber in der Stadt, weil ich dazu neige, soziale Verpflichtungen zu vermeiden. Es ist sehr schwer, mich zu irgendwas zu bewegen. In Städten gibt es zumindest das Potenzial, dass ich das Haus verlasse. Würde ich mit meiner Einstellung auch noch auf dem Land leben, wäre das mein Todesurteil.</p>
<p><em><strong><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/luke-pearson-540x304-1.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-1508" alt="luke-pearson-540x304 (1)" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/luke-pearson-540x304-1.jpg" width="131" height="131" /></a>Luke Pearson</strong>, 25, hat Illustration an der Loughborough University studiert und arbeitet als Comiczeichner und Illustrator in Nottingham. Neben Kurzgeschichten hat <a href="http://lukepearson.com/" target="_blank">Pearson</a>beim britischen Verlag Nobrow „Everything We Miss“ und bisher drei Teile der Hilda-Reihe veröffentlicht. „Hilda und der Mitternachtsriese“ ist auf Deutsch bei Reprodukt erschienen, weitere Übersetzungen sind geplant.</em></p>
<p><em><strong>Eisner Awards:</strong> Die Eisner Awards, benannt nach dem Graphic-Novel-Pionier Will Eisner und der wichtigste US-Comicpreis neben den Harvey Awards, existieren seit 1988. Am 19. Juli werden sie im Rahmen der Fachmesse Comic-Con in San Diego in 29 Kategorien verliehen. Die Konkurrenten Luke Pearsons als „Best Writer/Artist“ lesen sich für Comicfans namhaft: Chris Ware, C. Taylor, Charles Burns sowie Gilbert und Jaime Hernandez. Bisher gewonnen haben etwa Alan Moore („Watchmen“) und Frank Miller („300“).</em></p>
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		<title>Trockener Humor auf großer Fahrt</title>
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		<pubDate>Tue, 25 Jun 2013 17:17:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Piraten oder Henker? Fabien Vehlmann und Jason erzählen in ihrer Graphic Novel von einer sehr ungewöhnlichen Bildungseinrichtung. (aus der taz vom 25. Juni 2013) Einer der ältesten Kämpfe im Internet ist die Frage: Piraten oder Ninjas? Wer würde gewinnen, wenn]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Piraten oder Henker? Fabien Vehlmann und Jason erzählen in ihrer Graphic Novel von einer sehr ungewöhnlichen Bildungseinrichtung. <span id="more-1465"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Comic-Die-Insel-der-100000-Toten/!118681/" target="_blank">taz</a> vom 25. Juni 2013)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/inselder100000toten.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1467" alt="inselder100000toten" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/inselder100000toten.jpg" width="620" height="276" /></a>Einer der ältesten Kämpfe im Internet ist die Frage: Piraten oder Ninjas? Wer würde gewinnen, wenn beide im direkten Duell aufeinanderträfen? Piraten haben Schiffe und Schusswaffen, sagen die einen. Ninjas sind so gut wie unsichtbar und können lautlos töten, sagen die anderen.</p>
<p>Geklärt ist nun immerhin die Frage „Piraten oder Henker?“ Der eindeutige Gewinner bisher: die Henker (die mit ihren Masken Ninjas verblüffend ähnlich sehen, aber das nur nebenbei). Auf „Die Insel der 100.000 Toten“ haben sie sich ein Ausbildungszentrum gebaut, so steht es in der ersten Comic-Kollaboration des französischen Szenaristen – eine Art Drehbuchautor für Comics – Fabien Vehlmann und des norwegischen Zeichners Jason.</p>
<p>Und weil kleine Henkerschüler viele Todeskandidaten zum Üben brauchen, wird mittels fingierter Flaschenpostschatzkarten ständig Nachschub beschafft: Piraten aus der ganzen Karibik lassen sich auf die Insel locken, sie werden gefangen genommen, gefoltert und schließlich umgebracht.</p>
<p>Jason, Stammautor des Berliner Verlags Reprodukt, liebt Gedankenspiele, die in pythonesker Witzmechanik eine Verschiebung der Realität erproben: In „Hemingway“ zeigt er berühmte Schriftsteller der 20er Jahre in Paris – als Comiczeichner. „Ich habe Adolf Hitler getötet“ erzählt von einer Gesellschaft, in der <a title="Zeitreisen und legale Auftragsmorde" href="http://michaelbrake.de/2012/03/23/ich_habe_adolf_hitler_getoetet/" shape="rect">Auftragsmorde legal und alltäglich sind</a>. Die Absurdität der Geschichten wird dadurch verstärkt, dass alle Figuren Tierköpfe haben, die aber keinerlei Symbol für irgendwas sind – so auch in „Die Insel der 100.000 Toten“.</p>
<h6>Die Würde des Tötens</h6>
<p>Natürlich bietet so eine Henkerschule immer wieder Anlässe für äußerst trockenen Humor. Da bringen die Lehrer ihren Schülern bei, wie zu vermeiden sei, dass die Toten nach der Hinrichtung einen unangemessenen Gesichtsausdruck tragen. Der Schulleiter zeigt dem Kollegium ein Ergebnis „aus der Entwicklungsabteilung“, eine Kanone, die gleich mehrere Menschen in die Luft schießt, und sinniert: „Ich weiß nicht so recht, wenn man tötet wie am Fließband, welche Würde hat unsere Profession dann noch?“</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/insel100000totecover.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1468" alt="insel100000totecover" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/insel100000totecover.jpg" width="310" height="415" /></a>Und wie an jeder Schule gibt es auch hier einen Außenseiter, einen Träumer, der ganz andere Sachen im Kopf hat als die Unterrichtsinhalte, der nach einem Unfall beim Kopfabhacken zum Schularzt muss und beim „Scheiterhaufen stapeln“ eine Miniblockhütte baut. „Ich dachte, so sieht es netter aus“, sagt er dem entsetzten Lehrer.</p>
<p>Der Junge wird noch wichtig werden, wenn die Geschichte, die Fabien Vehlmann rund um das skurrile Szenario gesponnen hat, ins Rollen kommt: Die Teenagerin Gweny, die allein mit ihrer geisteskranken Mutter in einem Küstenort lebt, kommt dahinter, dass ihr seit Jahren verschollener Vater auf der Insel der 100.000 Toten gelandet ist. Sie schafft es, eine Gruppe Piraten zu überreden, mit ihr dorthin zu segeln. Natürlich werden sie alle gefangen genommen, und in der Folge kommt es zu zahlreichen Wendungen und Wirrungen, wobei auch die Frage „Piraten oder Henker?“ noch einmal neu verhandelt wird.</p>
<p>Das ist gegen Ende beinahe actionreich, aber bleibt auch dann unspektakulär in seiner herausgestellten Dauerlakonie. Das liegt nicht zuletzt an den sehr klaren, sachlichen Zeichnungen Jasons, seinem statischen Seitenaufbau und den ausdrucksleeren Gesichtern seiner Figuren, die immerhin den dezenten und recht sparsam eingesetzten Humor gut unterstreichen. So ist „Die Insel der 100.000 Toten“ zwar ein solider unterhaltsamer Comic, aber auch nicht gerade irre inspirierend oder gar neue Perspektiven eröffnend.</p>
<p><strong>Fabien Vehlmann, Jason: „Die Insel der 100.000 Toten“. Deutsch von Mireille Onon. Reprodukt Verlag, Berlin 2013, 56 Seiten, 15 Euro</strong></p>
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		<title>Reality Bites</title>
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		<pubDate>Fri, 21 Jun 2013 19:45:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Computerspiele sollen immer wirklichkeitsgetreuer werden. Nach 32 Jahren als Testspieler der Realitäts-Betaversion bin ich schwer enttäuscht. (aus der taz vom 21. Juni) In Neal Stephensons Roman „Error” wird ein autistisch veranlagter Geologe beschrieben. Er ist so verbittert über]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Computerspiele sollen immer wirklichkeitsgetreuer werden. Nach 32 Jahren als Testspieler der Realitäts-Betaversion bin ich schwer enttäuscht. <span id="more-1567"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Kolumne-Nullen-und-Einsen/!118459/" target="_blank">taz</a> vom 21. Juni)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/realityworstgame.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1575" alt="realityworstgame" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/realityworstgame.jpg" width="620" height="496" /></a></p>
<p>In <a href="http://www.taz.de/Neal-Stephensons-Buch-Error/!103662/" target="_blank" shape="rect">Neal Stephensons Roman „Error”</a> wird ein autistisch veranlagter Geologe beschrieben. Er ist so verbittert über das unrealistische Design von Bergen in Computerspielen, dass er eine Engine programmiert, die Milliarden Jahre der Gebirgswerdung simuliert. Vulkanausbrüche, Plattentektonik, Witterung, das ganze Programm. Seine Berge sind also nicht mehr eine Firnisschicht Pixeltextur auf weißen Polygonen, sondern bis ganz unten durchgerechnete Steinhaufen.</p>
<p>Auch in der Realität ist die Realität der heilige Gral der Gamingbranche. Alles soll immer noch natürlicher aussehen, sich immer noch echter anhören und beim Level- und Storydesign sollen es immer noch mehr Freiheitsgrade sein, sollen möglichst alle herumstehenden Gegenstände und Personen nicht nur Pixelrequisite sein, sondern Spielinhalte, mit denen sich interagieren lässt.</p>
<p>So ist die Realität längst zum Selbstzweck geworden. Dabei bin ich nach 32 Jahren als Testspieler der Realitäts-Betaversion schwer enttäuscht. Denn klar, als Open-World-Simulation ist das Spielkonzept <em>State of the Art</em>, das ruckelfreie Echtzeitrendering mit einer scheinbar unbegrenzten Farbpalette in höchster Auflösung ist beeindruckend (Vorsicht: nichts für alte Grafikkarten!), die Physik-Engine sucht ihresgleichen und der Surroundsound ist von ungewohnter Klangtiefe.</p>
<p>Aber das alles wird kaum ausgespielt, meist bleibt das Leveldesign erschreckend monoton (Sibirien, Sahara, deutsche Fußgängerzonen), und über zwei Drittel der Spielfläche bestehen ohnehin aus langweilig animiertem Wasser. Hier haben die Projektmanager eindeutig am falschen Ende gespart – wie bei so vielen anderen Dingen.</p>
<p>Eine komplette Zumutung ist etwa das Game-Controlling: Gefühlt dauert es Jahre, auch nur die grundlegenden Funktionen zu lernen. Wer hat schon so viel Zeit? Klar, mit der „Hand“ wurde ein vielseitiges Steuerungselement geschaffen, das erstaunliche Kombos hinbekommt – aber das geht auf Kosten fast aller anderen Spielfunktionen. Oder kennen Sie irgendein Spiel, wo man selbst mit Übung kaum höher springen kann als die eigene Körpergröße?</p>
<p>Auch mögen sieben Milliarden Non-Player-Charaktere beeindruckend klingen – doch reden sie fast alle unverständliches Zeug und sind zum größten Teil auch noch langweilig. So verkommt künstliche Intelligenz zur Dutzendware! Ähnlich unausgegoren ist die Editorfunktion: Theoretisch lässt sich zwar alles Denkbare verändern, praktisch haben selbst hochgezüchtete Charaktere nicht genug Stärkepunkte, um auch nur einen kleineren Berg zu versetzen.</p>
<p>Dazu kommen Detailfehler wie die oftmals grausame Menüführung (Steuererklärung), das stark limitierte Inventory, in dem man trotzdem nie was findet (Haustürschlüssel), oder die Unmengen an Zeit, die man für Transport und Regeneration des Charakters aufwenden muss.</p>
<p>Komplett indiskutabel ist schließlich der Verzicht auf eine Speicherfunktion. Hat man sich in eine Sackgasse gespielt, bleibt nur der Reset-Knopf – was besonders ärgerlich ist, wenn man nach rund 25 Jahren erstmals substanzielle Fortschritte gemacht hat. Die Risikofreude geht so deutlich zurück.</p>
<p>Immerhin haben die Programmierer unzählige Quests und Missionen eingebaut, von denen viele auch im Multiplayermodus spielbar sind. Das komplett instransparente Erfahrungspunktesystem macht ein gezieltes Hochleveln des eigenen Charakters aber unmöglich. Und das Spielkonzept ist so undurchsichtig, dass man sich irgendwann fragt, welchen Sinn das alles hat.</p>
<p><strong>Fazit:</strong> die Realität – eine Sackgasse!</p>
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		<title>„Man sollte kraftvoll zubeißen“</title>
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		<pubDate>Wed, 19 Jun 2013 00:23:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Mit Würde eine Wurst essen – kaum etwas ist schwieriger. Warum es Politiker trotzdem nicht lassen können, erläutert der Experte Constantin Alexander. (aus der taz vom 19. Juni 2013) taz: Herr Alexander, Sie sammeln Bilder von Politikern, die Bratwürste essen. Wie]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Mit Würde eine Wurst essen – kaum etwas ist schwieriger. Warum es Politiker trotzdem nicht lassen können, erläutert der Experte Constantin Alexander.<span id="more-1688"></span> (aus der <a href="http://taz.de/Politologe-ueber-Bratwurstessen/!118333/" target="_blank">taz</a> vom 19. Juni 2013)</h3>
<p><strong>taz: Herr Alexander, Sie sammeln Bilder von Politikern, die Bratwürste essen. Wie kam es denn bitte dazu?</strong></p>
<p><strong>Constantin Alexander: </strong>Bei meiner Arbeit als Journalist ist mir aufgefallen, dass <a href="http://www.taz.de/index.php?id=bildergalerie&amp;tx_gooffotoboek_pi1[srcdir]=Bratwurst-Politik" target="_blank" shape="rect">es bestimmte Politikerfotos immer wieder gibt.</a>Das ist gerade bei durchchoreografierten Terminen so, etwa bei Volksfesten oder Wahlkampfveranstaltungen: Der Politiker, der eine Maß Bier in der Hand hält, der Politiker, der irgendwas in die Kamera hält, der ein Lamm streichelt, ein Stück Käse isst. Ich habe mich gefragt, welche Pose man am häufigsten findet, und deswegen Archive von Nachrichten- und Fotoagenturen durchsucht. Dabei sind mir zwei Sachen aufgefallen. Erstens: Es gibt von nahezu jedem deutschen Volksparteipolitiker ein Bild, wie er in eine Bratwurst beißt. Und zweitens: Bratwürste sind unmöglich würdevoll zu essen.</p>
<p><strong>Warum?</strong></p>
<p>Die Dinger sind heiß, sie sind fettig, man sieht nicht elegant dabei aus. Und dann kann so eine Bratwurst ja auch noch als phallisches Symbol interpretiert werden. Wenn du zu sehr reinbeißt, gibt es Männer, die sich bedroht fühlen. Aber wenn du es zu zärtlich machst, ist das auch schon wieder zu sexuell aufgeladen. Es ist also sehr, sehr schwierig, es professionell zu machen.</p>
<p><strong>Und warum machen sich dann alle deutschen Politiker mit Bratwürsten zum Kasper?</strong></p>
<p>Wenn du auf einer öffentlichen Veranstaltung bist und irgendetwas ablehnst – oder dein Assistent lässt es nicht zu dir durch –, dann kriegen die Leute vor Ort das mit. Hängen bleibt: Da kommt ein wichtiger Politiker und will uns repräsentieren, lehnt aber das Essen, das wir selber essen, ab. Man kann vielleicht noch argumentieren, die Wurst könnte vergiftet sein oder so was – aber zieh das mal durch. Und außerdem will der Politiker ja Volksnähe demonstrieren.</p>
<p><strong>Wie viel Symbol steckt denn in der Wurst?</strong></p>
<p>Enorm viel, denn Lebensmittel in der Kultur- und Kunstdarstellung stehen nie für sich. Früher haben Könige, reiche Bürger und Kirchenobere sich sehr gern so darstellen lassen, dass ihr Reichtum deutlich wurde, etwa mit einem Fasan. Heute aber, wo wir in Deutschland Demokratie haben, ist es sehr schwierig geworden, sich mit gewissen Luxusgegenständen ablichten zu lassen. Es gibt ja die Geschichte, wie Sahra Wagenknecht in Straßburg Hummer gegessen hat, und davon gab es ein Foto, und dann hat sie sofort dafür gesorgt, dass dieses Foto einfach nicht erscheint.</p>
<p><strong>Hat das funktioniert?</strong></p>
<p>Ja, das Foto wurde gelöscht. Für jemanden von der Linken in Deutschland ist Hummer, genau wie Kaviar oder Champagner, sehr luxuriös konnotiert. Heute müssen Politiker aber über Essen Volkstümlichkeit simulieren. Ein Barack Obama hat deshalb im US-Wahlkampf in nahezu jede Art von Fastfood mindestens einmal gebissen: Hot Dogs, Pizza, Burger, Barbecue. Von Mitt Romney hingegen gibt es keine Bilder, wie er in einen Taco beißt, denn der symbolisiert für die Republikanerwähler die Einwanderer aus Mexiko, die „Illegalen“. Das ist eine politische Bedeutung, da geht es gar nicht darum, ob etwas lecker ist oder nicht.</p>
<p><strong>Und die deutschen Politiker müssen in die Bratwurst beißen. Gibt es denn keine Alternative für sie?</strong></p>
<p>Es gibt natürlich regionale Spezialitäten. Fischbrötchen im Norden, Leberkäse und Weißwurst in Bayern, dann die Nürnberger, die Frankfurter, in Berlin und im Ruhrgebiet die Currywurst. Aber die Bratwurst gibt es überall, in jedem größeren Bahnhof findest du eine Bude. Und dann ist da natürlich noch der Döner …</p>
<p><strong>Ist das nicht so etwas wie der Taco der Deutschen?</strong></p>
<p>Exakt. Von Claudia Roth, Renate Künast und vielen Grünenpolitikern gibt es halt dieses klassische Symbolbild: multikulturell, offen, tolerant, „neues Deutschland“. Ob sie es wirklich dann auch essen, weiß ich nicht, denn oft stehen sie nur am Dönerspieß. Denn ein Döner ist genauso unmöglich zu essen: Der fällt auseinander, ist eine Maulsperre und überhaupt.</p>
<p><strong>An der Wurst führt also kein Weg vorbei. Was aber ist denn nun die beste Art, eine Bratwurst zu essen?</strong></p>
<p>Souverän. Es gibt schlicht keine würdevolle Art. Man sollte vermeiden, zu gierig zu wirken. Ganz schlimm ist es, die Augen zuzumachen beim Kauen. Man sollte kraftvoll zubeißen, aber nicht zu doll – denn sobald man das im Mund hat und ihn wieder aufmachen müsste, um Kälte reinzulassen, ist es zu spät. Man sollte ohnehin immer etwas warten, bis die Wurst abgedampft hat.</p>
<p><strong>Ein Problem ist, dass die Bratwurst zu heiß ist?</strong></p>
<p>Ja. Aber es wird eben auch erwartet, dass man sofort reinbeißt.</p>
<p><strong>Dann ist da die bereits angesprochene Sache mit den Zähnen …</strong></p>
<p>… zeigt man sie, wirkt es wie aggressives Zubeißen. Zeigt man sie nicht, wie laszives Lutschen.</p>
<p><strong>Uli Hoeneß zeigt auf einem Foto nur seinen Unterkiefer und macht dabei einen sehr guten Eindruck. Eine Empfehlung?</strong></p>
<p>Das hängt natürlich auch davon ab, was für ein Gesicht man hat. Hoeneß macht das auf dem Bild sehr gut, aber er ist ja auch ein Profi. Außerdem hat er eine Nürnberger gegessen, das ist einfacher.</p>
<p><strong>Warum?</strong></p>
<p>Die ist ein bisschen kleiner, das macht sie mundlicher. Und man kann sie besser durch Ausatmen ankühlen. Das gilt auch für die Currywurst: Die Stücke sind nicht so heiß, weil sie kleiner sind und mehr Außenfläche haben.</p>
<p><strong>Das Wichtigste ist also das Wurstformat?</strong></p>
<p>Das Wichtigste ist die Körperhaltung. Also nicht zu sehr nach vorne gebeugt, nicht zu sehr den Kiefer zeigen, sondern die Wurst zum Mund führen.</p>
<p><strong>Die Wurst muss zum Mund, nicht der Mund zur Wurst?</strong></p>
<p>Genau.</p>
<p><strong>Und wer ist der Meister des Bratwurstessens?</strong></p>
<p>Gerhard Schröder. Es wirkt am natürlichsten bei ihm, und man hat das Gefühl: Der hat Bock drauf, der kennt sich damit aus, und der hat das auch schon vorher gemacht, bevor er ein gewichtiger Politiker geworden ist. Noch heute gibt es ja in allen öffentlichen Hannoveraner Kantinen auch immer noch die Kanzlerplatte, das ist Currywurst/Pommes. Gleichzeitig kursierte in der Berliner dpa-Redaktion das Gerücht, dass Schröder 1998 im Bundestagswahlkampf einen Bratwurst-Coach hatte.</p>
<p><strong>Hat die Bratwurst die Wahlen 1998 und 2002 mitentschieden?</strong></p>
<p>Ich würde sagen: Die Fähigkeit eine Bratwurst zu essen, zeigt, wirklich zu verstehen, wie die Mehrheit des deutschen Volkes tickt. Das ist so, wie in manchem Wirtschaftskreisen zu wissen, wie man eine Zigarre raucht: Und seit der der Finanzkrise gibt es immer weniger Bilder von Politikern, die Zigarre rauchen.</p>
<div id="" role="region">
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<p><em><strong>Constantin Alexander</strong>, 30, ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist. Bratwurstforschung betreibt er auf <a href="http://peoplebitingintobratwurst.tumblr.com/" target="_blank">peoplebitingintobratwurst.tumblr.com</a>. Außerdem ist er Teil des Elektro-Lyrik-Projekts „Beatpoeten“ – und seit 14 Jahren Vegetarier.</em></p>
</div>
</div>
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		<title>Wie ein hektischer Traum</title>
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		<pubDate>Tue, 28 May 2013 17:28:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Jérome Charyns „Marilyn the Wild“ ist ein rasantes Stück Pulp noir. Zeichner Frédéric Rébéna beschleunigt die Geschichte mit expressionistischem Stil. (aus der taz vom 28. Mai 2013) Deputy Chief Isaac Sidel. Isaac, der Reine. Isaac, der Gerechte. Der härteste Cop]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Jérome Charyns „Marilyn the Wild“ ist ein rasantes Stück Pulp noir. Zeichner Frédéric Rébéna beschleunigt die Geschichte mit expressionistischem Stil.<span id="more-1472"></span> <!--more-->(aus der <a href="http://taz.de/Graphic-Novel-Marilyn-the-Wild/!116941/" target="_blank">taz</a> vom 28. Mai 2013)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/marilynthewild_schreiberundleser.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1480" alt="marilynthewild_schreiberundleser" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/marilynthewild_schreiberundleser.jpg" width="620" height="310" /></a></p>
<p>Deputy Chief Isaac Sidel. Isaac, der Reine. Isaac, der Gerechte. Der härteste Cop New Yorks, ein Einzelgänger und grauenvoll eifersüchtiger Vater, gnadenlos zu seinen mittel- bis inkompetenten Untergebenen, noch gnadenloser zu den Verbrechern. Der Herrscher der Lower East Side. Doch zugleich ist Sidel mit seinen 44 Jahren am Rande einer Midlife-Crisis, ein Kontrollfreak, dem die Kontrolle zu entgleiten droht: über sein Revier und seine Tochter Marilyn.</p>
<p>Diese Marilyn, ein Vamp mit dunklen Haaren und wahnsinnigen Kurven, vögelt heimlich mit Manfred „Blue Eyes“ Coen, der rechten Hand Sidels. Sie verachtet Manfred für dessen Loyalität: „Hättest du den Mut, dein blödes Polizeiabzeichen wegzuschmeißen und Isaac ins Gesicht zu spucken, dann würde ich mich vielleicht in dich verlieben“, sagt sie.</p>
<p>Harte Cops, unergründliche Frauen, schwarze Zuhälter mit geckenhaften Hüten, dominospielende Italogangster, sensationslüsterne Reporter, Straßengestalten, Gewalt und Sex – es ist purer Pulp noir, der hier in Comicform vorliegt. Die Vorlage zu „Marilyn the Wild“ sind die in den 1970ern verfassten Romane des vielfach preisgekrönten New Yorker Autoren Jérome Charyn, der Isaac Sidel gleich durch zehn Romane gejagt hat und nun als Szenarist tätig war.</p>
<p>Die Zeichnungen dazu schuf der Franzose Frédéric Rébéna. Er arbeitet mit vielen Halbnahen und Großaufnahmen, geht ganz nah ran an die karikaturenhaften Gesichter und setzt so die Kaputtheit der Charaktere noch deutlicher in Szene. Fast alle haben tiefe Augenringe, als Statisten irren Zombies und lebende Leichen durch die prädigitale Variante New Yorks, die so ausschließlich und für genau jene Art von Kriminalgeschichten existie</p>
<h6>Sturheit und Kurzschlüsse</h6>
<p>In dieser Story wird die Lower East Side derweil von einer Jugendbande terrorisiert. Drei Unbekannte mit Lollipops und Skimasken verprügeln Geschäftsleute aus purem Sadismus, ohne Geld zu stehlen, auch Sidels Mutter und seine Lieblingshure werden Opfer der Angriffe. Zufall? „Zufall, Scheiße was. Das war eine Botschaft an mich und ich verstehe sie nicht“, sagt Isaac Sidel. „Ich gehe selbst und suche nach den kleinen Biestern.“</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/cover-marilyn-the-wild-900.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1479" alt="cover-marilyn-the-wild-900" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/cover-marilyn-the-wild-900.jpg" width="310" height="438" /></a>Ein Opfer sagt: „Weiß wie Schnee waren sie. Die Hände. Eins war ein Mädchen. Die Umrisse von Titten erkenne ich sicher.“ – „Sie prügeln und zerstören“, sagt ein Mafiosi. „Und nach dem Auftritt verziehen sie sich in ihr Judenviertel und futtern koschere Mortadella.“</p>
<p>Die Ereignisse überschlagen sich. Fast alle Beteiligten neigen gleichermaßen zu Sturheit, zu Alleingängen und zu Kurzschlusshandlungen.</p>
<p>Rébénas expressionistischer Stil mit seinen Farben und Fratzen, den Schraffuren, Schatten und Kontrasten unterstützt die Surrealität vieler Szenen. Etwa wenn Sidel in Paris seinen steinreichen Vater trifft, der halbnackt Stillleben malt, oder wenn Blue Eyes Coen an der Tischtennisplatte eines Kellerclubs ermittelt oder wenn wir bei einer Beerdigung drei Priestern mit langen Bärten begegnen, die Gebete murmeln.</p>
<p>Oft ist die Geschichte so schwer zu greifen wie ein hektischer Traum. Immer geht es um die archaische Frage nach der Kontrolle – die Frage, wer in einer zwischenmenschlichen Beziehung das Opfer ist und wer das Raubtier.</p>
<p><strong>Jérome Charyn, Frédéric Rébéna: „Marilyn the Wild“. Übersetzung: Resel Rebiersch. Verlag Schreiber &amp; Leser, Hamburg 2013. 80 Seiten, 18,80 Euro</strong></p>
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		<title>Von Mondfahrzeugen und ASCII-Kühen</title>
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		<pubDate>Fri, 24 May 2013 19:30:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Wikipedia, der Tinten-Verbauch von Arial und Quanten-Computing: 14 Dinge, die ich bei der Re:publica gelernt habe. (aus der taz vom 24. Mai 2013) Anmerkung: Diese Kolumne ist nur in der Print-taz erschienen und eine sehr, sehr knappe]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Wikipedia, der Tinten-Verbauch von Arial und Quanten-Computing: 14 Dinge, die ich bei der Re:publica gelernt habe.<span id="more-1743"></span> (aus der taz vom 24. Mai 2013)</h3>
<p><em>Anmerkung: <em>Diese Kolumne ist nur in der Print-taz erschienen und eine sehr, sehr knappe Zusammenfassung meiner Tagesberichte von der re:publica 2013: <em><a href="http://michaelbrake.de/2013/05/07/sternenmensch-und-schweinehaelften/" target="_blank">Tag 1</a></em>, <em><a href="http://michaelbrake.de/2013/05/08/von-schweissen-bis-antarktis/" target="_blank">Tag 2</a></em>, <em><a href="http://michaelbrake.de/2013/05/09/die-katzen-der-ascii-aera/" target="_blank">Tag 3</a></em>.</em></em></p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/republica-2013-Kopie.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1745" alt="republica-2013 Kopie" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/republica-2013-Kopie.jpg" width="620" height="465" /></a></p>
<p>Anfang Mai war wieder re:publica. Über 300 Referenten kamen zur Internetkonferenz nach Berlin, es gab zehn parallel bespielte Räume, unzählige Panels, Workshops, Get-Togethers &#8211; der Versuch einer allgemeingültigen Zusammenfassung wäre so sinnvoll, wie einen Wackelpudding an die Wand zu nageln. Oder sich ein einziges Logo für das ganze Internet ausdenken zu wollen. Denn es gibt 5.000 re:publicas, für jeden Besucher eine. Aber jeder kann sich am Ende die gleiche Frage stellen: Was habe ich eigentlich gelernt?</p>
<p><b>1. Das iPhone gab es im Film schon 1995.</b> In „Johnny Mnemomic“ mit Keanu Reeves kommt ein &#8220;Thompson iPhone&#8221; vor.</p>
<p><b>2. Die Wikipedia hat 41 Chapter. </b>Das neueste: Armenien. Die einzige andere Organisation, die ich kenne, die sich in Chapter gliedert, sind Rockerbanden.</p>
<p><b>3. „Kulturpessimismus ist wie Nackte abbilden.“</b> Was das heißt, weiß ich nicht, aber Diedrich Diederichsen hat es gesagt.</p>
<p><b>4. Binge Viewing nennt man es, eine Serienstaffel in einem Rutsch zu schauen.</b></p>
<p><b>5. Wenn man einen Stern malt und den oberen Zacken weglässt und dafür einen Kringel draufsetzt, ist es ein Mensch. </b>Und wenn man ganz viele untere Zacken malt und oben ganz viele Kringel draufsetzt, hat man eine anonyme Masse. Einfach mal probieren!</p>
<p><b>6. Es ist also doch möglich, die re:publica mit WLAN zu versorgen. </b>Damit fällt endlich auch der älteste blöde Witz der Veranstaltung weg („Haha, eine Internetkonferenz ohne Internet“).</p>
<p><b>7. Digits macht wunderbaren Synthpop.</b></p>
<p><b>8. „Die Quanten sind sehr schwer zu handeln, das wird noch eine ganze Weile dauern.“</b> – Horst Zuse, Informatiker und Sohn von Konrad Zuse, über Quanten-Computing.</p>
<p><b>9. Als der Buchdruck noch ganz neu war, haben Mönche alle Exemplare einer Auflage einzeln auf Fehler durchgesehen. </b>Sie konnten das Konzept, dass diese Bücher automatisch alle gleich aussehen müssen, nicht nachvollziehen. Ob das wirklich stimmt, weiß ich nicht, aber die Geschichte ist so schön, dass sie bitte einfach wahr sein soll.</p>
<p><b>10. „Die Schriftart Century Gothic verbraucht 30 Prozent weniger Tinte als Arial.“</b> Diese wichtige Information steht in dem ansonsten ziemlich egalen Buch „500 junge Ideen, täglich die Welt zu verbessern“.</p>
<p><b>11. Zucker ist historisch gesehen keine wichtige Energiequelle.</b> Die Pflanzenzucht dafür kam erst in der Neuzeit auf.</p>
<p><b>12. Auf dem Mond dauert ein Tag 29 Tage und es gibt 250 Grad Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht. </b>Das ist wichtig, wenn man ein Gefährt bauen will, das auf dem Mond mindestens 500 Meter fährt, um den Google Lunar X-Prize von 30 Millionen Dollar zu gewinnen.</p>
<p><b>13. Die Katzen der Pre-WWW-Ära waren die ASCII Cows.</b></p>
<p><b>14. Sascha Lobo hat während der New-Economy-Zeit viel Zeit und Geld in eine Plattform gesteckt, wo man Benzin downloaden konnte. </b>Hat nicht funktioniert. Trotzdem sei es immer gut, wenn man einfach mal macht, statt zu reden, sagt Lobo. Er zum Beispiel hat sich ein einziges Logo für das ganze Internet ausgedacht. Das sieht so aus: (#)</p>
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		<title>Don&#8217;t step on the Fußboden</title>
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		<pubDate>Tue, 21 May 2013 10:27:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[AUSGEHEN UND RUMSTEHEN mit ostdeutschen Bootsverleihern, dem Knie eines schlafenden Riesen und der schüchternsten Stadionrockband der Welt.(aus der taz vom 21. Mai 2013) Als es dunkel wird am Freitag, machen sie schon den Lichtcheck für das The-XX-Konzert am nächsten Tag. Dicke weiße und violette]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><strong>AUSGEHEN UND RUMSTEHEN mit ostdeutschen Bootsverleihern, dem Knie eines schlafenden Riesen und der schüchternsten Stadionrockband der Welt.<span id="more-1757"></span>(aus der taz vom 21. Mai 2013)</strong></h3>
<p>Als es dunkel wird am Freitag, machen sie schon den Lichtcheck für das The-XX-Konzert am nächsten Tag. Dicke weiße und violette Strahlen steigen aus dem Spreepark in den Himmel, und vom Biergarten auf der Insel, die nicht mehr Insel der Jugend heißt, haben wir einen optimalen Blick. Der Bootsverleiher spielt mit seinem Sohn Tischtennis, mit dem Halstuch, dem Ostakzent und der naturbelassenen Art wirkt er wie aus einem DDR-Ferienlager übrig geblieben, und dann sagt er seinem Sohn auch noch, es sei jetzt schon halb zehn, und er könne jetzt leider nicht mehr „Spuk unterm Riesenrad“ gucken.</p>
<p>Vorher hatte er uns ein Kanu geliehen, und wir waren fast bis Niederschöneweide gepaddelt bis zu einem grünen Hügel am rechten Ufer, der aussieht wie das Knie eines schlafenden Riesen. Auf dem Weg mussten wir einem Kohlefrachter und den Schnüren von Anglerfossilen ausweichen, wir sahen vier Reiher neben der Wasserschutzpolizeiwache, jeder von ihnen stand in einer anderen Haltung, wir kamen am Zementwerk vorbei und am Futuro-Haus, das wie ein Ufo mit Facettenbullaugen in einer Kleingartensiedlung steht, davor eine Hollywoodschaukel. Hinten sitzt in einem Kanu, wer schwerer ist und wer es besser kann, hatte uns der Bootsverleiher erklärt. Und weil das bei uns nicht deckungsgleich war, sitze ich vorn. Ich bin ja auch gar nicht sooo viel schwerer als A.</p>
<div>Am nächsten Tag sitze ich dann hinten im Bus 265 und fahre Richtung Spreepark, zum „Night + Day“-Festival. Es ist brechend voll, denn viele haben den Regen abgewartet, mir tun die Vorbands leid, die am frühen Nachmittag gespielt haben. Wir brauchen quälend lang, der Bus wird voller und voller, und dauernd stehen Leute in den Türen beim Losfahren. „Don&#8217;t step on the Fußboden“, sagt der Busfahrer. „The last door auch zumachen.“ Alle lachen.</div>
<p>Der Bus war nur ein Trainingslager für das Festivalgelände. An allen Essens- und Getränkeständen steht man mehr als eine halbe Stunde an, die Veranstalter haben viel zu viele Karten verkauft und so den letzten Tropfen Zauber aus dem Spreepark gemolken. Vom Flair des stillgelegten Vergnügungsparks kriegt man wenig mehr mit als beim Blick über den Zaun, ein paar Pappmaschee-Dinosaurier, irgendwo ein Karussell und in der Ferne das Riesenrad, das sich langsam wie ein Stundenzeiger dreht. Weil da Besucher erst raufgeklettert und dann runtergefallen sind, muss ein Teil des Geländes gesperrt werden. Eine Menschentraube sammelt sich, keiner weiß irgendwas. „Ey, ich hab 80 Euro bezahlt, ich will die DJs sehen“, sagt eine Besucherin. „Ey, ich verdien hier heute nur 80 Euro“, sagt der Security-Mensch.</p>
<p>Sonst ist das Publikum dezent, wenig Leute mit Bärchenkapuzen, und ich bin heilfroh, nicht diese bordeauxrote H+M-Kapuzenjacke mit den weißen Bändchen zu tragen, die auch hier wieder mindestens sieben Männer anhaben. Angenehm auch, mit welcher Seelenruhe das Grillstandpersonal die Massen abfertigt. „Nicht so viel Ketchup nehmen, das macht dick“, sagt der Bratwurstmeister, die Schürze spannt über seinem Bauch. Als The XX endlich spielen, entschädigt das Konzert für alles. Die Stimme von Oliver Sim füllt den gesamten Plänterwald und bricht sich an diesen fantastischen Riesenpappeln. The XX sind die schüchternste Stadionrockband der Welt. Was für ein schöner Superlativ!</p>
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		<title>Die Katzen der ASCII-Ära</title>
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		<pubDate>Thu, 09 May 2013 19:07:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Hackerromantik, Vorschläge zur Weltverbesserung und Mönche von gestern: Der dritte Tag der Internetkonferenz Re:Publica vom Geek-Rand aus betrachtet. (veröffentlicht auf taz.de am 9. Mai 2013) Anmerkungen: Hier geht es zu Tag 1 und Tag 2 der re:publica 2013. Hier findet sich die sehr knapp zusammenfassende Print-Kolumne]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Hackerromantik, Vorschläge zur Weltverbesserung und Mönche von gestern: Der dritte Tag der Internetkonferenz Re:Publica vom Geek-Rand aus betrachtet.<span id="more-1732"></span> (veröffentlicht auf <a href="http://taz.de/Netzkonferenz-republica-3-Tag/!115973/" target="_blank">taz.de</a> am 9. Mai 2013)</h3>
<p><em>Anmerkungen: Hier geht es zu <em><a href="http://michaelbrake.de/2013/05/07/sternenmensch-und-schweinehaelften/" target="_blank">Tag 1</a></em> und <em><a href="http://michaelbrake.de/2013/05/08/von-schweissen-bis-antarktis/" target="_blank">Tag 2</a></em> der re:publica 2013. Hier findet sich die sehr knapp zusammenfassende <a href="http://michaelbrake.de/2013/05/24/von-mondfahrzeugen-und-ascii-kuehen/" target="_blank">Print-Kolumne</a> aller Tage.</em></p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/asciicows.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1740" alt="asciicows" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/asciicows.jpg" width="620" height="300" /></a></p>
<p>Am letzten Tag der re:publica ist die ganze Luft ist voll mit diesen weißen flauschigen Flocken, die sich immer im Mai aus irgendwelchen Bäumen über Berlin ergießen. Und auch die Konferenz ist wie in Watte gepackt. Alle haben sich schon etwas runtergefahren, die Räume sind leerer, viel mehr Leute trinken am Nachmittag bereits Bier, ein paar Drohnen sirren durch die Luft, und ständig laufen Menschen mit Rollkoffern vom Gelände, nicht viele, aber regelmäßig, wie dicke Tropfen aus einem undichten Wasserhahn.</p>
<p>Um die nominellen Headliner in Saal 1 – Cory Doctorow erklärt die Notwendigkeit von Digital Rights Management, Anne Wiezorek dekliniert durch, <a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/web/aufschrei-was-von-der-twitter-aktion-gegen-alltagssexismus-bleibt-a-898896.html" target="_blank" shape="rect">was #aufschrei gebracht hat</a> oder nicht, und es gibt eine Live-Schalte zu <a href="http://www.youtube.com/watch?v=29tk6vQXV64" target="_blank" shape="rect">Ai Weiwei</a> – sollen sich Andere kümmern. Wie bereits am <a href="http://www.taz.de/Netzkonferenz-republica-1-Tag/%21115847/" target="_blank" shape="rect">Montag </a>und <a href="http://www.taz.de/Netzkonferenz-republica-2-Tag/%21115920/" target="_blank" shape="rect">Dienstag</a> bewege ich mich lieber an den Geek-Rändern der re:publica. Und das habe ich heute dabei gelernt.</p>
<p><strong>1. Das iPhone gab es im Film schon 1995.</strong> In <a href="http://www.imdb.com/title/tt0113481/?ref_=ttqt_qt_tt" target="_blank" shape="rect">Johnny Mnemomic</a> zählt Keanu Reeves auf: „Sogo 7 Data Gloves, a GPL stealth module, one Burdine intelligent translator … Thompson iPhone.“ Das ist eines der zahlreichen Filmbeispiele, die Keren Elazari in ihrem Vortrag „Take a ride on the Cyberpunk Express train“ zeigt. So viel Enthusiasmus und Verve wie Elazari haben nicht viele Redner gezeigt. Mitreißend stellt sie dar, welchen Einfluss das Cyberpunk-Genre auf die Entwicklung des Hackers hatte, erzählt vom Werdegang der Hacker-Subkultur, von der DefCon und der Electronier Frontier Foundation, von „V for Vendetta“, Captain Crunch, Hacktivism und Cryptopartys.</p>
<p>Spätestens mit dem <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Stuxnet" target="_blank" shape="rect">Stuxnet</a>-Vorfall 2010, bei dem iranische Atomanlagen virtuell attackiert wurden, seien wir nun in die „Cyberwarfare Area“ eingetreten, sagt Elazari, die fünfte Art des Krieges neben dem Land-, See-, Luft- und Weltraumkrieg. Und auch die fiktiven weiblichen Hackercharaktere, die Elazari als Vorbild dienten, stellt sie vor: Trinity aus der „Matrix“-Reihe und Angelina Jolie als Acid Burn in „Hackers“.</p>
<p><strong>2. „Die Schriftart Century Gothic verbraucht 30 Prozent weniger Tinte als Arial.“ </strong>Diese wichtige Information steht in dem Buch „500 junge Ideen, täglich die Welt zu verbessern“, dessen <a href="http://weltverbessern.net/" target="_blank" shape="rect">Webseite</a> der erste Treffer bei der Googlesuche von „Die Welt verbessern“ ist. Der zweite Treffer ist <a href="http://www.attac-netzwerk.de/halle/tipps-zum-weltverbessern/" target="_blank" shape="rect">Attac Halle</a>, und danach bricht Felix Schwenzel seinen Vortrag <a href="http://www.re-publica.de/sessions/10-vorschlaege-um-welt-verbessern" target="_blank" shape="rect">„10 Vorschläge um die Welt zu verbessern“</a> ab und fängt von vorn an.</p>
<p>Es ist ein unterhaltsamer, manchmal lustiger, manchmal auch kluger Vortrag über alles Mögliche, aber je länger er dauert, desto zerfranster wird er, und die achte Sascha-Lobo-Anspielung ist auch nicht besser als der dritte. Weltverbesserungsideen beruhen fast immer auf Angst und Schuldgefühlen, lernen wir; dass der gute Wille auch eine schlechte Seite hat, und dass es in den meisten deutschen Städten unsinnig ist, Wasser zu sparen, weil die Wasserwerke inzwischen selbst Wasser durch die Rohre jagen, um sie sauberzuhalten.</p>
<p>„Es gab mal einen brasilianischen Lehrfilm, der die Leute erziehen wollte, in die Dusche zu pinkeln, um Wasser zu sparen. Das können wir hier auch. Aber nicht, um Wasser zu sparen“, sagt Schwenzel. Er sagt auch: „Also ich mag Sascha Lobo ja wirklich gerne, aber das mit dem Pathos ist Quatsch, glaube ich.“ Und was laut Schwenzel definitiv nicht verkehrt sein kann beim Weltverbessern: ein Apfelbäumchen pflanzen.</p>
<p><strong>3. Digits macht wunderbaren Synthpop</strong>. Den Auftritt des Kanadiers bei der Party am Ende kriegt bloß fast niemand mit, weil er drinnen versteckt wird.</p>
<p><strong>4. Die Katzen der ASCII-Art-Ära waren Kühe. </strong>Denn lange vor LOLCats und all den lustigen Memen der letzten Jahre, ja sogar schon vor dem Internet an sich, gab es <a href="http://instinct.org/cows/ascii-cows1.html" target="_blank" shape="rect">ASCII-Cows</a>. Sie sind genau so vergessen wie das<a href="http://knowyourmeme.com/memes/ate-my-balls" target="_blank" shape="rect"> „Mr. T Ate My Balls“-Meme</a> der 90er. Zwei frühe Beispiele vom Panel <a href="http://www.re-publica.de/sessions/internet-meme-geschichte-forschungsstand-kontroversen" target="_blank" shape="rect">„Internet-Meme: Geschichte, Forschungsstand, Kontroversen“</a> von Christian Heller und Erlehmann.</p>
<p>Hier wird auch von einer Evolution des Internets als Verbreitungsraum von Memen (macht euch keine Hoffnung, dass ich hier noch erkläre, was Meme sind, es gibt Google) gesprochen. In den frühen 90ern musste man immer noch selbst Webseiten aus selbstgestricktem HTML aufsetzen, wenn man Inhalte verbreiten wollte, inzwischen gibt es zahlreiche Memräume mit eingebauten viralen Mechanismen, wie etwa das Retweeten bei Twitter.</p>
<p>Danach geht es noch um Imageboards – auch „Facebook, so ein Fotosharingforum“ wird erwähnt – und um Meme-Erklärseiten, aber es bleibt doch alles ein wenig unbefriedigend deskriptiv und lexikalisch. Letztlich war die Veranstaltung nur eine Art Teaser für das vermutlich Ende Juni erscheinende <a href="http://www.oreilly.de/catalog/internetmemekgger/" target="_blank" shape="rect">Memforschungsbuch</a> der Referenten. Bis dahin bleibt erstmal hängen, dass Meme auf finnisch Meemi heißen.</p>
<p><strong>5. Als der Buchdruck noch ganz neu war, haben eifrige Mönche alle Exemplare einer Buchauflage nochmal einzeln auf Fehler durchgesehen.</strong> Sie konnten das Konzept, dass diese Bücher automatisch alle gleich aussehen <em>müssen</em>, einfach nicht nachvollziehen. Ob das wirklich stimmt, weiß <a href="http://mspr0.de/" target="_blank" shape="rect">Michael Seemann</a> zwar nicht, aber seine Geschichte ist so schön, dass sie bitte einfach wahr sein soll.</p>
<p>Kathrin Passig hatte es schon etwas früher am Tag ausgesprochen: Die Entscheidung der re:publica-Macher, den Platz für eigene Gespräche zwischen den Konferenzsälen weitaus größer zu machen als die Räume selbst, ist richtig. Die besten Dinge hört man eben hier. In der Luft ist jetzt noch mehr von dem Baumflauschzeug, das … ach, ich google das jetzt einfach mal: <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Pappelflaum" target="_blank" shape="rect">Pappelflaum</a> ist das also. Danke, Internet.</p>
<p><strong>6. Adenosin gibt dem Körper das Signal: Du wirst gerade müde.</strong>Koffein unterdrückt Adenosin für eine begrenzte Zeit. In <a href="http://www.re-publica.de/sessions/richtig-essen-richtig-schlafen-und-lasst-mate-weg-besser-leben-fuer-geeks" target="_blank" shape="rect">Besser Leben für Geeks</a> ging es um Ernährungs- und Lebenstipps im Fahrwasser der Quantified-Self-Bewegung. Die Informationsdichte von Matthias Bauer ist enorm hoch: Zucker ist historisch gesehen keine wichtige Energiequelle, die Pflanzenzucht dafür ist erst in der Neuzeit aufgekommen. Fructose wird insulinunabhängig verstoffwechselt – in der Leber. Die Ernähungswissenschaft lag nach dem Zweiten Weltkrieg am Boden, weil die meisten der führenden Köpfe Deutsche und Österreicher waren – das hat Folgen bis heute.</p>
<p>Der so gesunde Saft „glücklicher Äpfel von sonnenbeschienen Hängen“ hat anteilig mehr Fructose als Cola, und fast so viel Zucker. Die Süße von Club Mate stammt wiederum vom Glucose-Fructose-Sirup – der wird hergestellt aus Mais- oder Weizenstärke, die wiederum meist aus Monokulturen stammt, von „gleichgeschalteten einreihigen Zwergmaispflanzen“. „Echtes Getreide“ – nicht Reis, Mais, Hirse – „hat kein Interesse vom Menschen gegessen zu werden“ und wehrt sich mit seinen Klebereiweißen, die bei den meisten Menschen den Darm angreifen.</p>
<p>Die Kurzfassung: Zucker und Koffein sind nicht gut, Getreide essen ist Quatsch, Fleisch und Fett sind viel gesünder als ihr Ruf, Massentierhaltung ist natürlich trotzdem schlecht, und die Menschheit hat durch Monokulturen und die Abhängigkeit von Kunstdünger mittelfristig ein Riesenproblem.</p>
<p><strong>7. Im re:publica-WLAN wurden 1,7 Terabyte Daten bewegt.</strong> Und es war wirklich bis zum Ende stabil, was den Technikern den größten Applaus bei der Abschlussveranstaltung einbrachte. Weitere verlesene Fun Facts beim Finale: 6.800 verschiedene Geräte waren online auf der re:publica, davon 66,9 Prozent von Apple. Der Live-Stream-Router der re:publica heißt Regina. Und 2,5 Kilometer Kabel wurden verlegt, was mir extrem wenig vorkommt. <em>(Edit: Tage später wurde ich darauf hingewiesen, dass 2,5 Kilometer nur die Länge der </em>extra<em> verlegten Netzwerkkabel ist. So kommt es hin)</em></p>
<p>So halssteif die Eröffnung war, so beschwingt ist die Verabschiedung. Johnny Haeusler kann vermutlich wenig besser als so etwas sonnig wegmoderieren – vielleicht gerade noch Internetkonferenzen organisieren. Das haben er und der Rest des Teams dieses Mal jedenfalls wieder unter Beweis gestellt – egal, wieviel politische Impulse nun konkret von der re:publica ausgegangen sind.</p>
<p>Was man hier, ein gewisses Interesse an gewissen Themen vorausgesetzt, in drei Tagen gebündelt an Impulsen bekommt, auch und gerade zu Dingen, von denen man vorher noch gar nichts wusste, ist großartig. <a href="http://www.youtube.com/watch?v=TAQhxBXbNhE" target="_blank" shape="rect">Am Ende singen dann viele Hundert Menschen gemeinsam „Bohemian Rhapsody“</a>.</p>
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		<title>Von Schweißen bis Antarktis</title>
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		<pubDate>Wed, 08 May 2013 19:07:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Klassifikation der LOLCat-Lover, bratwurstessende Politiker und das Ende der Arbeit: der zweite Tag der Internetkonferenz „re:publica“. (veröffentlicht auf taz.de am 8. Mai 2013) Anmerkungen: Hier geht es zu Tag 1 und Tag 3 der re:publica 2013. Hier findet sich die sehr knapp]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die Klassifikation der LOLCat-Lover, bratwurstessende Politiker und das Ende der Arbeit: der zweite Tag der Internetkonferenz „re:publica“. <span id="more-1731"></span>(veröffentlicht auf <a href="http://taz.de/Netzkonferenz-republica-1-Tag/!115847/" target="_blank">taz.de</a> am 8. Mai 2013)</h3>
<p><em>Anmerkungen: Hier geht es zu <a href="http://michaelbrake.de/2013/05/07/sternenmensch-und-schweinehaelften/" target="_blank">Tag 1</a> und <a href="http://michaelbrake.de/2013/05/09/die-katzen-der-ascii-aera/" target="_blank">Tag 3</a> der re:publica 2013. Hier findet sich die sehr knapp zusammenfassende <em><a href="http://michaelbrake.de/2013/05/24/von-mondfahrzeugen-und-ascii-kuehen/" target="_blank">Print-Kolumne</a></em> aller Tage. Der letzte Punkt war, stellenweise 1:1, ebenfalls Teil einer Kolumne. Mit <a href="http://michaelbrake.de/2013/06/19/man-sollte-kraftvoll-zubeissen/" target="_blank">Constantin Alexander</a> und <a href="http://michaelbrake.de/2013/08/08/ich-spreche-lolspeak/" target="_blank">Kate Miltner</a> habe ich zu ihren Themen längere Interviews geführt.</em></p>
<p>Am zweiten Tag der Internetkonferenz re:publica in Berlin <a href="http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.internetkongress-republica-zetsche-spottet-ueber-google-auto.d2349fe7-5e15-463d-8e0a-a7caf9dd0518.html" target="_blank" shape="rect">lästerte Daimler-Chef Dieter Zetsche</a> über das Google-Auto. Im Beisein der kubanischen Bloggerin Yoani Sánchez wurden die <a href="http://thebobs.com/deutsch/category/2013/?only_winners=true" target="_blank" shape="rect">The-Bobs-Awards</a> für Online-Aktivismus der Deutschen Welle <a href="http://www.heise.de/newsticker/meldung/re-publica-Bobs-fuer-Online-Aktivisten-1858557.html" target="_blank" shape="rect">verliehen</a>. Und Telekom-Manager Jan Krancke <a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/re-publica-netzneutralitaet-a-898553.html" target="_blank" shape="rect">stellte sich mehr oder weniger der Kritik</a>, dass sein Konzern den Abbau der Netzneutralität vorantreibt.</p>
<p>Alles Ereignisse, die es nicht in diesen streng subjektiven Tagesüberblick geschafft haben. Denn wie schon für den <a href="http://www.taz.de/Netzkonferenz-republica-1-Tag/!115847/" target="_blank" shape="rect">Montag</a> gilt, dass es 5.000 individuell verschiedene re:publicas gibt, das hier ist nur eine davon. Die Grundfrage bleibt aber die gleiche: Was konnte man auf der re:publica lernen?</p>
<p><strong>1. Niemand sieht beim Bratwurstessen so wenig scheiße aus wie Gerhard Schröder.</strong> Und das ist wichtig als Politiker, denn dauernd muss man sich mit der Wurst fotografieren lassen – auf Volksfesten wird sie einem angeboten, ablehnen geht nicht, und überhaupt demonstriert sie wie kaum sonst etwas Volksnähe und Bodenständigkeit.</p>
<p>Nur leider sind die Dinger heiß, fettig und es ist unmöglich, sie würdevoll zu essen. Der Journalist Constantin Alexander hat deswegen eine <a href="http://www.re-publica.de/sessions/anwendungsorientierte-analyse-volkstuemlicher-lebensmittel-politischen-berichterstattung-od" target="_blank" shape="rect">„Anwendungsorientierte Analyse volkstümlicher Lebensmittel in der politischen Berichterstattung“</a> vorgestellt. Stoiber, Steinbrück, MacAllister – sie alle fallen durch beim Wurstverzehr. Ein weiterer Tipp von Alexander, der in einem <a href="http://peoplebitingintobratwurst.tumblr.com/" target="_blank" shape="rect">Tumblr</a> Wurstesserbilder sammelt: Haltung bewahren. Denn die Wurst muss zum Mund, nicht der Mund zur Wurst.</p>
<p><strong>2. Ein Gigabyte Daten nimmt das Google Car jede Sekunde auf.</strong>Und rund 3,5 Millionen Menschen in den USA verdienen ihren Lebensunterhalt als Fahrer. Sie könnten bald durch Maschinen überflüssig gemacht werden, so wie auch zahllose Fabrikarbeiter.</p>
<p>Doch auch vermeintlich sichere Berufe sind in Gefahr, die Mustererkennung im Big-Data-Bereich könnte Arbeitsbereiche von Anwälten und Diagnoseärzten betreffen. Und selbst an der Abschaffung von Sportjournalisten wird gearbeitet, die recht schematisch ablaufenden Spielereignisse könnten Computer bald selbst erkennen und dann mit den passenden Textbausteinen und Synonymen beschreiben – manch einer sagt allerdings, das wäre längst passiert.</p>
<p>Die Debatte, was das für Folgen hat, ist das Thema von Johannes Kleskes Vortrag <a href="http://www.re-publica.de/sessions/ende-arbeit-wenn-maschinen-uns-ersetzen" target="_blank" shape="rect">Das Ende der Arbeit</a>. Dabei gibt es zwei Lager: Neo-Ludditen wollen wie die Maschinenstürmer von einst dagegen ankämpfen, dass Maschinen uns erst die Arbeitsplätze wegnehmen und uns am Ende so kontrollieren. Die andere Seite sagt sich: Wir können uns der Zukunft nicht widersetzen, also sollten wir sie umarmen. Sie imaginiert ein digitales Athen: Eine Zeit, ähnlich der griechischen Antike, wo die Bürger ihren Alltag mit Politik, Kunst, Philosophie verbringen konnten, weil Sklaven ihnen die Arbeit abgenommen haben. Diese Sklaven sollen dann Maschinen sein.</p>
<p>Johannes Kleske fordert als Mittelweg den <a href="http://www.golem.de/news/mensch-vs-maschine-wir-brauchen-den-kritischen-geek-1305-99139.html" target="_blank" shape="rect">kritischen Geek</a>. Manch einer wird es aber lieber mit Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke halten, der sagte: „The goal of the future is full unenployment, so we can play.“</p>
<p><strong>3. Es gibt drei Sorten LOLCat-Fans: Die Meme Geeks, die Cheezfrenz und die Casual User.</strong> Das ist eine der Erkenntnisse von <a href="http://www.re-publica.de/users/kmiltner" target="_blank" shape="rect">Kate Miltner</a>, die ihre Masterarbeit tatsächlich das berühmteste aller Meme geschrieben hat: über <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Lolcat" target="_blank" shape="rect">LOLCats</a>. Die Meme Geeks waren dabei die Vorreiter, sie sind jung, meistens männlich und machten LOLCats groß.</p>
<p>Doch dann kamen die Cheezfrenz, eher Frauen mittleren Alters, die sich über <a href="http://icanhas.cheezburger.com/" target="_blank" shape="rect">I can haz Cheeseburger?</a> und andere Seiten austauschen und die LOLCats wesentlich weniger aggressiv interpretieren. Einige Meme Geeks wandten sich gelangweilt ab, andere kämpfen einen erbitterten Streit mit den Cheezfrenz aus, wobei es unter anderem darum geht, wer besser LOLspeak sprechen kann. Den Casual Usern ist das alles egal, sie schauen sich nur die Ergebnisse der LOLCat-Bilderproduzenten auf der Arbeit an und freuen sich darüber.</p>
<p><strong>4. Auf dem Mond dauert ein Tag 29 Tage und es gibt 250 Grad Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht.</strong> Das ist wichtig, wenn man ein Gefährt bauen will, das auf dem Mond mindestens 500 Meter fährt, um den <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Google_Lunar_X-Prize" target="_blank" shape="rect">Google Lunar X-Prize</a> von 30 Millionen Dollar zu gewinnen. Zwei Mitglieder vom deutschen Team <a href="http://https//www.facebook.com/PartTimeScientists" target="_blank" shape="rect">Part-Time Scientists</a> haben auf der re:publica ihr Projekt <a href="http://www.zeit.de/digital/2013-05/republica-raumfahrt" target="_blank" shape="rect">vorgestellt</a>.</p>
<p>Ihr kleiner Roboter Asimov Jr. hat dabei auch eine integrierte Kamera für 3D-Aufnahmen. Projektintern wurde diskutiert, ob man eine Farbkamera brauche, wo doch auf dem Mond eh alles grau sei – am Ende entschied man sich für Farbe. Außerdem ist der Mond voll mit sehr feinem Staub, also muss Asimov Jr. sehr gut versiegelt sein. Denn dort oben gibt es keinen ADAC-Pannendienst, sagt Karsten Becker, der wie auch sein Ko-Referent Robert Böhme genau so aussieht und spricht, wie man sich in den USA deutsche Ingenieure vorstellt: Heftiger Akzent, helles Hemd, Jeans und ein Humor, der, siehe oben.</p>
<p><strong>5. Binge Viewing nennt man es, eine US-Serienstaffel mehr oder weniger  in einem Rutsch zu schauen.</strong> Wusstet ihr sicher alle, ich erfahre es erst abends im Hof beim Biobier. Und direkt danach, dass der Macher von True Blood ADD hat, was sich aber nicht einwandfrei begooglestätigen lässt. Und dann noch, dass Netflix eigene Serien produziert (also <em>das</em> wusstet ihr nun aber wirklich alle). Worüber man halt redet in den re:publica-Pausen: über TV-Serien. Wie überall sonst. Offen bleibt die Frage, wann es wohl mehr US-Netflix-Accounts gibt als US-Bewohner, <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Virtual_Private_Network" target="_blank" shape="rect">VPN</a> sei dank.</p>
<p><strong>6. Von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Schwei%C3%9Fen" target="_blank" shape="rect">Schweißen</a> zu <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Antarktis" target="_blank" shape="rect">Antarktis</a> liegen in der Wikipedia höchstens sechs Klicks.</strong> Eisenzeit – Frühgeschichte – Nordamerika – Arktischer Ozean – Arktis.  „Wir wollen nur kurz was bei Wikipedia nachschlagen und fünf Stunden später stellen wir fest, wir wissen jetzt alles über Quantenbotanik, aber nicht, wie wir da hin gekommen sind“, sagt Sebastian Vollnhals, einer der beiden Moderatoren von <a href="http://www.re-publica.de/sessions/six-degrees-wikipedia" target="_blank" shape="rect">„Six Degrees of Wikipedia“</a>, das aus der Not ein Spiel gemacht hat: Zwei Kandidaten müssen in möglichst wenigen Schritten und möglichst wenig Zeit von einem Begriff zum anderen kommen, dafür gibt es Punkte nach einem System, das man vielleicht verstanden hätte, wenn man von Anfang an dabei gewesen wäre.</p>
<p>So wird der Weg von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Arthrose" target="_blank" shape="rect">Arthrose</a> zu <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Einkommensteuer_%28Deutschland%29" target="_blank" shape="rect">Einkommenssteuer (Deutschland)</a> beschritten, von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Big_Time_Rush" target="_blank" shape="rect">Big Time Rush</a> zu <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Herr_der_Ringe" target="_blank" shape="rect">Der Herr der Ringe</a> schafft es einer in sechs Schritten und 70 Sekunden. Weil bei <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Eisen" target="_blank" shape="rect">Eisen</a> zu <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Sch%C3%B6ne_Bescherung" target="_blank" shape="rect">Schöne Bescherung</a> auf der Bühne nichts passiert, probiere ich es am eigenen Computer und finde den Weg Eisen – Erdöl – Hannover – Weihnachtsmarkt – Advent – Weihnachten – Heiliger Abend – Bescherung – Schöne Bescherung. Während die Halbfinalisten den Weg von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Heesters" target="_blank" shape="rect">Johannes Heesters</a> zu <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Mom_I%27d_Like_to_Fuck" target="_blank" shape="rect">Mom I&#8217;d Like to Fuck</a> suchen, gehe ich zurück in den Hof.</p>
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		<title>Sternenmensch und Schweinehälften</title>
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		<pubDate>Tue, 07 May 2013 18:51:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die kleinste Wikipedia der Welt, der Mittelweg der künstlichen Dummheit und Diederichsens Weisheiten: Was man am Tag 1 der „re:publica“ lernen konnte. (veröffentlicht auf taz.de am 7. Mai 2013) Anmerkung: Hier geht es zu Tag 2 und Tag 3 der re:publica 2013]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die kleinste Wikipedia der Welt, der Mittelweg der künstlichen Dummheit und Diederichsens Weisheiten: Was man am Tag 1 der „re:publica“ lernen konnte.<span id="more-1730"></span> (veröffentlicht auf <a href="http://taz.de/Netzkonferenz-republica-1-Tag/!115847/" target="_blank">taz.de</a> am 7. Mai 2013)</h3>
<p><em>Anmerkung: <em>Hier geht es zu</em> <a href="http://michaelbrake.de/2013/05/08/von-schweissen-bis-antarktis/" target="_blank">Tag 2</a> und <em><a href="http://michaelbrake.de/2013/05/09/die-katzen-der-ascii-aera/" target="_blank">Tag 3</a></em> der re:publica 2013 und hier die sehr knapp zusammenfassende <em><a href="http://michaelbrake.de/2013/05/24/von-mondfahrzeugen-und-ascii-kuehen/" target="_blank">Print-Kolumne</a></em> aller Tage.</em></p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/loborepublica2013.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1739" alt="IF" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/loborepublica2013.jpg" width="620" height="310" /></a></p>
<p>Über 300 Referenten, zehn parallel bespielte Räume, unzählige Panels, Workshops, Get-Togethers, Gespräche. Der Versuch einer allgemeingültigen Zusammenfassung des ersten Tages der Internetkonferenz <a href="http://www.re-publica.de/" target="_blank" shape="rect">re:publica</a>, die bis zum 8. Mai in Berlin stattfindet, ist so sinnvoll wie einen Wackelpudding an die Wand zu nageln. Oder sich ein einziges Logo für das gesamte Internet ausdenken zu wollen.</p>
<p>Es gibt nicht eben eine, sondern 5.000 re:publicas, für jeden Besucher eine, je nach Tagesplan, Vorlieben und Begegnungen. Aber jeder kann sich am Ende des ersten Tages die gleiche Frage stellen: Was habe ich heute eigentlich gelernt? Und genau das habe ich auch getan.</p>
<p><strong>1. Es ist also doch möglich, einen Riesenkongress mit Internet zu versorgen. </strong>Ich hätte es nicht mehr geglaubt, aber zum ersten Mal hält auf der re:publica das WLAN und damit fällt endlich auch der älteste blöde Witz der Veranstaltung weg („Haha, eine Internetkonferenz ohne Internet“). Neu dafür: Schlangen. Schlangen am Einlass, bis auf die Straße, über eine Stunde müssen die Besucher am Vormittag warten. Schlangen am einzigen Capuccino-Stand. Schlangen am Frauenklo. Über den Frauenanteil muss man sonst aber keine Worte mehr verlieren, der war auch schon in den vergangenen Jahren höher als in jedem Internetklischee vorgesehen.</p>
<p><strong>2. Eröffnungsreden sind langweilig. Immer. </strong>Das ist auch kein Vorwurf, sondern eine Tatsache und da kann Johnny Haeusler, einer der vier Veranstalter, am Abend vorher noch so <a href="http://twitter.com/spreeblick/status/331160269722095616" target="_blank" shape="rect">vielversprechend twittern</a>. Es kommt dann so: Stage-Moderator Max stellt sich als Clown vor und das den Rest des Tages unter Beweis. Andreas Gebhard dankt allen Sponsoren, muss er, ist trotzdem öde<strong> </strong>und<strong>„</strong>Finanzblogging, ganz spannendes Thema“, also bitte.</p>
<p>Haeusler selbst erklärt, mit YouTube sei „eine neue Netzgeneration am Start“. Markus Beckedahl weckt das Publikum kurz mit lauten deutlichen, aber auch nicht direkt neuen Worten zur Netzneutralität auf. Und Tanja Haeusler sagt, dass das Kongressmotto „IN/SIDE/OUT“ eigentlich jedes Jahr das Motto sei und gibt so indirekt zu, wie austauschbar es ist. Dann bringt sie mit „Herzlich willkommen zu Hause“ zumindest einen merkenswerten Satz. Und es geht los.</p>
<p><strong>3. Man kann bei Wikipedia keine Schweinehälften bestellen.</strong>„Das passiert, wenn die Leute mit dem Internet telefonieren wollen“, sagt Pavel Richter, Vorstand von <a href="http://www.wikimedia.de/wiki/Hauptseite" target="_blank" shape="rect">Wikimedia Deutschland</a>. Menschen lesen etwas in der Wikipedia und rufen dann die Nummer im Impressum von <a href="http://www.wikipedia.de/" target="_blank" shape="rect">www.wikipedia.de</a> an. Das mit den Schweinehälften ist eines der <a href="http://www.re-publica.de/sessions/wikipedia-wo-user-geblockt-artikel-geloescht-und-reputationen-zerstoert-werden-0" target="_blank" shape="rect">„10,5 Geheimnisse der Wikipedia“</a>, ein Panel, das zwar launisch ist, aber auch ein wenig enttäuschend – zu sehr ist es nur eine Vorstellung der Wikimedia-Struktur und -Projekte, und das auch noch etwas verhaspelt vorgetragen.</p>
<p>Was ich aber dennoch gelernt haben: Anders Breivik hat die norwegischen Wikipedia-Artikel mehrerer Könige verfasst. Wikipedia ist eine der fünf größten Webseiten der Welt (wenn man Pornos rausrechnet). Je nach Jahr und Lexikon ist der Rhein 1.320, 1.360 oder 1.225 Kilometer lang – <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Rhein#cite_note-len-1" target="_blank" shape="rect">die deutsche Wikipedia sagt</a>: 1.238 Kilometer.</p>
<p>Die Wikipedia hat 41 Chapter, das neueste: Armenien (die einzige andere Organisation, die ich kenne, die sich in Chapter gliedert, sind Rockerbanden). Die kleinste Wikipedia der Welt war die im nordnigerianischen Dialekt <a href="http://kr.wikipedia.org/wiki/Main_Page" target="_blank" shape="rect">Kanuri</a>, derzeit läuft gegen sie aber ein Löschverfahren. Und überhaupt werden jeden Tag rund 800 Artikel gleich wieder gelöscht, von 1.200 täglich verfassten.</p>
<p>Und dann gab es noch die Geschichte um <a href="http://https//www.taz.de/Was-macht-eigentlich--Genosse-Stalin/%2170725/" target="_blank" shape="rect">„Stalins Badezimmer“</a>. Angeblich war das ein DDR-Name der Berliner Karl-Marx-Allee, das hat sich ein Journalist bei einer Flasche Rotwein ausgedacht und 2009 in den <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Karl-Marx-Allee#Kurioses" target="_blank" shape="rect">Wikipedia-Artikel</a> geschrieben. 2011 konnte man es dann nicht mehr löschen – weil es längst in zahlreichen Medien und Reiseführern stand, die aus der Wikipedia abgeschrieben hatten und nun als Quellen herangezogen wurden. Erst als der selbe Journalist seine Erfindung in einer Zeitung zugab, wurde diese Ente wieder zurechtgerückt.</p>
<p><strong>4. Nutzer können erkennen, was sie wollen, aber sie können nicht erzeugen, was sie wollen.</strong> Diese Weisheit sollte beherzigen, wer im Feld der Mass Customization erfolgreich sein will. Also das, was vor Jahrzehnten mit individualisiert bestickten Handtüchern aus dem Moderne-Hausfrau-Katalog begann, in den 90ern mit selbstzusammenstellbaren Nikesneakern weiterging und inzwischen dank Internet zum individuellen <a href="http://www.mymuesli.com/" target="_blank" shape="rect">Müslimix</a> geführt hat.</p>
<p>Das heißt: Es ist besser, man setzt den Leuten durch Algorithmen erzeugte Produkte vor, die sie verwerfen können, als wenn man ihnen einen Stift und ein weißes Produkt gibt und sagt: Mach mal! Ausgesprochen hat das Kathrin Passig, die durch ihr als Spaßprojekt gestartetes Zufallsshirt eher nebenbei in den Mass-Customization-Bereich vordrang.</p>
<p>Hier werden T-Shirts semizufällig generiert, mit gemeinfreien Cliparts, Schriften und vorgefertigten Sätzen, in denen einzelne Satzteile zufällig bestimmt werden. „Den Mittelweg der künstlichen Dummheit“ nennt Passig dieses halbautomatische Verfahren. Und zum Schluss wird noch die Frage nach einer „Grammatik der Gegenstände“ aufgeworfen, mit der auch Customized Möbel möglich wären. (<em>Disclosure: Ich bin mit Kathrin Passig befreundet, deswegen ist Zufallsshirt auch nicht verlinkt.</em>)</p>
<p><strong>5. Wenn man einen Stern malt und den oberen Zacken weglässt und dafür einen Kringel draufsetzt, ist es ein Mensch. </strong>Und wenn man ganz viele untere Zacken malt und oben ganz viele Kringel draufsetzt, hat man eine anonyme Masse. Das kann jeder. Und wenn man mehrere von diesen Tricks beherrschst, kann man Vorträge auch mit kleinen Zeichnugen statt mit rein schriftlichen Notizen zusammenfassen und so Wissen ansprechender festhalten.</p>
<p><a href="http://www.re-publica.de/sessions/sketchnotes" target="_blank" shape="rect">Sketchnotes</a> nennt sich der Workshop dazu, wir Teilnehmer malen uns dann gegenseitig, ohne aufs Blatt zu gucken. Wir lachen über das entstandene Krikelkrakel. Wir lernen einfache Dinge zu Speedlines und Schatten. Wir visualieren ein Video. Dann ist die Stunde rum und ich bin endlich wach. Das mit dem Sternenmensch funktioniert übrigens wirklich. Einfach mal ausprobieren.</p>
<p><strong>6. „Kulturpessimismus ist wie Nackte abbilden“.</strong> Was das bedeutet, weiß ich nicht, denn ich habe kurz nicht aufgepasst. Genau wie „Das führt natürlich zur Entropie, aber bis dahin haben alle viel Spaß“ und „Die Subkultur hat andere Probleme als das Internet“. Aber es klingt toll. Und ist von Diedrich Diederichsen, über den Nilz Bokelberg auf Facebook schreibt: „Bei Diedrich Diedrichsen wünsch ich mir immer, dass ich den so als Papagei auf meiner Schulter sitzen haben könnte und der mir 24 Stunden popkulturelle Zusammenhänge ins Ohr reinerklärt.“</p>
<p>Diederichsen war <a href="http://www.re-publica.de/sessions/immer-internet" target="_blank" shape="rect">der Gast von Mercedes Bunz</a>, die immer da ist bei der re:publica und dieses Mal eigentlich <a href="http://www.taz.de/Buch-Die-Stille-Revolution/!114751/" target="_blank" shape="rect">ihr neues Buch</a> vorstellen soll, aber stattdessen eigentlich nur Stichwortgeberin ist für Diederichsen. Als Oberthema wabern Kulturpessimismus und die Frage „Macht Google/macht das Internet uns dumm?“ durch den Raum – eine weit verbreitete Sorge, die Bunz ernst nehmen will, auch wenn das auf der re:publica wohl die wenigsten tun.</p>
<p>Und Diederichsen spricht: Es müsse nichts mehr erklärt werden durch das Internet, denn die Leute könnten ja nachschlagen – und das sei ja toll. Schon Friedrich Heubach habe sich 1987 in „Das bedingte Leben“ negativ über Stadtzeitschriften und Kontaktanzeigen ausgelassen – das könnte man heute immer noch lesen und einfach „Internet“ einsetzen.  Der Satz „Irgendwann kann ich im Supermarkt mit meinem guten Aussehen bezahlen“ sei wahr geworden. Die Leute müssten sich mehr dekorieren, weil die Musik es nicht mehr tue. Sie müssten der Musik zur Kenntlichkeit verhelfen.</p>
<p>Und schließlich: Das Internet sei die völlige Neuorganisation von Raum und Materie – Bunz: Reden wir nicht viel zu wenig darüber? – Diederichsen: In den Anfangstagen, 1995, wurde ja nur über sowas geredet, jetzt gilt das als esoterisch.</p>
<p><strong>7. Die Wurzeln des Internets liegen nicht in einer Garage, sondern in einer guten Stube.</strong> Und auch nicht im Silicon Valley, sondern in der Wrangelstraße in Berlin. Dort baute Konrad Zuse 1937 den Z1, den ersten Computer der Welt und die ganze Familie half mit, sein Vater sägte mit Laubsäge Bleche, 30.000 brauchte man davon.</p>
<p>Erzählt wird das alles von Zuses Sohn Horst, selbst Informatikprofessor, der offiziell über <a href="http://www.re-publica.de/sessions/geschichte-des-computers" target="_blank" shape="rect">„Die Geschichte des Computers“</a> reden soll, aber in Wirklichkeit die Geschichte seines Vaters erzählt, Karikaturen zeigt, die Zuse Senior als Schüler zeichnete, später Zuse 1995 auf der Cebit mit Bill Gates. Und irgendwann gibt es ein Foto von einer Kneipe in Berlin-Wilmersdorf und Horst Zuse sagt „Da sitze ich mit meiner Frau, beim vierten Bier“ und schon sehen wir sein Arbeitszimmer, wo er nach seiner Pensionierung den <a href="http://www.horst-zuse.homepage.t-online.de/horst-zuse-z3-html/z3-einordnung.html" target="_blank" shape="rect">Z3</a> von 1941, den „ersten funktionsfähigen Gleitkommarechner“ nachbaute. Der steht nun direkt neben dem re:publica-Gelände im Deutschen Technikmuseum. Verrückt.</p>
<p>Böse sein kann man Horst Zuse für so viel Selbstbezogenheit aber nicht, denn er spricht so entwaffnend einfach wie Klaus Wowereit, flucht seinen Computer an („Na, come on!“), zeigt am Ende ein Foto von seinem Vater am Schreibtisch, wie der seinem PC eine lange Nase macht. Auf die Frage, wann wir denn soweit sind mit Quanten-Computing, sagt Zuse. „Die Quanten sind sehr schwer zu händeln, das wird noch eine ganze Weile dauern.“</p>
<p><strong>8. Sascha Lobo hat während der New-Economy-Zeit viel Zeit und Geld in einer Plattform gesteckt, wo man Benzin downloaden konnte.</strong> Hat nicht funktioniert. Das war aber ohnehin nur ein Fun Fact in seinem <a href="http://www.re-publica.de/sessions/ueberraschungsvortrag-ii" target="_blank" shape="rect">Überraschungsvortrag</a> am Abend. Lobo kämpft mit der Technik, lästert über die Piratenpartei, zeigt jede Menge Hundefotos, lispelt (wie stets und ausschließlich bei der re:publica) und will schließlich das Wort „Netzgemeinde“ ehrenretten.</p>
<p>Er habe sich „mit dem Begriff Netzgemeinde angefreundet wie mit einem dreibeinigen blinden Hund. Sind wir eben die Netzgemeinde. Machen wir das beste draus.“ Und was ist diese Netzgemeinde nun? Eine „Hobbylobby für das freie, offene und sichere Internet (in den Grenzen von 1999)“. Danach setzt Lobo zum programmatischen Teil an, fordert Wut und Pathos im Kampf für Netzneutralität und andere Ziele. Und predigt: „Netzpolitik ist in erster Linie Politik und nur ganz ganz ganz wenig Netz.“</p>
<p>Denn die Netzgemeinde glaube zu sehr zu wissen, was gut und richtig ist und will davon kein My abweichen, was ein Fehler ist. Man müsse sich uns auf politische Art mit Anderen verbinden. „Ich fordere euch auf, zu machen“, sagt Lobo am Ende. Und zeigt, was er das letzte Jahr über gemacht hat: Er hat sich nämlich <a href="http://internet-logo.org/" target="_blank" shape="rect">ein einziges Logo für das gesamte Internet</a> ausgedacht. (<em>Disclosure: Ich bin auch mit Sascha Lobo befreundet, andere mögen seinen Vortrag schlechter oder toller gefunden haben. Oder ihn einfach aus Prinzip ablehnen.</em>)</p>
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		<title>Ihr seid wie meine Mutter</title>
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		<pubDate>Fri, 26 Apr 2013 00:44:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Internet ist wie schwanger, ein bisschen geht nicht? Unsinn! Die digitale Ganz-oder-gar-nicht-Mentalität ist albern und schafft Zwänge. (aus der taz vom 26. April 2013) Vorm Zickenplatz, auf der anderen Seite der großen Straße, sitzen oft Zeugen Jehovas an einem Tisch,]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Internet ist wie schwanger, ein bisschen geht nicht? Unsinn! Die digitale Ganz-oder-gar-nicht-Mentalität ist albern und schafft Zwänge.<span id="more-1697"></span> (aus der <a href="http://taz.de/Kolumne-Nullen-und-Einsen/!115208/" target="_blank">taz</a> vom 26. April 2013)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/qrcode_zeugenjehovas.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1698" alt="qrcode_zeugenjehovas" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/qrcode_zeugenjehovas.jpg" width="620" height="310" /></a></p>
<p>Vorm Zickenplatz, auf der anderen Seite der großen Straße, sitzen oft Zeugen Jehovas an einem Tisch, unterhalten sich und gucken in die Welt hinaus. Ja, genau, die müssen nämlich gar nicht mehr stehen und schweigend ein ernstes Gesicht machen. Angesprochen werden sie trotzdem nicht. Vielleicht haben sie deswegen neuerdings auch einen QR-Code vorn auf ihren Tisch gedruckt (das sind diese Schachbrettmuster zum Smartphone-Abfotografieren). Wenn 120.000 Leute ihn aktivieren, kommt der Messias, aber nur, wenn ihn dann nochmal 60.000 Leute aktivieren.</p>
<p>2013 hat also nun wirklich jeder ins Netz gefunden, selbst <a href="http://www.amish-people.de/" target="_blank" shape="rect">die Amischen</a> haben eine Webseite und Uli Hoeneß hatte in einem Interview im Herbst 2012 erklärt, dass er in seinem Leben noch lernen will, <a href="http://www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&amp;v=gZwgVQfrwIU#t=3477s" target="_blank" shape="rect">wie man einen Computer bedient</a>. Er hat ja bald viel Zeit für so was.</p>
<p>Doch während die letzten endlich eintrudeln, wird es den ersten schon wieder zu viel. Also ich meine jetzt nicht die <a href="http://www.zeit.de/kultur/2010-08/ruehle-koch-offline" target="_blank" shape="rect">Journalisten</a>, die mal sechs Monate offline gehen, weil ihnen kein interessantes Thema einfällt. Und auch nicht so arschkonservatives „Ich mach das nur noch bei der Arbeit, ich habe das nicht nötig“-Gepose, das ja gerade zeigt, WIE nötig man es wirklich hat.</p>
<p>Nein, ich meine Kollegen von mir, kluge und lustige Menschen eigentlich, die neulich gemeinsam über den Mitmachdruck in sozialen Medien klagten. „Seit über einer Woche nichts mehr bei Facebook gepostet. Das macht richtig Spaß“, postete der eine dann kurze Zeit später bei Facebook. Und die andere sagte mir, sie wäre jetzt raus bei Twitter, weil sie es nicht mehr schaffen würde, das alles zu lesen.</p>
<p>Ich verstehe das nicht. Man muss doch nichts bei Facebook posten, wenn man gerade nichts zu erzählen hat. Ich ruf doch auch nicht jeden Tag aus Prinzip jemanden an. Und es ist ja außerdem gerade das Tolle am Internet, dass es voller Katzen … äh: dass es so groß ist, dass man eh keine Chance hat, alles zu erfassen, und es deswegen gar nicht erst versuchen muss.</p>
<p>Doch irgendwie gibt es in Sachen Internet immer noch eine seltsame erhöhte Selbstwahrnehmung gepaart mit einer binären Ganz-oder-gar-nicht-Mentalität. Unter eine meiner Kolumnen etwa, wo es um <a href="http://www.taz.de/Kolumne-Nullen-und-Einsen/!99801/" target="_blank" shape="rect">meine Liebe zu Facebook-Likes</a> ging, schrieb <a href="http://www.taz.de/!c99801/" target="_blank" shape="rect">Kommentator Piet</a>: „Herr Brake – Sie sollten reisen! Lernen Sie E-Schweißen! Eine exotische Fremdsprache. Machen Sie e c h t e Erfahrungen“ Als wenn das nicht einfach beides ginge, Facebook und Offlineaktivitäten. (Mal ganz nebenbei: Was macht eine so abstrakte Tätigkeit wie „Fremdsprache lernen“ zu einer <em>echteren </em>Erfahrung als Facebook?)</p>
<p>Ein wenig erinnert mich das an meine Mutter, die immer, wenn ich bei ihr bin, laut darüber nachdenkt, ob sie ihr Zeitungsabo kündigen soll, weil sie ja doch nicht schafft, das alles zu lesen, bzw. ob sie nun ein neues Abo bestellt, aber sich deswegen nicht sicher ist, weil sie es ja doch nicht schafft, das alles zu lesen.</p>
<p>Na ja. Jetzt hat sie sich erst mal ein Jahr auf ein Wochenendabo festgelegt. Das tolle, neue der <a href="http://www.taz.de/zeitung/tazinfo/taw-vorlauf/" target="_blank" shape="rect">taz.am Wochenende</a>, die jetzt so wunderbar <a href="http://www.taz.de/Galerie/!g=Dick-und-gemtlich/" target="_blank" shape="rect">dick und gemütlich</a> ist. Haha. Habt ihr jetzt wirklich geglaubt, was? Nee. Natürlich eins von der <em>Süddeutschen.</em></p>
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		<title>Karton auf dem Kopf</title>
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		<pubDate>Wed, 17 Apr 2013 00:51:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[BERLINER SZENE über eine Bücherlieferung nach Leipzig (aus der taz vom 17. April 2013) Vor einigen Wochen transportierte ich einen kleinen Pappkarton nach Hause, auf dem Fahrrad. Und als ich zu Hause ankam und das Rad im Hof abschließen wollte,]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>BERLINER SZENE über eine Bücherlieferung nach Leipzig <span id="more-1700"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Berliner-Szenen/!114668/" target="_blank">taz</a> vom 17. April 2013)</h3>
<p>Vor einigen Wochen transportierte ich einen kleinen Pappkarton nach Hause, auf dem Fahrrad. Und als ich zu Hause ankam und das Rad im Hof abschließen wollte, hatte ich ein Problem, weil ich den Karton nicht auf den Boden stellen konnte, denn es lag Schnee, und er, also der Karton, nicht der Boden, ist ja aus Pappe und weicht dann durch.</p>
<p>Also setzte ich den Karton kurzerhand auf den Kopf, und während ich so abschloss, sah ich aus dem Augenwinkel, dass jemand aus dem Hinterhaus, wo ich auch wohne, kam und wort- und grußlos an mir vorbeilief. &#8220;Voll peinlich! Mich hier mit so einem Pappkarton auf dem Kopf zu erwischen&#8221;, dachte ich erst, war beim zweiten Nachdenken dann aber beruhigt. Er &#8211; oder sie &#8211; hatte mich vermutlich gar nicht erkannt. Denn zum Glück hatte ich einen Karton auf dem Kopf!</p>
<p>Den Karton hatte ich dabei, um Bücher zu verschicken, an Momox. Das ist ein Internetdienst, der alten Kram billig ankauft, eine Art Riesenantiquariat 2.0. Den gefüllten und verklebten Karton musste ich noch in einen Hermes-Paketshop bringen. Ich machte das auf dem Weg zum Bahnhof, von wo ich nach Leipzig zur Buchmesse fuhr. Ich fand den Paketshop erst nicht, und es war ein ziemliches Gehetze, aber irgendwie ging alles gut.</p>
<p>Am nächsten Tag musste ich feststellen, dass das Momox-Logistikquartier nicht nur ebenfalls in Leipzig liegt, sondern tatsächlich in einer riesigen Halle in direkter Nachbarschaft zum Messegelände. Ich hätte mir den Stress mit dem Hermes-Paketshop auch sparen können!</p>
<p>Später stellte ich mir vor, dass die Verlage nach der Buchmesse ihre abgegrabbelten Messeauslagen gar nicht mehr mit nach Hause nehmen, sondern einfach direkt rüber in die Momox-Halle karren und sich Centbeträge auszahlen lassen. Cut out the Middlemen! So wird die Buchbranche sicherlich noch ein, zwei Gnadenjahre länger überleben.</p>
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		<title>Eine Zuflucht für verlorene Seelen</title>
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		<pubDate>Tue, 26 Mar 2013 11:27:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[AUSGEHEN UND RUMSTEHEN mit Lana, Lena, erogenen Zonen und der tollsten Iris-Heterochromie in der Berliner Kulturszene seit David Bowie. (aus der taz vom 26. März 2013) Fuck. Fuckfuckfuck. Es ist Donnerstag kurz vor Mitternacht, ich habe Kopfschmerzen, gerade wie im Wahn einen Text]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><strong>AUSGEHEN UND RUMSTEHEN mit Lana, Lena, erogenen Zonen und der tollsten Iris-Heterochromie in der Berliner Kulturszene seit David Bowie.<span id="more-1758"></span> </strong><strong>(aus der taz vom 26. März 2013)</strong></h3>
<p>Fuck. Fuckfuckfuck. Es ist Donnerstag kurz vor Mitternacht, ich habe Kopfschmerzen, gerade wie im Wahn einen Text fertig geschrieben und bin bei der Echoverleihung, also genauer: im Pressezentrum, wo sie erst die Stargäste an einer brüllenden Fotografenhorde vorbeigetrieben und danach die Preisverleihung auf einer großen Leinwand gezeigt haben. Und jetzt stelle ich fest, dass ich nicht auf die Aftershowparty gehen kann. Fuck.</p>
<p>Mir fehlt das richtige Bändchen, vom PR-Team ist nur noch die Praktikantin da und eigentlich hab ich es auch nicht verdient, dabei zu sein, denn auf dem roten Teppich, der in Wirklichkeit lila ist, hielt ich Rudolf Schenker für Peter Plate und den Sänger von Hurts für Dave Gahan.</p>
<p>Aber ich wollte doch auf der Party Lena del Rey abschleppen. Oder Lana Meyer-Landrut. Oder beide. Oder zumindest Freigetränke. Stattdessen fahre ich mit der letzten U-Bahn nach Hause. Fuck. Fuckfuckdoppelfuck.</p>
<p>Wenn das Wochenende schon so losgeht. Am Freitagabend habe ich immer noch Scheißlaune. Der Smartphoneakku ist fast alle, der Tabak ist krümelig und ich finde die bescheuerte Drecksgalerie in der doofen Schierker Straße nicht, weil nirgends ein Hinweis steht, dass die unten im Körnerpark ist. Der wurde übrigens unter Straßenniveau angelegt, damit es im Sommer angenehm kühl ist, erklärt mir M., die auch da ist. In der Wikipedia steht, der Park läge tiefer, weil er in eine Kiesgrube gebaut wurde. Aber M. ist dort im Kiez groß geworden und die Wikipedia nicht, also wem glaube ich wohl?</p>
<p>„Boah, hier sind so viele Frauen lesbisch!“, sagt irgendjemand. „Der Chef von der Thyssen-Krupp-Stiftung ist 99 und hat in der <i>Bild</i> gesagt, ich hör nicht auf“, sagt jemand anders. Die Ausstellung heißt „Erogenous Zone“, ich finde sie sehr lieblos und bin mir ziemlich sicher, dass das nicht bloß an meiner schlechten Laune liegt. Immerhin backt als Performance-Element eine mollige, nur mit einer Schürze bekleidete Frau mollige unbekleidete Teigfrauen, weswegen es die ganze Zeit gut riecht. Um Punkt zehn Uhr wird dann das Licht ausgemacht. Sind noch vierzig Leute im Ausstellungsraum, aber egal. Feierabend! Alle werden nebenan zur Party geschickt, hier braucht man kein Bändchen, hier will man aber auch keins.</p>
<p>Da fahre ich doch lieber in meine Lieblingsgalerie. Das Team Titanic fühlt sich an wie der „Drive“-Soundtrack, ein Ort, der verlorenen Seelen eine Zuflucht bietet. An diesem Abend vernissagiert Anna Kneer, sie hat eine Delegation Schweizer mitgebracht und ihre Mutter, die aussieht wie aus einem Lynchfilm. Kneer stellt kleinformatige wunderschöne Wolkenbilder aus, großformatige, äh, Farbflächendingse, mit blauen Kristallen überzogene Tiere, ein unverkäufliches ausgestopftes Frettchen. Die Galeristinnen mixen Drinks mit Titanic-Eiswürfeln, an einer Wand hängt eine Nasa-Eintrittskarte und mittendrin, mit der tollsten Iris-Heterochromie der Berliner Kulturszene seit David Bowie: Galeriehund Trotzki, halb Husky, halb Wolfshund, keine zwei Jahre alt, aber die Widerristhöhe eines Kutschpferdes und ein Kopf so groß wie meine beiden Katzen zusammen. Meine Katzen. Fuck. Ich habe ihren Geburtstag vergessen. Am vergangenen Montag sind sie vier geworden. Und warum fällt mir das gerade jetzt ein? Fuckfuckfuck.</p>
<p>Samstag ist alles viel besser, da gehe ich mit A. Schlittschuhlaufen. Wir stapfen durch die verlassenen Eiswüsten Hohenschönhausens, verirren uns in den Wellblechpalast, wo Eishockeyzwerge das „Gasag-U12-Turnier um den Clean-Rohr-Pokal“ ausspielen, und später zeigt A. mir, wie man rückwärts fährt, aber ich verstehe es nicht so ganz. Aber das macht mir nichts, denn A. ist schöner als Lena, Lana und alle anderen vom Echo zusammen. So geht es doch auch.</p>
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		<title>The Death Star Conspiracy</title>
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		<pubDate>Fri, 22 Mar 2013 19:15:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Endlich Gegenöffentlichkeit zur Star-Wars-Propaganda: Ein Aufklärungsfilm wirft neues Licht auf die Ereignisse rund um die Zerstörung des Todessterns. (taz.de vom 22. März 2013) Es ist der Tag, der das Imperium erschüttert. Danach ist nichts mehr, wie es war. Eine Gruppe]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Endlich Gegenöffentlichkeit zur Star-Wars-Propaganda: Ein Aufklärungsfilm wirft neues Licht auf die Ereignisse rund um die Zerstörung des Todessterns. <span id="more-1363"></span>(<a href="https://www.taz.de/!113296/" target="_blank">taz.de</a> vom 22. März 2013)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/2013/03/22/innen-gepresst-drausen-frei-wild/starwars_diewahrheit_video/" rel="attachment wp-att-1364"><img class="aligncenter size-full wp-image-1364" alt="starwars_diewahrheit_video" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/starwars_diewahrheit_video.jpg" width="620" height="310" /></a></p>
<p>Es ist der Tag, der das Imperium erschüttert. Danach ist nichts mehr, wie es war. Eine Gruppe Terroristen, die sich auf der guten Seite der Macht wähnt, fliegt mit einfachen Kleinmaschinen gegen ein Monument imperialer Baukunst – und zerstört es.</p>
<p>Doch kann es wirklich sein, dass die Flugabwehr komplett versagt? Kann man mit einem Flieger wirklich so genau den neuralgischen Punkt eines Bauwerks treffen, dass es kollabiert? Oder steckt dahinter ein hochrangiges Mitglied der imperialen Führungselite, das den vermeintlichen Terroranschlag nur mit Hilfe von Strohmännern fingiert hat und den Tod von Tausenden Menschen hinnimmt, um seine innenpolitische Machtposition zu stärken? Ist alles nur ein „Inside Job“?</p>
<p>Diese Fragen sind bis heute ungeklärt. Und zwar gleich in zwei Fällen: Beim Kollaps des World Trade Centers am 11. September 2011 in New York und bei der Vernichtung des Todessterns vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis. Während sich um 9/11 aber bereits zahllose Aufklärer – von bösen Zungen oft als „verrückte Verschwörungstheoretiker“ verleumdet – im Internet kümmern, wird die Aufklärung rund um die Vorkommnisse im Todesstern bis heute von der gleichgeschalteten Mainstreammedienmaschine totgeschwiegen.</p>
<p>Das einzige öffentliche Dokument, das sich damit beschäftigt, ist der semifiktive Kinofilm „Star Wars“ aus dem Jahr 1977, der aber einen grausam verzerrten Blick auf die Geschehnisse bietet: Hier werden die Terroristen, zu denen auch der vermeintliche Todespilot Luke Skywalker zählt, als Rebellen heroisiert. Doch was passierte wirklich an diesem denkwürdigen Tag?</p>
<p>Das zeigt nun das siebenminütige Werk <a href="http://www.youtube.com/watch?v=2dvv-Yib1Xg" target="_blank">„</a><a href="http://www.youtube.com/watch?v=2dvv-Yib1Xg" target="_blank">Luke&#8217;s Change: an Inside Job“</a>, eine liebevolle Anspielung auf den 9/11-Lehrfilm <a href="http://www.youtube.com/watch?v=yyiwOJ2pnGg" target="_blank">„Loose Change“</a>. Auch in der Aufmachung – Kamerafahrten über Fotografien –, Musikauswahl und Sprachduktus haben sich die Macher von „A Luke&#8217;s Change“ am großen Vorbild orientiert.</p>
<p>Viele fragwürdige Fakten werden erstmals offengelegt. Die unfassbar geringe Wahrscheinlichkeit, dass jemand mit einem Torpedo so genau trifft, dass der Todesstern zerstört wird. Das ungewöhnliche Verhalten Darth Vaders, dem einzigen Überlebenden und Kommandanten des Todessterns, der die Kampfstation kurz vor ihrer Zerstörung in einem einfachen TIE-Fighter verlässt. Die offensichtlich suspekte Familienkonstellation – Darth Vader ist, wie kaum jemand weiß, der <i>Vater</i> von Luke Skywalker. Die Vorkommnisse um den Planeten Alderaan, in die Leia, die Schwester Luke Skywalkers verwickelt war. Und vieles mehr.</p>
<p>Es sind erstmal nicht mehr als Fragen, die gestellt werden. Aber waren es wirklich Luke Skywalkers Torpedos, die den Todesstern pulverisieren? Denn kann es wirklich sein, dass ein einfacher Bauernjunge, der nie eine militärische Ausbildung genossen hat, die bestbewachteste Kampfstation aller Zeiten zerstört, die zufällig seinem Vater gehört, der wiederum der einzige Überlebende der Katastrophe ist? Die Entscheidung, liebe Leser, liegt bei Ihnen.</p>
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		<title>Innen gepresst, draußen Frei.Wild</title>
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		<pubDate>Fri, 22 Mar 2013 07:22:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[In einer flickenteppichhaften Inszenierung wurden am Donnerstag über 20 Echos verliehen, die meisten an die Toten Hosen. Die Kontroversen um Frei.Wild blieben außen vor. (taz.de vom 22. März 2013) Wie kann man es nur schon auf den ersten Metern so dermaßen]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>In einer flickenteppichhaften Inszenierung wurden am Donnerstag über 20 Echos verliehen, die meisten an die Toten Hosen. Die Kontroversen um Frei.Wild blieben außen vor. <span id="more-1360"></span>(<a href="https://www.taz.de/Echo-Verleihung-in-Berlin/!113253/" target="_blank">taz.de</a> vom 22. März 2013)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/2013/03/22/innen-gepresst-drausen-frei-wild/echo2013/" rel="attachment wp-att-1365"><img class="aligncenter size-full wp-image-1365" alt="echo2013" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/echo2013.jpg" width="620" height="422" /></a></p>
<p>Wie kann man es nur schon auf den ersten Metern so dermaßen verhühnern? An zwei sehr sichtbaren Seilen schwebt Moderatorin Helene Fischer ins Berliner Palais am Funkturm, schlägt einige ungelenke Salti, singt eine unheimlich biedere Version von „Let Me Entertain You“ und begrüßt, auf dem Boden angekommen, das Publikum allen Ernstes mit „Tja, der Echo. Das ist schon eine ganz besondere Musikpreisverleihung.“</p>
<p>Tja, haha. Das ist er wirklich. Liegen ihm doch bei den Nominierungen, man kann nicht oft genug daran erinnern, keinerlei künstlerische Kriterien zu Grunde, sondern ausschließlich die Chartsplatzierungen der vergangenen 12 Monate. „Der-Teufel-scheißt-auf-den-größten-Haufen“-Preis wäre ein passenderer Name.</p>
<p>Was für Probleme dieses Verfahren mit sich bringen kann, bekamen die Echo-Veranstalter vom Bundesverband Musikindustrie (BVMI) vor zwei Wochen zu spüren: Die automatische Nominierung der Südtiroler Rockband Frei.Wild führte dazu, dass die ebenfalls in der Kategorie „Rock/Alternative national“ aufgestellten Kraftklub und MIA. ihre <a title="„Ich will nicht nach Berlin“" href="http://michaelbrake.de/2013/03/06/ich-will-nicht-nach-berlin/" target="_blank">Teilnahme absagten</a>, weil sie Frei.Wild zu nah an rechtem Gedankengut sehen.</p>
<p>Anderthalb Tage wogten Empörungswellen, vor allem auf den Facebook-Seiten der Betroffenen, danach entschloss der BVMI sich, <a href="http://https//www.taz.de/Echo-Nominierungen/!112419/" target="_blank" shape="rect">Frei.Wild wieder auszuladen</a> – damit der Musikpreis nicht von einer politischen Diskussion überlagert würde, so die Begründung. Man wolle für die Zukunft auch <a href="http://https//www.taz.de/Diskussion-um-FreiWild/!112468/" target="_blank" shape="rect">die Nominierungsrichtlinien überdenken</a>.</p>
<h6>Mahnwache der NPD</h6>
<p>Von diesem Vorlauf ist am Abend der Verleihung nur noch vor dem Palais am Funkturm etwas zu spüren. Dort veranstaltet die NPD eine Mahnwache für Frei.Wild – knapp 15 Gestalten stehen verloren herum, ohne Fahnen oder Transparente, aber von doppelt so vielen Polizisten bewacht.</p>
<p>Auf der anderen Straßenseite hingegen feiern sich Frei.Wild. Die vier Musiker baden in ihren Fans, mehrere hundert sind gekommen. Sie halten Plakate hoch und tragen weiße Shirts mit der Aufschrift „Frei.Wild gegen Rassismus und Extremismus“ (die Fans, nicht die Band), daneben steht ein Truck mit der Aufschrift „Leckt uns am Arsch“. Wie auch immer die Ausladung vom Echo zu bewerten ist: Dem Zusammenhalt zwischen Frei.Wild und ihren Anhängern hat die Geschichte sicher gut getan.</p>
<p>Nach drinnen dringt das alles nicht vor. Nur ein Wort fällt: „Kontrovers“ sei die Kategorie ja gewesen, so die Preisüberreicherin Katie Melua. Sagt aber nicht, warum, und vergisst vor lauter Aufregung auch noch, die anderen Nominierten vorzulesen, was sonst in keiner Kategorie passiert. Ein Zufall? Dann ein ziemlich unglücklicher. Unheilig bekommt schließlich den Preis. Die Band hatte sich vorher als einziger Nominierter der Kategorie komplett aus dem Streit herausgehalten.</p>
<h6>Überblick verloren</h6>
<p>Ansonsten verliert man bei den 27 sich zum Teil überlappenden Kategorien – beste Künstler, beste Alben, beste Bands, Newcomer, national und international, Pop, Rock, Schlager, Volksmusik, undsoweiter – spätestens nach der vierten den Überblick. Gerade waren Pur und Boss Hoss noch die Nominierten bei der „Besten Band national“ (Gewinner: Tote Hosen), dann sagt Hartmut Engler von Pur in einem Einspieler-Filmchen an, dass Boss Hoss jetzt den Preis für die beste Künstlerin vergeben.</p>
<p>Die verleihen dann den Preis an Ivy Quainoo, die Gewinnerin genau jener Casting-Show, in der Boss Hoss selbst in der Jury saßen – zusammen mit Rea Garvey, der seinerseits als bester Künstler nominiert ist und direkt anschließend in einem Einspieler … willkommen in der äußerst überschaubaren Welt des deutschen Spitzenpop.</p>
<p>Das Spielchen, dass jeder Nominierte auch mal Presenter ist, in einem Einspielerfilmchen vorkommt und häufig auch noch als Live-Act, zieht sich durch den gesamten Abend, mit dem Höhepunkt, dass Moderatorin Fischer selbst zwei Echos bekommt. Es ist einer der wenigen Momente, wo man sie überhaupt mal auf der Bühne sieht: Fast alle Programmpunkte werden durch Einspieler, Laudatoren oder durch Olli Briesch, der nur als Stimme aus dem Off vorkommt, übernommen.</p>
<p>So wird die flickenteppichartige Beliebigkeit, die Musikpreisen im Allgemeinen und dem Echo im Speziellen ohnehin anhaftet, ins fast Unerträgliche gesteigert. Alles läuft wie auf Speed, es schmeckt auch ähnlich metallen. Die Kunst des Timings, die Magie der Pause, des Tempowechsels, des Innehaltens scheint der Regie fremd zu sein – was auch wenig Wunder nimmt, wenn zahllose Kategorien und rund ein Dutzend Live-Acts in drei Stunden gepresst werden. Die meisten Preise gewinnen übrigens die Toten Hosen, aus sieben Nominierungen werden vier Echos.</p>
<h6>Keine magischen Momente</h6>
<p>Die „magischen Momente“, die von der zu keinem Zeitpunkt locker wirkenden Helene Fischer in einer Moderation beschworen werden, schafft man mit derart hochgetakteter Professionalität natürlich nicht. Es gibt sie allenfalls im Kleinen: Roman Lob („Radio-Echo“) und Lena Meyer-Landrut („Bestes Video“) zeigen sich wirklich ergriffen von ihren Preisen, Deichkind („Electronic/Club/Dance“) schaffen mit einer mitgebrachten Laudatiovorleserin ein kleines dadaistisches Element.</p>
<p>Max Raabe wiederum schummelt mit seinem nonchalanten Näselbass wirklich ein wenig Glamour und Witz in die Veranstaltung („Sie werden es bemerkt haben, die größten Chancen hat man heute Abend, wenn man entweder aus Düsseldorf kommt oder eine Pandamaske trägt. Die größten Chancen hat also ein Panda, der aus Düsseldorf kommt“). Und Campinos frei gehaltene Laudatio auf Led Zeppelin, die einen Lebenswerk-Echo international bekommen, ist gelungen und aufrichtig.</p>
<p>Genau wie die umfangreiche Ehrung von Hannes Wader für sein Lebenswerk national. Zum Thema Frei.Wild sagt Wader allerdings genausowenig wie alle anderen, er hat auch gar keine Zeit dafür. Dafür gelingt ihm das letzte Bonmot des Abends: „Ich guck mir das morgen alles in Ruhe auf YouTube an.“</p>
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		<title>Vertrocknete Zimmerpflanzen</title>
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		<pubDate>Tue, 12 Mar 2013 20:11:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Das Alltägliche und die Architektur: Dem crowdfunding-finanzierten Magazin „Stadtaspekte“ gelingt es, beides in seltener Zugänglichkeit zu verbinden. (aus der taz vom 12. März 2013) „Stadtleben findet unter Fremden statt“, sagte der Soziologe Zygmunt Baumann. „Die Stadt ist ein vages System“,]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Das Alltägliche und die Architektur: Dem crowdfunding-finanzierten Magazin „Stadtaspekte“ gelingt es, beides in seltener Zugänglichkeit zu verbinden. <span id="more-1315"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Das-neue-Magazin-Stadtaspekte/!112593/" target="_blank">taz</a> vom 12. März 2013)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/stadtaspekte_cover_.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1316" alt="stadtaspekte_cover_" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/stadtaspekte_cover_.jpg" width="310" height="414" /></a>„Stadtleben findet unter Fremden statt“, sagte der Soziologe Zygmunt Baumann. „Die Stadt ist ein vages System“, sagt Benedikt Crone, stellvertretender Chefredakteur von <em>Stadtaspekte, </em>dessen erste Ausgabe im Januar erschienen ist.</p>
<p>„Die dritte Seite der Stadt“ lautet der Untertitel des Magazins – was eine Anspielung auf den feuilletonistischen Ansatz der Seite 3 vieler Zeitungen sein soll, aber eben auch jenen Graubereich beschreibt, der sich auftut zwischen dem offensichtlichen ersten Eindruck, den wir von einer Stadt haben, und dessen ähnlich abziehbildhaftem Negativ. Ein Raum, den es zu erkunden lohnt, um anschließend über das „außergewöhnlich Alltägliche“ zu schreiben, das man ihn ihm findet.</p>
<p>Stadtaspekte tut genau dies, berichtet aus Detroit, Tiflis, Hamburg, Mumbai, Kaiserslautern, Toronto … und, ja, auch aus Berlin, wenngleich es nicht das hundertste Berlinheft sein will. Von vergleichbaren Magazinen wie arch+ unterscheidet sich <em>Stadtaspekte</em> wiederum durch die Zielgruppe: Explizit richtet es sich nicht an ein Fachpublikum. Es will jargonfrei in Textarbeit und Bildsprache bleiben, die Stadt durch ihre Bewohner zum Sprechen bringen und Themen aus professionellen Diskursen lesbar machen.</p>
<h6>Zugänglich und vielseitig</h6>
<p>Dieser Anspruch wird eingelöst, die Texte sind zugänglich und vielseitig: Da ist eine Annäherung in acht Teilen an den zwischen Groß-U-Bahnhof, Fußgängerpassagen und Stadtraum zerfleddernden Wiener Karlsplatz. Ein Beitrag über den wegweisenden Fotoband des Architekten Erich Mendelsohn, der in den 1920er Jahren die neuen urbanen Möglichkeiten der in die Höhe wuchernden Großstädte der USA gleichermaßen staunend und kritisch dokumentiert hat.</p>
<p>Es gibt Überlegungen zu Flaggen an Balkonen im öffentlichen Raum und zum nach der Wende re-designten Stadtwappen von Ludwigsfelde, es gibt Fotostrecken von vertrockneten Zimmerpflanzen und von Gated-Community-Bewohnern in Kapstadt.</p>
<p>Sprachlich ist nicht alles so hochwertig wie das aufgeräumte Layout und die farbentsättigten, auf mattem Papier gedruckten Fotografien. Die häufige Subjektivität der Texte schlägt mitunter ins Banale um – wie etwa der schlampig übersetzte Bericht eines Japaners über seine Erkundung Bremens mit den Geruchssinn oder die Erzählungen einer Geocacherin aus Mainz.</p>
<p>Was hingegen über die Berliner Sonnenallee als Repräsentationsort arabischen Lebens und über eine Eckkneipe im Food-Court von Karstadt am Hermannplatz im Heft steht, sind die wohl klügsten Gedanken, die man über die inzwischen stark überstrapazierte Gentrifizierungskampfzone Nordneukölln seit langem lesen konnte.</p>
<h6>Viermal verschobener Starttermin</h6>
<p>Über ein Jahr hat die Arbeit an der ersten <em>Stadtaspekte-</em>Ausgabe gedauert, viermal wurde der Starttermin verschoben. Das 11-köpfige Team von jungen Akademikern aus verschiedenen Disziplinen, das sich über einen Aufruf der Gründer Jürgen Cyranek und Constantin Engel fand, musste erst einmal gemeinsam Magazinmachen lernen – und Geld sammeln.</p>
<p>Neben wenigen Anzeigen und den Verkaufserlösen – Heftpreis ist 7,90 Euro, die Erstauflage liegt bei 8.000 Exemplaren – wurde <em>Stadtaspekte </em>zu bedeutenden Teilen durch Crowdfunding im Internet finanziert. Über 5.000 Euro kamen auf <a href="http://www.startnext.de/stadtaspekte" target="_blank" shape="rect">startnext</a> zusammen, eine Person spendete sogar 500 Euro und erhielt zur Belohnung einen Artikel über ihre Lieblingsstadt – Bern – im zweiten Heft, das zum Thema „Grauzonen“ im Juni erscheinen soll.</p>
<p>Bis dahin versorgt <em>Stadtaspekte </em>seine Leser im Internet, unter anderem mit der täglichen Linksammlung <a href="http://www.stadtaspekte.de/?page_id=58" target="_blank" shape="rect">„Stadt um zehn“</a>. Ursprünglich war <em>Stadtaspekte</em> ohnehin als reines Online-Magazin geplant, inzwischen ist das keine Alternative mehr, wie Redakteurin Christina Riesenweber selbstbewusst begründet: „Weil es das wert ist. So ein Heft ist ein halbes Jahr da und die Themen verdienen es, dass man sich die Zeit für sie nimmt und sie nicht nach zwei Wochen wieder verschwinden.“</p>
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		<title>„Ich will nicht nach Berlin“</title>
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		<pubDate>Wed, 06 Mar 2013 14:22:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Kraftklub zieht seine erste Echo-Nominierung zurück. Man will nicht in einer Reihe mit Frei.Wild stehen, denen eine rechte Gesinnung nachgesagt wird. (veröffentlich am 6. März 2013 auf taz.de) Der erste Plattenvertrag. Die erste Tournee. Der erste Festivalauftritt. Die erste Goldene Schallplatte.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Kraftklub zieht seine erste Echo-Nominierung zurück. Man will nicht in einer Reihe mit Frei.Wild stehen, denen eine rechte Gesinnung nachgesagt wird. <span id="more-1321"></span>(veröffentlich am 6. März 2013 auf <a href="http://taz.de/Kraftklub-boykottiert-Echo-Verleihung/!112296/">taz.de</a>)</h3>
<p style="text-align: center;"><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/kraftklub.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1323" alt="kraftklub" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/kraftklub.jpg" width="620" height="415" /></a></p>
<p>Der erste Plattenvertrag. Die erste Tournee. Der erste Festivalauftritt. Die erste Goldene Schallplatte. Die erste Charts-Topplatzierung. Und schließlich: die erste Echo-Nominierung. So oder ähnlich verlaufen Karrieren vieler deutscher Nachwuchsmusiker, so verlief auch die Karriere der Chemnitzer Band Kraftklub, die mit einer Mischung aus Indie und Sprechgesang seit drei Jahren immer erfolgreicher werden und Anfang 2012 mit ihrem Debütalbum „Mit K“ auf Platz 1 der deutschen Albumcharts landeten.</p>
<p>Jetzt gibt es aber einen Bruch, einen selbstbestimmten: Am Mittwoch hat Kraftklub auf seiner Facebook-Seite <a href="http://www.facebook.com/kraftklub/posts/10151453314944754" target="_blank" shape="rect">bekanntgegeben</a>, dass sie ihre erste Echo-Nominierung wieder – es gibt dafür eigentlich gar kein richtiges Verb – zurückgeben: „Wir haben unsere Plattenfirma gebeten, dafür zu sorgen, daß unsere Nominierung für den Echo in der Kategorie &#8216;Rock/Alternativ National&#8217; zurückgezogen wird. Wir möchten nicht weiter in einer solchen Reihe genannt werden“, schreiben sie.</p>
<p>Diese Reihe der Nominierten in der offiziell sperrig benannten Kategorie „Künstler/Künstlerin/Gruppe/Kollaboration Rock/Alternative National“, liest sich folgendermaßen: Die Ärzte, Frei.Wild, Kraftklub, MIA., Unheilig. Was nicht stimmt an der Reihe? Es geht um Frei.Wild.</p>
<p>Nun macht die Südtiroler Band zum einen recht konventionelle Rockmusik, mit der sie unter anderem auf der WM-Fanmeile 2010 in Berlin und beim Wacken Open Air aufgetreten ist. Zum anderen steht sie wegen ihrer Texte und wegen der Vergangenheit von Sänger Philipp Burger im Verdacht, nationalistisch bis rechts zu sein.</p>
<h6>Fragwürdige Vergangenheit</h6>
<p>Burger, der bis 2008 Mitglied der rechtsliberalen, FPÖ-nahen Südtiroler Partei „Die Freiheitlichen“ war und früher in der italienischen Rechtsrockband Kaiserjäger spielte, hat sich mehrfach öffentlich von einer rechten Gesinnung Frei.Wilds distanziert, die Band besteht darauf, unpolitisch zu sein. Angesichts von Textzeilen wie „Kreuze werden aus Schulen entfernt /Aus Respekt vor den andersgläubigen Kindern“ und „Das ist das Land der Vollidioten / Die denken, Heimatliebe ist gleich Staatsverrat“ (aus „Das Land der Vollidioten“) bleiben aber Zweifel.</p>
<p>Für Kraftklub offenbar ausreichend, so dass sie der Echo-Verleihung am 21. März in Berlin fernbleiben. „Obwohl wir uns gefreut haben zusammen mit Mia., Die Toten Hosen, Unheilig, und Die Ärzte nominiert gewesen zu sein. Schade um die schöne Aftershowparty …“, steht in ihrem Facebook-Statement. Passenderweise heißt die erste Single-Auskopplung aus dem Album „Mit K“: „Ich will nicht nach Berlin“.</p>
<p>Die Echo-Preisträger werden nicht nach künstlerischen Kriterien nominiert, sondern auf Grundlage der Plattenverkäufe. Im Herbst stand „Feinde deiner Feinde“, das achte Album von Frei.Wild, auf Platz zwei der deutschen Albumcharts. Der Bundesverband Musikindustrie, der den Echo ausrichtet, war für ein Statement leider nicht zu erreichen.</p>
<p>Im Februar hatte es bereits eine Kontroverse um Frei.Wild gegeben: Sie <a href="http://www.visions.de/news/17994/With-Full-Force-Frei-Wild-sagen-ab" target="_blank" shape="rect">sagten ihren Auftritt beim Rockfestival „With Full Force“ ab</a>, nachdem zuvor mehrere Kooperations- und Sponsoringpartner des Festivals, unter anderem die Musikzeitschrift Visions und Jägermeister, mit Boykott gedroht hatten.</p>
<p>Den Rückzug von Kraftklub kommentierten Frei.Wild auf ihrer eigenen <a href="http://www.facebook.com/Frei.Wild/posts/165668286919093" target="_blank" shape="rect">Facebookseite</a> spöttisch: „Da warens nur noch 4 … Wir haben nach langem Überlegen unsere Plattenfirma, die wir selber sind :) gebeten, dafür Sorge zu tragen, dass nach der Nominierung für den Echo in der Kategorie &#8216;Rock/Alternativ National&#8217; genug Bier auf der Aftershowparty steht.“</p>
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		<title>Beende deine Jugend</title>
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		<pubDate>Sat, 02 Mar 2013 20:32:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[„Heavy Metal“ ist das Thema der finalen Ausgabe des Comickunst-Magazins „Orang“. Die Macher sind erwachsen geworden, sie müssen jetzt Geld verdienen. (aus der taz vom 2. März 2013) Das Finale ist schön verstörend. Ein hilfloser Supermarktleiter muss mit ansehen, wie]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>„Heavy Metal“ ist das Thema der finalen Ausgabe des Comickunst-Magazins „Orang“. Die Macher sind erwachsen geworden, sie müssen jetzt Geld verdienen. <span id="more-1327"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Indiecomic-Anthologie-Orang/!112089/" target="_blank">taz</a> vom 2. März 2013)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/content_size_orang_cover.jpeg"><img class="alignright size-full wp-image-1330" alt="content_size_orang_cover" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/content_size_orang_cover.jpeg" width="310" height="356" /></a>Das Finale ist schön verstörend. Ein hilfloser Supermarktleiter muss mit ansehen, wie alle seine Waren verschimmeln und seine Stammkunden sich in Zombies verwandeln. Zwei Skater werden von einem Gespenst durch eine Aufzuchtstation für E-Gitarren geführt. In einer albtraumhaften Überwachungsdystopie werden Arbeiter der Königin zum Fraß vorgeworfen.</p>
<p>„Heavy Metal“ ist das Thema der zehnten und letzten Ausgabe der Anthologie <em><a href="http://www.orang-magazin.net/" target="_blank" shape="rect">Orang</a>,</em> eines der wichtigsten deutschen Sammelpunkte für zeitgenössische Comickunst. Wie alle Ausgaben versammelt sie rund fünfzehn exklusiv gezeichnete Kurzgeschichten. Zeichenstil wie Storytelling sind markant, experimentell, nicht immer zugänglich.</p>
<p>„Zum künstlerischen Anspruch gehört durchaus, dass wir vom Leser einen gewissen Blick für Grafik erwarten, und die Bereitschaft, mitzuarbeiten und nicht nur zu konsumieren“, sagt <em>Orang-</em>Herausgeber Sascha Hommer. Aber es muss sich schon aus sich selbst heraus erklären: „Wir haben nie Sachen genommen, die man nur versteht, wenn man den Künstler kennt oder noch irgendeinen Text dazu lesen muss.“ Deswegen verzichtet die <em>Orang</em> auch komplett auf Artikel oder andere Erklärungen, abgesehen von den englischen Übersetzungen der deutschen Comictexte.</p>
<h6>Hamburger Comicschule</h6>
<p>Gegründet hat Hommer die <em>Orang</em> 2002, als Student an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW). Jener Hochschule, die unter der Professorenschaft von Anke Feuchtenberger seit Jahren aufregende Comiczeicher hervorbringt, gerade erst überzeugte <a href="http://michaelbrake.de/2013/02/07/ich-bin-der-langweiligste-mensch-der-welt/" target="_blank">Lukas Jüliger mit seinem Debüt „Vakuum“</a>.</p>
<p>Der damals 24-jährige Hommer hatte sich oft darüber beschwert, dass es zu wenig eigeninitiierte Projekte der HAW-Studenten gab. „Bis dann Klaas Neumann zu mir meinte: Ja wenn alles so scheiße ist hier und die Leute zu wenig machen, dann mach’s doch selber.“ Er tat es, gemeinsam mit Neumann, den Namen <em>Orang</em> hatte Hommer aus dem Backpackerurlaub mitgebracht. „’Orang‘ ist indonesisch für ’Mensch‘ und erschien mir passend, weil es in Deutschland eigentlich wie ein Kunstwort aussieht, aber eine verborgene Bedeutung hat, die dann einige doch kennen.“</p>
<p>In den ersten Ausgaben, die noch als kopierte DIN-A4-Magazine erschienen, sammelte sich der spätere Zeichnerstamm: Arne Bellstorf, Till Thomas, Klaas Neumann, Line Hoven, Verena Braun, Hommer selbst. Schritt für Schritt ging es voran: Die Auflagen stiegen, das dritte Heft zierte ein Klappcover mit Siebdruck, mit der vierten Ausgabe wechselte man zum Offsetdruck, ab der fünften waren internationale Gäste dabei, und seit der Nummer sechs wurde man beim deutschen Indiecomic-Vorzeigeverlag Reprodukt verlegt – wo auch heute noch erhältliche Restauflagen vertrieben werden.</p>
<p>Dass nun Schluss ist, liegt schlicht daran, dass die <em>Orang-</em>Generation erwachsen geworden ist. Mehrere Zeichnerinnen und Zeichner haben Hamburg verlassen oder können neben ihren eigenen Projekten auch nicht mehr die Zeit für exklusive unbezahlte Geschichten aufwenden, mehrfach fällt das Wort „Brotjobs“, wenn Hommer von den gewandelten Lebensumständen erzählt. „Früher war <em>Orang</em> das wichtige Projekt, auch um sich selber zu featuren“, sagt er. Doch das Verhältnis habe sich umgedreht: „Die eigenen Projekte sind inzwischen viel größer und laufen automatisch, während <em>Orang </em>immer klein bleibt, man dafür immer kämpfen muss.“</p>
<p>So sind letztlich vor allem er und Arne Bellstorf verblieben, eine „funktionierende Organisationseinheit“ zwar, aber mit den Diskussionen und gemeinsamen Redaktionssitzungen fehlt ein elementarer Bestandteil des <em>Orang</em>-Produktionsprozesses. Denn das sollte <em>Orang</em> immer sein: ein Labor, in dem man sich trifft und diskutiert. Und weil die HAW-Dozenten ihre Studenten im Zweifel unterstützen mussten, „haben wir eben versucht, das Gegenteil zu machen und immer in die Wunde zu fassen“. Es ging darum, sich selbst zu trainieren, „dass man so ein bisschen Abstand hat von der eigenen Arbeit und das einen das auch nicht verletzt“.</p>
<h6>Schwere Suche nach Comics</h6>
<p>Zugleich, sagt Hommer, würde es für ihn immer schwerer, aufregende Comics zu finden. Auch das ist wieder eine Frage des Älterwerdens und kein Qualitätsproblem, wie er betont – der Drang, Geschichten unbedingt publizieren zu müssen, lässt nach. „Als wir jünger waren, war vieles für uns noch neu. Dieser Enthusiamus ist inzwischen eingeebnet“, so Hommer. „Außerdem habe ich bei der neuen Welle von rund zehn Jahre jüngeren Zeichnern zunehmend Schwierigkeiten zu unterscheiden: Was ist gut und was ist nicht gut? Weil es nach anderen Codes funktioniert.“ Im Moment gebe es international etwa viele Zeichner, die viel mit 80er-Jahre-Retroästhetik und Remineszenzen auf bestimmte Computerspiele und Fernsehserien arbeiten.</p>
<p>So endet also ein Teil des gemeinsamen Wegs der HAW-Generation der frühen nuller Jahre. Traurig macht Hommer das alles nicht. „Ich habe da überhaupt kein sentimentales Gefühl und finde es ehrlich gesagt eher befremdlich, wenn Leute in meinem Alter schon anfangen, ihre Studentenzeit zu romantisieren“, sagt er. „Außerdem hat das Magazin auch vieles eingelöst, wozu es da war.“</p>
<p>Das allerwichtigste Ziel, sich selbst beizubringen, wie man Bücher macht, hat man erreicht, genau wie die Etablierung einer Comic-Anthologie, die Vernetzung von deutschen und internationalen Autoren und auch, neue Zeichnerinnen und Zeichner beim Durchbruch zu unterstützen, wie etwa Moki, Marijpol, Till Thomas und den Chinesen Yan Cong. Zudem sind einige Aufgaben inzwischen auch weggefallen, heute ist es für deutsche Zeichner viel einfacher, auch im Ausland verlegt zu werden – eine Entwicklung, an der <em>Orang</em> einen maßgeblichen Anteil hat.</p>
<p>Entsprechend ist die Lücke, die das Ende von <em>Orang</em> reißt, betrauernswert, aber nicht letal. Die gute Verlagsarbeit von Avant, Reprodukt und Edition Moderne, das vierteljährliche Schweizer <em>Strapazin,</em> die jährliche, nur von Frauen gestaltete Anthologie <em>Spring </em>und Comicfestivals wie etwa Erlangen oder Hamburg sorgen weiterhin für viel Vernetzung und Bewegung in der deutschen Alternativcomicszene.</p>
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		<title>Mehr Kirschblüten fürs Internet</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Mar 2013 20:04:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Die Snapchat-App bringt die süße Vergänglichkeit des Moments zurück ins digitale Leben. Ihre Fotos verschwinden nach Sekunden. (aus der taz vom 1. März 2013) Im Dezember war ich in Indonesien und hatte dort zwangsläufig auch mit Backpackern]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Die Snapchat-App bringt die süße Vergänglichkeit des Moments zurück ins digitale Leben. Ihre Fotos verschwinden nach Sekunden.<span id="more-1307"></span> (aus der <a href="http://taz.de/Kolumne-Nullen-und-Einsen/!111928/" target="_blank">taz</a> vom 1. März 2013)</h3>
<p>Im Dezember war ich in Indonesien und hatte dort zwangsläufig auch mit Backpackern zu tun. Wie immer sprach man darüber, wo man schon war und wo man noch hinfährt. „Wir waren vorgestern in der Tempelanlage Sowieso“, sagte eine. „Wir haben voll gute Fotos gemacht.“ – „Als Nächstes fahren wir zu Vulkan XY“, sagte eine andere. „Ich hoffe sehr, dass wir da viele gute Bilder machen können.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/snapchat.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1309" alt="snapchat" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/snapchat.jpg" width="300" height="299" /></a>Vielleicht bin ich zu alt oder habe etwas falsch verstanden. Ich mache eigentlich dann Fotos, wenn ein Ort, an dem ich bin, sich als toll erweist. Aber ich suche mir doch nicht die Orte, an die ich fahre, danach aus, ob man tolle Fotos machen kann. Henne. Ei. Häh? Wenngleich ich das natürlich auch von mir kenne: Man kann so beschäftigt damit sein, das perfekte Bild von irgendwas zu machen, dass man anschließend vergisst, sich das Irgendwas auch ohne Kamera anzugucken. Man hat ja das Foto! Das dann die nächsten 20 Jahre im „Unsortierte Fotos 2012“-Ordner liegt.</p>
<p>Dass die Speicherbarkeit des Moments den Moment selbst verdrängt, ist nun überhaupt nicht neu. „Menschen machen Fotos von dem Sommer / damit bloß niemand misstrauisch zweifelt / zu beweisen, dass er wirklich da war (…) Menschen machen Fotos gegenseitig / in dem Glauben, dass jene Momente / für alle Zeiten lebendig blieben“, <a href="http://www.youtube.com/watch?v=avBgObEb99M" target="_blank" shape="rect">sangen die Goldenen Zitronen</a> 1994, und das war auch bloß ein texttreues Cover eines Kinks-Songs von 1968. Aber im Zeitalter des digitalen Fotografierens und öffentlichen Teilens ist das alles besonders augenfällig. [An dieser Stelle bitte einen Witz über <a href="http://www.taz.de/Kolumne-Lustobjekte/!94467/" target="_blank" shape="rect">Instagram-Fotos von kalt gewordenem Essen hindenken</a>.]</p>
<p>Und genau deswegen ist <a href="http://www.snapchat.com/" target="_blank" shape="rect">Snapchat</a> so toll. Snapchat ist eine Smartphone-App, mit der man Freunden Bilder und sehr kurze Videos schicken kann, die sich nach spätestens 10 Sekunden Anschauen selbst löschen. Es lohnt gar nicht, sich irre viel Mühe mit dem Foto zu geben. Gleichzeitig wird der Moment des Anschauens wirklich wieder zu einem Moment – den in den meisten Fällen einzig der Absender und der Empfänger exklusiv teilen.</p>
<p><em>Mono no aware</em> nennt man in Japan die Ergriffenheit über die Vergänglichkeit der Dinge, die Kirschblüte ist der bekannteste Ausdruck dieses Prinzips. Es wäre toll, wenn das ganze Internet ein bisschen kirschblütiger wäre. Seit Wochen unangerührte Mails und geöffnete Browsertabs mit Texten, die man „unbedingt später lesen will“, könnten ruhig heimlich verschwinden. Oder alte Chatprotokolle, die von unglücklich Verliebten noch 200-fach gelesen und kaputtinterpretiert werden.</p>
<div>
<p>Mein erster empfangener Snap war übrigens ein Foto von Sascha Lobo, aufgenommen von Sascha Lobo. Mein zweiter versendeter war ein Katzenfoto. Dann bekam ich ein Bild, auf das groß und rot JETZT WIRD’S META gekritzelt stand, es zeigte den Facebookkommentarstrang unter meinem Aufruf, mir Snaps zu schicken. Aus Kalifornien erfuhr ich 15 Minuten später, dass man Snapchat dort schon seit ein paar Tagen wieder langweilig findet. Verdichteter kann man den Hype Cycle einer Internetanwendung wohl nicht erleben.</p>
</div>
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