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	<title>Michael Brake &#187; Rezension</title>
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		<title>Schuften für den Bruderstaat</title>
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		<pubDate>Tue, 16 Aug 2016 16:43:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Comic]]></category>
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		<description><![CDATA[Der Comic &#8220;Madgermanes&#8221; von Birgit Weyhe erzählt meisterhaft das traurige Schicksal vieler mosambikanischer Vertragsarbeiter der DDR. (veröffentlicht auf fluter.de) Jede Woche marschiert in Maputo, der Hauptstadt von Mosambik, eine Gruppe Menschen mit einer DDR-Fahne durch die Straßen. Sie demonstrieren, sie]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der Comic &#8220;Madgermanes&#8221; von Birgit Weyhe erzählt meisterhaft das traurige Schicksal vieler mosambikanischer Vertragsarbeiter der DDR.<span id="more-2026"></span> (veröffentlicht auf <a href="http://www.fluter.de/comic-madgermanes-ddr-vertragsarbeiter-mosambik">fluter.de</a>)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/madgermanes-teaser.jpg"><img class="size-full wp-image-2038 aligncenter" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/madgermanes-teaser.jpg" alt="" width="620" height="349" /></a><br />
Jede Woche marschiert in Maputo, der Hauptstadt von Mosambik, eine Gruppe Menschen mit einer DDR-Fahne durch die Straßen. Sie demonstrieren, sie wollen Geld. Geld, das sie in der DDR verdient haben, als es die noch gab. Madgermanes nennen sie sich, abgeleitet von „Made in Germany“, denn sie gehörten zu den insgesamt rund 20.000 Vertragsarbeitern, die zwischen 1979 und 1989 aus dem südostafrikanischen Land in die DDR entsandt wurden.</p>
<p>In Mosambik hatte 1975 die marxistische Miliz FRELIMO einen langen Befreiungskampf gegen die portugiesischen Kolonialherren gewonnen, war fortan alleinherrschende Partei der neuen Volksrepublik und knüpfte Verbindungen zu den jungen sozialistischen Bruderstaaten – wie der DDR. Arbeitskräfte wurden getauscht gegen Baumaschinen, Medikamente und andere Produkte – möglicherweise auch Waffen, denn in Mosambik herrschte seit 1977 ein 15 Jahre andauernder Bürgerkrieg, der Schätzungen zufolge bis zu eine Million Todesopfer forderte.</p>
<p>Die in Hamburg lebende Zeichnerin Birgit Weyhe hat aus den Lebensgeschichten der Madgermanes einen Comic gemacht, und es ist ein großartiges Buch geworden. Mit vielen Mosambikanern hat Weyhe gesprochen und ihre Geschichten am Ende auf drei fiktive Charaktere verdichtet: den schüchternen, strebsamen und FRELIMO-linientreuen José, den alle Toni nennen, weil die Deutschen das besser aussprechen können. Sein Zimmergenosse Basilio aus der Hauptstadt Maputo, ein lebensfroher Playboy, der das Beste aus dem Sozialismus herausholt und nicht wirklich an Morgen denkt. Und Anabella, Tonis vorübergehende Freundin, deren Familie schwer unter dem Bürgerkrieg gelitten hat und die sich letztlich als der stärkste der Charaktere erweisen wird.</p>
<p>Alle drei sind mit großen Träumen in die DDR gekommen: Lehrer, Ingenieur, Ärztin wollen sie werden. Stattdessen müssen sie auf dem Bau arbeiten und Wärmflaschen herstellen, sie sind Hilfsarbeiter. Sie leben in Wohnheimen und 60 Prozent ihres Lohns wird einbehalten und nach Mosambik geschickt, für die Zeit nach der Rückkehr. Auch sollen die Mosambikaner so wenig Kontakt wie möglich zur einheimischen Bevölkerung aufbauen – und schwangere Frauen werden sofort abgeschoben.</p>
<h6>Mehr oder weniger offener Rassismus</h6>
<p>Nacheinander erzählt Weyhe die drei Biografien, entblättert Schicht für Schicht die persönlichen Details und geschichtlichen Zusammenhänge. Sie erzählt von kultureller Identität und neuen Welten, von Ablehnung und Anpassung, vom mehr oder weniger offenen Rassismus durch die deutsche Bevölkerung, aber auch von guten und fruchtbaren Begegnungen mit Deutschen – wobei das für Toni, Basilio und Anabella jeweils etwas anderes bedeutet.</p>
<p>Wie schon in „Im Himmel ist Jahrmarkt“ (2013), in dem sie im großen Bogen die Geschichte ihrer beiden Großmütter erzählt, zeigt sich Birgit Weyhe als Meisterin in der Fiktionalisierung von gelebter Geschichte. Ihre Charaktere sind vielschichtig und absolut glaubhaft, ihr Storytelling verbindet kleine Details und Alltägliches, etwa Tonis erster Tag im Schnee, mit dem Blick für das große Ganze, ist dabei oft ernst, manchmal sogar drastisch, aber niemals schwer.</p>
<p>Auch die Bildebene gestaltet Weyhe vielseitig. Die recht harten, farbarmen Zeichnungen aus dem Alltag der Madgermanes durchbricht sie mit zahlreichen grafischen Elementen. Einerseits sind das Zeitdokumente aus der DDR und Mosambik: Briefmarken, Filmplakate, Wappen, Abzeichen, Markenprodukte. Andererseits aber auch illustrative Bilder von hoher assoziativer Kraft: Tiere, Blumen, Muster. Immer wieder findet Birgit Weyhe Wege, Stimmungen und Gefühle zu illustrieren, variiert Zeichenstile und Auftragstechnik. Dass sie dabei auch Anleihen an afrikanische Motiviken macht, erklärt sich nicht allein aus dem Stoff von „Madgermanes“: Birgit Weyhe selbst hat ihre Kindheit in Uganda und Kenia verbracht.</p>
<h6>Die Wende bringt das Ende</h6>
<p>Das Ende der DDR im Jahr 1989 ist auch für Toni, Basilio und Anabella eine Zäsur. Das wiedervereinigte Deutschland hat kein Interesse daran, die mosambikanischen Vertragsarbeiter – mit zu dem Zeitpunkt rund 15.000 Menschen mit Abstand die zweitgrößte Gruppe nach den Vietnamesen – im Land zu behalten („Die hatten schon ihre Türken“, kommentiert Basilio). Zudem wächst der offene Rassismus in den neuen Bundesländern.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/madgermanes-cover-260x367.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-2039" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/madgermanes-cover-260x367.jpg" alt="" width="260" height="367" /></a>Die meisten müssen zurück nach Mosambik und komme doch nie richtig dort an: Was sie an den Werkbänken der DDR gelernt haben, bringt ihnen hier wenig bis nichts. Gleichzeitig haben sie sich vom einfachen Leben in ihrer Heimat entfremdet und vermissen die Annehmlichkeiten und Verbindlichkeiten des Lebens in Europa. Das Schlimmste aber: Von dem Geld, das sie verdient hatten und das in Mosambik auf sie warten soll, sehen die Madgermanes fast nichts. Weil ihnen das aber niemand glaubt, werden sie auch noch als geizig und arrogant betrachtet.</p>
<p>Wie so viele Migranten und Wanderer zwischen zwei Gesellschaften haben sie nun gar kein richtiges Zuhause mehr, viele von ihnen fassen nie wieder wirklich Fuß in Mosambik. Um ihren Lohn kämpfen sie bis heute.</p>
<p><strong>Birgit Weyhe: „Madgermanes“.</strong> Avant-Verlag, Berlin 2016, 240 Seiten, 24,95 Euro</p>
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		<title>Krieg und Klarkommen</title>
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		<pubDate>Wed, 02 Mar 2016 17:14:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Comic]]></category>
		<category><![CDATA[fluter.de]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Comics]]></category>
		<category><![CDATA[Coming-of-Age]]></category>
		<category><![CDATA[Dreißigjähriger Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Science-Fiction]]></category>
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		<description><![CDATA[Zwei bemerkenswerte Comic-Debüts zeichnen eindringliche Porträts von Teenagern in ganz unterschiedlichen Situationen: einmal im Dreißigjährigen Krieg, einmal in der nahen Zukunft. (veröffentlicht auf fluter.de) Eine abgemagerte Frau, von Hunger und Winterkälte in den Wahn getrieben, kaut auf ihren abgefrorenen Zehen]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Zwei bemerkenswerte Comic-Debüts zeichnen eindringliche Porträts von Teenagern in ganz unterschiedlichen Situationen: einmal im Dreißigjährigen Krieg, einmal in der nahen Zukunft. <span id="more-2013"></span>(veröffentlicht auf <a href="http://www.fluter.de/bei-den-bio-hackern" target="_blank">fluter.de</a>)</h3>
<p>Eine abgemagerte Frau, von Hunger und Winterkälte in den Wahn getrieben, kaut auf ihren abgefrorenen Zehen herum. Galgenbäume sind die einzige Orientierung in einer Landschaft, die einst Wald war und jetzt nur noch eine Steppe aus Baumstümpfen.</p>
<p>Es wirkt wie eine postapokalyptische Welt, die Lukas Kummer in seiner Graphic Novel „Die Verwerfung“ entwirft, und dabei ist es der Südwesten Deutschlands kurz vor Ende des Dreißigjährigen Krieges. Schlachten zwischen Protestanten und Katholiken, Habsburgern und Franzosen, Kaisertreuen und Fürsten fegten zwischen 1618 und 1648 über Mitteleuropa hinweg und „verheerten“ einige Landstriche im wahrsten Wortsinne: Die Armeen und Söldner nahmen sich von der Bevölkerung, was sie kriegen konnten, immer und immer wieder, dazu kamen Pest und Hungersnöte. Die Region rund um Rhein und Main war mit am stärksten betroffen, bisweilen überlebte nur ein Drittel der Bevölkerung.</p>
<p>Die Protagonisten, die der 1988 in Österreich geborene Lukas Kummer in „Die Verwerfung“ durch diese Hölle schickt, sind zwei Waisenkinder, vielleicht 12 und 16 Jahre alt, die sich dem Heer der Schweden anschließen wollen: Jakob und Harald Krainer heißen sie, wobei Harald nur ein Deckname ist. Es handelt sich um Johanna, die ihr Geschlecht lieber verbirgt, um mehr Stärke demonstrieren zu können und nicht zum Opfer von Schändungen zu werden. Sie essen erfrorenes Korn, Baumrinde, und an guten Tagen findet sich in einem ausgeräucherten Bauernhof ein wenig Schweineschmalz.</p>
<h6>Pragmatismus und Moral in der Wolfsgesellschaft</h6>
<p>Johanna als das ältere Kind hat den verantwortungsvollen Part inne und damit auch längst den Pragmatismus der rechtsfreien Wolfsgesellschaft angenommen, in der sie lebt: Jeder ist ein potenzieller Feind, und wer überleben will, muss skrupellos und immer auf der Hut sein. Jakob ist von sensiblerer Natur. Er hat dauernd Husten und auch noch so etwas wie Moral. Hin und wieder haut er depressiv-nihilistische Erkenntnisse raus: „Es ist nicht das Vernichtende, das in allen Dingen steckt, sondern das Selbstvernichtende.“ Oder: „Von dem Tag an, wo Gott die Erde gemacht hat, hat sich davon Stück und Stück immer alles ein bisschen mehr in Unrat verkehrt.“</p>
<p>Mit harten Kontrasten setzt Lukas Kummer das Elend in Szene, nur Schwarz, Weiß und einen Grauton erlaubt er sich, aber keine Schraffuren und Zwischenstufen. Kummers Strich ist so dünn und zittrig wie die Überlebenschancen der Geschwister Krainer, die verloren über weiße Seiten laufen – die Hintergründe lässt Kummer fast immer leer. In den massiven Weißraum sind Buchstaben dünn wie Gerippe gesetzt.</p>
<p>„Die Verwerfung“ ist die Abschlussarbeit Lukas Kummers an der Kunsthochschule Kassel. Es ist ein stilistisch enorm starkes Comic-Debüt und als Leseerlebnis absolut demoralisierend. Dennoch bleibt man dran, will man wissen, ob und wie es weitergeht mit „Harald“ und Jakob, ob sie durchkommen und sich dabei noch ein wenig Menschlichkeit bewahren können.</p>
<p>Erschienen ist „Die Verwerfung“ im Januar bei Zwerchfell, einem kleinen Indie-Comicverlag aus Stuttgart – und der hat parallel gleich noch ein weiteres Debüt mit Teenagern in der Hauptrolle veröffentlicht. Das allerdings könnte kaum unterschiedlicher sein: Statt in der Vergangenheit spielt Moritz von Wolzogens „Totality“ in einer leicht futuristischen Alternativgegenwart, in einer Metropole mit dem seltsam provinziellen Namen St. Georgen. Hier gehen Alex, Merle und Simon in eine Klasse. Die drei sind ein wenig wie die X-Men, sie haben spezielle Fähigkeiten. Was cooler klingt, als es ist, denn als Jugendlicher ist jede Abweichung von der Norm ein Freakfaktor. Auch die drei Protagonisten machen Erfahrungen mit Mobbing.</p>
<h6>Kontrollverlust und Selbstfindung</h6>
<p>Pubertät und aufkeimende Superkräfte sind natürlich eine beliebte Symbolik-Kombi für Kontrollverlust, Selbstfindung und das Klarkommen mit dem eigenen Körper. Vor allem Alex, den alle Storch nennen, hat damit zu kämpfen: Mit seinen Augen kann er Hologramme erzeugen. Doch wenn er wütend wird, verselbständigen sich seine Kräfte. Simon hingegen hat Wunderheilungsfähigkeiten – was bedeutet, dass er beispielsweise seine Hand mit Haarspray und einem Feuerzeug in eine Feuerklaue verwandeln kann, ohne Schaden zu nehmen. Merle wiederum ist ein Erfindergenie, ihr Zimmer ist eine riesige Bastel- und Lötwerkstatt, sogar ein Smartphone hat sie schon konstruiert. Sie bedrückt, dass der Bruder ihrer besten Freundin im Koma liegt.</p>
<p>So atemlos, überdreht und voll überschüssiger Energie wie der Seelenzustand eines Teenagers gestaltet Moritz von Wolzogen auch seinen Comicband. Die Zeichnungen wirken leicht, mitunter wie hingeworfene Bleistiftskizzen, und sind doch unheimlich reich und detailliert. Die Seitenlayouts sind hochkomplex, von Wolzogen hat eine Vorliebe für fragmentierte, ineinander verschachtelte Bildstrukturen. Die vielen extremen Hoch- und Querformate steigern die ohnehin schon hohe Dynamik.</p>
<p>Auch narrativ ist „Totality“ eine Herausforderung: Einerseits passiert gar nicht viel, andererseits gibt es diverse Andeutungen, als wäre der Band nur der Auftakt zu einer komplexen Serie. Die zweite Hälfte des Comics wird schließlich dominiert von einer langen, symbolüberladenen Traumsequenz, ein Impressionsgewitter mit viel interpretatorischem Spielraum; um etwa die Anzeichen für den Überwachungsstaat zu entdecken, von dem im Klappentext die Rede ist, muss man schon sehr genau hinsehen.</p>
<p>Das Grundthema von „Totality“ hingegen ist ganz klar: Es geht um Freundschaft, Vertrauen und Zusammenhalt. Werte, die schon seit Jahrhunderten hinweg Bestand und Bedeutung haben.</p>
<p><em><strong>Lukas Kummer: „Die Verwerfung“.</strong> Zwerchfell Verlag, Stuttgart 2015, 120 Seiten, 20 Euro; </em><em><strong>Moritz von Wolzogen: „Totality“.</strong> Zwerchfell Verlag, Stuttgart 2015, 128 Seiten, 12,99 Euro</em></p>
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		<title>Die Hauptfigur ist eine Stadt</title>
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		<pubDate>Sat, 25 Jan 2014 20:08:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Comic]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Stadt]]></category>
		<category><![CDATA[taz]]></category>

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		<description><![CDATA[Grandiose urbane Kaputtheit: Der retrofuturische Noir-Thriller „Mister X“ war in den Achtzigern stilbildend. Als Sammelband gibt es ihn jetzt auch auf Deutsch. (aus der taz vom 25. Januar 2014) So viel zu tun und so wenig Zeit! Schattengleich huscht der]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Grandiose urbane Kaputtheit: Der retrofuturische Noir-Thriller „Mister X“ war in den Achtzigern stilbildend. Als Sammelband gibt es ihn jetzt auch auf Deutsch. <span id="more-1830"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Dean-Motters-Comic-Mister-X/!131652/" target="_blank">taz</a> vom 25. Januar 2014)</h3>
<h3><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/schreiber-leser-mr-x.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1835" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/schreiber-leser-mr-x.jpg" alt="schreiber-leser-mr-x" width="620" height="283" /></a></h3>
<p>So viel zu tun und so wenig Zeit! Schattengleich huscht der Mann durch die endlostiefen Straßenschluchten seiner Stadt, drahtig, hager, ewig gehetzt, Drogen halten ihn wach, seit vielen Wochen schon. Er hat diese Stadt erschaffen, jetzt will er sie reparieren.</p>
<p>Und tatsächlich scheint er sie zu beherrschen, kann dank seines exklusiven Zugangs zu einem Geheimgangsystem überall verschwinden und auftauchen und kennt alle wichtigen Strippenzieher. Doch wer ist dieses Mysterium mit Glatze, Trenchcoat und Sonnenbrille?</p>
<p>Der Kanadier Dean Motter ist der Schöpfer von „Mister X“, zwischen 1983 und 1988 jagte er ihn durch 14 Bände voll mit Intrigen, Toten, Entführungen und Verstrickungen, in Szene gesetzt von jungen Talenten der alternativen Comicszene: Den Brüdern Gilbert, Jaime und Mairo Hernandez, die dank ihrer „Love + Rockets“-Reihe längst Legendenstatus haben, sowie den Zeichnern Seth und Paul Rivoche. Die düstere, postmoderne New-Wave-Optik von „Mister X“ war stilbildend, ein Vorbild etwa für Tim Burtons Kinointerpretation von Batmans Gotham City oder Terry Gilliams „Brazil“.</p>
<h6>Kilometerhohe Art-déco-Hochhäuser</h6>
<p>Der Hamburger Verlag <em>Schreiber &amp; Leser</em>, zu dessen Schwerpunkt Krimi-, Noir- und Erotik-Stoffe gehören, hat nun sämtliche Bände des Motter-Zyklus veröffentlicht und sie dafür umfangreich restauriert: Auf jeder Seite der Originalscans wurden digital die Druckraster und bei Bedarf auch Farbschatten entfernt. Drei Vorworte, einiges Bonusmaterial und das von Motter schon 2008 neu gestaltete Ende der letzten Episode runden den Sammelband ab.</p>
<p>Doch ist Mister X, das verrät ja schon sein Platzhaltername, gar nicht der Mittelpunkt dieser Geschichte. Denn die wahre Hauptfigur ist eine Stadt: Radiant City! Kilometerhohe Art-déco-Hochhäuser mit gigantischen Foyers und Hallen streben hier in den von Scheinwerferkegeln zerschnittenen Nachthimmel, verbunden von schwindelhohen Brücken wie in dem Filmklassiker „Metropolis“.</p>
<p>Nicht ein Baum, nicht ein Grashalm existiert in dieser Stadt der Zukunft, deren Schatten, Formen und Fluchten von den Zeichnern grandios in einer retrofuturistischen Dieselpunk-Ästhetik festgehalten wurden: fliegende Autos im Stile von 50er-Jahre-Straßenkreuzern, Zeppeline und schnittige Schnellzuglokomotiven, Zeitungsstreiks und Roboter prägen das Bild – Computerdisplays gibt es hingegen nicht.</p>
<h6>Bauhausmoderne und Tangerine Dream</h6>
<p>In einem Interview mit dem Berliner Stadtmagazin <em>Zitty</em> betonte Motter auch den „großen deutschen Einfluss“ auf Mister X, von der Architektur der Bauhausmoderne über die Filmkulissen des Stummfilmexpressionismus, beim Entwurf des Szenarios lief zudem Musik von Kraftwerk und Tangerine Dream.</p>
<p>Gebaut wurde Radiant City, natürlich, als Utopie, von den fähigsten Architekten seiner Zeit, Simon Myers und Walter Eichmann. Die Stadt sollte den Prinzipien der Psychotektur folgen, einer Feng-Shui-artigen Wissenschaft, laut der die äußere Verfasstheit der Stadtstrukturen die Stimmung ihrer Bewohner steuert. Doch die Zeit wurde knapp, die Architekten zerstritten sich, Eichmann tauchte unter, und aus der Utopie wurde ein Moloch mit defekter Psychotektur, der seine Bewohner in den Wahnsinn treibt: Ständig sehen wir Menschen auf die Straßen stürzen, das einzige Ziel der Schnellzüge scheint die Ninth Academy zu sein, eine Mischung aus Sanatorium und Irrenanstalt.</p>
<p>Designerdrogen spielen eine bedeutende Rolle in Radiant City, Leprocyllin, Poltercain, Insomnalin, Metamorphin heißen sie. Der Wunsch nach Schlaflosigkeit, nach der Selbstoptimierung mit Wachmachern ist ein Dauerthema der Comicserie und lässt sie heute, in Zeiten von Neuro Enhancement und steigendem Ritalinkonsum, noch immer aktuell erscheinen. „So viel zu tun? und so wenig Zeit!“ ist das Mantra von Mister X.</p>
<h6>Lustvoll klischeebeladenes Personal</h6>
<p>So lustvoll klischeebeladen wie die urbane Kaputtheit von Radiant City ist auch ihr Personal, das aus einem Hardboiled-Crime-Groschenheftchen stammen könnte: Da ist der schmierige Gangsterboss mit der Femme fatale als Liebchen, da sind die korrupte Elite, der mächtige Konzern, der heimlich die Stadt mit Drogen versorgt, und die Unschuld vom Lande, die sich in Mister X – Santos nennt sie ihn – verliebt hat.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/schreiber-leser-mr-x-650-Cover.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1834" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/schreiber-leser-mr-x-650-Cover.jpg" alt="schreiber-leser-mr-x-650 Cover" width="310" height="452" /></a></p>
<p>Doch ist dieser Mister X trotz seiner unklaren Identität und seines Wissensvorsprungs kein Superheld, Manipulator oder genialer Meisterdieb. Im Gegenteil, ständig sehen wir ihn scheitern und flüchten, er wird verprügelt und verraten, scheitert an Empfangsdamen und kämpft mit Entzugserscheinungen. Er ist so kaputt wie die Bewohner seiner Stadt, der größte Junkie von allen.</p>
<p>Wobei seine Geschichte auf den Leser selbst ebenfalls wie Schlafentzug auf chemischen Drogen wirkt. Sind die Zeichnungen der ersten Bände noch recht realistisch gehalten, wird es bei den Visualisierungen von Seth mit jeder Folge schneller, karikaturenhafter, flapsiger. Mit fettem Strich wirft er Pop-art-hafte Abstraktionen aufs Papier. Und auch das Erzähltempo steigt stetig, immer atemloser folgen die Ereignisse aufeinander, immer weiter verliert man den Zugriff auf das Geschehen und versinkt immer tiefer in dem Irrsinn, der jeden Bewohner von Radiant City unweigerlich befällt. So viel zu tun und so wenig Zeit!</p>
<p><em><strong>Dean Motter, Seth, Paul Rivoche, Gebrüder Hernandez: „Mister X“.</strong> Aus dem Englischen von Bernd Weigand. Schreiber &amp; Leser, Hamburg 2013, 383 Seiten, 39,80 Euro.</em></p>
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		<title>Unglücklich wie ein Großstadtsingle</title>
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		<pubDate>Sat, 04 Jan 2014 18:47:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Comic]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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		<description><![CDATA[Frauengeschichten, Depressionen und Allerweltsgespräche: Joann Sfars Comic „Vampir“ erzählt vom Vampir Ferdinand und seinem fast menschlichen Leben. (aus der taz vom 4. Januar 2014) Joann Sfar ist ein Besessener. Besessen davon, Geschichten zu erzählen, rauschhafte, reiche Geschichten. An über 100 Comicbänden war der]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Frauengeschichten, Depressionen und Allerweltsgespräche: Joann Sfars Comic „Vampir“ erzählt vom Vampir Ferdinand und seinem fast menschlichen Leben. <span id="more-1628"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Social-Media-Forscherin-ueber-Netzkatzen/!121397/" target="_blank">taz</a> vom 4. Januar 2014)</h3>
<p><strong><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/avant-vampir-news-bild-1-xl.jpg"><br />
<img alt="avant-vampir-news-bild-1-xl" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/avant-vampir-news-bild-1-xl.jpg" width="620" height="294" /></a></strong></p>
<p>Joann Sfar ist ein Besessener. Besessen davon, Geschichten zu erzählen, rauschhafte, reiche Geschichten. An über 100 Comicbänden war der 42-jährige Franzose in den vergangenen 20 Jahren als Zeichner oder Autor beteiligt. Jüdisches Brauchtum, viktorianische Schauermärchen, osteuropäische Sagen, die Zeit Russlands zur Revolution, die Irren und Wirren der Liebe und das Leben von Künstlern sind wiederkehrende Themen Sfars. Fabelwesen und Teufel, dralle Frauen und lustige Musikanten, Rabbis, Kosaken und Polizisten bevölkern seine Geschichten.</p>
<p>Eine dieser Sfar-Gestalten ist Ferdinand, ein Vampir aus Litauen. In einem Sammelband hat der Berliner Avant-Verlag jetzt vier der „Vampir“-Alben veröffentlicht, ergänzt durch Skizzen und ein „Interview mit einem Vampir“ am Schluss.</p>
<p>Traditionell wie Nosferatu sieht Ferdinand aus, er schläft in einem Sarg, trägt Frack, Weste und Krawatte – und lebt doch so unstet und unglücklich wie ein Großstadtsingle: In seinem riesigen Schloss hat er nur eine hässliche, aber geliebte Katze an seiner Seite, nachts treibt es ihn raus, durch Bars und Clubs, auf der Suche nach Nähe und Zuneigung.</p>
<p>So stolpert Ferdinand, obwohl er eigentlich eher schüchtern ist, von einer unglücklichen Frauengeschichte in die nächste, mal mit einer griechischen Studentin, mal mit einem verspielten Gespenst oder einer japanischen Touristin.</p>
<h6>„Ich muss akzeptieren, wer ich bin“</h6>
<p>Doch es ist halt immer das Gleiche: Das Alraunenmädchen, in das Ferdinand schwer verliebt ist, will sich nicht auf eine Beziehung einlassen. Die blasse Vampirin mit den langen roten Haaren, die Ferdinand umgarnt und ihm lange Briefe schreibt, interessiert ihn hingegen nicht so recht. Als sie ihn abschleppen will, geht er lieber Platten kaufen.</p>
<p>Und manchmal ist Ferdinand, der übrigens beim Blutsaugen stets darauf achtet, keine Menschen zu töten, auch einfach traurig. Er sinniert darüber, wie er sein Leben besser machen könnte: „Ich muss akzeptieren, wer ich bin. Und mehr Zeit mit meinen Freunden verbringen.“ Oder er verkriecht sich mit Depressionen auf das Sofa eines Bekannten. Der liest ihm aus dem babylonischen Talmud vor, was ihn aber auch nicht glücklich macht: „Ich lebe schon sehr lange, sehr, sehr lange. Ich erinnere mich an zu viele Sachen.“</p>
<p>Zwischen den Romanzen passieren Ferdinand die absonderlichsten Dinge. Auf einer Kreuzfahrt wird er fast von einer Mumienbande getötet, die Polizei von Vilnius bittet ihn um Mithilfe bei einer Mordserie, und er hilft einem getrennten Schachautomatenpärchen, wieder zusammenzufinden.</p>
<p>Er trifft einen Profiverführer und einen Klagegeist, ein Golem kommt in den Geschichten natürlich auch vor, genau wie der rätselhafte Abenteurer Professor Bell, dem Joann Sfar eine eigene Buchreihe gewidmet hat – Überschneidungen und Gastauftritte sind typisch für sein Werk.</p>
<h6>Disziplinierte Zeichnungen</h6>
<p>Typisch sind auch die ausdrucksstarken Zeichnungen und der schnelle, organische Strich. Wobei Sfar, der seinen Stil gern und weit variiert, in „Vampir“ schon fast diszipliniert vorgeht, die meisten Seiten gehorchen einer klaren Panelstruktur, die Zeichnungen sind sauber koloriert, in unheimlich satten und oft recht dunklen Farben übrigens.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/avant-vampir-66033_0.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1630" alt="avant-vampir-66033_0" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/avant-vampir-66033_0.jpg" width="310" height="364" /></a>In anderen Büchern Sfars sind die Bilder mitunter wie hingeworfen, die Linien zitterig-krude und die Farben nur vage an den Umrissen orientiert, geradezu ein Ausdruck von Sfars Drang, Geschichten zu erzählen, der so stark ist, dass er mit seinen Zeichnungen einfach nicht mehr hinterherkommt.</p>
<p>Genauso schnell und direkt sind auch die Dialoge. In „Vampir“ leben sie von ihrer Unmittelbarkeit und Unverstelltheit. Banale Allerweltsgespräche unterbrechen und verlangsamen die oft aberwitzige Handlung, fast wie in Tarantino-Filmen. Joann Sfars Sprache ist mal komisch, mal melancholisch, aber immer rasant. So wie seine vielen Universen überquellen von Fantasie und Leben – auch wenn es oft um Tote geht.</p>
<p><strong>Joann Sfar: „Vampir“. Aus dem Französischen von Paula Bulling und Barbara Hartmann. Avant-Verlag, Berlin 2013. 216 Seiten, 29,95 Euro</strong></p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Rächer in eigener Sache</title>
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		<pubDate>Tue, 22 Oct 2013 19:35:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ein weiterer Comic über Außenseiter und die Kleinstadthölle? Nicht nur. In Daniel Clowes&#8217; „Der Todesstrahl“ entdeckt ein Antiheld seine Superkräfte – mit fatalen Folgen. (veröffentlicht auf zeit.de am 22. Oktober 2013) Andy. „Welcher Andy?“ „Kenne ich gar nicht.“ „Ist der]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Ein weiterer Comic über Außenseiter und die Kleinstadthölle? Nicht nur. In Daniel Clowes&#8217; „Der Todesstrahl“ entdeckt ein Antiheld seine Superkräfte – mit fatalen Folgen.<span id="more-1667"></span> (veröffentlicht auf <a href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2013-10/todesstrahl-graphic-novel" target="_blank">zeit.de</a> am 22. Oktober 2013)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/todesstrahl-comic2-540x304-1.jpg"><img alt="todesstrahl-comic2-540x304 (1)" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/todesstrahl-comic2-540x304-1.jpg" width="620" height="348" /></a></p>
<p>Andy. „Welcher Andy?“ „Kenne ich gar nicht.“ „Ist der überhaupt noch auf der Schule?“ „Ich glaube, wir hatten mal einen Kurs zusammen, aber er sagt nie was.“ „Das ist ne Null.“ „Schwuchtel.“ „Der hält sich für was Besseres. Ist er aber nicht, so viel steht fest.“</p>
<p>Andy also. Ein Niemand. 17 Jahre alt, schlaksig, Allerweltsfrisur, Allerweltsgesicht. Die Hauptfigur von Daniel Clowes&#8217; Graphic Novel <em>Der Todesstrahl</em> ist weder besonders witzig, noch besonders hübsch, sportlich, klug oder warmherzig. Mit moderner Musik kann Andy nichts anfangen, sein Zimmer hält er sauber und aufgeräumt, weil er es so mag. Seine Eltern sind tot, er lebt er mit seinem in die Altersdemenz abgleitenden Großvater zusammen, eine Haushälterin schaut hin und wieder vorbei. Auch Louie, Andys einziger Freund, der immerhin Dynamik und Eigenschaften besitzt, wenn auch keine guten.</p>
<p>Das Ganze spielt im Jahr 1973 und könnte eine weitere Geschichte werden über Außenseiter, die Kleinstadthölle, Langeweile und Teenagerzwänge. Doch dann raucht Andy zum ersten Mal im Leben eine Zigarette. Erst wird ihm schlecht, er bekommt Schweißausbrüche, dann ist er für kurze Zeit superstark. Und plötzlich ist <em>Der Todesstrahl</em> ein Comic über Außenseiter, die Kleinstadthölle, Langeweile, Teenagerzwänge – und über Superhelden. Ein weiterer Beitrag zum beliebten Subgenre der Superhelden-Dekonstruktion, das von den epischen <em>Watchmen</em> bis hin zum <a title="Artikel auf ZEIT ONLINE" href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2012-04/flash-preussen" target="_blank">depressiven <em>Flash Preußen</em></a> und zur Kino-Actionkomödie <em>Kick-Ass</em> reicht.</p>
<p>Seine Superkräfte, so lernt Andy bald, sind die Folge von Hormonen. Der Vater, ein berühmter Wissenschaftler, hatte sie ihm als Kind verabreicht. Der Sohn sollte nicht ebenso ein Sozial-Versager werden wie er selbst. Andy hat auf einmal eine Chance – doch er weiß mit seiner Macht wenig anzufangen. Sein Freund und Einflüsterer Louie schon eher, er will Andys Superkräfte für seine Rachephantasien einsetzen, an den üblichen Schulschlägern ausleben oder damit Mädchen beeindrucken. Es will nur alles nicht so recht klappen.</p>
<p>Fatal wird es, als Andy eine weitere Hinterlassenschaft seines Vaters erhält: Eine Pistole wie aus einem alten Science-Fiction-Film, die Dinge und Lebewesen nachhaltig und rückstandsfrei beseitigt – aber nur, wenn Andy selbst abdrückt. Der Todesstrahl: kein wirklich geeignetes Werkzeug für jemanden, dessen Moral allenfalls dafür reicht, ein Rächer in eigener Sache zu sein.</p>
<h6>Zersplitterung als ästhetisches Prinzip</h6>
<p><span>All das erzählt Daniel Clowes in Minikapiteln zwischen einer halben und vier Seiten Länge. Das ist soweit nicht ungewöhnlich, Narration funktioniert in vielen Fällen durch die Auswahl und Kompilation von kürzeren und längeren Momenten. Clowes aber macht diese Zersplitterung zum ästhetischen Prinzip, er inszeniert jede Episode wie einen einzelnen Comic, stets mit eigenem Titelschriftzug. Manchmal zeichnet er die Panels winzig, reduziert die Gesichter auf Punkt-Punkt-Komma-Strich, dann wieder knallen dem Leser DIN-A4-seitengroße Figuren entgegen. </span></p>
<p><em><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/todesstrahl_1.jpg"><img class="alignright" alt="todesstrahl_1" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/todesstrahl_1.jpg" width="310" height="421" /></a>Der Todesstrahl</em> ist ein vielgestaltiges Retrofestival, eine Hommage an die 50-Cent-Comicheftchen vergangener Jahrzehnte, irgendwo zwischen Pulp und Pop Art, mit einer atemberaubend abgestimmten matten Kolorierung. Manche Seiten wirken wie auf vergilbtem Papier gedruckt, der Produktionsstandard des Buches ist überhaupt hoch und die handgeletterten Buchstaben von Michael Hau sitzen punktgenau.</p>
<p>So sehr die Ästhetik schmeichelt, so sperrig ist der Inhalt. Die vielen Fragmente machen es mitunter schwer zu durchschauen, was wirklich geschieht und was Vorstellungen und Hirngespinste des neurotischen Andy sind. Die Stimmung ist beklemmend und disparat, die Ahnung, alles müsse unweigerlich in eine Katastrophe münden, begleitet den Leser von der ersten Seite an.</p>
<p>Clowes zu lesen ist anstrengend. Seine egoistischen Figuren mit ihren Minderwertigkeitskomplexen, ihrem Zynismus und der verklemmten Sexualität können furchtbar nerven. Und geben Raum zum Nachdenken.</p>
<p><strong>Daniel Clowes: Der Todesstrahl; Reprodukt, Berlin 2013; 48 Seiten, 20 €</strong></p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Wunderbare Jahre</title>
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		<pubDate>Sat, 19 Oct 2013 17:51:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Von Lassie bis MacGyver: In 150 kitschfreien Strips lässt die Schweizer Comiczeitschrift „Strapazin“ legendäre Fernsehserien wieder aufleben. (aus der taz vom 19. Oktober 2013) Fernsehserien spielen in der Heile-Welt-Rekonstruktion der eigenen Kindheit für die heute 30- bis 70-Jährigen eine extrem]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Von Lassie bis MacGyver: In 150 kitschfreien Strips lässt die Schweizer Comiczeitschrift „Strapazin“ legendäre Fernsehserien wieder aufleben.<span id="more-1624"></span> (aus der <a href="http://taz.de/TV-Nostalgie-in-Comicform/!125667/" target="_blank">taz</a> vom 19. Oktober 2013)</h3>
<p style="text-align: center;"><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/strapazin_wickie_neu.jpg"><img class="size-full wp-image-1633 aligncenter" alt="strapazin_wickie_neu" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/strapazin_wickie_neu.jpg" width="620" height="226" /></a></p>
<p>Fernsehserien spielen in der Heile-Welt-Rekonstruktion der eigenen Kindheit für die heute 30- bis 70-Jährigen eine extrem wichtige Rolle. Die gemeinsamen Stunden vor der Wunderkiste rundeten, so geht zumindest die Erzählung, erfüllte Tage ab, die voll waren mit Dingen, die Kinder heute angeblich gar nicht mehr kennen: Frösche aufblasen, Baumhäuser bauen und Brauner Bär essen.</p>
<p>Zugleich schufen die Serienmacher nie alternde Helden, die dank der Kanalarmut des Präinternet-Zeitalters wirklich jeder kannte, selbst die armen Teufel, die wegen ihrer Bildungsbürgereltern gar keinen Fernseher hatten: Fury und Flipper, Al Bundy und MacGyver, die Bezaubernde Jeannie und Mila Superstar.</p>
<p>Längst ist das alles Teil einer eher anstrengenden Nostalgiewelle, und so ist es umso bemerkenswerter, welch wunderbaren Weg einer kitsch- und „Früher war alles besser“-freien Erinnerung das<em>Strapazin</em> gefunden hat: In der 112. Ausgabe <a href="http://michaelbrake.de/2010/10/30/%E2%80%9Esie-verstehen-es-nicht/" target="_blank" shape="rect">des Schweizer Indiecomicmagazins</a> setzen sich 150 Zeichnerinnen und Zeichner mit ihren Lieblingsserien auseinander, im Heft als Reise durch die Zeit nach vorne angeordnet, von 1954 („Lassie“!) bis in die Gegenwart.</p>
<p>Nicht mehr als den schmalen Platz eines Comicstrips haben die Autoren, aber das lösen sie, dem <em>Strapazin</em>-Standard entsprechend, mit einer enormen stilistischen und narrativen Vielfalt. So zeigen manche Zeichner nur Impressionen oder ikonische Augenblicke, andere erzählen einzelne Serienszenen, oftmals nie gedrehte oder aus ungewohnter Perspektive.</p>
<p>Da läuft ein Meister Eder durch den Park, spricht scheinbar mit der Luft und alle schütteln heimlich den Kopf über den brabbelnden Alten. Man sieht, wie ein Zylone aus „Kampfstern Galactica“ sein Raumschiff verkauft und mit dem Bus nach Hause fährt („Man braucht allerdings eine Vorheizung, es wurde eben nicht für den finnischen Winter gebaut“), wie Barbapapa und Barbamama Sex haben oder wie Biene Maja Willis Spekulationen über ein mysteriöses Bienensterben in der nahen Zukunft mit „So ein Quatsch“ abtut.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Strapazin-112-650.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1634" alt="Strapazin-112-650" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Strapazin-112-650.jpg" width="310" height="408" /></a>Andere Zeichner nähern sich dem Serienstoff über Erinnerungen an das eigene Erleben der Serie, vielfach gibt es Abrisse einer prototypischen Folge auf kleinstem Raum. Denn anders als die komplexen Fernsehserien des Breaking-Bad-Zeitalters waren die meisten der früheren ja noch ehrlicher Pulp, B-Movie-Welten mit klarem Rahmen und plakativen Figuren, in denen am Ende alles wieder so war wie zu Beginn und auch die Sprüche immer die gleichen sind: „Ich weiß genau, was Sie jetzt denken, und Sie haben recht.“ &#8211; „Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert.“ – „Gute Nacht, Jim-Bob!“</p>
<p>Das alles macht sehr viel Spaß, natürlich noch mehr, wenn man die Figuren auch kennt, etwa wenn man versteht, dass ein Dialog zwischen Batman und Robin auf die – Heilige Drehbuchschreiber! – grenzdebilen Wortbeiträge von Robin anspielt. Aber es funktioniert auch bei unbekannten Serien gut, etwa den vielen asiatischen, die durch den internationalen Zeichnerpool mit im Heft sind.</p>
<p>Doch keine Sorge: Fast alle alten Helden sind vertreten, Klassiker wie „Magnum“ oder „Knight Rider“ kommen gleich doppelt und dreifach vor und „Twin Peaks“ sogar viermal.</p>
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		<title>Die Sache mit der Salatgurke</title>
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		<pubDate>Tue, 30 Jul 2013 00:11:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Lebensgeschichten in Bildern: „Mein Freund Dahmer“ von Derf Backderf über einen Mörder und Birgit Weyhes Familienstück „Im Himmel ist Jahrmarkt“. (aus der taz vom 30. Juli 2013) Es ist schwer auszumachen, wann Jeffrey Dahmer endgültig abgehängt wurde. Wann der Wahn]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Lebensgeschichten in Bildern: „Mein Freund Dahmer“ von Derf Backderf über einen Mörder und Birgit Weyhes Familienstück „Im Himmel ist Jahrmarkt“.<span id="more-1493"></span> (aus der <a href="http://taz.de/Autobiografisches-in-Graphic-Novels/!120850/" target="_blank">taz</a> vom 30. Juli 2013)</h3>
<p style="text-align: center;"><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/dahmerb.jpg"><img class="size-full wp-image-1498 aligncenter" alt="dahmerb" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/dahmerb.jpg" width="620" height="309" /></a></p>
<p>Es ist schwer auszumachen, wann Jeffrey Dahmer endgültig abgehängt wurde. Wann der Wahn aus Dahmer, der Außenseiterexistenz, wie es sie an jeder Highschool der USA mehrfach gibt, Dahmer, den Massenmörder machte, der zwischen 1978 und 1991 mehr als ein Dutzend junger Schwuler tötete und zum Teil verspeiste.</p>
<p>Derf Backderf, in den USA ein populärer Cartoonist, kümmert sich in „Mein Freund Dahmer“ nicht um die Morde des „Milwaukee Cannibal“, sondern um seine Jugend. Denn Backderf war auf der Revere Highschool in Akron, Ohio, noch am ehesten so etwas wie ein Freund von Jeff Dahmer. Wobei, Freundschaft? Backderf und seine eigentlichen Freunde verehrten Dahmer als eine Art Kultobjekt, weil er unnachahmlich gut Menschen mit spastischen Störungen imitieren konnte.</p>
<p>Dass Dahmer das durch Beobachtungen seiner schwer medikamentenabhängigen Mutter gelernt hatte, wusste indes keiner. Und dass seine Eltern sich permanent stritten und er mit dem Problem seiner aufkommenden, in der US-amerikanischen Provinz unmöglich auszulebenden Homosexualität alleingelassen wurde, zusätzlich zu seinen nicht eindeutig zu definierenden sozialen Defiziten, dass Dahmers Leben also schon früh eine Hölle war, die er nur mit massivem Alkoholkonsum auch während der Schulzeit ertrug – auch das kümmerte niemanden, keine Schüler, keine Lehrer, nicht einmal die Eltern.</p>
<p>Backderf arbeitet den Fall in kurzen Episoden auf, etwa Dahmers Versuche, tote Tieren in Säure aufzulösen, einen Angelvorfall, den missratenen Auftritt beim Abschlussball – aber auch kurze Zwischenhochs wie eine Klassenfahrt nach Washington, wo Dahmer es schaffte, einen Besuch im Büro des Vizepräsidenten zu organisieren. Backderf beherrscht sein Handwerk, seine Erzählweise ist unspektakulär, aber äußerst fesselnd, wie ein Film fährt die Pubertät Dahmers am Betrachter vorbei. Neben der persönlichen Ebene gelingt Backderf auch ein Stimmungsbild des Highschoollebens in der Midwest-Provinz in den späten 70ern.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/kleiner-cover-dahmer-300.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1497" alt="kleiner-cover-dahmer-300" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/kleiner-cover-dahmer-300.jpg" width="310" height="480" /></a>Erschienen ist „Mein Freund Dahmer“ bei Walde + Graf, das nach seinem Aufkauf durch den Aufbau-Verlag in den Anfang 2013 neu gegründeten Metrolit-Verlag integriert wurde. Metrolits bisheriges Graphic-Novel-Programm zeichnet sich durch Anspruch und eine gewisse Schwere aus, soziale und politische Themen dominieren. Es geht um Aussteiger, 68er, den Aufstand vom 17. Juni 1953. Erzählung und Inhalt gehen hier häufig vor Ästhetik, der Text ist wichtiger als die Grafik.</p>
<p>Mit dieser Ausrichtung ähnelt Metrolit dem kleinen Avant-Verlag, der schon seit über elf Jahren den schweren Weg geht, die immer noch kleine Leserschaft von ernsten Graphic Novels zu bedienen. Er setzt dabei allerdings stärker ästhetische Akzente. Gerade ist bei Avant ein ebenfalls autobiografisch orientierter Comic erschienen, wenngleich mit einem ganz anderen Hintergrund: Birgit Weyhe beschreibt in „Im Himmel ist Jahrmarkt“ keine medienbekannte Figur, sondern ihre eigene Familie.</p>
<h6>Recherche im Stilmix</h6>
<p>Wo bei Backderf die Nachrichtenmeldung von Dahmers Tod der Auslöser für seine Biografiearbeit ist, ist es bei Weyhe eine Hausaufgabe ihrer Tochter. Wo Backderf eine klare, stilistisch sehr comichafte, narrativ aber sachliche Bildsprache wählt, ist Weyhe illustrativer und arbeitet in ihren Bildern mit verschiedenen Stilen, mit Details und wilden Assoziationen.</p>
<p>Und wo Backderf akribisch Recherchen mithilfe von Zeitungsarchiven, FBI-Akten, alten Fernsehinterviews und persönlichen Gesprächen betrieben hat, die säuberlich im ausführlichen Anhang nachvollzogen werden können, hatte Weyhe nur einige alte Fotos und Anekdoten. Den Rest musste sie sich zusammenpuzzeln – Leerstellen hat sie im Zweifel mit plausibler Fantasie gefüllt.</p>
<p>Weyhe, Jahrgang 1969, beschreibt die Generation ihrer Großeltern, die zwischen 1894 und 1913 geboren wurden. Da ist Marianne, die Mutter des Vaters, sehr fortschrittlich für ihre Zeit: Mit den Nonnen in der Schule legt sie sich an, eröffnet ihren eigenen Hutmacherladen, hat als erste Frau in München einen Führerschein. Nur mit den Männern hat Marianne kein Glück, der Vater von Sohn Michael lässt sie früh im Stich – im Buch bleibt er ein Schatten, über den es nur eine Anekdote mit einer Salatgurke zu erzählen gibt.</p>
<p>Dann ist da Herta, die Mutter der Mutter, eine laute, derbe Berlinerin. Die Liebe ihrer Jugend darf sie nicht heiraten, der Vater, ein Fabrikbesitzer, droht mit der Enterbung. Ein Ungar mit Adelstitel muss es stattdessen sein. Herta lässt es über sich ergehen. Ihren zweiten Mann Edgar, 20 Jahre älter und Wehrmachtsoffizier, aber keiner von der schlimmen Sorte, lernt sie auf der Flucht vor der Roten Armee kennen. Edgar entpuppt sich nach dem Krieg als großzügiger Feingeist. Weyhes Erinnerungen an gemeinsame Cowboy-und-Indianer-Spiele werden gegen den Geiz von Oma Herta, die Ernährerin der Familie, gestellt.</p>
<h6>Unerfüllte Wünsche</h6>
<p>Als Bonusfigur wird noch Carl vorgestellt, der jüngere Bruder Edgars, der der jungen Birgit Weyhe als ein Ausbund an Strenge erscheint. Doch seine Biografie erklärt sein Wesen: Im Vorschulalter verweigert der militärisch geprägte Vater Carl die Liebe. Später muss er wegen seiner Homosexualität ins Zuchthaus. Zurück bleibt ein seelisches Wrack, hart zu seinen Mitmenschen, noch härter zu sich selbst.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Im_Himmel_ist_Jahrmarkt_Cover_web.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1496" alt="Im_Himmel_ist_Jahrmarkt_Cover_web" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Im_Himmel_ist_Jahrmarkt_Cover_web.jpg" width="310" height="435" /></a>Doch haben alle vier Leben ihre Traumata, ihre unerfüllten Wünsche, machen möglicherweise falsche Kompromisse. Neben den wichtigsten biografischen Ereignissen werden Anekdoten erzählt, etwa vom Schulranzenkauf mit Oma Herta, von einer Puppenverbrennungsaktion, von einer Reise von Oma Marianne und ihrer Schwester nach Uganda, wo Birgit Weyhe aufgewachsen ist. Besonders bemerkenswert ist, wie Weyhe das alles in Szene setzt.</p>
<p>Zwischen die einfachen Bilder, mit denen sie die Erzählebene vorantreibt und die ein wenig klobig daherkommen, mischt Weyhe zahllose Details und Symbole für die Innenansichten ihrer Charaktere. Texttafeln, Zeichnungen im Stil alter Biologielexika, organische Formen, Kleckse, expressionistische Fratzen, Holz- und Scherenschnitte, vieles in Weiß auf einem schwarzen Hintergrund. Eine grafisches Vielfalt, die auch beim dritten, vierten Lesen noch Entdeckungen verspricht.</p>
<p>Das alles macht „Der Himmel ist Jahrmarkt“ zu einer grandiosen Familienbiografie, die zugleich auch die deutsche Geschichte der letzten 100 Jahre widerspiegelt. Doch der Band ist zugleich ein Appell: Schaut in eure Familien, ruft er aus, hört euch die Geschichten eurer Verwandten an, fragt, solange ihr noch könnt. Denn auch wenn dort keine Massenmörder herumlaufen, bietet doch beinahe jedes Leben eine spannende Geschichte, bietet Sehnsüchte und Wünsche, bietet Brüche, Zufälle und Richtungswechsel, gerade bei den Übriggebliebenen jener Generationen, die noch von den Weltkriegen betroffen waren.</p>
<p>Den Geschichtenerzählern dieser Welt wird ihr Stoff so niemals ausgehen.</p>
<p><strong>Derf Backderf: „Mein Freund Dahmer“. Aus dem Englischen von Stefan Pannor. Metrolit, Berlin 2013, 224 Seiten, 22,99 Euro; </strong><strong>Birgit Weyhe: „Im Himmel ist Jahrmarkt“. Avant, Berlin 2013, 280 Seiten, 22 Euro</strong></p>
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		<title>Das Edelste sind die Anzeigen</title>
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		<pubDate>Thu, 25 Jul 2013 19:35:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Tweed will ein Magazin für den britischen Lebensstil sein und scheitert grandios. Der Heftgestaltung fehlt die Klasse, die Texte sind routiniert-lieblos. (aus der taz vom 25. Juli 2013) Eigentlich ist mit dem Button schon alles verloren. In Orange hängt er auf]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><em>Tweed</em> will ein Magazin für den britischen Lebensstil sein und scheitert grandios. Der Heftgestaltung fehlt die Klasse, die Texte sind routiniert-lieblos.<span id="more-1551"></span> (aus der <a href="http://taz.de/Neues-Dandy-Magazin-Tweed/!120555/" target="_blank">taz</a> vom 25. Juli 2013)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/cover-tweed-ganz.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1560" alt="Cover_Tweed_1.indd" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/cover-tweed-ganz.jpg" width="310" height="391" /></a>Eigentlich ist mit dem Button schon alles verloren. In Orange hängt er auf dem Titelbild, ist gezackt, „Die 33 wichtigsten Regeln für echte Gentlemen“ steht darauf. Das ist so dumm. So grundfalsch. Aber auch so treffend.</p>
<p>Aber einen Schritt zurück: Die <em>Tweed,</em> deren Erstausgabe gerade erschienen ist, bezeichnet sich als „Magazin für den britischen Lebensstil“, sie will den deutschen Dandy bedienen, mit einem Themenmix, der von einer Reportage beim Oldtimertreffen „Goodwood Revival“ bis zu Polo in Deutschland reicht, vom Schreiben mit dem Füllfederhalter bis hin zur Lederschuhpflege. Auch Rasiermesser kommen vor, was kein Wunder ist, denn Messer-Fachliteratur gehört zum Schwerpunkt des herausgebenden Wieland-Verlags.</p>
<p>Das Heft passt eigentlich hervorragend in unsere Zeit, seine Idee leuchtet ein. Erstens bedient <em>Tweed</em> den akuten Neokonservatismus des Manufactum-Biedermeiers mit seiner Sehnsucht nach Tradition, nach Handwerk, nach „echten“ Dingen – ein Gegenpol zur Digitalisierung und zu „unseren hektischen Zeiten, in denen ständig alles anders wird“, wie Chefredakteur Hans-Joachim Wieland im Editorial erklärt.</p>
<p>Und zweitens gibt es neben dem allgegenwärtigen Zeitungssterben durchaus einen Markt für neue Magazine – sofern diese klug Ränder bedienen und genau die Wertigkeit mitbringen, die dem Internet aktuell noch fehlt. Speziell bei gut verdienenden Männern im klassischen Gendersinne scheint das zu funktionieren, wie die 2009 erfolgreich eingeführten Magazine <em>Beef!</em> und <em>Business Punk</em> zeigen.</p>
<h6>Kleinteiliges Layout</h6>
<p>Doch muss man die Sache natürlich auch sauber umsetzen. Und hier scheitert <em>Tweed</em> grandios – weil man dem Lebensstil eines Gentlemans eben nicht mit den Bordmitteln eines gewöhnlichen Lifestylemagazins beikommen, man ihm eben nicht ein kleinteiliges, hektisches Layout überstülpen kann, das vielleicht zeitgemäß ist, aber nicht klassisch und gediegen. Da gibt es Randspalten mit Infohäppchen, freigestellte Fotos hier, Textboxen dort, unmotivierten Weißraum – selbst die ganzseitigen Fotos als Texteinstieg, die an sich gelungen sind, werden durch eine am Rand durchlaufende Ressortnamenleiste kaputt gemacht.</p>
<p>Alles wirkt billig und unangemessen, bis hin zur Wahl eines dünnen Hochglanzpapiers. So fühlt sich <em>Tweed</em> an wie eine Mischung aus <em>Men’s Health</em>, Peek-&amp;-Cloppenburg-Katalog und den Bordmagazinen von Fluggesellschaften, die Anzeigen gehören noch zu den edelsten Seiten. Das ist für einen Verkaufspreis von 9,80 Euro beschämend.</p>
<p>Die Texte changieren zwischen routiniert-lieblos und verfloskelt. Der Bericht über das altehrwürdige Londoner Savoy Hotel etwa – was hätte man da anstellen können? Einen Butler, einen Manager, einen Gast begleiten, das alles zu einer Reportage verbinden, die das Hotel lebendig macht. Stattdessen liest sich der Text wie aus Internetrecherchen und Pressetexten zusammengeschrieben: Viele interessante Information und Fakten, aber seelenlos.</p>
<p>So ist es mit dem gesamten Heft: Anstatt in die britisch-versnobte Lebenswelt einzutauchen und aus ihr zu berichten – was auch für Außenstehende ein spannender Einblick hätte sein können – wird sie nur <em>step by step</em> erklärt, wie in einem Wochenendseminar. „Erwachsene Männer, die erfolgreich im Leben stehen und ihren eigenen Stil gefunden haben“ will die <em>Tweed</em> ansprechen. Und wird nur Menschen erreichen, die zwar Geld haben, aber sich ihren Stil erst noch vorschreiben lassen müssen.</p>
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		<title>Trockener Humor auf großer Fahrt</title>
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		<pubDate>Tue, 25 Jun 2013 17:17:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Piraten oder Henker? Fabien Vehlmann und Jason erzählen in ihrer Graphic Novel von einer sehr ungewöhnlichen Bildungseinrichtung. (aus der taz vom 25. Juni 2013) Einer der ältesten Kämpfe im Internet ist die Frage: Piraten oder Ninjas? Wer würde gewinnen, wenn]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Piraten oder Henker? Fabien Vehlmann und Jason erzählen in ihrer Graphic Novel von einer sehr ungewöhnlichen Bildungseinrichtung. <span id="more-1465"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Comic-Die-Insel-der-100000-Toten/!118681/" target="_blank">taz</a> vom 25. Juni 2013)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/inselder100000toten.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1467" alt="inselder100000toten" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/inselder100000toten.jpg" width="620" height="276" /></a>Einer der ältesten Kämpfe im Internet ist die Frage: Piraten oder Ninjas? Wer würde gewinnen, wenn beide im direkten Duell aufeinanderträfen? Piraten haben Schiffe und Schusswaffen, sagen die einen. Ninjas sind so gut wie unsichtbar und können lautlos töten, sagen die anderen.</p>
<p>Geklärt ist nun immerhin die Frage „Piraten oder Henker?“ Der eindeutige Gewinner bisher: die Henker (die mit ihren Masken Ninjas verblüffend ähnlich sehen, aber das nur nebenbei). Auf „Die Insel der 100.000 Toten“ haben sie sich ein Ausbildungszentrum gebaut, so steht es in der ersten Comic-Kollaboration des französischen Szenaristen – eine Art Drehbuchautor für Comics – Fabien Vehlmann und des norwegischen Zeichners Jason.</p>
<p>Und weil kleine Henkerschüler viele Todeskandidaten zum Üben brauchen, wird mittels fingierter Flaschenpostschatzkarten ständig Nachschub beschafft: Piraten aus der ganzen Karibik lassen sich auf die Insel locken, sie werden gefangen genommen, gefoltert und schließlich umgebracht.</p>
<p>Jason, Stammautor des Berliner Verlags Reprodukt, liebt Gedankenspiele, die in pythonesker Witzmechanik eine Verschiebung der Realität erproben: In „Hemingway“ zeigt er berühmte Schriftsteller der 20er Jahre in Paris – als Comiczeichner. „Ich habe Adolf Hitler getötet“ erzählt von einer Gesellschaft, in der <a title="Zeitreisen und legale Auftragsmorde" href="http://michaelbrake.de/2012/03/23/ich_habe_adolf_hitler_getoetet/" shape="rect">Auftragsmorde legal und alltäglich sind</a>. Die Absurdität der Geschichten wird dadurch verstärkt, dass alle Figuren Tierköpfe haben, die aber keinerlei Symbol für irgendwas sind – so auch in „Die Insel der 100.000 Toten“.</p>
<h6>Die Würde des Tötens</h6>
<p>Natürlich bietet so eine Henkerschule immer wieder Anlässe für äußerst trockenen Humor. Da bringen die Lehrer ihren Schülern bei, wie zu vermeiden sei, dass die Toten nach der Hinrichtung einen unangemessenen Gesichtsausdruck tragen. Der Schulleiter zeigt dem Kollegium ein Ergebnis „aus der Entwicklungsabteilung“, eine Kanone, die gleich mehrere Menschen in die Luft schießt, und sinniert: „Ich weiß nicht so recht, wenn man tötet wie am Fließband, welche Würde hat unsere Profession dann noch?“</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/insel100000totecover.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1468" alt="insel100000totecover" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/insel100000totecover.jpg" width="310" height="415" /></a>Und wie an jeder Schule gibt es auch hier einen Außenseiter, einen Träumer, der ganz andere Sachen im Kopf hat als die Unterrichtsinhalte, der nach einem Unfall beim Kopfabhacken zum Schularzt muss und beim „Scheiterhaufen stapeln“ eine Miniblockhütte baut. „Ich dachte, so sieht es netter aus“, sagt er dem entsetzten Lehrer.</p>
<p>Der Junge wird noch wichtig werden, wenn die Geschichte, die Fabien Vehlmann rund um das skurrile Szenario gesponnen hat, ins Rollen kommt: Die Teenagerin Gweny, die allein mit ihrer geisteskranken Mutter in einem Küstenort lebt, kommt dahinter, dass ihr seit Jahren verschollener Vater auf der Insel der 100.000 Toten gelandet ist. Sie schafft es, eine Gruppe Piraten zu überreden, mit ihr dorthin zu segeln. Natürlich werden sie alle gefangen genommen, und in der Folge kommt es zu zahlreichen Wendungen und Wirrungen, wobei auch die Frage „Piraten oder Henker?“ noch einmal neu verhandelt wird.</p>
<p>Das ist gegen Ende beinahe actionreich, aber bleibt auch dann unspektakulär in seiner herausgestellten Dauerlakonie. Das liegt nicht zuletzt an den sehr klaren, sachlichen Zeichnungen Jasons, seinem statischen Seitenaufbau und den ausdrucksleeren Gesichtern seiner Figuren, die immerhin den dezenten und recht sparsam eingesetzten Humor gut unterstreichen. So ist „Die Insel der 100.000 Toten“ zwar ein solider unterhaltsamer Comic, aber auch nicht gerade irre inspirierend oder gar neue Perspektiven eröffnend.</p>
<p><strong>Fabien Vehlmann, Jason: „Die Insel der 100.000 Toten“. Deutsch von Mireille Onon. Reprodukt Verlag, Berlin 2013, 56 Seiten, 15 Euro</strong></p>
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		<title>Wie ein hektischer Traum</title>
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		<pubDate>Tue, 28 May 2013 17:28:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Jérome Charyns „Marilyn the Wild“ ist ein rasantes Stück Pulp noir. Zeichner Frédéric Rébéna beschleunigt die Geschichte mit expressionistischem Stil. (aus der taz vom 28. Mai 2013) Deputy Chief Isaac Sidel. Isaac, der Reine. Isaac, der Gerechte. Der härteste Cop]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Jérome Charyns „Marilyn the Wild“ ist ein rasantes Stück Pulp noir. Zeichner Frédéric Rébéna beschleunigt die Geschichte mit expressionistischem Stil.<span id="more-1472"></span> <!--more-->(aus der <a href="http://taz.de/Graphic-Novel-Marilyn-the-Wild/!116941/" target="_blank">taz</a> vom 28. Mai 2013)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/marilynthewild_schreiberundleser.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1480" alt="marilynthewild_schreiberundleser" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/marilynthewild_schreiberundleser.jpg" width="620" height="310" /></a></p>
<p>Deputy Chief Isaac Sidel. Isaac, der Reine. Isaac, der Gerechte. Der härteste Cop New Yorks, ein Einzelgänger und grauenvoll eifersüchtiger Vater, gnadenlos zu seinen mittel- bis inkompetenten Untergebenen, noch gnadenloser zu den Verbrechern. Der Herrscher der Lower East Side. Doch zugleich ist Sidel mit seinen 44 Jahren am Rande einer Midlife-Crisis, ein Kontrollfreak, dem die Kontrolle zu entgleiten droht: über sein Revier und seine Tochter Marilyn.</p>
<p>Diese Marilyn, ein Vamp mit dunklen Haaren und wahnsinnigen Kurven, vögelt heimlich mit Manfred „Blue Eyes“ Coen, der rechten Hand Sidels. Sie verachtet Manfred für dessen Loyalität: „Hättest du den Mut, dein blödes Polizeiabzeichen wegzuschmeißen und Isaac ins Gesicht zu spucken, dann würde ich mich vielleicht in dich verlieben“, sagt sie.</p>
<p>Harte Cops, unergründliche Frauen, schwarze Zuhälter mit geckenhaften Hüten, dominospielende Italogangster, sensationslüsterne Reporter, Straßengestalten, Gewalt und Sex – es ist purer Pulp noir, der hier in Comicform vorliegt. Die Vorlage zu „Marilyn the Wild“ sind die in den 1970ern verfassten Romane des vielfach preisgekrönten New Yorker Autoren Jérome Charyn, der Isaac Sidel gleich durch zehn Romane gejagt hat und nun als Szenarist tätig war.</p>
<p>Die Zeichnungen dazu schuf der Franzose Frédéric Rébéna. Er arbeitet mit vielen Halbnahen und Großaufnahmen, geht ganz nah ran an die karikaturenhaften Gesichter und setzt so die Kaputtheit der Charaktere noch deutlicher in Szene. Fast alle haben tiefe Augenringe, als Statisten irren Zombies und lebende Leichen durch die prädigitale Variante New Yorks, die so ausschließlich und für genau jene Art von Kriminalgeschichten existie</p>
<h6>Sturheit und Kurzschlüsse</h6>
<p>In dieser Story wird die Lower East Side derweil von einer Jugendbande terrorisiert. Drei Unbekannte mit Lollipops und Skimasken verprügeln Geschäftsleute aus purem Sadismus, ohne Geld zu stehlen, auch Sidels Mutter und seine Lieblingshure werden Opfer der Angriffe. Zufall? „Zufall, Scheiße was. Das war eine Botschaft an mich und ich verstehe sie nicht“, sagt Isaac Sidel. „Ich gehe selbst und suche nach den kleinen Biestern.“</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/cover-marilyn-the-wild-900.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1479" alt="cover-marilyn-the-wild-900" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/cover-marilyn-the-wild-900.jpg" width="310" height="438" /></a>Ein Opfer sagt: „Weiß wie Schnee waren sie. Die Hände. Eins war ein Mädchen. Die Umrisse von Titten erkenne ich sicher.“ – „Sie prügeln und zerstören“, sagt ein Mafiosi. „Und nach dem Auftritt verziehen sie sich in ihr Judenviertel und futtern koschere Mortadella.“</p>
<p>Die Ereignisse überschlagen sich. Fast alle Beteiligten neigen gleichermaßen zu Sturheit, zu Alleingängen und zu Kurzschlusshandlungen.</p>
<p>Rébénas expressionistischer Stil mit seinen Farben und Fratzen, den Schraffuren, Schatten und Kontrasten unterstützt die Surrealität vieler Szenen. Etwa wenn Sidel in Paris seinen steinreichen Vater trifft, der halbnackt Stillleben malt, oder wenn Blue Eyes Coen an der Tischtennisplatte eines Kellerclubs ermittelt oder wenn wir bei einer Beerdigung drei Priestern mit langen Bärten begegnen, die Gebete murmeln.</p>
<p>Oft ist die Geschichte so schwer zu greifen wie ein hektischer Traum. Immer geht es um die archaische Frage nach der Kontrolle – die Frage, wer in einer zwischenmenschlichen Beziehung das Opfer ist und wer das Raubtier.</p>
<p><strong>Jérome Charyn, Frédéric Rébéna: „Marilyn the Wild“. Übersetzung: Resel Rebiersch. Verlag Schreiber &amp; Leser, Hamburg 2013. 80 Seiten, 18,80 Euro</strong></p>
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		<title>Wir sind zwei perfekte Kleiderständer</title>
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		<pubDate>Wed, 15 May 2013 17:03:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der Carlsen-Verlag veröffentlicht „Graphic Novels für Frauen“. Einige sind wirklich gut. Die Werbung ist es nicht. (veröffentlicht auf zeit.de) Klar, das Klischee sieht den Comicleser als Mann, als jungen, pickligen, blassen Mann gar, mit geringen Sozialkompetenzen, Typ &#8220;Nerd&#8221;. Klar, viele]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der Carlsen-Verlag veröffentlicht „Graphic Novels für Frauen“. Einige sind wirklich gut. Die Werbung ist es nicht. <span id="more-1454"></span>(veröffentlicht auf <a href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2013-05/Frauen-Comics-Carlsen-Verlag/komplettansicht" target="_blank">zeit.de</a>)</h3>
<p>Klar, das Klischee sieht den Comicleser als Mann, als jungen, pickligen, blassen Mann gar, mit geringen Sozialkompetenzen, Typ &#8220;Nerd&#8221;. Klar, viele klassische Comics wurden tatsächlich gezielt für Männer gemacht, mit Superhelden, Abenteuern, Gewalt, solchen Dingen. Klar, noch immer ist die Mehrzahl der Comiczeichner und auch der Protagonisten männlich.</p>
<p>Klar also, dass wohl noch mehr Männer als Frauen Comics lesen. Und auch, dass es gewissermaßen eine missionarische Pflicht der Comicverlage sein muss, auch Frauen in die wunderbaren Welten von Comic und Graphic Novel zu führen. Oder zumindest eine wirtschaftliche Notwendigkeit, „Erschließung neuer Zielgruppenpotenziale“ und so weiter.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/luftundliebe_carlsen.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1459" alt="luftundliebe_carlsen" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/luftundliebe_carlsen.jpg" width="310" height="438" /></a>Aber wie geht man das an? Im Carlsen-Verlag hat man sich entschieden: Wenn Männer auf dem Mars leben, und Frauen auf der Venus, dann muss man die Comics eben auf die Venus bringen. Das ganze ist dann eine kuratierte Reihe, nennt sich <em>Graphic Novels für Frauen – For Ladies Only</em> und nach den ersten drei Bänden im Herbst 2012 sind auch im aktuellen Frühjahrsprogramm zwei Neuerscheinungen mit diesem Label versehen.</p>
<div>
<h6><strong>Junge Magersüchtige</strong></h6>
<p>Die Antwort darauf, warum es solche Graphic Novels braucht, gibt der Pressetext: „ganz einfach: Frauen stehen gar nicht auf Superhelden und krude Zeichnungen!“ Na sowas. Deswegen bieten die Comics – zum Inhalt kommen wir gleich – eben „freche und intelligente Unterhaltung von Glamour über Humor bis hin zu sozialen Themen“ (interessiert Männer allgemein nicht so) und die Zeichnungen sind „so verspielt und stylish, dass man sich jede einzelne Seite am liebsten gerahmt an die Wand hängen möchte“ . Alle fünf Bände „passen in jede Handtasche, haben einen praktischen Gummibandverschluss UND fühlen sich gut an!“. Und als Werbemaßnahme gab es im Herbst einige „Ladies Nights“ in Thalia-Buchhandlungen, mit Lesung, Sekt, Facelifting und Goodie Bags.</p>
<p>Es ist schade, dass man beim Carlsen-Marketing Frauen offenbar vor allem als zarte Wesen sieht, denen man nicht anders begegnen kann als mit Handtaschen und Styling. Denn diese PR-Soße verdeckt, dass die Bände, die übrigens alle in Paris spielen, durchaus etwas zu bieten haben. Auch für Männer. Also für Menschen halt im Allgemeinen, wie jedes gute Comic.</p>
<p>Besonders <em>Luft und Liebe</em> von Marie Caillou und Hubert, schon im Herbst veröffentlicht, ist ergreifend. Es ist die Geschichte von zwei jungen Magersüchtigen, ein Mann und eine Frau, beides Künstlerexistenzen, beide Body-Mass-Index 16,5, die sich vor dem Haus ihres Therapeuten kennenlernen und zusammenziehen. Die unglaubliche Akribie, mit der die beiden ihr Essverhalten kontrollieren, ja sogar ihre Fressattacken, ist genauso verstörend wie ihr Stolz: „Wir sind superelegant. Zwei perfekte Kleiderständer, zwei pure Skelette, nichts Überflüssiges, weniger ist mehr.“</p>
<p>Mit ihren Freunden brechen sie, ihre verzweifelten und trotzdem sorgenden Eltern lassen sie nicht an sie ran. Durch ihre Puppengesichter wirken die Figuren noch fragiler, der ungewöhnliche Computergrafik-Clipart-Stil passt ideal zur sterilen Existenz der Magersüchtigen. Mithilfe von Traumsequenzen, inneren Monologen und Rückblenden wird versucht, die Essstörungen zu ergründen: „Mein erstes Diätbuch hat mir meine Mutter geschenkt. Da war ich zwölf“, sagt die Frau. „Ich habe alles unter Kontrolle. Die Disziplin zahlt sich aus. Ich nehme nicht zu. Ich wiege genauso viel wie mit zwölf Jahren.“</p>
<p>Ebenfalls lesenswert ist <em>Wie ein leeres Blatt</em>, das im März erschienen ist. Eine junge Frau findet sich auf einer Bank in Paris wieder, sie hat ihr Gedächtnis verloren. Schritt für Schritt dringt sie in ihr früheres Leben ein wie in das einer Fremden. Sie findet heraus, wie sie heißt (Eloise), wo sie wohnt und wo sie arbeitet (Buchhandlung), was sie für Musik mag, wie ihre Katze heißt, wer ihre Freunde waren (Langweiler) und wie ihr Facebook-Passwort lautet. Mit aller Kraft versucht sie dabei, den entscheidenden Auslöser zu finden, der ihr die Erinnerung zurückbringt.</p>
<p>Das ist als Gedankenexperiment mitunter richtig spannend, auch dank der Tagträumereien von Eloise, in denen sie sich die Gründe für ihre Amnesie wie in einen Agententhriller ausmalt. Nur leider verläuft die Geschichte des Autoren Boulet nach hinten raus etwas ins Leere, es bleibt ein leicht pelziger Nachgeschmack. Auch die Zeichnungen von Pénélope Bagieu sind trotz einiger hübscher Ideen nicht mehr als zweckmäßig und ins Lettering hätte Carlsen deutlich mehr Liebe investieren können – solche Seiten möchte man sich nun wirklich nicht gerahmt an die Wand hängen.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/paris_carlsen.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1457" alt="paris_carlsen" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/paris_carlsen.jpg" width="310" height="439" /></a>Maarten vande Wieles <em>Paris</em> ist hingegen gerade stilistisch interessant, seine expressiven, wie hingeworfen wirkenden Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die Abstraktion, das Tempo. Die Geschichte dazu hat eher das Niveau einer Daily Soap: Hope, die Unschuld vom Lande kommt in die große Modestadt, und steigt trotz Schönheitsmakel schnell zum Topmodel auf, macht sich aber bei einer sinistren Modemogulin unbeliebt, die auf Rache sinnt. Hopes Freundinnen Faith und Chastity feilen derweil an ihren Karrieren als It-Girl und Musikerin. Der Ruhm steigt allen zu Kopf, es gibt Abstürze und Comebacks, Sex und Intrigen, Dramen und Versöhnungen bis zum totalen Kollaps – das ist vor allem bemerkenswert, weil es so anders ist als fast alles, was man vom deutschen Comicmarkt kennt.</p>
<h6><strong>Schuhkaufattacken und Abstillen</strong></h6>
<p>Dazu kommen zwei Bände, die in Wirklichkeit gar keine Graphic Novels sind: <em>Ich wär so gerne Ethnologin</em> und <em>Die Kunst der Anpassung</em> von Margaux Motin. Sie zeigen ein- bis dreiseitige Szenen aus dem Leben der Autorin, einer Mittdreißigerin mit Kleinkind und Ehemann. Es geht um BH-Größen nach dem Abstillen, um Schuhkaufattacken beim Schwesternbesuch, fußballguckende Männer, kontrollfreakige Großmütter – Alltagskolumnen in Comicform, humorvoll, selbstironisch, bissig, schwungvoll gezeichnet, und eben voller Klischees. Motins Bände erreichen sicherlich am ehesten die Ladies-Night-Zielgruppe, die dem Carlsen-Marketing vorschwebt.</p>
<p><em>Ich wär so gerne Ethnologin</em> war auch das am besten verkaufte der drei Herbstbände. Insgesamt seien die Bücher aber nicht so gut angenommen wurden, wie erhofft, die Verkäufe seien „verbesserungswürdig“ sagt Ralf Keiser, der Programmleiter Comic bei Carlsen. Weitergehen wird es dennoch: Für den Herbst ist ein weiterer Titel geplant und für 2014 wünscht sich Keiser auch mal deutsche Autorinnen, vielleicht sogar einen extra für diese Reihe produzierten Band.</p>
<p>Zum Marketing sagt Keiser, man wolle Frauen erreichen, „die eben noch  keine Comicleserinnen sind und wohl auch nicht drauf kommen würden“. Also habe man sich nach langen Diskussionen entschieden: Wir brauchen ein ganz starkes Signal, es darf keine Zweifel geben. „Diejenigen, die sagen: ‘Wir sind schon Comicleserinnen’, wird man so nicht erreichen“,  sagt Keiser. „Das kann ich verstehen.“</p>
<p>Weitere Ladies Nights seien aber allein wegen des Organisationsaufwands nicht geplant. Und auch der Aufkleber und Claim „For Ladies only“ verschwindet komplett – nach Protesten von Leserinnen und Händlerinnen. Es gibt noch Hoffnung.</p>
</div>
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		<title>Vertrocknete Zimmerpflanzen</title>
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		<pubDate>Tue, 12 Mar 2013 20:11:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Das Alltägliche und die Architektur: Dem crowdfunding-finanzierten Magazin „Stadtaspekte“ gelingt es, beides in seltener Zugänglichkeit zu verbinden. (aus der taz vom 12. März 2013) „Stadtleben findet unter Fremden statt“, sagte der Soziologe Zygmunt Baumann. „Die Stadt ist ein vages System“,]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Das Alltägliche und die Architektur: Dem crowdfunding-finanzierten Magazin „Stadtaspekte“ gelingt es, beides in seltener Zugänglichkeit zu verbinden. <span id="more-1315"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Das-neue-Magazin-Stadtaspekte/!112593/" target="_blank">taz</a> vom 12. März 2013)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/stadtaspekte_cover_.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1316" alt="stadtaspekte_cover_" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/stadtaspekte_cover_.jpg" width="310" height="414" /></a>„Stadtleben findet unter Fremden statt“, sagte der Soziologe Zygmunt Baumann. „Die Stadt ist ein vages System“, sagt Benedikt Crone, stellvertretender Chefredakteur von <em>Stadtaspekte, </em>dessen erste Ausgabe im Januar erschienen ist.</p>
<p>„Die dritte Seite der Stadt“ lautet der Untertitel des Magazins – was eine Anspielung auf den feuilletonistischen Ansatz der Seite 3 vieler Zeitungen sein soll, aber eben auch jenen Graubereich beschreibt, der sich auftut zwischen dem offensichtlichen ersten Eindruck, den wir von einer Stadt haben, und dessen ähnlich abziehbildhaftem Negativ. Ein Raum, den es zu erkunden lohnt, um anschließend über das „außergewöhnlich Alltägliche“ zu schreiben, das man ihn ihm findet.</p>
<p>Stadtaspekte tut genau dies, berichtet aus Detroit, Tiflis, Hamburg, Mumbai, Kaiserslautern, Toronto … und, ja, auch aus Berlin, wenngleich es nicht das hundertste Berlinheft sein will. Von vergleichbaren Magazinen wie arch+ unterscheidet sich <em>Stadtaspekte</em> wiederum durch die Zielgruppe: Explizit richtet es sich nicht an ein Fachpublikum. Es will jargonfrei in Textarbeit und Bildsprache bleiben, die Stadt durch ihre Bewohner zum Sprechen bringen und Themen aus professionellen Diskursen lesbar machen.</p>
<h6>Zugänglich und vielseitig</h6>
<p>Dieser Anspruch wird eingelöst, die Texte sind zugänglich und vielseitig: Da ist eine Annäherung in acht Teilen an den zwischen Groß-U-Bahnhof, Fußgängerpassagen und Stadtraum zerfleddernden Wiener Karlsplatz. Ein Beitrag über den wegweisenden Fotoband des Architekten Erich Mendelsohn, der in den 1920er Jahren die neuen urbanen Möglichkeiten der in die Höhe wuchernden Großstädte der USA gleichermaßen staunend und kritisch dokumentiert hat.</p>
<p>Es gibt Überlegungen zu Flaggen an Balkonen im öffentlichen Raum und zum nach der Wende re-designten Stadtwappen von Ludwigsfelde, es gibt Fotostrecken von vertrockneten Zimmerpflanzen und von Gated-Community-Bewohnern in Kapstadt.</p>
<p>Sprachlich ist nicht alles so hochwertig wie das aufgeräumte Layout und die farbentsättigten, auf mattem Papier gedruckten Fotografien. Die häufige Subjektivität der Texte schlägt mitunter ins Banale um – wie etwa der schlampig übersetzte Bericht eines Japaners über seine Erkundung Bremens mit den Geruchssinn oder die Erzählungen einer Geocacherin aus Mainz.</p>
<p>Was hingegen über die Berliner Sonnenallee als Repräsentationsort arabischen Lebens und über eine Eckkneipe im Food-Court von Karstadt am Hermannplatz im Heft steht, sind die wohl klügsten Gedanken, die man über die inzwischen stark überstrapazierte Gentrifizierungskampfzone Nordneukölln seit langem lesen konnte.</p>
<h6>Viermal verschobener Starttermin</h6>
<p>Über ein Jahr hat die Arbeit an der ersten <em>Stadtaspekte-</em>Ausgabe gedauert, viermal wurde der Starttermin verschoben. Das 11-köpfige Team von jungen Akademikern aus verschiedenen Disziplinen, das sich über einen Aufruf der Gründer Jürgen Cyranek und Constantin Engel fand, musste erst einmal gemeinsam Magazinmachen lernen – und Geld sammeln.</p>
<p>Neben wenigen Anzeigen und den Verkaufserlösen – Heftpreis ist 7,90 Euro, die Erstauflage liegt bei 8.000 Exemplaren – wurde <em>Stadtaspekte </em>zu bedeutenden Teilen durch Crowdfunding im Internet finanziert. Über 5.000 Euro kamen auf <a href="http://www.startnext.de/stadtaspekte" target="_blank" shape="rect">startnext</a> zusammen, eine Person spendete sogar 500 Euro und erhielt zur Belohnung einen Artikel über ihre Lieblingsstadt – Bern – im zweiten Heft, das zum Thema „Grauzonen“ im Juni erscheinen soll.</p>
<p>Bis dahin versorgt <em>Stadtaspekte </em>seine Leser im Internet, unter anderem mit der täglichen Linksammlung <a href="http://www.stadtaspekte.de/?page_id=58" target="_blank" shape="rect">„Stadt um zehn“</a>. Ursprünglich war <em>Stadtaspekte</em> ohnehin als reines Online-Magazin geplant, inzwischen ist das keine Alternative mehr, wie Redakteurin Christina Riesenweber selbstbewusst begründet: „Weil es das wert ist. So ein Heft ist ein halbes Jahr da und die Themen verdienen es, dass man sich die Zeit für sie nimmt und sie nicht nach zwei Wochen wieder verschwinden.“</p>
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		<title>Beende deine Jugend</title>
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		<pubDate>Sat, 02 Mar 2013 20:32:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[„Heavy Metal“ ist das Thema der finalen Ausgabe des Comickunst-Magazins „Orang“. Die Macher sind erwachsen geworden, sie müssen jetzt Geld verdienen. (aus der taz vom 2. März 2013) Das Finale ist schön verstörend. Ein hilfloser Supermarktleiter muss mit ansehen, wie]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>„Heavy Metal“ ist das Thema der finalen Ausgabe des Comickunst-Magazins „Orang“. Die Macher sind erwachsen geworden, sie müssen jetzt Geld verdienen. <span id="more-1327"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Indiecomic-Anthologie-Orang/!112089/" target="_blank">taz</a> vom 2. März 2013)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/content_size_orang_cover.jpeg"><img class="alignright size-full wp-image-1330" alt="content_size_orang_cover" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/content_size_orang_cover.jpeg" width="310" height="356" /></a>Das Finale ist schön verstörend. Ein hilfloser Supermarktleiter muss mit ansehen, wie alle seine Waren verschimmeln und seine Stammkunden sich in Zombies verwandeln. Zwei Skater werden von einem Gespenst durch eine Aufzuchtstation für E-Gitarren geführt. In einer albtraumhaften Überwachungsdystopie werden Arbeiter der Königin zum Fraß vorgeworfen.</p>
<p>„Heavy Metal“ ist das Thema der zehnten und letzten Ausgabe der Anthologie <em><a href="http://www.orang-magazin.net/" target="_blank" shape="rect">Orang</a>,</em> eines der wichtigsten deutschen Sammelpunkte für zeitgenössische Comickunst. Wie alle Ausgaben versammelt sie rund fünfzehn exklusiv gezeichnete Kurzgeschichten. Zeichenstil wie Storytelling sind markant, experimentell, nicht immer zugänglich.</p>
<p>„Zum künstlerischen Anspruch gehört durchaus, dass wir vom Leser einen gewissen Blick für Grafik erwarten, und die Bereitschaft, mitzuarbeiten und nicht nur zu konsumieren“, sagt <em>Orang-</em>Herausgeber Sascha Hommer. Aber es muss sich schon aus sich selbst heraus erklären: „Wir haben nie Sachen genommen, die man nur versteht, wenn man den Künstler kennt oder noch irgendeinen Text dazu lesen muss.“ Deswegen verzichtet die <em>Orang</em> auch komplett auf Artikel oder andere Erklärungen, abgesehen von den englischen Übersetzungen der deutschen Comictexte.</p>
<h6>Hamburger Comicschule</h6>
<p>Gegründet hat Hommer die <em>Orang</em> 2002, als Student an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW). Jener Hochschule, die unter der Professorenschaft von Anke Feuchtenberger seit Jahren aufregende Comiczeicher hervorbringt, gerade erst überzeugte <a href="http://michaelbrake.de/2013/02/07/ich-bin-der-langweiligste-mensch-der-welt/" target="_blank">Lukas Jüliger mit seinem Debüt „Vakuum“</a>.</p>
<p>Der damals 24-jährige Hommer hatte sich oft darüber beschwert, dass es zu wenig eigeninitiierte Projekte der HAW-Studenten gab. „Bis dann Klaas Neumann zu mir meinte: Ja wenn alles so scheiße ist hier und die Leute zu wenig machen, dann mach’s doch selber.“ Er tat es, gemeinsam mit Neumann, den Namen <em>Orang</em> hatte Hommer aus dem Backpackerurlaub mitgebracht. „’Orang‘ ist indonesisch für ’Mensch‘ und erschien mir passend, weil es in Deutschland eigentlich wie ein Kunstwort aussieht, aber eine verborgene Bedeutung hat, die dann einige doch kennen.“</p>
<p>In den ersten Ausgaben, die noch als kopierte DIN-A4-Magazine erschienen, sammelte sich der spätere Zeichnerstamm: Arne Bellstorf, Till Thomas, Klaas Neumann, Line Hoven, Verena Braun, Hommer selbst. Schritt für Schritt ging es voran: Die Auflagen stiegen, das dritte Heft zierte ein Klappcover mit Siebdruck, mit der vierten Ausgabe wechselte man zum Offsetdruck, ab der fünften waren internationale Gäste dabei, und seit der Nummer sechs wurde man beim deutschen Indiecomic-Vorzeigeverlag Reprodukt verlegt – wo auch heute noch erhältliche Restauflagen vertrieben werden.</p>
<p>Dass nun Schluss ist, liegt schlicht daran, dass die <em>Orang-</em>Generation erwachsen geworden ist. Mehrere Zeichnerinnen und Zeichner haben Hamburg verlassen oder können neben ihren eigenen Projekten auch nicht mehr die Zeit für exklusive unbezahlte Geschichten aufwenden, mehrfach fällt das Wort „Brotjobs“, wenn Hommer von den gewandelten Lebensumständen erzählt. „Früher war <em>Orang</em> das wichtige Projekt, auch um sich selber zu featuren“, sagt er. Doch das Verhältnis habe sich umgedreht: „Die eigenen Projekte sind inzwischen viel größer und laufen automatisch, während <em>Orang </em>immer klein bleibt, man dafür immer kämpfen muss.“</p>
<p>So sind letztlich vor allem er und Arne Bellstorf verblieben, eine „funktionierende Organisationseinheit“ zwar, aber mit den Diskussionen und gemeinsamen Redaktionssitzungen fehlt ein elementarer Bestandteil des <em>Orang</em>-Produktionsprozesses. Denn das sollte <em>Orang</em> immer sein: ein Labor, in dem man sich trifft und diskutiert. Und weil die HAW-Dozenten ihre Studenten im Zweifel unterstützen mussten, „haben wir eben versucht, das Gegenteil zu machen und immer in die Wunde zu fassen“. Es ging darum, sich selbst zu trainieren, „dass man so ein bisschen Abstand hat von der eigenen Arbeit und das einen das auch nicht verletzt“.</p>
<h6>Schwere Suche nach Comics</h6>
<p>Zugleich, sagt Hommer, würde es für ihn immer schwerer, aufregende Comics zu finden. Auch das ist wieder eine Frage des Älterwerdens und kein Qualitätsproblem, wie er betont – der Drang, Geschichten unbedingt publizieren zu müssen, lässt nach. „Als wir jünger waren, war vieles für uns noch neu. Dieser Enthusiamus ist inzwischen eingeebnet“, so Hommer. „Außerdem habe ich bei der neuen Welle von rund zehn Jahre jüngeren Zeichnern zunehmend Schwierigkeiten zu unterscheiden: Was ist gut und was ist nicht gut? Weil es nach anderen Codes funktioniert.“ Im Moment gebe es international etwa viele Zeichner, die viel mit 80er-Jahre-Retroästhetik und Remineszenzen auf bestimmte Computerspiele und Fernsehserien arbeiten.</p>
<p>So endet also ein Teil des gemeinsamen Wegs der HAW-Generation der frühen nuller Jahre. Traurig macht Hommer das alles nicht. „Ich habe da überhaupt kein sentimentales Gefühl und finde es ehrlich gesagt eher befremdlich, wenn Leute in meinem Alter schon anfangen, ihre Studentenzeit zu romantisieren“, sagt er. „Außerdem hat das Magazin auch vieles eingelöst, wozu es da war.“</p>
<p>Das allerwichtigste Ziel, sich selbst beizubringen, wie man Bücher macht, hat man erreicht, genau wie die Etablierung einer Comic-Anthologie, die Vernetzung von deutschen und internationalen Autoren und auch, neue Zeichnerinnen und Zeichner beim Durchbruch zu unterstützen, wie etwa Moki, Marijpol, Till Thomas und den Chinesen Yan Cong. Zudem sind einige Aufgaben inzwischen auch weggefallen, heute ist es für deutsche Zeichner viel einfacher, auch im Ausland verlegt zu werden – eine Entwicklung, an der <em>Orang</em> einen maßgeblichen Anteil hat.</p>
<p>Entsprechend ist die Lücke, die das Ende von <em>Orang</em> reißt, betrauernswert, aber nicht letal. Die gute Verlagsarbeit von Avant, Reprodukt und Edition Moderne, das vierteljährliche Schweizer <em>Strapazin,</em> die jährliche, nur von Frauen gestaltete Anthologie <em>Spring </em>und Comicfestivals wie etwa Erlangen oder Hamburg sorgen weiterhin für viel Vernetzung und Bewegung in der deutschen Alternativcomicszene.</p>
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		<title>Ich bin der langweiligste Mensch der Welt!</title>
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		<pubDate>Thu, 07 Feb 2013 18:24:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es ist Sommer, es ist heiß, es ist Adoleszenz: Der Comic-Zeichner Lukas Jüliger erzählt in seinem herausragenden Debüt „Vakuum“ eine surreale Coming-Of-Age-Geschichte. (veröffentlicht auf zeit.de) Ihr Duft. Es ist ihr Duft, der alles überdeckt. Auch am nächsten Tag noch, während alle]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Es ist Sommer, es ist heiß, es ist Adoleszenz: Der Comic-Zeichner Lukas Jüliger erzählt in seinem herausragenden Debüt „Vakuum“ eine surreale Coming-Of-Age-Geschichte.<span id="more-1255"></span> (veröffentlicht auf <a href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2013-02/Lukas-Jueliger-Vakuum/komplettansicht" target="_blank">zeit.de</a>)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/KR_130208_Lukas_Jueliger_vakuum_05.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-1256" alt="KR_130208_Lukas_Jueliger_vakuum_05" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/KR_130208_Lukas_Jueliger_vakuum_05.jpg" width="620" height="310" /></a></p>
<p>Ihr Duft. Es ist ihr Duft, der alles überdeckt. Auch am nächsten Tag noch, während alle nur darüber reden, dass Ben Fimming eine Matratze in den Wald getragen und sich selbst umgebracht hat, nachdem er das beliebteste und hübscheste Mädchen der Schule betäubt, gefesselt und vergewaltigt hat, kann er nur an ihren Duft denken. Wie am Abend zuvor, als sie zusammen schweigend eine DVD geschaut hatten: Sie, das elfenhafte Mädchen aus der Stufe tiefer, und er, der schlaksige, unsichere Icherzähler aus „Vakuum“, dem fantastischen Comicdebüt von Lukas Jüliger.</p>
<div>
<p>Es ist der zarte Beginn einer Liebe am Ende einer Jugend. „Bald kamen die Ferien. Dann kamen die Prüfungen. Und dann waren wir hier fertig.“ Dann endet die Schulzeit und damit auch das Teenagerleben in der Kleinstadt, mit der Mutter im Einfamilienhaus und Sho, dem einen besten Freund. Ein Leben, in der Rumhängen und Zeit totschlagen wie bei so vielen Jugendlichen zu den wichtigsten Beschäftigungen gehören. „Ich bin der langweiligste Mensch der Welt!“, klagt die namenlose Hauptfigur ihrer Mutter. „Was erzähle ich ihr, was ich so mache? Rumliegen? Ich habe keine Hobbys.“</p>
</div>
<p>Doch das lange Warten der Adoleszenz, das Warten darauf, dass das Leben losgeht, dass endlich etwas passiert, wird jäh und heftig unterbrochen. „Wenn du dich irgendwann mal getraut hättest, mich anzusprechen – was hättest du gesagt?“, fragt also auf einmal dieses Mädchen mit den Mandelaugen, den schwarzerkaterfarbenen Haaren und dem Kleid über dem schlanken Körper. Am Abend treffen sie sich bei ihr, schauen auf dem Bett die DVD, neben ihnen die Staffelei des Mädchens und ein altes Puppentheater. Und dann – muss sie gehen, mitten in der Nacht. Wohin verrät sie nicht.</p>
<h6>Die falschen Drogen genommen</h6>
<p>Jetzt passiert etwas, jetzt passiert sogar sehr viel. Zu den Gedanken an den Duft des rätselhaften Mädchens und zu Ben Fimmings plötzlichen Tod kommt der sich zunehmend krasser äußernde Wahnsinn von Sho, der einige Monate zuvor die falschen Drogen genommen hatte. Es wird Sommer, es wird heiß, es stimmt irgendetwas nicht, und trotzdem machen alle immer weiter, wie in einem bedrängenden Traum, aus dem man nicht erwachen kann.</p>
<p>Das Mädchen – „Ihr Name klang nach Sommer“ – ist schon bald wieder da. Wieder taucht sie plötzlich auf, und wieder muss sie plötzlich weg. &#8220;Mädchenkram&#8221;, erklärt sie danach. „Es fühlte sich an, als hätte ich das Ende eines Films verpasst“, denkt der Erzähler. Doch irgendwann folgt er ihr heimlich und spätestens an dieser Stelle schlägt die trotz aller Absonderlichkeiten realistische Erzählung von <em>Vakuum</em> ins Übernatürliche um. Was aber kein Bruch ist, sondern nur eine logische Verdichtung der surrealen Atmosphäre.</p>
<p>Zwei Jahre hat Lukas Jüliger, 1988 geboren, an <em>Vakuum</em> gearbeitet, und dafür sein Studium an der HAW Hamburg unterbrochen, der Schule, aus der schon Arne Bellstorf, <a title="Beende deine Jugend" href="http://michaelbrake.de/2013/03/02/beende-deine-jugend/" target="_blank">Sascha Hommer</a>, <a title="Die Farbe des Pols" href="http://michaelbrake.de/2012/06/01/die-farbe-des-pols/" target="_blank">Simon Schwartz</a> und weitere wichtige Protagonisten der deutschen Indiecomic-Szene hervorgingen. Es hat sich gelohnt. Mit allen Mitteln schafft Jüliger eine dichte, aber auch zerbrechliche Stimmung. Sein Stil ist souverän, ein fließender und dennoch klarer Strich mit vielen Schraffuren, koloriert in stark entsättigten Tönen, blau, hellgrün, ocker, beige, hellbraun, alles fast grau.</p>
<h6>Raum für Seitenblicke</h6>
<p>Dazu kommen die Details, die kleinen skurrilen Gegenstände im Hintergrund, der Raum für Blicke nach links und rechts. Die Protagonisten sind sich trotz der ungewöhnlichen Story glaubhaft, weil Jüliger sie ernst nimmt – allein die Mutter des Hauptcharakters dürfte zu den normalsten und vernünftigsten Elternfiguren zählen, die man in Jugendgeschichten finden kann.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/130221_cover_vakuum.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1676" alt="130221_cover_vakuum" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/130221_cover_vakuum.jpg" width="310" height="452" /></a>Auch die Dialoge sitzen. „Glaubst du, er hat sie betrachtet?“, fragt das Mädchen etwa, sie meint den Vater der vergewaltigten Schulschönheit, der seine Tochter, gefesselt und mit verbundenen Augen, im eigenen Haus gefunden hatte. „Stand er einfach eine Weile da und hat angesehen, wie so vor ihm lag? Seine perfekte, schöne achtzehnjährige Tochter&#8230;“ &#8211; „Sie hätte ihn irgendwann gerochen. Aftershave.“ &#8211; „Wow! Ich bin beeindruckt.“ &#8211; „Was? Wovon?“ &#8211; „Von deinem Weltwissen. Männer riechen nach Aftershave und Frauen nach Blumen.“</p>
<p>Coming-of-Age-Geschichten wird es immer geben. Aber selten hat eine so deutlich gezeigt, was in diesem Genre noch alles möglich ist wie diese düsterzarte Außenseiterliebesgeschichte.</p>
<p><strong>Lukas Jüliger: Vakuum; Reprodukt, Berlin 2013; 112 S., 20 €</strong></p>
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		<title>Er hat kein Ziel, aber er geht los</title>
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		<pubDate>Tue, 15 Jan 2013 01:55:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Im Comic „Der geheime Garten vom Nakano Broadway“ entdeckt ein Mann seine Heimatstadt Tokio neu. Dabei überzeugen nur die Zeichnungen. (aus der taz vom 15. Januar 2013) Das Serendipitätsprinzip – benannt nach einem persischen Märchen über die drei Prinzen von]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Im Comic „Der geheime Garten vom Nakano Broadway“ entdeckt ein Mann seine Heimatstadt Tokio neu. Dabei überzeugen nur die Zeichnungen. <span id="more-1208"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Flaneur-Comic-aus-Japan/!108989/" target="_blank">taz</a> vom 15. Januar 2013)</h3>
<p><img class="alignright size-full wp-image-1209" title="nakanocover" alt="" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/nakanocover.jpg" width="310" height="442" />Das Serendipitätsprinzip – benannt nach einem persischen Märchen über die drei Prinzen von Serendip, einem alten Namen Sri Lankas – beschreibt die zufällige Entdeckung von etwas Schönem, nach dem man gar nicht gesucht hat. Diese Kulturtechnik kann man zwar nicht gezielt anwenden, aber aktiv unterstützen, indem man sich treiben lässt. Das hyperverlinkte Internet ist ein guter Ort dafür, aber eigentlich eignet sich auch die Stadt, in der man lebt, hervorragend. Einfach losgehen – unterwegs wird man schon irgendwas entdecken.</p>
<p>Auf diese Weise ist auch „Der geheime Garten vom Nakano Broadway“ entstanden. Der heute 27-jährige Autor Masayuki Kusumi begab sich für seine acht Episoden auf mehrere Spaziergänge durch Tokio. Keine Vorab-Recherche, keine empfohlenen Routen, kein Zeitdruck waren dabei die Regeln. Seine Erlebnisse lässt er ein Alter Ego rekapitulieren: Jouji Uenohara, Mitte 30, Abteilungsleiter in einem Marktforschungsunternehmen, kinderlos, verheiratet.</p>
<p>Der Diebstahl des geliebten Fahrrades zwingt Uenohara zum ersten Spaziergang, danach lässt er sich immer bewusster auf seine Touren ein. Kleine Reisen in die kleinen Welten, die Tokios alte Viertel, Ladenzeilen und Nachbarschaften noch immer bilden. Und er findet dort tolle Dinge: in einem Laden kann er eine Replika der Edison-Glühbirne von 1879 kaufen, in einem anderen Geta-Sandalen mit Fahrradreifensohlen, er trifft Hunde und alte Schulfreunde, findet ein Buch aus seiner Schulzeit, das er endlich zu Ende liest.</p>
<h6>Endloser innerer Monolog</h6>
<p>Die Liebe für Abseitiges und Details, ein bewusster Verzicht auf eine Story. Eigentlich könnte alles stimmen in „Der geheime Garten vom Nakano Broadway“ – und dann stimmt leider gar nichts. Schuld daran ist der endlose innere Monolog von Jouji Uenohara, der unfassbar bieder und altklug ist.</p>
<p>In einer schablonenhaften Nostalgie bedauert er permanent, dass alles nicht mehr so ist wie früher („Mir gefällt es nicht, dass die Stadt immer weiter in den Himmel hineinwächst“), erfreut er sich ganz grauenvoll bewusst an den kleinen Dingen des Alltags („Eine Boutique und ein Trockenfischgeschäft Seite an Seite. Das hat Charme!“) oder ergibt sich einfach nur in Banalitäten („Lustig. Der Bus wirkt wie ein Spielzeug. Aber es fahren eine Menge Leute mit“).</p>
<p>Das ist natürlich schön für Uenohara und sicherlich eine Leistung für einen leitenden Angestellten, der jetzt so langsam entdeckt, dass das Leben mehr bietet als Arbeit („Ich sollte mich mehr um mich sorgen. ’Morgen früh raus‘, nicht sehr spannend.“) – aber für alle, die das schon länger wissen, eher egal und fremdschämbehaftet, so, wie wenn Teenager die einfachsten Dinge der Welt als exklusive Entdeckungen vorbringen.</p>
<h6>Den Text komplett ausblenden</h6>
<p>Deswegen funktioniert das Buch letztlich am besten, wenn man den Text komplett ausblendet und sich nur von den wirklich schönen Bildern Jiro Taniguchis leiten lässt. „Der geheime Garten vom Nakano Broadway“ ist bereits die achte Carlsen-Veröffentlichung des 1947 geborenen Zeichners, der mit „Vertraute Fremde“ unter anderem die Preise der Comicfestivals von Angoulême oder auch Erlangen gewann.</p>
<p>Taniguchis Zeichnungen sind unverkennbar japanisch, gleichwohl aber von frankobelgischen Traditionen beeinflusst. Sein unheimlich feiner Strich hält hochrealistisch Augenblicke in fotohafter Qualität fest, seine Bilder zeichnen sich durch Klarheit, Eleganz, Aufgeräumtheit und Detailversessenheit aus.</p>
<p>Dumm bloß, dass die langweiligen Gedanken Uenoharas in sehr großzügige Sprechblasen verteilt wurden – und so die meisten der Zeichnungen zukleistern. Und dumm auch, dass Carlsen eine fatale Fehlentscheidung bei der Produktion getroffen hat: Konzipiert wurde die Geschichte nämlich als Fortsetzungsfolgen für das großformatig erscheinende japanische Comicmagazin <em>Tsuhan Seikatsu</em>. Carlsen übernahm aber die auf dieser Grundlage angefertigte Taschenbuch-Version des Buches, um den Verkaufspreis geringer zu halten.</p>
<p>So aber ist der Detailreichtum in den Bildern Taniguchis nur mit einiger Anstrengung zu erfassen. Und da hilft es dann auch nicht mehr, dass Carlsen dem Band Produktionsnotizen Kusumis zu den einzelnen Routen angehängt hat, was man sich in dieser Ausführlichkeit viel häufiger wünschen würde. Anstelle von „Der geheime Garten vom Nakano Broadway“ ist lieber ein langer Spaziergang zu empfehlen. Aber ohne Stadtplan!</p>
<p><strong>Jiro Taniguchi, Masayuki Kusumi: „Der geheime Garten vom Nakano Broadway“. Aus dem Japanischen von Sachiko und Achim Stegmüller. Carlsen, Hamburg 2012, 104 Seiten, 12 Euro</strong></p>
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		<title>Bedrückende Collagen vom Krieg</title>
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		<pubDate>Fri, 11 Jan 2013 02:14:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Grandios illustriert, etwas platt beschrieben: Der Journalist David Schraven und Zeichner Vincent Burmeister haben eine Comicreportage über Afghanistan geschaffen. (veröffentlicht auf zeit.de) Man kann das Vorhaben zunächst nur gutheißen: Da tun sich ein Journalist (David Schraven) und ein Comiczeichner (Vincent Burmeister) zusammen]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Grandios illustriert, etwas platt beschrieben: Der Journalist David Schraven und Zeichner Vincent Burmeister haben eine Comicreportage über Afghanistan geschaffen. <span id="more-1225"></span>(veröffentlicht auf <a href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2013-01/david-schraven-kriegszeiten/komplettansicht" target="_blank">zeit.de</a>)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/kriegszeiten.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-1227" alt="kriegszeiten" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/kriegszeiten.jpg" width="620" height="307" /></a></p>
<p>Man kann das Vorhaben zunächst nur gutheißen: Da tun sich ein Journalist (David Schraven) und ein Comiczeichner (Vincent Burmeister) zusammen und arbeiten ein aktuelles Nachrichtenthema auf, in Form einer grafischen Reportage. Das alles so packend und klar geschrieben wie gezeichnet, dass auch nicht explizit politische Menschen einen Zugang finden und bis zum Ende dranbleiben können. Und dann ist es auch noch kritisch. So sieht doch mal politische Aufklärung aus.</p>
<p>Das aktuelle Thema ist der Krieg, den Deutschland seit mehr als zehn Jahren in Afghanistan führt<a href="http://www.zeit.de/schlagworte/orte/afghanistan/index" target="_blank"> </a>und der längst verloren ist. Ganz genau: Krieg. Nicht Einsatz oder Mission. Genau das ist eine der beiden Hauptanklagen von <em>Kriegszeiten</em>: Wie die deutsche Öffentlichkeit von den verschiedenen Bundesregierungen systematisch mit einer verdrucksten Rhetorik von „Friedensmissionen“ und „Entwicklungshilfe in Uniform“ geblendet wird – und so die Transformation der Bundeswehr zu einer Armee, die auch nach Afghanistan weitere Kriege in der Welt führen wird, ganz nebenbei und ohne laute öffentliche Debatte abläuft.</p>
<p>Der zweite Anklagepunkt: Die internationale Einsatzleitung hat keine Strategie, keine Vorstellung davon, wie sie dieses komplexe Land Afghanistan, mit seinen Stämmen, seiner konfliktreichen Vergangenheit, seiner Geografie befrieden kann. Stattdessen wurschtelt man sich von Operation zu Operation, lässt sich mit Verbrechern ein und erkauft sich die Sympathie der Bevölkerung durch millionenschwere Infrastruktur- und Polizeiausbildungsprogramme. „Diese Männer haben die Russen besiegt – wir erklären ihnen Straßensperren“, sagt einer der deutschen Soldaten. Doch Afghanen könne man nicht kaufen, sagt eine alte Weisheit, sondern nur mieten.</p>
<h6>Truppenbesuche und Interviews</h6>
<p>Nach Arne Jyschs fiktiver Geschichte <em>Wave and Smile</em> ist <em>Kriegszeiten</em> bereits die zweite von Carlsen verlegte Comic-Auseinandersetzung mit dem Afghanistankrieg innerhalb eines halben Jahres. Dem Buch liegen umfangreiche Recherchen zugrunde, David Schraven las tausende Aktenseiten, besuchte die deutschen Truppen vor Ort, führte Interviews mit Soldaten. Die erzählen von Lagerkoller und vom Brunnenbauen („Bis zu fünfzig Deutsche sichern vier Albaner“), aber auch von Anschlägen auf Panzerfahrzeuge und der „Operation Halmazag“, einer tagelangen, sorgsam vorbereiteten Schlacht der internationalen Truppen gegen die Taliban.</p>
<p>Diese Gesprächsprotokolle bilden das Gerüst von <em>Kriegszeiten</em>, das mit den Anschlägen des 11. September 2001 einsetzt, dem offiziellen Auslöser für den Afghanistankrieg, und sich dann, mit zum Teil größeren Sprüngen, bis ins Jahr 2010 vorarbeitet. Ergänzt werden die exemplarischen Schilderungen von Hintergründen, Analysen und ein paar direkten Anmerkungen von David Schraven, der auch mehrfach selbst in Vincent Burmeisters Zeichnungen auftaucht. Die sind grandios: einerseits realistisch, andererseits haben sie durch ihre starken Schwarz-Weiß-Kontraste und die markante Farbgebung in flächigen Ocker-, Orange- und Erdtönen eine unheimlich hohe Ausdruckskraft. Abstrakte Zusammenhänge und Hintergründe werden in atemberaubenden Collagen visualisiert.</p>
<p>Der 42-jährige Autor David Schraven schrieb in den vergangenen zwanzig Jahren unter anderem für die <em>taz</em>, die <em>Süddeutsche</em> - und die <em>Neue Zürcher Zeitung</em>. Er gründete 1996 das &#8220;Nachrichtenbüro Zentralasien/Kirgisien&#8221;, war Wirtschaftsreporter der Welt und gewann den Wächterpreis, heute leitet er das Rechercheressort der WAZ-Gruppe. Schraven ist das, was man einen kritischen Journalisten nennt. Einer der aufdeckt, der mahnt.</p>
<h6>Effektvolle Anklagen</h6>
<p>Das tut er auch in <em>Kriegszeiten</em>. Sicherlich berechtigt, doch sind manche der Anklagen und Fragen in bester Michael-Moore-Rhetorik eher effektvoll als zielführend. „Irgendwen macht den Krieg sehr reich. Aber macht das Afghanistan sicher?“ ist so eine Stelle. Oder auch: „Tatsächlich wurde der Afghanistaneinsatz zum Thema der deutschen Innenpolitik. Gleichrangig mit der Schließung von Zechen oder der Erhöhung von Hartz IV um fünf Euro. Es geht um Wahlen… dabei starben in Afghanistan deutsche Soldaten.“</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/2013/01/11/bedruckende-collagen-vom-krieg/kriegszeitencover/" rel="attachment wp-att-1226"><img class="size-full wp-image-1226 alignleft" alt="kriegszeitencover" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/kriegszeitencover.jpg" width="200" height="282" /></a>Das bleibt so stehen. Nun darf und soll man natürlich auch kritische Fragen stellen, ohne die Antworten zu wissen. Außerdem kann man auf 128 Comicseiten sicherlich nicht den gesamten Afghanistankonflikt analysieren. Aber trotzdem wirken die Auswahl und das Arrangement der Fakten, Szenen und Aussagen mitunter ziemlich plakativ und so ist zumindest eine Front klar in diesem unübersichtlichen Krieg: Auf der einen Seite stehen geltungssüchtige, inkompetente Politiker, die ohne Sensibilität für die Umstände vor Ort eine fatale Außen- und Verteidigungspolitik betreiben. Und auf der anderen Seiten stehen, als Opfer dieser Planlosigkeit, die deutschen Truppen an der Front, von denen sich Schraven bewusst kaum distanziert.</p>
<p>Im Nachwort schreibt er: „Es gibt viele tausend tapfere Soldaten, die den Mut haben, den Auftrag des deutschen Parlamentes in Zentralasien, fern der Heimat, zu erfüllen. Sie kämpfen für uns.“</p>
<p><strong>David Schraven, Vincent Burmeister: Kriegszeiten; Carlsen, Hamburg 2012; 128 S., 16,90 €</strong></p>
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		<title>Krieg und Spiele</title>
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		<pubDate>Tue, 18 Dec 2012 18:43:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Das alternative Computermagazin „WASD“ will den Games-Journalismus à la Warentest beenden und Geschichten erzählen. Luft nach oben ist da noch. (aus der taz vom 18. Dezember 2012) „Oft liest sich deutscher Gamesjournalismus noch so, als würden dort Staubsaugerroboter getestet“, sagt]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Das alternative Computermagazin „WASD“ will den Games-Journalismus à la Warentest beenden und Geschichten erzählen. Luft nach oben ist da noch. <span id="more-1261"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Computermagazin-WASD-/!107594/" target="_blank">taz</a> vom 18. Dezember 2012)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/wasd_cover.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-1262" alt="wasd_cover" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/wasd_cover.jpg" width="620" height="229" /></a></p>
<p>„Oft liest sich deutscher Gamesjournalismus noch so, als würden dort Staubsaugerroboter getestet“, sagt Christian Schiffer. Und bringt damit eine zuletzt häufig geäußerte Kritik auf den Punkt.</p>
<p>Während Computerspiele in Sachen Umsatz und Verbreitung seit Jahren andere Branchenzweige der Unterhaltungsindustrie einkassieren, verläuft ihre Emanzipation zum Kultur- und Feuilletongut schleppend. Nicht zuletzt, weil der Mainstream-Spielejournalismus bis heute sehr technisch und deskriptiv geblieben ist und die Frage vernachlässigt, was die Spiele eigentlich über uns aussagen – und was sie mit uns machen.</p>
<p>Also hat Christian Schiffer etwas dagegen getan. Im Sommer erschien die erste Ausgabe der <em><a href="http://wasd-magazin.de/" target="_blank">WASD</a>,</em> die der freie Radiojournalist („Zündfunk“) in seiner Freizeit produziert hat, mithilfe von vielen freien Autoren. Seit Donnerstag liegt das zweite Heft vor.</p>
<p>Die <em>WASD</em> will anders sein: „ohne Prozentwertungen, ohne Tabellen, ohne Stiftung-Warentest-Attitüde und Spielspaßgraphen“, heißt es in der Selbstbeschreibung. Im Taschenbuch-Format, auf edlem Munken-Papier gedruckt, mit einer aufgeräumten grafischen Anmutung und einem Preis von 14,50 Euro ist sie eher Buch als Magazin. „Bookzine“ nennt Schiffer das.</p>
<h6>Keine Stiftung Spieletest</h6>
<p>Die zweite Ausgabe hat „Select System – Games und Politik“ als Schwerpunkt: Es geht um die Kooperationen von Spieleindustrie und Militär. Es geht um die Frage, ob man in Politsimulationen überhaupt moralisch handeln kann – etwa anhand des Spiels „Hidden Agenda“ von 1988, in dem man den Machthaber eines kleinen Staates spielt und infolge von massiver US-Gegenpropaganda bald verwerfliche Entscheidungen treffen muss, wenn man sich an der Macht halten will.</p>
<p>Es geht um den Shitstorm gegen die Bloggerin Anita Sarkeesian, die Sexismus in der Gamerszene thematisiert hatte, und es gibt ein Interview mit den Machern der GaymerCom, einer schwulen Spielemesse. Dazu kommen – das dann schon – einige Spielevorstellungen und im hinteren Teil eine „Spielwiese“ mit allgemeinen Texten.</p>
<p>Den eigenen Anspruch, auch ein Magazin für Nicht-Gamer zu sein, erfüllt die <em>WASD</em> bei alldem allerdings nur bedingt. Schon der Titel ist ein Code, er steht für die typische Buchstabenkombination von Computerspielen mit Tastatursteuerung. Und auch sonst versuchen die Autoren nicht großartig, den Einsteigerleser mitzunehmen. Die Texte sind meist essayistisch, oft mit persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen an erste Spielerfahrungen, immer um kluge Gedanken bemüht (mal gelingt das, mal wirkt es aufgesetzt) und sich in ihrer Form recht ähnlich.</p>
<p>Was auch der wesentlichste Kritikpunkt an <em>WASD</em> ist: In Sachen Komposition und Rhythmus ist noch viel Luft nach oben. Viele ähnliche Texte folgen ohne erkennbares Muster aufeinander, es kommt mehrfach zu Themenüberschneidungen.</p>
<h6>Zwei Level geschafft</h6>
<p>Ein längerer Leitartikel, Kolumnen oder andere kleinteilige Elemente würden dem Heft guttun, dafür könnte man sich die ausgedachten Interviews mit Barack Obama und Bowser, einer Figur aus den „Super Mario“-Spielen, gerne sparen. Wenngleich die aktuelle Ausgabe eine deutliche Steigerung zur noch bestellbaren ersten darstellt. Dort ging es unter dem Motto „Tasty Trash“ um besonders schlechte Computerspiele, die ja eigentlich doch nicht schlecht sind – was eine lustige Idee für einen Text ist, aber eben nicht für ein Dutzend.</p>
<p>1.200 Exemplare des ersten Heftes wurden bisher verkauft, bei 3.000 liegt die Auflage der zweiten Ausgabe, für die erstmals Autorenhonorare gezahlt wurden. Das Risiko der Produktionskosten trägt Schiffer dennoch allein, der Vertrieb läuft händisch, per Onlinebestellung und Postversand.</p>
<p>Werbung gibt es nicht. „Der Spielejournalismus der Zukunft testet nicht, sondern erzählt Geschichten über die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und popkulturellen Zusammenhänge der Gameskultur“, so Schiffer. Zwei Level hat er schon geschafft.</p>
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		<title>Der Nerd mit dem Röntgenblick</title>
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		<pubDate>Tue, 16 Oct 2012 00:13:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Lektionen in Goldfarming: Im dicht recherchierten Actionthriller „Error“ analysiert Neal Stephenson virtuos die Mechanismen der digitalen Welt. (aus der taz vom 16. Oktober 2012) Die letzten 100 Seiten herrscht Krieg. Ein kleinteiliger, zermürbender Stellungskrieg im schroffen Grenzgebirge zwischen British Columbia]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Lektionen in Goldfarming: Im dicht recherchierten Actionthriller „Error“ analysiert Neal Stephenson virtuos die Mechanismen der digitalen Welt. <span id="more-1087"></span>(aus der <a href="http://www.taz.de/Neal-Stephensons-Buch-Error/!103662/" target="_blank">taz</a> vom 16. Oktober 2012)</h3>
<p><img class="alignright size-full wp-image-1089" title="Stephenson_NError_hoch" alt="" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Stephenson_NError_hoch.jpeg" width="310" height="471" />Die letzten 100 Seiten herrscht Krieg. Ein kleinteiliger, zermürbender Stellungskrieg im schroffen Grenzgebirge zwischen British Columbia und Idaho, mit gerade einmal rund zwanzig Beteiligten. Dschihadisten, christlich-fundamentalistische US-Hinterwäldler, Geheimdienstmitarbeiter und mehrere durch eine Verkettung von Zufällen in diesen Schlamassel geratene Personen, darunter ein ungarischer Programmierer und eine chinesische Teeverkäuferin, kämpfen in dieser Schlacht, die mit überwältigender Präzision beschrieben wird, wie so vieles in diesem Buch.</p>
<p>Die Ursache für das blutige Finale von Neal Stephensons „Error“ ist ein Phänomen, das sich Goldfarming nennt – und das es wirklich gibt. Es ist eines dieser vielen irren Geschäftsmodelle, die nur die evolutionäre, alle Nischen ausnutzende Energie des Kapitalismus hervorbringen kann: In Multiplayer-Online-Games, das bekannteste davon ist „World of Warcraft“, erspielen sich Menschen – zu bedeutenden Teilen asiatische Teenager – in Akkordarbeit Gold und Gegenstände, um das alles dann in der echten Welt für echtes Geld zu verkaufen. Fünf Dollar für eine seltene Axt sind für Gamer in den USA, die in ihrer knappen Zeit ihren Spielspaß optimieren wollen, ein Taschengeld. Für einen Chinesen sind sie ein Tageslohn.</p>
<p>Heute soll sich das jährliche Goldfarming-Marktvolumen im dreistelligen Millionenbereich bewegen. Die Spielehersteller dulden das Phänomen allenfalls als Nebeneffekt, die chinesische Regierung wollte es schon 2009 unterbinden. Schlagzeilen, laut denen chinesische Häftlinge von ihren Wärtern zum Goldfarmen gezwungen wurden, sind sicher mit dafür verantwortlich. In den USA verbot eBay 2007 den Verkauf von World-of-Warcraft-Gütern.</p>
<p>Definitiv ein Thema für ein Buch. Bereits vor zwei Jahren legte Cory Doctorow, Autor, Digital-Rights-Aktivist und in den USA populärer Blogger bei <a href="http://boingboing.net/" target="_blank" shape="rect">boingboing.net</a>, seinen Jugendroman „For the Win“ vor. Darin beschreibt er, wie sich ausgebeutete Goldfarmer gegen ihre Bosse erheben, eine Gewerkschaft gründen und gleichzeitig die Spielefirmen reinlegen. „For the Win“ ist rasant geschrieben, mit vielen klugen Einblicken in ökonomische Zusammenhänge, leidet aber unter etwas zu viel Pathos und deutlich zu wenig sprachlicher Finesse.</p>
<p>Da spielt „Error“, das am Dienstag auf Deutsch erscheint, schon einige Gewichtsklassen höher. Autor Neal Stephenson wurde Anfang der neunziger Jahre dank „Snow Crash“ und „Diamond Age“ zu einem der wichtigsten Vertreter des Cyberpunks, jenem düsteren, antiutopischen Subgenre der Science-Fiction, das vor rund einem Vierteljahrhundert seine kurze Blütezeit hatte und beispielsweise William Gibsons Roman „Neuromancer“ und Ridley Scotts Film „Blade Runner“ hervorbrachte.</p>
<p>In „Snow Crash“ skizzierte Stephenson mit dem Multiversum eine 3-D-basierte Online-Community und griff dem 15 Jahre später gehypten Second Life vor – auch die Verwendung von „Avatar“ für das Online-Selbst geht auf das Buch zurück. Neben einer actionreichen Story um einen Pizzalieferanten/Schwertkämpfer steigt Stephenson hier tief in Linguistik, Meme-Theorie und sumerische Mythologie ein.</p>
<h6>Turing-Maschinen und Nanotechnologie</h6>
<p>„Diamond Age“ handelt von einer interaktiven Kinderfibel, aber auch von Turing-Maschinen, Nanotechnologie, Materie-Compilern und der Macht der Informationsfreiheit. In beiden Büchern wird überdies eine anarchokapitalistische Gesellschaftsform beschrieben, in der Staaten nicht mehr aus zusammenhängenden Territorien bestehen, sondern aus vielen winzigen, über den ganzen Erdball versprengten Einzelteilen.</p>
<p>Eine derart visionäre Kraft hat „Error“ bei weitem nicht, ist nicht einmal Science-Fiction im klassischen Sinne, sondern spielt in einem alternativen Jetzt. Dort beginnt das Buch mit einer wuchtigen Ouvertüre, einer Schießübung am Rande einer Thanksgiving-Familienfeier im ländlichen Iowa, bei der mit Richard und Zula Forthrast die beiden wichtigsten der diversen Hauptfiguren eingeführt werden.</p>
<p>Richard, Endfünfziger, hochintelligenter Einzelgänger und Entrepreneur, ist das schwarze Schaf des Forthrast-Clans. In den Siebzigern floh er vor seiner Armeeeinberufung nach Kanada und wurde durch Haschischschmuggel reich, inzwischen besitzt er ein Schloss mit angeschlossenem Skiresort und hat mit T’Rain eines der erfolgreichsten Online-Rollenspiele überhaupt erfunden – ein Spiel, in dem der Nebeneffekt des Goldfarmings zum Hauptprinzip gemacht wird.</p>
<p>Zula, Richards Nichte, wurde als eritreisches Flüchtlingskind vom Forthrast-Clan adoptiert und kommt nach der Familienfeier bei T’Rain als Programmiererin unter. Sie ist ein stolzer und in vielerlei Hinsicht starker Frauencharakter – nicht der einzige in diesem Buch und in Stephensons Romanen überhaupt.</p>
<h6>Decodierung gegen Cash</h6>
<p>Auslösendes Element für rund tausend Seiten Spannung ist nun ein Computervirus – „Reamde“, so lautet übrigens auch der englische Originaltitel des Buches. Reamde hackt sich via T’Rain in die Rechner der Spieler ein und verschlüsselt dort Dateien. Das Lösegeld für eine Decodierung, T’Rain-Gold im Wert von 73 Dollar, muss persönlich im Spiel hinterlegt werden.</p>
<p>In der T’Rain-Welt hat das zur Folge, dass auf einmal Zehntausende Spieler in ein eigentlich unscheinbares, von einer Gruppe Chinesen kontrolliertes Gebirge aufbrechen. Natürlich kommen bald auch Räuber dorthin, die den Spielern das Lösegeld vorher abnehmen wollen, und Söldner, die den Spielern wiederum anbieten, sie vor den Räubern zu schützen, und im ganzen Durcheinander bekommt ein ohnehin tobender Koalitionskrieg in T’Rain eine neue Wendung.</p>
<p>In der echten Welt gelangt das Virus derweil auf den Rechner eines russischen Mafioso. Der schwört, die Verursacher zu töten, und setzt so eine Kettenreaktion in Gang, die neben Zula und Richard noch rund ein Dutzend weiterer Haupt- und Nebencharaktere bis zur letzten Seite in Atem hält. Nicht alle werden überleben.</p>
<p>In seinem Wesen ist „Error“ also ein Actionthriller, doch Stephensons weitschweifende Nebengedanken geben dem Buch Tiefe. Neben den Hintergrundgeschichten seiner Protagonisten beschreibt er auch die Firmenpolitik von T’Rain äußerst detailliert und durchaus amüsant. So wird ein junger Autist mit Programmier- und Geologie-Kenntnissen ausfindig gemacht, der in der Lage ist, „echte“ Berge zu programmieren – also nicht Designerberge, bei denen unter einer dünnen Pixeltextur nichts mehr ist, sondern das Ergebnis einer Simulation von mehreren Milliarden Jahren Plattentektonik, vulkanischer Aktivität und Wetter. Und als zwei Fantasyautoren angestellt werden, um die noch leere Welt mit einer Geschichte zu füllen, zerstreiten sie sich schon beim ersten Treffen: Mehrere Seiten lang belehrt der Oxford-Professor den amerikanischen Pulp-Literaten über die korrekte Verwendung von Apostrophen in der fiktiven Sprache T’Rains.</p>
<h6>Rechercheintensives Detailreichtum</h6>
<p>Dieser rechercheintensive Detailreichtum ist typisch für den 52-jährigen Stephenson, der eine Art Universalgelehrter ist. Sein Vater war Professor der Elektrotechnik und seine Mutter Biochemikerin, er selbst studierte Physik und Geografie. In seinem über 3.000 Seiten starken „Barock-Zyklus“ thematisierte Stephenson die Entstehung der Wissenschaften und des heutigen Geldverkehrssystems im ausgehenden 17. Jahrhundert, in „Cryptonomicon“ widmete er sich den Kryptologiesystemen im Zweiten Weltkrieg. Für dieses Buch wurde eigens ein Verschlüsselungsalgorithmus entwickelt.</p>
<p>Heute arbeitet Stephenson unter anderem als Wissenschaftsjournalist und beschäftigt sich in seinem Project Hieroglyph damit, wie Forscher und Science-Fiction-Autoren gemeinsam eine stärkere visionäre Kraft entwickeln können.</p>
<p>In „Error“ geht es daher nie nur darum, wie die Dinge sind, sondern vor allem, wie sie funktionieren, seien es internationale Flugrouten, Farbschemata oder Schusswaffen, auch in die zahlreichen Actionsequenzen und Verfolgungsjagden wird immer noch eine zweite, analysierende Ebene eingezogen. Dieser Drang, immer die den Dingen zugrunde liegenden Mechanismen abzubilden, macht „Error“ so stark. Das – und die ambivalenten Charaktere, der wendungsreiche Plot und die Sprachmacht Stephensons.</p>
<div>
<p><strong>Neal Stephenson: „Error“</strong><strong>. Aus dem Englischen übersetzt von Juliane Gräbener-Müller, Nikolaus Stingl</strong><strong> Manhattan Verlag, 1.024 Seiten, 24,99 Euro</strong></p>
</div>
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		<title>Der Wüstenfalke trifft auf Batman</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Sep 2012 14:41:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Comic]]></category>
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		<description><![CDATA[Der Verleger Volker Hamann erfüllt sich einen Jugendtraum: Mit Alfonz bringt er ein Magazin für den deutschsprachigen Comicraum heraus. (veröffentlicht auf zeit.de) Volker Hamann war 16, als er mit zwei Freunden sein erstes Comic-Magazin veröffentlichte. Es nannte sich Comic Reddition]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der Verleger Volker Hamann erfüllt sich einen Jugendtraum: Mit <em>Alfonz</em> bringt er ein Magazin für den deutschsprachigen Comicraum heraus. <span id="more-1035"></span>(veröffentlicht auf <a href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2012-09/comic-magazin-alfonz" target="_blank">zeit.de</a>)</h3>
<p><img class="alignright size-full wp-image-1036" title="alfonzcover" alt="" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/alfonzcover.jpeg" width="310" height="439" />Volker Hamann war 16, als er mit zwei Freunden sein erstes Comic-Magazin veröffentlichte. Es nannte sich <em>Comic Reddition</em> und war in klassischer Fanzine-Optik gehalten, schwarz-weiß, kopiert, mit Schere-Papier-Kleber-Layout. Die Komplettauflage von 32 Exemplaren lag in Dietschis Comicshop in Hamburg aus. Das war im Januar 1984.</p>
<p><a title="Der deutsche Disney" href="http://michaelbrake.de/2012/06/07/der-deutsche-disney/" target="_blank">Die <em>Reddition</em> gibt es heute noch</a>, etwa zweimal im Jahr erscheint sie, längst handelt es sich um professionell gemachte Hefte. Sie widmen sich seit geraumer Zeit monothematisch einem Schwerpunkt, meist comichistorischen Themen, etwa Rolf Kauka oder der Geschichte des italienischen Comics. Zusätzlich hat Hamann in seinem als Überbau gezimmerten „Verlag für graphische Literatur“, der Edition Alfons, über die Jahre auch noch Sachbücher herausgegeben und veröffentlicht seit 2011 gemeinsam mit Matthias Hofmann die jährliche Anthologie Comic-Report. Und um Geld zu verdienen, arbeitet der heute 44-Jährige beim Versandhändler Hummelcomic und schreibt als freier Mitarbeiter für Verlage wie Carlsen oder Splitter.</p>
<p>All das hat Hamann offenbar noch immer nicht ausgefüllt, so dass er sich nach knapp 30 Jahren Verlegertätigkeit seinen Jugendtraum ein zweites Mal erfüllt hat: Mit <em>Alfonz</em> ein General-Interest-Magazin für den deutschsprachigen Comicraum herauszugeben. Auch hier ist Matthias Hofmann Ko-Herausgeber und nach zwei digitalen, kostenlos downloadbaren Nullnummern (Ausgabe <a href="http://www.reddition.de/alfonz/pdf/alfonz_0a_neu.pdf" target="_blank">0a</a> und <a href="http://www.comic-report.de/alfonz_0b/admin/alfonz0b.pdf" target="_blank">0b</a>) erschien im Juli die offizielle Erstausgabe.</p>
<p>Als Zielgruppe nennt Hamann „Leser, die sich nur ein Mal pro Monat auf der Fahrt zur Arbeit ein Comicalbum für die S-Bahn kaufen“ wie auch„den Fan oder Sammler, der sich in allen Genres zu Hause fühlt und umfassend informiert werden will“. Um all diese Menschen zufrieden zu stellen, soll <em>Alfonz</em> „über sämtliche Spielarten von Comics aus allen Ländern gleichbedeutend“ berichten – sofern sie parallel zur aktuelle Ausgabe erscheinen oder sonstwie relevant erscheinen. Und ausdrücklich auch über Mangas, „die es unserer Meinung nach verdient haben, über die von Kindern und Jugendlichen mit so viel Begeisterung gelesenen Mainstreamtitel hinaus wahrgenommen zu werden“.</p>
<h6>Viele Formen, viele Themen</h6>
<p>Hohe Ansprüche, die in der Erstausgabe von <em>Alfonz</em> zu einem guten Teil erfüllt werden. Diverse journalistische Formen werden bedient, diverse Comic-Genres abgedeckt, die Mischung stimmt: Sie reicht vom großen Porträt über den spanischen Zeichner Vicente Segrelles, der durch seine in Öl gemalten Fantasycomics berühmt wurde, bis zu kleinen Protokollen, in denen Autoren über ihren Umgang mit Originalzeichnungen erzählen. Von einem Streitgespräch über das Dritte-Reich-verherrlichende Fliegercomic „Der Wüstenfalke“ bis zur Analyse des Neustarts des DC-Superheldenuniversum. Von einem Doppel-Interview mit dem Marsu-Kids-Zeichnerehepaar Didier Conrad und Wilbur bis zu Querschnittsthemen wie die Tour de France im Comic. Von einem Bericht vom Comicfestival Fumetto in Luzern bis zum Außenseiter-Manga „I am Hero“. Kolumnen vom französischen und US-Markt sowie kleinere Rezensionen bilden zusätzlich feste Rubriken.</p>
<p>Für Comicinteressierte sollte <em>Alfonz</em> damit sowohl Überraschungen als auch Anknüpfungspunkte bieten. Das Layout ist abwechslungsreich – auch wenn es keine Designpreise gewinnen wird, dafür ist es etwas zu bieder und unaufgeräumt – und man spürt auf fast allen Seiten die Liebe, mit der hier gearbeitet wurde, zum Heft und seinem Betrachtungsgegenstand.</p>
<p>Gibt es auch einen Haken? Leider ja, und nicht den kleinsten: Die Qualität der meisten Texte fällt bei alldem deutlich ab. Zumal wenn mittendrin der Popfeuilletonist Georg Seeßlenüber „das neue Supermedium Comic/Film“ schreibt, für seine Verhältnisse auch noch ziemlich zugänglich, und so die Fallhöhe deutlich definiert.</p>
<p>Wobei in den Texten keine klaren Fehler sind. Es ist nur handwerklich alles etwas schlicht. So wird nicht groß versucht, Comics oder ihre Entwicklungen in größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen zu deuten oder daraus Trends abzuleiten. Das Magazin bleibt fast immer am Werk. Das Vokabular ist mitunter insiderisch oder durchsetzt von Bratwurstbegriffen, die es eigentlich nicht durch ein halbwegs strenges Redigat schaffen sollten: Da ist von der „agilen Vampirjägerin“ die Rede, bei der nach sieben Staffeln „der Ofen aus“ war, da zeigt einer mit seinen bisherigen Comics, „wo der Hammer hängt“, anderswo ist „das Ende der berühmten Fahnenstange erreicht“, mal schlägt ein Buch „beim Lesen ein wie eine Bombe&#8221;, mal sind die Zeichnungen „nicht &#8216;der Burner&#8217;, wie es in neudeutschem Jugendsprech wohl heißt“.</p>
<h6>Ein professionelles Fanzine</h6>
<p>Und so ist Alfonz trotz der professionellen Aufmachung eben doch ein Fanzine. Aus der Szene für die Szene und für ein paar interessierte Außenstehende; für alle anderen ungefähr so interessant wie ein Metalmagazin oder ein Angelmagazin. Aber ein Fanzine mit Potenzial, zumal die Konkurrenz überschaubar ist, die meisten deutschen Magazine haben Spezialnischen gefunden: Zack veröffentlicht in erster Linie Comics und hat nur einen kleinen Infoteil. Die Sprechblase ist deutlich auf Klassiker ausgerichtet, das Schweizer Strapazin bearbeitet mit seinem Kunstbezug die feuilletonistischen Ränder der Comicwelt.</p>
<p>Bleibt als direkter Konkurrent die Comixene – ausgerechnet, hatte doch deren 1982 eingestelltes Original in den frühen Achtzigern Hamann und seine Schulfreunde zur Gründung der Reddition angeregt. Die seit 2003 erscheinende Drittinstanz der Comixene aber habe es aber „in der letzten Zeit nicht mehr geschafft, ihrem Anspruch, regelmäßig und aktuell über Comics zu berichten und zu informieren, gerecht zu werden“, sagt Volker Hamann. „Auch inhaltlich geht sie andere Wege als wir.“ Womit er meint, dass sie nicht immer das gesamte Comicspektrum im Heft abdeckt.</p>
<p>Ausgelegt ist <em>Alfonz</em> vorerst auf vier Hefte, falls die erste Ausgabe erfolgreich ist, wonach es laut Hamann momentan aussieht. Die Auflage beträgt 6.000 Exemplare, bei einem etwas eigentümlichen Preis von 6,95 Euro und einer Distribution, die zu einem Drittel über Comicspezialgeschäfte läuft, zu einem Großteil aber über den Presse- und Bahnhofsbuchhandel.</p>
<p>„Langfristiges Ziel ist es, dass wir <em>Alfonz</em> im Pressehandel erfolgreich platzieren und verkaufen können“, sagt Hamann. „Denn nur so gelingt es, neue Leser von den Qualitäten eines Comics überzeugen zu können.“</p>
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		<title>Der deutsche Disney</title>
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		<pubDate>Thu, 07 Jun 2012 17:42:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Das Comic-Magazin Reddition widmet seine aktuelle Ausgabe dem genialen Selbstvermarkter Rolf Kauka. Er wurde als Schöpfer und Verleger von Fix und Foxi bekannt. (aus der taz vom 7. Juni 2012) Das deutsche Entenhausen hieß Fuxholzen. Hier lebten Fix und Foxi mit]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Das Comic-Magazin <em>Reddition</em> widmet seine aktuelle Ausgabe dem genialen Selbstvermarkter Rolf Kauka. Er wurde als Schöpfer und Verleger von Fix und Foxi bekannt. <span id="more-920"></span>(aus der <a href="https://www.taz.de/Comic-Magazin-ueber-Verleger-Rolf-Kauka/!94795/" target="_blank">taz</a> vom 7. Juni 2012)</h3>
<div>
<p><img class="alignright size-full wp-image-922" title="Reddition_56" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Reddition_56.jpg" alt="" width="300" height="424" />Das deutsche Entenhausen hieß Fuxholzen. Hier lebten Fix und Foxi mit Freunden und Familie – bis 1994 ihre Comicheftreihe, die in den Sechzigerjahren noch wöchentliche Auflagen von 400.000 verzeichnete, eingestellt wurde. Mehrere Wiederbelebungsversuche scheiterten.</p>
<p>Trotz einiger Auslandslizenzen blieben Fix und Foxi ein Phänomen, das nur im Kontext der von Bonn regierten BRD funktionierte – genau wie ihr Schöpfer Rolf Kauka, 1917 geboren, dem Idealtypus des Wirtschaftswunderunternehmers entspricht. Geschäftssinn, Skrupellosigkeit, Mut und Charisma zeichneten Kauka aus, in seinen markanten Editorials („Liebe Freunde …“) präsentierte er sich als der allgegenwärtige kreative Kopf seines Verlagsimperiums, das er nach Gutsherrenart führte und im Trial-and-Error-Verfahren immer weiter ausbaute – unter anderem gehörten <em>Tom und Biber</em> und das bis heute existierende <em>Bussi Bär</em> zum Kauka-Portfolio.</p>
<p>Dabei war Kauka kein begnadeter Zeichner, sondern, ähnlich wie Walt Disney, vor allem ein Entrepreneur und Selbstvermarkter. Seinen Erfolg verdankte er einem arbeitsteiligen Studiosystem, umfangreichem Merchandising und der urheberrechtlichen Ausbeutung seiner Mitarbeiter. Zudem brachte Kauka diverse frankobelgische (heutige) Klassiker, von <em>Gaston</em> bis <em>Lucky Luke,</em> nach Deutschland.</p>
<h6>Asterix im Kalten Krieg</h6>
<p>Wobei er es mit den Übersetzungen recht frei hielt – so frei, dass aus <em>Asterix und Obelix</em> eine von plumpen Kalter-Krieg-Anspielungen durchsetzte Erzählung über die Germanen „Siggi und Babarras“ wurde. Das passte gut zu dem als konservativ bis deutschnational geltenden Kauka. Seine Comics setzten auf Märchen- und Abenteuerstoffe, sein Fuxholzen verkörperte die bieder-heile Welt der süddeutschen Provinz.</p>
<p>Einen extrem detaillierten Einblick in das Schaffen Rolf Kaukas gibt die aktuelle Ausgabe des Comicmagazins <em>Reddition</em> (10 Euro). Die „Zeitschrift für Graphische Literatur“ erscheint seit 1984 meist zweimal pro Jahr, Herausgeber Volker Hamann war 15, als er sie als typisches Comic-Fanzine startete: mit zusammenkopierten Schwarz-Weiß-Seiten und einer Auflage von 32 Exemplaren. Stets wird genau ein Thema behandelt, wobei sich die <em>Reddition</em> der Aufarbeitung vergangener Jahrzehnte verschrieben hat, von Will Eisner über die Nouvelle Ligne Claire bis zum italienischen Comic.</p>
<p>„Magazin“ beschreibt dabei vor allem die äußere Erscheinungsform der<em>Reddition,</em> mit DIN-A4-Seiten, Vierfarbdruck und vielen Bildern. Inhaltlich handelt es sich eher um ein Fach- und Sachbuch für Freunde speziellen Kulturwissens, was mitunter schwierig ist: Ab und an kippt der Schreibstil von sachlich in trocken, und eine nerdhafte Präzision und Ausführlichkeit bei der Nennung von Personen, Zahlen und Verlagsbeteiligungen steht im Zweifel vor gutem Lesefluss. Auch die Beschränkung auf Fließtexte – es gibt keine Rubriken, keine Bildstrecken, keine kleinen Elemente oder andere Rhythmusgeber – macht das Heft nicht zugänglicher.</p>
<p>Das ist schade, denn die umfassende Charakterzeichnung Kaukas ist wirklich lesenswert, genau wie das Insiderwissen über Vorgänge und Verwerfungen im Kauka-Verlag oder die Analyse von Geschäftsmodellen und Marketingpraktiken – etwa der mehrfache Imagewechsel des Wolfs Lupo vom Schnorrer zum Mod zum Hippie und wieder zurück.</p>
<h6>Flickenteppichartige Bilderflut</h6>
<p>Ungewohnt ist auf den ersten Blick auch das Layout: Pro Seite sind mehrere kleine Bilder – Magazinseiten, Anzeigen, Merchandisingartikel und alte Fotos – neben und in den Text eingebunden. Diese Bilderflut wirkt zunächst flickenteppichartig und unruhig, ist aber Konzept: „Wichtig ist für mich, ebenso wie im Comic, die lineare und logische Abstimmung von Text und Bild“, sagt Volker Hamann. Die Artikel sollten „mit sinnvollen und möglichst unbekannten aussagekräftigen Beispielen“ illustriert sein.</p>
<div>
<p>Was gelingt: Hat sich das Auge erst mal an die kleinteiligen Seiten gewöhnt, sorgen die Zeitdokumente, auch dank ihrer heute eigentümlich erscheinenden Sprache, für die Atmosphäre, die den Texten oftmals fehlt.</p>
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		<title>Keine toreschießende Wollmilchsau</title>
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		<pubDate>Tue, 05 Jun 2012 11:58:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Solide Schwarzbrot-Qualität vom kicker, viele bunte Gimmicks beim Testsieger 11 Freunde – die Bandbreite der EM-Sonderhefte ist groß. Das perfekte Heft ist nicht dabei. (aus der taz vom 5. Juni 2012) Man muss sich das wohl so vorstellen: Irgendwo in Nürnberg]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Solide Schwarzbrot-Qualität vom <em>kicker</em>, viele bunte Gimmicks beim Testsieger <em>11 Freunde</em> – die Bandbreite der EM-Sonderhefte ist groß. Das perfekte Heft ist nicht dabei. (aus der <a href="https://www.taz.de/Sonderhefte-zur-Fussball-EM/!94447/" target="_blank">taz</a> vom 5. Juni 2012)</h3>
<p><span id="more-709"></span></p>
<p><img class="alignleft" title="kicker-sonderheft" alt="" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/kicker-sonderheft.jpg" width="200" height="277" />Man muss sich das wohl so vorstellen: Irgendwo in Nürnberg sitzt in einem alten Bunker, vielleicht unter dem Reichsparteitagsgelände, die <em>kicker</em>-Redaktion, mit der Außenwelt nur mittels eines Telegrafen verbunden. Draußen dreht sich die Welt weiter, einflussreiche Magazindynastien werden gegründet und zerfallen wieder zu Staub, Fußball und Feuilleton nähern sich einander an, <em>11 Freunde</em> revolutioniert die Bildsprache des deutschen Fußballjournalismus. Und der <em>kicker</em> bringt halt ein Sonderheft zur Fußball-Europameisterchaft raus, das exakt so aussieht wie immer: gleiches Layout, gleiche Fotos, gleiche Inhalte.</p>
<p>Erst kommen detaillierte Texte zum deutschen Team inklusive Hotelporträt und Interviews mit Alt-Europameistern. Anschließend werden die restlichen 15 Mannschaften vorgestellt. Mit Texten zu Stärken, Schwächen und Wunschaufstellung, sehr sachlich und souverän, wenngleich ohne den totalen taktischen Tiefgang, sowie mit Mannschaftsfoto, ungefährem Kader (wie in allen Heften lag der Redaktionsschluss vor der Nominierungsfrist) und – das allerdings ist als Handreichung ein echtes Plus – kurzen Steckbriefen aller Spieler. Am Ende folgen noch unfassbar detaillierte Statistiken zur deutschen EM-Historie.</p>
<p>Auch sprachlich finden sich noch viele Reste aus der verblassenden Zeit des Bratwurstjournalismus: Da geht die Post ab, da werden Sachen wie aus dem Eff-eff gekannt, da gibt es Trainerfüchse und robuste Kerle. Nein, man wird beim <em>kicker</em> nicht ästhetisch umschmeichelt. Aber wer eine umfassende, seriöse und ironiefreie Vorbereitung auf die EM sucht, kann bedenkenlos zugreifen. Achso:  irgendwo verstecken sich auch tatsächlich zwei Gimmicks – die ewige Stecktabelle und eine furchtbar unlustige Kolumne von Django Asül.</p>
<p><img class="alignleft" title="11freunde_05_365711889b" alt="" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/11freunde_05_365711889b.jpg" width="200" height="266" />„The icing on the cake“ nennt man im Englischen solche veredelnden Glitzi-Elemente, die nicht lebensnotwendig sind, für die man sich aber ein wenig Zeit und Liebe nehmen sollte. Und der <em>kicker</em> gleicht nunmal einem nahrhaften Kuchentrumm, auf den sich ein paar Puderzuckermoleküle verirrt haben – während umgekehrt die EM-Ausgabe von <em>11 Freunde</em> ein millimeterdünner Tortenboden ist, auf dem mehrere Kubikmeter Glasur thronen.</p>
<h6>Splitter, Bonbons, Klein- und Kleinstrubriken</h6>
<p>Unzählige Splitter, Bonbons, Klein- und Kleinstrubriken ziehen sich durch das Heft, darunter viel Fiktives, das meiste lustig, manches eher nicht. Gleichzeitig wird gar nicht erst versucht, alle wichtigen Informationen abzubilden oder alle Teams vorzustellen, auch das beiliegende Miniheft mit den Spielerkadern erfüllt nur eine Alibi-Funktion. Die <em>11 Freunde</em> müssen aufpassen, dass sie sich in ihrer Pose der ironischen Brechung nicht irgendwann komplett verheddern. Auch bei ihren Live-Tickern im Internet ist der Klamaukanteil mitunter nur noch schwer ertragbar.</p>
<p>Abgesehen davon machen sie aber, was sie am besten können: Jeder Turniertag wird zum Anlass für eine hintergründige Geschichte oder eine Bildidee genommen. Seien es Gruppenfotogalerien von polnischen Hooligans mit nackten Muskeloberkörpern, eine grandiose Analyse des Fußballsongs „Three Lions“ oder ein Interview, in dem Dänemarks Ex-Nationaltorwart Peter Schmeichel mit dem Big-Mac-Mythos vom EM-Sieg 1992 aufräumt – journalistisch und gestalterisch ist das <em>11-Freunde</em>-Heft mit Abstand das beste im Feld.</p>
<p>Eine Synthese zwischen beiden Philosophien versucht der österreichische <em>ballesterer</em>, der einen ähnlich kritischen Fankultur- und Lebenswelt-Ansatz wie <em>11 Freunde</em> vertritt. Nach dem klassischen kleinteiligen Magazin-Einstieg hat das Heft eine klare Struktur, jede Mannschaft wird mit einem doppelseitigen Text versehen, nur die Gastgeber Polen und Ukraine haben richtig lange Stücke bekommen.</p>
<p>Über die Details der Transformation des griechischen 4-2-3-1 in ein 4-5-1 beim Gegenpressing erfährt man hier zwar nichts, als geschmeidiger Einstieg ins Turnier aber funktioniert es gut. Und als Bonus gibt es die leicht verschobene Nachbarland-Perspektive und einige schöne Austriazismen.</p>
<h6>Viel Schland-Content bei Sport-Bild</h6>
<p>Mit im Rennen ist natürlich auch die <em>Sport-Bild</em>. Sie informiert ähnlich umfassend wie der <em>kicker</em>, mit vielen Statistiken und viel Schland-Content. Das Layout ist vielseitiger, dafür mit Werbung vollgekleistert, die Teamporträts sind fluffiger geschrieben, dafür taktisch bei weitem nicht so fundiert. Wer es schnell und leicht verdaulich mag – oder ein besonderes Interesse an den Social-Media-Aktivitäten der EM-Stars hat – dürfte das <em>Sport-Bild</em>- dem <em>kicker</em>-Sonderheft vorziehen.</p>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-712" title="ballesterer" alt="" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/ballesterer.jpg" width="200" height="267" />Das EM-Heft und zugleich die Erstausgabe des neuen, von Egmont Ehapa (<em>Micky Maus</em>) verlegten Magazins <em>Goal</em> dem Rest vorziehen sollte hingegen nur, wer ein Cristiano-Ronaldo-Poster haben will. Ansonsten stimmt hier praktisch nichts, von der kaum lesbaren Schrift und der hölzernen Sprache über den mangelnden taktischen Tiefgang und das wirre (aber sehr bunte!) Layout bis hin zur offenbar nicht vorhandenden Schlusskorrektur.</p>
<p>Echten Fußball-Nerds oder Menschen, die es werden wollen, sei schließlich die nur als E-Book veröffentliche EM-Vorschau des Blogs <a href="http://spielverlagerung.de/" target="_blank">spielverlagerung.de</a> empfohlen – ebenfalls eine Premiere. Wobei Book auch im Wortsinn gemeint ist, denn abgesehen von Mini-Grafiken der Teamaufstellung gibt es hier nur: Text. Seitenlang werden die taktischen Optionen, Stärken und Schwächen der Spieler und Teams analysiert, präziser und tiefgehender findet man das nirgends. Dazu kommen einige Hintergrundtexte und Porträts. Sprachlich ist das zwar manchmal etwas lang und umständlich, aber insgesamt doch ziemlich gefällig.</p>
<p>Kombiniert mit dem <em>11-Freunde-</em>Heft deckt das Spielverlagerungs-Buch dann auch am ehesten alle Wünsche nach Spaß und Ernst in der EM-Vorbereitung ab. Wer alles kompakt in einem Heft haben will, muss sich halt zwischen <em>kicker</em>, <em>Sport-Bild</em> und <em>ballesterer</em> entscheiden.</p>
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		<title>Die Farbe des Pols</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Jun 2012 12:52:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Comic]]></category>
		<category><![CDATA[fluter.de]]></category>
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		<description><![CDATA[War der erste Mensch am Nordpol ein Schwarzer? Simon Schwartz porträtiert in seiner Graphic Novel „Packeis“ den vergessenen Polarreisenden Matthew Henson. (veröffentlicht auf fluter.de). Wer war der erste Mensch am Südpol? Richtig: Roald Amundsen. War ja 2011 gerade erst das]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>War der erste Mensch am Nordpol ein Schwarzer? Simon Schwartz porträtiert in seiner Graphic Novel „Packeis“ den vergessenen Polarreisenden Matthew Henson.<span id="more-722"></span> (veröffentlicht auf <a href="http://www.fluter.de/de/111/buecher/10467/" target="_blank">fluter.de</a>).</h3>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-725" title="packeis_breit" alt="" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/packeis_breit.jpg" width="620" height="278" /></p>
<p>Wer war der erste Mensch am Südpol? Richtig: Roald Amundsen. War ja 2011 gerade erst das 100-jährige Jubiläum. Und wer war der erste Mensch am Nordpol? Das ist höchst strittig – offiziell heißt es: Robert E. Peary im Jahr 1909. Doch Pearys Aufzeichnungen enthalten einige Ungereimtheiten, und die seines Konkurrenten Frederick Cook erst recht. Ein Name wird in diesem Zusammenhang hingegen nie genannt: Matthew Henson.</p>
<p>Dabei könnte der sogar noch einige Stunden vor seinem Expeditionsleiter Peary am Pol gewesen sein. Das Problem: Henson war Afroamerikaner. Und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als der Kolonialismus die Welt prägte und die Sklavenbefreiung in den USA erst wenige Jahrzehnte zurück lag, stand schlichtweg außer Frage, dass ein Schwarzer den Nordpol erobern könnte. Schwarze traten im öffentlichen Leben praktisch nicht auf.</p>
<p>In seiner Graphic Novel „Packeis“ erzählt Simon Schwartz Hensons Geschichte in zahlreichen Rückblenden. Es ist eine Geschichte der Diskriminierung und der Ungerechtigkeit. Schwartz zeigt, wie Henson durch Rassismus früh zum Vollwaisen wird und wie er beginnt, die See zu bereisen. Wie Henson 1887 in Nicaragua erstmals Robert E. Peary auf einer Expedition begleitet und später auf allen seinen Polarentdeckungsreisen dabei ist. Wie Henson sich durch seine schnelle Auffassungsgabe, sein handwerkliches Geschick und seine Loyalität immer wieder unersetzlich macht – obwohl er von Peary in erster Linie als nützliches Werkzeug gesehen wird, um noch mehr Forscherruhm zu erlangen.</p>
<h6>Die Welt um 1900</h6>
<p>Aber auch die Rückschläge und Finanzakquisen Pearys sind ein Thema. Überhaupt wird ein umfassendes Bild der Zeit um 1900 gezeichnet, als Naturwissenschaftler die Vermessung der Welt vorantrieben und die halbe westliche Welt gebannt das Rennen um die Pole verfolgte. Zugleich liegt ein besonderer Fokus auf der Beziehung Matthew Hensons zu den Inuit, deren Sprache er schnell lernte: Für sie ist er Mahri Paluk, ein guter Dämon, der den Teufel besiegte.</p>
<p>Simon Schwartz, geboren 1982, scheint eine Vorliebe für historische Stoffe zu entwickeln. „drüben!“, seine Diplomarbeit an der Comiczeichner-Talentschmiede HAW Hamburg, handelt von der Geschichte seiner Eltern, die in der Endphase der DDR einen Ausreiseantrag stellten.</p>
<p>In seinem aktuellen Werk hat Schwartz seinen Stil auf atemberaubende Weise weiterentwickelt. Zwar sehen die Figuren mit ihren großen Augen und expressionistisch-vereinfachten Gesichtszügen weiterhin aus wie eine unbestimmte Mischung aus mittelamerikanischer Wandmalerei und den Charakteren alter Mosaik-Comics – wie schon in seinem Debüt –, doch ist ihnen jede Unbeholfenheit abhanden gekommen.</p>
<h6>Sog der Bilder</h6>
<p>&nbsp;</p>
<p>Mit seinem markantem Strich und einer klaren Farbgebung zieht Schwartz seine Leser und Leserinnen mit jeder Seite tiefer in einen Sog der Bilder. Er schafft komplexe visuelle Überleitungen zwischen den verschiedenen Zeitebenen, lässt die Hintergründe zwischen realistischen Darstellungen und ausdrucksstarken Mustern changieren, verschränkt die mythologische Darstellung Hensons als Inuit-Geist mit der modernen Welt der USA.</p>
<div>
<p>Farblich ist „Packeis“ ausschließlich in flächigen Schwarz-, Weiß-, Grau- und Hellblautönen gehalten. Und so hart wie diese Kontraste sind auch Gut und Böse gezeichnet. Auf der einen Seite Robert A. Peary, der mit jeder Polarreise hinterlistiger, habgieriger, hakennasiger wird und im Schlussakkord alle Widersacher beiseite räumt. Auf der anderen Seite der grundgütige Henson, der sich klug an die Kultur der Inuit anpasst und Peary gegenüber doch stets loyal bleibt. Davon abgesehen gelingt es Schwartz aber, nur in geringen Dosen zu moralisieren.</p>
<p><img class="size-full wp-image-723 alignleft" alt="Packeis_Cover" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Packeis_Cover.jpg" width="200" height="270" />Trotz der umfangreichen Recherche nimmt er sich dabei einige künstlerische Freiheiten heraus – etwa indem er die beiden Ehefrauen Hensons zu einer vermengt. Eine ausführliche Zeittafel mit Originalfotografien am Buchende verleiht dem umwerfenden Bilderrausch eine finale Erdung. So ist „Packeis“ ein rundum gelungenes Werk.</p>
<p><strong>Simon Schwartz: Packeis (Avant-Verlag 2012, 176 S., 19.95 €)</strong></p>
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		<title>Dem Superhelden kneift die Hose</title>
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		<pubDate>Fri, 27 Apr 2012 13:06:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Comic]]></category>
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		<description><![CDATA[Lakonisch und grandios: Tilo Richters und Jan Kottischs Graphic Novel &#8220;Flash Preußen&#8221; erzählt die Geschichte eines tragischen Weltenretters. (veröffentlicht auf zeit.de) Der Superheld lebt im Plattenbau, Neungeschosser, mindestens. Drinnen: ein düsteres Treppenhaus, schmucklose Türen mit Spion. Da drüben wohnt Herr]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><strong>Lakonisch und grandios: Tilo Richters und Jan Kottischs Graphic Novel &#8220;Flash Preußen&#8221; erzählt die Geschichte eines tragischen Weltenretters.<span id="more-393"></span> (veröffentlicht auf <a href="http://www.zeit.de//kultur/literatur/2012-04/flash-preussen" target="_blank">zeit.de</a>)</strong></h3>
<h3><strong><em><img class="alignnone size-full wp-image-411" title="FlashPreussen01" src="http://michaelbrake.de/blog/wp-content/uploads/FlashPreussen01.jpg" alt="" width="620" height="310" /></em></strong></h3>
<p><strong><em></em></strong>Der Superheld lebt im Plattenbau, Neungeschosser, mindestens. Drinnen: ein düsteres Treppenhaus, schmucklose Türen mit Spion. Da drüben wohnt Herr Paschke von Jugendamt, hier vorne wohnt Flash Preußen. &#8220;Preußen war ein ruhiger Nachbar&#8221;, sagt eine Hausbewohnerin über ihn. Draußen: eine Friedenstaube und zwei Wolken, groß auf die Fassade gemalt. Von ganz oben hat man einen Blick über die ganze Neubausiedlung. Man kann sich aber auch in den Tod stürzen. Wenn man bereit ist.</p>
<p>Flash Preußen ist noch nicht bereit.</p>
<p>Preußen ist ein trauriger Held. Eine kleine Wampe spannt sich unter dem Ganzkörperanzug, die Badehose saß auch schon mal knackiger am Hintern, die Latexhandschuhe und -stiefel wirken eher albern. Flash Preußen wird leicht aggressiv, Spaß scheint ihm das Leben nicht zu bereiten. Eine bürgerliche Zweit-Existenz, auf die er sich zurückziehen könnte, hat er nicht. Flash ist immer Flash.</p>
<p>Erfunden haben ihn der Mecklenburger Grafiker <a href="http://www.newyorktilotokyo.com/" target="_blank">Tilo Richter</a> und der Schweriner Texter Jan Kottisch. Eigentlich war Flash Preußen nur eine Studienarbeit an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, wo unter anderem auch die Zeichner Arne Bellstorf und Sascha Hommer studierten und Anke Feuchtenberger lehrt. Doch durch den Gewinn des erstmals verliehenen <a href="http://www.afkat-foerderpreis.de/" target="_blank">Afkat-Förderpreises</a>, finanziert durch eine Anwaltskanzlei, konnte die Graphic Novel nun beim Hamburger Independent-Verlag Mairisch veröffentlicht werden.</p>
<h6>Preußens letzte Reise</h6>
<p>In vier Kapiteln mit markanten Namen - <em>Tier</em>, <em>Sonne</em>, <em>Fortschritt</em>, <em>Flug</em> - erzählen Richter und Kottisch von Preußens letzter Reise. Denn bevor er abdanken kann, muss er nochmal zurück nach Hause. Simone, seine Nachbarin und die Off-Erzählerin des Buches, fährt ihm hinterher. Durch die weiten, flachen Agrarlandschaften Mecklenburgs, in sein Dorf, in dem kahle Bäume menschenleere Straßen säumen. Unter dem Giebel von Flashs Elternhaus hängt noch immer eine Sonne, die Scheiben sind kaputt. Die Dorfkirche wird überragt von den Türmen der alten Milchviehanlage, die längst nicht mehr im Betrieb ist.</p>
<p>Hier ging es los, hier wurde ein kleiner Junge, dessen Zahn in die Jauchegrube gefallen war, zu Flash, dem Helden. Und hier lud er dunkle Schuld auf sich. Obwohl Kottisch und Richter in Form, Atmosphäre und Tempo jegliche Actionheldenklischees konterkarieren, wählen sie mit der Herkunftsgeschichte ein klassisches Genremotiv. Wie der Raubmord an den Eltern des jungen Bruce Wayne (<em>Batman</em>) oder die verstrahlte Spinne, die Peter Parker beißt (<em>Spiderman</em>) – Schlüsselmomente, in denen Menschen aus ihrem normalen Leben gerissen werden, um fortan die Gesellschaft zu beschützen und zugleich jenseits von ihr zu stehen.</p>
<p>So beklemmend die Geschichte, so entrückt sind die Bilder. Nur ganz selten unterbricht Tilo Richter sein Raster aus zwei querformatigen Panels pro Seite. Die schwarz-grauen Kohlezeichnungen, realistisch und doch sehr ausdrucksstark, sind grandios, stumme Impressionen der Landschaft seiner Heimat: der dunkle Wald, die Plattenbauten, ein Reh in Großaufnahme. Sprechblasen sind selten und werden wie aufdringliche und amorphe Fremdkörper inszeniert. Um die Geschichte voranzutreiben, die immerhin in einer handfesten Verfolgungsjagd mündet, nutzt Jan Kottisch lieber einen Off-Text unter den Bildern. Oft aber auch einfach gar keinen.</p>
<h6>Anfang und Ende, Geburt und Tod</h6>
<p>Man muss die Geister der Vergangenheit besiegen, um sich der Zukunft zu stellen – selbst wenn man keine mehr hat. Anfang und Ende, Geburt und Tod von Flash Preußen sind das Thema dieser Graphic Novel. Was dazwischen passiert, ob Preußen eigentlich auch was taugt als Held, erfahren wir nicht. Noch nicht. Flash Preußen ist als Trilogie angelegt, der zweite Teil (Titel: <em><a href="http://cargocollective.com/NYTT/FLASH-PREUSSEN-Der-Betondachs" target="_blank">Der Betondachs</a></em>) ist bereits in Arbeit.</p>
<p>Schließende Kreise um traurige Helden, Kohlezeichnungen auf Munkenpapier mit intensivem Eigengeruch, die Wortlosigkeit, der strenge Aufbau: Es ist schon alles sehr artifiziell, was Kottisch und Richter hier vorlegen. Aber auch sehr gut.</p>
<p><strong>Tilo Richter, Jan Kottisch: Flash Preußen, Mairisch, Hamburg 2012; 96 S., 16,90 €</strong></p>
<h3><img class="alignnone size-full wp-image-412" title="FlashPreussen02" src="http://michaelbrake.de/blog/wp-content/uploads/FlashPreussen02.jpg" alt="" width="620" height="310" /></h3>
<p style="text-align: right;">Bilder: Tilo Richter/Jan Kottisch/mairisch</p>
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		<title>Zeitreisen und legale Auftragsmorde</title>
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		<pubDate>Fri, 23 Mar 2012 14:31:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Comic]]></category>
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		<description><![CDATA[Parallelwelten aus Pop und Pulp: Im lakonischen Comic „Ich habe Adolf Hitler getötet“ geht es um Zeitreisen, Nazis – und eigentlich doch um etwas ganz Anderes. (aus der taz vom 24. März 2012) Zeitreisen sind immer ein tolles Erzählmotiv, werfen sie]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><strong>Parallelwelten aus Pop und Pulp: Im lakonischen Comic „Ich habe Adolf Hitler getötet“ geht es um Zeitreisen, Nazis – und eigentlich doch um etwas ganz Anderes. <span id="more-48"></span>(aus der <a href="https://www.taz.de/Comic-Ich-habe-Adolf-Hitler-getoetet/!90200/" target="_blank">taz</a> vom 24. März 2012)</strong></h3>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-420" title="jasonhitler01" src="http://michaelbrake.de/blog/wp-content/uploads/jasonhitler01.jpg" alt="" width="620" height="209" /></p>
<p>Zeitreisen sind immer ein tolles Erzählmotiv, werfen sie doch einen Batzen storytreibender Elemente und hochphilosophischer Fragen ab: Die Begegnung von Menschen aus verschiedenen Epochen etwa, super geeignet für Gesellschaftskritik oder lustige Missverständnisse. Dann die Frage nach der Veränderbarkeit der Geschichte, die Bedeutung des Schmetterlingseffektes, laut dem kleinste Veränderungen im Früher einen Rieseneinfluss auf das Heute haben können, dazu wunderschöne Paradoxien (darf ich meine eigenen Großeltern erschießen?) und natürlich diverse Parallelwelt- und „Was wäre, wenn“-Gebilde.</p>
<p>Mit Parallelwelten kennt sich der norwegische Comicautor Jason aus. Durch nur leichte Verschiebungen der Realitätsmatrix schafft er absurde Szenarien: „Hemingway“ etwa, sein erster beim Berliner Independent-Verlag Reprodukt herausgegebener Band, erzählt, wie sich James Joyce, Ernest Hemingway, Scott Fitzgerald und Ezra Pound im Paris der 1920er durchschlagen müssen – als erfolglose Comiczeichner.</p>
<p>Im nun veröffentlichten „Ich habe Adolf Hitler getötet“ zeigt Jason ein Berlin der 1990er, das sich von unserer Welt nur in einem Detail unterscheidet: Auftragsmorde sind legal. So müssen täglich zahllose Menschen sterben, auf der Straße, in Cafés, einfach so, weil gelangweilte Ehepartner, unterdrückte Angestellte oder gierige Erben sich dafür entschieden haben. Mit einer ungeheuren Beiläufigkeit wird dieser Zustand ausgestellt, der von keinem der Beteiligten infrage gestellt wird. Die kennen es nicht anders.</p>
<p>Ein brutal kühler Effekt, der durch die entmenschlichten Figuren noch verstärkt wird: Jason bevölkert seine Geschichten mit sich einander sehr ähnelnden Hunden, Wölfen, Hasen und Vögeln mit leeren weißen Augen, alle schlank und gleich groß, die sich allenfalls durch Nuancen in der Mimik voneinander unterscheiden. Anders als aber etwa die symbolbeladene Fabeltierwelt in Art Spiegelmans „Maus“ scheint es keinen Zusammenhang zwischen Tierart und Charakter zu geben.</p>
<h6><strong>Doppelter Buzzword-Alarm</strong></h6>
<p>Auch Jasons namenloser Protagonist, nennen wir ihn der Einfachheit halber Q., arbeitet als Killer. Sein Alltag bietet keine spektakulären Ereignisse: Töten, Kundengespräch, Kneipe, Töten, Schlafen, Töten. Bis ein Wissenschaftler ihn mit einem Spezialauftrag konfrontiert: Er soll Adolf Hitler im Jahr 1938 umbringen und so den Zweiten Weltkrieg ungeschehen machen.</p>
<p>Da es 50 Jahre dauert, die Zeitmaschine einmal voll aufzuladen, hat Q. nur einen Versuch – der dummerweise fehlschlägt. Q. wird von Hitlers Schergen überwältigt, Hitler selbst findet die Zeitmaschine, drückt den falschen Knopf und reist ins Jetzt, wo auch ein gealterter Q. plötzlich auftaucht.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/blog/wp-content/uploads/jasonhitler02.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-419" title="jasonhitler02" src="http://michaelbrake.de/blog/wp-content/uploads/jasonhitler02.jpg" alt="" width="620" height="207" /></a></p>
<p>Das ist nun natürlich doppelter Buzzword-Alarm: zum einen Zeitreisen, die, siehe oben, ganze Generationen von Science-Fiction-Autoren über Wasser halten. Und zum anderen der böse Mann mit dem kleinen Bart und seine hakenbekreuzten Helfer, die nicht totzukriegen sind und in den vergangenen Jahren nochmals einen Schub in ihrer Transformation zum Pop- und Pulppersonal vollzogen haben, etwa in Tarantinos „Inglorious Basterds“ oder dem bald startenden Retrofuturismus-B-Movie „Iron Sky“. In dem überlebt das Dritte Reich auf der erdabgewandten Seite des Mondes.</p>
<p>Doch wer jetzt auf ein komplexes Durcheinander von Zeit-hin-und-her-Verfolgungsjagden, Beeinflussungen der Gegenwart, Antworten auf die Frage „Wie verhält sich der 1938-Hitler in der heutigen Zeit?“ oder auf trashige NS-Memorabilia hofft, wird enttäuscht. Kontrafaktische Geschichte, Großvaterparadoxa und den ganzen Rest ignoriert Jason komplett.</p>
<h6><strong>Hitler als MacGuffin</strong></h6>
<p>Und auch Hitler ist nicht mehr als ein MacGuffin, er taucht in der Gegenwart sofort unter und dient nur dazu, das eigentliche Thema voranzutreiben: die ungeklärte Liebe zwischen Q. und seiner Exfreundin. Er verließ sie, kurz bevor er den Hitler-Auftrag annahm, sie hetzte ihm, möglicherweise, einen anderen Auftragskiller auf den Hals. Nun ist Q. im Alter ihres Großvaters und wohnt wieder bei ihr, weil er sonst nirgends unterkommt. Gemeinsam machen sie eine „Jagd“ auf Hitler, die größtenteils aus ereignisarmen Observationen besteht.</p>
<p>Es wird viel geschwiegen und Alltag zelebriert bei Jason – was seinen absurden Welten nur noch zu weiterer Legitimität verhilft. Seine Figuren und Geschichten zeichnet eine spröde Sensibilität aus. Genauso nüchtern und streng sind auch die klaren Linien, die flächige, gedämpfte Farbgestaltung, die strenge Seitenstruktur mit stets zwei mal vier Panels, mit denen Jason arbeitet, und der Verzicht auf jegliche Textkästen und Erklärungen.</p>
<p>So schafft Jason in „Ich habe Adolf Hitler getötet“ eine geradezu soghafte Lakonie. Und genau dafür kann man diesen Comic mögen – nicht für Hitler oder irgendwelche Zeitreisen.</p>
<p><strong>Jason: „Ich habe Adolf Hitler getötet“. Aus dem Französischen von Mireille Onon. Reprodukt, Berlin 2012, 48 Seiten, 13 Euro</strong></p>
<p style="text-align: right;">Bilder: Jason/Reprodukt</p>
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		<title>Den Datendrachen reiten</title>
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		<pubDate>Sat, 14 Jan 2012 00:46:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Bedeutet der Verlust der Privatsphäre mehr staatliche Kontrolle? Nicht verteidigen, sondern strategisch nach vorne agieren, ist das Credo von Christian Hellers Sachbuch &#8220;Post-Privacy&#8221;. (aus der taz vom 14. Januar) Vergesst die Finanzhaie, die Baulöwen, die Heuschrecken! Der Horrorzoo des Turbokapitalismus]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Bedeutet der Verlust der Privatsphäre mehr staatliche Kontrolle? Nicht verteidigen, sondern strategisch nach vorne agieren, ist das Credo von Christian Hellers Sachbuch &#8220;Post-Privacy&#8221;. <span id="more-760"></span>(aus der <a href="https://www.taz.de/Sachbuch-ueber-Post-Privacy/!85627/" target="_blank">taz</a> vom 14. Januar)</h3>
<div>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-761" title="PostPrivacy_Cover" alt="" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/PostPrivacy_Cover.jpg" width="200" height="318" />Vergesst die Finanzhaie, die Baulöwen, die Heuschrecken! Der Horrorzoo des Turbokapitalismus hat im Internetzeitalter ein neues Monster geboren: den Datenkraken. Überall saugen die Googles dieser Welt unsere Lebensinformationen auf, werden immer reicher und mächtiger – und nur ein paar wackere deutsche Datenschutzbeauftragte können sie noch stoppen und unsere heilige Privatsphäre retten.</p>
<p>So ist, etwas vereinfacht, der aktuelle Debattenstand zum Datenschutz. Dass es auch andere Interpretationen gibt, zeigt die noch junge &#8220;Post-Privacy&#8221;-Bewegung, die sich unter anderem in der &#8220;Datenschutzkritischen Spackeria&#8221; organisiert und im Frühjahr 2011 eine erste Runde Medienaufmerksamkeit erhielt. Einer von ihnen, der 26-jährige Christian Heller, hat nun ihre Grundthesen aufgeschrieben.</p>
<p>Sein schlicht &#8220;Post-Privacy&#8221; betiteltes Buch beginnt mit einer Bestandsaufnahme. Die &#8220;Verdatung&#8221; der Welt ist tatsächlich nicht zu stoppen: Was wir einmal in die gigantische Speicher- und Reproduktionsmaschine Internet geben, kommt da nie wieder raus. Und weil digitale und nichtdigitale Lebensbereiche immer mehr verschmelzen, Computer zudem immer intelligenter Datenmassen durchpflügen und Leerstellen selbst ausfüllen, hilft nicht mal die Verweigerung.</p>
<p>Anstatt nun Abwehrschlachten gegen das Unvermeidliche zu führen, sollten wir deshalb lieber lernen, als mündige User den Übergang in eine transparente Gesellschaft zu schaffen, wobei der Transparenzanspruch dann auch und gerade für die staatlichen Institutionen gelten muss. Heller postuliert das Ideal der entfesselten, der frei flottierenden Daten, aus deren Schatz sich Menschheit und Wissenschaft bedienen können sollen.</p>
<p>Dem stellt er die von einer besonderen Angst getriebene deutsche Schule der Datenschutzpolitik gegenüber, die lieber &#8220;den Datendrachen tötet, anstatt auf ihm zu reiten&#8221;. Wobei auch deutsche Datenschützer zahm bleiben, wenn der Staat ein Bedürfnis hat, selbst Daten zu sammeln.</p>
<h6>Datenschutz geht nur mit Überwachung</h6>
<p>Möglich wäre allumfassender Datenschutz ohnehin nur, würde man konsequent alle Datenströme im Netz nachverfolgen und überwachen, damit auch ja nichts in falsche Hände gerät. Für Heller ist Datenschutz somit immer auch Unterdrückung und Drosselung des freien, anarchischen Datenflusses  – und steht Seite an Seite etwa mit der Rechteverwertungsbranche und ihrem Kampf gegen Filesharer und Raubkopierer.</p>
<p>Zugleich zeigt Heller auf, dass Privatsphäre erstens kein Wert an sich ist und zweitens keineswegs immer da war. In der Antike galt der öffentliche Raum als höchstes Gut. Das Verb &#8220;privare&#8221; ist eher negativ konnotiert, es bedeutet &#8220;berauben&#8221;. Und erst in den letzten Jahrhunderten fanden die Menschen aus der großen Wohn-, Ess- und Schlafstube in separat zugängliche Privatgemächer.</p>
<p>Wobei dieses Mehr an Privatsphäre nicht nur ein Segen war. Im Bürgertum stärkte der von der staatlichen Machtausübung abgekoppelte private Raum patriarchale Strukturen. Für die Arbeiterschaft bauten Industrielle schicke Sozialwohnungen nicht nur aus Menschlichkeit, sondern um die konspirative Verbrüderung in Massenbehausungen zu unterbinden.</p>
<p>Die größte Stärke Hellers ist, dass er Neues nicht per se als Bedrohung sieht. Zentrale Begriffe wie das Private, Daten, Macht, Wissen definiert er erst, um sie dann, befreit vom semantischen Ballast der aktuellen Debatte, in seiner Argumentation zu nutzen. Dabei sind nicht alle seine Thesen und Beispiele unbedingt einleuchtend. Einige Annahmen zum Segen einer transparenten Gesellschaft, in der sich alle notfalls gegenseitig kontrollieren können, erscheinen, wie er selbst zugibt, utopisch-naiv.</p>
<p>Dennoch leistet &#8220;Post-Privacy&#8221; in der zunehmend hysterischen Datenkraken-Diskussion einen wichtigen Beitrag: indem es einfach mal ein paar Begriffe klarzieht und zeigt, dass die Datenentfesselung nicht immer nur als Gefahr, sondern auch als Chance begreifbar ist.</p>
<div>
<p><strong>Christian Heller: &#8220;Post-Privacy. Prima leben ohne Privatsphäre&#8221;. C.H. Beck, München 2011, 174 Seiten, 12,95 Euro</strong></p>
</div>
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		<title>Aufstand der Goldfarmer</title>
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		<pubDate>Fri, 13 Jan 2012 12:05:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[In Multiplayer-Onlinespielen ist längst eine Parallelökonomie entstanden: Jugendliche aus Asien erkämpfen Gold und Gegenstände. In Cory Doctorows Sci-Fi-Roman &#8220;For the Win&#8221; treten sie in den Streik. (veröffentlicht auf fluter.de) Im Mai 2011 packte ein ehemaliger Häftling des chinesischen Arbeitslagers Jixi aus.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><strong>In Multiplayer-Onlinespielen ist längst eine Parallelökonomie entstanden: Jugendliche aus Asien erkämpfen Gold und Gegenstände. In Cory Doctorows Sci-Fi-Roman &#8220;For the Win&#8221; treten sie in den Streik.<span id="more-166"></span> (veröffentlicht auf <a href="http://www.fluter.de/de/waehrung/buecher/10089/" target="_blank">fluter.de</a>)</strong></h3>
<p><img class="size-full wp-image-453 alignleft" title="doctorow_heyne_g" src="http://michaelbrake.de/blog/wp-content/uploads/doctorow_heyne_g1.jpg" alt="" width="200" height="319" />Im Mai 2011 packte ein ehemaliger Häftling des chinesischen Arbeitslagers Jixi aus. Die Nachricht ging um die Welt: Er und sein Mitgefangenen waren gezwungen worden, im Multiplayer-Online-Rollenspiel &#8220;World of Warcraft&#8221; in Zwölfstundenschichten Gegenstände und Gold zu erkämpfen. Mit dem Beutegut besserten sich dann die Wärter ihr Gehalt auf. Es war kein Einzelfall.</p>
<p>Goldfarming heißt das Phänomen. Virtuelle Güter, etwa ein besonders mächtiges Schwert, werden von meist asiatischen Gamern erspielt und an wohlhabende US-Amerikaner und Europäer veräußert, die selber wenig Zeit haben, aber schnell ein hohes Level erreichen wollen. Obwohl die Spiele-Hersteller versuchen, solche Geschäfte zu unterdrücken, kann das eingenommene Spielgold über dubiose Kanäle in echtes Geld umgetauscht werden.</p>
<p>Mehrere tausend dieser &#8220;Goldfarmen&#8221; mit miesen Arbeitsbedingungen soll es allein in China geben. Das gesamte Bruttosozialprodukt dieser virtuellen Welten übersteigt längst das mancher realer Staaten.</p>
<p>Eine gute Vorlage für Science-Fiction-Autoren: Neal Stephenson (&#8220;Diamond Age&#8221;, &#8220;Snow Crash&#8221;) hat mit &#8220;Reamde&#8221; jüngst einen Roman vorgelegt, der Goldfarming zum Thema hat. Ebenso Cory Doctorow mit seinem Jugendroman &#8220;For the Win&#8221;, der gerade auf Deutsch erschienen und eher gesellschaftliche als wissenschaftliche Fiktion ist. Doctorow, der als Teil von <a href="http://boingboing.net/" target="_blank">boingboing.net</a> in den USA auch ein äußerst populärer Blogger ist und als Digital-Rights-Aktivist für eine Liberalisierung des Urheberrechts kämpft, bietet die englische Fassung von &#8220;For the Win&#8221;, wie alle seine Bücher, auch kostenlos zum Download an – unter einer Creative-Commons-Lizenz, die eine Verbreitung unter bestimmten Bedingungen erlaubt und fördert.</p>
<h6>Schlägertruppen jagen Goldfarmer</h6>
<p>In &#8220;For the Win&#8221; beschreibt er eine sehr nahe Zukunft, in der die Bedeutung von Massen-Onlinespielen noch größer ist als heute. Zu den zahlreichen Figuren in seinem Roman zählen die Goldfarmer Matthew und Lu aus dem chinesischen Shenzhen, die sich von ihrem Boss Mr. Wing abgekoppelt haben, um ihr eigenes Business zu gründen, und nun von Schlägertruppen verfolgt werden. Außerdem sind da die indischen Teenager Yasmin und Mala, fast unschlagbar in digitalen Kriegsspielen, die von einem Fremden angeheuert werden, um andere Goldfarmer aufzumischen – quasi als Fußvolk in einem virtuellen Mafiakrieg.</p>
<p>Da ist Wei-Dong, ein reiches kalifornisches High-School-Kid, der von zu Hause abhaut, um mit seinen chinesischen Gamer-Freunden zocken zu können. Und da ist Connor Prikkel, ein versifftes Wirtschaftsgenie, der es als &#8220;Chief Economist&#8221; in die Firmenzentrale von Coca-Cola Games geschafft hat und sich dort um die wirtschaftliche Seite der Computerspiele kümmert.</p>
<p>Im Zentrum der weit aufgefächerten Geschichte steht die Gründung einer Gamer-Gewerkschaft, die Schwester Nor, eine Aktivistin aus Malaysia, vorantreibt. Diese Gewerkschaft soll Schluss machen mit den unwürdigen Arbeitsbedingungen, und sie soll die Spieler, die verstreut in allen Teilen der Welt leben, vereinen. Doch was als idealistisches und leicht naives Aufbäumen der Unterdrückten beginnt, wird spätestens dann bitterer Ernst, als böse Unterweltbosse und die chinesische Polizei das Leben der Online-Gewerkschafter bedrohen – ihr echtes Leben, nicht das ihrer Avatare.</p>
<h6>Angestrengt-blumiger Pathos</h6>
<p>Gerechtigkeit, Moral, der Kampf um Unabhängigkeit von Elternhaus und Bossen: Das sind große emotionale Themen. Und das ist auch zugleich das größte Problem dieses Buches. Denn Doctorow schildert die Gefühlswelten seiner Protagonisten ausführlich und oft mit einem angestrengt-blumigen Pathos.</p>
<p>In schwachen Abschnitten klingt jeder vierte Satz etwa so: &#8220;Ashok schaute verwundet auf Malas grimmiges Gesicht, sie war einen Kopf kleiner als er, aber manchmal kam sie ihm wie ein Riese vor.&#8221; Auch wird ständig &#8220;befreit&#8221; gelacht, und immer wieder wissen die Figuren, dass sie &#8220;diesen Kampf einfach nicht verlieren können&#8221;. Ein bisschen mehr ballastbefreiendes Lektorat hätte dem 600-Seiten-Buch gut getan.</p>
<p>Abgesehen von diesen stilistischen Schwächen verknüpft Doctorow jedoch fundiertes und gut erklärtes Hintergrundwissen mit einer ordentlichen Story und trifft dabei tatsächlich den Nerv der Zeit. Goldfarming und andere Verwebungen von virtuellen und &#8220;realen&#8221; Welten und Ökonomien werden unser kommendes Leben prägen. Auch der Fokus auf Asien passt. Die Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichten des 21. Jahrhunderts werden nicht mehr in den USA erzählt, sondern in den Fabrikstädten, Slums und Sonderwirtschaftszonen von China, Indien und den Tigerstaaten.</p>
<p><strong>Cory Doctorow: For the Win (Heyne 2011, 640 S., 16.99 €)</strong></p>
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		<title>Zehn kleine Kissen greifen an</title>
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		<pubDate>Tue, 20 Dec 2011 00:19:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Games]]></category>
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		<description><![CDATA[Ein großer Spaß für Nintendos kleine Konsole: &#8220;Kirby Mass Attack&#8221; zeichnet sich durch eine Riesenliebe zum Detail aus und klingt wie ein 5-Spur-Keyboard.(veröffentlicht auf taz.de) Ganz schlimm fand ich schon immer diese alternden Männer, die ihr Leben lang auf dem]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Ein großer Spaß für Nintendos kleine Konsole: &#8220;Kirby Mass Attack&#8221; zeichnet sich durch eine Riesenliebe zum Detail aus und klingt wie ein 5-Spur-Keyboard.<span id="more-741"></span>(veröffentlicht auf <a href="https://www.taz.de/Serie-Digitale-Spiele-Teil-7/!83923/" target="_blank">taz.de</a>)</h3>
<p><img class="size-full wp-image-742 alignnone" title="kirby_mass_attack1" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/kirby_mass_attack1.jpg" alt="" width="620" height="312" /></p>
<p>Ganz schlimm fand ich schon immer diese alternden Männer, die ihr Leben lang auf dem Hippie-Rock&#8217;n'Roll-Trip – dem Soundtrack ihrer Jugend, der einzig wahren Musik – hängengeblieben sind. Die mit der Leder- oder Jeansjacke verwachsen sind, ihr Haupthaar auch bei Zweidrittelglatze noch rebellisch lang tragen und nicht die geistige Beweglichkeit besitzen, sich elektronische Musik &#8211; oder bloß Synthesizer &#8211; auch nur probeweise anzuhören.</p>
<p>Dabei bin ich ganz genauso. Bloß dass meine Helden nicht Bob Dylan und Jim Morrisson heißen, sondern Super Mario und Mega Man. Sozialisiert als Nintendo-Fanboy in der ersten Hälfte der Neunziger und längst mit meinem Kapuzenpullover und den Fake-Skate-Sneakern verwachsen, bleiben für mich die einzig wahren Videospiele diejenigen, in denen man noch jeden Pixel einzeln erkennen konnte.</p>
<p>Die dritte Dimension war mir hingegen immer eine zuviel, akzeptieren konnte ich sie höchstens bei Mario Kart. Und eins ist mal klar: Diese Blockbuster-teuren Superproduktionen, 200-Stunden-Minimum-Storys und Echtzeit-Animationen sollen doch nur kaschieren, dass die Programmierer von heute kein richtiges Leveldesign können!</p>
<h6>Klassischer 2D-Plattformer</h6>
<p>Doch zum Glück gibt es gibt sie noch, die guten Spiele. Als Retrogames im Internet und manchmal auch ganz hochoffiziell von Nintendo. &#8220;Kirby Mass Attack&#8221; für die Handheld-Konsole Nintendo DS ist so ein klassischer 2D-Plattformer: ohne große Ambitionen, dafür umso sorgfältiger gestaltet. In dem es bonbonbunte Fantasiewelten statt fotorealistischer Grafik gibt, und in dem die Musik so klingt, wie für ein 5-Spur-Keyboard komponiert – und nicht für ein Sinfonieorchester.</p>
<p>Der Held des Spiels, Kirby, ist ein flauschiges rosa Kissen und gehört seit beinahe 20 Jahren zum engeren Kreis der Nintendo-Maskottchen. Anders als in den normalen Kirby-Spielen muss er dieses Mal aber nicht Gegner einsaugen, um ihre Fähigkeiten zu übernehmen, nein: ein böser Zauberer hat Kirby in zahlreiche Mini-Kirbys aufgespalten und das verlangt, rückgängig gemacht zu werden.</p>
<p>So spielt man in &#8220;Kirby Mass Attack&#8221; auch nicht nur eine Spielfigur, sondern bis zu zehn. Die Kirbys stürzen sich auf Gegner, lassen sich in die Luft schnipsen, als Gruppe vereinen oder zum schweben bringen.</p>
<h6>Moderater Schwierigkeitsgrad</h6>
<p>Nun sorgt eine solche Riesengruppe logischerweise für mangelnde Präzision bei der Steuerung, die übrigens ausschließlich über die Touchpad-Funktion des Nintendo DS erfolgt. Zum Ausgleich ist der Schwierigkeitsgrad moderat – halbwegs geübte Spieler sollten wenig Probleme haben, wenn sie einfach nur ans Ziel kommen wollen. Wer aber den Anspruch hat, alle versteckten Medaillen zu finden, alle Level ohne Schaden zu überstehen, alle Minispiele und Extras frei zu spielen und so die Spielfortschrittsanzeige auf 100 Prozent zu bringen, kann einige Zeit mit &#8220;Kirby Mass Attack&#8221; verbringen.</p>
<p>Das kennt man von Nintendo und auch sonst werden viele Standards erfüllt: Auf Landkarten wandert man von Level zu Level. Auf die Grüne-Hügel-Welt zum Einstieg folgt natürlich eine Wüsten-Welt. Das Leveldesign ist rund und durchdacht, überall warten kleine Gimmicks und Rätsel, Blöcke wollen verschoben, Hebel gezogen, Wasserfälle gestoppt oder verborgene Türen entdeckt werden.</p>
<div>
<p>Und vor allem zeichnet sich &#8220;Kirby Mass Attack&#8221; durch eine Riesenliebe zum Detail aus: Gegner, Welten und Items sind von Leben erfüllt, alles hat Gesichter, zuckt und zappelt – ein großes Gewusel, ein großer Spaß!</p>
<p><img title="kirby_mass_attack2" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/kirby_mass_attack2.jpg" alt="" width="624" height="312" /></p>
<p style="text-align: right;"><strong>Fotos: Nintendo</strong></p>
</div>
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		<title>Ein Genie auf dem Weg nach unten</title>
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		<pubDate>Tue, 06 Sep 2011 02:32:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Comic]]></category>
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		<category><![CDATA[Zeit Online]]></category>

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		<description><![CDATA[David Mazzucchellis Graphic-Novel „Asterios Polyp“ ist ein fein konstruiertes Comic-Gebilde. Manchmal erschlägt einen aber seine Symbolik. (veröffentlicht auf zeit.de) Ein 1,1-Kilo-Klotz ist es. Umhüllt von einem extravagant absichtlich zu kurzen Schutzumschlag, das Hardcover beidseitig geprägt. Es geht noch weiter: Wie das amerikanische]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>David Mazzucchellis Graphic-Novel „Asterios Polyp“ ist ein fein konstruiertes Comic-Gebilde. Manchmal erschlägt einen aber seine Symbolik. <span id="more-941"></span><strong>(veröffentlicht auf <a href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2011-09/asterios-polyp" target="_blank">zeit.de</a>)</strong></h3>
<div>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-943" title="IF" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/asteriospolyp.jpeg" alt="" width="620" height="284" /></p>
<p>Ein 1,1-Kilo-Klotz ist es. Umhüllt von einem extravagant absichtlich zu kurzen Schutzumschlag, das Hardcover beidseitig geprägt. Es geht noch weiter: Wie das amerikanische Original ist auch die deutsche Ausgabe – eine Bedingung des Autors David Mazzucchelli – auf japanischem Recyclingpapier in einer speziellen chinesischen Druckerei produziert worden und zwar nicht wie sonst üblich im Vierfarb-Druck, sondern mit gleich zehn Sonderfarben.</p>
<p>Nein, dieses – natürlich! – mit mehreren Eisner- und Harvey-Awards und dem Spezialpreis der Jury vom Comicfestival Angoulême ausgezeichnete Buch ist nicht irgendeine dahergelaufene Wald-und-Wiesen-Graphic-Novel. Und daher trägt der titelgebende Held auch keinen Wald-und-Wiesen-Namen wie <a href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2010-12/david-boring-cartoon">David Boring</a> oder Jimmy Corrigan, sondern heißt Asterios Polyp.</p>
<p>So fein wie der Name sieht Herr Asterios denn auch aus: die römische Nase, die schmalen Augen, die dezenten Falten – das Profil eines außergewöhnlich begabten Menschen, Universitätsprofessor, um genau zu sein, Sohn griechisch-italienischer Einwanderer. Ein Architekt von Weltrang, ein Schnellleser und charmant parlierender Tausendsassa, ein grandioser Koch, der in einer New Yorker Wohnung voller rechtwinklig angeordneter Designklassiker lebt und eine japanische Künstlerin mit Puppengesicht geheiratet hat.</p>
<h6>Selbstherrlicher Versager</h6>
<p>Doch, nein, so einfach ist das natürlich gar nicht. Die Ehe ist längst zerbrochen, denn das Genie ist auch und vor allem: selbstherrlich, ins-Wort-fallend und von sich und seiner Intelligenz so eingenommen, dass Asterios&#8217; Frau Hana, japanisch für Blume, sich kaum entfalten kann neben seiner rational-kritischen Überheblichkeit und sich am Ende gar einer Witzfigur von Theaterregisseur in die Arme wirft, nur um ein wenig Anerkennung zu erfahren. Ganz nebenbei: Von Asterios Polyps Entwürfen wurde noch nie auch nur ein Treppenhaus gebaut.</p>
<p>Zeit für einen Neuanfang, und praktischerweise brennt exakt an Polyps 50. Geburtstag dessen Wohnung nieder und damit auch sein gesamtes Leben – das er seit Jahrzehnten auf Videokassetten aufgezeichnet hatte (ja, auch den Sex). Asterios macht sich also von seinem letzten Bargeld auf in eine namenlose Kleinstadt und heuert als Automechaniker an. Parallel zu Polyps Erlebnissen in der Provinz wird in Rückblenden der Aufstieg und Fall seiner Ehe nachvollzogen. Und auf einer weiteren Handlungsebene treibt ein Ich-Erzähler, der bei der Geburt verstorbene Zwillingsbruder Ignazio Polyp, die (De-)konstruktion von Asterios&#8217; Charakter noch weiter voran, mittels Traumsequenzen und Ausflügen in die Geistesgeschichte der letzten 2.500 Jahre.</p>
<p>Wobei letztere auch in den übrigen Teilen des Bands vollzogen werden. Zehn Jahre arbeitete David Mazzucchelli an <em>Asterios Polyp</em>, herausgekommen ist ein entsprechend feinkonstruiertes und hochsymbolisches Comic-Gebilde. Dualismen, philosophische Erwägungen zur individuell verschiedenen Wahrnehmung der Welt werden erwähnt, genau wie atonale Kompositionen, der stete Abriss und Wiederaufbau von Shinto-Schreinen, der Einfluss der Mondphasen auf die Natur, die Wahrscheinlichkeit, dass ein Meteorit auf der Erde einschlägt. Oder die Frage, ob Franz von Assisi jemals eine Mücke erschlagen hätte.</p>
<h6>Alles hat hier was zu bedeuten</h6>
<p>Da hat jeder Charakter eine eigene Sprechblasen-Handschrift, da haben Asterios und Hana ihre eigenen Zeichenstile, er blau-technisch, sie rot-schraffiert, die in glücklichen Zeiten in bunten Bildern verschmelzen, in Momenten der Entfremdung aber wieder zu harten Kontrasten werden. Farben, Formen, Ideen, Dinge – alles hat hier irgendwas zu sagen. Wer früher im Deutschunterricht Spaß an der Textexegese hatte, kann sich hier mal so richtig austoben.</p>
<p>Doch auch Interpretationsmuffel können sich in Mazzucchellis Werk verlieren. Mit klarem Strich und pointierten Dialogen führt er in diversen Episoden durch Asterios Polyps Vergangenheit, Gegenwart und Innenleben. Rückblenden und Metaebenen werden elegant ein- und ausgeklinkt, die Charaktere sind vielschichtig und bizarr, die Handlung bleibt immer im Fluss, genau wie die meist locker auf die Seiten geworfenen Panels, die Mazzucchelli mit gehörigem Variantenreichtum arrangiert.</p>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-942" title="asteriospolyp_cover" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/asteriospolyp_cover.jpeg" alt="" width="200" height="268" /></p>
<p>Bis zum Ende von Asterios Polyps Läuterungstour in die amerikanische Provinz, wo die Konfrontation mit dem einfachen Leben schließlich einen demütigeren Menschen aus ihm gemacht hat. Was, angesichts all der zuvor aufgefahrenen Meta- und Parallebenen, in seiner schlichten Moral dann doch etwas wenig ist. Aber macht nichts: Dann fangen wir einfach noch mal von vorne an. Es gibt so viel in diesem Comic zu entdecken.</p>
<p><strong>David Mazzucchelli: Asterios Polyp (Eichborn, 2011, 334 S., 29,95 €)</strong></p>
</div>
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		<title>Ente – halbgar</title>
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		<pubDate>Tue, 16 Aug 2011 16:35:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Zum 60. Geburtstag des Disney-Zentralorgans Micky Maus gönnt der Egmont Ehapa Verlag seinen erwachsen gewordenen Lesern Donald – ein Männermagazin. (aus der taz vom 16. August 2011) Natürlich Donald. Donald, der Seuchenvogel, der Choleriker, der Unperfekte, Identifikationsfigur und Liebling der]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Zum 60. Geburtstag des Disney-Zentralorgans <em>Micky Maus</em> gönnt der Egmont Ehapa Verlag seinen erwachsen gewordenen Lesern <em>Donald</em> – ein Männermagazin. <span id="more-1281"></span>(aus der <a href="http://taz.de/!76312/" target="_blank">taz</a> vom 16. August 2011)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Donald-Magazin.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1282" alt="Cover/ Donald" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Donald-Magazin.jpg" width="310" height="384" /></a>Natürlich Donald. Donald, der Seuchenvogel, der Choleriker, der Unperfekte, Identifikationsfigur und Liebling der Massen. Es ist nur ein historischer Irrtum, dass das inzwischen wöchentlich erscheinende Disney-Zentralorgan in Deutschland nach dem Streber Micky Maus benannt wurde, denn natürlich ist die Ente der Star. Und deswegen wird auch ihr ein Gimmick anlässlich des 60. Geburtstags eben jenes <em>Micky Maus Magazins</em>am 29. August gewidmet: <em>Donald</em>, ein … ja was denn eigentlich?</p>
<p>Zunächst einmal eine Zeitschrift zum Preis von 5 Euro, und zwar ein sogenannter One Shot, also ohne die Absicht, in Serie zu gehen. Die Auflage von <em>Donald</em> ist mit 150.000 Exemplaren üppig bemessen, als Zielgruppe werden Männer zwischen 18 und 40 angepeilt, Typ: gealterter <em>Micky Maus</em>-Fan, heute Leser des Männerwitzemagazins <em>FHM.</em></p>
<p>Doch da fangen die Probleme an: Will man jetzt ein Männermagazin sein? Oder doch nur eine Parodie? Designtechnisch gelingt die Mimikry gut. Inhaltlich bleibt die Linie von <em>Donald</em> unklar.</p>
<h6>Von allem ein bisschen</h6>
<p>Qualitativ ist das Endprodukt durchwachsen: Da gibt es duckifizierte Plattencover samt wirklich interessanten Hintergrundinfos (schön), ein paar Autoklassiker im Rot von Donalds 313-Oldtimer gefärbt (lahm), Interviews von Donald himself mit dem Modedesigner Michael Michalsky (gelungen), TV-Comedian Simon Gosejohann (naja) und den Musikern der Ärzte (grausam), ausklappbare Poster in der Heftmitte von Daisy und Klarabella (okay), je eine Seite Uhren, Parfüm und Sonnenbrillen (überflüssig) und so weiter.</p>
<p>Über alles wurde noch eine Prise des typischen Entenhausen-Sprachwitzes gestreut, der mit seinen Alliterationen, Inflektiven und Wortspielen à la Entitorial (für Editorial) zu Zeiten der legendären Übersetzerin Erika Fuchs progressiv und sprachbildend war, über die Jahrzehnte aber ins leicht Bräsige abgerutscht ist.</p>
<p>Bei alldem wirkt <em>Donald</em> arg hektisch produziert. Man hatte eine gute Grundidee (okay, eigentlich hatten die Finnen, Norweger und Holländer sie zuerst), man hatte ein paar lustige Einfälle für den Inhalt, und man hatte , das nimmt man den Jungs aus der Mini-Redaktion um Chef Peter Höpfner (Chefredakteur aller Disney-Zeitschriften) sofort ab, auch Spaß dabei, es umzusetzen. Und merkte dann offenbar drei Tage vor Druckschluss, dass man aus den Einzelteilen noch schnell ein Magazin bauen muss.</p>
<h6>Versenkter Aufmacher</h6>
<p>Denn bei der Komposition der 132 Seiten fehlten entweder die Zeit, die handwerkliche Erfahrung oder beides. So gibt es vorne ein bisschen Magazin-Mischmasch, danach wechseln sich die diversen Interviews, Bildstrecken und Extras ab, alles wurde beliebig in Rubriken gepackt, hinten wird der Titel-Aufmacher („Donalds Damen“) auf einer Doppelseite versenkt, danach noch ein paar Kochrezepte als Schocker („Ente Kross“), fertig ist das Gartenhäuschen.</p>
<p>Konsequent gemieden wurde hingegen die Nähe zu den seit Jahrzehnten praktizierten, bildungsbürgerlichen Ansätzen der Künstlergruppe Interduck und ihrer Duckomenta-Ausstellung oder der Erika-Fuchs-Verehrer und <em>FAZ</em>-Unterwanderer der „Deutschen Organisation der nichtkommerziellen Anhänger des lauteren Donaldismus“ (D.O.N.A.L.D.). Überhaupt fehlen längere Texte in <em>Donald</em> fast völlig, sieht man von einem offenbar vom Egmont Ehapa Verlag reingedrückten Abriss über die verschiedenen Disney-Publikationsreihen von 1951 bis heute ab, der als stilistischer Fremdkörper im Blatt klebt.</p>
<p>So bleiben als Highlight 25 erfrischend selbstreferenzielle Seiten in der Heftmitte, wo von einer missratenen Geschäftsidee von Donald bis zu einem Zeitreiseballon eigentlich alles dabei ist &#8211; mit anderen Worten: Das Beste an <em>Donald</em> ist ein Comic. Und das ist im Entenhausen-Kontext ja irgendwie auch beruhigend.</p>
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		<title>Selbsthass im Zauberwald</title>
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		<pubDate>Sun, 26 Jun 2011 23:11:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Comic]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
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		<description><![CDATA[Pubertierender Flausch: Die Comic-Zeichnerin Moki erzählt eine stille, beeindruckende Geschichte übers Erwachsenwerden inmitten verzauberter Landschaften. (veröffentlicht auf zeit.de) Die Verwandlung kommt über Nacht. Seltsame Wesen, die zwischen dunklen Tannen oben auf dem Berg wohnen, haben sie veranlasst. Und so findet]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Pubertierender Flausch: Die Comic-Zeichnerin Moki erzählt eine stille, beeindruckende Geschichte übers Erwachsenwerden inmitten verzauberter Landschaften. <span id="more-874"></span>(veröffentlicht auf <a href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2011-06/moki-wandering-ghost" target="_blank">zeit.de</a>)</h3>
<p><img class="alignright size-full wp-image-878" title="wandering-ghost-cover" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/wandering-ghost-cover.jpg" alt="" width="310" height="391" />Die Verwandlung kommt über Nacht. Seltsame Wesen, die zwischen dunklen Tannen oben auf dem Berg wohnen, haben sie veranlasst. Und so findet sich der koalaartige Waldgeist auf einmal in einem fremden, falschen Körper wieder: dem eines Fuchses, mit buschigem Schweif, spitzer Schnauze und viel zu langen Gliedmaßen. Welch ein Drama! Fassungslos blickt die noch kindliche Seele des Geistes seine neue Hülle aus der Vogelperspektive an – um sich sogleich unter Waldlaub zu verstecken. Niemand soll ihn so sehen.</p>
<p>Mit Zombie-Blick und zunehmend zerzaust stolpert der Fuchs fortan ziellos durch den Wald. Der verzweifelte Versuch, vor sich selbst wegzulaufen, ein missratenes Körpergefühl, Selbsthass bis zur Selbstzerstörung: Es ist klassischer Coming-of-Age-Stoff, der in <em>Wandering Ghost</em> erzählt wird. Aber auf ziemlich unklassische Weise.</p>
<p>Denn die Künstlerin <a href="http://www.mioke.de/info.htm" target="_blank">Moki</a> kommt in ihrem Comicband komplett ohne Worte aus. Einzig die dunkelbraun-weißen Bilder tragen durch die Geschichte. Und was für Bilder! Verschlungene Fels-, Wolken- und Pflanzenstrukturen bilden einen Zauberwald voller fließend-organischer Formen. Flauschige Fabeltiere mit neugierigen Augen wuseln hier umher. Manchmal ist es aber auch sehr ruhig.</p>
<p>Ohne jegliche Hetze und damit umso intensiver wird der schwere Weg in die Pubertät beschrieben. Mitunter werden ganze Doppelseiten für Panoramapanels freigeräumt, in denen dann einzelne Figuren dutzendfach zu sehen sind, so dass man dem Vergehen der Zeit zuschauen kann – eine Technik, die Moki auch in anderen ihrer Werke verwendet und die an japanische Emakimono-Rollen erinnert, frühe Vorfahren der Manga.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-877" title="wandering_ghost_quer" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/wandering_ghost_quer.jpg" alt="" width="620" height="278" /></p>
<p>Überhaupt, Japan: Auch viele der Landschaften und Bäume Mokis haben einen japanischen Einschlag, ihre Welten und ihr großer Respekt vor der Schönheit der Natur atmen den animistischen Geist des japanischen Shinto-Volksglaubens und die vielfachen Einflüsse des Anime-Regisseurs Hayao Miyazaki sind unverkennbar.</p>
<p>Schon 2006 gewann die heute 28-jährige Moki für <em>Asleep in a foreign place </em>den Comicpreis Sondermann in der Newcomer-Kategorie. 2007 diplomierte sie mit der Arbeit <em>To disappear completely</em> in Hamburg im Fach freie Kunst. Die Bildsprache und das Themenspektrum ihrer Acrylbilder, Street-Art, Stoff-Figuren, Installationen, Fotografien und Comics sind so markant wie eigenwillig: moosbewachsene, verschachtelte, verzauberte Landschaften, in denen traurige amorphe Riesen und gütig blickende Pelzmonster einsam herumsitzen. Dazu kommt ein Faible für Außenseiter, verlorene Gestalten, auch der Wunsch, sich zu verstecken, ist oft Thema der Synästhetikerin Moki, die selbst scheu lebt. Fotos von ihr sind selten, bei Perfomances tritt sie mit Masken und Kostümen auf.</p>
<p>Die Künstlerin und das Storytelling. Viel ist da nicht, viel soll da aber auch nicht sein. So mag <em>Wandering Ghost</em> für manchen nicht mehr als eine 88-seitige Zeichenstudie von Waldlandschaften zum Selbstausmalen sein. Wer aber in seiner Freizeit auch gerne mal eine Viertelstunde damit verbringt, einem Käfer oder einem Spatz bei seiner täglichen Arbeit zuzuschauen, der sollte sich mit Moki auf diese Märchenreise für Erwachsene begeben. Und sich darüber freuen, dass der Waldgeist – was hier ruhig verraten werden kann, denn um die Handlung oder irgendwelche Spannungsbögen geht es wie gesagt ohnehin nicht – am Ende doch zu sich findet.</p>
<p>Kleine Eichhornwesen füttern und päppeln ihn auf dem Weg dahin, so wie er ihnen früher geholfen hat. Die Grenze zum Kitsch wird trotz Freundschaft, Happy End und flauschigen Tieren dabei bis zum Schluss nie überschritten.</p>
<div>
<p><strong>Moki: Wandering Ghost, Reprodukt, Berlin 2011; 88 S., 16 €</strong></p>
</div>
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		<title>Der erste Hund im All</title>
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		<pubDate>Thu, 28 Apr 2011 22:42:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Poetisch, präzise und psychologisierend: Nick Abadzis&#8217; Graphic Novel über Laika, die als Weltraumreisende der Sowjetunion im Kalten Krieg zu Ruhm verhelfen sollte (veröffentlich auf fluter.de) Am 3. November 1957 startete die Sowjetunion ihren zweiten Weltraumsatelliten. An Bord der Sputnik II: Laika,]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Poetisch, präzise und psychologisierend: Nick Abadzis&#8217; Graphic Novel über Laika, die als Weltraumreisende der Sowjetunion im Kalten Krieg zu Ruhm verhelfen sollte <span id="more-1053"></span>(veröffentlich auf <a href="http://www.fluter.de/de/morgen/buecher/9363/" target="_blank">fluter.de</a>)</h3>
<p><img class="alignright size-full wp-image-1057" title="laika-cover00" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/laika-cover00.jpg" alt="" width="310" height="433" />Am 3. November 1957 startete die Sowjetunion ihren zweiten Weltraumsatelliten. An Bord der Sputnik II: Laika, eine kleine Mischlingshündin, die als erstes Erdlebewesen im All in die Geschichte einging. Für Laika war der Flug eine Reise ohne Wiederkehr. Ihr Schicksal rührte Menschen auf der ganzen Welt, sie wurde zu einer kleinen Ikone der Popkultur.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund entspinnt der britisch-schwedische Autor Nick<br />
seine mit dem Eisner Award als bester Jugendcomic ausgezeichnete Graphic Novel „Laika“. Neben der fiktiven Vorgeschichte Laikas als Straßenhund schildert er detailliert die Arbeit in den Laboren der russischen Weltraumforscher, die mit zahlreichen Hunden Parabelflüge und Schwerelosigkeitstrainings durchführten, um sich auf die bemannte Raumfahrt vorzubereiten. Hier steht die Arbeit des Wissenschaftlers Oleg Gasenko und der Hundebetreuerin Jelena Dubrowskaja im Mittelpunkt. Vor allem Jelena kümmert sich aufopfernd um ihre Tiere und gerät zunehmend in einen Konflikt, als sie eine zu enge emotionale Beziehung zu ihnen aufbaut.</p>
<p>Aber auch die permanent angespannte Atmosphäre, die innerhalb der Forschungseinheit herrscht, wird beschrieben sowie die politische und historische Dimension des Projekts. In den 1950er Jahren sah die Menschheit noch mit ungebrochenem Fortschrittsglauben die Eroberung des Alls als ihre nächste große Aufgabe an. Zugleich war die Weltraumforschung ein wichtiges Propagandainstrument im Kalten Krieg: Mit dem Start der Sputnik I düpierte das Sowjetreich im Oktober 1957 die westliche Welt.</p>
<p>Auf Geheiß von Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow musste danach binnen eines Monats, pünktlich zum 40. Jahrestag der Russischen Revolution, ein zweiter Satellit ins All geschossen werden. Eine beinahe unmögliche Aufgabe für die Konstrukteure, und so war es unter dem enormen Zeitdruck unmöglich, eine Rückholoption für Laika fertig zu planen. Auch sonst konnte nicht mit voller Präzision gearbeitet werden: Laikas Kapsel war schlecht isoliert, schon nach knapp fünf Stunden starb sie an Überhitzung – was erst Jahrzehnte später bekannt wurde.</p>
<p>Abadzis&#8217; Erzählweise wechselt zwischen poetisch, präzise und psychologisierend, die geschichtlichen Zusammenhänge der Stalin- und Chruschtschow-Zeit werden mit naiv anmutenden Passagen aus dem Leben des kleinen Hundes sowie moralischen Fragestellungen gegengeschnitten. Die Charaktere sind differenziert dargestellt – etwa der mächtige und brillante Chefkonstrukteur Sergei Pawlowitsch Koroljow, der skrupellos am Erfolg der Mission arbeitet und gleichzeitig, als ehemaliger Häftling eines der Vernichtungslager Stalins, permanent um seine innere Fassung ringen muss.</p>
<p>Den groben, leicht expressionistisch angehauchten Zeichenstil von Abadzis mit seinen oft fratzenartigen Gesichtern und verschobenen Proportionen muss man dabei allerdings mögen – genau wie die oftmals sehr kleinteilige, gehetzt wirkende Panelstruktur. Und leider ist das Lettering – die Sprechblasenbeschriftung – der deutschen Ausgabe ziemlich lieblos geraten. An der Vielschichtigkeit von „Laika“ ändert das aber nichts.</p>
<p><strong>Nick Abadzis: Laika (Atrium-Verlag 2011, 202 S., 20 €)</strong></p>
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		<title>Von Jagdnerds für Jagdnerds</title>
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		<pubDate>Thu, 28 Apr 2011 17:07:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Pünktlich zu Beginn der Jagdsaison erscheint ein neues Jagdmagazin: Halali bietet Einblicke in eine moosgrüne Parallelwelt. (aus der taz vom 28. April 2011) Scheu wendet sich das Reh auf dem Cover vom Betrachter ab und blickt in eine grüne Ferne.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Pünktlich zu Beginn der Jagdsaison erscheint ein neues Jagdmagazin: <em>Halali</em> bietet Einblicke in eine moosgrüne Parallelwelt. <span id="more-834"></span>(aus der <a href="http://www.taz.de/!69773/" target="_blank">taz</a> vom 28. April 2011)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/halali-310.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-837" title="halali-310" alt="" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/halali-310.jpg" width="310" height="405" /></a>Scheu wendet sich das Reh auf dem Cover vom Betrachter ab und blickt in eine grüne Ferne. Bald ist Mai – „Endlich Mai!“ – und die Rehbockjagd beginnt. Offenbar der optimale Zeitpunkt für ein neues Jagdmagazin, und so erscheint erstmals am Donnerstag und fortan vierteljährlich die <em>Halali.</em></p>
<p>Mit „Jagd, Natur und Lebensart“ positioniert sich das Magazin mitten im ökoneokonservativen Manufactum-Milieu, das auch <em>Landlust</em> und seine diversen Klone bedienen. Und folgt zugleich dem Trend, angestaubte Zeitschriftengenres mit zeitgemäßen blattmacherischen Mitteln zu renovieren und vom Fachidiotentum in einen lebensweltlicheren, reflektierenden Journalismus zu überführen.</p>
<div>
<p>Doch was <em>11 Freunde, Beef!</em> oder <em>Zoon</em> schaffen, bleibt <em>Halali</em> verwehrt. Klar, das Layout ist schön aufgeräumt, die seitenfüllenden Fotos – speziell die Tiermotive – sind ein Traum in Grün und Braun. Bloß kommt die Textqualität da nicht mit, changiert zwischen der spröden Anmutung von Fachartikeln und schrulligem Jägerlatein in Ich-Form, bleibt aber stets recht mittelmäßig.</p>
<p>Hier schreiben, das zeigen auch die Autorenfotos, Jagdnerds für Jagdnerds und so ist auch das Themenspektrum selten mehrheitstauglich: Crashkurs „Sicheres Apportieren“, Spitznamen von Hochsitzen, ein neuer Mähdrescheraufsatz gegen Kitzschaden, Büchsenmacher in Bochum und natürlich die große Frage: Ab wann darf das Kind mit zur Jagd? Die Lifestyle-Elemente – Rehburger-Rezepte, eine Modestrecke und ein Text über die Trendgeschichte des Hirschgeweihs – sind da nur biederes Beiwerk.</p>
<p>Wer aber gerne in fremden Milieus äst, sollte 9,80 Euro investieren: ganzseitige Gewehranzeigen, die abseitigen Themen und der Soziolekt aus Fachbegriffen und leicht Altertümlichem bieten faszinierende Einblicke in eine moosgrüne Parallelwelt: „Die vertraut brechenden Sauen erlaubten seinen Aufstieg, und er konnte (…) einen guten Schuss antragen.“</p>
</div>
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		<title>Der kleine dumme Bär</title>
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		<pubDate>Thu, 14 Apr 2011 14:28:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Disneys neuer Pu-der-Bär-Film ist eine Entdeckung der Langsamkeit, stilistisch klar, kindgerecht und mit viel Liebe zum Detail. (veröffentlicht auf fluter.de) Der Esel I-Aah hat seinen Schwanz verloren. Dabei ist er doch sowieso schon immer so traurig und niedergeschlagen. Und dann]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><strong>Disneys neuer Pu-der-Bär-Film ist eine Entdeckung der Langsamkeit, stilistisch klar, kindgerecht und mit viel Liebe zum Detail. <span id="more-538"></span>(veröffentlicht auf <a href="http://film.fluter.de/de/416/kino/9315/" target="_blank">fluter.de</a>)</strong></h3>
<p><img class="alignright size-full wp-image-539" title="winnie-the-pooh-film" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/winnie-the-pooh-film.jpg" alt="" width="620" height="283" />Der Esel I-Aah hat seinen Schwanz verloren. Dabei ist er doch sowieso schon immer so traurig und niedergeschlagen. Und dann ist auch noch Christopher Robin verschwunden! Die kluge Eule entziffert einen Zettel, der an seiner Tür hängt: Offenbar wurde Christopher Robin von einem gemeinen Balzrück entführt, einem sicherlich ganz riesigen Ungeheuer. Was für ein aufregender Tag für die Tiere aus dem Hundertmorgenwald!</p>
<p>Und mittendrin steckt Pu, der freundliche Bär mit dem kleinen Verstand und dem großen Hunger, der doch eigentlich nur etwas Honig frühstücken will. 1926 erfand der Brite Alan Alexander Milne Pu und seine Freunde, inspiriert von den Kuscheltieren seines Sohns Christopher Robin. Milnes vielschichtige, sprachwitzige und überhaupt sehr britische Kurzgeschichten sind bis heute ein Klassiker der Kinderliteratur.</p>
<p>Zu Pus 85. Geburtstag bringt Disney nun mal wieder einen Pu-Film ins Kino: Einerseits, nach einer mittlerweile unüberschaubaren Masse an Miniserien, Direct-to-DVD-Movies und Spin-Offs, die ungefähr hundertste Verwurstung der von Disney 1961 erworbenen Pu-Lizenz; andererseits erst der zweite Pu-Kinofilm aus den renommierten Walt Disney Animation Studios (der Rest wurde von den nachgeordneten DisneyToon Studios produziert) – also etwas Besonderes. Und dieser Anspruch wird eingelöst: mit stilistischer Klarheit und einer ausgeprägten Liebe zum Detail erzählen Stephen J. Anderson und Don Hall ihren kleinen, kindgerechten, lediglich rund 60 Minuten langen Film.</p>
<p><iframe src="http://www.youtube.com/embed/t2Wtpphk_Ss" frameborder="0" width="620" height="345"></iframe></p>
<p>Dabei nehmen sie ihr Publikum mit auf eine Zeitreise, auf eine Entdeckung der Langsamkeit des Präkommunikationszeitalters. Als Story-Grundlage dienten drei der orginalen Milne-Geschichten, zudem ist der Film (bis auf Kleinigkeiten wie eine computeranimierte Honigwelle) komplett handgezeichnet, die Hintergründe sind stilistisch eine Reminiszenz an die Originalillustrationen von Ernest Shepard.</p>
<p>Auch die Schnittfrequenz ist niedrig, die Perspektiven sind meist einfach gewählt – und trotzdem wird es nicht langweilig. Dafür sorgt nicht zuletzt das kunstvolle Spiel mit der Metaebene Buch: Pu interagiert mit der Erzählerstimme, stapft manchmal direkt durch die Buchseiten und stolpert über Buchstaben, die sich ihrerseits auch im Hundertmorgenwald materialisieren. Das ist alles nicht weltbewegend – aber ein wunderschöner Film über einen kleinen, dummen Bären.</p>
<p><strong>(Winnie the Pooh) Animationsfilm, USA 2011, Regie: Stephen J. Anderson, Don Hall, Buch: Burny Mattinson nach der Romanvorlage von A.A. Milne, 63 min, Kinostart: 14. April 2011 bei Disney</strong></p>
<p style="text-align: right;">Foto: Verleih</p>
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		<title>Derb, aber herzlich</title>
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		<pubDate>Tue, 29 Mar 2011 16:47:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Muh – das Magazin über „Bayerische Aspekte“ wagt einen Spagat zwischen Brauchtum und der weltoffenen Stadt-Mittelschicht Bayerns. (aus der taz vom 29. März 2011) Bier, Berge, Blasmusik. Ja, hier ist wirklich alles drin, was man als Nordostwestmitteldeutscher mit Bayern verbindet: in]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><em>Muh</em> – das Magazin über „Bayerische Aspekte“ wagt einen Spagat zwischen Brauchtum und der weltoffenen Stadt-Mittelschicht Bayerns.<br />
<span id="more-1288"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Keine-Gschichten-ausm-Paulanergarten/!68185/" target="_blank">taz</a> vom 29. März 2011)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/muhsletter-1.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1291" alt="muhsletter-1-300x416" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/muhsletter-1-300x416.jpg" width="310" height="429" /></a>Bier, Berge, Blasmusik. Ja, hier ist wirklich alles drin, was man als Nordostwestmitteldeutscher mit Bayern verbindet: in der <em>Muh,</em> einem neuen Magazin über „Bayerische Aspekte“, das sinnfälligerweise seinen Sitz in der Chiemseestraße in einem Ort namens Truchtlaching hat. Denn es gibt ja auch viel zu erzählen über den großen Freistaat im Süden, der als eines von nur wenigen Bundesländern kein zusammengestoppeltes Verwaltungsgebilde ist, sondern auf eine lange Geschichte als eigenes Stammesherzog-, Kurfürsten- und Königreich zurückblicken kann – und sich nicht nur deswegen bis heute für deutsche Verhältnisse ein recht hohes Regionalbewusstsein und ein lebendiges Verhältnis zu Tradition und Brauchtum bewahrt hat.</p>
<p>Weil sich solch lokale Identität vor allem über die Vergangenheit definiert, ist einiges an Rückblick und Bestandsaufnahme in der <em>Muh: </em>Karl Valentin, der Wolpertinger, die Münchner Frühe-Achtziger-Avantgarde-Band „Sigurd Kämpft“, Franz Josef Strauß&#8217; afrikanische Außenpolitik, Fingerhakeln und Fastenbräuche in Oberbayern, sie alle sind mit dabei. Und obendrauf ein langer Text über das Aussterben des Bairischen und seiner zahlreichen Subdialekte, die vom sanften Grünwalder Kaufmannsbairisch oder gleich ganz vom Hochdeutschen überformt werden.</p>
<h6>Brückenschlag zum Jetzt</h6>
<p>G&#8217;schichten ausm Paulanergarten also? Nein, das wäre zu einfach, das würde dem journalistischen Anspruch des Chefredakteurs und <em style="font-size: 0.75em;">Muh</em>-Miterfinders Josef Winkler (der übrigens, das soll nicht verschwiegen werden, als tazzwei-Kolumnist ein Spezl unseres Hauses ist) nicht genügen. Der Brückenschlag zum Jetzt wird immer gesucht, denn es ist ja gerade die spannende Frage, inwiefern auch eine intellektuelle und weltoffene Stadt-Mittelschicht heute eine bayerische Identität verkörpern kann – zu der dann eben auch Starkbierzeit und Bergwanderungen gehören, denn warum sollte man sich dem verschließen? Am besten gelingt dieser Spagat in der Titelgeschichte über die Blasmusikbegeisterung der Jugendlichen von Bayerisch-Schwaben.</p>
<p>Auf diese Weise kriegt denn auch der Nichtbayer einen Einblick in die weiß-blaue Befindlichkeit. Lediglich vereinzelte Themen sind für Zugereiste eher bedingt zugänglich, etwa ein mehrseitiges Interview mit dem Haindling, Musiker Hans-Jürgen Buchner. Neben viel Kultur findet sich zudem ernster, kritischer Journalismus in der <em>Muh:</em> eine sehr detaillierte Recherche über den Fall des Regensburger Studenten Tennessee Eisenberg, der 2009 von Polizisten erschossen wurde (war es Notwehr oder nicht?) und eine ausführliche Bestandsaufnahme der Vermaisung Bayerns &#8211; dem rapiden Anwachsen der Maisanbauflächen im Freistaat sowie den Folgen für die Umwelt und die bayerische Kulturlandschaft – in gleich zehn Kapiteln.</p>
<p>Der Mix aus Althergebrachtem und Zeitgemäßem wird mit dem markanten Layout fortgeführt. An manchen Stellen wirkt die <em>Muh</em> mit ihren Randspalten, Kleinstfotos, Einschüben und schräg gestellten Schriftblöcken wie ein zusammengeklebtes und fotokopiertes Fanzine der Prä-Computer-Do-it-yourself-Ära – an anderen finden sich wiederum die aufgeräumt-opulente Flächigkeit und die farbentsättigten Fotos, die das alternative Magazinwesen in Deutschland aktuell auszeichnen.</p>
<h6>Knallharte Retro-Gaudi</h6>
<p>Vorläufig erscheint die <em>Muh</em> vierteljährlich, in einer schmalen Auflage von 11.000 Exemplaren und zum Verkaufspreis von 4,50 Euro. Fürs Geld gibt&#8217;s viel, das Magazin ist beinahe übervoll, dabei unterhaltsam, lehrreich und vor allem mit viel Liebe zum Detail gemacht. Da tauchen auf einmal noch Kinderseiten und – wirklich wahr – eine Witzrubrik („knallharte Retro-Gaudi“) auf. Wobei nicht jeder Text ein Gewinn ist, einige der zahlreichen Rubriken, Kolumnen und Kleinkramelemente hätte man sich sparen können, genau wie manch langer Text ein paar redigierende Kürzungen gut vertragen hätte.</p>
<p>Andererseits macht das die <em>Muh</em> auch gerade aus: Wie die Menschen aus ihrer Heimat ist sie herzlich und stets ein wenig derb und unbehauen. Ein Heft mit Charakter.</p>
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		<title>Videoclip mit Überlänge</title>
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		<pubDate>Wed, 26 Jan 2011 23:33:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Vor 30 Jahren entdeckte das Popcorn-Kino mit &#8220;Tron&#8221; den Cyberspace. Die Fortsetzung &#8220;Tron: Legacy&#8221; hat kaum noch etwas von der avantgardistischen Optik des Originals. (veröffentlicht auf fluter.de) Irgendwo in unseren Computern, in den unendlichen Weiten des Datennetzes – oder nennen]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><strong>Vor 30 Jahren entdeckte das Popcorn-Kino mit &#8220;Tron&#8221; den Cyberspace. Die Fortsetzung &#8220;Tron: Legacy&#8221; hat kaum noch etwas von der avantgardistischen Optik des Originals. <span id="more-160"></span>(veröffentlicht auf <a href="http://film.fluter.de/de/405/kino/9126/" target="_blank">fluter.de</a>)</strong></h3>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-161" title="tron-legacy5" src="http://michaelbrake.de/blog/wp-content/uploads/tron-legacy5.jpg" alt="" width="600" height="300" /></p>
<p>Irgendwo in unseren Computern, in den unendlichen Weiten des Datennetzes – oder nennen wir es doch einfach beim Namen: im Cyberspace – gibt es eine uns unbekannte Parallelwelt. Dort wohnen die Programme, die unsere tägliche Arbeit verrichten. Sie sehen aus wie Menschen, verhalten sich auch so, tragen futuristische Anzüge mit Leuchtapplikationen und leben unter der Herrschaft des despotischen Master Control Programs. Doch ein zufällig in diese Welt geworfener Mensch hilft, das böse Control Program zu besiegen, und sorgt für Frieden in Cyberland.</p>
<p>Klingt gaga? Richtig. Und dennoch war dieses Szenario 1982 die Grundlage für einen Kultfilm: &#8220;Tron&#8221; war der erste Film, in dem im großen Stil Computeranimationen zum Einsatz kamen. Er wurde vor allem dank seiner innovativen Optik zum Meilenstein, für die der französische Comic-Visionär Moebius und der US-Amerikaner Syd Mead, kurze Zeit später Designer des Sci-Fi-Klassikers &#8220;Blade Runner&#8221;, verantwortlich zeichneten.</p>
<div>
<p>Nun ist es bei einem Film, der eine Generation von computerbegeisterten Kids geprägt hat, nur eine Frage der Zeit, bis eben diese Kids – erwachsen geworden und in den Film- und Trickstudios Hollywoods angestellt – einen Nachfolger produzieren. Die Geschichte von &#8220;Tron: Legacy&#8221; knüpft dabei am Original an: Kevin Flynn, Held des ersten Teils sowie Chef und kreativer Kopf der imaginären Softwarefirma Encom, verschwand 1989 spurlos. Zwanzig Jahre später ist Encom ein mächtiger Konzern, Flynns Nachfolger sind kalte Technokraten und sein 27-jähriger Sohn Sam, der offizielle Firmenerbe, hält sich aus dem operativen Geschäft fern und widmet sich lieber Hobbys wie Hacken und Motorradfahren.</p>
<p>Bis Sam eine mysteriöse Pager-Nachricht zur alten Spielhalle seines Vaters führt und er dort eine Geheimtür entdeckt. Sie führt in den Keller, wo Kevin Flynn an einem Geheimprojekt arbeitete, der alte 1980er-Jahre-Rechner steht noch angeschaltet da. Was Sam nicht weiß: Auch die Laservorrichtung, mittels derer man sich in das Tron&#8217;sche Paralleluniversum schicken lassen kann, ist noch funktionsfähig. Und so passiert es: Sam wird unvermittelt ins Grid (in der deutschen Filmversion etwas schräg als <em>der</em> &#8221;Raster&#8221; übersetzt) gebeamt. Dem Ort, an dem die Programme leben, den sein Vater auf- und ausgebaut hat, der beherrscht wird von Clu – einem Computerprogramm, das Kevin Flynn einst selber schrieb.</p>
</div>
<div>
<p><strong>New-Age-Dude in Cyberland</strong></p>
<p>Und es ist alles noch da: die leuchtenden Anzüge, die Gladiatorenkämpfe, bei denen sich die Kämpfer per Flugdiskus zu Pixelbrei verarbeiten. Diese wahnsinnig ästhetischen Motorräder mit den Riesenreifen, Lichtrenner genannt. Die fliegenden Greifer. Analog zum Originalfilm wird Sam gefangen genommen und muss sich im Kampf beweisen. Und analog zum Originalfilm kann Sam auf einem der Lichtrenner fliehen.</p>
<p>Seinen echten Vater findet er schließlich in den Outlands, der wüsten Landschaft rund um die Schaltzentrale des Grids. Wie schon 1982 hat Jeff Bridges die Rolle des Kevin Flynn übernommen, doch aus dem jugendlichen Draufgänger ist ein New-Age-Dude geworden, mit Vollbart und Muschelarmband, in weiße Gewänder gehüllt. Er ist ein Gefangener im Grid, den Kampf gegen Clu hat er längst aufgegeben.</p>
<p>Aber immerhin kann Flynn Senior seinem Sohn erklären, was zu tun ist, um wieder zurück in die richtige Welt zu finden. Und ihm eine Gefährtin zur Seite stellen: das Programm Quorra, eine ebenso hübsche wie begabte Kämpferin. Warum Quorra genau beim alten Flynn lebt und welche Funktion sie sonst ausübt, wird nicht so genau klar. Die Tron-Saga bleibt sich treu: Die Story ist auch diesmal von kleinplanetgroßen Logiklücken durchsetzt, die Schauspielerleistungen sind ähnlich hölzern wie im ersten Teil und auch die pseudoreligiöse Metaebene ist wieder mit drin – interessiert aber keinen. Denn nach spätetens einer Stunde schaltet man ohnehin ab und gibt sich allein den Bildern hin.</p>
<p><strong>Düstere Megalopolis</strong></p>
<p>Die sind durchaus überwältigend: sei es die Neuinterpretation des Grids, das sich von einem 80er-Jahre-Computerspiel mit großflächigen Polygonen und grünen Gitterlinien in eine düstere Megalopolis verwandelt hat. Sei es die in einen Felsen gehauene Wohnung des alten Kevin Flynn, eine schneeweiße Designhotel-Zahnarztpraxis kombiniert mit Klassikelelementen wie Kronleuchtern und Lederbüchern.</p>
<p>Oder sei es die Skybar des zwielichtigen Castor – seinerseits optisch eine Mischung aus der Comicfigur Mad Hatter und dem WikiLeaks-Sprecher Julian Assange – mit Designertheke, fluoreszierenden Cocktails und <em>Daft Punk</em> hinterm DJ-Pult. Das französische Elektronik-Duo, das sich seit 15 Jahren hinter Roboterhelmen vor der Öffentlichkeit versteckt, steuert neben diesem Cameo-Auftritt übrigens auch den Soundtrack zu &#8220;Tron: Legacy&#8221; bei – beziehungsweise inszeniert Regisseur Joseph Kosinski die Bilder eines 125-minütigen <em>Daft-Punk</em>-Musikvideos. So genau weiß man das nicht.</p>
<p>&#8220;Tron: Legacy&#8221; ist ein bis in die Spitzen gestyleter Triumph der Ästhetik und Oberfläche, und doch verliert der Film am Ende genau dieses Duell gegen seinen Vorgänger. Denn der stammt aus einer Zeit, als Cyber- und Computer-Optik noch etwas Visionäres anhaftete, als die Vorstellung, wie es im abstrakten digitalen Raum aussehen mochte, zu neuen visuellen Konzepten führte.</p>
<p>Seitdem hatten wir Cyberpunk, wir hatten Neal Stephensons Metaversum, wir hatten zwei Shrillionen Filme und Computerspiele, die sich auf all das bezogen. Die Geschichte hat &#8220;Tron: Legacy&#8221; längst überholt, und so geleckt und überwältigend sein Look auch sein mag, geht ihm doch jegliche Innovation ab. Es ist der übliche Verschnitt aus &#8220;Star Wars&#8221;, &#8220;Blade Runner&#8221; und &#8220;<a href="http://film.fluter.de/de/17/film/1864/?tpl=1260" target="_blank">Matrix</a>&#8220;, alles tausendfach gesehen – bis hin zur <em>Saturn</em>-Werbung, deren Geiz-ist-geil-Frau problemlos als Schwester von Quorra durchgehen würde.</p>
<p><strong>Tron Legacy, USA 2010, Regie: Joseph Kosinski, Buch: Edward Kitsis, Adam Horowitz, mit Garrett Hedlund, Olivia Wilde, Jeff Bridges, Michael Sheen, Bruce Boxleitner, James Frain, Beau Garrett u.a., 125 min, Kinostart: 27. Januar 2011 bei Disney</strong></p>
<p>Foto: Verleih</p>
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		<title>Ein Fassbinder plus ein halbgarer Nabokov</title>
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		<pubDate>Tue, 11 Jan 2011 03:36:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Comic]]></category>
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		<category><![CDATA[Zeit Online]]></category>

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		<description><![CDATA[„David Boring“ gilt als einer der besten Graphic Novels der Comicgeschichte. Nun ist die Coming-of-Age-Geschichte von Daniel Clowes auf Deutsch erschienen. (veröffentlicht auf zeit.de) David Boring ist ein blasser, junger Mann mit Seitenscheitel, Segelohren und dürren Armen. Vor einem Jahr ist er]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>„David Boring“ gilt als einer der besten Graphic Novels der Comicgeschichte. Nun ist die Coming-of-Age-Geschichte von Daniel Clowes auf Deutsch erschienen. <strong><img title="Weiterlesen …" src="http://michaelbrake.de/wp-includes/js/tinymce/plugins/wordpress/img/trans.gif" alt="" /><span id="more-950"></span>(veröffentlicht auf <a href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2010-12/david-boring-cartoon" target="_blank">zeit.de</a>)</strong></h3>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-952" title="davidboring_breit" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/davidboring_breit.jpg" alt="" width="620" height="310" /></p>
<p>David Boring ist ein blasser, junger Mann mit Seitenscheitel, Segelohren und dürren Armen. Vor einem Jahr ist er aus der Provinz in die Stadt gezogen, um seiner dominanten Mutter zu entfliehen. Hier lebt Boring mit seiner lesbischen College-Freundin Dot zusammen, jobbt als Nachtwächter und geht, auch wenn man ihm das erstmal nicht direkt zutraut, mit vielen Frauen ins Bett, bevorzugt solche mit drallen Hintern. Diese Obsession, die Suche nach der perfekten Frau mit dem perfekten Po, ist Borings einziger Antrieb – neben der Frage, was sein Vater, ein Comiczeichner, der die Familie früh verließ, für ein Mensch war.</p>
<p>Der Besuch von Borings Jugendfreund Whitey in der Stadt löst eine Kaskade von Ereignissen aus und macht Boring, der unmotiviert den Plan verfolgt, Drehbuchautor zu werden, zur Hauptfigur seines persönlichen Film Noirs: Kaum angekommen, wird Whitey erschossen. Täter und Motiv bleiben im Dunkeln. Auf dem Weg zu Whiteys Beerdigung trifft Boring in einem Flughafentaxi Wanda, blond, Dutt, Literaturstudentin, die Fleischwerdung seiner Traumfrau, die er erfolgreich zu diversen Dates überredet, bis sie ihn urplötzlich verlässt. Schließlich wird Boring in einer Nebelnacht seinerseits von einem Unbekannten per Kopfschuss niedergestreckt.</p>
<p>Zur Regeneration wird er auf die winzige Insel Hulligan&#8217;s Wharf gebracht, ein Familienrefugium. Isoliert von der Außenwelt vollzieht sich im Mittelakt der Geschichte ein Kammerspiel zwischen dem stark angeschlagenen Boring, seiner Mutter, deren Cousine, die mit Tochter und Schwiegersohn auf der Insel Urlaub macht, Dot und dem irischstämmigen Hausverwalter. Nachdem ein entfernter Verwandter auf Hulligan&#8217;s Wharf eintrifft und die Meldung einer verheerenden terroristischen Biowaffen-Anschlagswelle mitbringt, schwebt über allem zusätzlich eine diffuse Apokalypseahnung. Die Stimmung kippt zunehmend, bald findet sich die erste Leiche im Meer. Weitere Tote und Verletzte, Beziehungen und Trennungen, unterdrückte Obsessionen, Rätsel und Verstrickungen folgen.</p>
<p>Es ist ein seltsam neben der Spur liegendes Amerika der Außenseiter und Beinahefreaks, der dysfunktionalen Beziehungen, der schmuddeligen Diner und Nebenstraßen, das der Comiczeichner Daniel Clowes seit rund 30 Jahren mit bestechend klarem Strich einfängt. Der Berliner Independent-Verlag Reprodukt bringt nun eines seiner wichtigsten Werke endlich nach Deutschland. Die drei Akte der englischen Originalausgabe veröffentlichte Clowes dabei schon zwischen 1998 und 2000, das Time Magazine setzte sie 2005 auf seine Liste der zehn bedeutendsten englischsprachigen Graphic Novels.</p>
<h6>Geist der Generation X</h6>
<p>Man spürt das Alter: Die Welt von Boring und Dot atmet noch den Geist der Generation X, der gelangweilten Perspektivlosigkeit von Slackern, die die meiste Zeit rumhängen und zynische Kommentare abgeben. Noch prototypischer fing Clowes diese Lakonie in seinem großartigen, dank einer Verfilmung wohl bekanntesten Comic <em>Ghost World</em> ein (ebenfalls bei Reprodukt erschienen), das vom letzten gemeinsamen Sommer zweier sich entfremdender Highschoolfreundinnen in einer amerikanischen Kleinstadt erzählt.</p>
<p>Dass Clowes in <em>David Boring</em> diese spröde Stimmung aufnimmt, aber eine wilde Kriminalgeschichte drumherum konstruiert, ist irritierend. Boring wird von Albträumen geplagt, und immer wieder puzzelt und interpretiert er an der einzigen Hinterlassenschaft des Vaters, den Versatzstücken eines Superheldenheftes aus den sechziger Jahren herum, die als grobgerasterte Farbtupfer direkt in die Panelstruktur von <em>David Boring</em> zwischengeschaltet werden.</p>
<p>„It&#8217;s like Fassbinder meets half-baked Nabokov on Gilligan&#8217;s Island“, hat Clowes selbst über seinen Comic gesagt. Seine schwarz-weiß gehaltene Mixtur aus Coming-of-Age-Geschichte, Film Noir, Kriminal-Pulp, Generation X, Lynch und Freud verdichtet sich zu einem zunehmend erdrückenden, surrealen Strudel, zäh und ausweglos wie ein Bad in Sirup. Auf den in strenger Dreizeiligkeit auf den Seiten montierten Zeichnungen stehen, sitzen und handeln die Protagonisten wie eingefroren, selbst in Momenten größter Dramatik bleiben sie seltsam unbeteiligt und schicksalsergeben.</p>
<p>Und mittendrin ist Boring, auf der Suche nach Lösungen, seinem Vater, sich selbst, aber vor allem: seiner Idealfrau.</p>
<p><strong>Daniel Clowes: David Boring (Reprodukt, Berlin 2010; 128 S., 20 €)</strong></p>
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		<title>500 Millionen Freunde</title>
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		<pubDate>Thu, 07 Oct 2010 12:26:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
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		<description><![CDATA[Verrat, Intrigen, Industriespionage und ein Soziopath namens Mark Zuckerberg – die Gründungsgeschichte von Facebook soll großen Kinostoff bieten. Doch &#8220;The Social Network&#8221; fehlt einfach das Drama. (veröffentlicht auf fluter.de) Es ist 2010 vermutlich nicht zu früh, einen Film über den]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><strong>Verrat, Intrigen, Industriespionage und ein Soziopath namens Mark Zuckerberg – die Gründungsgeschichte von Facebook soll großen Kinostoff bieten. Doch &#8220;The Social Network&#8221; fehlt einfach das Drama. <span id="more-589"></span>(veröffentlicht auf <a href="http://film.fluter.de/de/389/kino/8838/" target="_blank">fluter.de</a>)</strong></h3>
<p>Es ist 2010 vermutlich nicht zu früh, einen Film über den Gründungsmythos von Facebook zu drehen. Zwar hat sich das Über-Social-Network mit einer halben Milliarde Nutzer so tief in die Internet-Matrix gegraben wie keiner seiner Vorgänger oder Klone – aber wer weiß schon, ob das alles in ein paar Jahren nicht von einem noch nächsteren, noch größeren Ding dahingeweht wird. Also besser beeilen!</p>
<p>Blicken wir also zurück, auf den Campus von Harvard zum Jahreswechsel 2003/2004, wo Informatik-Student Mark Zuckerberg in mehreren Wochen intensiver Arbeit das Ur-Facebook schreibt. Virusartig verbreitet sich die anfangs simple Seite und Zuckerberg wird an der Uni zur Berühmtheit. Schon nach kurzer Zeit expandiert er mit Hilfe einiger Freunde, erst an andere Ostküsten-Elite-Unis, dann nach Kalifornien und am Ende in die ganze Welt. Investoren steigen ein, Zuckerberg und seine Crew ziehen ins Silicon Valley – und heute ist der ganze Laden so viel wert, dass Zuckerberg mit seinem 24-Prozent-Anteil als siebenfacher Dollarmilliardär geführt wird.</p>
<p>Aber Moment: Das wäre kaum genug Drama für einen Hollywood-Film. Deswegen geht es um Verrat. Zerbrochene Freundschaften. Industriespionage. Hybris. Gleich zwei millionenschweren Prozessen musste sich Zuckerberg in den Folgejahren stellen, sie bilden das Gerüst des Films und werden virtuos mit den Ereignissen 2003/2004 verschränkt: Im einen Fall klagt Eduardo Saverin, der als Facebook-Mitgründer und ehemaliger Studentenfreund Zuckerbergs im Sommer 2004 ausgebootet wurde. Und im anderen Fall das Zwillingspaar Tyler und Cameron Winklevoss, die Zuckerberg vorwerfen, er hätte ihnen die Idee geklaut.</p>
<p><strong>Nerds don&#8217;t come easy</strong></p>
<p>Im Zentrum aller Konflikte steht also Mark Zuckerberg. &#8220;Du wirst in dem Glauben durch das Leben gehen, dass Mädchen dich nicht mögen, weil du ein Streber bist. Und ich will dich wissen lassen, dass das nicht wahr sein wird. Es wird sein, weil du ein Arschloch bist&#8221;, haut ihm ein Mädchen zu Beginn des Films an den Kopf. Sie irrt. Zwar hat Zuckerberg natürlich diverse schlechte Eigenschaften: seine Arroganz, seine Verbohrtheit, sein Neid auf sozial erfolgreichere Menschen, seine genervten Blicke, wenn jemand seinen Ausführungen nicht schnell genug folgen kann. Bloß: Er meint es nicht so – es ist die Tragik Zuckerbergs, dass er eines der mächtigsten sozialen Tools geschaffen hat, im echten Leben aber offenbar über kaum nennenswerte soziale Empathie verfügt.</p>
<p>Er ist der Typ, der auf dem Campus Tennissocken in Badelatschen trägt. Als Zuckerberg in Harvard vor eine Disziplinarkommission gezerrt wird, erwartet er allen Ernstes, dass man ihm dafür dankbar ist, die Sicherheitslücken der Uni-Server aufgedeckt zu haben. Auf einer rationalen Ebene hat er damit recht – aber so funktioniert die Welt der Menschen nicht. Sein Darsteller Jesse Eisenberg gibt ihm mit einer versteinerten Mimik beinahe autistische Züge: Immer wieder gibt er nur stakkatohaftes &#8220;Ja&#8221;, &#8220;Ja&#8221;, &#8220;Ja&#8221; als Antwort. Zuckerberg ist ein Nerd und Nerds don&#8217;t come easy. Aber er ist kein Arschloch: Wenig deutet auf die eiskalte Berechnung hin, mit der etwa der Ölmagnat Daniel Plainview in &#8220;<a href="http://film.fluter.de/de/250/kino/6603/" target="_blank">There Will be Blood</a>&#8221; seine Umwelt schikaniert.</p>
<p>Und dass er die Winklevosses hintergeht – wenn man es denn überhaupt so auslegen will –, kann Zuckerberg auch kaum jemand übel nehmen: Sie sind Vertreter des alten WASP (White Anglo-Saxon Protestant)-Harvards, schnöselige, elitäre Gentleman-Schönlinge und erfolgreiche Ruderer noch dazu (die echten Winklevoss-Brüder nahmen an den Olympischen Sommerspielen 2008 teil). Zuckerbergs Ideenklau ist also letztlich nichts weiter als die Rache des Nerds am Sportler, dem &#8220;Jock&#8221;, eine Machtverschiebung zwischen zwei Archetypen der US-College-Welt, die wir in Zukunft noch häufiger erleben werden – denn die Welt steht unzweifelhaft am Beginn einer Ära, in der Computerspezialisten zu einer bestimmenden Kaste werden.</p>
<div>
<p><strong>Endloses Gerede</strong></p>
<p>Den &#8220;echten&#8221; Mark Zuckerberg lernen wir ohnehin nicht kennen: Das Drehbuch von Aaron Sorkin (Autor der Fernsehserie &#8220;The West Wing&#8221;) basiert auf Ben Mezrichs Buch &#8220;The Accidental Billionaires&#8221;. Die Eckdaten der Geschichte sind definitiv wahrheitsgetreu, wie umfangreich die Zuspitzung und Dramatisierung der Charaktere durch die doppelte Adaption ausfällt, ist aber unklar. Keine der beiden Geschichten wurde von Facebook autorisiert, Zuckerberg hat nie mit den Autoren gesprochen – pikanterweise war aber Eduardo Saverin der Hauptberater von Ben Mezrich. Entsprechend ließ Mark Zuckerberg auch demonstrativ verkünden, er hätte ohnehin keine Zeit, den Film zu gucken.</p>
<p>Viel verpasst er nicht. Denn selbst wenn Facebook eine Revolution sein mag: Sie bleibt abstrakt. Wo man einen Selfmade-Entrepeneur der Industriezeit mit großen Bildern von Konstruktionsprozessen, Prototypen, Fabrikhallen und Arbeiterkolonnen in Szene setzen kann, sitzen Zuckerberg &amp; Co. halt an ihren Rechnern und hacken irgendwelchen Kram ein.</p>
<p>Dazu kommen die rechtlichen Details, und so müssen die Figuren in &#8220;The Social Network&#8221; beinahe die ganze Zeit erklären, was sie gerade machen, vorhaben oder getan haben. Es wird geredet, geredet, geredet, was Regisseur David Fincher (&#8220;Fight Club&#8221;, &#8220;Benjamin Button&#8221;) irgendwann so genervt haben muss, dass er im Vinklewoss-Subplot eine wortlose und visuell überwältigende Sequenz einer britischen Ruderregatta eingebaut hat – die beste Szene des Films.</p>
<p>Inszenatorisch holt Fincher ohnehin viel aus dem Stoff raus, aber dennoch: Da ist einfach kein Drama, Baby! Niemand wird sterben, Facebook wird auch nicht pleite gehen, sondern nur immer noch erfolgreicher, es wird an keiner Stelle existenziell. Höchstens der Nicht-Nerd Eduardo Saverin taugt zur tragischen Figur, wenn er verzweifelt mit ansehen muss, wie er – aus unternehmerischen Gesichtspunkten nicht mal ungerechtfertigt – nach und nach aus der Firma gekegelt wird.</p>
<p>Ironischerweise spielt sich zeitgleich zum Filmstart von &#8220;The Social Network&#8221; gerade ein echtes Internet-Drama vor unser aller Augen ab: Die öffentliche Selbstzersetzung von Wikileaks, wo der mysteriöse Julian Assange innerhalb weniger Wochen vom Medienliebling zum gefallenen Engel mutiert ist. Weltpolitik, Geheimdienste, hehre Ideale, Verrat, Medienhype, Vergewaltigungsvorwürfe, Verschwörungstheorien – das ist mal großes Kino. Die Intrigenspiele und Gerichtsverhandlungen wohlhabender Harvard-Kids, bei denen es nur darum geht, wer jetzt noch ein bisschen reicher wird, sind es nicht.</p>
<p style="margin-top: 0px; margin-right: 0px; margin-bottom: 1em !important; margin-left: 0px; border-style: initial; border-color: initial; border-image: initial; outline-width: 0px; outline-style: initial; outline-color: initial; font-size: 14px; vertical-align: baseline; background-image: initial; background-attachment: initial; background-origin: initial; background-clip: initial; background-color: #ffffff; line-height: 20px; font-family: Georgia, 'Times New Roman', Times, serif; border-width: 0px; padding: 0px !important;"><strong>(The Social Network) USA 2010, Regie: David Fincher, Buch: Aaron Sorkin, nach der Buchvorlage von Ben Mezrich, mit Jesse Eisenberg, Andrew Garfield, Justin Timberlake, Brenda Song, Rashida Jones u. a., 121 min, Kinostart: 7. Oktober 2010 bei Sony Pictures</strong></p>
</div>
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		<title>Im Namen des Vaters</title>
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		<pubDate>Thu, 23 Sep 2010 21:36:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Dokumentation „Im Schatten von Jud Süß“ nähert sich dem Leben und Denken Veit Harlans aus Sicht seiner Nachkommen. (aus der taz vom 23. September 2010) Aus heutiger Sicht ist kaum nachvollziehbar, was 1940 die Faszination von „Jud Süß“ ausmachte.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die Dokumentation „Im Schatten von Jud Süß“ nähert sich dem Leben und Denken Veit Harlans aus Sicht seiner Nachkommen.<span id="more-1858"></span> (aus der taz vom 23. September 2010)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/veitharlan_doku.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1860" alt="veitharlan_doku" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/veitharlan_doku.jpg" width="310" height="438" /></a>Aus heutiger Sicht ist kaum nachvollziehbar, was 1940 die Faszination von „Jud Süß“ ausmachte. Zu plump, zu theatralisch erscheinen die Szenen, zu simpel ist das Feindbild des jüdischen Geschäftsmanns gezeichnet. Dennoch traf „Jud Süß“, das Meisterstück der NS-Propagandamaschine, wie so viele der Filme des Regisseurs Veit Harlan, den Nerv der Zeit genau.</p>
<p>Doch war Harlan nun ein naiver Künstler, der Goebbels auf den Leim ging? Drehte er aus Angst? War er ein gewissenloser Ästhetiker, der die Chance auf unglaubliche Budgets sah? Oder einfach: ein Antisemit?</p>
<p>Anhand dieser Fragen führt Felix Moeller durch Harlans Leben: seine Ehe mit seiner Stammschauspielerin, der „Reichswasserleiche“ Kristina Söderberg, seine bombastischen Filmproduktionen der Nazizeit, seine berechtigte Stigmatisierung danach.</p>
<p>„Im Schatten von Jud Süß“, der passend zum heutigen Kinostart von Oskar Roehlers „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ und einen Tag nach Harlans 111. Geburtstag im WDR läuft (23.15 Uhr), ist ein sachlicher und formal klassischer Dokumentarfilm. Der Hundertminüter nähert sich dem Thema aber mit einem klugen Kniff: Abgesehen von einem Filmwissenschaftler beurteilen ausschließlich die Kinder und Enkel Harlans die Frage nach dessen Rolle.</p>
<p>Mit der Schuld, die Harlan auf den Namen seiner Familie geladen hat, gehen sie sehr unterschiedlich um. Das geht von Harlans Sohn und Kritiker Thomas und seiner Enkelin Jessica Jacoby – Tochter eines Juden –, bis zu Kristian Harlan, für den doch „dein Vater dein Vater ist“, den man nicht öffentlich kritisiert.</p>
<p>Die Erinnerung der Nachkommen widerspricht sich manchmal diametral. Es ist ein weitverzweigter Clan, dessen Vielgestalt mindestens so spannend ist wie die Frage nach Harlans Schuld. Man wäre gerne mal bei einem Familientreffen dabei. Es ginge sicher hoch her.</p>
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		<title>Wunderwelt im Wolkenzug</title>
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		<pubDate>Tue, 21 Sep 2010 21:13:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Comic]]></category>
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		<category><![CDATA[Dokumentation]]></category>
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		<description><![CDATA[Mit viel Hintergrundwissen und einer tollen Collagetechnik geht Arte „Auf Reisen mit Tim und Struppi“. Leider nerven die Banalitäten des Sprechers. (aus der taz vom 21. September 2010) Da hat Arte also mal eben ein neues Genre erfunden: die gefilmte Comic-Interpretationshilfe.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Mit viel Hintergrundwissen und einer tollen Collagetechnik geht Arte „Auf Reisen mit Tim und Struppi“. Leider nerven die Banalitäten des Sprechers.<span id="more-1854"></span> (aus der taz vom 21. September 2010)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/tim-und-struppi.20100921.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1856" alt="Auf Reisen mit Tim und Struppi: Tim in Tibet" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/tim-und-struppi.20100921.jpg" width="620" height="310" /></a></p>
<p>Da hat Arte also mal eben ein neues Genre erfunden: die gefilmte Comic-Interpretationshilfe. Und nichts Geringeres als Hergés „Tim und Struppi“, der Übercomic der frankobelgischen Tradition, wird in dieser Woche in fünf Teilen analysiert.</p>
<p>Vier Regisseure haben sich pro Folge je einen der 24 Bände vorgenommen, gemeinsam mit Tim geht es nach Ägypten, Indien, China, Marokko, Peru, Tibet. Vor 70 Jahren, als Reisen noch ein seltener Luxus war, brachte Hergé die Wunder fremder Kontinente in europäische Wohnzimmer. Heute wirken die Schauplätze auch deshalb exotisch, weil wir uns zugleich auf eine Zeitreise begeben, in eine Welt, die noch den Geist der Kolonialreiche atmet und durch die man mit Dampfschiff und Eisenbahn reiste.</p>
<p>Schritt für Schritt wird der Handlungsverlauf der Comicbände nachvollzogen, um immer wieder abzuschweifen, Hintergründe und Einordnungen – Comic-Exegese, Landeswissen, Zeitgeschichte – zu vermitteln. Die Aufnahmen der Originalschauplätze werden dabei mit den entsprechenden Comicpanels gegengeschnitten oder, und das ist wirklich ein tolles neues Seherlebnis, in einem Bild collagiert. Manchmal werden Hergés Zeichnungen bloß in Fenster, in Kofferinnenseiten, auf Hochhäuser und Tischflächen eingepasst. Oft aber verschmelzen die Bilder direkt mit dem Filmmaterial. Da haben die Locationscouts und die Bildbearbeiter saubere Arbeit geleistet, so wie insgesamt viel Liebe zum Detail und Geld in der Reihe steckt.</p>
<h6>Eine eigentümliche Mischung</h6>
<p>&nbsp;</p>
<p>Überhaupt hat Arte da eine eigentümliche Mischung gebastelt: Versatzstücke aus Reisereportagen, Geschichts- und Naturdokus, dazu Spielszenen, Ichperspektiven, Archivmaterial, üppige Landschaftsbilder, O-Töne von Experten und den Einwohnern der heutigen Schauplätze sowie Originaldokumente, alte Fotos und Bücher.</p>
<p>Und was erfahren wir nicht alles: dass die Figur des Professor Bienlein dem französischen Wissenschaftler Auguste Piccard nachempfunden wurde, dass ein Sprengstoffattentat auf eine Eisenbahn in der heute ausgestrahlten Folge „Der blaue Lotos“ einer historischen Begebenheit entspricht, die Japan als Grund für die Eroberung der Mandschurei nahm; dass Lamas zur Familie der Kamele gehören und dass der peruanische „„Wolkenzug“ von Lima nach Jauja die älteste Gebirgsbahn der Welt ist.</p>
<p>Bloß die Umsetzung könnte an manchen Stellen gern ein wenig straffer und dichter sein. Speziell die Versuche, mit der nacherzählten Comic-Handlung Spannung zu erzeugen, sind umständlich und eher missraten. Nicht zuletzt dank des Sprechertextes, der teilweise aus unheimlichen Banalitäten besteht – und passenderweise auch noch in einem kinderhörspielartigen, zwischen theatralisch, naiv und salbungsvoll changierenden Sprachduktus vorgetragen wird.</p>
<h6>Blabla. Jaja.</h6>
<p>„Seltsam! Tim und der Kapitän sind auf einmal ganz allein im letzten Wagen!“ – „Es ist kein Zufall, dass Hergés Geschichte in diesem Land spielt, durch das der Wind buddhistische Botschaften voller Reinheit und Mitgefühl trägt.“ &#8211; Blabla. Jaja.</p>
<p>Aber geschenkt. Wenn man nur irgendwas mit Comics oder den betreffenden Ländern anfangen kann, sollte man dieses innovative und äußerst vielseitige Stück Fernsehen unbedingt ausprobieren.</p>
<p>„<strong>Auf Reisen mit Tim und Struppi“; Arte, Mo., 20.9., bis Fr., 24.9., jeweils 19.30 Uhr</strong></p>
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		<title>„Diese Leute, dieser Scheißkrieg“</title>
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		<pubDate>Wed, 15 Sep 2010 02:54:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Comic]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit Online]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein eindringliches Kriegsdokument. Der Comicjournalist Joe Sacco hat ein bedrückendes und beeindruckendes Panorama des Balkankonflikts gezeichnet. (veröffentlicht auf zeit.de) Sie haben Namen. Edin. Nermin. Haso. Sadija. Rumsa. Ibro. Rasim. Sie blicken uns frontal in die Augen, von schwarz-weißen Comicseiten, und erzählen uns]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><strong>Ein eindringliches Kriegsdokument. Der Comicjournalist Joe Sacco hat ein bedrückendes und beeindruckendes Panorama des Balkankonflikts gezeichnet. <span id="more-961"></span><img title="Weiterlesen …" src="http://michaelbrake.de/wp-includes/js/tinymce/plugins/wordpress/img/trans.gif" alt="" />(veröffentlicht auf <a href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2010-09/joe-sacco-bosnien/komplettansicht" target="_blank">zeit.de</a>)</strong></h3>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-964" title="sacco_bosnien" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/sacco_bosnien.jpg" alt="" width="620" height="260" /></p>
<p>Sie haben Namen. Edin. Nermin. Haso. Sadija. Rumsa. Ibro. Rasim. Sie blicken uns frontal in die Augen, von schwarz-weißen Comicseiten, und erzählen uns ihre Geschichten. Geschichten des Leids und des Krieges: von Todesmärschen über winterliche Berge und durchschnittenen Kehlen, von Geschwistern und Kindern, die vor deren eigenen Augen erschossen wurden, von Häuserkämpfen und Plünderungen.</p>
<p>1995, im letzten Jahr des Bosnienkriegs, besuchte der maltesisch-amerikanische Comicjournalist Joe Sacco mehrfach die kleine Industriestadt Goražde im Tal der Drina. Eine der wenigen Enklaven in Ostbosnien, die noch nicht von den Truppen der bosnischen Serben eingenommen war, aber seit Jahren in Dauerbelagerung verharrte, ausgemergelt, ohne Strom und fließendes Wasser und von tausendfachem serbischen MG- und Granatfeuer zermürbt.</p>
<p>Mit haarfeinem Strich hat Sacco seine Erlebnisse in Goražde festgehalten, jetzt, zehn Jahre nach der Veröffentlichung in den USA, ist sein Berichtband „Bosnien“ im Schweizer Verlag Edition Moderne endlich auch auf Deutsch erschienen. So lakonisch und klar wie der Erzählstil und die Schilderungen der Bosnier sind auch die Bilder: Saccos Zeichnungen sind äußerst realistisch. Sachlich und entidealisiert zeigt er die Menschen im Krieg. Die Seiten füllenden Panoramen, die Stadt- und Straßenszenen sind von einer ungeheuren Detailfülle.</p>
<p>Gekonnt variiert Sacco Details und Totalen. Er durchbricht immer wieder Panelstruktur und Rechtwinkligkeit, variiert an ausgesuchten Stellen ins Expressionistische, ohne sich in effektheischendem Brimborium zu verlieren. Den hohen Textanteil verteilt er in viele Einzelkästen und Sprechblasen, nie wirken die Seiten zugekleistert.</p>
<h6>Erzählung in Einzelepisoden</h6>
<p>Wie schon in Saccos Erstling „Palästina“, einer Dokumentation seiner Zeit in den Nahostgebieten 1991/92, besteht <em>Bosnien</em> aus zahlreichen, meist nur wenige Seiten langen Einzelepisoden: der Tauschhandel, die Arbeitsbedingungen im Goražder Krankenhaus, die Lebensmittelknappheit, kleine Jungen, die nach Zigaretten betteln, die Plünderungen, die brennenden Häuser, die Flüchtlinge, die Schilderungen von früheren Freundschaften mit serbischen Nachbarn, die Goražde längst verlassen haben.</p>
<p>Aber auch von Freizeit und Freundschaften erfährt der Leser: da ist der US-Rockhymnen schmetternde Soldat Niki, da sind die jungen Mädchen Emira und Sabina, die Sacco anflehen, vom nächsten Stopp in Sarajevo eine Levis 501 – aber unbedingt die echte – mitzubringen. Eine zentrale Rolle nimmt der Hilfslehrer Edin ein. Sacco wohnt bei ihm und seiner Familie, dank eines selbst gebauten Minigenerators, der von der Strömung der Drina angetrieben wird, gibt es sogar Strom. Abends werden oft Videos geschaut, meist amerikanische Klassiker.</p>
<p>Sacco reflektiert seine Rolle als Journalist, die Art, wie Medienmenschen im Krisengebiet agieren, zeigt Kollegen, die Kindern Bonbons hinwerfen, um danach das Gerangel zu filmen. Stets ist ihm bewusst, dass er nur Gast in diesem Krieg ist und er schon morgen über die „Blaue Straße“, den UN-gesicherten Korridor nach Sarajevo, dem Elend entfliehen kann – anders als seine bosnischen Freunde. Er ist schonungslos, auch zu sich selbst, etwa wenn er nach einem durchsoffenen Abend gesteht: „Ich wollte hunderttausend Meilen zwischen mich und Bosnien bringen, diese ekelhaften Leute und ihren Scheißkrieg.“</p>
<h6>Rückblenden und historische Exkurse</h6>
<p>Zusätzlich vermitteln Rückblenden und historische Exkurse Hintergründe, zurück bis in die innerjugoslawischen Kämpfe des Zweiten Weltkriegs, die Tito-Jahre und die Intrigen Slobodan Milosevics ab 1980. Dann erst folgen die eigentlichen Kriegsereignisse: die Angriffe auf Goražde, die serbischen Scharfschützen, die Untaten der serbischen Tschetnik-Milizen. Immer näher rücken wir an das Jahr 1995 heran, brutaler werden die Geschichten, hoffnungsloser die Situation für die Bürger von Goražde. Wir sehen viele Leichen und Wunden: verbrannte, halbverweste Menschen, Bauchdurchschüsse, Amputationen.</p>
<p>Trotz des Leids klagt Sacco niemals „die Serben“ an – eher schon die UN-Truppen: Mehrfach beschreibt er, wie sich die auf Neutralität festgenagelte Weltgemeinschaft von Ratko Mladić und Radovan Karadžić an der Nase herumführen lässt, bei weitem nicht nur in Srebenica. Nur zur Frage nach dem Warum, nach den Beweggründen der Völkermörder, so viele Zivilisten zu massakrieren, verliert Sacco kein Wort. Das ist wohl auch nicht seine Aufgabe.</p>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-963" title="umschlag_sacco_bosnien" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/sacco_bosnien_cover.jpg" alt="" width="200" height="299" />Gerade für Nachgeborene, für die der Jugoslawienkrieg nur eine diffuse Kindheits- oder Jugenderinnerung ist, ist „Bosnien“ eine Offenbarung: So eindringlich und relevant kann Geschichte vermittelt werden – für viele sicherlich ansprechender als die hundertste Guido-Knopp-Dokumentation.</p>
<p><strong>Joe Sacco: Bosnien (Edition Moderne, Zürich 2010; 234 S., 24 €)</strong></p>
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