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	<title>Michael Brake &#187; Reportage</title>
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		<title>Frisch gebackene Versprechen</title>
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		<pubDate>Mon, 07 Nov 2016 11:43:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[In San Francisco wurden einst die Glückskekse erfunden. Zu Besuch in der Golden Gate Fortune Cookie Factory, die noch so produziert wie vor 50 Jahren. (veröffentlicht in Das Magazin, Ausgabe November 2016) Der Glückskeks ist eine Scheibe. Das würde man bei]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>In San Francisco wurden einst die Glückskekse erfunden. Zu Besuch in der Golden Gate Fortune Cookie Factory, die noch so produziert wie vor 50 Jahren.<span id="more-1987"></span> (veröffentlicht in Das Magazin, Ausgabe November 2016)</h3>
<p>Der Glückskeks ist eine Scheibe. Das würde man bei einem flüchtigen Blick nicht vermuten, sieht er doch eher aus, als hätte Frank Gehry beim Pacman-Spielen die Idee für ein neues Museum gehabt. Doch in seiner Ausgangsform ist der Glückskeks nichts anderes als ein winziger Crêpe, rund, dünn und flexibel.</p>
<p>Nicht lange – drei, maximal vier Sekunden hat ein Glückskeksbäcker Zeit, um die weichen Teigscheiben zu greifen, den kleinen Papierstreifen mit dem weisen Spruch schon in der Hand. Die Seiten der Scheibe muss man hochnehmen und sie dann über</p>
<p>Immer und immer wieder passiert das in der Golden Gate Fortune Cookie Factory, und in den Händen der Arbeiterinnen in verschmelzen die Arbeitsschritte zu einer einzigen Bewegung. Griff. Keks. Griff. Keks. Griff. Keks. Die Glückskeksfabrik befindet sich in San Franciscos Chinatown, wobei man sich vom Wort &#8220;Fabrik&#8221; nicht in die Irre führen lassen sollte. Es handelt sich um einen kleinen Laden in einer Seitengasse, ein tageslichtarmer, schlauchartiger Raum, kaum breiter als hoch, vielleicht fünfzehn Meter tief. Vorne werden die Kekse verkauft, an der linken Wand ist das Büro, hinten stapeln sich Kartons, wird der Teig gemacht, und den Rest des Raums nehmen drei Öfen ein, so groß wie Konzertflügel, vollgestellt mit chinesischen Porzellanfiguren und Vasen.</p>
<h6>Das Business war einst in japanischer Hand</h6>
<p>Angefangen hat all das nicht weit von hier, in San Francisco, vor etwas mehr als 100 Jahren. So geht jedenfalls die Geschichte, von der es unterschiedliche Variationen gibt. Von wem und wo genau in Kalifornien der Glückskeks in seiner heutigen Daseinsform erfunden wurde, ist unklar, doch es gilt als einigermaßen gesichert, dass das Glückskeksbusiness zunächst vor allem eines von japanischstämmigen Amerikanern war. Da außerdem viele Japaner chinesische Restaurants betrieben, fand der Glückskeks dort seine Heimat und hat sie bis heute: als Gimmick, das mit der Rechnung kommt, das schnell geöffnet und, wenn überhaupt, hastig und lustlos verspeist wird.</p>
<p>Als im Zweiten Weltkrieg fast die gesamte japanischstämmige Bevölkerung der US-Westküstenstaaten in Internierungslager gesteckt wurde, übernahm die chinesische Community das Glückskeksgeschäft. Am 5. August 1962 eröffneten dann Nancy Tom – die bis heute an der Maschine sitzt – und ihr Bruder, beide erst in den 50er Jahren aus China in die USA gekommen, die Golden Gate Fortune Cookie Factory. Ihre drei großen Öfen waren damals das Neueste vom Neuen, und so belieferten sie chinesische Restaurants. Bis in die 90er Jahre blieb das ein gutes Geschäft, doch dann wurde die Konkurrenz der Fabriken, die komplett vollautomatisch Kekse herstellen können, zum Problem. Die Aufträge wurden weniger. Die Schließung drohte.</p>
<p>Gerettet wurde die Golden Gate Fortune Cookie Factory von Kevin Chan, dem Sohn von Nancy Tom. Der heute 47-Jährige ist quasi in der Fabrik aufgewachsen, schon mit neun Jahren hat er bei der Produktion mitgeholfen. Er kann die Kekse ohne Handschuhe falten, und das soll was heißen, denn die kleinen Teigscheiben sind grausam heiß.</p>
<h6>Entschleunigung als Wettbewerbsvorteil</h6>
<p>Der Rettungsplan von Kevin Chan war, als würde er einen Glückskeks falten: mit wenigen Handgriffen, von außen betrachtet spielerisch leicht, aus einer Scheibe etwas ganz anderes machen. Er öffnete die Fabrik im laufenden Betrieb für die Öffentlichkeit, machte die Produktionsstätte zum Industriemuseum. &#8220;Glückskeks-Manufaktur&#8221; würden Marketing-Experten das inzwischen wohl taufen, und es ist eine Touristenattraktion, die perfekt in die heutige Zeit passt, wo wir die Entschleunigung verehren, wo wir auf Reisen immer auf der Suche nach dem Originalen und Originellen sind. Auch deswegen kommen Touristen in Scharen in San Franciscos Chinatown, mit 100.000 Einwohnern die größte der USA: weil hier alles so unverstellt erscheint und doch exotisch.</p>
<p>Nicht mehr als ein Dutzend von ihnen passen in den winzigen Verkaufsbereich der Fortune Cookie Factory, sie dürfen schauen, Fotos machen (dafür 50 Cent, bitte, danke) und natürlich auch ihre eigenen Sprüche auf die kleinen Zettelchen schreiben, diese dann abgeben und bei der Produktion zuschauen. Der eigene Glückskeks für einen Dollar, customized und handgefertigt. So lässt es sich neben den Großfabriken der Glückskekswelt existieren: Allein der Marktführer Wonton Food Inc. mit Hauptsitz in Brooklyn stellt rund 4,5 Millionen Kekse her. Täglich.</p>
<p>Und die Golden Gate Fortune Cookie Factory? Zehntausend, an guten Tagen auch fünfzehntausend, sagt Kevin Chan. Das hänge von der Stimmung der Frauen an den Maschinen ab. Und vom launischen Wetter hier in San Francisco. Ist es draußen zu kalt, trocknet drinnen der Teig schneller, dann wird es knifflig. Überhaupt ist der Aussatz von ungefalteten Glückskeksscheiben hoch, rund 40 Prozent landen in einem Eimer. Sie werden an die Besucher verschenkt oder als nackte Keksscheiben verkauft.</p>
<h6>&#8220;… in bed&#8221;</h6>
<p>Außerdem im Portfolio: Riesenglückskekse, schokoladenüberzogene Glückskekse und, noch so ein Beispiel für Spezialisierung in einem zugestellten Marktumfeld, die &#8220;Adult X-Rated Cookies&#8221;: Statt Lebensweisheiten stehen versaute Witze auf den kleinen Zetteln. Wobei es in San Francisco ohnehin Sitte ist, an den Glückskeksspruch noch ein &#8220;&#8230; in bed&#8221; anzuhängen. &#8220;Your lucky number for this week is seven &#8230; in bed.&#8221; &#8220;Opportunity knocks on your door every day – answer it &#8230; in bed.&#8221; Das funktioniert auch auf Deutsch. Einfach mal ausprobieren.</p>
<p>Die Spruchzettelchen stellt Kevin Chan selber her, Stapel von Papierbögen zum Kleinschneiden liegen zum Schneiden bereit. Auf der Rückseite in Rot die aktuellen Glückszahlen, die in den USA zum Glückskeksstandardinventar gehören und vorne diese so sinnerfüllten wie sinnfreien Sprüche, Wegwerf-Weisheiten irgendwo zwischen Konfuzius und dem Horoskop-Abreißkalender, deren Beliebigkeit einst in einer Simpsons-Folge auf den Punkt gebracht wurde: Homer geht gemeinsam mit einer attraktiven Arbeitskollegin essen, die ihm eindeutige Avancen macht, und ist von Gewissenskonflikten geplagt. &#8220;Sie werden Ihr Glück in einer neuen Liebe finden&#8221;, sagt ihm der Keks, und er sieht es als Zeichen. Schnitt auf das Hinterzimmer des Restaurants, in dem zwei große Fässer und zwei chinesische Kellner stehen. &#8220;Hey, wir haben keine neuen Lieben mehr.&#8221; – &#8220;Dann mach das Fass mit ›Bleib bei deiner Frau&#8217; auf.&#8221;</p>
<p>Dass der Inhalt für die meisten Menschen der einzige Daseinszweck des Glückskekses ist, gefällt Kevin Chan nicht, und er erzählt, was er über deutsche Glückskekse weiß. &#8220;Sie sind nicht gut, viel zu hart.&#8221; Die Deutschen kümmerten sich nicht um den Keks. &#8220;Sie schmeißen ihn einfach weg. Für uns zählt alles: die Glückszahlen, der Spruch, der Keks&#8221;, sagt er, und natürlich seien die nach dem streng geheimen Rezept seiner Mutter gebackenen Golden Gate Fortune Cookies auch die leckersten. Eins ist klar: In der Golden Gate Fortune Cookie Factory ist das Medium genauso wichtig wie die Message.</p>
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		<title>￼Unser täglich Gras gib uns heute</title>
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		<pubDate>Sat, 25 Jun 2016 15:35:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anderswo]]></category>
		<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Reportage]]></category>
		<category><![CDATA[Drogen]]></category>
		<category><![CDATA[Kalifornien]]></category>
		<category><![CDATA[Marihuana]]></category>
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		<description><![CDATA[Gott will, dass wir nur allerbestes Marihuana verkaufen. Mit diesem Motto sind die heiligen Schwestern von Merced in den Unternehmerhimmel aufgestiegen. (erschienen in Dummy Nr. 51 &#8220;Geschwister&#8221;, Sommer 2016) Am vierten Tag des Mondzyklus ist die Pistole von Sister Kate]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Gott will, dass wir nur allerbestes Marihuana verkaufen. Mit diesem Motto sind die heiligen Schwestern von Merced in den Unternehmerhimmel aufgestiegen.<span id="more-2010"></span> (erschienen in Dummy Nr. 51 &#8220;Geschwister&#8221;, Sommer 2016)</h3>
<p>Am vierten Tag des Mondzyklus ist die Pistole von Sister Kate plötzlich weg. Sie muss gestohlen worden sein, schon vor einigen Wochen, aber es war bisher niemandem aufgefallen. Die Waffe ist registriert, der Sheriff wird informiert. Er kommt sofort.</p>
<p>Und da steht er nun mit Glatze, Sonnenbrille und schusssicherer Weste in diesem herrlich verwilderten Garten irgendwo im kalifornischen Frühling und redet mit Sister Kate, einer kleinen Frau in einem fliederfarben-weißen Nonnenhabit. Ein kleiner pudeliger Hund wuselt zwischen ihren Beinen umher, es riecht nach Lehmboden, Vögel zwitschern, und zwischen Pappeln und Palmen wachsen in Kuhlen auf dem Rasen zwölf kleine Hanfpflanzen.</p>
<p>Im Raum hinter der Verandatür sitzt Sister Darcy, ebenfalls wie eine Nonne gekleidet, am Computer. Daneben machen zwei Frauen Medizin versandfertig, kleben Etikett um Etikett auf die Gläser mit der Heilsalbe, die zum größten Teil aus Kokosöl und Cannabis besteht, das große Glas für 95 Dollar.</p>
<p>Sister Kate ist die Äbtissin und Sister Darcy die Priorin der „Sisters of the Valley“. Sie sind Feministinnen und Bernie-Sanders-Anhängerinnen, sie folgen den sechs Gelöbnissen und leben gemeinsam in ihrer Abtei, einem eingeschossigen Haus auf einem kleinen Anwesen im kalifornischen Central Valley. Katholisch sind sie nicht. Ihre Botschaft senden sie mit dem Paketservice in alle Welt: Salben und Tinkturen aus Cannabisextrakten. 60.000 Dollar haben sie damit 2015 umgesetzt, im ersten Quartal 2016 war es bereits genauso viel, weil die Geschichte mit den grasanbauenden Nonnen so gut in den Medien funktioniert.</p>
<h6>Männer dürfen nur zugucken</h6>
<p>Begonnen hatten sie den Mondzyklus wie immer mit einer Zeremonie: Frauen aus der Nachbarschaft waren in der Neumondnacht zu ihnen gekommen, es wurde gebetet, gesungen, gelesen, den Göttinnen gedankt, anschließend gab es ein veganes Buffet. Männer durften auch dabei sein, aber nur zugucken. Auch an der Medizinherstellung, die nur bis zum Vollmond erlaubt ist, sind ausschließlich Frauen beteiligt. So sehen es die Traditionen vor.</p>
<p>Vor zehn Jahren war Sister Kate noch die Unternehmensberaterin Christine Meeusen. Sie lebte mit Mann und Kindern in Amsterdam, stand politisch eher den Republikanern nahe und leitete ihre eigene kleine Agentur. Ihr Spezialgebiet: Deregulierungsprozesse, damals etwa auf dem Telekommunikationsmarkt. Es lief gut, bis sie dahinterkam, dass ihr Mann hinter ihrem Rücken den gesparten Wohlstand in einem Geflecht von Bankkonten versteckt hatte.</p>
<p>Pleite und geschieden kehrt Christine Meeusen 2007 zurück in die USA. Nicht nach Wisconsin, wo sie 1959 geboren wurde, sondern nach Merced, zu ihrem Bruder. Merced liegt im Central Valley, dank Bewässerungsanlagen und 250 Sonnentagen im Jahr ist es der Obstgarten der Nation, hier wachsen Mandeln und Pfirsiche, Wein und auch Hanf.</p>
<div class="column">
<p>1996 war Kalifornien der erste US-Bundesstaat, der den Einsatz von Cannabis für medizinische Zwecke legalisierte, bei einer Volksabstimmung entschieden sich 56 Prozent der Kalifornier für die Freigabe unter Auflagen. Inzwischen haben 23 Bundesstaaten nachgezogen, wobei Colorado, Oregon und Washington sogar noch weiter gehen und auch die nichtmedizinische Nutzung teilweise entkriminalisiert haben.</p>
<h6>Der am schnellsten wachsende Wirtschaftszweig der USA</h6>
<p>Hier entsteht gerade eine Riesenindustrie, es ist der am schnellsten wachsende Wirtschaftszweig der USA. 2,7 Milliarden Dollar wurden 2015 umgesetzt – allein in Kalifornien. Bis 2020 soll sich der Umsatz verdoppeln. Prominente wie Snoop Dogg interessieren sich für den Markt genau wie Selfmade-Millionäre aus dem Silicon Valley.</p>
<p>Das kapiert Christine Meeusen schon 2008: „Ich hab zwar von Landwirtschaft keine Ahnung und kann nicht einmal eine Hauspflanze am Leben erhalten“, sagt sie rückblickend. „Aber mit deregulierten Märkten kenne ich mich aus. Und diesen konnte ich eine Meile gegen den Wind riechen.“ Gemeinsam mit ihrem Bruder steigt sie damals in den therapeutischen Hanfanbau ein, zunächst für gemeinnützige Zwecke.</p>
<p>Und dann kommt Occupy. Meeusen, die sich seit ihrer Rückkehr politisch deutlich nach links bewegt hat, steigt voll ein in die Bewegung der 99 Prozent. Als im Herbst 2011 die Meldung die Runde macht, der republikanisch dominierte Senat habe Pizza als Gemüse definiert, um die Ernährungsstatistik an Schulen zu verbessern, sagt sie: „Wenn Pizza ein Gemüse ist, dann kann ich auch eine Nonne sein.“</p>
<p>Auf Demonstrationen erscheint sie ab sofort in einem Nonnenkostüm. Schnell wird sie als Sister Occupy bekannt. Andere Frauen fragen sie, ob sie Teil ihres Ordens werden können. Native Americans laden sie zu einer Zeremonie auf einem heiligen Berg ein. Jedes Mal weist sie darauf hin, dass sie nicht katholisch sei, doch jedes Mal ist das den Leuten egal. Eine Idee wächst in Sister Kate, wie sie sich inzwischen nennt. Schon seit einiger Zeit hat sie mit der Herstellung von Salben und Tinkturen experimentiert, denn sie will nicht länger Menschen das Rauchen beibringen, die mit Parkinson im Bett liegen. Sie will auch nicht länger nur die Kranken und Sterbenden im Valley versorgen – sondern exportieren und Geld in diese strukturschwache Region bringen.</p>
<h6>„Hilf mir, das wie einen guten Film aufzuziehen“</h6>
<p>Also entwickelt sie ihre Salben zu einer Produktlinie. Und sie besucht John Patti, einen befreundeten Dokumentarfilmer aus Los Angeles, und bittet ihn: „Hilf mir, das wie einen guten Film aufzuziehen.“ Gemeinsam schaffen sie die Sisters of the Valley, klären „die grundlegenden Herausforderungen, um althergebrachtes Wissen und Brauchtum in ein modernes New-Age-Business zu übertragen“. Sie sorgen für eine Corporate Identity, für Kontinuität, für eine plausible Geschichte ohne innere Widersprüche. Sie beantworten Fragen, etwa: Dürfen verheiratete Frauen aufgenommen werden? Wenn nur Frauen die Medizin herstellen und nur Männer das Gras anbauen dürfen, wie geht man dann mit Transmenschen um? Auch der Mondzyklus ist auf diese Weise entstanden sowie die sechs Gelöbnisse der Sisters, zu denen Aktivismus, Umweltbewusstsein und auch Keuschheit zählen.</p>
<p>John ist immer noch dabei, als Brother John ist er der Brand Image Protector und Berater der Sisters of the Valley. Dazu hat Sister Kate weitere Mitstreiter um sich geschart. Wie Sister Darcy, ihre Priorin, die Nummer zwei im Schwesternorden. Oder Zane, der als eine Art Projektmanager in einem Wohnwagen neben dem Anwesen der Sisters lebt.</p>
<p>Darcy ist erst 25. Bevor sie im Herbst 2015 zu den Sisters kam, jobbte sie in einem Burgerladen und baute privat Hanf an. Davor hatte sie ein Jahr in Neuseeland verbracht und Erfahrungen in der Landarbeit gesammelt.</p>
<p>Sie ist der ruhige Gegenpart zu Sister Kate. „Wäre ich katholisch, wäre ich wohl eine Nonne“ sagt sie. „Weil ich ein wenig zu ordentlich und erwachsen bin. Und weil ich schon immer die Idee mochte, mit anderen Frauen zusammenzuleben. Wie aufregend! Das hier ist all das, was ich immer machen wollte: gemeinsam für Gleichberechtigung und gegen die Stigmatisierung von Cannabis kämpfen.“</p>
<p>In der Abtei kümmert sich Sister Darcy um den Versand und die Rohmaterialbestellungen, hat die Aufsicht über den Pflanzenanbau, die Medizinproduktion und den Kundenservice. Aktuell denkt sie über die Anschaffung einer Schüttelmaschine für die Tinkturherstellung nach, denn per Hand ist das nicht mehr zu leisten. Ein Ultraschallreinigungsgerät wäre eine Alternative, ein kleines Modell hat Darcy probehalber schon mal angeschafft.</p>
<h6>Ein kiffender Truckfahrer</h6>
<p>Brother Zane hingegen regelt von der Security über die Abwicklung mit Handwerkern bis hin zum YouTube-Kanal alles, was logistisch anfällt. Er ist Anfang 40, ein Slacker aus Hawaii, der beim Interview erst mal von Noah Chomskys Linguistiktheorie erzählt. Kennengelernt hat er Sister Kate über Occupy. Damals war er Gebäudemanager, später arbeitete er ein paar Jahre als Lkw-Fahrer, bis er eine Pause machen musste, weil er in Colorado gekifft hatte. Was legal ist, aber für einen Truckfahrer eben nicht die beste Idee.</p>
<p>Zane hatte Sister Kate auch das Schießen beigebracht, mit der Waffe, die nun gestohlen wurde. Dabei sei sie doch eigentlich strikt gegen Waffen, sagt Kate. Überlebenswichtig war die Pistole dennoch im vergangenen Herbst: Kate und Zane bewachten ein Grundstück, auf dem ihr Hanf angebaut wurde, damals gab es die Abtei noch nicht. Um fünf Uhr morgens kamen die Räuber, zwölfmal schossen sie auf das Wohnmobil. Zane schoss zurück. Die Angreifer suchten das Weite, verletzt wurde niemand. Anschließend wurde sofort geerntet, wenn auch viel zu früh. 200.000 Dollar hätten die Pflanzen bringen können, so waren es nur 60.000. Doch wenn Räuber einmal wissen, wo das Gras ist, kommen sie wieder.</p>
<p>„Das ist der Wilde Westen hier“, sagt Sister Kate, sie erzählt von Kartellen und wilde Geschichten, die sich kaum überprüfen lassen: dass Gangs aus Los Angeles als Initiationsritus Leute zum Drive-by-Shooting herschicken, dass Banditen im Herbst aus den Bergen kommen, um nach Grasfeldern zu riechen. Dass die Polizeieinheiten sich nicht so recht um das Problem kümmern, denn dann würden sie die Sondermittel für die Kartellbekämpfung verlieren.</p>
<p>Warum gehen die Sisters of the Valley nicht einfach in eine friedlichere Gegend, zum Beispiel ins nordkalifornische Mendocino, oder gleich nach Oregon? „Weil Nonnen nicht dahin gehen, wo es gemütlich ist. Und die Leute hier brauchen uns.“ Viele Hispanics lebten in diesem Teil des Central Valley, die meisten hätten keine Ersparnisse, keinen Urlaub, keine Krankenversicherung, nicht mal ein Bankkonto, sagt Sister Kate. „Wir könnten an Orte gehen, wo es uns besser geht – aber dann hätten wir nicht das Recht, unseren Habit zu tragen.“</p>
<h6>Man will das alles glauben</h6>
<p>„Nuns wouldn’t go where it’s comfortable.“ Das ist diese Sorte Powersatz, von der Sister Kate alle Viertelstunde einen raushaut. Wie „It’s the wild, wild west.“ Oder: „We might have shorter lives, but they are more interesting.“ Sister Kate redet wie ein Wasserfall, und sie redet ziemlich gut: klar, anekdotenreich, mit einer vom Leben angerauten Stimme und natürlicher Autorität. Man will ihr das alles glauben, diese ganze verrückte Geschichte von den Hanfnonnen. Ein wenig verpeilt und zugleich absolut zupackend erscheint sie dabei, mitfühlend und dann plötzlich eiskalt, etwa wenn sie von einer älteren „Bewerberin“ für ihren Schwesternorden erzählt, die sie nicht aufgenommen hat. „Was soll ich mit alten Frauen? Ich will eine Zukunft für Schwestern.“</p>
<p>Ist sie eine freundliche alte Anarchistin mit einer Vision für eine bessere Welt? Oder eine sehr clevere Geschäftsfrau mit einer verdammt guten Marketingstrategie? Oder, und das funktioniert so wohl nur in den USA, einfach beides auf einmal?</p>
<p>Auf jeden Fall haben die Sisters jetzt erst mal ein Nachschubproblem: In der Abtei wird das Gras knapp, es gibt bei weitem nicht genug für die nächste Salbenproduktion. Überhaupt reichen den Sisters die eigenen Pflanzen schon lange nicht mehr, sie importieren Öl und Pflanzen aus Mendocino, aus Colorado, Italien und sogar Deutschland. Nicht mehr als zwölf Cannabispflanzen pro Grundstück – und die auch nur für den Eigenbedarf – sind in Merced County erlaubt.</p>
<p>Bleibt noch die Sache mit der Pistole.</p>
<p>„Es war die einzige, die wir hatten“, sagt Sister Kate. „Jetzt muss ich eine neue für 700 Dollar kaufen.“</p>
<p>„Nein, nein, warte, wir kriegen eine Flinte für 20 Dollar“, sagt Zane. „Außerdem streut die viel weiter. Man muss nur grob in die richtige Richtung zielen.“</p>
<p>„Und wir müssen nicht erneut durch den Lizenzierungsprozess. Wir hatten damals keine Flinte gekauft, weil wir noch im Wohnwagen gelebt haben. Aber mit unserem eigenen Anwesen macht das vermutlich mehr Sinn.“</p>
<p>„Uuuund: der Klick-klick-Faktor. Jeder kennt das und findet es einschüchternd.“</p>
<p>„Also ist es einfacher und geht schneller. Vielleicht fahre ich nachher einfach los und kaufe eine Shotgun.“</p>
<p>„Lass uns gleich zwei kaufen.“</p>
</div>
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		<title>Das Free-Jazz-Gebet</title>
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		<pubDate>Wed, 15 Jun 2016 16:28:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[In San Francisco verehrt eine Kirche den Jazz-Saxofonisten John Coltrane als Heiligen. Doch in einer Stadt der steigenden Mieten ist kein Platz mehr für sie. (gemeinsam mit Felix Denk, erschienen auf fluter.de) Besonders heilig sieht der Neubau in der Fillmore]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>In San Francisco verehrt eine Kirche den Jazz-Saxofonisten John Coltrane als Heiligen. Doch in einer Stadt der steigenden Mieten ist kein Platz mehr für sie.<span id="more-2021"></span><br />
(gemeinsam mit Felix Denk, erschienen <a href="http://www.fluter.de/das-free-jazz-gebet">auf fluter.de</a>)</h2>
<p>Besonders heilig sieht der Neubau in der Fillmore Street nicht aus, im Erdgeschoss würde man eher eine Arztpraxis oder eine Anwaltskanzlei vermuten. Klappstühle stehen in Reihen, die Decke ist unverkleidet, Lamellenrollos verhindern, dass Passanten von der Straße reinglotzen. Es ist Sonntag. Gleich geht’s hier los mit einem Gottesdienst.</p>
<p>Von der Decke hängen Siebdruck-Fahnen in Batikoptik. Die Wände schmücken raumhohe ikonenhafte Darstellungen von Maria und Jesus mit schwarzer Hautfarbe und goldenem Heiligenschein, zentral ist aber das Bildnis von John Coltrane, der wie ein König in weißem Gewand auf einem Thron sitzt, das Saxofon in der linken, eine Schriftrolle in der rechten Hand, auch er mit Heiligenschein.</p>
<p>John Coltrane (1926–1967) war ein Jazz-Saxofonist. Hier ist er ein Heiliger. Für Europäer mag das komisch klingen. Tatsächlich ist die Kirche in San Francisco aber kein obskurer Fanclub, sondern eine ordentliche christliche Glaubensgemeinschaft. Sie existiert seit 1971 und ist seit 1982 Teil der African Orthodox Church. Dass sie John Coltrane, insbesondere sein berühmtes Album „A Love Supreme“, verehrt, hat damit zu tun, dass dieses als Loblied auf Gott gedacht war. Außerdem ist der Kirchengründer Franzo W. King glühender Jazzfan. Ja, mehr noch: Als er Coltrane erstmals spielen hörte, empfand er es als Klangtaufe. Und so ist der Free Jazz ein zentrales Element des Gottesdienstes.</p>
<p>Doch bis der losgeht, dauert es erst mal. Für zwölf Uhr ist die Messe angesetzt, und langsam füllt sich der Raum. Zwei kleine Mädchen verkaufen Lotterielose. Es sind etwa 40 Leute anwesend, darunter auch einige Touristen. Als Marlee-I Mystic, eine der Töchter von Franzo W. King, den Gottesdienst gegen halb eins eröffnet, erklärt sie zur Sicherheit, was uns erwartet: „Manche Leute fragen: ‚Wann beginnt die Performance?‘, aber so läuft das hier nicht“, sagt sie und ruft alle zum Mitmachen auf: „Participate! Singt – und wenn ihr das nicht wollt, dann klatscht, trampelt mit den Füßen oder ruft ‚Halleluja‘.“ Verzichten solle man dafür bitte auf Filmaufnahmen.</p>
<h6>Treibende, langsame, meditative Rhythmen</h6>
<p>Anschließend werden ein paar Tamburine verteilt und, nun ja: die Performance beginnt. Die ersten anderthalb Stunden gehören fast allein der achtköpfigen Band. Marlee-I Mystic übernimmt den Gesangspart, sie trägt die religiösen Parts vor, gesungen und spoken-word-artig. Jedes der Stücke wird über mindestens zehn Minuten gespielt, mit treibenden, langsamen, trommeligen, meditativen Rhythmen, immer wieder unterbrochen von Saxofon- und Klarinettensoli.</p>
<p>Der Free Jazz, der hier gespielt wird, steht gleich in mehrfacher Hinsicht für eine Befreiung. Einerseits religiös. Die afroamerikanische Musik fand schon immer Inspiration in der Spiritualität – und in der Kirche. Die Spirituals, der Gospel sind Urformen, auf die sich Generationen schwarzer Musiker immer wieder bezogen haben. Soulstars wie Al Green oder Solomon Burke waren Pastoren. Selbst aktive House- und Techno-DJs wie Terrence Parker, Chez Damier und Robert Hood <a href="http://daily.redbullmusicacademy.com/2015/08/house-techno-religion-feature">predigen</a>, wenn sie nicht gerade in Clubs auflegen.</p>
<p>Andererseits hatte der Free Jazz auch politische Obertöne. Viele Musiker der 1960er-Jahre verstanden die neue Musik als universellen Befreiungsakt – aus dem Korsett von Takt und Harmonie, aber auch aus ihrer gesellschaftlichen Situation. Coltrane und viele andere waren Teil der Civil Rights Movement rund um Martin Luther King Jr., die sich für das Ende der Rassentrennung aussprach. In Zeiten der #blacklivesmatter-Bewegung ist dieses Erbe so aktuell wie lange nicht mehr.</p>
<p>Im Gottesdienst in der Fillmore Street haben die Musiker sich und die Gemeinde inzwischen warmgespielt. Die Stimmung ist nicht wie in so einem „Sister Act“-Klischee-Gospelgottesdienst, wo alle zusammen in die Hände klatschen. Die Musik und Gottes Botschaft werden hier eher allein, meditativ rezipiert: Einige wippen ein wenig mit, manche steigen immer weiter in den Rhythmus ein, andere rühren sich gar nicht, wieder andere, wie ein junger Weißer mit Jackett und Hemd, gehen voll aus sich heraus.</p>
<h6>Die Besucher repräsentieren ein vergangenes San Francisco</h6>
<p>Immer weiter füllt sich die Kirche, bis fast alle Plätze besetzt sind, jetzt sind über 60 Menschen da, einige müssen stehen. Vorne tanzt eine schlanke ältere Frau, die aussieht, als wäre sie als Hippie vor 40 Jahren in die Stadt gekommen und einfach geblieben. Es ist Megan Haungs, Minister of Tap Percussion Dance, eine Art Priesterin des Klangs. Auch ein kleines blondes Kind läuft vorne herum, ein wenig fühlt sich das alles an wie in einem grün-alternativen Kinderladen in den 80ern, und ein wenig ist die Stimmung auch aus der Zeit gefallen: Die Leute, die in der Kirche zusammenkommen, repräsentieren ein vergangenes San Francisco.</p>
<p>Eines, das gerade von den Zehntausenden jungen, konsumfreudigen und kapitalismusgläubigen Menschen aus aller Welt verdrängt wird, die in die Stadt kommen und im Silicon Valley arbeiten. Die bei Facebook, Google und Co. oder gepusht von Venture-Kapital so viel Geld verdienen, dass sie auch 5.000 Dollar Monatsmiete zahlen können und immer noch genug Geld haben für den Yogakurs und den Wochenendausflug ins Spa nach Lake Tahoe.</p>
<p>Wenn viele neue Menschen kommen, werden oft andere verdrängt. Geschichten von „Evictions“, Räumungen, kann fast jeder alteingesessene Mieter in der Stadt erzählen. Das betrifft auch das Quartier rund um die Fillmore Street. Früher war die Gegend mal als das „Harlem des Westens“ bekannt, bewohnt von vielen Arbeitern, die während der „Great Migration“ aus den Südstaaten in die Stadt gekommen waren. Davon ist heute nicht mehr viel übrig: Seit 1970 hat sich die schwarze Einwohnerschaft von San Francisco halbiert, von den verbleibenden Bewohnern wurden viele in Stadtviertel am Rand gedrängt. Durch die Mietenexplosion in den vergangenen zehn Jahren ist der Druck noch gestiegen.Auch die St. John Coltrane Church ist davon betroffen. Dieser Gottesdienst im April ist vorerst einer der letzten vor der „Eviction“. Seit Anfang Mai hat die Kirche keine festen Gemeinderäume mehr. Auch sie konnte die Miete nicht mehr zahlen.</p>
<p>Der Redeteil des Gottesdienstes beginnt. Auch das läuft hier anders als etwa in Europa. Nicht nur der Priester spricht, sondern mehrere Personen aus dem Inner Circle der Kirche. Sie erzählen, beten, und auch die Leute im Publikum rufen mal was dazwischen, eine Anmerkung und einfach „Yeah“ oder natürlich „Amen“ und „Halleluja“. Auch ein kleines Kind ruft einmal „Halleluja“, und alle klatschen selig. Die eigentliche Predigt hält Archpriest Rev. Wanika King Stephens, die vorher noch am Bass stand, eine weitere Tochter des Kirchengründers. Sie spricht mit einer warmen, schwingenden Stimme. Das Thema der Predigt: Selbstdisziplin.</p>
<h6>„Das ist hier kein Trauergottesdienst&#8221;</h6>
<p>Ein wenig Selbstdisziplin erfordert inzwischen auch der Gottesdienst, der mehr als drei Stunden andauert. Zum Schluss kommen die „Announcements“ dran, eine Art offenes Mikrofon für alle Anwesenden. Auch His Eminence The Most Reverend Archbishop F. W. King D.D., der Gründer der Kirche, erhebt nun sein Wort: Er erzählt von einer jüngst verstorbenen Schwester, Bonnie Lee, die er schon ewig kennt. Auch andere sagen etwas über sie, und einige Familienangehörige sind da, es wird kurz ergreifend, aber dann sagt King: „Das ist hier kein Trauergottesdienst. Wir sind eine fröhliche Kirche!“</p>
<p>Am Ende geben sich alle die Hände – die Dreadlock-Träger, die Touristen, die beiden älteren schwarzen Damen, die in vornehmen Sonntagskleidern gekommen sind. Die Menschen in der Fillmore Street sind zu einer verschworenen Gemeinschaft geworden. Der Schlagzeuger meldet sich zu Wort und sagt: „Eine Sache dürft ihr nicht vergessen: Die Coltrane-Kirche ist eine geistige Verbindung. Wir hören nicht auf. Auch nicht, wenn wir in zwei Wochen hier rausmüssen.“</p>
<p><em><strong>Nach ein paar Wochen Pause</strong> finden die Gottesdienste nun einstweilen in der Turk Street statt, ein paar Blocks weiter östlich. Doch auch diese Lösung ist nur temporär.</em></p>
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		<title>Fifty Shades of Green</title>
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		<pubDate>Sat, 18 Jul 2015 16:47:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anderswo]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
		<category><![CDATA[Reportage]]></category>
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		<description><![CDATA[Wer mit der „Kereta Api“ quer durch Java fährt, kommt in seltsame Hafenstädte, sieht viel grüne Landschaft – und ist allein unter Indonesiern. (aus der taz vom 18. Juli 2015) Es dürfte kaum einen grüneren Ort auf der Welt geben]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Wer mit der „Kereta Api“ quer durch Java fährt, kommt in seltsame Hafenstädte, sieht viel grüne Landschaft – und ist allein unter Indonesiern.<span id="more-2028"></span> (aus der <a href="https://www.taz.de/!5211666/">taz</a> vom 18. Juli 2015)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Indonesien-Zug-JB-02.jpg"><img class="wp-image-2040 size-full aligncenter" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Indonesien-Zug-JB-02.jpg" width="620" height="413" /></a></p>
<p>Es dürfte kaum einen grüneren Ort auf der Welt geben als Java in der Regenzeit. Laubfroschgrün leuchtende Reisfelder grundieren die gesamte Insel, nur vereinzelt blitzen aus ihnen die Caping auf, die Kegelhüte der Reisbauern. Darüber wuchert es, palmengrün, bambusgrün, bananenstaudengrün, dschungelgrün und Grün ist auch die Farbe der meisten Moscheen.<br />
Man hat viel Zeit, sich Indonesiens Hauptinsel anzuschauen, wenn man sie einmal komplett mit dem Zug durchquert, von Jakarta im Nordwesten bis an die Ostspitze, nach Banyuwangi, wo im Halbstundentakt die Fähren nach Bali übersetzen. 27 Stunden Nettofahrtzeit und weit über 1.000 Gleiskilometer sind das, verteilt auf vier Etappen.</p>
<p>Es dürfte kaum einen grüneren Ort auf der Welt geben als Java in der Regenzeit. Laubfroschgrün leuchtende Reisfelder grundieren die gesamte Insel, nur vereinzelt blitzen aus ihnen die Caping auf, die Kegelhüte der Reisbauern. Darüber wuchert es, palmengrün, bambusgrün, bananenstaudengrün, dschungelgrün und Grün ist auch die Farbe der meisten Moscheen.</p>
<p>Man hat viel Zeit, sich Indonesiens Hauptinsel anzuschauen, wenn man sie einmal komplett mit dem Zug durchquert, von Jakarta im Nordwesten bis an die Ostspitze, nach Banyuwangi, wo im Halbstundentakt die Fähren nach Bali übersetzen. 27 Stunden Nettofahrtzeit und weit über 1.000 Gleiskilometer sind das, verteilt auf vier Etappen.</p>
<h6>Verkehrsmittel für Menschenscheue</h6>
<p>Nun ist der Zug normalerweise nicht das Mittel der Wahl eines Individualreisenden. Die Erzählung einer stundenlangen Tour im Kleinbus – aus den Boxen laute Musik, auf dem Schoß ein Huhn – gehört zur Backpackerromantik wie Kakerlakenjagden und Durchfall-Survival. Bahn fahren hingegen ist etwas für Menschenscheue wie mich, man kann es machen, ohne ein Wort zu sprechen. Es ist wie im Supermarkt einzukaufen, statt beim Händler zu feilschen. Ein quantifizierbares System mit klaren Regeln und Zeiten.</p>
<p>Nebenbei ist eine Bahnreise natürlich auch schneller, sicherer und man kann dabei auch mal aufstehen und herumlaufen. Und was all das Gewese um die „Locals“ angeht, an deren Leben jeder aufgeklärte westliche Reisende unbedingt teilhaben muss: In allen vier Zügen war ich der einzige Weiße – wurde in dieser Rolle aber einfach so zur Kenntnis genommen und nicht bestaunt oder permanent angesprochen.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Indonesien-Zug-JB-04-1.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-2054" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Indonesien-Zug-JB-04-1.jpg" alt="" width="310" height="465" /></a>Mit anderen Worten: Zugfahren in Java ist großartig! Die wohl schönste Strecke der „Kereta Api“ (“Wagen Feuer“) führt dabei von Jakarta, dem logischen Einfalltor für alle europäischen Indonesienreisenden, nach Yogyakarta, der entspanntesten Großstadt der Insel, die alles bietet, was das Touristenherz begehrt: einen alten Sultanspalast, einen Vogelmarkt, nette Cafés, alles fußläufig, außerdem in Tagesausflugnähe: das Meer, ein Vulkan und zwei bedeutende Tempelanlagen. Auf dem Weg dorthin passiert die Bahn den Sitz ihrer Hauptdirektion, Bandung, einer Millionenstadt im Talkessel, und die Fahrt über die Bergketten drum herum bieten spektakuläre Blicke. Es ist die wohl schönste Strecke.</p>
<h6>Die höchste Reiseklasse heißt „Eksekutif“</h6>
<p>Ich aber nehme dieses Mal die Nordroute, ohne zu wissen, was mich dort erwartet – die Zwischenstopps richten sich nach dem Fortbewegungsmittel, nicht umgekehrt. So führt mich meine erste Etappe nach Cirebon, sie dauert nur drei Stunden, mit beinahe hundert Stundenkilometern rollen wir durch die landschaftlich unspektakulären Ausläufer der 30-Millionen-Menschen-Metropolregion Jabodetabek. In den „Eksekutif“-Wägen, der besten Reiseklasse, sind die Sitze bequem, die Fußstützen verstellbar, die Klimaanlage ist moderat aufgedreht. Immer wieder kommt das Zugpersonal vorbei und nimmt Bestellungen auf. Das Essen bringen sie direkt an den Platz, auch wenn es einen Speisewagen gibt. Anschließend stellt man das Tablett unter dem Sitz ab, dort wird es vom Personal eingesammelt.</p>
<p>Cirebon ist ein seltsamer Ort: eine Hafenstadt, die ihr Meer versteckt, ein Zentrum der Batikindustrie. Das schneeweiße Rathaus zieren vier goldene Garnelen, die einzige Sehenswürdigkeit sind verlassene Sultanspaläste, und an jeder Ecke warten mehrere Fahrradrikscha-Fahrer auf nicht vorhandene Kunden.</p>
<p>Am nächsten Vormittag geht die Reise weiter. Wieder drei Stunden, wieder Eksekutif. Vorn im Wagen läuft ein Fernseher so leise, dass nur die ersten Reihen mithören können. Erst gibt es eine Kinderserie mit niedergeschlagen dreinschauenden Lokomotiven, danach die „X-Men“. Draußen ist die Landschaft flach, manchmal fahren wir nur wenige Meter von der Küste der Javasee entfernt.</p>
<p>Dann mache ich etwas Ungewöhnliches: Ich lese. Das habe ich auf allen Fahrten sonst nur eine andere Person tun sehen: Ein älterer Mann las in einem Gebetsbuch, als die Abenddämmerung einsetzte und es Zeit für das Maghrib-Gebet war. Wesentlich beliebtere Aktivitäten sind schlafen – das können alle Indonesier, jederzeit, in jeder erdenklichen Körperhaltung und bei allen Licht- und Lärmverhältnissen – und auf dem Handy rumtippen.</p>
<h6>Mobiles Internet funktioniert besser als in Deutschland</h6>
<p>Indonesien gehört zu den Ländern, wo die Stufe des Zuhause-Internets einfach ausgelassen wurde. Inzwischen besitzt ein Viertel der Bewohner ein Smartphone, unter den Menschen, die sich ein Zugticket leisten können, dürfte die Quote deutlich höher sein. Die Infrastruktur trägt dem Rechnung. An fast allen Bahnhöfen finden sich kostenlose Ladestationen, an jeder Sitzbank im Zug, auch in den unteren Klassen, sind zwei Steckdosen angebracht, und meine indonesische Sim-Karte zeigt mir auf der Zugstrecke fast durchgehend gutes 3G-Netz an. Durch Funklöcher fahre ich genau zweimal.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Indonesien-Zug-JB-01-1.jpg"><img class="size-full wp-image-2055 alignleft" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Indonesien-Zug-JB-01-1.jpg" alt="" width="310" height="464" /></a>So beliebig, wie Semarang zu meinem zweiten Zwischenstopp wurde, sind auch meine Aktivitäten in den anderthalb Tagen dort: In einem Gewerbegebiet am Stadtrand besuche ich das Fabrikmuseum einer Naturheilkräuterfirma, wo mir eine Verkäuferin erzählt, dass sie Scorpions-Fan sei. Ich schaue mir einen Busbahnhof an, eine islamische Universität, die heruntergekommenen Lagerhäuser im kolonial geprägten Bahnhofsviertel und eine große chinesische Tempelanlage. Abends esse ich auf dem Nachtmarkt und höre einer der vielen Exilchinesinnen beim Karaoke zu. Semarang ist eine von neun Millionenstädten auf Java, der bevölkerungsreichsten Insel der Welt mit über 140 Millionen Menschen. Sie drängt sich auf etwas mehr als einem Drittel der Fläche von Deutschland.</p>
<p>Nach Malang geht es weiter mit einem Nachtzug der untersten „Ekonomi“-Klasse („Bisnis“ habe ich ausgelassen). Das heißt natürlich nicht, dass wir auf eine Klimaanlage verzichten müssten. Sie ist allerdings auf unter 20 Grad eingestellt, zum Ausgleich ist das Neonlicht die ganze Nacht an.</p>
<p>Am nächsten Morgen sieht die Welt ganz anders aus: Hügeliger ist die Landschaft nun, irgendwie auch dschungeliger. Geschlafen habe ich kaum und werde es auch in der kommenden Nacht nicht tun, denn von Malang erreicht man das Hochplateau rund um den aktiven Vulkan Bromo, eine irre Mondlandschaft umgeben von sattgrünen Hängen. Und auf Vulkane fährt man als Indonesientourist grundsätzlich nachts, um den Sonnenaufgang zu sehen.</p>
<h6>Atemmasken und Gemüsereis direkt aus der Hand</h6>
<p>Auch auf der letzten Etappe in die Fährhafenstadt Banyuwangi gibt es nur noch „Ekonomi“-Plätze, und das bedeutet: Wir sitzen zu dritt nebeneinander auf einer Sitzbank ohne Lehnen, ich in der Mitte, in knapp vierzig Zentimetern Abstand ist die gegenüberliegende Bank angebracht. Nach einigen Stunden entdecke ich neue Muskeln an meinem Körper. Vor mir sitzt ein fein gekleidetes älteres Paar, das Enkelkind klopft ihnen alle halbe Stunde vom Sitz dahinter auf den Kopf. Meine Sitznachbarn links und rechts ziehen Atemmasken auf, der rechte holt später Essen aus seiner Tasche, Reis mit Gemüse, das er mit einer Hand verspeist.</p>
<p>Als ich zum Speisewagen am anderen Ende des Zuges gehe, stelle ich fest, dass nur die ersten zwei Waggons derart voll besetzt sind. Dahinter ist der Zug praktisch leer. Ich überrasche ein Teenagerpärchen beim Knutschen, esse ein laukaltes Nasi Goreng und hänge mich dann auf eine der leeren Sitzbänke, so wie das alle hier tun.</p>
<p>Der Zug zuckelt unfassbar langsam durch die tropenheiße Dunkelheit, er hält in jedem winzigen Ort. Für 200 Kilometer Luftlinie braucht er acht Stunden.</p>
<p>Draußen regnet es schon wieder. Ich döse ein wenig. Gleich bin ich am Ziel.</p>
<p>Ich möchte noch gar nicht ankommen.</p>
<h3></h3>
<p><img class="size-full wp-image-2051 aligncenter" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Indonesien-Zug-JB-06.jpg" alt="" width="620" height="413" /></p>
<h3><b>Eisenbahn in Indonesien</b></h3>
<p><b>Geschichte:</b> Es waren die niederländischen Kolonialherren, die in den 1870er Jahren mit dem Eisenbahnbau in Java begannen. Unter der japanischen Besatzung im Zweiten Weltkrieg wurden die Strecken dann auf die 1.067 Millimeter schmale Kapspurweite vereinheitlicht. Seit der Unabhängigkeit 1949 wurde das Netz auf rund 5.000 Kilometer zurückgebaut.</p>
<p><b>Gegenwart:</b> Die Fahrkarten in Indonesien sind platzgebunden. Wer auf den Bahnsteig will, muss sie vorzeigen – gemeinsam mit dem Reisepass. Rund um Feiertage wie dem Opferfest oder zum chinesischen Neujahr sollte man rechtzeitig Tickets kaufen. Das kann man in Supermärkten, bei Banken oder im Internet – auf <a href="http://kereta-api.co.id/" target="_blank" shape="rect">der offiziellen Seite</a> der „Kereta Api“ oder bei privaten Anbietern wie <a href="http://tiket.com/" target="_blank" shape="rect">tiket.com</a>, wo auch deutsche Kreditkarten akzeptiert werden.</p>
<p><b>Zukunft:</b> Javas Hauptstrecken sollen doppelspurig werden, auf Sumatra soll die stillgelegte Strecke in die Aceh-Region aktiviert werden, die Touristeninsel Bali wird ein 565 Kilometer langes Schienennetz erhalten. Auch auf Kalimantan und Sulawesi sollen Linien entstehen.</p>
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