<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Michael Brake &#187; fluter.de</title>
	<atom:link href="http://michaelbrake.de/category/fluter/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://michaelbrake.de</link>
	<description></description>
	<lastBuildDate>Thu, 31 Jan 2019 00:16:17 +0000</lastBuildDate>
	<language></language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.3.2</generator>
		<item>
		<title>Schuften für den Bruderstaat</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2016/08/16/schuften-fuer-den-bruderstaat/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2016/08/16/schuften-fuer-den-bruderstaat/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 16 Aug 2016 16:43:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Comic]]></category>
		<category><![CDATA[fluter.de]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Afrika]]></category>
		<category><![CDATA[Birgit Weyhe]]></category>
		<category><![CDATA[DDR]]></category>
		<category><![CDATA[Mosambik]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=2026</guid>
		<description><![CDATA[Der Comic &#8220;Madgermanes&#8221; von Birgit Weyhe erzählt meisterhaft das traurige Schicksal vieler mosambikanischer Vertragsarbeiter der DDR. (veröffentlicht auf fluter.de) Jede Woche marschiert in Maputo, der Hauptstadt von Mosambik, eine Gruppe Menschen mit einer DDR-Fahne durch die Straßen. Sie demonstrieren, sie]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der Comic &#8220;Madgermanes&#8221; von Birgit Weyhe erzählt meisterhaft das traurige Schicksal vieler mosambikanischer Vertragsarbeiter der DDR.<span id="more-2026"></span> (veröffentlicht auf <a href="http://www.fluter.de/comic-madgermanes-ddr-vertragsarbeiter-mosambik">fluter.de</a>)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/madgermanes-teaser.jpg"><img class="size-full wp-image-2038 aligncenter" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/madgermanes-teaser.jpg" alt="" width="620" height="349" /></a><br />
Jede Woche marschiert in Maputo, der Hauptstadt von Mosambik, eine Gruppe Menschen mit einer DDR-Fahne durch die Straßen. Sie demonstrieren, sie wollen Geld. Geld, das sie in der DDR verdient haben, als es die noch gab. Madgermanes nennen sie sich, abgeleitet von „Made in Germany“, denn sie gehörten zu den insgesamt rund 20.000 Vertragsarbeitern, die zwischen 1979 und 1989 aus dem südostafrikanischen Land in die DDR entsandt wurden.</p>
<p>In Mosambik hatte 1975 die marxistische Miliz FRELIMO einen langen Befreiungskampf gegen die portugiesischen Kolonialherren gewonnen, war fortan alleinherrschende Partei der neuen Volksrepublik und knüpfte Verbindungen zu den jungen sozialistischen Bruderstaaten – wie der DDR. Arbeitskräfte wurden getauscht gegen Baumaschinen, Medikamente und andere Produkte – möglicherweise auch Waffen, denn in Mosambik herrschte seit 1977 ein 15 Jahre andauernder Bürgerkrieg, der Schätzungen zufolge bis zu eine Million Todesopfer forderte.</p>
<p>Die in Hamburg lebende Zeichnerin Birgit Weyhe hat aus den Lebensgeschichten der Madgermanes einen Comic gemacht, und es ist ein großartiges Buch geworden. Mit vielen Mosambikanern hat Weyhe gesprochen und ihre Geschichten am Ende auf drei fiktive Charaktere verdichtet: den schüchternen, strebsamen und FRELIMO-linientreuen José, den alle Toni nennen, weil die Deutschen das besser aussprechen können. Sein Zimmergenosse Basilio aus der Hauptstadt Maputo, ein lebensfroher Playboy, der das Beste aus dem Sozialismus herausholt und nicht wirklich an Morgen denkt. Und Anabella, Tonis vorübergehende Freundin, deren Familie schwer unter dem Bürgerkrieg gelitten hat und die sich letztlich als der stärkste der Charaktere erweisen wird.</p>
<p>Alle drei sind mit großen Träumen in die DDR gekommen: Lehrer, Ingenieur, Ärztin wollen sie werden. Stattdessen müssen sie auf dem Bau arbeiten und Wärmflaschen herstellen, sie sind Hilfsarbeiter. Sie leben in Wohnheimen und 60 Prozent ihres Lohns wird einbehalten und nach Mosambik geschickt, für die Zeit nach der Rückkehr. Auch sollen die Mosambikaner so wenig Kontakt wie möglich zur einheimischen Bevölkerung aufbauen – und schwangere Frauen werden sofort abgeschoben.</p>
<h6>Mehr oder weniger offener Rassismus</h6>
<p>Nacheinander erzählt Weyhe die drei Biografien, entblättert Schicht für Schicht die persönlichen Details und geschichtlichen Zusammenhänge. Sie erzählt von kultureller Identität und neuen Welten, von Ablehnung und Anpassung, vom mehr oder weniger offenen Rassismus durch die deutsche Bevölkerung, aber auch von guten und fruchtbaren Begegnungen mit Deutschen – wobei das für Toni, Basilio und Anabella jeweils etwas anderes bedeutet.</p>
<p>Wie schon in „Im Himmel ist Jahrmarkt“ (2013), in dem sie im großen Bogen die Geschichte ihrer beiden Großmütter erzählt, zeigt sich Birgit Weyhe als Meisterin in der Fiktionalisierung von gelebter Geschichte. Ihre Charaktere sind vielschichtig und absolut glaubhaft, ihr Storytelling verbindet kleine Details und Alltägliches, etwa Tonis erster Tag im Schnee, mit dem Blick für das große Ganze, ist dabei oft ernst, manchmal sogar drastisch, aber niemals schwer.</p>
<p>Auch die Bildebene gestaltet Weyhe vielseitig. Die recht harten, farbarmen Zeichnungen aus dem Alltag der Madgermanes durchbricht sie mit zahlreichen grafischen Elementen. Einerseits sind das Zeitdokumente aus der DDR und Mosambik: Briefmarken, Filmplakate, Wappen, Abzeichen, Markenprodukte. Andererseits aber auch illustrative Bilder von hoher assoziativer Kraft: Tiere, Blumen, Muster. Immer wieder findet Birgit Weyhe Wege, Stimmungen und Gefühle zu illustrieren, variiert Zeichenstile und Auftragstechnik. Dass sie dabei auch Anleihen an afrikanische Motiviken macht, erklärt sich nicht allein aus dem Stoff von „Madgermanes“: Birgit Weyhe selbst hat ihre Kindheit in Uganda und Kenia verbracht.</p>
<h6>Die Wende bringt das Ende</h6>
<p>Das Ende der DDR im Jahr 1989 ist auch für Toni, Basilio und Anabella eine Zäsur. Das wiedervereinigte Deutschland hat kein Interesse daran, die mosambikanischen Vertragsarbeiter – mit zu dem Zeitpunkt rund 15.000 Menschen mit Abstand die zweitgrößte Gruppe nach den Vietnamesen – im Land zu behalten („Die hatten schon ihre Türken“, kommentiert Basilio). Zudem wächst der offene Rassismus in den neuen Bundesländern.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/madgermanes-cover-260x367.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-2039" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/madgermanes-cover-260x367.jpg" alt="" width="260" height="367" /></a>Die meisten müssen zurück nach Mosambik und komme doch nie richtig dort an: Was sie an den Werkbänken der DDR gelernt haben, bringt ihnen hier wenig bis nichts. Gleichzeitig haben sie sich vom einfachen Leben in ihrer Heimat entfremdet und vermissen die Annehmlichkeiten und Verbindlichkeiten des Lebens in Europa. Das Schlimmste aber: Von dem Geld, das sie verdient hatten und das in Mosambik auf sie warten soll, sehen die Madgermanes fast nichts. Weil ihnen das aber niemand glaubt, werden sie auch noch als geizig und arrogant betrachtet.</p>
<p>Wie so viele Migranten und Wanderer zwischen zwei Gesellschaften haben sie nun gar kein richtiges Zuhause mehr, viele von ihnen fassen nie wieder wirklich Fuß in Mosambik. Um ihren Lohn kämpfen sie bis heute.</p>
<p><strong>Birgit Weyhe: „Madgermanes“.</strong> Avant-Verlag, Berlin 2016, 240 Seiten, 24,95 Euro</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2016/08/16/schuften-fuer-den-bruderstaat/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Insulin für alle</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2016/07/26/insulin-fuer-alle/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2016/07/26/insulin-fuer-alle/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 26 Jul 2016 09:28:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anderswo]]></category>
		<category><![CDATA[fluter.de]]></category>
		<category><![CDATA[Science]]></category>
		<category><![CDATA[Bay Area]]></category>
		<category><![CDATA[Biohacking]]></category>
		<category><![CDATA[DIY]]></category>
		<category><![CDATA[Insulin]]></category>
		<category><![CDATA[Medizin]]></category>
		<category><![CDATA[Oakland]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=2004</guid>
		<description><![CDATA[Die Biohacking-Szene in der kalifornischen Bay Area ist groß. Das Open Insuline Project aus Oakland will Diabetesbehandlungen billiger machen. (veröffentlicht auf fluter.de) Mitten in seinem Abschlussjahr an der Universität in Yale verlor Anthony Di Franco plötzlich rasant an Gewicht. Es war egal, wie viel]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die Biohacking-Szene in der kalifornischen Bay Area ist groß. Das Open Insuline Project aus Oakland will Diabetesbehandlungen billiger machen.<span id="more-2004"></span> (veröffentlicht auf <a href="http://www.fluter.de/bei-den-bio-hackern" target="_blank">fluter.de</a>)</h3>
<p>Mitten in seinem Abschlussjahr an der Universität in Yale verlor Anthony Di Franco plötzlich rasant an Gewicht. Es war egal, wie viel er aß. „In der Mensa nahm ich drei Portionen, mittags und abends“, erinnert er sich. „Es waren bestimmt 12.000 Kalorien am Tag, aber ich fühlte mich, als würde ich verhungern. Mein Körper konnte die Energie nicht nutzen. Irgendwann hatte ich mein gesamtes Körperfett verloren.“ In wenigen Monaten nahm er 25 Kilogramm ab, ging aber erst zum Arzt, als er seinen Abschluss in Informatik in der Tasche hatte. Die Diagnose war schnell klar: Diabetes Typ 1.</p>
<p>Di Francos Bauchspeicheldrüse kann das Hormon Insulin nicht mehr produzieren. Das aber ist wichtig, um die mit der Nahrung aufgenommene Glukose (Traubenzucker) aus dem Blut in die Zellen zu schleusen, wo sie in Energie umgesetzt wird. Bei Insulinmangel sammelt sie sich im Blut an – der Blutzuckerspiegel steigt. Das kann auf Dauer Blutgefäße, Nerven und viele Organe schädigen. Weltweit sind rund 422 Millionen Menschen an Diabetes erkrankt, Tendenz steigend. Denn neben genetischen Gründen können auch Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung und Übergewicht zu Diabetes führen.</p>
<p>Elf Jahre später, im Frühjahr 2016, steht Anthony Di Franco in Oakland in einer Mischung aus Chemielabor und Hobbykeller, zwischen einem Regal voller Gläser mit bunten Flüssigkeiten und sterilen technischen Geräten. Wohlgenährt und fit sieht er aus, er trägt eine Radlercap und blaue Schutzhandschuhe und füllt mit Hilfe einer Pipette das Bakterien-Nährmedium aus einem großen Glas um. Seine Krankheit beeinträchtigt ihn kaum, er kann alles essen. Sie beschäftigt ihn aber andauernd: Mehrmals am Tag muss Di Franco seinen Blutzuckerspiegel bestimmen und gegebenenfalls seinen Insulinspiegel regulieren.</p>
<h6>300 bis 400 Dollar Mehrkosten im Monat</h6>
<p>Hinzu kommen die Kosten, denn anders als in Deutschland, wo die gesetzlichen Krankenkassen für Diabeteskranke beinahe alle Ausgaben übernehmen, musste Di Franco bei seiner US-Krankenversicherung einen teureren „Gesundheitsplan“ abschließen: Der kostet mehr im Monat und deckt mehr Leistungen ab. Doch selbst damit hat er noch Ausgaben für Medikamente und Hilfsmittel zum Blutzuckermessen. Insgesamt, sagt Di Franco, kommt er auf Mehrkosten von 300 bis 400 Dollar pro Monat.</p>
<p>Di Franco hat einen Job in einem Start-up in San Francisco, er kann sich das leisten. Viele andere US-Amerikaner können das jedoch nicht. Und das ist der zweite Grund, warum Diabetes Anthony Di Franco so beschäftigt. Mit der Arbeit im Labor in Oakland will er dazu beitragen, die Behandlungskosten für Diabeteskranke zu senken. Ehrenamtlich engagiert er sich im „Open Insulin Project“, das er im vergangenen Jahr selbst mit ins Leben gerufen hat.</p>
<p>Di Franco und seine Mitstreiter treten gegen die Pharmakonzerne an. Denn die haben die Patente für Insulin als Medikament und machen damit ein gutes Geschäft. Dafür, dass das so bleibt, sorgen sie mit dem sogenannten Evergreening. Die Strategie: kurz vor oder nach Ablauf des Patents für ein Medikament ein neues Patent für eine leicht geänderte Formulierung zu beantragen, die dann als Nachfolgeprodukt häufig verschrieben wird.</p>
<p>Aufgrund der großen Komplexität des Insulinmoleküls lässt sich dieses von Generikaproduzenten nicht aufbaugleich herstellen – und auch die Produzenten von Biosimilaren, also hochkomplexen, biotechnologisch hergestellten Arzneimitteln, die sich nur mittels lebender Zellen produzieren lassen und nie völlig identisch (sondern nur ähnlich = similar) mit dem bereits zugelassenen Referenzprodukt sind, scheuten die kostenintensive Entwicklung und Markteinführung eines Insulin-Biosimilars lange Zeit. Erst 2014 und damit rund 90 Jahre nachdem erstmals Insulin als Medikament verwendet wurde, kam in der EU ein Biosimilar auf den Markt. In den USA wird dessen endgültige Zulassung durch die FDA in diesen Wochen erwartet.</p>
<h6>Biologie oder Medizin hat kaum jemand studiert</h6>
<p>Neben Di Franco gehören eine Handvoll Leute zum harten Kern des Open Insulin Project, rund ein Dutzend bilden den erweiterten Kreis. Sie alle machen das in ihrer Freizeit, viele von ihnen sind Amateure, haben also nicht Biologie oder Medizin studiert. Mehrmals pro Woche treffen sie sich zur Laborarbeit. Sie arbeiten daran, Insulin zu gewinnen.</p>
<p>In der ersten Phase des Projekts, die derzeit läuft, wurde ein Stück DNA synthetisch in E.coli-Bakterien eingesetzt. Die Bakterienkultur lassen sie auf einem Nährmedium wachsen, aktivieren dann im richtigen Moment den Trigger, der die Mikrobe Proinsulin – den Ausgangsstoff für Insulin – produzieren lässt. Anschließend probieren sie, durch Zentrifugieren und andere Verfahren möglichst viel reines Insulin aus der Zellkultur zu isolieren – wenn nicht, wie im Mai, für einige Wochen die Zentrifuge ausfällt und erst mal repariert werden muss. Immer und immer wieder setzen sie Bakterienkulturen an, verändern Parameter wie pH-Wert oder Dauer und probieren verschiedene Gewinnungsverfahren. (Wer es genauer wissen will: Hier geht es <a href="http://openinsulin.org/june-update/">zum Juni-Update</a> des Open Insulin Projects.)</p>
<p>Das alles machen sie natürlich nicht in der Küche von Anthony Di Francos Wohnung, sondern in den Counter Culture Labs. Die sind Teil des alternativen Gemeinschaftszentrums Omni Commons, das die 2014 aus der Occupy-Bewegung heraus entstandene Omni Collective betreibt. Im Raum der Counter Culture Labs herrscht anarchische Ordnung: Ein Sammelsurium von breit gesessenen Schreibtischstühlen dient für Meetings, ein Süßigkeitenautomat wurde zum Kühlschrank für Petrischalen umfunktioniert.</p>
<h6>Bürgerwissenschaft mit DIY-Attitüde</h6>
<p>Die Counter Culture Labs sind Teil der stetig wachsenden Biohacking-Community. Die Anlehnung an die Hackerszene ist bewusst gewählt: Die sub- und gegenkulturellen Wurzeln, der Geist des Do it yourself und die Ethik eines offenen Austauschs sind vergleichbar. Es geht um Bürgerwissenschaft, um eine Demokratisierung von Wissen und den Abbau von Wissenshierarchien. Doch wo „klassische“ Hacker Computer, Maschinen und Netzwerke ergründen, ihre Möglichkeiten austesten und bis auf die Ebene der Bits und Elektronen vordringen, um neue Funktionen zu schaffen, machen Biohacker dies eben mit Lebewesen, Körperfunktionen, Sinneswahrnehmung und auf der Ebene von Molekülen und Genen.</p>
<p>„Die Ära der Garagen-Biologie steht uns bevor“, verkündete das US-amerikanische Technikmagazin „Wired“ bereits im Jahr 2005. Und in der San Francisco Bay Area, zu der auch Oakland gehört, in direkter Nachbarschaft zu den Elite-Unis in Berkeley und Stanford und den Start-ups des Silicon Valley, ist die Bewegung besonders stark vertreten.</p>
<p>Finanziert ist das oftmals durch Spenden. Auch das Open Insulin Project sammelte seine Mittel durch Crowdfunding ein, so kamen im Frühjahr 2015 über 16.000 Dollar als Finanzierung für die erste Phase zusammen. Rund 15 bis 20 Stunden Arbeit pro Woche steckt Anthony Di Franco seitdem in das Projekt, knapp 100 Wochenarbeitsstunden sind es aufs gesamte Team gerechnet.</p>
<h6>Mehrere Jahre Arbeit</h6>
<p>Auf mehrere Jahre schätzt Anthony Di Franco die Projektdauer – doch wer weiß, wie lange die Motivation bei den ehrenamtlichen Mitarbeitern hält und ob auch in weiteren Crowdfunding-Runden wieder Geld zusammenkommt. Und überhaupt darf man sich durchaus fragen, wie ausgerechnet eine Gruppe Hobbybiologen eine so große Aufgabe stemmen will, von deren Komplexität selbst Generikafirmen bisher die Finger gelassen haben. Oder wie verlässlich Insulin aus dem Heimlabor wohl wäre und ob es jemals ohne Vorbehalte an Patienten abgegeben werden könnte.</p>
<p>Doch diese Fragestellung wäre zu sehr ergebnisfixiert. Dem Open Insulin Project geht es um Grundlagenforschung. „Trial and Error“ ist Methode, und der Weg ist das Ziel beim Wissensgewinn. Genauso wichtig wie die Ergebnisse bei der Insulingewinnung ist für Di Franco und seine Mitstreiter daher die Dokumentation des Projektes: eine Versuchsanleitung, in der alle ihre Arbeitsschritte – auch die misslungenen – exakt beschrieben werden. Diese soll, ganz im Sinne der Open-Source- und Open-Access-Bewegung, der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung gestellt werden. So könnten andere Forscherteams – oder sogar irgendwann auch die Hersteller von Generika – damit weiterarbeiten.</p>
<p>Und darüber hinaus will das Projekt einen kleinen Beitrag zur Ermutigung, zum „Empowerment“ leisten: Diabetespatienten haben sich in der #WeAreNotWaiting-Kampagne zusammengeschlossen, die mit Open-Source-Technologie-Projekten das Leben von Diabetespatienten verbessern will. Ihre Message ist auch die von Anthony Di Franco: Patienten und Betroffene sind im 21. Jahrhundert nicht mehr machtlos gegenüber den Pharmakonzernen. Im Zweifel nehmen sie ihr Schicksal einfach selbst in die Hand und setzen die Industrie so lange unter Druck, bis sie reagiert.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2016/07/26/insulin-fuer-alle/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Das Free-Jazz-Gebet</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2016/06/15/das-free-jazz-gebet/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2016/06/15/das-free-jazz-gebet/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 15 Jun 2016 16:28:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anderswo]]></category>
		<category><![CDATA[fluter.de]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Reportage]]></category>
		<category><![CDATA[Stadt]]></category>
		<category><![CDATA[Bay Area]]></category>
		<category><![CDATA[Gentrifizierung]]></category>
		<category><![CDATA[Jazz]]></category>
		<category><![CDATA[John Coltrane]]></category>
		<category><![CDATA[Kalifornien]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[San Francisco]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=2021</guid>
		<description><![CDATA[In San Francisco verehrt eine Kirche den Jazz-Saxofonisten John Coltrane als Heiligen. Doch in einer Stadt der steigenden Mieten ist kein Platz mehr für sie. (gemeinsam mit Felix Denk, erschienen auf fluter.de) Besonders heilig sieht der Neubau in der Fillmore]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>In San Francisco verehrt eine Kirche den Jazz-Saxofonisten John Coltrane als Heiligen. Doch in einer Stadt der steigenden Mieten ist kein Platz mehr für sie.<span id="more-2021"></span><br />
(gemeinsam mit Felix Denk, erschienen <a href="http://www.fluter.de/das-free-jazz-gebet">auf fluter.de</a>)</h2>
<p>Besonders heilig sieht der Neubau in der Fillmore Street nicht aus, im Erdgeschoss würde man eher eine Arztpraxis oder eine Anwaltskanzlei vermuten. Klappstühle stehen in Reihen, die Decke ist unverkleidet, Lamellenrollos verhindern, dass Passanten von der Straße reinglotzen. Es ist Sonntag. Gleich geht’s hier los mit einem Gottesdienst.</p>
<p>Von der Decke hängen Siebdruck-Fahnen in Batikoptik. Die Wände schmücken raumhohe ikonenhafte Darstellungen von Maria und Jesus mit schwarzer Hautfarbe und goldenem Heiligenschein, zentral ist aber das Bildnis von John Coltrane, der wie ein König in weißem Gewand auf einem Thron sitzt, das Saxofon in der linken, eine Schriftrolle in der rechten Hand, auch er mit Heiligenschein.</p>
<p>John Coltrane (1926–1967) war ein Jazz-Saxofonist. Hier ist er ein Heiliger. Für Europäer mag das komisch klingen. Tatsächlich ist die Kirche in San Francisco aber kein obskurer Fanclub, sondern eine ordentliche christliche Glaubensgemeinschaft. Sie existiert seit 1971 und ist seit 1982 Teil der African Orthodox Church. Dass sie John Coltrane, insbesondere sein berühmtes Album „A Love Supreme“, verehrt, hat damit zu tun, dass dieses als Loblied auf Gott gedacht war. Außerdem ist der Kirchengründer Franzo W. King glühender Jazzfan. Ja, mehr noch: Als er Coltrane erstmals spielen hörte, empfand er es als Klangtaufe. Und so ist der Free Jazz ein zentrales Element des Gottesdienstes.</p>
<p>Doch bis der losgeht, dauert es erst mal. Für zwölf Uhr ist die Messe angesetzt, und langsam füllt sich der Raum. Zwei kleine Mädchen verkaufen Lotterielose. Es sind etwa 40 Leute anwesend, darunter auch einige Touristen. Als Marlee-I Mystic, eine der Töchter von Franzo W. King, den Gottesdienst gegen halb eins eröffnet, erklärt sie zur Sicherheit, was uns erwartet: „Manche Leute fragen: ‚Wann beginnt die Performance?‘, aber so läuft das hier nicht“, sagt sie und ruft alle zum Mitmachen auf: „Participate! Singt – und wenn ihr das nicht wollt, dann klatscht, trampelt mit den Füßen oder ruft ‚Halleluja‘.“ Verzichten solle man dafür bitte auf Filmaufnahmen.</p>
<h6>Treibende, langsame, meditative Rhythmen</h6>
<p>Anschließend werden ein paar Tamburine verteilt und, nun ja: die Performance beginnt. Die ersten anderthalb Stunden gehören fast allein der achtköpfigen Band. Marlee-I Mystic übernimmt den Gesangspart, sie trägt die religiösen Parts vor, gesungen und spoken-word-artig. Jedes der Stücke wird über mindestens zehn Minuten gespielt, mit treibenden, langsamen, trommeligen, meditativen Rhythmen, immer wieder unterbrochen von Saxofon- und Klarinettensoli.</p>
<p>Der Free Jazz, der hier gespielt wird, steht gleich in mehrfacher Hinsicht für eine Befreiung. Einerseits religiös. Die afroamerikanische Musik fand schon immer Inspiration in der Spiritualität – und in der Kirche. Die Spirituals, der Gospel sind Urformen, auf die sich Generationen schwarzer Musiker immer wieder bezogen haben. Soulstars wie Al Green oder Solomon Burke waren Pastoren. Selbst aktive House- und Techno-DJs wie Terrence Parker, Chez Damier und Robert Hood <a href="http://daily.redbullmusicacademy.com/2015/08/house-techno-religion-feature">predigen</a>, wenn sie nicht gerade in Clubs auflegen.</p>
<p>Andererseits hatte der Free Jazz auch politische Obertöne. Viele Musiker der 1960er-Jahre verstanden die neue Musik als universellen Befreiungsakt – aus dem Korsett von Takt und Harmonie, aber auch aus ihrer gesellschaftlichen Situation. Coltrane und viele andere waren Teil der Civil Rights Movement rund um Martin Luther King Jr., die sich für das Ende der Rassentrennung aussprach. In Zeiten der #blacklivesmatter-Bewegung ist dieses Erbe so aktuell wie lange nicht mehr.</p>
<p>Im Gottesdienst in der Fillmore Street haben die Musiker sich und die Gemeinde inzwischen warmgespielt. Die Stimmung ist nicht wie in so einem „Sister Act“-Klischee-Gospelgottesdienst, wo alle zusammen in die Hände klatschen. Die Musik und Gottes Botschaft werden hier eher allein, meditativ rezipiert: Einige wippen ein wenig mit, manche steigen immer weiter in den Rhythmus ein, andere rühren sich gar nicht, wieder andere, wie ein junger Weißer mit Jackett und Hemd, gehen voll aus sich heraus.</p>
<h6>Die Besucher repräsentieren ein vergangenes San Francisco</h6>
<p>Immer weiter füllt sich die Kirche, bis fast alle Plätze besetzt sind, jetzt sind über 60 Menschen da, einige müssen stehen. Vorne tanzt eine schlanke ältere Frau, die aussieht, als wäre sie als Hippie vor 40 Jahren in die Stadt gekommen und einfach geblieben. Es ist Megan Haungs, Minister of Tap Percussion Dance, eine Art Priesterin des Klangs. Auch ein kleines blondes Kind läuft vorne herum, ein wenig fühlt sich das alles an wie in einem grün-alternativen Kinderladen in den 80ern, und ein wenig ist die Stimmung auch aus der Zeit gefallen: Die Leute, die in der Kirche zusammenkommen, repräsentieren ein vergangenes San Francisco.</p>
<p>Eines, das gerade von den Zehntausenden jungen, konsumfreudigen und kapitalismusgläubigen Menschen aus aller Welt verdrängt wird, die in die Stadt kommen und im Silicon Valley arbeiten. Die bei Facebook, Google und Co. oder gepusht von Venture-Kapital so viel Geld verdienen, dass sie auch 5.000 Dollar Monatsmiete zahlen können und immer noch genug Geld haben für den Yogakurs und den Wochenendausflug ins Spa nach Lake Tahoe.</p>
<p>Wenn viele neue Menschen kommen, werden oft andere verdrängt. Geschichten von „Evictions“, Räumungen, kann fast jeder alteingesessene Mieter in der Stadt erzählen. Das betrifft auch das Quartier rund um die Fillmore Street. Früher war die Gegend mal als das „Harlem des Westens“ bekannt, bewohnt von vielen Arbeitern, die während der „Great Migration“ aus den Südstaaten in die Stadt gekommen waren. Davon ist heute nicht mehr viel übrig: Seit 1970 hat sich die schwarze Einwohnerschaft von San Francisco halbiert, von den verbleibenden Bewohnern wurden viele in Stadtviertel am Rand gedrängt. Durch die Mietenexplosion in den vergangenen zehn Jahren ist der Druck noch gestiegen.Auch die St. John Coltrane Church ist davon betroffen. Dieser Gottesdienst im April ist vorerst einer der letzten vor der „Eviction“. Seit Anfang Mai hat die Kirche keine festen Gemeinderäume mehr. Auch sie konnte die Miete nicht mehr zahlen.</p>
<p>Der Redeteil des Gottesdienstes beginnt. Auch das läuft hier anders als etwa in Europa. Nicht nur der Priester spricht, sondern mehrere Personen aus dem Inner Circle der Kirche. Sie erzählen, beten, und auch die Leute im Publikum rufen mal was dazwischen, eine Anmerkung und einfach „Yeah“ oder natürlich „Amen“ und „Halleluja“. Auch ein kleines Kind ruft einmal „Halleluja“, und alle klatschen selig. Die eigentliche Predigt hält Archpriest Rev. Wanika King Stephens, die vorher noch am Bass stand, eine weitere Tochter des Kirchengründers. Sie spricht mit einer warmen, schwingenden Stimme. Das Thema der Predigt: Selbstdisziplin.</p>
<h6>„Das ist hier kein Trauergottesdienst&#8221;</h6>
<p>Ein wenig Selbstdisziplin erfordert inzwischen auch der Gottesdienst, der mehr als drei Stunden andauert. Zum Schluss kommen die „Announcements“ dran, eine Art offenes Mikrofon für alle Anwesenden. Auch His Eminence The Most Reverend Archbishop F. W. King D.D., der Gründer der Kirche, erhebt nun sein Wort: Er erzählt von einer jüngst verstorbenen Schwester, Bonnie Lee, die er schon ewig kennt. Auch andere sagen etwas über sie, und einige Familienangehörige sind da, es wird kurz ergreifend, aber dann sagt King: „Das ist hier kein Trauergottesdienst. Wir sind eine fröhliche Kirche!“</p>
<p>Am Ende geben sich alle die Hände – die Dreadlock-Träger, die Touristen, die beiden älteren schwarzen Damen, die in vornehmen Sonntagskleidern gekommen sind. Die Menschen in der Fillmore Street sind zu einer verschworenen Gemeinschaft geworden. Der Schlagzeuger meldet sich zu Wort und sagt: „Eine Sache dürft ihr nicht vergessen: Die Coltrane-Kirche ist eine geistige Verbindung. Wir hören nicht auf. Auch nicht, wenn wir in zwei Wochen hier rausmüssen.“</p>
<p><em><strong>Nach ein paar Wochen Pause</strong> finden die Gottesdienste nun einstweilen in der Turk Street statt, ein paar Blocks weiter östlich. Doch auch diese Lösung ist nur temporär.</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2016/06/15/das-free-jazz-gebet/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Krieg und Klarkommen</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2016/03/02/krieg-und-klarkommen/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2016/03/02/krieg-und-klarkommen/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 02 Mar 2016 17:14:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Comic]]></category>
		<category><![CDATA[fluter.de]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Comics]]></category>
		<category><![CDATA[Coming-of-Age]]></category>
		<category><![CDATA[Dreißigjähriger Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Science-Fiction]]></category>
		<category><![CDATA[Superheld]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=2013</guid>
		<description><![CDATA[Zwei bemerkenswerte Comic-Debüts zeichnen eindringliche Porträts von Teenagern in ganz unterschiedlichen Situationen: einmal im Dreißigjährigen Krieg, einmal in der nahen Zukunft. (veröffentlicht auf fluter.de) Eine abgemagerte Frau, von Hunger und Winterkälte in den Wahn getrieben, kaut auf ihren abgefrorenen Zehen]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Zwei bemerkenswerte Comic-Debüts zeichnen eindringliche Porträts von Teenagern in ganz unterschiedlichen Situationen: einmal im Dreißigjährigen Krieg, einmal in der nahen Zukunft. <span id="more-2013"></span>(veröffentlicht auf <a href="http://www.fluter.de/bei-den-bio-hackern" target="_blank">fluter.de</a>)</h3>
<p>Eine abgemagerte Frau, von Hunger und Winterkälte in den Wahn getrieben, kaut auf ihren abgefrorenen Zehen herum. Galgenbäume sind die einzige Orientierung in einer Landschaft, die einst Wald war und jetzt nur noch eine Steppe aus Baumstümpfen.</p>
<p>Es wirkt wie eine postapokalyptische Welt, die Lukas Kummer in seiner Graphic Novel „Die Verwerfung“ entwirft, und dabei ist es der Südwesten Deutschlands kurz vor Ende des Dreißigjährigen Krieges. Schlachten zwischen Protestanten und Katholiken, Habsburgern und Franzosen, Kaisertreuen und Fürsten fegten zwischen 1618 und 1648 über Mitteleuropa hinweg und „verheerten“ einige Landstriche im wahrsten Wortsinne: Die Armeen und Söldner nahmen sich von der Bevölkerung, was sie kriegen konnten, immer und immer wieder, dazu kamen Pest und Hungersnöte. Die Region rund um Rhein und Main war mit am stärksten betroffen, bisweilen überlebte nur ein Drittel der Bevölkerung.</p>
<p>Die Protagonisten, die der 1988 in Österreich geborene Lukas Kummer in „Die Verwerfung“ durch diese Hölle schickt, sind zwei Waisenkinder, vielleicht 12 und 16 Jahre alt, die sich dem Heer der Schweden anschließen wollen: Jakob und Harald Krainer heißen sie, wobei Harald nur ein Deckname ist. Es handelt sich um Johanna, die ihr Geschlecht lieber verbirgt, um mehr Stärke demonstrieren zu können und nicht zum Opfer von Schändungen zu werden. Sie essen erfrorenes Korn, Baumrinde, und an guten Tagen findet sich in einem ausgeräucherten Bauernhof ein wenig Schweineschmalz.</p>
<h6>Pragmatismus und Moral in der Wolfsgesellschaft</h6>
<p>Johanna als das ältere Kind hat den verantwortungsvollen Part inne und damit auch längst den Pragmatismus der rechtsfreien Wolfsgesellschaft angenommen, in der sie lebt: Jeder ist ein potenzieller Feind, und wer überleben will, muss skrupellos und immer auf der Hut sein. Jakob ist von sensiblerer Natur. Er hat dauernd Husten und auch noch so etwas wie Moral. Hin und wieder haut er depressiv-nihilistische Erkenntnisse raus: „Es ist nicht das Vernichtende, das in allen Dingen steckt, sondern das Selbstvernichtende.“ Oder: „Von dem Tag an, wo Gott die Erde gemacht hat, hat sich davon Stück und Stück immer alles ein bisschen mehr in Unrat verkehrt.“</p>
<p>Mit harten Kontrasten setzt Lukas Kummer das Elend in Szene, nur Schwarz, Weiß und einen Grauton erlaubt er sich, aber keine Schraffuren und Zwischenstufen. Kummers Strich ist so dünn und zittrig wie die Überlebenschancen der Geschwister Krainer, die verloren über weiße Seiten laufen – die Hintergründe lässt Kummer fast immer leer. In den massiven Weißraum sind Buchstaben dünn wie Gerippe gesetzt.</p>
<p>„Die Verwerfung“ ist die Abschlussarbeit Lukas Kummers an der Kunsthochschule Kassel. Es ist ein stilistisch enorm starkes Comic-Debüt und als Leseerlebnis absolut demoralisierend. Dennoch bleibt man dran, will man wissen, ob und wie es weitergeht mit „Harald“ und Jakob, ob sie durchkommen und sich dabei noch ein wenig Menschlichkeit bewahren können.</p>
<p>Erschienen ist „Die Verwerfung“ im Januar bei Zwerchfell, einem kleinen Indie-Comicverlag aus Stuttgart – und der hat parallel gleich noch ein weiteres Debüt mit Teenagern in der Hauptrolle veröffentlicht. Das allerdings könnte kaum unterschiedlicher sein: Statt in der Vergangenheit spielt Moritz von Wolzogens „Totality“ in einer leicht futuristischen Alternativgegenwart, in einer Metropole mit dem seltsam provinziellen Namen St. Georgen. Hier gehen Alex, Merle und Simon in eine Klasse. Die drei sind ein wenig wie die X-Men, sie haben spezielle Fähigkeiten. Was cooler klingt, als es ist, denn als Jugendlicher ist jede Abweichung von der Norm ein Freakfaktor. Auch die drei Protagonisten machen Erfahrungen mit Mobbing.</p>
<h6>Kontrollverlust und Selbstfindung</h6>
<p>Pubertät und aufkeimende Superkräfte sind natürlich eine beliebte Symbolik-Kombi für Kontrollverlust, Selbstfindung und das Klarkommen mit dem eigenen Körper. Vor allem Alex, den alle Storch nennen, hat damit zu kämpfen: Mit seinen Augen kann er Hologramme erzeugen. Doch wenn er wütend wird, verselbständigen sich seine Kräfte. Simon hingegen hat Wunderheilungsfähigkeiten – was bedeutet, dass er beispielsweise seine Hand mit Haarspray und einem Feuerzeug in eine Feuerklaue verwandeln kann, ohne Schaden zu nehmen. Merle wiederum ist ein Erfindergenie, ihr Zimmer ist eine riesige Bastel- und Lötwerkstatt, sogar ein Smartphone hat sie schon konstruiert. Sie bedrückt, dass der Bruder ihrer besten Freundin im Koma liegt.</p>
<p>So atemlos, überdreht und voll überschüssiger Energie wie der Seelenzustand eines Teenagers gestaltet Moritz von Wolzogen auch seinen Comicband. Die Zeichnungen wirken leicht, mitunter wie hingeworfene Bleistiftskizzen, und sind doch unheimlich reich und detailliert. Die Seitenlayouts sind hochkomplex, von Wolzogen hat eine Vorliebe für fragmentierte, ineinander verschachtelte Bildstrukturen. Die vielen extremen Hoch- und Querformate steigern die ohnehin schon hohe Dynamik.</p>
<p>Auch narrativ ist „Totality“ eine Herausforderung: Einerseits passiert gar nicht viel, andererseits gibt es diverse Andeutungen, als wäre der Band nur der Auftakt zu einer komplexen Serie. Die zweite Hälfte des Comics wird schließlich dominiert von einer langen, symbolüberladenen Traumsequenz, ein Impressionsgewitter mit viel interpretatorischem Spielraum; um etwa die Anzeichen für den Überwachungsstaat zu entdecken, von dem im Klappentext die Rede ist, muss man schon sehr genau hinsehen.</p>
<p>Das Grundthema von „Totality“ hingegen ist ganz klar: Es geht um Freundschaft, Vertrauen und Zusammenhalt. Werte, die schon seit Jahrhunderten hinweg Bestand und Bedeutung haben.</p>
<p><em><strong>Lukas Kummer: „Die Verwerfung“.</strong> Zwerchfell Verlag, Stuttgart 2015, 120 Seiten, 20 Euro; </em><em><strong>Moritz von Wolzogen: „Totality“.</strong> Zwerchfell Verlag, Stuttgart 2015, 128 Seiten, 12,99 Euro</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2016/03/02/krieg-und-klarkommen/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Im Zweifel für den Zweifel</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2014/12/25/im-zweifel-fuer-den-zweifel/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2014/12/25/im-zweifel-fuer-den-zweifel/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 25 Dec 2014 12:41:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[fluter.de]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1893</guid>
		<description><![CDATA[Wie es ist, in der Zwischenwelt des Deutschen Asylrechts zu leben. Zwei Geduldete erzählen. (veröffentlich im fluter-Heft „Angst“, Winter 2014) Von ihrer Abschiebung hat Raksmay immer wieder geträumt. Zurück nach Kambodscha, wo sie aufgewachsen ist und wo sie BWL studiert]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Wie es ist, in der Zwischenwelt des Deutschen Asylrechts zu leben. Zwei Geduldete erzählen.<span id="more-1893"></span> (veröffentlich im <a href="http://www.fluter.de/de/141/thema/13289/" target="_blank">fluter</a>-Heft „Angst“, Winter 2014)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Duldung-Traegervordruck_01.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1898" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Duldung-Traegervordruck_01.jpg" alt="Duldung-Traegervordruck_01" width="619" height="304" /></a></p>
<p>Von ihrer Abschiebung hat Raksmay immer wieder geträumt. Zurück nach Kambodscha, wo sie aufgewachsen ist und wo sie BWL studiert hat. Zurück nach Kambodscha, wo ihr Vater getötet wurde, weil er ein Oppositioneller war, und wo sich Raksmay nicht mehr sicher fühlte. Deshalb kam sie vor fünf Jahren mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder nach Deutschland.</p>
<p>Adam wurde in seinen Träumen noch nicht ab­geschoben, sondern war gleich wieder in seiner Heimat Dagestan, die der 24-Jährige vor vier Jahren verließ. Direkt neben Tschetschenien gelegen, ist die russische Kaukasusrepublik <a href="http://www.bpb.de/themen/RX5H7C,0,Nordkaukasus.html" target="_blank">immer wieder Schauplatz von Anschlägen</a> militanter Islamisten. Die staatlichen Sicherheitskräfte­ gehen dagegen vor, aber dabei machen sie laut Adam keinen großen Unterschied zwischen Dschihadisten und nicht extremistischen Muslimen, um die Prämien aus Moskau für erfolgreiche Antiterroraktionen zu kassieren. So durchsuchen sie auch schon mal Wohnungen, um Munition oder Drogen zu finden, die sie dort selbst deponiert haben. Oder sie lassen Menschen verschwinden. Es kann schon reichen, wenn ein Familienmitglied ins Visier der falschen Leute gerät, um in Dagestan nicht mehr sicher leben zu können</p>
<p>Die Angst vor Verfolgung und Repression hat Adam und Raksmay nach Deutschland gebracht, wo beide sogenannte Geduldete sind oder „vollziehbar ausreisepflichtige Ausländer“, wie das im Amtsdeutsch heißt. Die Asylanträge von Adam und Raksmay wurden abgelehnt, weil sie nicht nachweisen konnten, dass eine individuelle Verfolgung aufgrund ihrer politischen Überzeugung, Religion, Sprache oder Herkunft droht. Eine allgemein unsichere Lage im Land reicht für die Anerkennung nicht aus. Die Situation der Geduldeten regelt wiederum das „Gesetz über den Aufenthalt, die Erwerbstätigkeit und die Integration von Ausländern im Bundesgebiet“, und darin finden sich Begriffe wie „Aufenthalts­gewährung“, „Zurückschiebung“ und „Ermessensausweisung“. Mutmachend klingt das nicht.</p>
<p>Geduldete haben keinen „Aufenthaltstitel“ in Deutschland. Sie sollen eigentlich abgeschoben werden, aber aus „tatsächlichen oder rechtlichen Gründen“ geht es nicht. Etwa weil sie selbst oder Familienangehörige schwer erkrankt sind, weil Ausreisedokumente fehlen oder manchmal sogar, weil es ge­rade keine direkte Flugverbindung ins Herkunftsland gibt. In Staaten, in denen aufgrund der Situation vor Ort eine Gefahr für das Leben besteht, etwa wegen eines Krieges, wird ebenfalls nicht abgeschoben. Die Auswahl dieser Staaten kann sich, um es noch ein wenig komplizierter zu machen, von Bundesland zu Bundesland unterscheiden.</p>
<p>Familien mit minderjährigen Kindern sollen nicht zerrissen werden, wobei man schon ab dem 17. Lebensjahr als „asylmündig“ gilt. Das führt dazu, dass Kinder aus manchen Flüchtlingsfamilien nach ihrem 16. Geburtstag in ein Land abgeschoben werden, in dem sie mitunter nur wenige Jahre ihres Lebens verbracht haben, und manchmal nicht mal das: Denn selbst Kinder, die hier geboren wurden, sind nicht automatisch Deutsche, wenn ihre Eltern zum Zeitpunkt der Geburt nur geduldet waren. Vielfach wird keine Geburtsurkunde beantragt, denn dazu müssten die Eltern dem Standesamt ihren Personalausweis, einen Reisepass oder ein anderes anerkanntes Passersatzpapier vorlegen. Das können oder wollen sie oftmals aber nicht.</p>
<h6>Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Angst – die Unsicherheit hinterlässt Spuren</h6>
<p>94.508 Menschen lebten Ende 2013 als Geduldete in Deutschland, mehr als ein Drittel von ihnen befindet sich schon seit mehr als fünf Jahren in diesem Zustand, über 10.000 sogar schon mehr als 15 Jahre. Über die Hälfte der Geduldeten sind jünger als 29 Jahre. Sie hängen in einer Zwischenwelt fest, leben von einer Duldung zur nächsten, oft hält die Sicherheit nur drei oder sechs Monate, dann wird die Durchführung einer Abschiebung wieder überprüft. „Das hat mich sehr passiv gemacht“, beschreibt Adam seine Situation. Auch Raksmay haben die dauernden Gedanken an eine Abschiebung in den ersten Jahren, die sie in Deutschland verbracht hat, zugesetzt: „Ich konnte nicht schlafen, hatte immer Kopfschmerzen, genau wie meine Mutter und mein Bruder. Man kann fast nichts machen, außer zu Hause rumzusitzen. Es fühlte sich an, als sei mein Leben schon vorbei.“</p>
<p>Aktuell hat Raksmay das seltene Glück, für volle 18 Monate geduldet zu sein, weil sie ihren Mittleren Schulabschluss (MSA) nachholt. Dabei hat die 27-Jährige sogar schon einen Bachelorabschluss, allerdings wird der hier nicht anerkannt.</p>
<p>Für Adam geht es derzeit darum, eine Ausbildungsstelle als Physiotherapeut zu finden. Einen Studienplatz oder eine Arbeitserlaubnis zu bekommen war bisher für ihn fast unmöglich. „Ich fühle mich so eingeschränkt wie im Knast“, sagt Adam. Das Internet hilft ihm bei der Alltagsbewältigung, hier informiert er sich über die Lage in seiner Heimat und hält auf Facebook und in russischen sozialen Netzwerken Kontakt zu Freunden von früher, die zum Teil in Dagestan leben, zum Teil aber auch in anderen deutschen Städten, in Frankreich oder Italien. Berlin verlassen dürfen Adam und Raksmay bislang nur mit einer Ausnahmegenehmigung. Residenzpflicht nennt sich das – die aber in Zukunft gelockert werden soll, so dass zum Beispiel Familienangehörige, die in einem anderen Landkreis wohnen, frei besucht werden können.</p>
<h6>„Man fühlt sich wie ein Loser“</h6>
<p>Freundschaften zu Deutschen haben Adam und Raksmay bisher kaum geschlossen. Das liegt ein wenig daran, dass sie beide recht schüchtern sind. Aber auch, weil sie sich dafür schämen, dass sie Geduldete sind und von Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG) leben, die das verfassungsrechtlich garantierte Existenzminimum abdecken sollen.­ „Man fühlt sich wie ein Loser, als sei man nicht so intelligent“, sagt Adam. „Die meisten Leute wollen darüber auch nichts hören. Die kennen das nicht und verstehen überhaupt nicht, was mein Problem ist.“</p>
<p>Dass ein Bleiberecht für Menschen wie Raksmay und Adam so schwer zu bekommen ist, hat auch wieder mit Angst zu tun. Der Angst des Staates, ausgenutzt zu werden, der Angst, dass auf einmal viel mehr Leute nach Deutschland kommen und hier bleiben wollen, auch wenn sie in ihrer Heimat gar nicht verfolgt werden, einfach weil es so leicht geht. Und aus Angst erwächst schnell Misstrauen, also wird den Menschen, bei denen man sich nicht ganz sicher ist, das Leben lieber ein wenig unkomfortabler gestaltet. Im Zweifel für den Zweifel.</p>
<p>Immerhin wurde Anfang 2005 eine Instanz geschaffen, die mit dem Zweifel umgehen soll: die Härtefallkommissionen. Jedes Bundesland hat so eine, sie sind ein Zugeständnis an die Tatsache, dass selbst die ausgefeiltesten Gesetzestexte eben nicht immer für jeden Einzelfall das erreichen, was sie sollen. Die Kommissionen bestehen meist aus sieben bis zehn Mitgliedern, darunter sind in der Regel Vertreter der Innenbehörde, der Ausländerbehörde, von Kirchen, Landeswohlfahrtsverbänden und Flüchtlingsinitiativen. Sie prüfen die Anträge und geben eine Empfehlung ab. Erheblich straffällig gewordene Menschen haben zum Beispiel keine Chance, wobei das laut einer Flüchtlingsinitiative mitunter schon beim mehrmaligen Fahren ohne Fahrkarte, also einem „Erschleichen von Leistungen“, vorkommen kann.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Duldung-Traegervordruck_02.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1897" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Duldung-Traegervordruck_02.jpg" alt="Duldung-Traegervordruck_02" width="620" height="301" /></a></p>
<p>Die Entscheidung liegt aber letztlich bei den jeweiligen Innenministerien. In der Vergangenheit hat die Innenministerkonferenz immer mal wieder Geduldeten unter bestimmten Bedingungen – etwa weil sie zu einem Stichtag ausreichend lange in Deutschland lebten und sich um einen Arbeitsplatz bemühten oder eine Beschäftigung nachweisen konnten – ohne Einzelfallprüfung ein verlängertes Bleiberecht gewährt. Flüchtlingsverbände, aber auch mehrere Parteien wollen noch weiter gehen: Sie fordern eine stichtagsunabhängige Regelung, die den zermürbenden Kettenduldungen ein Ende setzt.</p>
<p>Das Bundeskabinett hat kürzlich eine Reform des Bleiberechts auf den Weg gebracht, die geduldeten Menschen, die gut integriert sind, stichtagsunabhängig die Chance auf einen Aufenthaltstitel bietet. Andererseits soll es aber noch einfacher werden, etwa straffällig gewordene Menschen mit unsicherem Aufenthaltsstatus auszuweisen. Flüchtlingsorganisationen und Opposition kritisieren die Pläne scharf. Nun soll sich der Bundestag mit dem Gesetzesentwurf befassen.</p>
<p>Adam und Raksmay stehen beide auf der Liste der <a href="http://www.berlin.de/sen/inneres/buerger-und-staat/auslaenderrecht/haertefallkommission/artikel.25538.php" target="_blank">Berliner Härtefallkommission</a>. Bis ihr Fall geprüft wird – einen festen Termin dafür gibt es nicht –, können sie sicher in Deutschland bleiben. Und dann?Die kurzfristige Hoffnung von Raksmay und Adam ist: ein sicheres Leben in Deutschland führen zu können, eine Perspektive zu haben, und sei es erst mal für einige Jahre. Denn die beiden wollen gar nicht für immer in Deutschland bleiben. Sie hoffen darauf, dass sie sich irgendwann in ihren Ländern wieder sicherer fühlen können. Dann wollen sie zurück.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2014/12/25/im-zweifel-fuer-den-zweifel/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Die Farbe des Pols</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2012/06/01/die-farbe-des-pols/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2012/06/01/die-farbe-des-pols/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 01 Jun 2012 12:52:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Comic]]></category>
		<category><![CDATA[fluter.de]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=722</guid>
		<description><![CDATA[War der erste Mensch am Nordpol ein Schwarzer? Simon Schwartz porträtiert in seiner Graphic Novel „Packeis“ den vergessenen Polarreisenden Matthew Henson. (veröffentlicht auf fluter.de). Wer war der erste Mensch am Südpol? Richtig: Roald Amundsen. War ja 2011 gerade erst das]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>War der erste Mensch am Nordpol ein Schwarzer? Simon Schwartz porträtiert in seiner Graphic Novel „Packeis“ den vergessenen Polarreisenden Matthew Henson.<span id="more-722"></span> (veröffentlicht auf <a href="http://www.fluter.de/de/111/buecher/10467/" target="_blank">fluter.de</a>).</h3>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-725" title="packeis_breit" alt="" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/packeis_breit.jpg" width="620" height="278" /></p>
<p>Wer war der erste Mensch am Südpol? Richtig: Roald Amundsen. War ja 2011 gerade erst das 100-jährige Jubiläum. Und wer war der erste Mensch am Nordpol? Das ist höchst strittig – offiziell heißt es: Robert E. Peary im Jahr 1909. Doch Pearys Aufzeichnungen enthalten einige Ungereimtheiten, und die seines Konkurrenten Frederick Cook erst recht. Ein Name wird in diesem Zusammenhang hingegen nie genannt: Matthew Henson.</p>
<p>Dabei könnte der sogar noch einige Stunden vor seinem Expeditionsleiter Peary am Pol gewesen sein. Das Problem: Henson war Afroamerikaner. Und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als der Kolonialismus die Welt prägte und die Sklavenbefreiung in den USA erst wenige Jahrzehnte zurück lag, stand schlichtweg außer Frage, dass ein Schwarzer den Nordpol erobern könnte. Schwarze traten im öffentlichen Leben praktisch nicht auf.</p>
<p>In seiner Graphic Novel „Packeis“ erzählt Simon Schwartz Hensons Geschichte in zahlreichen Rückblenden. Es ist eine Geschichte der Diskriminierung und der Ungerechtigkeit. Schwartz zeigt, wie Henson durch Rassismus früh zum Vollwaisen wird und wie er beginnt, die See zu bereisen. Wie Henson 1887 in Nicaragua erstmals Robert E. Peary auf einer Expedition begleitet und später auf allen seinen Polarentdeckungsreisen dabei ist. Wie Henson sich durch seine schnelle Auffassungsgabe, sein handwerkliches Geschick und seine Loyalität immer wieder unersetzlich macht – obwohl er von Peary in erster Linie als nützliches Werkzeug gesehen wird, um noch mehr Forscherruhm zu erlangen.</p>
<h6>Die Welt um 1900</h6>
<p>Aber auch die Rückschläge und Finanzakquisen Pearys sind ein Thema. Überhaupt wird ein umfassendes Bild der Zeit um 1900 gezeichnet, als Naturwissenschaftler die Vermessung der Welt vorantrieben und die halbe westliche Welt gebannt das Rennen um die Pole verfolgte. Zugleich liegt ein besonderer Fokus auf der Beziehung Matthew Hensons zu den Inuit, deren Sprache er schnell lernte: Für sie ist er Mahri Paluk, ein guter Dämon, der den Teufel besiegte.</p>
<p>Simon Schwartz, geboren 1982, scheint eine Vorliebe für historische Stoffe zu entwickeln. „drüben!“, seine Diplomarbeit an der Comiczeichner-Talentschmiede HAW Hamburg, handelt von der Geschichte seiner Eltern, die in der Endphase der DDR einen Ausreiseantrag stellten.</p>
<p>In seinem aktuellen Werk hat Schwartz seinen Stil auf atemberaubende Weise weiterentwickelt. Zwar sehen die Figuren mit ihren großen Augen und expressionistisch-vereinfachten Gesichtszügen weiterhin aus wie eine unbestimmte Mischung aus mittelamerikanischer Wandmalerei und den Charakteren alter Mosaik-Comics – wie schon in seinem Debüt –, doch ist ihnen jede Unbeholfenheit abhanden gekommen.</p>
<h6>Sog der Bilder</h6>
<p>&nbsp;</p>
<p>Mit seinem markantem Strich und einer klaren Farbgebung zieht Schwartz seine Leser und Leserinnen mit jeder Seite tiefer in einen Sog der Bilder. Er schafft komplexe visuelle Überleitungen zwischen den verschiedenen Zeitebenen, lässt die Hintergründe zwischen realistischen Darstellungen und ausdrucksstarken Mustern changieren, verschränkt die mythologische Darstellung Hensons als Inuit-Geist mit der modernen Welt der USA.</p>
<div>
<p>Farblich ist „Packeis“ ausschließlich in flächigen Schwarz-, Weiß-, Grau- und Hellblautönen gehalten. Und so hart wie diese Kontraste sind auch Gut und Böse gezeichnet. Auf der einen Seite Robert A. Peary, der mit jeder Polarreise hinterlistiger, habgieriger, hakennasiger wird und im Schlussakkord alle Widersacher beiseite räumt. Auf der anderen Seite der grundgütige Henson, der sich klug an die Kultur der Inuit anpasst und Peary gegenüber doch stets loyal bleibt. Davon abgesehen gelingt es Schwartz aber, nur in geringen Dosen zu moralisieren.</p>
<p><img class="size-full wp-image-723 alignleft" alt="Packeis_Cover" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Packeis_Cover.jpg" width="200" height="270" />Trotz der umfangreichen Recherche nimmt er sich dabei einige künstlerische Freiheiten heraus – etwa indem er die beiden Ehefrauen Hensons zu einer vermengt. Eine ausführliche Zeittafel mit Originalfotografien am Buchende verleiht dem umwerfenden Bilderrausch eine finale Erdung. So ist „Packeis“ ein rundum gelungenes Werk.</p>
<p><strong>Simon Schwartz: Packeis (Avant-Verlag 2012, 176 S., 19.95 €)</strong></p>
</div>
<div></div>
<div></div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2012/06/01/die-farbe-des-pols/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Aufstand der Goldfarmer</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2012/01/13/doctorow_forthewin/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2012/01/13/doctorow_forthewin/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 13 Jan 2012 12:05:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Buch]]></category>
		<category><![CDATA[fluter.de]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/blog/?p=166</guid>
		<description><![CDATA[In Multiplayer-Onlinespielen ist längst eine Parallelökonomie entstanden: Jugendliche aus Asien erkämpfen Gold und Gegenstände. In Cory Doctorows Sci-Fi-Roman &#8220;For the Win&#8221; treten sie in den Streik. (veröffentlicht auf fluter.de) Im Mai 2011 packte ein ehemaliger Häftling des chinesischen Arbeitslagers Jixi aus.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><strong>In Multiplayer-Onlinespielen ist längst eine Parallelökonomie entstanden: Jugendliche aus Asien erkämpfen Gold und Gegenstände. In Cory Doctorows Sci-Fi-Roman &#8220;For the Win&#8221; treten sie in den Streik.<span id="more-166"></span> (veröffentlicht auf <a href="http://www.fluter.de/de/waehrung/buecher/10089/" target="_blank">fluter.de</a>)</strong></h3>
<p><img class="size-full wp-image-453 alignleft" title="doctorow_heyne_g" src="http://michaelbrake.de/blog/wp-content/uploads/doctorow_heyne_g1.jpg" alt="" width="200" height="319" />Im Mai 2011 packte ein ehemaliger Häftling des chinesischen Arbeitslagers Jixi aus. Die Nachricht ging um die Welt: Er und sein Mitgefangenen waren gezwungen worden, im Multiplayer-Online-Rollenspiel &#8220;World of Warcraft&#8221; in Zwölfstundenschichten Gegenstände und Gold zu erkämpfen. Mit dem Beutegut besserten sich dann die Wärter ihr Gehalt auf. Es war kein Einzelfall.</p>
<p>Goldfarming heißt das Phänomen. Virtuelle Güter, etwa ein besonders mächtiges Schwert, werden von meist asiatischen Gamern erspielt und an wohlhabende US-Amerikaner und Europäer veräußert, die selber wenig Zeit haben, aber schnell ein hohes Level erreichen wollen. Obwohl die Spiele-Hersteller versuchen, solche Geschäfte zu unterdrücken, kann das eingenommene Spielgold über dubiose Kanäle in echtes Geld umgetauscht werden.</p>
<p>Mehrere tausend dieser &#8220;Goldfarmen&#8221; mit miesen Arbeitsbedingungen soll es allein in China geben. Das gesamte Bruttosozialprodukt dieser virtuellen Welten übersteigt längst das mancher realer Staaten.</p>
<p>Eine gute Vorlage für Science-Fiction-Autoren: Neal Stephenson (&#8220;Diamond Age&#8221;, &#8220;Snow Crash&#8221;) hat mit &#8220;Reamde&#8221; jüngst einen Roman vorgelegt, der Goldfarming zum Thema hat. Ebenso Cory Doctorow mit seinem Jugendroman &#8220;For the Win&#8221;, der gerade auf Deutsch erschienen und eher gesellschaftliche als wissenschaftliche Fiktion ist. Doctorow, der als Teil von <a href="http://boingboing.net/" target="_blank">boingboing.net</a> in den USA auch ein äußerst populärer Blogger ist und als Digital-Rights-Aktivist für eine Liberalisierung des Urheberrechts kämpft, bietet die englische Fassung von &#8220;For the Win&#8221;, wie alle seine Bücher, auch kostenlos zum Download an – unter einer Creative-Commons-Lizenz, die eine Verbreitung unter bestimmten Bedingungen erlaubt und fördert.</p>
<h6>Schlägertruppen jagen Goldfarmer</h6>
<p>In &#8220;For the Win&#8221; beschreibt er eine sehr nahe Zukunft, in der die Bedeutung von Massen-Onlinespielen noch größer ist als heute. Zu den zahlreichen Figuren in seinem Roman zählen die Goldfarmer Matthew und Lu aus dem chinesischen Shenzhen, die sich von ihrem Boss Mr. Wing abgekoppelt haben, um ihr eigenes Business zu gründen, und nun von Schlägertruppen verfolgt werden. Außerdem sind da die indischen Teenager Yasmin und Mala, fast unschlagbar in digitalen Kriegsspielen, die von einem Fremden angeheuert werden, um andere Goldfarmer aufzumischen – quasi als Fußvolk in einem virtuellen Mafiakrieg.</p>
<p>Da ist Wei-Dong, ein reiches kalifornisches High-School-Kid, der von zu Hause abhaut, um mit seinen chinesischen Gamer-Freunden zocken zu können. Und da ist Connor Prikkel, ein versifftes Wirtschaftsgenie, der es als &#8220;Chief Economist&#8221; in die Firmenzentrale von Coca-Cola Games geschafft hat und sich dort um die wirtschaftliche Seite der Computerspiele kümmert.</p>
<p>Im Zentrum der weit aufgefächerten Geschichte steht die Gründung einer Gamer-Gewerkschaft, die Schwester Nor, eine Aktivistin aus Malaysia, vorantreibt. Diese Gewerkschaft soll Schluss machen mit den unwürdigen Arbeitsbedingungen, und sie soll die Spieler, die verstreut in allen Teilen der Welt leben, vereinen. Doch was als idealistisches und leicht naives Aufbäumen der Unterdrückten beginnt, wird spätestens dann bitterer Ernst, als böse Unterweltbosse und die chinesische Polizei das Leben der Online-Gewerkschafter bedrohen – ihr echtes Leben, nicht das ihrer Avatare.</p>
<h6>Angestrengt-blumiger Pathos</h6>
<p>Gerechtigkeit, Moral, der Kampf um Unabhängigkeit von Elternhaus und Bossen: Das sind große emotionale Themen. Und das ist auch zugleich das größte Problem dieses Buches. Denn Doctorow schildert die Gefühlswelten seiner Protagonisten ausführlich und oft mit einem angestrengt-blumigen Pathos.</p>
<p>In schwachen Abschnitten klingt jeder vierte Satz etwa so: &#8220;Ashok schaute verwundet auf Malas grimmiges Gesicht, sie war einen Kopf kleiner als er, aber manchmal kam sie ihm wie ein Riese vor.&#8221; Auch wird ständig &#8220;befreit&#8221; gelacht, und immer wieder wissen die Figuren, dass sie &#8220;diesen Kampf einfach nicht verlieren können&#8221;. Ein bisschen mehr ballastbefreiendes Lektorat hätte dem 600-Seiten-Buch gut getan.</p>
<p>Abgesehen von diesen stilistischen Schwächen verknüpft Doctorow jedoch fundiertes und gut erklärtes Hintergrundwissen mit einer ordentlichen Story und trifft dabei tatsächlich den Nerv der Zeit. Goldfarming und andere Verwebungen von virtuellen und &#8220;realen&#8221; Welten und Ökonomien werden unser kommendes Leben prägen. Auch der Fokus auf Asien passt. Die Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichten des 21. Jahrhunderts werden nicht mehr in den USA erzählt, sondern in den Fabrikstädten, Slums und Sonderwirtschaftszonen von China, Indien und den Tigerstaaten.</p>
<p><strong>Cory Doctorow: For the Win (Heyne 2011, 640 S., 16.99 €)</strong></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2012/01/13/doctorow_forthewin/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Der erste Hund im All</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2011/04/29/der-erste-hund-im-all/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2011/04/29/der-erste-hund-im-all/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 28 Apr 2011 22:42:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Comic]]></category>
		<category><![CDATA[fluter.de]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Tiere]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=1053</guid>
		<description><![CDATA[Poetisch, präzise und psychologisierend: Nick Abadzis&#8217; Graphic Novel über Laika, die als Weltraumreisende der Sowjetunion im Kalten Krieg zu Ruhm verhelfen sollte (veröffentlich auf fluter.de) Am 3. November 1957 startete die Sowjetunion ihren zweiten Weltraumsatelliten. An Bord der Sputnik II: Laika,]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Poetisch, präzise und psychologisierend: Nick Abadzis&#8217; Graphic Novel über Laika, die als Weltraumreisende der Sowjetunion im Kalten Krieg zu Ruhm verhelfen sollte <span id="more-1053"></span>(veröffentlich auf <a href="http://www.fluter.de/de/morgen/buecher/9363/" target="_blank">fluter.de</a>)</h3>
<p><img class="alignright size-full wp-image-1057" title="laika-cover00" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/laika-cover00.jpg" alt="" width="310" height="433" />Am 3. November 1957 startete die Sowjetunion ihren zweiten Weltraumsatelliten. An Bord der Sputnik II: Laika, eine kleine Mischlingshündin, die als erstes Erdlebewesen im All in die Geschichte einging. Für Laika war der Flug eine Reise ohne Wiederkehr. Ihr Schicksal rührte Menschen auf der ganzen Welt, sie wurde zu einer kleinen Ikone der Popkultur.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund entspinnt der britisch-schwedische Autor Nick<br />
seine mit dem Eisner Award als bester Jugendcomic ausgezeichnete Graphic Novel „Laika“. Neben der fiktiven Vorgeschichte Laikas als Straßenhund schildert er detailliert die Arbeit in den Laboren der russischen Weltraumforscher, die mit zahlreichen Hunden Parabelflüge und Schwerelosigkeitstrainings durchführten, um sich auf die bemannte Raumfahrt vorzubereiten. Hier steht die Arbeit des Wissenschaftlers Oleg Gasenko und der Hundebetreuerin Jelena Dubrowskaja im Mittelpunkt. Vor allem Jelena kümmert sich aufopfernd um ihre Tiere und gerät zunehmend in einen Konflikt, als sie eine zu enge emotionale Beziehung zu ihnen aufbaut.</p>
<p>Aber auch die permanent angespannte Atmosphäre, die innerhalb der Forschungseinheit herrscht, wird beschrieben sowie die politische und historische Dimension des Projekts. In den 1950er Jahren sah die Menschheit noch mit ungebrochenem Fortschrittsglauben die Eroberung des Alls als ihre nächste große Aufgabe an. Zugleich war die Weltraumforschung ein wichtiges Propagandainstrument im Kalten Krieg: Mit dem Start der Sputnik I düpierte das Sowjetreich im Oktober 1957 die westliche Welt.</p>
<p>Auf Geheiß von Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow musste danach binnen eines Monats, pünktlich zum 40. Jahrestag der Russischen Revolution, ein zweiter Satellit ins All geschossen werden. Eine beinahe unmögliche Aufgabe für die Konstrukteure, und so war es unter dem enormen Zeitdruck unmöglich, eine Rückholoption für Laika fertig zu planen. Auch sonst konnte nicht mit voller Präzision gearbeitet werden: Laikas Kapsel war schlecht isoliert, schon nach knapp fünf Stunden starb sie an Überhitzung – was erst Jahrzehnte später bekannt wurde.</p>
<p>Abadzis&#8217; Erzählweise wechselt zwischen poetisch, präzise und psychologisierend, die geschichtlichen Zusammenhänge der Stalin- und Chruschtschow-Zeit werden mit naiv anmutenden Passagen aus dem Leben des kleinen Hundes sowie moralischen Fragestellungen gegengeschnitten. Die Charaktere sind differenziert dargestellt – etwa der mächtige und brillante Chefkonstrukteur Sergei Pawlowitsch Koroljow, der skrupellos am Erfolg der Mission arbeitet und gleichzeitig, als ehemaliger Häftling eines der Vernichtungslager Stalins, permanent um seine innere Fassung ringen muss.</p>
<p>Den groben, leicht expressionistisch angehauchten Zeichenstil von Abadzis mit seinen oft fratzenartigen Gesichtern und verschobenen Proportionen muss man dabei allerdings mögen – genau wie die oftmals sehr kleinteilige, gehetzt wirkende Panelstruktur. Und leider ist das Lettering – die Sprechblasenbeschriftung – der deutschen Ausgabe ziemlich lieblos geraten. An der Vielschichtigkeit von „Laika“ ändert das aber nichts.</p>
<p><strong>Nick Abadzis: Laika (Atrium-Verlag 2011, 202 S., 20 €)</strong></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2011/04/29/der-erste-hund-im-all/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Der kleine dumme Bär</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2011/04/14/der_kleine_dumme_baer/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2011/04/14/der_kleine_dumme_baer/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 14 Apr 2011 14:28:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[fluter.de]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Tiere]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=538</guid>
		<description><![CDATA[Disneys neuer Pu-der-Bär-Film ist eine Entdeckung der Langsamkeit, stilistisch klar, kindgerecht und mit viel Liebe zum Detail. (veröffentlicht auf fluter.de) Der Esel I-Aah hat seinen Schwanz verloren. Dabei ist er doch sowieso schon immer so traurig und niedergeschlagen. Und dann]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><strong>Disneys neuer Pu-der-Bär-Film ist eine Entdeckung der Langsamkeit, stilistisch klar, kindgerecht und mit viel Liebe zum Detail. <span id="more-538"></span>(veröffentlicht auf <a href="http://film.fluter.de/de/416/kino/9315/" target="_blank">fluter.de</a>)</strong></h3>
<p><img class="alignright size-full wp-image-539" title="winnie-the-pooh-film" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/winnie-the-pooh-film.jpg" alt="" width="620" height="283" />Der Esel I-Aah hat seinen Schwanz verloren. Dabei ist er doch sowieso schon immer so traurig und niedergeschlagen. Und dann ist auch noch Christopher Robin verschwunden! Die kluge Eule entziffert einen Zettel, der an seiner Tür hängt: Offenbar wurde Christopher Robin von einem gemeinen Balzrück entführt, einem sicherlich ganz riesigen Ungeheuer. Was für ein aufregender Tag für die Tiere aus dem Hundertmorgenwald!</p>
<p>Und mittendrin steckt Pu, der freundliche Bär mit dem kleinen Verstand und dem großen Hunger, der doch eigentlich nur etwas Honig frühstücken will. 1926 erfand der Brite Alan Alexander Milne Pu und seine Freunde, inspiriert von den Kuscheltieren seines Sohns Christopher Robin. Milnes vielschichtige, sprachwitzige und überhaupt sehr britische Kurzgeschichten sind bis heute ein Klassiker der Kinderliteratur.</p>
<p>Zu Pus 85. Geburtstag bringt Disney nun mal wieder einen Pu-Film ins Kino: Einerseits, nach einer mittlerweile unüberschaubaren Masse an Miniserien, Direct-to-DVD-Movies und Spin-Offs, die ungefähr hundertste Verwurstung der von Disney 1961 erworbenen Pu-Lizenz; andererseits erst der zweite Pu-Kinofilm aus den renommierten Walt Disney Animation Studios (der Rest wurde von den nachgeordneten DisneyToon Studios produziert) – also etwas Besonderes. Und dieser Anspruch wird eingelöst: mit stilistischer Klarheit und einer ausgeprägten Liebe zum Detail erzählen Stephen J. Anderson und Don Hall ihren kleinen, kindgerechten, lediglich rund 60 Minuten langen Film.</p>
<p><iframe src="http://www.youtube.com/embed/t2Wtpphk_Ss" frameborder="0" width="620" height="345"></iframe></p>
<p>Dabei nehmen sie ihr Publikum mit auf eine Zeitreise, auf eine Entdeckung der Langsamkeit des Präkommunikationszeitalters. Als Story-Grundlage dienten drei der orginalen Milne-Geschichten, zudem ist der Film (bis auf Kleinigkeiten wie eine computeranimierte Honigwelle) komplett handgezeichnet, die Hintergründe sind stilistisch eine Reminiszenz an die Originalillustrationen von Ernest Shepard.</p>
<p>Auch die Schnittfrequenz ist niedrig, die Perspektiven sind meist einfach gewählt – und trotzdem wird es nicht langweilig. Dafür sorgt nicht zuletzt das kunstvolle Spiel mit der Metaebene Buch: Pu interagiert mit der Erzählerstimme, stapft manchmal direkt durch die Buchseiten und stolpert über Buchstaben, die sich ihrerseits auch im Hundertmorgenwald materialisieren. Das ist alles nicht weltbewegend – aber ein wunderschöner Film über einen kleinen, dummen Bären.</p>
<p><strong>(Winnie the Pooh) Animationsfilm, USA 2011, Regie: Stephen J. Anderson, Don Hall, Buch: Burny Mattinson nach der Romanvorlage von A.A. Milne, 63 min, Kinostart: 14. April 2011 bei Disney</strong></p>
<p style="text-align: right;">Foto: Verleih</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2011/04/14/der_kleine_dumme_baer/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Videoclip mit Überlänge</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2011/01/27/tron-legacy/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2011/01/27/tron-legacy/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 26 Jan 2011 23:33:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[fluter.de]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/blog/?p=160</guid>
		<description><![CDATA[Vor 30 Jahren entdeckte das Popcorn-Kino mit &#8220;Tron&#8221; den Cyberspace. Die Fortsetzung &#8220;Tron: Legacy&#8221; hat kaum noch etwas von der avantgardistischen Optik des Originals. (veröffentlicht auf fluter.de) Irgendwo in unseren Computern, in den unendlichen Weiten des Datennetzes – oder nennen]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><strong>Vor 30 Jahren entdeckte das Popcorn-Kino mit &#8220;Tron&#8221; den Cyberspace. Die Fortsetzung &#8220;Tron: Legacy&#8221; hat kaum noch etwas von der avantgardistischen Optik des Originals. <span id="more-160"></span>(veröffentlicht auf <a href="http://film.fluter.de/de/405/kino/9126/" target="_blank">fluter.de</a>)</strong></h3>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-161" title="tron-legacy5" src="http://michaelbrake.de/blog/wp-content/uploads/tron-legacy5.jpg" alt="" width="600" height="300" /></p>
<p>Irgendwo in unseren Computern, in den unendlichen Weiten des Datennetzes – oder nennen wir es doch einfach beim Namen: im Cyberspace – gibt es eine uns unbekannte Parallelwelt. Dort wohnen die Programme, die unsere tägliche Arbeit verrichten. Sie sehen aus wie Menschen, verhalten sich auch so, tragen futuristische Anzüge mit Leuchtapplikationen und leben unter der Herrschaft des despotischen Master Control Programs. Doch ein zufällig in diese Welt geworfener Mensch hilft, das böse Control Program zu besiegen, und sorgt für Frieden in Cyberland.</p>
<p>Klingt gaga? Richtig. Und dennoch war dieses Szenario 1982 die Grundlage für einen Kultfilm: &#8220;Tron&#8221; war der erste Film, in dem im großen Stil Computeranimationen zum Einsatz kamen. Er wurde vor allem dank seiner innovativen Optik zum Meilenstein, für die der französische Comic-Visionär Moebius und der US-Amerikaner Syd Mead, kurze Zeit später Designer des Sci-Fi-Klassikers &#8220;Blade Runner&#8221;, verantwortlich zeichneten.</p>
<div>
<p>Nun ist es bei einem Film, der eine Generation von computerbegeisterten Kids geprägt hat, nur eine Frage der Zeit, bis eben diese Kids – erwachsen geworden und in den Film- und Trickstudios Hollywoods angestellt – einen Nachfolger produzieren. Die Geschichte von &#8220;Tron: Legacy&#8221; knüpft dabei am Original an: Kevin Flynn, Held des ersten Teils sowie Chef und kreativer Kopf der imaginären Softwarefirma Encom, verschwand 1989 spurlos. Zwanzig Jahre später ist Encom ein mächtiger Konzern, Flynns Nachfolger sind kalte Technokraten und sein 27-jähriger Sohn Sam, der offizielle Firmenerbe, hält sich aus dem operativen Geschäft fern und widmet sich lieber Hobbys wie Hacken und Motorradfahren.</p>
<p>Bis Sam eine mysteriöse Pager-Nachricht zur alten Spielhalle seines Vaters führt und er dort eine Geheimtür entdeckt. Sie führt in den Keller, wo Kevin Flynn an einem Geheimprojekt arbeitete, der alte 1980er-Jahre-Rechner steht noch angeschaltet da. Was Sam nicht weiß: Auch die Laservorrichtung, mittels derer man sich in das Tron&#8217;sche Paralleluniversum schicken lassen kann, ist noch funktionsfähig. Und so passiert es: Sam wird unvermittelt ins Grid (in der deutschen Filmversion etwas schräg als <em>der</em> &#8221;Raster&#8221; übersetzt) gebeamt. Dem Ort, an dem die Programme leben, den sein Vater auf- und ausgebaut hat, der beherrscht wird von Clu – einem Computerprogramm, das Kevin Flynn einst selber schrieb.</p>
</div>
<div>
<p><strong>New-Age-Dude in Cyberland</strong></p>
<p>Und es ist alles noch da: die leuchtenden Anzüge, die Gladiatorenkämpfe, bei denen sich die Kämpfer per Flugdiskus zu Pixelbrei verarbeiten. Diese wahnsinnig ästhetischen Motorräder mit den Riesenreifen, Lichtrenner genannt. Die fliegenden Greifer. Analog zum Originalfilm wird Sam gefangen genommen und muss sich im Kampf beweisen. Und analog zum Originalfilm kann Sam auf einem der Lichtrenner fliehen.</p>
<p>Seinen echten Vater findet er schließlich in den Outlands, der wüsten Landschaft rund um die Schaltzentrale des Grids. Wie schon 1982 hat Jeff Bridges die Rolle des Kevin Flynn übernommen, doch aus dem jugendlichen Draufgänger ist ein New-Age-Dude geworden, mit Vollbart und Muschelarmband, in weiße Gewänder gehüllt. Er ist ein Gefangener im Grid, den Kampf gegen Clu hat er längst aufgegeben.</p>
<p>Aber immerhin kann Flynn Senior seinem Sohn erklären, was zu tun ist, um wieder zurück in die richtige Welt zu finden. Und ihm eine Gefährtin zur Seite stellen: das Programm Quorra, eine ebenso hübsche wie begabte Kämpferin. Warum Quorra genau beim alten Flynn lebt und welche Funktion sie sonst ausübt, wird nicht so genau klar. Die Tron-Saga bleibt sich treu: Die Story ist auch diesmal von kleinplanetgroßen Logiklücken durchsetzt, die Schauspielerleistungen sind ähnlich hölzern wie im ersten Teil und auch die pseudoreligiöse Metaebene ist wieder mit drin – interessiert aber keinen. Denn nach spätetens einer Stunde schaltet man ohnehin ab und gibt sich allein den Bildern hin.</p>
<p><strong>Düstere Megalopolis</strong></p>
<p>Die sind durchaus überwältigend: sei es die Neuinterpretation des Grids, das sich von einem 80er-Jahre-Computerspiel mit großflächigen Polygonen und grünen Gitterlinien in eine düstere Megalopolis verwandelt hat. Sei es die in einen Felsen gehauene Wohnung des alten Kevin Flynn, eine schneeweiße Designhotel-Zahnarztpraxis kombiniert mit Klassikelelementen wie Kronleuchtern und Lederbüchern.</p>
<p>Oder sei es die Skybar des zwielichtigen Castor – seinerseits optisch eine Mischung aus der Comicfigur Mad Hatter und dem WikiLeaks-Sprecher Julian Assange – mit Designertheke, fluoreszierenden Cocktails und <em>Daft Punk</em> hinterm DJ-Pult. Das französische Elektronik-Duo, das sich seit 15 Jahren hinter Roboterhelmen vor der Öffentlichkeit versteckt, steuert neben diesem Cameo-Auftritt übrigens auch den Soundtrack zu &#8220;Tron: Legacy&#8221; bei – beziehungsweise inszeniert Regisseur Joseph Kosinski die Bilder eines 125-minütigen <em>Daft-Punk</em>-Musikvideos. So genau weiß man das nicht.</p>
<p>&#8220;Tron: Legacy&#8221; ist ein bis in die Spitzen gestyleter Triumph der Ästhetik und Oberfläche, und doch verliert der Film am Ende genau dieses Duell gegen seinen Vorgänger. Denn der stammt aus einer Zeit, als Cyber- und Computer-Optik noch etwas Visionäres anhaftete, als die Vorstellung, wie es im abstrakten digitalen Raum aussehen mochte, zu neuen visuellen Konzepten führte.</p>
<p>Seitdem hatten wir Cyberpunk, wir hatten Neal Stephensons Metaversum, wir hatten zwei Shrillionen Filme und Computerspiele, die sich auf all das bezogen. Die Geschichte hat &#8220;Tron: Legacy&#8221; längst überholt, und so geleckt und überwältigend sein Look auch sein mag, geht ihm doch jegliche Innovation ab. Es ist der übliche Verschnitt aus &#8220;Star Wars&#8221;, &#8220;Blade Runner&#8221; und &#8220;<a href="http://film.fluter.de/de/17/film/1864/?tpl=1260" target="_blank">Matrix</a>&#8220;, alles tausendfach gesehen – bis hin zur <em>Saturn</em>-Werbung, deren Geiz-ist-geil-Frau problemlos als Schwester von Quorra durchgehen würde.</p>
<p><strong>Tron Legacy, USA 2010, Regie: Joseph Kosinski, Buch: Edward Kitsis, Adam Horowitz, mit Garrett Hedlund, Olivia Wilde, Jeff Bridges, Michael Sheen, Bruce Boxleitner, James Frain, Beau Garrett u.a., 125 min, Kinostart: 27. Januar 2011 bei Disney</strong></p>
<p>Foto: Verleih</p>
</div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2011/01/27/tron-legacy/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>500 Millionen Freunde</title>
		<link>http://michaelbrake.de/2010/10/07/500-millionen-freunde/</link>
		<comments>http://michaelbrake.de/2010/10/07/500-millionen-freunde/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 07 Oct 2010 12:26:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[fluter.de]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://michaelbrake.de/?p=589</guid>
		<description><![CDATA[Verrat, Intrigen, Industriespionage und ein Soziopath namens Mark Zuckerberg – die Gründungsgeschichte von Facebook soll großen Kinostoff bieten. Doch &#8220;The Social Network&#8221; fehlt einfach das Drama. (veröffentlicht auf fluter.de) Es ist 2010 vermutlich nicht zu früh, einen Film über den]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><strong>Verrat, Intrigen, Industriespionage und ein Soziopath namens Mark Zuckerberg – die Gründungsgeschichte von Facebook soll großen Kinostoff bieten. Doch &#8220;The Social Network&#8221; fehlt einfach das Drama. <span id="more-589"></span>(veröffentlicht auf <a href="http://film.fluter.de/de/389/kino/8838/" target="_blank">fluter.de</a>)</strong></h3>
<p>Es ist 2010 vermutlich nicht zu früh, einen Film über den Gründungsmythos von Facebook zu drehen. Zwar hat sich das Über-Social-Network mit einer halben Milliarde Nutzer so tief in die Internet-Matrix gegraben wie keiner seiner Vorgänger oder Klone – aber wer weiß schon, ob das alles in ein paar Jahren nicht von einem noch nächsteren, noch größeren Ding dahingeweht wird. Also besser beeilen!</p>
<p>Blicken wir also zurück, auf den Campus von Harvard zum Jahreswechsel 2003/2004, wo Informatik-Student Mark Zuckerberg in mehreren Wochen intensiver Arbeit das Ur-Facebook schreibt. Virusartig verbreitet sich die anfangs simple Seite und Zuckerberg wird an der Uni zur Berühmtheit. Schon nach kurzer Zeit expandiert er mit Hilfe einiger Freunde, erst an andere Ostküsten-Elite-Unis, dann nach Kalifornien und am Ende in die ganze Welt. Investoren steigen ein, Zuckerberg und seine Crew ziehen ins Silicon Valley – und heute ist der ganze Laden so viel wert, dass Zuckerberg mit seinem 24-Prozent-Anteil als siebenfacher Dollarmilliardär geführt wird.</p>
<p>Aber Moment: Das wäre kaum genug Drama für einen Hollywood-Film. Deswegen geht es um Verrat. Zerbrochene Freundschaften. Industriespionage. Hybris. Gleich zwei millionenschweren Prozessen musste sich Zuckerberg in den Folgejahren stellen, sie bilden das Gerüst des Films und werden virtuos mit den Ereignissen 2003/2004 verschränkt: Im einen Fall klagt Eduardo Saverin, der als Facebook-Mitgründer und ehemaliger Studentenfreund Zuckerbergs im Sommer 2004 ausgebootet wurde. Und im anderen Fall das Zwillingspaar Tyler und Cameron Winklevoss, die Zuckerberg vorwerfen, er hätte ihnen die Idee geklaut.</p>
<p><strong>Nerds don&#8217;t come easy</strong></p>
<p>Im Zentrum aller Konflikte steht also Mark Zuckerberg. &#8220;Du wirst in dem Glauben durch das Leben gehen, dass Mädchen dich nicht mögen, weil du ein Streber bist. Und ich will dich wissen lassen, dass das nicht wahr sein wird. Es wird sein, weil du ein Arschloch bist&#8221;, haut ihm ein Mädchen zu Beginn des Films an den Kopf. Sie irrt. Zwar hat Zuckerberg natürlich diverse schlechte Eigenschaften: seine Arroganz, seine Verbohrtheit, sein Neid auf sozial erfolgreichere Menschen, seine genervten Blicke, wenn jemand seinen Ausführungen nicht schnell genug folgen kann. Bloß: Er meint es nicht so – es ist die Tragik Zuckerbergs, dass er eines der mächtigsten sozialen Tools geschaffen hat, im echten Leben aber offenbar über kaum nennenswerte soziale Empathie verfügt.</p>
<p>Er ist der Typ, der auf dem Campus Tennissocken in Badelatschen trägt. Als Zuckerberg in Harvard vor eine Disziplinarkommission gezerrt wird, erwartet er allen Ernstes, dass man ihm dafür dankbar ist, die Sicherheitslücken der Uni-Server aufgedeckt zu haben. Auf einer rationalen Ebene hat er damit recht – aber so funktioniert die Welt der Menschen nicht. Sein Darsteller Jesse Eisenberg gibt ihm mit einer versteinerten Mimik beinahe autistische Züge: Immer wieder gibt er nur stakkatohaftes &#8220;Ja&#8221;, &#8220;Ja&#8221;, &#8220;Ja&#8221; als Antwort. Zuckerberg ist ein Nerd und Nerds don&#8217;t come easy. Aber er ist kein Arschloch: Wenig deutet auf die eiskalte Berechnung hin, mit der etwa der Ölmagnat Daniel Plainview in &#8220;<a href="http://film.fluter.de/de/250/kino/6603/" target="_blank">There Will be Blood</a>&#8221; seine Umwelt schikaniert.</p>
<p>Und dass er die Winklevosses hintergeht – wenn man es denn überhaupt so auslegen will –, kann Zuckerberg auch kaum jemand übel nehmen: Sie sind Vertreter des alten WASP (White Anglo-Saxon Protestant)-Harvards, schnöselige, elitäre Gentleman-Schönlinge und erfolgreiche Ruderer noch dazu (die echten Winklevoss-Brüder nahmen an den Olympischen Sommerspielen 2008 teil). Zuckerbergs Ideenklau ist also letztlich nichts weiter als die Rache des Nerds am Sportler, dem &#8220;Jock&#8221;, eine Machtverschiebung zwischen zwei Archetypen der US-College-Welt, die wir in Zukunft noch häufiger erleben werden – denn die Welt steht unzweifelhaft am Beginn einer Ära, in der Computerspezialisten zu einer bestimmenden Kaste werden.</p>
<div>
<p><strong>Endloses Gerede</strong></p>
<p>Den &#8220;echten&#8221; Mark Zuckerberg lernen wir ohnehin nicht kennen: Das Drehbuch von Aaron Sorkin (Autor der Fernsehserie &#8220;The West Wing&#8221;) basiert auf Ben Mezrichs Buch &#8220;The Accidental Billionaires&#8221;. Die Eckdaten der Geschichte sind definitiv wahrheitsgetreu, wie umfangreich die Zuspitzung und Dramatisierung der Charaktere durch die doppelte Adaption ausfällt, ist aber unklar. Keine der beiden Geschichten wurde von Facebook autorisiert, Zuckerberg hat nie mit den Autoren gesprochen – pikanterweise war aber Eduardo Saverin der Hauptberater von Ben Mezrich. Entsprechend ließ Mark Zuckerberg auch demonstrativ verkünden, er hätte ohnehin keine Zeit, den Film zu gucken.</p>
<p>Viel verpasst er nicht. Denn selbst wenn Facebook eine Revolution sein mag: Sie bleibt abstrakt. Wo man einen Selfmade-Entrepeneur der Industriezeit mit großen Bildern von Konstruktionsprozessen, Prototypen, Fabrikhallen und Arbeiterkolonnen in Szene setzen kann, sitzen Zuckerberg &amp; Co. halt an ihren Rechnern und hacken irgendwelchen Kram ein.</p>
<p>Dazu kommen die rechtlichen Details, und so müssen die Figuren in &#8220;The Social Network&#8221; beinahe die ganze Zeit erklären, was sie gerade machen, vorhaben oder getan haben. Es wird geredet, geredet, geredet, was Regisseur David Fincher (&#8220;Fight Club&#8221;, &#8220;Benjamin Button&#8221;) irgendwann so genervt haben muss, dass er im Vinklewoss-Subplot eine wortlose und visuell überwältigende Sequenz einer britischen Ruderregatta eingebaut hat – die beste Szene des Films.</p>
<p>Inszenatorisch holt Fincher ohnehin viel aus dem Stoff raus, aber dennoch: Da ist einfach kein Drama, Baby! Niemand wird sterben, Facebook wird auch nicht pleite gehen, sondern nur immer noch erfolgreicher, es wird an keiner Stelle existenziell. Höchstens der Nicht-Nerd Eduardo Saverin taugt zur tragischen Figur, wenn er verzweifelt mit ansehen muss, wie er – aus unternehmerischen Gesichtspunkten nicht mal ungerechtfertigt – nach und nach aus der Firma gekegelt wird.</p>
<p>Ironischerweise spielt sich zeitgleich zum Filmstart von &#8220;The Social Network&#8221; gerade ein echtes Internet-Drama vor unser aller Augen ab: Die öffentliche Selbstzersetzung von Wikileaks, wo der mysteriöse Julian Assange innerhalb weniger Wochen vom Medienliebling zum gefallenen Engel mutiert ist. Weltpolitik, Geheimdienste, hehre Ideale, Verrat, Medienhype, Vergewaltigungsvorwürfe, Verschwörungstheorien – das ist mal großes Kino. Die Intrigenspiele und Gerichtsverhandlungen wohlhabender Harvard-Kids, bei denen es nur darum geht, wer jetzt noch ein bisschen reicher wird, sind es nicht.</p>
<p style="margin-top: 0px; margin-right: 0px; margin-bottom: 1em !important; margin-left: 0px; border-style: initial; border-color: initial; border-image: initial; outline-width: 0px; outline-style: initial; outline-color: initial; font-size: 14px; vertical-align: baseline; background-image: initial; background-attachment: initial; background-origin: initial; background-clip: initial; background-color: #ffffff; line-height: 20px; font-family: Georgia, 'Times New Roman', Times, serif; border-width: 0px; padding: 0px !important;"><strong>(The Social Network) USA 2010, Regie: David Fincher, Buch: Aaron Sorkin, nach der Buchvorlage von Ben Mezrich, mit Jesse Eisenberg, Andrew Garfield, Justin Timberlake, Brenda Song, Rashida Jones u. a., 121 min, Kinostart: 7. Oktober 2010 bei Sony Pictures</strong></p>
</div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://michaelbrake.de/2010/10/07/500-millionen-freunde/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>
