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	<title>Michael Brake &#187; Buch</title>
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		<title>Die Metaebene lacht herzlichst</title>
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		<pubDate>Wed, 14 May 2014 15:17:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Entzauberung des Künstlers bis hin zur Demütigung – das ist das Dauerthema in den extrem reduzierten Kunstbetriebssatiren des Comiczeichers Nicolas Mahler. (veröffentlicht auf zeit.de am 14. Mai 2014) In einer dieser typischen Mahler-Szenen sitzt er selbst, groß, hager, mit Brille und langer]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die Entzauberung des Künstlers bis hin zur Demütigung – das ist das Dauerthema in den extrem reduzierten Kunstbetriebssatiren des Comiczeichers Nicolas Mahler. <span id="more-1910"></span>(veröffentlicht auf <a href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2014-05/nicolas-mahler-portraet/komplettansicht" target="_blank">zeit.de</a> am 14. Mai 2014)</h3>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/05-01-comic-nicolas-mahler.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1926" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/05-01-comic-nicolas-mahler.jpg" alt="05-01-comic-nicolas-mahler" width="620" height="326" /></a></p>
<p>In einer dieser typischen Mahler-Szenen sitzt er selbst, groß, hager, mit Brille und langer Nase, während einer Buchmesse an einem verwaisten Signiertisch. Von rechts schlurft ein winziger alter Mann ins Bild, mit letzter Kraft lässt er sich auf den Stuhl vor Mahler fallen, atmet tief durch und fragt nach einigen Minuten: „Und was machen SIE hier?“</p>
<p>Die Entzauberung des Künstlers bis hin zur Demütigung – das ist ein Dauerthema in den autobiografischen Anekdotenbänden, von denen Nicolas Mahler gerade mit <em>Franz Kafkas nonstop Lachmaschine</em> seinen vierten veröffentlicht hat. Es sind kurze, oft sehr komische Geschichten aus den mittlerweile mehr als 25 Jahren, die Mahler, 1969 in Wien geboren und niemals weggezogen, als Comiczeichner tätig ist.</p>
<p>Da erzählt ihm dann die Frau im Hausflur, dass ihr zu Comics immer als erstes Kafka einfalle, „der hat immer recht liebe Figuren erfunden“, bis sich herausstellt, dass sie vom <em>Fix+Foxi</em>-Schöpfer Rolf Kauka spricht. Oder die Besitzerin der Videothek, in der Mahler einst jobbte, sagt: „Na dass es Comics gibt, weiß ich schon … aber dass die auch wer zeichnen muss, das hab ich mir nie überlegt.“</p>
<p>Als Kritik an der Ignoranz der Menschen will Mahler solche Dialoge nicht verstanden wissen. Den Blickwinkel von außen nutzt er vielmehr als Mittel der Selbstironie: Man beschäftigt sich die ganze Zeit mit Zeichnen und dann schauen sich das Leute an, deren Leben sich um ganz andere Dinge drehen. „Daran kann man gut zeigen, dass das, was man selber macht, eigentlich totaler Blödsinn ist“, sagt er. Es seien ja nur Bücher.</p>
<h6>Das Hohe und das Niedrige</h6>
<p>Mahler liebt es, das ganz Hohe aufs ganz Niedrige runterzuholen und umgekehrt. Vielleicht hat Picasso ja seine blaue Periode nur begonnen, weil blaue Farbe damals so billig war? „Die Gründe, warum etwas so gemacht wird, sind oft erstaunlich banal, und daraus kann man dann schöne Geschichten machen“, sagt Mahler und macht daraus dann schöne Geschichten.</p>
<p>Dafür hat er sich eine recht komplexe künstlerische Nische geschaffen. Denn zunächst einmal ist Mahler ein klassischer Witzezeichner, er produziert Cartoons, etwa für Auto- oder Medizinfachzeitungen, aber auch für die <em>Titanic</em>. Dann hat Mahler einige albenfüllende Geschichten gezeichnet, beispielsweise <em>Engelmann</em>, über den Abstieg eines erfolglosen Superhelden wider Willen, der von der Marketingabteilung seines übermächtigen Verlags zu immer neuen Imagewechseln und schließlich in den Tod getrieben wird.</p>
<p>Ferner gibt es eben die Anekdotenbände, von denen Mahler vor rund zehn Jahren den ersten, <em>Kunsttheorie versus Frau Goldgruber</em>, als Reaktion auf eine Schaffenskrise in nur anderthalb Monaten gezeichnet hat. Und schließlich hat er in den letzten Jahren bei Suhrkamp gleich mehrere Literaturumsetzungen vorgelegt, darunter eine von Robert Musils<em> Mann ohne Eigenschaften</em> und gleich zwei Thomas-Bernhard-Adaptionen. Sie alle sind ziemlich frei ausgelegt, bleiben aber wortgetreu am Originaltext – es wurde nur eben ganz viel rausgestrichen.</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/03-01-2-comic-nicolas-mahler.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1927" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/03-01-2-comic-nicolas-mahler.jpg" alt="03-01-2-comic-nicolas-mahler" width="620" height="326" /></a></p>
<p>Wer derart an den Rändern des Comicbetriebs irrlichtert, erweckt Unverständnis, und das gleich aus mehreren Richtungen. Von den klassischen Comicfans – „Der kann nicht zeichnen, das ist gewollt unverständlich, das ist verkopft“ lauten die Standardvorwürfe – und vom Kunst- und Literaturbetrieb sowieso. Mahler thematisiert das in <em>Kafkas nonstop Lachmaschine</em> in einer abstrusen Metageschichte, in der dann ein Germanist (man erkennt ihn an seinem mehrfach um den Hals gewundenen Schal) die Romanvorlage und die Comicadaption mit einem Lineal vermisst und zum Fazit „Literarischer Wert stark vermindert“ kommt, während ein gnomenhafter Vertreter des Kunstbetriebs verdutzt fragt „Achso … &#8216;Lesen&#8217; muss man es auch noch?“.</p>
<p>Auf der Metaebene fühlt sich Mahler wohl und so hat er auch eine Liste der zehn Standardfragen an Comiczeichner zusammengestellt, die er in diesem Jahr in einem Vortrag auf der Leipziger Buchmesse vorstellte: Zeichnen Sie absichtlich so schlecht? Wie lange brauchen Sie für eine Zeichnung? Können Sie davon leben? Woher nehmen Sie ihre Ideen? Solche Fragen.</p>
<p>Aber sind das deswegen auch dumme Fragen? „Naja, dumm kann man nicht sagen“, sagt Mahler, „Aber man kann es vielleicht umdrehen: Würde man einen Schriftsteller fragen, wie lange er für eine Seite braucht?“ Seine Antwort darauf ist dann jedenfalls gar nicht dumm: „Man kann sagen, die Zeichnung dauert 15 Minuten, man kann sagen, sie dauert 25 Jahre. So lange habe ich gebraucht,  bis ich das in 15 Minuten zeichnen kann.“</p>
<h6>Wie in so einem modernen Theaterstück</h6>
<p>Mahlers Stil ist extrem reduziert, absichtlich. Es hatte ihn immer genervt, dass das Zeichnen so mühsam ist und so lange dauert, und so hat er einen Stil entwickelt, der ihm leicht fällt und mit dem er trotzdem alle seine Gedanken möglichst ohne Umwege zu Papier bringen kann. So zeichnet er mit wenigen Strichen abstrakte Gestalten, sie stehen in einem weißen Nichts, das nur mit den nötigsten Requisiten ausgestattet ist. Wie in so einem modernen Theaterstück, und das passt, denn Thomas Bernhards <em>Der Weltverbesserer</em>, dessen Adaption im Januar erschienen ist, ist ja auch eins. Dass allein schon das Vorhaben, ein Theaterstück zu zeichnen, etwas Absurdes hat, weil es eigentlich für Schauspieler ist, gefällt dem Zeichner: „Das reizt mich dann, dass man das eigentlich nicht macht. Und wenn es schon sinnlos ist, dann muss es für mich eben besonders sinnlos sein.“</p>
<p>Und lustig. Denn lustig sind Mahlers Sachen immer, auch die Literaturumsetzungen. „Nur ernst zu sein, ist mir zu wenig, weil ernst schonmal alles ist“, sagt Mahler, der auch sich selbst als ernsten Menschen bezeichnet: „Es ist wahrscheinlich so, dass ich in der Arbeit diese Leichtigkeit anstrebe, weil mir das Leben nicht leicht fällt.“</p>
<p><a href="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/9783943143935-333x500.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1920" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/9783943143935-333x500.jpg" alt="9783943143935-333x500" width="310" height="465" /></a>Mahler ist ein großartiger Dokumentar der Abseitigkeiten des Alltags, sein Humor funktioniert so gut, weil er so präzise ist. Beim Timing, der Nuancierung des Vergehens der Zeit, die ja immer eine der wichtigsten Entscheidungen beim Comicmachen ist. Und darin, wo in einer Serie von fast gleich aussehenden Bildern, gesprochen und wo geschwiegen wird, und wie sich der gesprochene Text verteilt. „Für mich macht es auch einen Unterschied, ob ein Satz dreireihig geschrieben ist oder in einer langen Textwurst“, sagt Mahler. Man macht sich ja keine Vorstellung, was sich allein durch Typografie alles ausdrücken lässt: Mahler nutzt Versalien, Unterstreichungen, größere Schrift, dickere Schrift, Schreibschrift oder Kombinationen aus alldem. „Dadurch hab ich als Zeichner die Möglichkeit, die Sätze so zu formen, wie ich sie empfinde. So wie es ein Schauspieler auch macht.“</p>
<p>Was dann, wenn eine dieser Mahler-Figuren über Musils <em>Mann ohne Eigenschaften</em> spricht, so aussieht: „Das war in der Studienzeit ein SEHR, SEHR wichtiges Buch für mich.“ Neues Panel. „Der Mann ohne Eigenschaften besteht ja aus ZWEI Bänden.“ Neues Panel. „Und das Geniale daran ist, dass beide Bände GENAU GLEICH DICK SIND!“ Neue Seite. „Da hat man super die PLAYSTATION draufstellen können.“</p>
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		<title>Karton auf dem Kopf</title>
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		<pubDate>Wed, 17 Apr 2013 00:51:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[BERLINER SZENE über eine Bücherlieferung nach Leipzig (aus der taz vom 17. April 2013) Vor einigen Wochen transportierte ich einen kleinen Pappkarton nach Hause, auf dem Fahrrad. Und als ich zu Hause ankam und das Rad im Hof abschließen wollte,]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>BERLINER SZENE über eine Bücherlieferung nach Leipzig <span id="more-1700"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Berliner-Szenen/!114668/" target="_blank">taz</a> vom 17. April 2013)</h3>
<p>Vor einigen Wochen transportierte ich einen kleinen Pappkarton nach Hause, auf dem Fahrrad. Und als ich zu Hause ankam und das Rad im Hof abschließen wollte, hatte ich ein Problem, weil ich den Karton nicht auf den Boden stellen konnte, denn es lag Schnee, und er, also der Karton, nicht der Boden, ist ja aus Pappe und weicht dann durch.</p>
<p>Also setzte ich den Karton kurzerhand auf den Kopf, und während ich so abschloss, sah ich aus dem Augenwinkel, dass jemand aus dem Hinterhaus, wo ich auch wohne, kam und wort- und grußlos an mir vorbeilief. &#8220;Voll peinlich! Mich hier mit so einem Pappkarton auf dem Kopf zu erwischen&#8221;, dachte ich erst, war beim zweiten Nachdenken dann aber beruhigt. Er &#8211; oder sie &#8211; hatte mich vermutlich gar nicht erkannt. Denn zum Glück hatte ich einen Karton auf dem Kopf!</p>
<p>Den Karton hatte ich dabei, um Bücher zu verschicken, an Momox. Das ist ein Internetdienst, der alten Kram billig ankauft, eine Art Riesenantiquariat 2.0. Den gefüllten und verklebten Karton musste ich noch in einen Hermes-Paketshop bringen. Ich machte das auf dem Weg zum Bahnhof, von wo ich nach Leipzig zur Buchmesse fuhr. Ich fand den Paketshop erst nicht, und es war ein ziemliches Gehetze, aber irgendwie ging alles gut.</p>
<p>Am nächsten Tag musste ich feststellen, dass das Momox-Logistikquartier nicht nur ebenfalls in Leipzig liegt, sondern tatsächlich in einer riesigen Halle in direkter Nachbarschaft zum Messegelände. Ich hätte mir den Stress mit dem Hermes-Paketshop auch sparen können!</p>
<p>Später stellte ich mir vor, dass die Verlage nach der Buchmesse ihre abgegrabbelten Messeauslagen gar nicht mehr mit nach Hause nehmen, sondern einfach direkt rüber in die Momox-Halle karren und sich Centbeträge auszahlen lassen. Cut out the Middlemen! So wird die Buchbranche sicherlich noch ein, zwei Gnadenjahre länger überleben.</p>
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		<title>Die besten GEHEIMTIPPS aus dem Internet</title>
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		<pubDate>Fri, 09 Nov 2012 20:15:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Ein Buch, das aus einer ausgedruckten Liste von Internetadressen besteht? Gibt es! Und angeblich ist es sogar die bessere Alternative zu Google. Klar. (aus der taz vom 9. November 2012) Endlich Herbst. Endlich wieder Laub, Kürbisse,]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>KOLUMNE NULLEN UND EINSEN Ein Buch, das aus einer ausgedruckten Liste von Internetadressen besteht? Gibt es! Und angeblich ist es sogar die bessere Alternative zu Google. Klar. <span id="more-1175"></span>(aus der <a href="http://taz.de/Kolumne-Nullen-und-Einsen/!105218/">taz</a> vom 9. November 2012)</h3>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-1177" title="webadressbuch" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/webadressbuch.jpg" alt="" width="200" height="287" />Endlich Herbst. Endlich wieder Laub, Kürbisse, Champions League. Und endlich wird in den Buchläden die neue Auflage des „Web-Adressbuchs für Deutschland“ verkauft, die 16. inzwischen, „Mit den besten GEHEIMTIPPS aus dem Internet“. Das Buch ist eine Emulation der späten Neunziger: Die Titelschrift mit Schatteneffekt, der Umschlaghintergrund mit Farbverlauf und Clipart-Fernglas, im Editorial wird „viel Spaß beim Surfen auf der Datenautobahn“ gewünscht – eigentlich fehlt nur noch eine beigelegte CD-ROM mit 50 Gratisstunden AOL.</p>
<p>Ja, Sie haben das richtig verstanden: Es handelt sich wirklich um eine ausgedruckte Liste von Internetadressen. „Die Redaktion testet, bewertet und vergleicht jedes Jahr aufs Neue alle (!) Web-Seiten“, verspricht der Herausgeber. Alle! Wie viele es wohl gerade gibt? Die „6.000 wichtigsten“ finden sich jedenfalls sortiert in Rubriken, mit Dreizeiler, URL und Register. Das Buch soll die bessere Alternative zu Google sein, denn endlich sparen wir uns „das ewige Herumsurfen und Durcharbeiten der Trefferlisten in Suchmaschinen“. Ohne Suchfunktion. Klar.</p>
<p>Nun ist gegen kuratiertes Internet erst mal nichts einzuwenden, und beim ersten Durchblättern scheinen die meisten Themen sinnvoll abgedeckt, sogar <a href="http://www.abgeordnetenwatch.de/" shape="rect" target="_blank">Abgeordetenwatch</a>, <a href="http://www.crackajack.de/" shape="rect" target="_blank">Nerdcore</a> und <a href="http://www.mundraub.org/" shape="rect" target="_blank">Mundraub</a> sind dabei. Aber, hey: Ist ja eigentlich auch nicht so schwer. Die Redaktion hatte schließlich auch <a href="http://www.google.de/" shape="rect" target="_blank">Google</a> (Seite 456: „Google findet schnell und zuverlässig relevante Web-Seiten, Bilder und Nachrichten mit der preisgekrönten Stichwortsuche“) und jede dritte Adresse ist einfach der Suchbegriff mit einem .de oder .org dahinter.</p>
<p>An der bescheuerten Aufgabe, die 6.000 wichtigsten Adressen auszusuchen, scheitert das Buch natürlich. Vimeo und Soundcloud fehlen, dafür gibt es eine Seite mit „Infos aller Art zum Amiga-Betriebssystem“. Celle hat gleich drei Einträge, Indonesien keinen einzigen, und wenn es noch irgendeinen Zweifel daran gibt, dass die Macher keinen Bezug zum Internet haben: Zwölf Hundeseiten sind gelistet, aber nur drei Katzenseiten. Nach welchen „Kriterien“ es die Webshops für Zäune, Perücken, Zimmerbrunnen usw. ins Buch geschafft haben, möchte man auch lieber nicht wissen (eine „Farbige Screenshot-Abbildung Ihrer Web-Seite inkl. Premium-Texteintrag“ <a href="http://www.web-adressbuch.de/aufnahme_antrag/default.aspx?schritt=1" shape="rect" target="_blank">kostet 599 Euro</a>, nur mal nebenbei).</p>
<p>Trotzdem gibt es eine Zielgruppe: Menschen, die Angst vorm Internet haben, aber zu jung sind, um „damit jetzt gar nicht mehr anzufangen“. Die ihren Kindern jeden Artikel zum Thema Cyber-Kriminalität aus der Lokalzeitung ausschneiden. Und die Google-Treffer nicht von Google-Kleinanzeigen unterscheiden können. Für sie wurde alles auf eine potemkinsch anmutende Seriosität gebügelt: Der Herausgeber trägt stolz ein „Dipl.-Pol.“ und gleich vorne werden jede Menge Safer-Surfing-Gütesiegel vorgestellt, darunter das vom Web-Adressbuch-Verlag selbst erfundene Jodeldiplom „Zertifizierte Web-Seite“ (auch hier kostet der Mitgliedsbeitrag 599 Euro im Jahr).</p>
<p>Auch aufgeführt ist natürlich die Eigenseite <a href="http://www.web-adressbuch.de/" shape="rect" target="_blank">www.web-adressbuch.de</a>. Eine Website, die ein Buch vorstellt, in dem Internetadressen stehen, die aber auf der Seite nicht zu finden sind – irgendwas ist mit der Zukunft in den vergangenen Jahren ziemlich schiefgelaufen.</p>
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		<title>Der Nerd mit dem Röntgenblick</title>
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		<pubDate>Tue, 16 Oct 2012 00:13:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Lektionen in Goldfarming: Im dicht recherchierten Actionthriller „Error“ analysiert Neal Stephenson virtuos die Mechanismen der digitalen Welt. (aus der taz vom 16. Oktober 2012) Die letzten 100 Seiten herrscht Krieg. Ein kleinteiliger, zermürbender Stellungskrieg im schroffen Grenzgebirge zwischen British Columbia]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Lektionen in Goldfarming: Im dicht recherchierten Actionthriller „Error“ analysiert Neal Stephenson virtuos die Mechanismen der digitalen Welt. <span id="more-1087"></span>(aus der <a href="http://www.taz.de/Neal-Stephensons-Buch-Error/!103662/" target="_blank">taz</a> vom 16. Oktober 2012)</h3>
<p><img class="alignright size-full wp-image-1089" title="Stephenson_NError_hoch" alt="" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/Stephenson_NError_hoch.jpeg" width="310" height="471" />Die letzten 100 Seiten herrscht Krieg. Ein kleinteiliger, zermürbender Stellungskrieg im schroffen Grenzgebirge zwischen British Columbia und Idaho, mit gerade einmal rund zwanzig Beteiligten. Dschihadisten, christlich-fundamentalistische US-Hinterwäldler, Geheimdienstmitarbeiter und mehrere durch eine Verkettung von Zufällen in diesen Schlamassel geratene Personen, darunter ein ungarischer Programmierer und eine chinesische Teeverkäuferin, kämpfen in dieser Schlacht, die mit überwältigender Präzision beschrieben wird, wie so vieles in diesem Buch.</p>
<p>Die Ursache für das blutige Finale von Neal Stephensons „Error“ ist ein Phänomen, das sich Goldfarming nennt – und das es wirklich gibt. Es ist eines dieser vielen irren Geschäftsmodelle, die nur die evolutionäre, alle Nischen ausnutzende Energie des Kapitalismus hervorbringen kann: In Multiplayer-Online-Games, das bekannteste davon ist „World of Warcraft“, erspielen sich Menschen – zu bedeutenden Teilen asiatische Teenager – in Akkordarbeit Gold und Gegenstände, um das alles dann in der echten Welt für echtes Geld zu verkaufen. Fünf Dollar für eine seltene Axt sind für Gamer in den USA, die in ihrer knappen Zeit ihren Spielspaß optimieren wollen, ein Taschengeld. Für einen Chinesen sind sie ein Tageslohn.</p>
<p>Heute soll sich das jährliche Goldfarming-Marktvolumen im dreistelligen Millionenbereich bewegen. Die Spielehersteller dulden das Phänomen allenfalls als Nebeneffekt, die chinesische Regierung wollte es schon 2009 unterbinden. Schlagzeilen, laut denen chinesische Häftlinge von ihren Wärtern zum Goldfarmen gezwungen wurden, sind sicher mit dafür verantwortlich. In den USA verbot eBay 2007 den Verkauf von World-of-Warcraft-Gütern.</p>
<p>Definitiv ein Thema für ein Buch. Bereits vor zwei Jahren legte Cory Doctorow, Autor, Digital-Rights-Aktivist und in den USA populärer Blogger bei <a href="http://boingboing.net/" target="_blank" shape="rect">boingboing.net</a>, seinen Jugendroman „For the Win“ vor. Darin beschreibt er, wie sich ausgebeutete Goldfarmer gegen ihre Bosse erheben, eine Gewerkschaft gründen und gleichzeitig die Spielefirmen reinlegen. „For the Win“ ist rasant geschrieben, mit vielen klugen Einblicken in ökonomische Zusammenhänge, leidet aber unter etwas zu viel Pathos und deutlich zu wenig sprachlicher Finesse.</p>
<p>Da spielt „Error“, das am Dienstag auf Deutsch erscheint, schon einige Gewichtsklassen höher. Autor Neal Stephenson wurde Anfang der neunziger Jahre dank „Snow Crash“ und „Diamond Age“ zu einem der wichtigsten Vertreter des Cyberpunks, jenem düsteren, antiutopischen Subgenre der Science-Fiction, das vor rund einem Vierteljahrhundert seine kurze Blütezeit hatte und beispielsweise William Gibsons Roman „Neuromancer“ und Ridley Scotts Film „Blade Runner“ hervorbrachte.</p>
<p>In „Snow Crash“ skizzierte Stephenson mit dem Multiversum eine 3-D-basierte Online-Community und griff dem 15 Jahre später gehypten Second Life vor – auch die Verwendung von „Avatar“ für das Online-Selbst geht auf das Buch zurück. Neben einer actionreichen Story um einen Pizzalieferanten/Schwertkämpfer steigt Stephenson hier tief in Linguistik, Meme-Theorie und sumerische Mythologie ein.</p>
<h6>Turing-Maschinen und Nanotechnologie</h6>
<p>„Diamond Age“ handelt von einer interaktiven Kinderfibel, aber auch von Turing-Maschinen, Nanotechnologie, Materie-Compilern und der Macht der Informationsfreiheit. In beiden Büchern wird überdies eine anarchokapitalistische Gesellschaftsform beschrieben, in der Staaten nicht mehr aus zusammenhängenden Territorien bestehen, sondern aus vielen winzigen, über den ganzen Erdball versprengten Einzelteilen.</p>
<p>Eine derart visionäre Kraft hat „Error“ bei weitem nicht, ist nicht einmal Science-Fiction im klassischen Sinne, sondern spielt in einem alternativen Jetzt. Dort beginnt das Buch mit einer wuchtigen Ouvertüre, einer Schießübung am Rande einer Thanksgiving-Familienfeier im ländlichen Iowa, bei der mit Richard und Zula Forthrast die beiden wichtigsten der diversen Hauptfiguren eingeführt werden.</p>
<p>Richard, Endfünfziger, hochintelligenter Einzelgänger und Entrepreneur, ist das schwarze Schaf des Forthrast-Clans. In den Siebzigern floh er vor seiner Armeeeinberufung nach Kanada und wurde durch Haschischschmuggel reich, inzwischen besitzt er ein Schloss mit angeschlossenem Skiresort und hat mit T’Rain eines der erfolgreichsten Online-Rollenspiele überhaupt erfunden – ein Spiel, in dem der Nebeneffekt des Goldfarmings zum Hauptprinzip gemacht wird.</p>
<p>Zula, Richards Nichte, wurde als eritreisches Flüchtlingskind vom Forthrast-Clan adoptiert und kommt nach der Familienfeier bei T’Rain als Programmiererin unter. Sie ist ein stolzer und in vielerlei Hinsicht starker Frauencharakter – nicht der einzige in diesem Buch und in Stephensons Romanen überhaupt.</p>
<h6>Decodierung gegen Cash</h6>
<p>Auslösendes Element für rund tausend Seiten Spannung ist nun ein Computervirus – „Reamde“, so lautet übrigens auch der englische Originaltitel des Buches. Reamde hackt sich via T’Rain in die Rechner der Spieler ein und verschlüsselt dort Dateien. Das Lösegeld für eine Decodierung, T’Rain-Gold im Wert von 73 Dollar, muss persönlich im Spiel hinterlegt werden.</p>
<p>In der T’Rain-Welt hat das zur Folge, dass auf einmal Zehntausende Spieler in ein eigentlich unscheinbares, von einer Gruppe Chinesen kontrolliertes Gebirge aufbrechen. Natürlich kommen bald auch Räuber dorthin, die den Spielern das Lösegeld vorher abnehmen wollen, und Söldner, die den Spielern wiederum anbieten, sie vor den Räubern zu schützen, und im ganzen Durcheinander bekommt ein ohnehin tobender Koalitionskrieg in T’Rain eine neue Wendung.</p>
<p>In der echten Welt gelangt das Virus derweil auf den Rechner eines russischen Mafioso. Der schwört, die Verursacher zu töten, und setzt so eine Kettenreaktion in Gang, die neben Zula und Richard noch rund ein Dutzend weiterer Haupt- und Nebencharaktere bis zur letzten Seite in Atem hält. Nicht alle werden überleben.</p>
<p>In seinem Wesen ist „Error“ also ein Actionthriller, doch Stephensons weitschweifende Nebengedanken geben dem Buch Tiefe. Neben den Hintergrundgeschichten seiner Protagonisten beschreibt er auch die Firmenpolitik von T’Rain äußerst detailliert und durchaus amüsant. So wird ein junger Autist mit Programmier- und Geologie-Kenntnissen ausfindig gemacht, der in der Lage ist, „echte“ Berge zu programmieren – also nicht Designerberge, bei denen unter einer dünnen Pixeltextur nichts mehr ist, sondern das Ergebnis einer Simulation von mehreren Milliarden Jahren Plattentektonik, vulkanischer Aktivität und Wetter. Und als zwei Fantasyautoren angestellt werden, um die noch leere Welt mit einer Geschichte zu füllen, zerstreiten sie sich schon beim ersten Treffen: Mehrere Seiten lang belehrt der Oxford-Professor den amerikanischen Pulp-Literaten über die korrekte Verwendung von Apostrophen in der fiktiven Sprache T’Rains.</p>
<h6>Rechercheintensives Detailreichtum</h6>
<p>Dieser rechercheintensive Detailreichtum ist typisch für den 52-jährigen Stephenson, der eine Art Universalgelehrter ist. Sein Vater war Professor der Elektrotechnik und seine Mutter Biochemikerin, er selbst studierte Physik und Geografie. In seinem über 3.000 Seiten starken „Barock-Zyklus“ thematisierte Stephenson die Entstehung der Wissenschaften und des heutigen Geldverkehrssystems im ausgehenden 17. Jahrhundert, in „Cryptonomicon“ widmete er sich den Kryptologiesystemen im Zweiten Weltkrieg. Für dieses Buch wurde eigens ein Verschlüsselungsalgorithmus entwickelt.</p>
<p>Heute arbeitet Stephenson unter anderem als Wissenschaftsjournalist und beschäftigt sich in seinem Project Hieroglyph damit, wie Forscher und Science-Fiction-Autoren gemeinsam eine stärkere visionäre Kraft entwickeln können.</p>
<p>In „Error“ geht es daher nie nur darum, wie die Dinge sind, sondern vor allem, wie sie funktionieren, seien es internationale Flugrouten, Farbschemata oder Schusswaffen, auch in die zahlreichen Actionsequenzen und Verfolgungsjagden wird immer noch eine zweite, analysierende Ebene eingezogen. Dieser Drang, immer die den Dingen zugrunde liegenden Mechanismen abzubilden, macht „Error“ so stark. Das – und die ambivalenten Charaktere, der wendungsreiche Plot und die Sprachmacht Stephensons.</p>
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<p><strong>Neal Stephenson: „Error“</strong><strong>. Aus dem Englischen übersetzt von Juliane Gräbener-Müller, Nikolaus Stingl</strong><strong> Manhattan Verlag, 1.024 Seiten, 24,99 Euro</strong></p>
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		<title>Den Datendrachen reiten</title>
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		<pubDate>Sat, 14 Jan 2012 00:46:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Bedeutet der Verlust der Privatsphäre mehr staatliche Kontrolle? Nicht verteidigen, sondern strategisch nach vorne agieren, ist das Credo von Christian Hellers Sachbuch &#8220;Post-Privacy&#8221;. (aus der taz vom 14. Januar) Vergesst die Finanzhaie, die Baulöwen, die Heuschrecken! Der Horrorzoo des Turbokapitalismus]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Bedeutet der Verlust der Privatsphäre mehr staatliche Kontrolle? Nicht verteidigen, sondern strategisch nach vorne agieren, ist das Credo von Christian Hellers Sachbuch &#8220;Post-Privacy&#8221;. <span id="more-760"></span>(aus der <a href="https://www.taz.de/Sachbuch-ueber-Post-Privacy/!85627/" target="_blank">taz</a> vom 14. Januar)</h3>
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<p><img class="alignleft size-full wp-image-761" title="PostPrivacy_Cover" alt="" src="http://michaelbrake.de/wp-content/uploads/PostPrivacy_Cover.jpg" width="200" height="318" />Vergesst die Finanzhaie, die Baulöwen, die Heuschrecken! Der Horrorzoo des Turbokapitalismus hat im Internetzeitalter ein neues Monster geboren: den Datenkraken. Überall saugen die Googles dieser Welt unsere Lebensinformationen auf, werden immer reicher und mächtiger – und nur ein paar wackere deutsche Datenschutzbeauftragte können sie noch stoppen und unsere heilige Privatsphäre retten.</p>
<p>So ist, etwas vereinfacht, der aktuelle Debattenstand zum Datenschutz. Dass es auch andere Interpretationen gibt, zeigt die noch junge &#8220;Post-Privacy&#8221;-Bewegung, die sich unter anderem in der &#8220;Datenschutzkritischen Spackeria&#8221; organisiert und im Frühjahr 2011 eine erste Runde Medienaufmerksamkeit erhielt. Einer von ihnen, der 26-jährige Christian Heller, hat nun ihre Grundthesen aufgeschrieben.</p>
<p>Sein schlicht &#8220;Post-Privacy&#8221; betiteltes Buch beginnt mit einer Bestandsaufnahme. Die &#8220;Verdatung&#8221; der Welt ist tatsächlich nicht zu stoppen: Was wir einmal in die gigantische Speicher- und Reproduktionsmaschine Internet geben, kommt da nie wieder raus. Und weil digitale und nichtdigitale Lebensbereiche immer mehr verschmelzen, Computer zudem immer intelligenter Datenmassen durchpflügen und Leerstellen selbst ausfüllen, hilft nicht mal die Verweigerung.</p>
<p>Anstatt nun Abwehrschlachten gegen das Unvermeidliche zu führen, sollten wir deshalb lieber lernen, als mündige User den Übergang in eine transparente Gesellschaft zu schaffen, wobei der Transparenzanspruch dann auch und gerade für die staatlichen Institutionen gelten muss. Heller postuliert das Ideal der entfesselten, der frei flottierenden Daten, aus deren Schatz sich Menschheit und Wissenschaft bedienen können sollen.</p>
<p>Dem stellt er die von einer besonderen Angst getriebene deutsche Schule der Datenschutzpolitik gegenüber, die lieber &#8220;den Datendrachen tötet, anstatt auf ihm zu reiten&#8221;. Wobei auch deutsche Datenschützer zahm bleiben, wenn der Staat ein Bedürfnis hat, selbst Daten zu sammeln.</p>
<h6>Datenschutz geht nur mit Überwachung</h6>
<p>Möglich wäre allumfassender Datenschutz ohnehin nur, würde man konsequent alle Datenströme im Netz nachverfolgen und überwachen, damit auch ja nichts in falsche Hände gerät. Für Heller ist Datenschutz somit immer auch Unterdrückung und Drosselung des freien, anarchischen Datenflusses  – und steht Seite an Seite etwa mit der Rechteverwertungsbranche und ihrem Kampf gegen Filesharer und Raubkopierer.</p>
<p>Zugleich zeigt Heller auf, dass Privatsphäre erstens kein Wert an sich ist und zweitens keineswegs immer da war. In der Antike galt der öffentliche Raum als höchstes Gut. Das Verb &#8220;privare&#8221; ist eher negativ konnotiert, es bedeutet &#8220;berauben&#8221;. Und erst in den letzten Jahrhunderten fanden die Menschen aus der großen Wohn-, Ess- und Schlafstube in separat zugängliche Privatgemächer.</p>
<p>Wobei dieses Mehr an Privatsphäre nicht nur ein Segen war. Im Bürgertum stärkte der von der staatlichen Machtausübung abgekoppelte private Raum patriarchale Strukturen. Für die Arbeiterschaft bauten Industrielle schicke Sozialwohnungen nicht nur aus Menschlichkeit, sondern um die konspirative Verbrüderung in Massenbehausungen zu unterbinden.</p>
<p>Die größte Stärke Hellers ist, dass er Neues nicht per se als Bedrohung sieht. Zentrale Begriffe wie das Private, Daten, Macht, Wissen definiert er erst, um sie dann, befreit vom semantischen Ballast der aktuellen Debatte, in seiner Argumentation zu nutzen. Dabei sind nicht alle seine Thesen und Beispiele unbedingt einleuchtend. Einige Annahmen zum Segen einer transparenten Gesellschaft, in der sich alle notfalls gegenseitig kontrollieren können, erscheinen, wie er selbst zugibt, utopisch-naiv.</p>
<p>Dennoch leistet &#8220;Post-Privacy&#8221; in der zunehmend hysterischen Datenkraken-Diskussion einen wichtigen Beitrag: indem es einfach mal ein paar Begriffe klarzieht und zeigt, dass die Datenentfesselung nicht immer nur als Gefahr, sondern auch als Chance begreifbar ist.</p>
<div>
<p><strong>Christian Heller: &#8220;Post-Privacy. Prima leben ohne Privatsphäre&#8221;. C.H. Beck, München 2011, 174 Seiten, 12,95 Euro</strong></p>
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		<title>Aufstand der Goldfarmer</title>
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		<pubDate>Fri, 13 Jan 2012 12:05:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Brake</dc:creator>
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		<description><![CDATA[In Multiplayer-Onlinespielen ist längst eine Parallelökonomie entstanden: Jugendliche aus Asien erkämpfen Gold und Gegenstände. In Cory Doctorows Sci-Fi-Roman &#8220;For the Win&#8221; treten sie in den Streik. (veröffentlicht auf fluter.de) Im Mai 2011 packte ein ehemaliger Häftling des chinesischen Arbeitslagers Jixi aus.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><strong>In Multiplayer-Onlinespielen ist längst eine Parallelökonomie entstanden: Jugendliche aus Asien erkämpfen Gold und Gegenstände. In Cory Doctorows Sci-Fi-Roman &#8220;For the Win&#8221; treten sie in den Streik.<span id="more-166"></span> (veröffentlicht auf <a href="http://www.fluter.de/de/waehrung/buecher/10089/" target="_blank">fluter.de</a>)</strong></h3>
<p><img class="size-full wp-image-453 alignleft" title="doctorow_heyne_g" src="http://michaelbrake.de/blog/wp-content/uploads/doctorow_heyne_g1.jpg" alt="" width="200" height="319" />Im Mai 2011 packte ein ehemaliger Häftling des chinesischen Arbeitslagers Jixi aus. Die Nachricht ging um die Welt: Er und sein Mitgefangenen waren gezwungen worden, im Multiplayer-Online-Rollenspiel &#8220;World of Warcraft&#8221; in Zwölfstundenschichten Gegenstände und Gold zu erkämpfen. Mit dem Beutegut besserten sich dann die Wärter ihr Gehalt auf. Es war kein Einzelfall.</p>
<p>Goldfarming heißt das Phänomen. Virtuelle Güter, etwa ein besonders mächtiges Schwert, werden von meist asiatischen Gamern erspielt und an wohlhabende US-Amerikaner und Europäer veräußert, die selber wenig Zeit haben, aber schnell ein hohes Level erreichen wollen. Obwohl die Spiele-Hersteller versuchen, solche Geschäfte zu unterdrücken, kann das eingenommene Spielgold über dubiose Kanäle in echtes Geld umgetauscht werden.</p>
<p>Mehrere tausend dieser &#8220;Goldfarmen&#8221; mit miesen Arbeitsbedingungen soll es allein in China geben. Das gesamte Bruttosozialprodukt dieser virtuellen Welten übersteigt längst das mancher realer Staaten.</p>
<p>Eine gute Vorlage für Science-Fiction-Autoren: Neal Stephenson (&#8220;Diamond Age&#8221;, &#8220;Snow Crash&#8221;) hat mit &#8220;Reamde&#8221; jüngst einen Roman vorgelegt, der Goldfarming zum Thema hat. Ebenso Cory Doctorow mit seinem Jugendroman &#8220;For the Win&#8221;, der gerade auf Deutsch erschienen und eher gesellschaftliche als wissenschaftliche Fiktion ist. Doctorow, der als Teil von <a href="http://boingboing.net/" target="_blank">boingboing.net</a> in den USA auch ein äußerst populärer Blogger ist und als Digital-Rights-Aktivist für eine Liberalisierung des Urheberrechts kämpft, bietet die englische Fassung von &#8220;For the Win&#8221;, wie alle seine Bücher, auch kostenlos zum Download an – unter einer Creative-Commons-Lizenz, die eine Verbreitung unter bestimmten Bedingungen erlaubt und fördert.</p>
<h6>Schlägertruppen jagen Goldfarmer</h6>
<p>In &#8220;For the Win&#8221; beschreibt er eine sehr nahe Zukunft, in der die Bedeutung von Massen-Onlinespielen noch größer ist als heute. Zu den zahlreichen Figuren in seinem Roman zählen die Goldfarmer Matthew und Lu aus dem chinesischen Shenzhen, die sich von ihrem Boss Mr. Wing abgekoppelt haben, um ihr eigenes Business zu gründen, und nun von Schlägertruppen verfolgt werden. Außerdem sind da die indischen Teenager Yasmin und Mala, fast unschlagbar in digitalen Kriegsspielen, die von einem Fremden angeheuert werden, um andere Goldfarmer aufzumischen – quasi als Fußvolk in einem virtuellen Mafiakrieg.</p>
<p>Da ist Wei-Dong, ein reiches kalifornisches High-School-Kid, der von zu Hause abhaut, um mit seinen chinesischen Gamer-Freunden zocken zu können. Und da ist Connor Prikkel, ein versifftes Wirtschaftsgenie, der es als &#8220;Chief Economist&#8221; in die Firmenzentrale von Coca-Cola Games geschafft hat und sich dort um die wirtschaftliche Seite der Computerspiele kümmert.</p>
<p>Im Zentrum der weit aufgefächerten Geschichte steht die Gründung einer Gamer-Gewerkschaft, die Schwester Nor, eine Aktivistin aus Malaysia, vorantreibt. Diese Gewerkschaft soll Schluss machen mit den unwürdigen Arbeitsbedingungen, und sie soll die Spieler, die verstreut in allen Teilen der Welt leben, vereinen. Doch was als idealistisches und leicht naives Aufbäumen der Unterdrückten beginnt, wird spätestens dann bitterer Ernst, als böse Unterweltbosse und die chinesische Polizei das Leben der Online-Gewerkschafter bedrohen – ihr echtes Leben, nicht das ihrer Avatare.</p>
<h6>Angestrengt-blumiger Pathos</h6>
<p>Gerechtigkeit, Moral, der Kampf um Unabhängigkeit von Elternhaus und Bossen: Das sind große emotionale Themen. Und das ist auch zugleich das größte Problem dieses Buches. Denn Doctorow schildert die Gefühlswelten seiner Protagonisten ausführlich und oft mit einem angestrengt-blumigen Pathos.</p>
<p>In schwachen Abschnitten klingt jeder vierte Satz etwa so: &#8220;Ashok schaute verwundet auf Malas grimmiges Gesicht, sie war einen Kopf kleiner als er, aber manchmal kam sie ihm wie ein Riese vor.&#8221; Auch wird ständig &#8220;befreit&#8221; gelacht, und immer wieder wissen die Figuren, dass sie &#8220;diesen Kampf einfach nicht verlieren können&#8221;. Ein bisschen mehr ballastbefreiendes Lektorat hätte dem 600-Seiten-Buch gut getan.</p>
<p>Abgesehen von diesen stilistischen Schwächen verknüpft Doctorow jedoch fundiertes und gut erklärtes Hintergrundwissen mit einer ordentlichen Story und trifft dabei tatsächlich den Nerv der Zeit. Goldfarming und andere Verwebungen von virtuellen und &#8220;realen&#8221; Welten und Ökonomien werden unser kommendes Leben prägen. Auch der Fokus auf Asien passt. Die Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichten des 21. Jahrhunderts werden nicht mehr in den USA erzählt, sondern in den Fabrikstädten, Slums und Sonderwirtschaftszonen von China, Indien und den Tigerstaaten.</p>
<p><strong>Cory Doctorow: For the Win (Heyne 2011, 640 S., 16.99 €)</strong></p>
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